Buchweizen statt Trüffel
Ich stehe gerade am Herd und sehe zu, wie das, woran ich nun zwei Stunden gearbeitet habe, langsam im Saucen-Topf gerinnt. Die sahnige Trüffelsauce zum Pilzrisotto sollte eigentlich seidig, homogen und fast lebendig sein. Doch stattdessen trennt sich die Sauce: Das Fett schwimmt oben, die dickliche Basis legt sich klumpig auf den Boden.
Ich drehe die Flamme herunter und beginne von vorn, würfle kalte Butter hinein, rühre im Kreis, ganz langsam. Meine Hände wissen noch, wie das geht. Draußen wird es dämmrig, auf der Straße glimmen bereits die Laternen, unten fahren Autos über die Bleibtreustraße in Berlin-Charlottenburg. Ein typischer Oktoberabend in Berlin.
Johanna, dauert es noch lange? Ich habe seit zwei Uhr nichts mehr gegessen.
Thomas steht in der Küchentür. Er steht immer so betritt den Raum nicht, bleibt mit beiden Händen in den Hosentaschen, das Gesicht mit diesem Ausdruck, den ich auch nach 23 Jahren Ehe nicht richtig benennen kann. Keine Ungeduld. Etwas anderes.
Noch zwanzig Minuten, sage ich, ohne mich umzudrehen. Die Sauce macht ein bisschen Probleme.
Zwanzig Minuten. Ah ja.
Er verschwindet. Ich höre, wie er sich im Wohnzimmer aufs Sofa setzt, den Fernseher einschaltet. Erst laut, dann sofort fast lautlos. Auch das ist eine seiner Botschaften, die ich gar nicht mehr bewusst entziffere.
Die Sauce wird schlussendlich doch noch. Nicht perfekt, aber fast. Das Risotto ist cremig, mit genau der richtigen Konsistenz. Ich richte alles auf dem Teller an, garniere es mit dünnen Scheiben von schwarzem Trüffel, gekauft auf dem Wochenmarkt in Charlottenburg. Für dieses Stück habe ich genauso viel ausgegeben, wie ich früher mit einer Freundin für ein Mittagessen in einem netten Café bezahlt hätte.
Ich stelle das Essen auf den Tisch und zünde Kerzen an. Nicht wegen der Romantik, sondern weil Essen im Kerzenschein besser aussieht. Auch ich sehe besser aus, die müden Linien um die Augen verschwimmen.
Thomas setzt sich, nimmt die Gabel und schaut auf seinen Teller.
Lange.
Schon wieder Risotto, sagt er schließlich.
Du wolltest doch was mit Pilzen.
Etwas mit Pilzen, ja. Aber musste es wieder Risotto sein? Letzte Woche habe ich bei Sebastian im Restaurant auch Risotto gegessen da ist ein echter Koch. Kein Vergleich.
Ich setze mich ihm gegenüber, nehme ebenfalls die Gabel.
Probier erst mal.
Er kostet. Kaut langsam, als würde er ein Gutachten erstellen.
Der Reis ist etwas zu weich.
Der Reis ist al dente, genauso wie er sein muss.
Wie du meinst.
Wir essen schweigend. Ich sehe auf die Kerzen, er auf seinen Tellerimmer noch mit diesem undurchschaubaren Ausdruck. Draußen lebt Berlin, in Eile, laut und voller Energie und weiß nichts von diesem Risotto.
Die Sauce ist etwas fettig, ergänzt er fast beiläufig, als der Teller schon fast leer ist.
Ich schweige.
Du fragst dich doch, warum ich das sage? Weil ich ehrlich sein will. Du willst dich doch verbessern als Köchin, nicht nur dich selbst loben.
Ich habe nicht gefragt, sage ich.
Eben. Ein Fehler.
Dann geht er, sieht Fußball. Ich räume ab, spüle das Geschirr, schabe die Sauce vom Topfboden. Trüffelsauce, die so viel wie ein gutes Parfum gekostet hat, die ich dreimal umgerührt habe für die perfekte Konsistenz, für die ich mir extra ein französisches Kochbuch gekauft habe für 35 Euro. Für die ich einmal quer durch die Stadt gefahren bin, bloß damit sie nicht beim Transport zerfällt.
Fettig.
Ich stütze die Hände ans Spülbecken und beobachte, wie das Wasser abläuft. Dann trockne ich die Hände, schalte das Licht aus und gehe ins Schlafzimmer.
Es ist ein ganz gewöhnlicher Abend.
***
Frau Ingrid Schulze, meine Schwiegermutter, kommt Samstag um drei vorbei. Sie ruft immer etwa vierzig Minuten vorher an genug Zeit, um das Wohnzimmer aufzuräumen und etwas zum Kaffee zu backen. Sie gehört zu diesen Menschen, die Unordnung sofort erfassen, sie aber nie direkt ansprechen, sondern eher mit dem Blick über die Fensterbank streichen.
