Das schicksalhafte Pfützenabenteuer

Schicksalspfütze

Weißt du, bei uns zu Hause liefen die Samstage immer gleich ab. Martin stand um halb acht auf, kochte Kaffee für die ganze Familie, holte die Schrippen heraus, die Clara am Tag zuvor bei der Bäckerei an der Ecke bestellt hatte, und ließ sich mit seinem Tablet an den großen Küchentisch nieder, um Nachrichten zu lesen. Ein ganz eigenes Ritual seine eine Stunde Stille, bevor das Haus erwachte und überall Stimmen, Pfannenklappern und Musik erklangen.

Aber an diesem Samstag war die Stille schneller zu Ende.

Clara kam schon zurechtgemacht in die Küche ein Hauch Make-up, ein edler Seidenmorgenmantel, das Handy in der Hand. Die Haare kunstvoll unordentlich hochgesteckt, wie es nur nach langem Üben unbeschwert aussieht. Sie goss sich Kaffee ein, stellte die Tasse klackernd auf die Granitplatte und sagte, ohne Martin anzusehen:

Ich brauche am Montag das Auto. Früh.

Martin hob den Blick vom Bildschirm.

Am Montag gehts wirklich nicht, Clara. Hab ich doch schon gesagt.

Du sagtest irgendwas von Kontrolle oder was aber es bedeutet nicht, dass du mich nicht kurz zum Salon bringen kannst.

Doch, genau das heißt es. Montag kommt die Prüfungskommission aus der Zentrale. Vielleicht sogar Frau Dr. Adler persönlich. Ich muss um acht da sein, pünktlich, kapierst du? Acht Uhr!

Clara stellte ihre Tasse mit leichtem Klirren ab.

Martin, ich hab um neun einen Termin zum Färben. Drei Wochen warte ich da drauf. Weißt du, wie schwer es ist, bei Miriam überhaupt einen Slot zu bekommen?

Nimm doch ein Taxi.

Ich will kein Taxi. Du weißt, wie ich auf fremde Autos reagiere. Da riecht es immer komisch.

Martin klappte das Tablet zu. Clara kannte diese Geste. So machte er es immer, wenn ihn etwas nervte und er sich Mühe gab, ruhig zu bleiben.

Clara, ich kann nicht meine Arbeit riskieren, nur weil du neue Strähnchen brauchst. Wenn am Montag etwas schief läuft…

Da läuft nichts schief. Du bist zehn Jahre bei der FIRMTEC, da passiert nix.

Jeder ist ersetzbar. Und red nicht so leicht dahin. Du hast keine Ahnung, wie das läuft.

Aus dem Flur tauchte Johanna auf. Vierzehn, verstrubbelte Haare, verschlafene Augen. Sie goss sich Wasser ein, stellte sich ans Fenster, blickte hinunter auf die Hauptstraße und fragte, ganz ruhig:

Streitet ihr wieder?

Wir diskutieren nur, sagte Clara.

Ist doch das gleiche, entgegnete Johanna und verschwand wieder in ihrem Zimmer.

Die Stille in der Küche wurde dichter. Draußen rauschte der Oktober durch München, grau, nass, die Blätter lagen wie alte Teebeutel auf dem Asphalt. Martin stand auf, stellte seine Tasse in die Spüle.

Ich bestell dir ein gutes Taxi, okay? Kein Billig-Tarif.

Clara zuckte die Schultern. Eine echte Zustimmung war das nicht. Aber sie verzichtete auf den Kleinkrieg, schnappte sich das Handy und verließ die Küche. Der Duft ihres Parfüms lag noch lange zwischen Martins Gedanken und Johannas leerem Glas.

Sie wohnten am Ostring, oben, fünfter Stock, Altbau, hohe Decken, Blick über den Ostpark. Vier Zimmer, zwei Bäder, offene Küche mit Insel all das hatte Martin vor sieben Jahren gekauft, nachdem er zum Entwicklungsleiter bei FIRMTEC befördert wurde, ein Großhandel für Baustoffe. Kein Glamour-Business, wie Clara gern ihrer Freundin Jule erzählte, aber bezahlt gut, der Mann ist beschäftigt, das ist entscheidend.

