Ein Schritt ins Leere
Luise, wohin hast du denn deine Schwester verschleppt? Ihr seid doch sonst immer zusammen unterwegs!, konnte sich Tante Margarete nicht verkneifen zu fragen, als ihre Nichte an ihr vorbeihuschte.
Das Mädchen hielt scharf an, drehte sich zu ihrer Tante und blickte sie mit unverhohlenem Ärger an: Ich bin Paula.
Ihr Blick war so scharf, dass Margaretes freundliches Lächeln leicht ins Wanken geriet. Paula setzte noch nach, bemühte sich dabei, ihre wachsende Genervtheit zu zügeln: Und wir sind überhaupt nicht so ähnlich, dass man uns dauernd verwechseln müsste!
Margarete war ehrlich überrascht. Sie hob die Augenbrauen, als wolle sie in Paulas Gesicht etwas entdecken, das ihr bislang entgangen war. Ach komm, mein Schatz, entgegnete sie sanft. Ihr seid doch Zwillinge! Wenn ihr so nebeneinandersitzt und schweigt, kann euch wirklich niemand auseinanderhalten. Erst beim Reden merkt man dann, wer wer ist.
Paula spürte einen Anflug von Enttäuschung. Sie biss sich ärgerlich auf die Lippe, verbarg so gut sie konnte die Emotionen, die in ihr aufstiegen, und steuerte schnurstracks die Tür an. Ohne ein weiteres Wort zog sie die Tür hinter sich ins Schloss.
Allein zurückgeblieben, schüttelte Margarete ratlos den Kopf und fragte sich, warum Paula so schroff reagiert hatte. Paula dagegen, die nun den Flur entlangging, dachte immer wieder die gleichen, schmerzhaft vertrauten Worte: Wie ein Ei dem anderen. Für sie klangen sie wie ein Fluch, den sie nicht loswurde. Wie oft noch? Warum bemerken die Leute einfach nicht ihre Unterschiede? Wieso bleiben sie für alle immer nur die Zwillinge, namenlos und austauschbar, als hätten sie keinen eigenen Charakter, keine eigenen Interessen? Diese Fragen wühlten in ihrem Kopf Antworten gab es keine
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Paula saß im Stadtpark auf einer Bank, die Arme um die Knie geschlungen. Sonnenstrahlen fielen durch die Kastanien und malten Muster auf den Boden, aber Paulas Blick war leer. Wieder sprach sie mit ihrer Freundin Annika über das, was sie bereits so lange beschäftigte. Ihre Stimme war ganz leise, fast hoffnungslos: Schon wieder erzählte sie Annika, wie zermürbend es für sie war, ständig mit Luise verwechselt zu werden.
Annika hörte aufmerksam zu, den Kopf leicht geneigt. Plötzlich leuchteten ihre Augen, sie setzte sich gerade auf: Sag mal warum änderst du dich nicht einfach radikal? Lass dir die Haare ganz kurz schneiden und färbe sie in einer richtig verrückten Farbe. Dann verwechselt euch niemand mehr! Luise ist viel zu brav für sowas auf die Idee käme die nie.
Paula betrachtete nachdenklich ihr langes Haar, strich es wie so oft über die Schulter. Für einen Moment blitzte Interesse in ihren Augen auf, aber gleich erlosch es wieder. Meine Mutter gibt mir dafür nie und nimmer Geld. Sie findet es ja toll, dass wir gleich aussehen. Was ich will das zählt für sie nicht.
Annika ließ trotzdem nicht locker, wedelte bekräftigend mit der Hand: Dann verlang das Geld für was anderes! Zum Beispiel für ein Geschenk für eine Mitschülerin. Die Billigfriseurin, wo mein Vater mich mal hinschleppte, schneidet für ein paar Euro. Mama hat zwar gemeckert, weil es zu kurz war aber genau das willst du doch!