Sie ist achtundsiebzig. Klein, drahtig, mit aufrechter Haltung, um die sie auch eine dreißig Jahre Jüngere beneiden könnte. Ihren Mann hat sie vor sechs Jahren verloren, seitdem lebt sie allein in ihrer Wohnung in Friedenau und will trotz Thomas Drängen nicht umziehen. Ich habe sie nie bedrängt, das wusste sie und ich ebenso. Und auch wenn wir nie darüber sprechen wir wissen es beide.
An diesem Samstag wirkt sie etwas blasser als sonst. Mir fällt es sofort auf, als ich die Tür öffne.
Kommen Sie rein, Frau Schulze. Ich habe einen Nusskuchen gebacken.
Danke, Johanna. Ist Thomas daheim?
Er ist zu Sebastian, will zum Abend zurück sein.
Sie nickt und läuft direkt in die Küche ungewöhnlich, sonst geht sie ins Wohnzimmer. Frau Schulze mag das Wohnzimmer, dort sitzt sie immer im Sessel am Fenster.
Ich schenke Tee ein, schneide Kuchen. Wir setzen uns gegenüber.
Wie gehts Ihnen? frage ich.
Ach, es geht schon. Ein bisschen zu hoher Blutdruck. Nichts Dramatisches.
Sie nimmt ein Stück Kuchen, kostet vorsichtig.
Lecker, sagt sie einfach und herzlich, so dass es mir für einen Moment die Kehle zuschnürt.
Wir schweigen. Frau Schulze nippt langsam am Tee, schaut aus dem Fenster. Draußen wiegen sich die Bäume, am Ende des Oktobers fast kahl.
Johanna, darf ich dich was fragen?, meldet sie sich.
Natürlich, nur zu.
Sie schaut mich lange an.
Du warst doch früher Designerin?
Damit habe ich nicht gerechnet.
Ja, das stimmt.
Gute Designerin?
Das sagte man zumindest.
Ich weiß, dass du es warst. Ich habe deine Projekte gesehen. Weißt du noch, du hast die Wohnung für die Ärzteecke in Prenzlauer Berg gemacht? Ich war mal bei deren Einzug dabei. Ich hab damals gedacht: So jemand, der sieht Räume.
Ich sehe sie an.
Worauf wollen Sie hinaus, Frau Schulze?
Sie stellt die Tasse ganz vorsichtig ab so wie Menschen, die ihr Leben lang gelernt haben, keine Geräusche zu machen, keine Bewegung, die zu viel war.
Ich schäme mich, sagt sie leise.
Ich weiß nicht, was ich darauf sagen kann. Frau Schulze war nie eine, die solche Worte benutzte. Sie ist eine von denen, die über Wichtiges zu schweigen gelernt haben.
Ich hätte es dir früher sagen sollen. Viel früher. Vielleicht schon vor zehn Jahren, als du aufgehört hast zu arbeiten. Ich hab gedacht, es ist nicht mein Platz. Vielleicht wolltest du es ja selbst. Was weiß ich.
Sie blickt auf ihre Hände, die auf dem Tisch ruhen. Schön, lang und gepflegt, selbst im Alter.
Thomas mag keine aufwendigen Gerichte.
Ich glaube, ich habe mich verhört.
Was?
Er mochte sie nie. Sein Magen war schon als Jugendlicher empfindlich. Schon vor dreißig Jahren riet ihm der Arzt: einfach essen. Brei, Suppe, gekochtes Fleisch. Am liebsten mochte er immer Frikadellen mit Buchweizen. Das hat er als Kind fast jeden Tag gegessen. Einfach und mit Butter. Darauf hätte er immer verzichten können.
Die Küche wird still. Nur der Kühlschrank summt irgendwo, wie das Leben in einer fremden Wohnung.
Warum dann , beginne ich, und meine Stimme klingt fremd.
Warum hat er nach Gänseleber oder Trüffel gefragt, warum hat er gesagt, die Sauce sei nicht seidig genug … Sie beendet meinen Satz.
Frau Schulze sieht mich an, und in ihrem Blick liegt etwas, das mich frösteln lässt. Keine Wut. Auch kein Mitleid. Etwas viel Tieferes.
Weil ihm der Ablauf gefiel. Es gefiel ihm, dich sich bemühen zu sehen. Zu sehen, wie du dich abmühst, Zeit, Geld und Energie investierst und dann auf sein Urteil wartest. Es gefiel ihm zu sagen, dass es nicht gut genug sei. Das gab ihm ein Gefühl der Überlegenheit.
Ich stelle meine Tasse langsam ab.
Sie wissen, was Sie da sagen?
Ja. Ich habe darüber lange nachgedacht, bevor ich heute herkam.