Clara selbst arbeitete nicht mehr, seit sie Johanna bekommen hatte acht Jahre etwa. Früher war sie im Marketing, hatte da ein paar Jahre Kunden betreut, dann wie sie sagte das Gesicht der Agentur bei Kundenpräsentationen gegeben. Als Martin dann so richtig gut verdiente, stieg sie ohne großen Kummer aus, kümmerte sich erst um Johanna, später mehr um sich selbst. Fitnessstudio dreimal die Woche, Salon alle zwei Wochen, freitags ein bisschen Shopping. Sie pflegte sich mit der Genauigkeit anderer für die Arbeit und das sah man: Mit achtunddreißig wirkte sie wie zweiunddreißig, duftete stets nach guten Parfüms und hatte immer schön gepflegte Hände, die Nägel mandelförmig dunkelrot lackiert.

Sie war kein böser Mensch. Wirklich nicht, fand sie. Sie hatte Martin lieb, wenn auch manchmal ein bisschen von oben herab; verwöhnte Johanna, kommentierte deren Tanzerfolge, finanzierte Privatstunden in Englisch. Ihre Mutter, die bei Augsburg wohnte, unterstützte sie. Sie spendete manchmal für Tierheime, wenn ihr bei Facebook rührende Bilder begegneten.

Sie war einfach gewöhnt, dass die Welt sich teilt in die, die im Auto fahren, und die, die an der Haltestelle stehen. Sie gehörte zu den ersten. Nicht ihre Schuld, dass es geklappt hat im Leben, oder?

Am Montag fuhr Martin früh los, achtungsvoll leise, damit keiner erwachte. Clara schlief länger, trank in Ruhe ihren Kaffee, suchte ewig das Outfit aus. Es wurden sandfarbene Stoffhosen und ein kastanienbrauner Kaschmirpulli, darüber den langen Pelzmantel aus zartem Nerz, obwohl der Oktober noch nicht so kalt war aber in dem Mantel fühlte sie sich stark.

Das Taxi, das Martin bestellte, war zwanzig Minuten zu spät. Clara war angespannt, denn bei Miriam durfte man nicht zu spät kommen, die gab Termine sofort anderweitig her. Sie ging runter, das Taxi stand da, Fahrer in Jeans, keine Uniform, das übliche Murren in ihrem Gesicht, aber sie stieg trotzdem ein.

Es roch nach so einem Tannenbaum-Lufterfrischer an Spiegel. Genau deswegen mochte sie Taxis noch weniger.

Die Fahrt kreuzte durch die Innenstadt. An der Ampel am Altstadtring standen sie im Stau. Clara schaute raus, scrollte am Handy, nahm die Umgebung gar nicht bewusst wahr. Alltagsmontag: Leute mit Tüten, Busse, Tauben auf dem nassen Bordstein.

Der Fahrer bog ab, nahm eine Abkürzung durch enge Gassen, überall Pfützen von der Nacht. An einer Bushaltestelle am Eck stand eine kleine Menschengruppe, als der Wagen mit Schwung durch eine breite Wasserlache fuhr.

Clara sah das gar nicht. Tippt gerade eine Nachricht ins Handy. Sie hörte nur einen dumpfen Sploosh und dann ein Geräusch schwer zu beschreiben. Kein Schrei, mehr ein leiser Aufschrei und fallende Taschen.

Sie drehte sich um.

Am Gehweg stand eine ältere Dame. Klatschnass von oben bis unten, gesprenkelt vom schwarzen November-Wasser. Grauer Mantel, dünne Strumpfhose, altmodische Schuhe. Zwei Taschen, eine aufgerissen, Inhalt auf dem Bürgersteig verteilt. Die Frau war nicht gestürzt, hielt sich an einer jungen Frau fest, die aber zurückwich, sodass die ältere doch noch auf ein Knie in die kalte Lache sackte.

Vor Clara hielt das Taxi an der Ampel, zwanzig Meter weiter.

