Langweilige Liebe…

Langweilige Liebe…

Mit dem gutaussehenden Max hatte Inga sich im Freundeskreis kennengelernt. Der charismatische Junge gab sich mal als Fotograf, mal als Künstler aus, erzählte begeistert von seinen Projekten, und seine Gitarre hatte er eigentlich immer dabei. Musikalisch war er vielleicht kein Wunderkind, aber was ihm an Virtuosität fehlte, machte er durch seine gefühlvolle Art wett. Mit seinem warmen, rauen Gesang berührte er oft die Seelen der Menschen und das genügte, damit sich besonders die jungen Frauen für ihn begeisterten.

Inga war sich ihrer Wirkung auf Männer stets bewusst gewesen. Sie kannte ihren Wert und stellte immer ihre eigenen Bedürfnisse an erste Stelle. Doch bei Max war plötzlich alles anders. Ihr gewohntes Selbstvertrauen geriet ins Wanken.

An jenem Abend, als Max die Runde mit gefühlvoller Musik verzauberte, konnte Inga ihren Blick nicht von ihm abwenden. Max bat sie um ihre Nummer, brachte sie später nach Hause und plötzlich wartete Inga zum allerersten Mal im Leben auf einen Anruf. Männer waren ihr sonst hinterhergelaufen. Nie hatte sie einen Grund gehabt, sich zu fragen, ob sie einem Mann gefiel. Doch Max ließ sich weder am selben noch am folgenden Tag hören.

Inga nagte an ihren Gedanken, ärgerte sich über sich selbst und musste doch zugeben, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte.

Ach, meine Liebe, das nennt man Verliebtsein!, lachte ihre Freundin Anneli, als Inga ihr ihre Sorgen anvertraute.

Mir ist sowas noch nie passiert dass ich beim Klingeln des Handys aufspringe!, murmelte Inga betreten. Selbst nachts, bei jeder neuen Nachricht…

Es erwischt jede irgendwann, meinte Anneli und lächelte verständnisvoll. Aber weißt du was? Das geht vorbei. Ihr trefft euch, du gewöhnst dich an ihn und bald läuft er dir hinterher, du wirst sehen.

Dazu müsste er erst mal anrufen!, platzte es aus Inga heraus.

Lenk dich ab geh zum Friseur, triff dich mit anderen Verehrern, unternimm etwas. Er wird schon anrufen, schlug Anneli vor.

Hat einer aus der Runde seine Nummer?, fragte Inga plötzlich. Nie zuvor hatte sie als Erste einen Mann angerufen.

Zwar gab es in Ingas Leben einige Notfalltypen, die sie um zwei Uhr nachts um Hilfe bitten konnte aber einem Mann als Erste zu zeigen, dass er sie interessiert, das war undenkbar. Anneli fand die Idee ebenso schlimm.

Bitte nicht, Inga! Ruf ihn auf keinen Fall an, lass ihn kommen, bat Anneli.

Inga seufzte. Ja, sie spielte verrückt, und das wusste sie. Also: Augen zu und durch. Auf der Arbeit war sie so produktiv wie nie, abends vergrub sie sich in eine Serie. Am nächsten Tag war das Fitnessstudio dran.

Und genau in dem Moment, als sie dachte, sie hätte Max vergessen, klingelte das Handy.

Na, Karamellchen, was hast du heute Abend vor?, hörte sie seine Stimme, als wäre nichts gewesen. Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache.

Wieso Karamellchen?, entfuhr es ihr alles, was sie ihm sagen wollte, war mit diesem Kosenamen wie weggeblasen.

Weil du doch gesagt hast, deine Haarfarbe heißt karamellblond… erklärte Max grinsend. Deswegen Karamellchen.

Inga lachte. Plötzlich war alles leicht und unbeschwert.

Spaziergang im Park? Ne schöne Dönerbude gibts auch, wie wärs? fragte Max locker.

Noch nie hätte Inga bei so einer Einladung Ja gesagt zum ersten Date Döner? Niemals! Erst recht nicht, ohne ein bisschen abweisend zu tun, aus Prinzip. Doch aus ihr sprudelte, ehe sie sich versah:

Klar, gern!

Sofort hatte sie Angst, sie hätte zu begeistert geklungen.

Perfekt, dann sehen wir uns um sieben im Stadtpark, sagte Max und legte auf.