Und Sie haben zehn Jahre geschwiegen?
Ich habe achtunddreißig Jahre geschwiegen. Seitdem dein Schwiegervater das mit mir gemacht hat.
Herr Karl Schulze, ihr Mann, Thomas Vater. Ich habe ihn kaum gekannt, er starb im Jahr nach unserer Hochzeit. Ich erinnere mich an einen großen, lauten Mann mit guten Manieren in der Öffentlichkeit.
Er war auch ein Genießer, sagt sie ruhig, aber ich höre Bitterkeit in der Stimme. Auch ich habe immer gekocht, mich bemüht, und auch ich hörte oft: zu fettig, zu trocken. Bis ich einmal zusah, wie er bei seiner Mutter auf dem Land Buchweizen mit Butter isst. Drei Portionen. Einfach so. Glücklich, still, nichts zu beanstanden.
Ich höre zu, während draußen der Regen auf die Fensterscheiben trommelt.
Da habe ich es verstanden. Aber ich bin nicht gegangen. Damals waren andere Zeiten. Und Thomas hat gesehen, wie man damit umgeht. Dass man damit jemanden festhalten kann. Und diesen Trick hat er übernommen.
Er macht es absichtlich, sage ich, kein Fragezeichen bleibt.
Ich glaube nicht, dass er jedes Mal plant, dich kleinzuhalten. Die Leute leben, wie sie es gelernt haben. Wie sie sich selbst bedeutsam fühlen können auf Kosten anderer.
Ich stehe auf. Nicht weil ich gehen will, ich halte es im Sitzen einfach nicht mehr aus. Ich stelle mich ans Fenster, schaue auf den nassen Bürgersteig, auf die Menschen unten mit Regenschirmen.
Zehn Jahre.
Zehn Jahre habe ich Kochkurse gemacht erst Basis, dann Fortgeschrittene, dann Spezialkurse in französischer und italienischer Küche. Ich habe Bücher gelesen, Videos geschaut, mit Köchen geschrieben. Extra für bestimmte Sachen auf den Wochenmarkt, immer zu bestimmten Händlern. Wein gekauft, Aromenkombinationen ausprobiert. Bin manchmal nachts aufgewacht mit dem Gedanken, endlich die richtige Methode für diesen oder jenen Saucenansatz gefunden zu haben.
Ich dachte, das sei mein neuer Beruf. Mein neues Lebensziel. Ich war überzeugt, nachdem ich das Design aufgegeben hatte, einen ebenso wahren Ersatz gefunden zu haben.
Und er? Innerlich isst er Buchweizen. Immer.
Warum sagen Sie mir das jetzt? frage ich leise, ohne mich umzuwenden.
Weil ich alt bin, sagt Frau Schulze einfach. Und du noch jung bist. Zweiundfünfzig ist kein Alter, das ist fast der Anfang.
Ich drehe mich um. Ihr Blick ist offen. Kein Mitleid. Genau das zählt.
Außerdem, fährt sie leiser fort, bin ich mit schuld. Nicht im Sinne von Absicht, sondern weil ich ihn so großgezogen habe. Ich habe ihm kein anderes Vorbild geboten. Habe so gelebt, wie ich es konnte. Und er glaubte, das sei normal. Das ist meine Schuld. Wenigstens das kann ich dir sagen die Wahrheit.
Ich gehe zurück zum Tisch, setze mich, nehme den abgekühlten Tee.
Er wird sich nicht ändern, sagt sie. Mach, was du denkst. Aber du solltest Bescheid wissen.
Wir trinken den Tee fast schweigend aus. Dann zieht sie ihren Mantel an, ich helfe ihr beim Knöpfen, denn manchmal sind ihre Hände schon zu zittrig.
Der Nusskuchen war wirklich gut, sagt sie zum Abschied an der Tür.
Danke.
Ganz einfach. Hausgemacht. Der beste Kuchen, den du je für mich gebacken hast.
Sie geht. Ich stehe noch lange im Flur, blicke auf Thomas Jacken an der Garderobe.
***
In den folgenden zwei Wochen koche ich weiter, wie immer. Fast mechanisch, wie ein Uhrwerk. Ich bereite Enten-Terrine zu, mache Hummersuppe dafür fahre ich extra quer durch die Stadt. Versuchs mit einem japanisch inspirierten Dessert, das ich im Frühjahr im Kurs gelernt habe.
Thomas isst. Krittelt. Ich höre, sage nichts.
Aber innerlich verändert sich etwas. Es steht ein Glas zwischen mir und dem Alltag. Ich sehe mich selbst: wie ich am Herd stehe, Zitronenzeste reibe, Safran hinzufüge, einen Teller anrichte und wieder warte. Und wieder. Wie er die Gabel nimmt. Und ich beobachte sein Gesicht, noch bevor er etwas sagt, wie er auf den Teller blickt.
