Die weiße Tischdecke, das graue Leben
Die Kartoffelsuppe war gut. Hannelore wusste das genau, denn sie hatte sie beim Kochen dreimal probiert und war jedes Mal zufrieden gewesen. Die Kartoffeln waren frisch, von der Markthalle am Hauptbahnhof, das Rindfleisch hatte zwei Stunden sanft vor sich hingesimmert, und den Muskat hatte sie wie es sich gehört erst am Ende hinzugegeben. Auf dem Tisch brannten Kerzen und die gute, gestärkte Leinentischdecke lag aus die Weiße, die Hannelore nur für ganz besondere Abende aufgehoben hatte. Fünfzehn Jahre. Das war schon ein besonderer Anlass.
Draußen wurde es früh dunkel. Oktober in Duisburg war immer so: kühl, regnerisch, nach feuchtem Laub, nassem Asphalt und den Ausdünstungen der Ruhr duftend. Hannelore ordnete die Gabel rechts von den Tellern, strich eine Falte in der Tischdecke glatt, die gar nicht existierte, blieb dann mitten in der Küche stehen und lauschte. Die Uhr über dem Kühlschrank tickte munter in die Stille hinein.
Rüdiger kam um halb neun. Sie hörte, wie er mit dem schweren Schloss am Wohnungseingang kämpfte, dann eine Plastiktüte auf den Fliesenboden poltern ließ, wie der Lichtschalter im Flur klackte.
“Na, was gibts heute?” Rüdiger steckte den Kopf in die Küche, noch in der Jacke, die Nase vom scharfen Wind draußen rot.
“Komm, wasch dir die Hände und setz dich.” Hannelore lächelte sanft. “Kartoffelsuppe, Hähnchen, dazu ein Salat.”
Rüdiger zog die Jacke noch im Türrahmen aus, warf sie über einen Stuhl. Sein prüfender Blick wanderte zum Tisch.
“Und Kerzen?”
“Natürlich, Rüdiger. Es ist doch unser Jahrestag.”
Er schwieg, ging zum Spülbecken, wusch sich kurz die Hände, setzte sich. Hannelore schöpfte Suppe, stellte einen Teller vor ihn. Auch die saure Sahne auf dem Tisch war vom Markt, hausgemacht, wie er es mochte.
Rüdiger beugte sich vor, roch, löffelte, kaute.
“Könnte würziger sein.”
Hannelore setzte sich ihm gegenüber.
“Wirklich? Ich fand es gut getroffen.”
“Mama kocht Kartoffelsuppe anders. Die hat… mehr Geschmack irgendwie. Bei ihr schmeckt sie richtig rund.”
Hannelore nahm ihren Löffel.
“Iss lieber, solange sie noch heiß ist.”
“Ich esse ja schon.” Rüdiger drehte den Teller. “Aber warum die weiße Tischdecke? Am Ende sind wieder Flecken drauf.”
“Ich werde schon aufpassen.”
“Na, schauen wir mal.” Er brummte. “Mama nimmt immer die bordeauxfarbene Tischdecke für Feste. Die ist praktisch. Und sieht auch noch vornehm aus.”
Hannelores Blick klebte an den Kerzenflammen. Kleine, aufgehängte Lichtpunkte zitterten jedes Mal, wenn Rüdiger sich am Tisch bewegte.
“Rüdiger,” sagte sie sachlich, fast flüsternd, “heute sind es fünfzehn Jahre, dass wir verheiratet sind.”
“Ich weiß.”
“Als du hereingekommen bist, hast du gar nichts gesagt.”
Er sah auf. Verwundert, schon fast trotzig.
“Was hätte ich denn sagen sollen? Herzlichen Glückwunsch etwa? Wir wohnen doch eh zusammen, das ist doch kein Geburtstag.”
“Ich weiß nicht. Fünfzehn Jahre, das ist doch…”
“Na, eben! Fünfzehn Jahre! Und jetzt, wo ist das Hähnchen?”
Hannelore stand auf, holte das Hähnchen aus dem Backofen. Goldbraun, mit Kräutern, wie er es mochte.
“Zu trocken,” stellte er fest, nachdem er ein Stück abgeschnitten hatte.
“Ich habe es gerade erst rausgenommen.”
“Dann war es zu lange drin. Mama legt meins immer in Alufolie, darum bleibts saftiger.”
Hannelore nahm sich ein Stück. Kaute. Draußen zog ein Auto vorbei und Lichtfetzen zuckten quer über die Decke.
“Hast du heute wieder deine Mutter besucht?” fragte sie.
“War kurz nach der Arbeit da. Und?”
“Einfach so.”
Er sah wieder auf die Tischdecke.
“Warum bloß die weiße, Hannelore? Ehrlich. Siehst du denn nicht? Das ist nicht durchdacht. Mama weiß, wie man einen Tisch deckt immer ordentlich, Geschirr abgestimmt, die Tischdecke schön, Brot so dünn geschnitten. Du dagegen sieh nur, wie dick die Brotscheiben sind!”
Hannelore legte die Gabel weg.
Ganz ruhig. Ohne Geste. Sie legte sie einfach neben den Teller.
In ihr zog sich etwas zusammen und breitete sich gleich wieder aus, wie eine Hand, die sich öffnet und schließt.