Ingas Herz raste, sie war glücklich, aber ein kleiner Wurm nagte an ihr. Etwas störte sie…

Nicht mal angeboten, mich abzuholen, dachte sie, und kein Wort vom Taxi.

Noch nie war sie einfach zu Fuß zum Rendezvous geschickt worden alle Männer hatten sie immer mit Stil eingeladen. Trotzdem schob Inga die Zweifel beiseite heute war ihr Tag!

Das Date war großartig. Max kam fünf Minuten zu spät, machte aber so charmante und lustige Entschuldigungen, dass sie lachen musste. Noch nie hatte ein Döner so gut geschmeckt, der Spaziergang fühlte sich leicht an. Max war witzig, klug und neckte sie charmant sie lachte Tränen, als er plötzlich vorschlug:

Schenk deiner Freundin einen Porträt! rief ein Straßenmaler im Park.

Max grinste, schielte und erklärte: Ich male selbst, und überzeugte mit wenigen Worten den verwunderten Maler.

Anderthalb Stunden posierte Inga für Max, völlig frei von Ungeduld sie wollte, dass der Blick, mit dem er sie ansah, nie aufhörte.

Als Max ihr den fertigen Bild überreichte, sagte er leise: Das Original ist schöner, aber immerhin… Inga spürte ein Glück, das sie lange nicht mehr erlebt hatte ihr Max, ihr Künstler!

Zurück zu Hause war Inga voller Gedanken, voller Sehnsucht noch nie hatte sie so gefühlt. Sie hoffte, morgen würde er anrufen, und alles ginge weiter.

Als abends eine Gute-Nacht-Nachricht von Max kam, war sie so glücklich wie nie noch kein Mann war ihr so wichtig gewesen.

Am nächsten Tag allerdings kein Anruf. Auch zwei Tage später nicht. Inga hielt tapfer still, doch am fünften Tag konnte sie nicht mehr.

Hallo, Karamellchen!, meldete Max sich, als wäre nichts gewesen.

Willst du mir nicht mal was sagen?, fragte Inga ihre Stimme zitterte vor Entrüstung.

Warte… Stimmt! Fahr heute Abend zu mir., erklärte Max, völlig locker.

Seine selbstverständliche Art raubte ihr die Sprache. Sie wollte schroff antworten, vielleicht sogar absagen doch stattdessen erwischte sie sich, wie sie sagte: Klar, ich komme. Und begann, sich vorzubereiten.

Die Gedanken, dass er sie nicht mal abholte, wischte sie beiseite. Sie zog ihre schönste Unterwäsche an, schminkte sich, sprühte edles Parfum auf alles, um Max zu zeigen, dass sie keine gewöhnliche Frau war.

Als sie ankam, drückte Max ihr einen Beutel mit Tiefkühl-Maultaschen in die Hand:

Kochst du kurz, Karamellchen? Ich hole noch Mayo. Hab Kohldampf!, sagte er, zwinkerte ihr zu und war schon wieder weg.

Fast wie betäubt machte Inga sich an die Arbeit. Sie blickte sich um sauber war es nicht gerade. Hätte Max nicht wenigstens aufräumen können?

Als er zurückkam, sagte er im Scherz: Du hättest auch ruhig ein bisschen sauber machen können ich dachte, du bist eine richtige Hausfrau!

Max schlug sich die Maultaschen in den Bauch, Inga aß nichts. Sie wollte Max zeigen, wie schön sie war, hoffte auf Komplimente… Doch an dem Abend merkte Max nicht einmal ihr Parfum oder ihre Dessous. Trotzdem blieben sie zusammen, schauten Filme und Fotos, redeten viel.

Sie fing an, Max regelmäßig zu treffen. Mal war er fürsorglich spielte Gitarre, schenkte Blumen, schleppte sie ins Café. Doch das waren Ausnahmen, immer musste sie auf einen Anruf hoffen, und oft wurde sie versetzt. Manchmal rief sie selbst an, bekam eine Absage, weil Max zu keiner Zeit eine Verabredung über Freundetreffs oder Ausstellungen stellte.

Geld hatte Max selten. Immer wieder kam es dazu, dass Inga im Café bezahlte oder das Taxi spendierte dabei gönnte Max sich schon mal etwas, wenn er für ein Foto-Shooting oder ein verkauftes Bild Geld bekam.