Clara hätte das Fenster einfach oben lassen können. Hätte weggucken können. Aber irgendwas Ärgerliches in ihr musste raus. Sie drückte den Knopf, ließ das Fenster runter und rief in die feuchte Oktobermorgenluft:

Man kann doch auch mal drauf achten, wo man steht! Direkt am Rand muss das sein?!

Die alte Dame hob den Kopf. Ihr Gesicht war ruhig, nicht böse, nur nass und müde. Sie sah Clara einfach an.

Was glotzen Sie denn? Selbst schuld! ergänzte Clara, wusste gar nicht, warum, und ließ das Fenster wieder hoch.

Der Fahrer fuhr an. Grün.

Die Dame sammelte ihre Sachen, klopfte mit einer Hand das Mantelbein ab, was nicht half, stellte die Taschen daneben. Die junge Frau half ihr jetzt. Clara bekam das alles schon nicht mehr mit.

Zwanzig Minuten später saß sie bei Miriam im Salon, entschied sich für eine neue Strähnenfarbe. Eine Stunde später lachte sie mit ihr über den Eltern-WhatsApp-Chatskandal. Wieder etwas später saßen sie und Jule bei Mittagessen. Ihr Tag verlief wunderbar.

An die nasse Frau dachte sie kein Stück mehr.

Am Abend kam Martin später heim. Clara hörte ihn an der Garderobe, wie er kaum reinkam, einfach stehen blieb. Sie saß mit einem Glas Weißwein auf dem Sofa, Beine angewinkelt, Serie an.

Wie wars? fragte sie, ohne den Blick abzuwenden.

Ging so, sagte er. Sein Ton war seltsam.

War Frau Dr. Adler da?

War sie.

Und? Wie ist sie?

Clara , begann er, und an seinem Ton war etwas, dass sie doch aufsah. Er stand noch im Mantel im Türrahmen, das Gesicht… nicht erschrocken, mehr verloren. Wie einer, der gerade schlimm schlechte Nachrichten bekam und sie noch nicht richtig fassen kann.

Was ist los? fragte sie.

Er kam rüber, legte sich in den Sessel, immer noch im Mantel, rieb sich das Gesicht.

Heute früh bist du doch mit dem Taxi zu Miriam gefahren, oder?

Ja? Und? Was ist denn?

Seid ihr über die Seitenstraßen gefahren?

Woher soll ich das wissen? Fahrer halt, wie er wollte.

Kennst du die Bushaltestelle an der Pasinger Straße?

Clara sah ihn an. Ein Gedanke begann ihr im Bauch zu grollen, ekelhaft, kalt.

Nein, keine Ahnung, was ist denn

Er schwieg lange.

Dr. Anna Adler, sagte er leise. Vorstandsvorsitzende und Mitinhaberin von FIRMTEC, der Firma, für die ich seit zehn Jahren arbeite. Wegen dieser Prüfungskommission wollte ich das Auto nicht rausgeben.

Das hab ich verstanden! Sie war also da?

Sie war an genau dieser Haltestelle heute früh, kurz nach halb zehn. Sie fährt immer Bus, Clara. Das ist ihr Ding. Damit sie Leute sieht, wie sie wirklich sind. Später kam ihre Assistentin zu mir… Er stockte. Sie testet ihre Führungskräfte im Alltag, nicht im Konferenzraum. Das ist ihre Idee.

Clara stellte ihr Glas ab.

Willst du damit sagen…?

Dass das Taxi, das sie heute vollgespritzt hat, genau das war, das ich dir bestellte. Und das du das Fenster runtergelassen und sie angeschrien hast. Seine Stimme zitterte. Er sagte nicht mehr.

Claras Gesicht wurde heiß und kalt, beides. Langsam.

Das… das kann nicht…

Sie hat den Wagen beschrieben, Farbe und Marke. Ich hab es im Fahrtenbuch geprüft. Es war exakt der Sitz, exakt der Wagen. Ihre Assistentin hat dir sogar das Kennzeichen genannt.