Paula zog misstrauisch die Augenbrauen hoch, überlegte aber so abwegig erschien die Idee gar nicht mehr. Und wie viel kostet das Färben? fragte sie, um einzuschätzen, ob ihr Plan wirklich umsetzbar war.
Annika grinste. Kein Problem, ich frag meine große Schwester die färbt sich dauernd selber. Du musst nur die Farbe kaufen!
Annika klang so überzeugt, dass Paula unwillkürlich zu lächeln begann. Vielleicht würde das ja wirklich helfen? Vielleicht würde man sie dann endlich als eigene Persönlichkeit wahrnehmen, nicht bloß als eine von den Zwillingen? Ein Fünkchen Hoffnung keimte auf, auch wenn sie noch immer kaum glauben konnte, dass solch ein Schritt wirklich etwas ändern würde.
Wenige Tage später machten sie ernst. Paula war ziemlich nervös, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Der Friseursalon war alles andere als schick ein kleines Zimmer, ein abgenutzter Stuhl, die Spiegel von Spritzern getrübt. Die Friseurin, eine ältere Dame mit müden Augen, betrachtete Paula kurz und fragte knapp: Wie darf es sein?
Paula stockte für eine Sekunde, stieß dann tapfer heraus: Kurz! Ganz kurz!
Die Dame nickte und legte los. Sie arbeitete schweigend und routiniert. Paula sah, wie ihr langes Haar auf den Boden fluffte das Herz pochte, am liebsten hätte sie doch noch kehrtgemacht. Aber jetzt war es zu spät.
Nach dem Schnitt warf sie einen vorsichtigen Blick in den Spiegel. Kurz, ein bisschen schief, aber auszuhalten. Jetzt seh ich wenigstens garantiert nicht mehr aus wie Luise!
Mit vor Aufregung glühenden Wangen rannte sie zu Annika. Dort wartete schon deren große Schwester. Sie diskutierten kurz und entschieden sich dann für ein knalliges Pink auffallen um jeden Preis!
Das Ergebnis war nun ja, sagen wir: anders als erwartet. Das Pink war so grell, es leuchtete wie ein Neonzeichen, und durch den schiefen Schnitt standen die Haare noch wilder ab. Paula verzog unwillkürlich das Gesicht, riss sich aber zusammen. Jetzt gab es kein Zurück.
Zuhause erwartete sie ihre Mutter. Claudia wurde blass, als Paula durch die Tür kam, und griff sich ans Herz. Statt der braven Paula stand da ein wildfremdes Mädchen mit schief geschnittenem, knallpinken Haar.
Paula, was hast du getan?! Zum ersten Mal in ihrem Leben erhob Claudia richtig die Stimme. Ihre Hände zitterten, in den Augen lag Panik. Hast du dich mal im Spiegel gesehen? Das ist doch schlimm! Wie sollen wir das wieder hinkriegen?
Paula ballte die Fäuste, versuchte sich nichts anmerken zu lassen, und gab trotzig zurück: Mir gefällts! Endlich verwechselt mich niemand mehr mit Luise!
Claudia schüttelte nur den Kopf, fassungslos über das, was aus ihrer Tochter geworden war. Mit zitternden Händen wählte sie die Nummer des Stammfriseurs: Das muss dringend repariert werden Die Frisur hätte man auch gleich ganz lassen können! Ihr Ton klang enttäuscht und leicht vorwurfsvoll.
Hättest es mir ja eh verboten, murrte Paula und drehte sich weg.
Quatsch natürlich nicht! gab Claudia verwundert zurück. Sie konnte immer noch nicht ganz fassen, was passiert war, und hielt sich nervös das Telefon ans Ohr.
Endlich meldete sich am anderen Ende der Friseur. Claudia sprach aufgeregt: Hi, hast du gerade Zeit? Ich brauch dringend deine Hilfe meine Tochter du müsstest sie sehen Ist das schrecklich! Gut, wir kommen in einer Stunde vorbei.