Und diesmal sehe ich, was mir früher entging.
Genuss.
Nicht am Essen, sondern am Warten auf seine Bewertung. An dem Moment, in dem er wieder urteilen kann und ich mich verkrampfe. Ja, da ist es, dieses Gesicht fast wie ein Kind kurz bevor es an einer Schnur zieht.
Ich erinnere mich an meine Designprojekte. Daran, wie ich in einen Raum kam und das große Ganze gleich sah, als ob alles schon bereit war, nur darauf wartete, von mir entdeckt zu werden. Wie ich mit Kunden sprach, zwischen den Zeilen hörte, was sie eigentlich wollten. Wie zufrieden ich war, wenn sie nach Fertigstellung im neuen Raum standen und einfach schauten.
Ich hatte ein eigenes Atelier, ein kleines Büro an der Kantstraße, mit zwei anderen Designerinnen angemietet. Wir tranken schlechten Kaffee aus einer alten Maschine und diskutierten abends über Farben und Stoffe.
Thomas meinte: Das ist kein richtiger Job. Man müsse sich entscheiden: Familie oder Baustellen. Er verdiene genug, ich müsse nichts arbeiten, und mit den Kunden sei ja eh alles schwierig. Jemand müsse auch zu Hause sein.
Ich hab mich für die Familie entschieden. Mit zweiundvierzig. Ich dachte, ich kann ja später wieder neu anfangen.
Zehn Jahre sind vergangen.
Ich schnappe mir das Handy und schreibe Anne Vortmann. Wir arbeiteten einmal zusammen, sie hat noch immer ein kleines Designbüro. Wir haben uns gelegentlich geschrieben, mehr nicht.
Hallo Anne, wollte mich mal wieder melden hättest du Lust, dich zu treffen?
Sie antwortet nach einer halben Stunde.
Jo! Sofort! Morgen?
***
Wir sitzen im Café an der Savignyplatz. Anne sieht fast aus wie früher. Haare kürzer und silbergrau, was ihr sogar steht.
Du siehst gut aus, sagt sie.
Du kannst nicht lügen, antworte ich.
Sie lacht.
Okay: Du siehst müde aus. Aber gut.
Wir bestellen Kaffee. Ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll, starre einfach aus dem Fenster.
Anne, hast du vielleicht Arbeit? Also für mich?
Sie sieht mich lange an.
Du meinst das ernst?
Absolut.
Du hast zehn Jahre nicht gearbeitet.
Ich weiß. Aber verlernt habe ich es nicht hoffe ich.
Anne schweigt, dreht die Tasse langsam.
Ich habe gerade drei Projekte, ein großes Haus am Stadtrand, da könnten zwei Hände nicht schaden. Aber ehrlich: Zu Beginn bist du wie eine Praktikantin, Johanna. Nicht weil du schlechter bist, sondern weil Programme und Kunden sich verändert haben. Gehts für dich?
Ja.
Und was willst du verdienen?
Sag du erst mal, was drin ist.
Anne mustert mich lange, sieht offenbar genug, was sie überzeugt.
Okay. Ab Montag, schauen wir mal.
Montag gehe ich zum Büro. Drei Wochen lang jeden Tag von neun bis sechs, manchmal länger. Ich lerne die neuen Programme, erinnere mich an früheres Wissen. Manchmal mache ich dumme Fehler und ärgere mich, aber etwas kommt zurück. Wie Schwimmen der Körper erinnert sich, auch wenn der Kopf zweifelt.
Zu Hause koche ich jetzt Buchweizen.
Beim ersten Mal fast aus Versehen. Kam spät nach Hause, todmüde, hatte keine Lust auf Kochkunst. Der Kühlschrank war voll mit Zutaten für ein besonders raffiniertes Gericht, aber ich griff in den Schrank. Buchweizengrieß. Eine Dose Corned Beef, Butter fertig.
Ich kochte Buchweizen, mischte Corned Beef und Butter dazu. Im Teller. Rief Thomas zum Essen.
Er schaute auf den Teller, als habe ich ihm ein Rätsel gestellt.
Was ist das?
Buchweizen mit Corned Beef.
Ja, schon. Gehts dir gut?
Bin nur müde. Morgen koche ich wieder was Neues.
Er setzte sich, nahm den Löffel. Ich wartete.
Er aß schweigend. Bis zum letzten Bissen, ohne Kommentar.
Ich sah ihm nach und dachte an Frau Schulzes Worte. An das Dorf, an die drei Portionen, an das stille Glück zuhause.
Thomas war satt, stand auf, ging. Sagte nichts. Weder schlecht noch gut.
Auch das war eine Antwort.