Sie hat das… absichtlich?

Was absichtlich? Dass sie an der Haltestelle steht?! Nein, Clara. Sie wollte einfach ins Büro und nimmt grundsätzlich den Bus. Wie immer.

Clara stand langsam auf, ging ans Fenster. Schaute auf das goldene Lichterband der Stadt.

Aber… vielleicht hat sie es nicht gemerkt. Vielleicht stellt sie keinen Zusammenhang her. Woher soll sie wissen, dass ich es war?

Er schaute sie an, ein Blick, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte.

Sie bat mich heute ins Büro nach dem Meeting. Ganz direkt. Fragte, ob ich verheiratet bin. Ich sagte ja. Sie fragte, wie meine Frau heißt. Ich: Clara Wagner. Dann erzählte sie, dass sie heute Morgen eine Clara getroffen hat. Ich hab es nicht geschnallt. Aber dann schilderte sie eine Frau in hellem Pelzmantel und Sandhosen, die im Taxi das Fenster herunterließ und ihr zurief, sie solle besser darauf achten, wo sie steht. Du weißt, was du noch gesagt hast?

Clara schwieg.

Du hast noch was draufgesetzt, Clara. Erinnerst du dich?

Ich… Ich weiß nicht mehr genau. Das war so ein Moment…

Was glotzen Sie denn! Selbst schuld! Waren das deine Worte?

Draußen fuhr eine Trambahn vorbei. Im rechteckigen Lichtfenster saßen Fahrgäste, jeder mit eigenen Sorgen. Die Clara früher nie als echte Sorgen wahrgenommen hätte.

Martin begann sie vorsichtig, das war doch keine Absicht. Ich wusste ja nicht, wer sie ist! Hätte ich es geahnt

Wenn du gewusst hättest, dass sie die Inhaberin ist, hättest du dich zurückgehalten. Ich weiß. Aber macht das einen Unterschied?

Belehrst du mich jetzt oder was?

Ich frage dich.

Clara spürte es keimen, dieses altvertraute Trotzgefühl.

Also weißt du was, Martin: Ich kann nichts dafür, dass dieser Fahrer in die Pfütze gefahren ist. Das ist Pech. Hättest du mich selbst gefahren, wie ich wollte

Er unterbrach sie, ganz ruhig.

Lass das. Bitte.

Er verließ das Zimmer. Clara hörte, wie er endlich sein Mantel in der Garderobe abhängte, wie die Schlafzimmertür leise zufiel. Kein Krach, es machte nur “klick”.

Clara blieb mit dem leeren Glas am Fenster stehen.

Aus dem Flur sah sie Johanna. Die Tochter stand mit Kopfhörern um den Hals an ihrer Zimmertür, beobachtete Clara. Mit 14 konnte sie aus Gesichtern lesen, was Erwachsene verbergen wollten.

Mama, ist bei euch alles okay?

Ja, klar, geh ins Bett.

Johanna blieb einen Moment stehen, dann ging sie ganz leise aufs Zimmer zurück. So wie Menschen gehen, die gelernt haben, nicht zu viel zu fragen.

Die nächsten Tage verliefen wie im Nebel. Martin ging arbeiten, kam spät heim, sie sprachen fast nicht miteinander. Clara versuchte einige Male, das Thema zu schnappen, irgendwie eine Lösung zu finden. Sie überlegte sogar, Dr. Adler anzurufen, sich zu erklären, um Verzeihung zu bitten. Martin hörte nur zu und schüttelte den Kopf.

Lass es einfach.

Aber wenn ich mich entschuldige, sie wird das verstehen

Sie hat alles verstanden. Genau das ist eben das Problem.

Clara schrieb Jule eine Nachricht, löschte sie dann wieder. Noch einmal. Es war ihr nicht mal richtig peinlich wegen dem, was sie getan hatte. Peinlich war ihr nur, wie unglücklich diese Zufallskette war. Und das verwechselte sie lange mit echter Reue, bis sie irgendwann den Unterschied bemerkte.

Acht Tage später kam Martin mittags heim. Clara war gerade beim Nägelmachen.