“Rüdiger,” sprach sie, und ihre Stimme war so ruhig, dass sie selbst davon überrascht wurde, “hörst du dir eigentlich zu?”
Er sah sie an, gereizt, wie Leute, die jemand beim Essen stört.
“Was? Ich sage doch nur: Bei Mama schmeckt alles besser. Das ist doch kein Vorwurf.”
“Du bist zur Tür herein, hast nichts gesagt und dann mein ganzes Essen kritisiert, die Tischdecke, das Brot, das Hähnchen. Ich hab drei Stunden gekocht, Rüdiger.”
“Ja, hast du gemacht. Und? Soll ich dafür applaudieren? Ist doch deine Aufgabe.”
Kurz schwieg Hannelore.
“Aufgabe?” wiederholte sie, als würde sie das Wort zum Probieren in den Mund nehmen.
“Ja. Du bist zuhause, also kochst du. Ich schufte für die Kohle. Ist doch logisch.”
“Und fünfzehn Jahre Ehe sind … auch nur eine logische Konstante?”
“Hannelore, was willst du denn? Dass ich Gedichte aufsage?” Er grinste schief. “Mama hat immer gesagt: Weniger Gefühlsduselei, mehr Ordnung, dann hält die Familie.”
Die Flamme der Kerze flackerte plötzlich. Als hätte sie auch etwas gehört.
Hannelore erhob sich. Sie nahm ihren Teller, trat ans Fenster, sah hinaus auf die nassen Dächer, gelbleuchtende Fenster, auf den Baum im Hof, der schon fast kahl war.
Dann drehte sie sich um.
“Rüdiger, pack bitte deine Sachen.”
Er hob den Kopf.
“Wie bitte?”
“Pack deine Sachen und geh. Bitte.”
Er starrte sie entgeistert an, wie man jemanden ansieht, der plötzlich in einer fremden Sprache zu sprechen beginnt. Dann lachte er kurz auf, wie ein Hustenstoß.
“Ernsthaft?”
“Ja.”
“Wegen Kartoffelsuppe?”
“Nicht wegen der Suppe.”
“Wegen was denn?” Seine Stimme wurde scharf. “Nur weil ich was über Mama gesagt hab? Das ist doch albern, Hannelore.”
“Mir ist nicht zum Lachen.”
“Bist du beleidigt oder was?” Er stellte sich, verschränkte die Arme. “Na gut, tut mir leid, ja? Setz dich wieder, iss.”
“Nein, Rüdiger.”
Er blickte sie an. Sie stand am Fenster, aufrecht, die Schultern gerade. Vielleicht wartete er, dass sie weinte, schrie, mit der Tür knallte irgendwas. Nur diese Ruhe nicht.
“Du scherzt nicht,” sagte er langsam.
“Nein.”
Stille. Die Uhr tickte. Die Kerzen brannten.
“Wegen eines Gesprächs?” begann er.
“Nicht eines,” unterbrach sie. “Wegen fünfzehn Jahren immer desselben. Mach, dass du gehst, und nimm nur, was du sofort brauchst. Den Rest holst du später ab.”
Er blieb noch eine Minute stehen, dann ging er ins Schlafzimmer. Sie hörte die Schranktür, das Rascheln einer Tasche. Sie blieb in der Küche, betrachtete die Kerzen, die ruhig und klar flackerten.
Als er mit gepackter Tasche wiederkam, blieb er in der Tür stehen. Sah auf den Tisch, die weiße Tischdecke, die Kartoffelsuppe, das dick geschnittene Brot.
“Du wirst es bereuen,” sagte er.
“Vielleicht,” entgegnete Hannelore. “Auf Wiedersehen, Rüdiger.”
Die Tür fiel ins Schloss, das Schloss klickte. Sie saß da und hörte die Stufen, die allmählich verklangen.
Dann stand sie auf, blies die Kerzen aus, sie hatten keine Aufgabe mehr, spülte das Geschirr, räumte die Suppe in den Kühlschrank. Essen mochte sie nicht.
In der Wohnung roch es nach gebratenen Zwiebeln und einem feinen Hauch Feuchte, wie immer im Oktober, wenn das Treppenhaus klamm ist und die Heizungen noch nicht richtig laufen.
Hannelore legte sich um halb elf ins Bett. Schlaf fand sie erst spät, blickte an die Decke und hörte durch die Wand den Fernseher der Nachbarn. Sie dachte dabei nur an eines: Sie weinte nicht. Eigentlich erstaunlich.
***
Waltraud öffnete die Tür, noch bevor Rüdiger zum zweiten Mal klingeln konnte. Sie war schon immer so gewesen, als warte sie hinter der Tür, als wüsste sie alles im Voraus.
“Rüdi! Ach du meine Güte, was ist denn los?” Sie warf einen Blick auf seine Tasche.
“Sie hat mich rausgeschmissen,” sagte er knapp.
“Wer denn? Diese…?” Waltraud trat zurück, ließ ihn ein. “Siehst du, hatte ich doch gesagt, Sohn! Komm rein, ich hab gerade Suppe gekocht. Kartoffel-Kraftbrühe, mit Hähnchen, wie du es immer magst.”