***
Das Gespräch fand zwei Wochen später statt. Ich kehre von der Arbeit heim, fahre mit dem Aufzug, denke an ein Farbschema für das Hausprojekt. Türe auf, Schuhe aus. Aus dem Wohnzimmer tönt der Fernseher.
Wo treibst du dich rum?, fragt Thomas, ohne sich umzudrehen. Es ist schon acht.
Ich war arbeiten.
Wieder bei Anne.
Das ist jetzt mein Beruf, Thomas.
Er schaltet den Fernseher aus, dreht sich um.
Johanna. Das war nicht unser Deal.
Welcher nicht?
Dass du den ganzen Tag weg bist. Wir haben eine Familie. Was essen wir? Der Kühlschrank ist leer.
Da sind Eier, Kartoffeln, Aufschnitt. Kann man braten.
Er blickt mich an, als hätte ich eine fremde Sprache gesprochen.
Spinnst du?
Nein. Ich sage nur, was da ist.
Wo sind denn deine Trüffel und Saucen? Du kannst doch kochen!
Ich stelle meine Tasche hin, hänge den Mantel weg.
Ich will ruhig reden, Thomas. Kommst du klar damit?
Worüber?
Über uns. Über die letzten Jahre. Was in dieser Wohnung passiert.
Seine Schultern zucken nach vorne, der Blick wird schmal.
Was soll da sein? Ich arbeite, du bist zuhause.
Ich bin nicht mehr nur zuhause. Und das wird auch nicht wieder so.
Na super. Einfach entschieden. Ohne Rücksprache.
Ich versuche jetzt gerade mit dir zu reden.
Er steht auf, geht ans Fenster, dann zurück.
Johanna, ich verstehe das nicht. Wir hatten doch ein normales Leben. Du hast gekocht, ich habe bewertet. Das war unsere Welt.
Deine Welt, Thomas. Nicht meine.
Ach, jetzt hat Mama dir was ins Ohr gesetzt, oder? War ja klar. Die kommt hierher und stiftet nur Unruhe.
Ich sehe ihn an. Diesen Menschen, mit dem ich 23 Jahre lebe, in seiner Berliner Altbauwohnung, die ihm von seinen Eltern vererbt wurde und in der ich mich nie ganz zuhause fühlte. Alles gehörte ihm: die hohen Decken, die Möbel, geerbt und ausgesucht vor meiner Zeit. Ich habe nie etwas verändert, obwohl ich als Designerin sofort gesehen habe, wie es schöner ginge.
Deine Mutter hat einfach nur die Wahrheit gesagt mehr nicht, sage ich ruhig.
Welche Wahrheit bitte? Dass sie eine alte Frau mit Hang zum Drama ist?
Dass du einfache Küche liebst. Dass dein Magen empfindlich ist. Dass du schon immer Frikadellen mit Buchweizen wolltest.
Pause.
Kurz, aber sie ist da.
Quatsch, sagt er.
Du hast es ohne Murren gegessen, vor zwei Wochen.
Weil ich Hunger hatte!
Thomas, stopp bitte. Einfach mal kurz anhalten.
Er hält an, sieht mich an.
Ich will keinen Streit. Ich will nur ehrlich sprechen. Bist du bereit? Bist du bereit, anders zu leben? Nicht wie die vergangenen zehn Jahre?
Etwas blitzt ehrlich in seinem Blick auf.
Anders wie?
Wie Gleichberechtigte. Du arbeitest, ich arbeite. Mal gibts einfaches Essen, mal aufwendigeres. Kein Grund, sich klein zu machen. Wir sagen, was wir wirklich denken, ohne Machtspielchen.
Langes Schweigen.
Ich habe dich nie klein machen wollen, sagt er leise. Ich sage halt, was ich denke. Bin ehrlich.
Thomas.
Was?
Ein ehrlicher Mensch tut nicht so, als würde er Trüffel bevorzugen, während er eigentlich Buchweizen liebt.
Stille.
Das war nicht ehrlich. Kein Groll. Einfach Tatsache.
Er antwortet nicht, verschwindet ins Schlafzimmer und schließt die Tür. Ohne Knall ein Zeichen, dass der Streit nicht kindisch sein soll. Nur sanft geschlossen.
Ich gehe in die Küche, brate Kartoffeln. Esse allein am Küchentisch, höre, wie er im Schlafzimmer auf und ab läuft.
***
Die nächsten Monate gleichen dem langsamen Schmelzen von Eis. Kein Drama, kein Film einfach, fast unmerklich, fallen Stück für Stück die Muster ab, die uns bisher an bestimmte Rollen gefesselt haben.
Thomas probiert Verschiedenes.
Zuerst ist er gekränkt. Geht wie ein Verletzter herum, wartet, dass ich ankomme, frage, Frieden stiften will. Mache ich nicht. Koche einfache Gerichte: Suppe, Frikadellen, Kartoffeln. Halte die Wohnung sauber, gehe arbeiten, kehre abends zurück.