Sie legte kurz das Handy zur Seite und wandte sich an Paula: Zieh dich an, wir fahren dich wieder hin.
Paula verschränkte die Arme und runzelte die Stirn. Sie wollte protestieren, sich durchsetzen, ihrer Mutter begreiflich machen, dass das ihre Entscheidung gewesen war. Doch inzwischen spürte sie schon selber: Das wilde Pink und der schiefe Schnitt hatten ihr längst nicht das Gefühl von Erleichterung gebracht, das sie sich erhofft hatte. Eher ein Gefühl von Unsicherheit und Peinlichkeit.
Ist doch okay so, murmelte Paula nur noch, aber ohne besondere Überzeugung.
Claudia schüttelte den Kopf, packte die Tasche und drängte zum Aufbruch: Komm, wir besprechen alles unterwegs. So kannst du nicht rumlaufen.
Eine halbe Stunde später saßen sie im Auto Richtung Salon. Paula schaute aus dem Fenster, ließ Bäume und Häuser vorbeiziehen, und sortierte im Stillen ihre Gedanken. Sie redete sich immer wieder ein, dass sie nichts bereute doch ganz tief im Inneren konnte sie es sich selbst nicht mehr glauben.
Im Salon empfing sie eine sympathische Friseurin, mit der Claudia wohl schon öfter Kontakt hatte. Die Frau nahm Paula nur kurz musternd in den Blick, hob die Braue, aber sagte nichts Tadelndes. Stattdessen lächelte sie verständnisvoll: Na, dann versuchen wir das Beste draus zu machen.
Die Rettungsaktion dauerte zwei Stunden. Sie schnitt die Haare in eine schöne Form, färbte so gut es ging wieder Richtung Naturton, ließ aber als kleinen Akzent eine pinke Strähne am Ohr stehen. Paula beobachtete alles erst skeptisch, dann mit wachsender Begeisterung. Nach und nach entstand aus dem Chaos eine schicke Frisur, die Paulas Gesicht viel besser zur Geltung brachte.
Als alles fertig war, atmete Claudia erleichtert auf: Jetzt siehst du endlich wieder aus wie ein Mensch!
Sie bedankte sich überschwänglich bei der Friseurin: Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte Sie sind ein wahrer Engel!
Paula schwieg. Sie fuhr sich prüfend durch die Haare, die neue Frisur war durchaus gelungen. Aber der Satz ihrer Mutter klang ihr nach: Wie ein Mensch Wie hatte sie denn vorher ausgesehen? Warum redet sie so mit mir? Mit Luise hat sie sowas nie gesagt!
Ohne ein Wort des Dankes stand Paula auf und verließ den Laden. Im Kopf kreisten die Gedanken, aber sie sprach sie nicht aus. Sie wollte nur nach Hause, sich noch einmal im Spiegel ansehen diesmal nüchtern und ehrlich.
Paula wollte einfach nicht zugeben, was allen um sie herum klar war: Luise hätte sowas nie gemacht. Die Schwester war wie gemacht zum Vorbild schrieb Einser, tanzte fehlerfrei, las ein Buch nach dem anderen, war immer ordentlich und zuverlässig. Alles schien ihr zuzufallen, sie plante, erledigte, war immer vorbereitet.
Paula war auch nicht auf den Kopf gefallen, lernte schnell, konnte im Unterricht glänzen aber genau dieses ewige Vergleichen mit Luise machte sie wütend. Jeder Erfolg: Na klar, ganz wie Luise! Jeder Fehler: Das hätte Luise nie getan. Immer diese Vergleiche, die an ihr nagten, immer dieser stille Druck.
Seit der Haar-Aktion fühlte Paula sich wie befreit als hätte sie die Erlaubnis, nun auch alles andere anders zu machen. Sie gab sich keine Mühe mehr in der Schule, ließ die Noten absacken, einfach aus Trotz. Sie ignorierte Hausaufgaben, schwänzte, gähnte demonstrativ in den Klausuren. Früher belasteten sie schlechte Noten, jetzt zuckte sie nur noch mit den Schultern.