Er zog die Schuhe aus, setzte sich in die Küche. Sie roch nach Essen und diesem typischen Duft in Wohnungen alter, allein lebender Menschen: ein wenig nach alter Wolle, ein bisschen Apothekenduft, und immer drüber ein hauch Gemütlichkeit.
Die Mutter wirbelte am Herd umher, unaufhörlich redete sie dabei.
“Schon von Anfang an wusste ich, dass sie nicht die Richtige ist. So eine kalte Person. Weißt du, kalte Frauen kriegen auch keine Kinder, das ist kein Zufall. Die Natur weiß schon, was sie macht. So, iss, Brot hab ich dünn geschnitten.”
Das Brot war akkurat in dünne Scheiben geschnitten. Rüdiger sah es an und dachte unwillkürlich daran, wie Hannelore es immer dick schnitt.
“Mama, bitte jetzt nicht.”
“Was denn nicht? Ich sag doch nur die Wahrheit! Fünfzehn Jahre hast du gelitten, zu was hat es geführt? Keine Kinder, kein ordentlicher Haushalt. Na, probier die Suppe.”
Sie war heiß, würzig, genau, wie sie immer war. Rüdiger aß und schwieg.
Die ersten Tage verstrichen wie im Nebel. Er fuhr zur Arbeit, kam heim, aß mit der Mutter, schaute fern. Waltraud kochte jeden Tag, bereitete ihm mit Freude sein Lieblingsessen zu. “Du musst besser essen, du bist ja ganz grau im Gesicht,” stellte sie fest.
Am dritten Tag hatte sie seine Tasche selbst ausgepackt, während er arbeitete.
“Die Hemd nimmst du nicht mehr, das ist ganz verknittert ich hab dir das blaue gebügelt, das steht dir viel besser!”
“Das graue mag ich.”
“Was du magst ist egal. Blau ist besser!”
Er schwieg, aß seine Frikadellen, trank Tee. Die Mutter nahm abends den Tisch ab und erzählte Anekdoten über Frau Berger aus dem vierten Stock, die es auch ganz alleine geschafft hat, und in diesen Geschichten schwang immer auch etwas über Hannelore mit, aber Rüdiger hörte nicht wirklich zu.
Nach einer Woche stellte die Mutter fest, dass seine Schuhe “total hinüber” wären und dass sie am Samstag neue kaufen müssten.
“Mama, die sind noch gut.”
“Rüdi, ich seh das doch! Die Sohle löst sich!”
“Löst sich nicht.”
“Natürlich! Samstag gehen wir los!”
Also gingen sie. Die Mutter probierte lange, wählte aus, ließ ihn verschiedene Paare anprobieren natürlich die, die ihr gefielen. Rüdiger wollte schwarze, einfache Schuhe. Sie entschied sich für braune, mit hübscher Schnalle.
“Schau, die passen!”
“Ich mag sie nicht.”
“Ach, sei kein Kind, Rüdiger. Die sind die besten.”
Die Verkäuferin schaute weg. Rüdiger blickte sich in den Spiegel an der Kasse. Ein mittelalter Mann in braunen Schnallenschuhen, mit leerem Gesichtsausdruck starrte zurück.
Er kaufte die braunen.
Abends setzte sich die Mutter ihm gegenüber, erzählte von seiner Kindheit, wie brav und gut er immer gewesen, wie schwer sie es alleine gehabt, wie Hannelore all das nie gewürdigt habe. Rüdiger nickte.
Manchmal dachte er an die weiße Tischdecke, an die Kerzen. Wozu überhaupt das alles, fragte er sich wieder. Fünfzehn Jahre, das war doch nichts. Oder?
Aber er dachte oft daran.
Und er dachte daran, dass sie damals nicht geweint hatte. Nicht geschrien. Nur da stand ruhig und bat ihn zu gehen. Er verstand immer noch nicht, wie sie das konnte. Er hatte mit einer ganz anderen Reaktion gerechnet, so wie er es immer gewohnt war.
Am Ende des ersten Monats hatte die Mutter ihm einen Terminkalender aufgestellt, den sie natürlich nicht so nannte. “Dienstag bist du beim Arzt, ich hab dich angemeldet”, “Donnerstag gehen wir zu Tante Hermine, die lädt uns ein”, “Freitag nicht zu spät, ich hab Kuchen gebacken, ich warte nicht gerne!”.
Freitags blieb Rüdiger länger wegen einer Besprechung im Werk. Er rief die Mutter an, als er im Bus saß. Sie sagte irgendetwas, ohne Pause, und er starrte in die spiegelnde Fensterscheibe.
Der Kuchen war fertig. Er war lecker. Alles war lecker.
Beim Essen fühlte Rüdiger einen Druck in der Brust. Kein Schmerz. Nur so ein ständiges, unterschwelliges Drücken, als wäre ein bisschen zu wenig Luft im Raum.
***
Die ersten drei Wochen lebte Hannelore wie im Nebel.
Sie ging zur Arbeit, kehrte heim, kochte sich eine Kleinigkeit, aß, legte sich schlafen. Die Abende waren am schwersten, denn die Wohnung war ruhig, und zuerst war diese Stille wie Bedrohung, und dann einfach nur Stille.