Dann wird er sanft. Bringt einmal Tulpen im November mit, gekauft an der S-Bahn, sagt, er hat mich vermisst, eigentlich könnten wir mal wieder gemeinsam ausgehen. Ich sage ja zum Restaurant. Es wird ein netter Abend, er hört zu, lacht. Ich denke, vielleicht verändert sich etwas.
Doch am nächsten Tag fragt er, warum das Essen für seine Freunde am Wochenende nichts Besonderes sei. Einfach so, ohne bösen Ton.
Ich mache Pasta und Salat, sage ich.
Pasta? Im Ernst?
Ganz ernst.
Sein Blick ja, ich erkenne es. Das Gesicht. Er weiß noch nicht, dass ich es jetzt sehe.
Dann kommen echte Streits. Mit lauter Stimme, mit Aufzählung all dessen, was er mir gegeben hat: die Wohnung, das Geld, die Freiheit zu kochen. Alles als Investitionen, die ich jetzt nicht rückzahle.
Du hast investiert, sage ich ruhig. Aber ich bin kein Werk. Ich bin ein Mensch. Investitionen in Menschen funktionieren anders.
Er versteht es nicht. Oder will nicht verstehen.
Frau Schulze ruft weiterhin jede Woche an. Kurze Gespräche, nie aufdringlich, manchmal sagt sie nur Bleib stark oder ein einfaches Du machst das toll. Einmal fragt sie:
Ist er sauer auf mich?
Ein bisschen, antworte ich.
Er darf. Aber du sollst wissen ich stehe auf deiner Seite. Das hatte ich mein Leben lang für niemand gehabt.
Ich verstehe.
Im Dezember bekomme ich von Anne das erste eigene Projekt. Eine kleine Wohnung in Kreuzberg für eine junge Familie. Ich soll das Konzept machen und bis zum Schluss begleiten. Ich schlafe einige Nächte kaum. Nicht, weil ich nichts mehr weiß sondern weil ich Angst habe, es nicht mehr gut zu können.
Doch ich kann es noch.
Die Kundin, etwa dreißig, betritt die fertige Wohnung, bleibt im Türrahmen stehen. Schweigt eine halbe Minute. Dann dreht sie sich um und sagt zu mir:
Sie sind ein Zauberer.
Ich weiß wieder, wie sich das anfühlt.
***
Im Februar verstehe ich, dass es für Thomas und mich keinen Weg mehr gibt. Nicht, weil ich nicht wollte. Ich habe ihm eine Chance gegeben, geredet, bin geblieben, habe keine Scheidungspapiere besorgt, keine Anwaltsgespräche gesucht. Aber Artikel über toxische Beziehungen ploppen immer häufiger in meinem Handy auf ich lese, erkenne mich wieder. Ich bleibe, versuche noch, etwas aufzubauen auf den Trümmern.
Aber er will nichts Neues.
Er will, dass ich zurückkehre nicht zu mir, sondern zu der, die ihn spiegelt, stärkt, Bedeutung gibt. Kein Partner, sondern ein Spiegel für sein Selbstbild.
Wie erkennt man, dass der Mann manipuliert? Vielleicht genau so: Dass ihm nicht dein Glück, Erfolg oder deine Freude wichtig sind, sondern nur, dass du seine Bewertung erhoffst. Ohne dieses Warten weiß er nicht, wer er ist.
Thomas war kein schlechter Mensch. Er trank nicht, schlug nicht, brachte sein Gehalt, betrog mich, so weit ich weiß, nie. Vielleicht liebte er auf seine Weise oder was immer er für Liebe hielt.
Aber leben konnte ich so nicht mehr. Nicht weil es weh tat, sondern weil ich immer mehr schrumpfte, verschwand. Nicht mehr wusste, wer ich einmal war.
Im März reiche ich die Scheidung ein.
Thomas glaubt es erst nicht, versucht dann zu diskutieren, wird wütend, versucht es erneut. Frau Schulze besucht ihn, und ich weiß nicht, was sie zu ihm sagt, aber danach ist alles irgendwie vorbei. Nicht akzeptiert, aber abgeschlossen. Er wird kalt, fremd.
Die Wohnung gehört ihm; das wusste ich von Anfang an. Ich ziehe zu einer Freundin, Elisabeth, wohne drei Monate bei ihr, bis ich etwas Eigenes finde. Im Juni steht ein kleiner Altbau in Friedrichshain bereit. Zwei Zimmer, Blick auf eine kleine Straße nicht so schick wie die Bleibtreustraße, aber echt, ehrlich.
Ich renoviere alles selbst, klein, aber voller Freude jedes Detail wähle ich eigenhändig aus. Ich weiß jetzt, was ich will. Habe es lange geahnt. Nur nicht gefragt.