Was ist los? Warum bist du nicht im Büro?

Er setzte sich, stellte sein Handy vorsichtig auf den Tisch, schaute auf seine Hände.

Sie wollten, dass ich kündige. Heute.

Clara erstarrte mit dem Pinsel zwischen den Fingern.

Wie, du kündigst? Warum denn? Das ist doch illegal! Du hast nichts gemacht!

Wenn sie wollen, finden sie immer einen Grund. Sie haben ein paar kleinere Formfehler in Verträgen ausgepackt Sachen, die nie gestört haben, jetzt schon. Entweder freiwillig raus oder… richtig raus.

Richtig raus wie?

Kündigung aus wichtigem Grund. Dann wars das für immer in der Branche. Mit solchem Eintrag nimmt dich hier keiner mehr.

Clara legte das Fläschchen weg.

Martin, sagte sie leise.

Ich habs unterschrieben. Ist vorbei. Heute letzter offizieller Tag.

Sie schaute ihn an. Seine Schläfen zeigten plötzlich graue Strähnen, die ihr nie aufgefallen waren. Die müden Hände auf dem Tisch wie jemand, der lange etwas zu schweres getragen hat und es endlich abstellt.

Wir finden schon was, sagte sie. Du genießt einen guten Ruf. Dich nimmt jeder.

In unserem Bereich kennt jeder jeden. In einer Woche weiß jeder, warum ich gehen musste.

Aber du wurdest nicht richtig gegangen. Freiwillig, das ist…

Clara. Ich war zehn Jahre dort. Die Lieferanten, die Kunden alle wissen, wie sowas gelesen wird. Es fragt keiner nach Einzelheiten. Man merkt sich nur: Weg auf unrunde Art.

Sie wollte was Kluges sagen. Irgendeinen Satz, der alles umkrempelt. Aber sie fand keinen. Da war nur dieses diffuse Oktoberlicht, zwei leere Tassen und Lack auf Fingernägeln, der nicht mal trocken war.

Und was jetzt? fragte Clara schließlich.

Keine Ahnung, sagte er ehrlich.

Was danach kam, erinnert sich Clara später wie durch Watte. Nicht, weil sie es vergessen hätte sie wollte nur nicht mehr alle Details vor Augen haben. Und trotzdem blieben sie greifbar.

Die Ersparnisse hätten vier Monate gereicht für ihren alten Lebensstil. Alten. Martin suchte einen Job, aber der Markt war schwierig. Ein paar Bewerbungsgespräche liefen mies, die kannten die Story oder ahnten was. Einmal hatte er fast eine Stelle sicher, da passierte dann doch irgendwas, und er kam nach Hause mit dem gleichen leeren Blick wie am ersten Abend.

Im Dezember beschlossen sie, die Wohnung zu verkaufen. Zuerst glaubten sie, das sei nur für ein Jahr, dann mieten sie was, dann gehts zurück. Aber Clara konnte sich nicht selbst täuschen, wenn es ums Materielle ging. Sachen sind wahrer als Worte.

Der Umzug dauerte drei Tage. Johanna half stumm, packte Kartons, fragte nichts. Am letzten Abend stand sie mit Clara am Fenster, blickte über den Eastpark.

Johanna… begann Clara.

Mama, lass einfach, sagte Johanna leise. Nur bitte nicht jetzt.

Sie blieben noch ein paar Minuten zusammen am Fenster. Die Stadtlichter darunter sahen genauso aus wie immer. Ungerecht war das.

Die neue Wohnung lag in Giesing. Sechster Altstock ohne Aufzug, Balkon mit Blick auf Garagenhöfe. Drei Zimmer, klein. Die Küche, Fensterbrett aus billigem Plastik. Im Hausflur ein leichter Muff wie in alten Häusern halt, nichts Tragisches, nur Leben. Clara bekam drei Tage fast keine Luft.