Ihre Freundin Brigitte meldete sich alle zwei Tage. “Na, Hanni, wie läufts, kommst du mal vorbei?” Und Hannelore entgegnete immer: “Es geht schon, Brigitte, lass nur.” Brigitte kam trotzdem am ersten Samstag, brachte Wein und Kekse, sie saßen bis in die Nacht in der Küche, Hannelore erzählte von den Kerzen, der Suppe, von der Mutter mit der richtigen Tischdecke, und Brigitte sagte immer nur leise: “So ein Dussel”. Das machte es ein wenig leichter.
“Du hast das Richtige getan”, sagte Brigitte am Ende des Abends. “Wirklich das Richtige, Hanni.”
“Es ist aber auch beängstigend”, gestand Hannelore.
“Das vergeht.”
Nach Brigittes Abschied stand Hannelore im Wohnzimmer und betrachtete die schweren, dunkelblauen Vorhänge. Rüdiger hatte sie vor acht Jahren ausgesucht: “Dichte Stoffe verdunkeln gut, praktisch ist das.” Sie hatte sich nie groß Gedanken darüber gemacht es waren halt einfach Vorhänge.
Am nächsten Tag nahm sie sie ab.
Das dauerte eineinhalb Stunden, der Stab war schwer, sie musste auf den Tisch steigen. Sie rollte die Vorhänge zusammen, packte sie in den Schrank. Der Raum wirkte sofort anders. Das blasse, kalte Oktoberlicht, das durch die Fenster fiel, war immer noch schöner als die Düsternis des blauen Plüschs.
Dann stellte sie das Sofa um. Sie rief dafür den alten Nachbarn, Herrn König, einen freundlichen Rentner, der immer half, wenn etwas zu schwer war. Das Sofa stand jetzt an einer anderen Wand, am Fenster, und das Licht fiel abends ganz anders darauf.
Es war seltsam, aber schön.
Sie begann ab der zweiten Woche besser zu schlafen. Noch nicht gut, aber zumindest lag sie nicht mehr bis drei Uhr wach.
In der Arbeit änderte sich wenig. Hannelore war eine gewissenhafte Buchhalterin, pünktlich, verlässlich. Die Akten ordentlich, nie zu spät, alle schätzten sie, besonders Frau Steiner, die Chef-Buchhalterin eine kleine, strenge Frau mit immer gleichen Perlenohrringen und verschlossenem Wesen, aber mit Respekt für Hannelore.
Ende Oktober rief Frau Steiner sie zu sich.
“Hannelore,” begann sie ohne Umschweife, “ich gehe nächstes Jahr in Rente. Zu meiner Tochter nach Leipzig. Der Chef will dir meinen Posten anbieten. Hauptbuchhalterin.”
Hannelore war ein paar Sekunden still.
“Mir?” fragte sie leise, nicht weil sie es nicht verstand, sondern einfach, um überhaupt etwas zu sagen.
“Ja, dir. Glaubst du, ich sehe nicht, wer hier wirklich arbeitet? Überlegs dir gut. Ich hoffe, du nimmst an.”
Mit diesem Gedanken fuhr Hannelore im Bus nach Hause. Hauptbuchhalterin. Das war neue Verantwortung. Sie hatte Angst davor gehabt. Rüdiger hatte mal gesagt: “Karriere brauchst du doch nicht machen, ich verdiene genug.” Sie hatte ihm damals zugestimmt, ohne viel Widerrede.
Jetzt starrte sie in die Lichter draußen und dachte: Warum eigentlich nicht?
Der November verlief in kleinen Veränderungen. Sie renovierte ein wenig, dem Geldbeutel entsprechend: streichte die Wand im Schlafzimmer in hellem Gelb, tauschte die Vorhänge gegen leichte, lindgrüne Leinenstoffe, besorgte einen neuen Lampenschirm in warmem Orange, den sie abends statt der Deckenlampe einschaltete. Die Wohnung verwandelte sich, wurde langsam zu ihrer.
Sie stellte mehrere Töpfe mit Geranien auf die Fensterbank. Der Geranienduft war frisch und grün, passte zum Leinen und dem gelben Anstrich.
Geschäftliches mit Rüdiger erledigten sie übers Anwaltsbüro. Alles verlief ruhig. Die Wohnung gehörte ihr, er erhob keine Ansprüche, blieb still. Vielleicht hatte seine Mutter ihm eingeredet, vielleicht war er einfach müde.
Im Dezember nahm Hannelore das Angebot als Hauptbuchhalterin an. Frau Steiner schüttelte ihr die Hand.
“Gut gemacht”, sagte sie und lächelte zum ersten Mal richtig.
Silvester feierte Hannelore bei Brigitte, mit Freunden, Kindern, Hunden, großen Salatschüsseln voller Kartoffelsalat. Es war schön und seltsam traurig, diese besondere Melancholie, wenn man an Feiertagen zurückblickt. Sie trank ein Glas Sekt, schaute auf das Feuerwerk und dachte: Das Jahr hat mich nicht umgebracht, ich stehe noch und es geht mir sogar, überraschenderweise, gut.
***
Der Winter war für Rüdiger eine nasse, zähe Zeit.