Warum tue ich mir das an?, fragte Inga sich manchmal traurig. Die Antwort lag auf der Hand: sie liebte Max. Seine Stimme, seine Blicke, sein ganzes Wesen machten sie süchtig.

Max konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen und selbst, wenn Inga am nächsten Tag ein wichtiges Projekt hatte, rannte sie zu ihm.

Zieh doch zu mir, schlug Max eines Nachts vor.

Ingas Herz machte einen Sprung. Sie war sicher, dass jetzt alles besser würde. Denn dann waren sie doch endlich richtig zusammen! An seine Unzuverlässigkeit und das ständige Geldproblem dachte sie nicht mehr.

Doch auch ein gemeinsames Zuhause war kein Zaubermittel. Inga rackerte sich im Alltag ab Max fand sogar Gründe, ihr Vorwürfe zu machen, weil kein Essen auf dem Tisch stand oder die Küche unordentlich war. Und das, obwohl fast alles Geld von Inga kam.

Käse, Lachs, Obst das braucht doch kein Mensch!, schimpfte Max, nur um die Leckereien dann doch aus Ingas Vorräten zu naschen. Mehrmals stellte sie fest, dass ihr Frühstücksjoghurt am Morgen fehlte.

Inga spürte immer wieder, wie ihre Geduld bröckelte. Sobald Max das merkte, wurde er liebevoll: Plötzlich gab es kleine Aufmerksamkeiten, Blumen, Zeit nur für sie. Dann war alles wieder perfekt für einen kurzen Moment.

Eines Abends kündigte Max einen Überraschungsabend an. Inga wartete bis tief in die Nacht, Max ging nicht ans Handy. Erst am Morgen kam er heim angetrunken und bester Laune. Er wollte Inga umarmen, war beleidigt, dass sie abweisend reagierte. Klar, das mit der Überraschung sei nichts geworden, aber muss man deshalb so ein Gesicht machen?

Da dachte Inga zum ersten Mal, dass diese Beziehung keine Zukunft hatte. Aber der Gedanke, Schluss zu machen, schmerzte zu sehr. Sie hoffte immer noch auf Change.

Eines Morgens fühlte sich Inga schlecht, rief krank im Büro an.

Was ist denn jetzt?, fragte Max genervt, als er Inga bibbernd im Bett liegen sah. Ich wollte mit dir wegfahren. Na komm, ein bisschen Fieber ist kein Grund!

Ich brauche Medikamente… die Apotheke ist unten an der Ecke, bitte…, bat sie.

Karamellchen, jetzt stell dich mal nicht so an. Die Jungs warten schon, wir fahren für ein paar Tage nach Garmisch!, antwortete Max und küsste sie zum Abschied auf die Stirn. Er pfiff vergnügt, schnappte seine Sachen, und war weg.

Inga fühlte sich elend. Ob ihr die Hitze oder Max’ Gleichgültigkeit mehr zusetzte, wusste sie nicht. Doch in diesen Tagen kam ihre Entscheidung. Nach drei Tagen kam Max zurück, charmant wie eh und je, erzählte von seinen Erlebnissen, aber Inga war nicht mehr dieselbe.

Karamellchen, wohin mit all dem Gepäck?, fragte er, als sie ihre Sachen gepackt hatte.

Ich gehe, sagte Inga leise. Hilf mir bitte oder geh mir aus dem Weg.

Max versuchte, sie zum Bleiben zu bewegen, umarmte sie, redete auf sie ein und doch wusste Inga, das war das Ende. Sie weinte auf dem Rückweg im Taxi hemmungslos; Max rief an, doch sie hob nicht ab. Wie hatte sie sich so verlieren können?

***

Ingas Mutter, Helene, empfing sie wortlos mit offenen Armen. Sie hatte Max nie gemocht, aber sich nie eingemischt bis jetzt.

Er ist ein Nichtsnutz, Tochter, sagte Helene nur. Um die Ecke laufen so viele anständige Männer und du verknallst dich in so einen Kerl!

Wo soll ich die denn finden, Mama? Es gibt sie nicht! Ich will ja nicht an Max denken… aber ich seh ihn ständig vor mir, nachts.