Die Eltern versuchten zu reden, zu erklären, mit Geduld und Lebensweisheiten. Dann kamen strengere Maßnahmen: Sie sperrten Paula nach der Schule ein, nahmen ihr Handy und Laptop weg, verboten Treffen mit Freunden. Doch je mehr sie ihr auferlegten, desto sturer wurde Paula. Sie protestierte nicht, sie machte einfach alles auf ihre Weise, still und bestimmt.
Ihr habt doch eure perfekte Luise. Das sollte euch doch reichen. Ich bin wohl einfach fürs Mittelmaß gemacht. Akzeptiert mich einfach so, wie ich bin. Sagte sie einmal trocken zu den Eltern und blickte ihnen dabei direkt in die Augen.
Ratlos tauschten die Eltern Blicke. Sie spürten, dass Paula sich selbst in den Abgrund zog und waren machtlos dagegen.
Irgendwann schickten sie Paula zur Schulpsychologin. Die war freundlich und ruhig, hörte ihr bei langen Gesprächen aufmerksam zu, suchte nach dem Auslöser für Paulas Widerstand. Paula antwortete gelassen, ohne Wut, manchmal sogar gleichgültig. Sie schob nichts auf die Eltern oder Luise, sondern schilderte, wie sie es selbst empfand.
Ob die Psychologin wirklich nicht ran kam oder Paula es einfach meisterhaft schaffte, sich zu distanzieren jedenfalls spürte man keine Veränderung. Nach ein paar Sitzungen meinte die Frau vorsichtig zu den Eltern: Vielleicht sollten Sie Paulas Zügel ein wenig lockern. Jugendliche brauchen manchmal Luft, um sich wieder zu fangen.
Die Eltern waren ratlos, wollten helfen, mussten aber lernen, mehr loszulassen. Sie sprachen nicht mehr tagelang wegen der Noten, verlangten keine Wunder mehr. Sie hofften, dass Paula selbst erkennt, was sie tut irgendwann.
Mit dem Zeugnis hatte sich die Familie langsam abgefunden. Aber dann kamen andere Probleme.
Eines Abends sah Claudias Mutter zufällig, wie Paula mit einer Gruppe älterer Jugendlicher am Rand eines leerstehenden Gebäudes rauchte und herumalberte. Als Paula sie entdeckte, zog sie sich hastig zurück der Kontakt war jedoch nicht zu leugnen.
Beim Abendessen sprach Claudia es an: Luise hat solche netten Freunde Höflich, interessiert, gehen ins Museum, reden über Bücher. Und deine Clique? Was ist das für ein Haufen?
Paula schwieg, krampfte ihre Gabel, aber die Worte trafen sie mehr als erwartet. Schon wieder: Luise ist die Gute, Paula das Gegenteil. Wenn Luise sich mit Kultur-Jugendlichen traf, fehlte also nur noch, dass sie selbst die anderen Extreme ausprobierte einfach um nicht wie Luise zu sein.
So rutschte sie immer tiefer in diese Außenseitergruppe. Anfangs hörte sie nur zu, dann machte sie mit, schließlich versteckte sie nicht mal mehr die kleinen Eskapaden. Es blieb nicht bei fehlenden Hausaufgaben häufiger schwänzte sie ganze Stunden.
Manchmal ärgerte sich Paula im Stillen: Was für ein Unsinn Sie wusste, dass sie Fehler machte und dass ihr das alles nicht wirklich half, aber sie konnte nicht aufhören. Jedes Mal, wenn der Gedanke kam, die Clique zu verlassen, tauchte vor ihren Augen Luises Gesicht auf korrekt, erfolgreich, überlegen. Und so lief sie, wie in Trance, weiter in die entgegengesetzte Richtung.