Die Mutter beschloss, dass er einen Arzt brauchte. Sie meldete ihn beim Hausarzt an, dann beim Kardiologen, beim Magenarzt “Du siehst schlecht aus, Rüdi, wir müssen das untersuchen!” Er ging brav überallhin. Die Ärzte fanden nichts Großes, “für Ihr Alter alles vertretbar”, sagten sie, woraufhin die Mutter den Kopf schüttelte, als hoffe sie fast auf einen Befund zum Sorgenmachen.
In der Arbeit wurde Rüdiger gereizt, die Kollegen merkten es. Herr Krüger, sein Pausenraucher-Kumpel auf der Feuertreppe, fragte ihn eines Tages:
“Was ist los mit dir, du bist ganz grantig?”
“Nichts.”
“Ist’s zuhause?”
“Nein.”
Krüger warf die Kippe weg. Rüdiger blieb noch stehen, blickte auf den schmutzigen Hof. Der Schnee war grau, matschig, vom Öl verschmiert. Er wollte nicht zurück ins Büro. Nicht zur Mutter. Er wollte nirgendwo hin.
Er fragte sich: Und wohin will ich eigentlich?
Keine Antwort.
Täglich das gleiche: die Mutter empfing ihn mit einer warmen Mahlzeit. Das war Fürsorge, er verstand es. Dazu das Tagesprogramm: Was anziehen, wohin gehen, wann zurück sei. Wenn er zu spät kam, rief sie an. Ging er nicht ran, rief sie mehrfach. Dann eine SMS: “Ich mache mir Sorgen, Rüdi, wo bleibst du?”
Einmal im Februar blieb er nach Feierabend noch bei Krüger: Bier, Eishockey, Männerabend. Er kam halb elf heim.
Die Mutter saß im Dunkeln in der Küche, schaltete beim Kommen das Licht ein und schaute ihn an, dass ihm plötzlich kalt war.
“Wo warst du?”
“Mama, ich hab Bescheid gesagt.”
“Komm später, das ist keine Nachricht. Ich wusste nicht, wo du bist. Ich habe mir Sorgen gemacht, mein Blutdruck ist gestiegen.”
“Mama…”
“Iss, ich hab was warm gemacht.” Sie stellte ihm Frikadellen auf den Tisch. “Und schalt dein Handy nicht mehr aus, ich hab dich dreimal angerufen.”
“Es war nicht aus ich hab es nicht gehört. Da lief das Spiel.”
“Eishockey,” wiederholte sie, als sei das etwas Anstößiges.
Rüdiger aß und starrte auf den Tisch.
Er bemerkte, dass er sich ständig rechtfertigte. Für alles. Für das Zuspätkommen, das Hemd, das Anrufen, das Essen, das Nichteessen, alles.
Er erinnerte sich, dass er mal zu jemandem gesagt hatte: “Mama weiß, wie es richtig geht.” Damals war er mit Stolz erfüllt. Jetzt war diese Erinnerung schal, irgendwie unangenehm.
Im März suchte er nach einer kleinen Wohnung. Er sah sich Anzeigen an, fand etwas Bezahlbares, nicht weit zur Arbeit. Er sagte es der Mutter.
Sie weinte.
Nicht dramatisch, kein Vorwurf, einfach leise, und sagte: “Also, hier fühlst du dich schlecht. Ich halte dich auf. Schon klar, Rüdiger.”
Er zog nicht aus.
In manchen Nächten erschien Hannelore in seinen Träumen. Nicht in großer Romantik, eher zufällig: Sie in der Küche, sie am Steuer. Ganz normale Szenen. Er wachte auf, blickte an die Zimmerdecke der mütterlichen Wohnung, wo es einfach … nichts gab als die Decke.
Er fragte sich: Was macht sie jetzt? Wie gehts ihr?
Und gleich darauf dachte er: Bestimmt hat sie schon wen gefunden.
Das machte ihn irgendwie wütend.
***
Der Februar brachte unerwartet Helligkeit. Der Schnee war endlich richtig weiß, und morgens, unterwegs zur Haltestelle, blendete die Sonne Hannelore höchste Zeit für neue Sonnenbrillen, die sie sich schon lange gewünscht hatte.
Sie kaufte sich welche, rosa, schmale Fassung. Sie probierte sie im Spiegel und lachte, weil es komisch aussah, aber auch gut.
Im Büro wurde sie gebraucht. Neue Aufgaben waren nicht leicht, aber sie bekam sie hin. Manchmal blieb sie bis acht, machte Abschlüsse, sprach mit dem Chef, Herrn Bach, einem ruhigen, soliden Mann, der Genauigkeit schätzte. Er war zufrieden, das merkte sie.
Auch die Kollegen mochten sie. Die Assistentin Franziska bewunderte sie heimlich, brachte manchmal einfach so Kaffee. Hannelore bedankte sich Franziska errötete immer ein bisschen.
Im März nötigte Brigitte sie, zum Geburtstag einer Freundin mitzukommen. Hannelore wollte nicht: laute Leute, Fremde, Lärm. Brigitte überredete sie: “Du versteckst dich genug, es wird ein schöner Abend, versprochen.”
