Ein vorschneller Abschied…
Noch immer sehe ich vor meinem inneren Auge, wie Sebastian im Halbdunkel des späten Büros auf Johanna blickte, wie sie sich ihre elegante Jacke überwarf und den Heimweg antrat. So viele Abende waren sie nach der Arbeit in vertrauten Gesprächen versunken, wenn das Großraumbüro fast schon verlassen war, und eine seltsame Schwermut lag über ihm, wenn sie sich verabschiedete.
Die ganze Woche blieb Johanna Berger, die charmante neue Kollegin aus der Buchhaltung, ungewöhnlich lange im Büro. Sebastian nutzte diese Abende, auch weil er den Gedanken scheute, nach Hause zu gehen. Was erwartete ihn zu Hause in Frankfurt? Seine Tochter Malwine durchlebte eine stürmische Pubertät, war launisch, verletzlich und brachte mit ihren Wutausbrüchen das Haus oft zum Beben.
Auch das Verhältnis zu seiner Frau Katharina war nicht von besonderer Wärme geprägt. Seit einiger Zeit war sie ständig angespannt, hetzte nach Feierabend nur in die Küche, schnitt Salat, briet Fleisch, spülte hektisch Geschirr Sebastian wagte nicht einmal, einen Kommentar zu machen. Kritik oder auch nur eine kleine Bemerkung verwandelte sie in eine gereizte Furie. Mit hochgezogener Braue genügte ein giftiger Blick, um den Mann sofort verstummen zu lassen. Forderte er Sauberkeit ein, war das fast ein Todesurteil.
Mutter und Tochter gerieten immer wieder aneinander, zischten wie zwei Katzen. Versuchte Sebastian zu schlichten, wurde er zwischen ihnen fast zerrieben.
Eine explosive Frau ist auch was Schönes, hatte sein Freund Martin, ein lebensnaher Rheinländer, kürzlich lachend gemeint, als Sebastian ihm von den Spannungen zu Hause erzählte. So wird einem wenigstens nachts nicht langweilig!
Dafür gibt’s bei uns gar nichts mehr. Für Streit und Hektik reichts, aber wenns um Zweisamkeit geht, schläft sie sofort ein, murmelte Sebastian und schüttelte den Kopf.
Dann weck sie halt!, grinste Martin. Du weißt doch, bei Frauen reicht manchmal schon ein bisschen Zuneigung und alles kommt ins Rollen.
Sebastian jedoch fühlte sich Katharina gegenüber seltsam entfremdet. Seit dem Jobwechsel hatte sie sich verändert, war plötzlich mürrisch und altbacken geworden. Die Arbeit lastete auf ihr, und der Immobilienkredit, den sie nun schneller abzahlten, war eine zusätzliche Belastung. In einem halben Jahr, vielleicht zwölf Monaten, wäre die Sache vorbei.
Danach, tröstete Martin, wird alles wieder gut.
Die Gespräche mit Johanna aber waren zu einer Oase geworden. Gemeinsam besprachen sie Projekte, halfen sich aus, sprachen oft über ihre Töchter Johannas Tochter, Klara, war im gleichen Alter wie Malwine.
Alles Pubertät, sagte Johanna immer verständnisvoll. Wichtig ist Geduld, Zuhören, Liebe.
Die Gespräche wurden mit jeder Woche inniger. Immer wieder suchten ihre Blicke und Hände für einen Moment Berührung. Gerade solche flüchtigen Kontakte viel zarter als jede Szene aus einem Film erschütterten Sebastian stärker, als er zugeben wollte.
Er hatte sich schon an die vertraute Zeit mit Johanna gewöhnt. Eines Abends jedoch packte sie pünktlich ihren Laptop.
Gehst du schon?, fragte Sebastian überrascht.
Ich bin fertig. Und für deine Hilfe danke ich dir! Die Arbeit hätte ich ohne dich nicht geschafft.
Ratlos stand Sebastian da und ahnte: Dieser gewohnte Abschluss des Tages war vielleicht vorbei. Johanna merkte seine Enttäuschung.
Sebastian, wir sollten unsere Gespräche besser beenden, sagte sie leise. Du weißt selbst, wohin das führt.