***
Ein Jahr ist vergangen.
Jetzt ist April. Ich bin dreiundfünfzig. Draußen vor meinem Fenster in Friedrichshain blüht irgendetwas Weißes an den Bäumen; ich weiß nicht wie es heißt, aber jedes Morgen schaue ich beim Kaffee darauf.
Kaffee mache ich inzwischen ganz schlicht, in der Stielkanne. Gute Bohnen, kein Zauber.
Anne hat mich im Januar als vollwertige Partnerin ins Büro geholt. Jetzt haben wir vier Projekte, zwei davon betreue ich eigenständig. Ich schlafe wieder normal. Wache manchmal auf, denke an Räume, Lichtverhältnisse, Ecken in fremden Wohnungen. Ein gutes Aufwachen aus Neugier, nicht aus Angst.
Frau Schulze ruft weiterhin jede Woche an. Neulich war ich bei ihr in Friedenau, brachte eine Torte. Wir tranken Tee, sprachen lange, über dies und das. Sie erzählte von ihrem Mann, von den Jahren des Schweigens. Ich dachte an generationsübergreifende Verletzungen. Wie eine unglückliche Lebensgeschichte die nächste prägt, bis jemand sagt: Halt, Stopp.
Frau Schulze konnte für sich selbst nie stoppen. Aber half mir dabei. Das ist viel.
Thomas lebt weiterhin in der alten Wohnung. Manchmal schreiben wir kurz wegen Unterlagen. Bekannte sagen, er besuche Kochkurse. Ob das stimmt? Vielleicht, Menschen verändern sich, wenn niemand mehr zu beeindrucken ist.
Ich denke selten an ihn. Manchmal, in einem Feinkostladen, sehe ich ein Glas schwarze Trüffel, stehe kurz davor und empfinde etwas nicht Trauer, nicht Lachen, irgendwie beides. Das sind zehn Jahre Leben, die verschwinden nicht einfach.
Aber ich bleibe nicht stehen.
Im September letztes Jahr habe ich Andreas kennengelernt. Erst als Kunden er wollte die Wohnung umbauen nach dem Tod seiner Frau. Sie war an Krebs gestorben, zwei Jahre zuvor. Die Wohnung noch voll ihrer Bilder, aber er bat: Nicht wegräumen ich will nur mehr Helligkeit. Mehr Luft.
Das verstand ich sofort.
Er ist vierundfünfzig, arbeitet als Ingenieur und konstruiert Brücken für ein Planungsbüro. Oft denke ich: Er baut Brücken, ich Räume. Da schwingt was mit.
Er ist ruhig. Nicht leise, sondern solide, zugewandt. Hört zu, sieht einen an, lacht, wenn es passt. Will nicht bedeutender erscheinen als er ist.
Beim zweiten Termin fragt er: Darf ich Sie nachher auf einen Kaffee einladen?
Wir gehen Kaffee trinken. Machen später einen Spaziergang. Dann ins Kino zu einem französischen Film. Er lacht leise, und ich merke, dass ich vergessen hatte, wie schön es sein kann, einfach zu zweit zu sein.
Wir treffen uns seit einigen Monaten. Langsam, ohne Eile. Beide wissen: Wir müssen nichts überstürzen, wir haben schon genug erlebt.
Freitags kommt er zu mir.
***
Heute ist Freitag.
Ich komme um sechs nach Hause, räume Einkäufe weg. Habe Hähnchenschenkel besorgt, Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren, etwas Dill. Saure Sahne.
Aus Hähnchenkeulen, Gemüse und Kartoffeln entsteht ein schöner Ofenauflauf keine Quiche, kein Pie, einfach: geschichtete Kartoffeln, Hähnchen, Gemüse, alles mit saurer Sahne und Dill, ab in den Ofen. Nach einer Stunde ist es fertig.
Das mache ich immer, wenn ich Hausessen will. Kein Showgericht. Zuhause eben.
Während der Auflauf backt, ziehe ich mich um. Der Duft durchzieht die Wohnung Zwiebeln, Butter, Hähnchen, ein Hauch Knoblauch. Es riecht nach Kindheit bei Oma. Habe das zwanzig Jahre lang nicht gedacht.
Um sieben klingelt Andreas.
Ich öffne. Er stellt eine Tasche ab. Obenauf liegt eine Flasche Wein.
Hallo, sagt er.
Hallo. Riechts nach Essen?
Er schnuppert.
Kartoffeln mit … irgendwas Gutem?
Auflauf. Noch eine Stunde.
Super, sagt er, zieht die Jacke aus. Ich habe Wein mitgebracht. Und, er kramt, das hier.
Eine kleine Pralinenschachtel einfache Milchschokolade mit Haselnüssen, aus dem Supermarkt.
Du magst die mit Nuss, oder?
Ich nehme die Schachtel.