Die Gastgeberin, Frau Heike, war eine laute, großzügige Person mit zwei Katzen und einem riesigen Gummibaum. Zwölf Gäste. Hannelore hielt sich erst an Brigitte, dann kam sie mit der Nachbarin am Tisch ins Gespräch eine Mathelehrerin, sie redeten stundenlang über Bücher.
Gegen Ende des Abends saß Alex gegenüber. Er fiel ihr erst später auf: nicht groß, schon leicht ergraut, schlichter grauer Pullover. Sagte wenig, hörte aufmerksam zu; ab und zu lächelte er, wenn ihn etwas amüsierte.
Später fanden sie sich nebeneinander am Fenster mit Teetassen. Ein Satz, eine Antwort, wie von selbst. Er war Bauingenieur, arbeitete bei einer Planungsfirma, seit vier Jahren allein, die Frau an Krebs verloren sagte er trocken, nicht klagend, wie jemand, der den Schmerz kennt.
Kennen Sie Heike schon lang? fragte Hannelore.
Durch ihren Exmann. Der ist weggezogen wir sind Freunde geblieben. Er nippte am Tee. Und Sie, durch Brigitte?
Seit Studium zusammen.
Solche Freundinnen braucht man, sagte er.
Ja, unbedingt, erwiderte Hannelore.
Sie tauschten Telefonnummern. Ganz unspektakulär. Drei Tage später schrieb er, fragte nach Kaffee. Sie sagte zu.
Man traf sich in einer kleinen Bäckerei in Bahnhofsnähe. Zwei Stunden Gespräch. Sie sprach offen über ihre Scheidung; er hörte zu, gab keine Tipps, urteilte nicht. Dann erzählte er von sich. Sie gingen hinaus, standen draußen. Es war kalt, aber angenehm. Er fragte, ob er nochmal anrufen dürfe. Sie sagte ja.
Dann folgten Spaziergänge am Rhein. Später ein Kinobesuch. Im April lud er sie schließlich zu sich ein.
***
Alex wohnte im fünften Stock eines alten Backsteinhauses. Hannelore stieg keuchend die Stufen, die Flasche Wein fest in der Hand sie dachte: Gleich öffne ich die Tür, und überall liegt typisches Junggesellenchaos, das man höflich übersehen muss. Sie war nervös, innerlich, so, wie es Menschen sind, die zu häufig die Erfahrung machen mussten, be- und verurteilt zu werden.
Sie klingelte.
Die Tür öffnete sich und aus der Wohnung strömte Apfelduft heraus fein, süßlich, dazu ein Hauch von Zimt.
“Nur herein,” sagte Alex und lächelte. “Ich war zu früh, der Apfelkuchen steht schon im Ofen. Hoffentlich mögen Sie das?”
“Sehr sogar,” sagte Hannelore.
Die Wohnung war schlicht. Nicht klinisch aufgeräumt, aber gelebt: Bücher und Werkzeug standen nebeneinander im Regal, auf dem Küchentisch lag eine Zeitung. Nichts war inszeniert, alles schlicht und ehrlich.
Sie half ihm, den Salat zuzubereiten. Sie schnitt Tomaten, er Käse, manchmal redeten sie, manchmal schwiegen sie. Nie war das Schweigen schwer.
Hannelore ertappte sich bei der Erwartung: Gleich wird er sagen “Mit Gurken wärs besser” oder “Das Dressing ist falsch” oder einfach diesen einen Blick, den sie fünfzehn Jahre lang kannte.
Aber er sagte nichts. Als sie sich setzten, goss er Wein ein, blickte zuerst auf den Tisch, dann auf sie.
“Danke, dass Sie gekommen sind.”
Drei Worte, einfach so, ohne Disclaimer.
Hannelore blickte auf ihren Teller und spürte, wie in ihr etwas leise losließ. Als hätte sie all die Jahre etwas balanciert, das sie jetzt absetzen durfte.
Draußen war ein milder Aprilabend. Die Straßenlaternen schimmerten, sie sah durch das Fenster, wie sich ein Zweig bewegte, an dem schon erste kleine Blätter sprossen. Aus dem Ofen zog der Apfelkuchen seinen Duft durch die Wohnung.
Sie sprachen lange über Kindheit, darüber, dass sie eigentlich Lehrerin werden wollte und doch Buchhalterin wurde, er erzählte von seinem Restaurierungsprojekt er restaurierte ein altes Rathaus. Hannelore dachte nur: Es ist gut, etwas zu reparieren, das zerbrochen war.
Als sie ging, brachte er sie zur Tür.
“Ich freue mich, dass wir uns kennengelernt haben.”
Auf dem Heimweg dachte Hannelore gar nicht an Alex, oder nicht nur an ihn. Sondern an den Apfelkuchen und daran, dass es tatsächlich möglich ist, einfach bei jemandem zu sein, ohne Angst vor einem Tadel. Einfach essen. Und dann gehen. Und erleichtert sein.
***
Der Sommer verging still und angenehm.
Sie trafen sich oft, aber entspannt, ohne Eile, Alex und sie. Gemeinsam zum Wochenmarkt: Sie kaufte Kräuter und Schmand, er kaufte Fisch. Sie kochten zusammen, es war ganz anders, als für sich allein oder unter ständiger Kritik.