Johanna wechselte auf die Regelschule. In der alten Schule, im Gymnasium, kannte sie alle Lehrer, hatte ihre Clique dorthin fuhren sie früher mit dem Taxi jeden Morgen. Jetzt nahm sie zwei Busse, vierzig Minuten Fahrt. Clara sah, wie sie sich morgens fertig machte, den Mantel vom letzten Jahr anzog, der zu kurz geworden war und nichts sagte.

Kein einziger Vorwurf. Das tat mehr weh als jede Beschwerde.

Martin fand nach zwei Monaten eine Stelle. Aber nur als Außendienstler bei einer kleinen Handelsfirma. Ein Drittel vom alten Gehalt. Metro, zwei Umstiege. Abends kam er heim, müde aber anders müde als früher. Man sah es: er wurde älter. Deutlich. Die Schultern hingen mehr, die Mundwinkel auch, graue Haare krochen hervor.

Sie selbst fing im Januar an, Jobs zu suchen. Es war peinlich und seltsam nach acht Jahren. Wer wollte schon eine, die bloß mal ein bisschen Werbeagentur gemacht hatte? Auf Bewerbungsgesprächen schauten sie freundlich-verlegen. Niemand rief zurück.

Im Februar klappte es in einer kleinen orthopädischen Praxis am Empfang. Telefon, Termine, Listen. Die Kolleginnen: zehn, fünfzehn Jahre jünger als sie. Nett, keine Missgunst, aber auch kein wirkliches Interesse. Clara saß an der Rezeption, Bluse mit Praxislogo, und dachte manchmal daran, dass sie ein halbes Jahr zuvor zu dieser Zeit im Frisierstuhl über Balayagen nachdachte.

Jetzt färbte sie ihre Haare zu Hause. Drogeriefarbe, preiswert. Beim ersten Mal wurde es fleckig. Johanna half wortlos, die Farbe vom Nacken abzuwaschen. Kein Kommentar. Einfach geholfen.

Der Alltag hatte sich vollständig umgekrempelt. Frühstück jetzt Müsli oder Rührei, keine Brezn, keine Croissants. Clara ging in den Discounter direkt am Haus, zeigte zum ersten Mal Interesse an Preisen. Rechnen. Eine seltsame Kompetenz, die sie nie lernen musste. Beim ersten Mal, als sie eine Käseschachtel an der Kasse wieder zurücklegen musste, hätte sie fast geweint.

Die Kassiererin war ungerührt kannte das. Das schmerzte fast mehr als ein böser Blick.

Bus, U-Bahn, Straßenbahn. Der Geruch im Nahverkehr, den Clara früher als unerträglich abtat, ist einfach nur: Leute. Leben halt. Nicht schlimm. Nicht schlimm.

Irgendwann, in einem vollen Bus, festgeklammert am Griff, dämmerte ihr: So fahren Menschen jeden Tag. Jeden. Tag. Und die Welt geht davon nicht unter. Das ist einfach das Leben.

Banaler Gedanke, klar. Aber sie kam erst jetzt drauf.

Im Wartebereich der städtischen Arztpraxis war die Gruppe groß. Die Erkältungswelle im November mindestens zwanzig Leute warteten vor der Anmeldung. Es roch nach Desinfektionsmitteln und Papier. Sie saßen auf blauen Plastikstühlen: ein älteres Paar in gleichen Steppjacken, eine junge Mutter mit Buggy, ein Mann mit verbundenem Arm. Leute eben. Die Clara früher kaum als Leute wahrnahm.

Sie stand hinter ihnen und scrollte stumm am Handy, las nichts, nur Augenbeschäftigung. Die Zeit zog sich. Neben ihr: eine Dame im grauen Mantel.

Der Mantel sauber, aber schon etwas abgetragen, Knöpfe nicht ganz passend, die Tasche auf dem Schoß aus Kunstleder. Die Hände darauf: gezeichnet von Arbeit, mit festen Adern, etwas knotig, Nägel kurz, unlackiert. Hände von einem, der viel geschuftet hat.

Clara blickte auf die Hände, hob langsam den Kopf.

Ihr wurde schwindelig.