Er suchte nach Worten, spürte, wie sein Herz raste, als hätte er in eine verbotene Richtung geblickt.
Johanna, ich genieße die Zeit mit dir. Dir gefällt es doch auch, oder?
Bestimmt, erwiderte sie freundlich, aber entschieden. Aber du bist verheiratet. Intime Freundschaften sind für mich tabu, wenn einer liiert ist.
An ihrem Blick erkannte er, dass sie nicht nachgeben würde, spürte aber auch eine winzige Hoffnung wäre die Situation anders, vielleicht würde sie Aber Sebastian war verheiratet.
Die Wochen vergingen. Johanna schien das neue Kapitel schon begonnen zu haben. Sebastian wiederum konnte die gemeinsamen Abende nicht vergessen. Seine Unzufriedenheit mit Katharina wuchs, kleine Streitereien schaukelten sich hoch. Selbst das sorgfältig gekochte Essen erschien ihm fad.
Als Johanna einmal Hilfe für ihren Umzug brauchte, ergriff Sebastian sofort die Gelegenheit und versprach, einen Transporter zu organisieren auch wenn dies nicht stimmte und er kurzerhand einen Mietwagen buchte.
Johanna zog mit Klara in eine frisch renovierte, großzügige Altbauwohnung im Westend. Es war hell, geräumig, voller Leben und Duft.
Sebastian bestaunte die Wohnung. Hier wäre Platz für noch jemanden, meinte er verlegen.
Johanna lächelte, schüttelte aber den Kopf: Du bist ein toller Mann, aber ich wiederhole: Du bist verheiratet. Und sobald sich das nicht ändert, sprechen wir nur über Arbeit.
Sebastian wagte eine Frage: Und wenn ich nicht verheiratet wäre?
Das bist du. Es gibt keine Was wäre wenn. Doch ihr Blick wich seinem aus und das genügte, Sebastian fühlte sich gestärkt und küsste sie impulsiv.
Für einen winzigen Moment schien sie nachzugeben, dann drängte sie ihn fort. Spiel nicht mit meinen Gefühlen. Ja, auch ich empfinde etwas. Aber du musst zu deiner Familie zurück.
Genug gehört Sebastian wusste, was zu tun war. Noch am selben Abend begann er mit Katharina einen Streit. Bald steigerten sie sich so hinein, dass selbst Malwine hereinstürmte, weinend, und schrie, dass sie genug habe und sie sich endlich trennen sollten.
Nach dem Streit versuchte Katharina mit Tränen den Ehefrieden zu retten. Sebastian, es ist alles schwierig. Warte, das legt sich.
Doch er war entschlossen. Ich habe eine andere. Bitte lass mich gehen.
Die Scheidung wurde rasch beschlossen. Sebastian überließ die Wohnung und den restlichen Kredit Katharina und bestand auf dem Auto als seinen Anteil. Überraschend erklärte Katharina, durch einen zinsfreien Kredit der Firma könne sie die Immobilie übernehmen. Die Trennung verlief sachlich, fast geschäftsmäßig. Selbst in der Gerichtsverhandlung erklärte sie ohne jede Gefühlsregung, keine Ansprüche zu erheben.
Sebastian wohnte dann vorübergehend bei seinen Eltern in Offenbach. Seine Mutter war bestürzt mochte sie Katharina doch immer und fragte nicht weiter nach, das verstand sie als Lebensklugheit.
Bei der Arbeit begegnete Sebastian Johanna absichtlich distanziert. Erst als das Scheidungsurteil vorlag, traf er sie vor dem Büro.
Jetzt gibt es keine Hindernisse mehr, sagte er und drückte ihr das Dokument in die Hand.
Johanna war überrascht, aus dem Konzept gebracht. Das ging mir zu schnell. Ich weiß nicht, ob ich so abrupt bereit bin…, flüsterte sie. Sebastian schlug einen ruhigen Anfang vor: ein Abendessen, seine neue Freiheit, und sie nickte, nicht unglücklich.
Das erste Date schien wie ein Traum. Doch Sebastian drängte bald auf mehr gemeinsame Abende, Zusammenziehen, Alltag teilen. Johanna war zurückhaltend. Ich habe eine Tochter. Ihr Vertrauen ist mir wichtiger als alles.