Im Juli blieb sie das erste Mal über Nacht. Es war spät geworden, und sie wollte nicht mehr heim. Am nächsten Morgen machte Alex Kaffee und brachte ihn ans Bett. Keine große Nummer, einfach so, selbstverständlich.
“Musst du heute arbeiten?” fragte er.
“Ab zwölf.”
“Hast du Lust, morgens auf den Markt zu gehen? Es müsste jetzt frische Kirschen geben!”
Hannelore nahm die Tasse mit beiden Händen. Draußen war das Licht eines blauen Sommermorgens, es roch nach Tau, und irgendwo rief ein Mauersegler. Sie hätte fast geweint, nicht aus Kummer, sondern wegen diesem ganz eigenen Glück, das plötzlich da ist, wenn man merkt, wie gut es einem geht.
“Ja, gerne,” sagte sie.
Im Herbst schlug Alex vor, dass sie zusammenziehen. Nicht feierlich, kein Ring, keine Blumen. Einfach irgendwann, während sie Geschirr spülten: “Hanni, hättest du nicht Lust, herzukommen? Ich glaube, es wäre schön für dich und für mich auch.”
“Ich muss darüber nachdenken,” sagte sie.
“Klar,” sagte er. “Denk drüber nach.”
Sie dachte zwei Wochen. Dann sagte sie ja.
Im November zog sie ein. Ihre Wohnung vermietete sie erstmal. Sie brachte Bücher, Geranien, den orangefarbenen Lampenschirm, Leinenvorhänge. Alex rückte für ihre Bücher das Wohnzimmerregal um. Sie räumten alles gemeinsam ein, Belletristik neben Handbüchern, und es sah schön aus.
Im Dezember heirateten sie. Ganz ruhig, ohne großes Fest, nur mit Brigitte und Alex Freund Ecki als Trauzeugen. Danach gingen sie zu viert essen, es war lustig und gut, und Brigitte weinte sogar vor Freude.
Und im Januar erfuhr Hannelore: Sie war schwanger.
Sie stand mit dem Test in der Hand im Bad und betrachtete endlos die zwei Linien. Dann setzte sie sich auf den Wannenrand und saß lange still.
Mit dreiundvierzig Jahren. Sie hatte nie geglaubt, dass sie je Kinder bekommen würde. Rüdiger wollte keine, oder sie selbst nicht, vielleicht beide nicht man sprach nie darüber, die Zeit verstrich. Die Ärzte hatten nichts dagegen, aber sie hatte sich längst gesagt: Es ist einfach nicht mein Schicksal.
Aber nun doch.
Alex zeichnete gerade im Arbeitszimmer etwas. Sie trat in die Tür. Er fühlte sofort, dass etwas war, drehte sich um.
“Was ist los?” fragte er sanft.
Sie reichte den Test. Er sah ihn sich an, schwieg einige Sekunden, dann kam er zu ihr und umarmte sie wortlos ganz fest.
Dann sagte er:
“Das ist schön, Hannelore. Wirklich schön.”
Sie vergrub sich an seiner Schulter und endlich weinte sie. Richtig, laut, ganz und gar. Und er fürchtete sich nicht davor, sagte nicht “Jetzt hör auf”, sondern hielt sie nur und murmelte immer wieder: “Alles ist gut. Alles ist gut.”
***
Der April kehrte zurück in die Stadt. Wieder die Bäckerei, wieder das Rheinufer. Nur jetzt ging Hannelore gemächlich über die Promenade, ein wenig seitwärts wegen ihres Bauchs, Alex neben ihr, hielt manchmal ihren Arm.
Sechster Monat. Bei der Arbeit wussten es alle. Herr Bach gratulierte: “Herzlichen Glückwunsch, Frau Weber. Ihren Arbeitsplatz hält ihnen niemand streitig.” Franziska sah sie anders an, mit diesem neuen Respekt junger Frauen für solche, die durchs Leben gehen können.
Die gemeinsame Wohnung füllte sich langsam mit anderem: ein Kinderbett im Karton, ein Mondlicht, ein Stapel winziger Kleidung. Manchmal öffnete Hannelore die Schublade, betrachtete die Sachen, strich darüber. Das fühlte sich richtig und wirklich an.
Morgens trank sie Tee am Fenster, blickte in den Hof, wo schon das erste frische Gras erschien. Es roch nach Erde und nach Äpfeln aus Nachbars Garten. Es war gut.
Aber abends, wenn Alex schon schlief und sie noch lag und in sich hinein lauschte, auf das Kind, das sich bewegte, dachte sie an Früher. Nicht schmerzhaft oder voller Reue, eher wie an alte Familienfotos: Das war mein Leben, das waren Menschen. Ein wenig Wehmut. Weswegen? Sie wusste es kaum vielleicht einfach wegen der fünfzehn Jahre, die vorübergingen, ohne das, was sie hätten geben können. Vielleicht auch um ihr junges Ich, das brav Suppe kochte und die weiße Tischdecke auflegte.
Sie wusste nicht, wie es um Rüdiger stand. Brigitte erzählte mal, sie habe ihn im Supermarkt gesehen, er wirke gealtert. Hannelore nickte nur und sagte nichts. Sie wünschte ihm nichts Schlechtes, er war einfach eine andere Geschichte, ein anderer Mensch geworden.