Es war sie. Dr. Adler. Keine Frage. Das gleiche Gesicht, die gleiche gerade Haltung. Die Haare ordentlich, jetzt ganz ergraut. Brille mit dünnem Rahmen. Der Mantel war vermutlich ein anderer Clara merkte, sie erinnerte sich gar nicht mehr an Details. Nur: grau war er.

Die Frau schaute geradeaus, auf die Schilder der Hausärzte. Sie bemerkte Clara nicht. Oder wollte sie nicht bemerken.

Claras Gesicht wurde warm, dann wieder eiskalt. Sie drehte sich weg, vertiefte sich in ihr Handy. Die Schlange wurde kürzer, langsam.

Sie dachte: Nicht hinschauen. Einmal den Namen sagen, ihre Karte nehmen, rausgehen Was wäre da zu sagen. Zu spät. Vergangen. Erklären bringt nichts, die Worte ändern ja nichts.

Aber dann drehte die Frau im grauen Mantel den Kopf.

Sie sahen sich an. Nur ein paar Sekunden, oder vielleicht Minuten, Clara weiß es bis heute nicht.

Kein Triumph in Dr. Adlers Blick. Keine Genugtuung, keine spitzen Worte. Nur Müdigkeit. Diese ruhige Müdigkeit, wie sie Menschen haben, die alles schon gesehen haben und von der Welt nichts mehr erwarten. Kein Groll, kein Verzeihen. Nur: Du bist da, ich auch, und das ist die Welt.

Dr. Adler griff nach ihrem Handy, blickte drauf, dann Clara in die Augen.

Entschuldigung, sagte sie leise, Praxisstimmenlaut. Wissen Sie, wie spät es ist?

Clara öffnete den Mund, dann schloss sie ihn wieder. Ihre Stimme gehorchte ihr nur widerwillig.

Viertel nach elf. Also elf Uhr fünfzehn.

Danke, sagte Dr. Adler. Und wandte sich wieder den Arzt-Namensschildern zu.

Mehr passierte nicht.

Die Reihe rückte auf. Clara war dran, sagte ihren Namen, ließ sich zur Ärztin für nächste Woche eintragen. Alles ganz normal.

Draußen drehte sie sich noch mal um: Dr. Adler saß noch immer auf dem selben Stuhl, würdevoll, ruhig, wartend. Wie jemand, der das Warten gewohnt ist.

Clara trat nach draußen.

Die Novemberluft biss kalt und feucht in die Wangen. Sie zog den alten Wollschal fester, der früher auf dem Dachboden gelandet wäre, jetzt aber täglich zum Einsatz kam, weil er so warm war.

Sie lief zur Bushaltestelle. Neben ihr Menschen mit Einkaufstüten, mit Kindern, alleine. Ganz normale Leute. Ein ganz normaler Novembertag.

Sie dachte darüber nach, dass Dr. Adler alles Mögliche hätte sagen können. “Kennen Sie mich noch?”, “Wie läufts in Giesing?”, oder sie hätte demonstrativ schweigen können. Alles wäre leichter gewesen.

Aber sie hat einfach nur nach der Uhr gefragt. Wie man das bei wildfremden Menschen eben macht, wenn sonst keiner da ist. Genau das war das Schwerste daran.

Weil: In dieser Frage steckte alles. Es war: Ich sehe dich, aber du bist mir gleichgültig. Es war: Vergangenes lässt sich nicht zurückdrehen, Groll lohnt nicht. Es war: Ich vergebe dir nicht feierlich du hast keine feierliche Vergebung verdient. Es war einfach nur eine Zeitabfrage.

Der Bus war voll. Clara zwängte sich hinein, hielt sich fest. Neben ihr ein Grundschulmädchen mit Bärenrucksack. Gegenüber ein älterer Herr mit Zeitung, von der Sorte, die nur diese Generation noch liest.

Da dachte sie an Johanna. Wie sie beim Haarewaschen geholfen hatte. Ohne Tadel, ohne Vorwurf. Mit vierzehn wusste Johanna, wann Schweigen genügt. Wovon sie das wohl hat? Sicher nicht von ihr.