Mit den Jahren drifteten die Schwestern immer weiter auseinander. Luise wechselte aufs Gymnasium, Paula machte nach der 9. Klasse einen eher unbedeutenden Abschluss und ging auf die Berufsschule ihr ausdrücklicher Wunsch, obwohl die Eltern sie baten, darüber nachzudenken. Sie stellte sich die Berufsschule als Neuanfang vor, doch die Realität sah anders aus.
Luise schloss die Schule dann mit Bestnote ab, landete an einer renommierten Uni, packte das straffe Programm mühelos und engagierte sich zusätzlich im Ehrenamt. Sie blühte auf, genoss ihren vollen Kalender.
Paula schaffte die Berufsschule ebenfalls, mühte sich aber mehr schlecht als recht, war oft unmotiviert, schwänzte und kümmerte sich wenig. Die Lehrer rümpften die Nase, die Mitschüler waren irritiert Paula bestand weiter darauf, unbedingt nicht wie Luise zu sein.
Nach der Ausbildung lief es nicht besser. Luise startete durch: Gute Position, voller Elan und Ehrgeiz, gefeiert für ihre Zuverlässigkeit und ihre schnelle Auffassungsgabe.
Paula jobbt mal hier, mal da zu eintönig, zu stressig, zu wenig Geld, die Kollegen zu blöd, der Chef zu streng. Sie hielt nie lange durch, sagte immer: Ich mache das schon. Ich brauche eure Hilfe nicht.
Tief drin klammerte sie sich an die Hoffnung, dass sie ihren eigenen Weg finden würde einen, der nicht dauernd nach Luise aussieht, sondern nur nach ihr selbst. Aber jedes Mal, wenn sie versuchte, selbstständig zu sein, rutschte sie wieder aus, und die Trotz-Haltung wurde immer schwerer zu tragen.
Paula verstand selbst manchmal nicht, wieso sie so handelte. Irgendwie war in ihr ein Mechanismus: Jedes Mal, wenn Luise etwas schaffte tolle Note, ein Lob, ein Preis steuerte Paula aus Prinzip in die Gegenrichtung. Sie fasste sich zwar immer wieder neue Vorsätze, doch das nächste Lob für Luise zerstörte jede Absicht.
Sie ärgerte sich über sich selbst! Nachts lag sie oft wach, schwor sich: Ab morgen wird alles anders. Aber morgens war alles beim Alten. Es war, als tappe sie in eine unsichtbare Falle je mehr sie sich wehrte, umso fester hielt sie fest.
Mit der Zeit wurde Paula gleichgültiger. Sie vergrub sich zu Hause, wich Familienfesten aus, wollte nichts mehr davon hören, wie alles bei Luise so läuft perfekt und planbar. Sie baute eine unsichtbare Mauer um sich herum. Seltsamerweise begannen sich ihre Umstände gerade dann zu bessern.
Zuerst fand sie endlich eine Arbeit nichts Spektakuläres, aber ordentlich und gerecht bezahlt. Paula war überrascht, wie angenehm das Team war. Sie kam abends nach Hause und hatte das neue Gefühl, dass der Tag wirklich etwas wert war.
Dann trat Max in ihr Leben sie trafen sich zufällig in einem kleinen Café nahe der Arbeit. Er war anders als alle Jungs davor, ruhig, vernünftig, kein Macho. Max wollte niemanden beeindrucken, und gerade das gefiel ihr. Sie gingen spazieren, redeten stundenlang. Paula merkte zum ersten Mal seit Jahren, wie schön es war, einfach sie selbst zu sein, ohne irgendwas beweisen zu müssen.
Nach und nach wuchs ein echtes Zielgefühl in ihr. Nichts Großes, aber Greifbares: für den Urlaub sparen, Englisch lernen, vielleicht eine bessere Wohnung finden. Das Leben bekam langsam Struktur und Sinn.