Vorsichtig organisierte er einen Kinobesuch zu dritt. Klara war freundlich, höflich, schien sein Bemühen zu schätzen. Nach einigen Wochen bot Johanna tatsächlich an, dass sie gemeinsam leben könnten unter Bedingung: Rücksicht auf Klara.
Sebastian war selig, als er bei Johanna einzog. Die Wohnung roch nach Seife, nach Parfüm und vielversprechendem Neuanfang.
In zwei Wochen fliegen wir ans Meer, sagte Johanna. Klara und ich, nur wir zwei. Es ist Tradition.
Sebastian versuchte verlegen, sich mit dazu zu mogeln, doch Johanna war entschieden: Ich will Zeit mit meiner Tochter. Bitte, versteh das.
Schwermütig verbrachte Sebastian die einsamen Wochen. Johanna kam zurück und war irritiert: Hier ist alles schmutzig! Ich hatte vor der Abreise alles geputzt.
Du warst ja weg, verteidigte sich Sebastian, außerdem könnte Klara ruhig mal den Besen schwingen.
Johanna war fassungslos. Sie erwartete, dass die Wohnung sauber war und dass ihre Tochter sicherlich nicht für Sebastians Unordnung zuständig war.
Die Reibereien häuften sich. Sebastian beklagte, nie bekäme er eine warme Mahlzeit. Johanna wundert sich: Dann koch doch selbst. Klara isst in der Schule, ich esse meist im Büro. Wir brauchen abends höchstens einen Teller Joghurt und einen Salat.
Er forderte indes offenen Widerstand. Ich brauche doch einen Eintopf!
So kam es zum ersten großen Krach Sebastian schlief schmollend auf der Couch, Johanna ging demonstrativ auf Distanz.
Du kannst gerne woanders übernachten, sagte sie knapp. Doch sie meldete sich nicht wieder und auch am nächsten Tag nicht.
Als Sebastian versuchte zu klären, was los war, sagte Johanna: Ich glaube, es ist besser, wenn du ausziehst. Klara und ich sind zufrieden so.
Er versuchte noch, sie umzustimmen vergebens. Lern ohne mich zu leben, sagte sie.
***
Sebastian packte langsam seine Sachen, hoffte bis zuletzt auf ein klärendes Wort, doch Johanna half ihm sogar beim Tragen. Es war ein flüchtiges Gefühl, Sebastian. Ohne dich geht es uns besser, sagte sie leise beim Abschied.
Völlig verloren, fuhr Sebastian ziellos durch die Stadt. Am Ende parkte er vor der alten Wohnung. In den Fenstern brannte Licht. Unvermittelt fasste er sich ein Herz, stieg die Treppen hoch und klingelte.
Sebastian? Katharina sah erstaunt aus der Tür. Komm, möchtest du einen Tee? Es duftete nach Bratkartoffeln und frischen Kräutern, die Wohnung war neu gestrichen, ruhig und aufgeräumt.
Sebastian setzte sich schweigend. Katharina brachte einen dampfenden Teller. Er aß, und während er sie heimlich musterte, fiel ihm auf, dass sie schlanker und erholter wirkte.
Wo ist Malwine? fragte er irgendwann.
Klassenfahrt nach Hamburg, antwortete Katharina ruhig.
Er zögerte. Denkst du manchmal, wir könnten es nochmal versuchen?
Katharina schüttelte lächelnd den Kopf. Nein, ich habe neu angefangen. Für dich ist hier kein Platz mehr. Du kannst Malwine natürlich jederzeit sehen. Aber unsere gemeinsame Zeit ist beendet.
Tränen stiegen Sebastian in die Augen. Die Endgültigkeit ihrer Worte schnürte ihm die Kehle zu. Katharina sah ihm still entgegen; dann stand er auf, bedankte sich für das Abendessen und ging. Sie hielt ihn nicht zurück.
Langsam stieg er die Treppen hinunter, setzte sich ins Auto und ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken. So saß er da, reflektierend, wie sein Leben verlaufen war und wie er sich in seiner neuen Freiheit letztlich doch vollkommen überflüssig und allein fühlte…