Und sie dachte an Dr. Adlers Hände gezeichnet von langem Arbeiten. An entscheidenden Lebensmorgen hat niemand Zeit für Farblacks.

Das Komische ist: Einsicht kommt immer zu spät, nie im passenden Moment, nie rechtzeitig zum Umkehren. Sie taucht dann auf, wenn sie nichts mehr ändern kann man muss halt mittragen, was da ist.

Clara starrte aus dem trüben Busfenster. Der November zog vorbei, grauer Himmel, nasses Laub, das keiner mehr wegkehrt, bald kommt der Schnee.

In ihrer Tasche vibrierte das Handy. Sie könnte Johanna schreiben, was sie einkaufen soll. Martin, der heute später heimkommt, könnte sie fragen, was er will. Oder einfach nichts tun, nur denken.

Sie wählte letzteres.

Der Bus schaukelte, die Leute hatten alle ihre eigenen Geschichten, Verluste, Rechnungen die, die schon gezahlt sind und die, die noch kommen. So ist es im Leben, ob man das wahrhaben will oder nicht.

Der Sinn steckt nicht in Lehrstücken mit Schlussansprache. Wahre Geschichten enden leise, unspektakulär. Einer fährt Bus und denkt, eine andere sitzt wartend im Praxissessel, ein Mädchen mit Bärenrucksack schaut raus.

Und in dieser unscheinbaren Stille, mitten im grauen, nassen Tag, passiert dann doch etwas in einem ganz langsam, ohne große Worte. Es verändert sich still.

Das Schicksal von Frauen verläuft nie geradlinig. Da gibts Umwege, Rückschritte, Sackgassen. Clara glaubte immer, ihre Lebensgeschichte sei Glück reiche Heirat, schönes Leben, klüger, als andere. Am Ende war es einfach eine andere Geschichte: Wie Hochmut sich rächt. Wie Menschenleben ihren Wert haben, einfach, weil sie sind. Die Frau an der Haltestelle war mehr als ein Hindernis. Sie war Mensch, mit Lebensgeschichte, mit Recht, genau da zu stehen.

Albern einfach, das so laut zu sagen. Aber genau darauf musste Clara erst einmal kommen.

Der Bus hielt. Clara stieg aus. Noch fünfzehn Minuten zu Fuß, vorbei an Mülltonnen und einem Spielplatz mit rostigen Schaukeln, über nasse Pflastersteine. Sie überlegte, was sie zum Essen machen wollte. Johanna mal wirklich, ehrlich fragen, wie ihr Tag in der neuen Schule war und diesmal auch zuhören. Ihre Mutter sollte sie anrufen. Viel Kleines aber echt.

Vorne im düsteren Klinkerbau brannte das Küchenlicht im sechsten Stock. Johanna war bestimmt schon daheim. Martin kam später. Clara würde einkaufen, auftischen, gemeinsam essen, auf der kleinen Küche mit dem Plastikfensterbrett.

Nicht das, wovon sie geträumt hatte. Gar nicht.

Aber das, was jetzt Realität war. Vielleicht auch gar nicht so wenig.

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, kletterte die sechs Stockwerke hoch wie jeden Tag. Aus Johannas Zimmer klang Musik, leise.

Johanna, ich bin da.

Eine Pause. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt.

Mama, warum bist du so nachdenklich?

Clara zog den Schal aus, hängte die Jacke auf.

Alles gut, sagte sie. Dann, nach einer kurzen Stille: Und bei dir? Wie wars?

Johanna schaute sie überrascht an. Ihre Mutter fragte sonst so nebenbei, meistens schon in die Küche abgebogen.

Ganz okay. Heute ist ein neues Mädchen reingekommen. Karina. Lustig, irgendwie.

Erzähl mal, sagte Clara.

Und Johanna fing an, erst vorsichtig, ein bisschen zögernd wie jemand, der nicht gewöhnt ist, dass man ihm wirklich zuhört.

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Homy
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Das schicksalhafte Pfützenabenteuer
Die Schwiegermutter hat es letztendlich doch geschafft!