Bis plötzlich eines Abends Claudias Anruf kam. Ihre Stimme war leise, fast ängstlich, als wollte sie Paula mit ihrer Neuigkeit nicht überfordern: Kommst du bitte vorbei, wir müssen reden.
Paula traf die Eltern im Wohnzimmer, beide ungewöhnlich ernst. Ihre Mutter fand erst nach einigem Zögern die Worte: Luise kann keine Kinder bekommen. Das sagen zumindest die Ärzte
Stille. Paula wusste nicht, was sie sagen sollte. Die Nachricht bewegte viel in ihr Mitgefühl mit Luise, Wut über das Schicksal, der Wunsch zu trösten. Und gleichzeitig spürte sie das alte, tiefsitzende Bedürfnis, das sie jahrelang so getrieben hatte.
Nicht einmal ein Jahr später war Paula schwanger. Und nach zwei Jahren hatte sie zwei Kinder. Sie konnte nicht einmal selbst richtig erklären, warum sie sich so beeilte. Klar, sie liebte ihre Kinder, war stolz auf ihre Fortschritte, genoss die ersten Worte und Schritte. Aber irgendwo in ihrem Innersten schwang immer ein Gedanke mit: Jetzt bin ich endlich anders als Luise. Jetzt habe ich etwas, was sie nie haben wird.
Sie wusste, tief drin, dass das nicht richtig war. Man sollte sein Leben nicht im Schatten eines anderen definieren. Aber jedes Mal, wenn sie ihre Kinder anschaute, redete sie sich ein: Ich wollte das für mich. Meine Entscheidung.
Und zugleich war da diese kleine, kaum fassbare Erkenntnis: Wären die Dinge bei Luise anders gelaufen, wäre auch für mich alles ganz anders geworden
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Luise hörte ihrer Mutter zu, die wieder einmal von Paulas neuen Eskapaden erzählte. In Claudias Stimme mischten sich Sorge und Unsicherheit sie wusste einfach nicht, wie sie an Paula herankommen konnte.
Als Claudia zu Ende gesprochen hatte, sagte Luise ruhig, aber bestimmt: Bitte erzähle Paula nichts mehr von mir.
Ihre Mutter blickte erstaunt auf: Aber wieso? Ihr seid doch Schwestern
Luise seufzte, überlegte kurz. Sie hatte diesen Entschluss lange abgewogen und war sich nun sicher.
Sie richtet ihr Leben komplett gegen mich, erklärte Luise. Jedes Mal, wenn sie von meinen Erfolgen hört, treibt es sie erst recht zu irgendeinem Trotzakt. Sie sucht nicht ihren eigenen Weg, sie orientiert sich einfach immer nur in die Gegenrichtung.
Claudia wollte widersprechen, doch Luise blieb sanft, aber fest: Wenn du nur ein bisschen Mitleid mit ihr hast dann lass meinen Namen in Gesprächen mit ihr ganz raus. Das ist für sie das Beste. Sie muss mich vergessen und ihr Leben leben, ohne nach links und rechts zu schauen.
Claudia sah Luise lange an, ringend um Verständnis. Es fiel ihr schwer, so viel Klarheit und Konsequenz bei ihrer sonst so mitfühlenden Tochter zu hören. Meinst du wirklich, das hilft?, fragte sie leise.
Ich weiß es nicht, gab Luise ehrlich zu. Aber alle anderen Versuche haben nichts gebracht. Vielleicht nimmt sie sich selbst dann endlich wichtig genug.
Claudia nickte widerstrebend. Sie verstand Luises Argumentation, doch das Mutterherz tat sich schwer mit Abstand. Ich werde es versuchen, sagte sie schließlich. Ganz einfach ist das aber nicht.
Luise stand auf, nahm ihre Mutter in den Arm. Komm. Lass es uns versuchen. Für Paula.