Dann schau dich wenigstens mal richtig um!, meinte Helene. Nachbarsjunge Sebastian, zum Beispiel…

Inga lächelte gequält. Seit dem Studium versuchte die Mutter, sie mit Sebastian zu verkuppeln aber der ruhige Nachbar war nie ihr Typ gewesen.

Acht Jahre liebt er dich schon, von Schulzeit an. Er hat sich so gefreut, dass du wieder da bist!

Ich weiß, antwortete Inga, aber ich kann Sebastian nicht lieben. Er ist… langweilig.

Und Max? Der reißt dich vom Hocker, ja?, spottete Helene.

Auch nach dem Auszug aus Max Wohnung spürte Inga die Leere. Zwar machte Sebastian sich bemerkbar; er fuhr sie zur Arbeit, holte sie ab, bot Hilfe an. Es war angenehm, jemanden zu haben allein hätte sie die Trennung nie durchgestanden. Sebastian kümmerte sich rührend um sie, war hilfsbereit, zuverlässig. Er schickte ihr jeden Tag Nachrichten, machte Vorschläge für Ausflüge doch Leidenschaft spürte Inga bei ihm nicht. Nicht so wie bei Max. Doch Sebastian war einfach da.

Mama, Sebastian hat mir einen Antrag gemacht, gestand Inga einige Monate später.

Und du zögerst immer noch? Wartest du auf Max, dass er sich noch meldet?

Nein… aber es ist nicht Liebe, seufzte Inga.

Du hängst der alten Vorstellung nach, dass Liebe immer Herzklopfen und Ekstase bedeutet, sagte Helene sanft. Das ist ein Irrtum, mein Kind.

Inga zuckte mit den Schultern, dachte aber an die Worte ihrer Mutter. Sebastian hatte über ein Jahr gewartet, war immer für sie da. Sollte sie ewig auf die große Sehnsucht hoffen? Schließlich nahm sie Sebastians Antrag an.

***

Leben mit Sebastian war gar nicht so langweilig, wie Inga immer gefürchtet hatte. Ihr Mann liebte sie und er versuchte, ihr jeden Tag ein wenig bunter zu machen. Er arbeitete mehr, um ihr etwas bieten zu können, überraschte sie mit kleinen Aufmerksamkeiten, las ihr fast jeden Wunsch von den Augen ab.

Es war warm und sicher mit Sebastian. Doch lieben, wie sie Max geliebt hatte, konnte sie ihn nicht. Konnte man so glücklich werden?

Eines Tages stand ein Betriebswochenende in der Lüneburger Heide an mit Pool, Band und allem Drum und Dran. Inga freute sich darauf. Doch am Vorabend wurde sie krank hohes Fieber, der Arzt verordnete Bettruhe.

Ich kann nicht mit aber du solltest ruhig fahren, Sebastian, sagte Inga, sonst kommst du noch zu spät!

Wie bitte? Ich fahre doch nicht weg, wenn du mit Fieber im Bett liegst!, antwortete er verblüfft.

Aber du hast dich so darauf gefreut…!

Sebastian lachte und gab ihr ein Glas Wasser.

Trink, das hilft dir jetzt mehr, flüsterte er.

Inga sah ihn an. Er war weder ein romantischer Schwärmer noch ein virtuoser Sänger. Er war nicht wild wie Max, seine Berührungen waren sanft und vorsichtig. Und doch spürte sie jetzt etwas Helles, Warmes in sich.

Sebastian kümmerte sich um sie, brachte Medizin, machte kalte Umschläge, half beim Aufstehen, bereitete Tee und las ihr vor, wenn ihr langweilig war. Er schlich auf Zehenspitzen durchs Zimmer, damit sie schlafen konnte.

Obwohl sie sich körperlich miserabel fühlte, war ihr plötzlich leicht ums Herz. Sie wusste: Das Fieber würde vergehen. Aber dieses Gefühl würde bleiben.

Das ist Liebe, dachte Inga und lächelte ihn an.

Sebastian sog hörbar die Luft ein, als er ihr Lächeln sah.

Fühlst du dich besser?, fragte er voller Sorge.

Viel besser. So gut wie nie, flüsterte Inga und strich seine Hand.

Sebastian legte ihre Hand an seine Lips, küsste sie. Dann beugte er sich zu ihrem Ohr und wisperte ein leises Ich liebe dich zurück.

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Homy
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