***
Rüdiger saß in der Küche seiner Mutter.
Draußen war April, doch hier drinnen schien immer Winter: schwere Vorhänge ließen kein Licht herein, die Regale standen voll alter Sachen, der Geruch war derselbe wie immer Kalmus, Suppe, irgendwas Vergangenes.
Waltraud hantierte am Herd, redete unaufhörlich. Immer, wenn sie kochte, redete sie.
“Du siehst schon wieder schlecht aus, Rüdiger. Ich sagte doch: Geh zum Arzt. Aber nicht diesen Werksarzt, das sind alles Stümper. Im Gesundheitsamt Sieben gibts einen guten Kardiologen, ich melde dich an.”
“Mama, mit mir ist alles okay.”
“Du kannst das gar nicht beurteilen!” sagte sie voller Gewissheit. “Männer merken nie was, bis es zu spät ist. Dein Vater auch immer: ‘Es geht schon.’ Und dann…”
Rüdiger starrte auf den Tisch.
Darauf lag die kariertblaue Tischdecke. Praktisch. Die Mutter hat recht, hier tropft nichts.
Sie stellte ihm einen Teller vor.
“Iss, solange es warm ist. Es gibt Buchweizensuppe heute, mit Rind. Die magst du doch.”
“Mag ich.”
Er griff zum Löffel. Die Suppe war wirklich gut. Die Mutter konnte Suppe.
“Rüdiger,” sagte sie, sich gegenüber setzend, eine Tasse Tee in der Hand, “hast du mal über das nachgedacht, was ich gesagt habe? Über die Martha?”
Er hob den Blick.
“Hab ich nicht.”
“Du solltest. Eine anständige Frau, Witwe, eigene Wohnung. Sie fragt immer wieder nach dir.”
“Mama…”
“Was, Mama? Du bist fünfundvierzig. Ohne Frau, das ist gegen die Natur.”
“Ich hab eine,” sagte er, und war selbst erstaunt.
Sie schaute ihn an.
“Wo denn?”
“Nirgends.” Er sah wieder auf den Teller. “Nicht die Martha, Mama. Und ich will nicht, dass du dich einmischst.”
“Wie willst du denn zurechtkommen, wenn du ständig nur dasitzt und ins Leere glotzt?” Sie schüttelte den Kopf. “Ich seh doch, Sohn. Du denkst dauernd an diese Hannelore. Aber warum? Sie hat dich rausgeschmissen! Für solche Frauen gibts ein Sprichwort…”
“Mama”, unterbrach er, und in seiner Stimme lag etwas, das sie verstummen ließ.
Sie schwiegen. Die Küchenuhr tickte. Draußen zwitscherte eine Amsel, immer hartnäckiger.
“Iss, wird sonst kalt,” sagte sie schließlich. “Wer sonst sorgt dafür, dass du satt bist?”
Rüdiger sah in die Suppe.
Sie war wirklich gut. Die Mutter konnte das, ohne Zweifel.
Er löffelte schweigend weiter. Dachte daran, wie er damals im Oktober nach Hause kam, müde, genervt, über die Tischdecke, die Kartoffelsuppe, das Brot, das Hähnchen raunzte. Damals dachte er, es gehe um die Tischdecke. Was es wirklich war, begann er erst jetzt, spät, zu begreifen zu spät, wie so viele Dinge eben erst später klar werden.
Er saß in einem Käfig dieses Wort tauchte im Kopf einfach auf, ganz unerwartet. Ein Käfig. Früher dachte er, Hannelore hätte ihn gebaut: falsches Essen, falscher Charakter. Dabei war es immer sein eigener gewesen. Den schleppte er mit in die Ehe, zurück zur Mutter und wieder zu sich selbst.
“Schmeckts?” fragte die Mutter.
“Ja, Mama.”
“Siehst du. Ohne mich würdest du untergehen, Rüdiger.”
Er antwortete nicht.
Draußen zwitscherte der Vogel immer lauter. Der Frühling drängte durch die Ritzen, als wollte er in die Küche brechen, doch das Licht kam nicht an. Rüdiger beugte sich über seine Suppe und aß zu Ende.
***
An diesem Aprilabend stand Hannelore auf dem Balkon der gemeinsamen Wohnung. Sie blickte in den Sonnenuntergang, der Bauch groß, das Atmen schwer, doch sie wollte Luft. Von unten stieg der Geruch frisch aufgetauter Erde, und etwas Neues, das keinen Namen hat, aber nur im Frühling vorkommt.
Innen hörte sie Alex am Telefon, ruhig, sachlich. Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen, seine und ihre, der orange Lampenschirm leuchtete mild.
Sie legte eine Hand auf den Bauch. Das Kind regte sich, sanft, träge, abendlich.
“Na, hallo,” sagte Hannelore leise.
Es war beängstigend. Und schön. Es war ein stilles, unsicheres, ehrliches Glück ohne Garantien, ohne Schwüre, einfach nur so: Aprilabend, Erde, warmes Licht und ein kleines, prickelndes Leben, das drinnen wartet.
Hannelore blieb noch einen Moment.
Dann ging sie hinein.