Fortan achtete Claudia immer mehr darauf, was sie zu Paula sagte. Sie vermied Vergleiche, erwähnte Luise kaum noch, stellte ihre eigene Tochter in den Mittelpunkt der Gespräche. Anfangs fiel ihr das schwer zu tief saß die Gewohnheit, immer mit Luise zu vergleichen. Doch langsam lernte sie, sich auf Paulas Sorgen, Interessen und Freuden zu konzentrieren.
Auch Luise hielt sich an ihren Entschluss. Sie suchte keinen Kontakt zu Paula, meldete sich nicht, ließ sie gewähren. Manchmal tat es ihr sehr weh, so außen vor zu sein aber sie glaubte fest daran, dass Paula so am ehesten ihren eigenen Weg finden würde.
P.S.
Max, Paulas Mann, überzeugte sie schließlich doch zu einer professionellen Therapie. Ganz langsam, Schritt für Schritt, begann Paula, ihre Vergangenheit zu verarbeiten und eine Zukunft aufzubauen, in der endlich sie selbst im Mittelpunkt stehen würde, nicht mehr ein Leben im Schatten ihrer SchwesterObwohl Paula anfangs zögerte, willigte sie schließlich ein. Die ersten Stunden waren ungewohnt, sie saß steif auf dem Stuhl und wollte nicht viel erzählen. Doch die Therapeutin, eine ruhige Frau mit klarem Blick, ließ ihr Zeit. Nach und nach lernte Paula, ihre alten Muster beim Namen zu nennen: den Drang, sich immer abzugrenzen, den reflektorischen Trotz, den Schmerz hinter jeder Verniedlichung als eine von den Zwillingen”. Die Gespräche fühlten sich wie ein langer Abstieg in einen verborgenen Keller an manchmal dunkel, manchmal befreiend. Immer öfter wagte Paula, echte Gefühle zu äußern, die Wut auf die Vergleiche, aber auch ihre Angst, einfach niemand Besonderes zu sein.
In einer Sitzung fragte die Therapeutin behutsam: Wer ist Paula, wenn niemand hinschaut? Zum ersten Mal musste Paula darauf keine Antwort suchen. Sie lächelte vorsichtig und erzählte von den kleinen Dingen, die niemand von ihr wusste wie sie heimlich Gedichte schrieb, im Alltag auf die winzigen Freuden achtete, ihre Kinder mit eigens erfundenen Geschichten in den Schlaf sang.
Langsam begriff Paula, dass sie nicht Luises Schatten war. Sie war nicht einmal nur eine Reaktion auf andere, sondern eine eigenständige Person oft unsicher, manchmal widersprüchlich, aber eigen. Die Sitzungen lehrten sie, Fehler als Schritte anzusehen, die zu ihr gehören dürfen. Sie lernte, sich mit ihren Schwächen zu versöhnen.
Die Beziehung zu Max wurde stiller, vertrauensvoller. Er blieb ihr Fels, forderte nichts, schenkte ihr Raum. Auch zu ihren Eltern taute sie langsam wieder auf. Claudia bemühte sich, wirklich zuzuhören und zum ersten Mal spürte Paula, dass sie, nur sie selbst, gemeint war.
Eines Abends, als sie ihrer Tochter beim Einschlafen die Haare strich, fragte das Mädchen plötzlich: Mama, bist du eigentlich manchmal traurig? Paula überlegte einen Moment und nickte dann. Ja, manchmal schon. Aber das ist okay. Weil ich trotzdem ich bin.
Die Kleine schlang die Arme um ihren Hals und murmelte: Ich mag dich genauso, Mama. Nicht wie jemand anders.
In dieser Umarmung spürte Paula zum ersten Mal so etwas wie echten Frieden. Vielleicht würde sie nie alles loslassen können, was früher war aber mehr und mehr gehörte ihr Leben ihr. Ihren eigenen Namen sprach sie jetzt ohne Bitterkeit aus. Und manchmal wenn sie die kleine pinke Strähne hinterm Ohr im Spiegel entdeckte lächelte sie einfach darüber, wie weit sie schon gekommen war.