Woher weißt du das?
Du hast es im September einmal erwähnt, als wir an einem Konditorei-Schaufenster vorbeigingen.
Ich halte sie in der Hand, bin gerührt.
Du merkst dir das, sage ich.
Ich geb mir Mühe, sagt er. Ganz unprätentiös.
Wir gehen in die Küche. Ich kontrolliere den Auflauf noch zehn Minuten. Er öffnet Wein, gießt uns je ein Glas ein, setzt sich auf den Hocker.
Wie läuft das Projekt? Das auf der Auguststraße?
Anstrengender Kunde. Will sofort alles fertig und günstig.
Kommt vor.
Kommt vor, gebe ich zurück. Am Ende wirds sowieso gut. Die fünf Meter hohen Decken muss man ausnutzen.
Er nickt. Sieht zu, wie ich in Töpfen rühre.
Johanna?
Hm?
Bist du glücklich? Jetzt, im Moment.
Ich sehe ihn an. Sein Blick ist ernst, offen.
Gerade jetzt? Ja. Ich glaube, ja.
Gut, sagt er und weiter nichts.
Der Auflauf ist fertig. Ich lasse ihn kurz ziehen, streue frischen Dill darüber und stelle ihn auf den Tisch. Keine Kerzen, einfach die Lampe.
Andreas schaut auf das Essen.
Sieht schön aus, sagt er.
Das ist einfach ein Auflauf.
Er duftet toll. Und sieht gut aus. Kannst du eigentlich auch hässlich kochen?
Ich muss lachen.
Habs noch nie probiert.
Wir essen. Er nimmt Nachschlag hält einfach seinen Teller hin, kommentarlos. Wir unterhalten uns über seinen Job, über seine Tochter, die er nächsten Monat in Hamburg besucht. Ich erzähle, dass ich im Sommer einfach mal irgendwohin will, einen Tapetenwechsel. Er schmunzelt, sagt, Finnland sei ruhig.
Später trinken wir Tee, essen die Schokolade aus der einfachen Schachtel.
Draußen ist Berlin ein lebendiges April-Berlin, der Geruch nasser Straßen und blühender Bäume dringt herein. Die Zweige vor dem Fenster wiegen sich leicht im Wind.
Ich denke: Genau das ist es. Kein Fest, kein großes Ereignis. Nur ein Abend. Ein warmer Mensch, ein Essen, das nach Zuhause schmeckt und zum ersten Mal kein Warten auf ein Urteil.
Manchmal denke ich an die Jahre Trüffel, Hummersuppe, zerfallene Saucen. Die Energie, die ich investiert habe, um einmal zu hören: zu fettig. Ich bin traurig um die Zeit, um die Frau, die ich damals war. Doch das lange Bedauern erspare ich mir heute.
Der Selbstwert einer Frau das ist keine gegebene Größe wie Körpergröße oder Augenfarbe. Nein, das wächst, bröckelt, wird neu gebaut. Manchmal beginnt es mit zweiundfünfzig in einem fremden Büro, wenn man ein neues Programm lernen muss und sich ärgert, aber bleibt … und langsam wieder Räume sieht.
Persönliche Grenzen ein schickes Wort. Ich mag Moden nicht. Aber das, was dahintersteht, kenne ich jetzt. Es ist das Wissen, wo ich ende und jemand anderes anfängt. Keine Mauer. Einfach: das ist meins.
Das einfache Rezept für Glück? Vielleicht wirklich einfach: Das tun, worin man gut ist. Mit Menschen, die einen sehen. Das essen, worauf man Lust hat. Kein Urteil erwarten.
Woran denkst du?, fragt Andreas.
Ich sehe ihn an sein ruhiges Gesicht, den Tee.
An den Auflauf, sage ich.
Er lacht.
Gutes Thema.
Das Beste. Ich grinse. Noch Tee?
Gern.
Ich stehe auf, schenke ihm nach, gieße mir ein. Stelle die Kanne zurück, sehe hinaus auf die weißen Zweige.
Andreas.
Hm?
Du wirst mir nie vorhalten, dass ich versalzen habe, oder?
Er blickt mich an.
War nicht versalzen, sagt er ernst. War super.
Und falls es mal zu salzig wird?
Er überlegt kurz.
Dann sage ich: Beim nächsten Mal etwas weniger und esse trotzdem auf.
Ich nicke.
Gute Antwort.
Ich geb mir Mühe, sagt er, greift nach der letzten Praline. Darf ich?
Bedien dich, sage ich.
Draußen rauscht Berlin ruhig, der Ofenduft hängt noch in der kleinen Küche, auf der Fensterbank steht eine Pflanze, die ich letzte Woche gekauft habe einfach, weil ich die Blätter schön fand.
Ich habe sie gekauft.
So lebe ich jetzt.





