Die Verwandtschaft

Verwandtschaft

Heul nicht, bitte!

Ich kann nicht Anna weinte fast laut auf und vergrub ihr Gesicht in ein altes Baby-Spucktuch.

Beruhig dich, ich sage es dir! Was hat sie noch gesagt? Sabine kramte fluchend in der Hausapotheke auf der Suche nach Baldrian.

Sie hat gesagt, ich soll Felix verlassen. Anna schluchzte, nahm das Wasserglas aus Sabines Hand, wischte sich die verschütteten Tropfen vom Bademantel und schlug mit den Zähnen an den Rand. Ich soll Leni nehmen und mit ihr wegziehen. Er würde mich sowieso fallen lassen, und dann… dann hätte ich niemanden mehr. Sie würde mich nie akzeptieren.

Deshalb weinst du jetzt so? Anna, ich dachte, du wärst klüger.

Dachte ich auch. Aber nicht deswegen weine ich! Wie kann sie nur? Sie ist doch meine Mutter! Wieso ist sie so grausam? So viele Jahre habe ich sie nicht gesehen, und jetzt so was!

Ist doch egal warum. Die wichtigere Frage ist eine andere.

Welche?

Wozu Ach, komm schon, beruhige dich. Es bringt nichts, dich fertigzumachen. Wir finden schon einen Weg.

Ja, aber wie?!

Ach Anna! Warum bist du bloß immer so ein nervliches Wrack? Sabine setzte sich auf die Couch, hockte sich zu Anna hinunter und legte ihr die Hand an die Wange. Du bist doch nicht allein! Du hast Felix, du hast mich, du hast Opa. Hier steht jeder hinter dir!

Sie hat gesagt, dass ich euch gar nicht richtig zu Familie gehöre. Ich bin ja kein Blut von euch…

Familienbande entstehen nicht nur übers Blut, Mädchen. Jetzt beruhige dich endlich! Du bist so lange schon bei uns, hast du uns immer noch nicht verstanden?

Anna schluchzte und schloss die Augen. Wem sollte sie glauben?

Sabine lauschte in die Wohnung hinein und stand dann auf.

Leni ist wach. Bleib sitzen! Ich hole sie, trink das Wasser und atme mal durch. Sie spürt doch, wie es dir geht. Willst du, dass dein Kind so weint wie du gerade?

Nein!

Also! So schlimm ist die Welt gerade nun auch wieder nicht.

Sabine wusste, dass sie flunkerte. Eigentlich war die Situation verdammt ernst, nur hatte sie keine Ahnung, wie sie das alles bereinigen sollte. Ihr Sohn war auf Montage, und außer Opa gab es niemanden zum Reden. Freundinnen? Na ja irgendwo, aber hier, im Dorf, war bisher niemand so richtig eng geworden, und den Klatsch auf Arbeit wollte Sabine auf keinen Fall noch weiterfüttern. Sonst rannte gleich das halbe Dorf mit Getuschel durch die Straßen.

Sie kannte die Meisterschaft ihrer Kolleginnen im Tratschen. Was hätten sie sonst auch anderes zu tun? Ausgedruckte Zettelchen herumtragen und Kaffeerunden drehen, besonders in der kalten Jahreszeit. Dann wurde von morgens bis abends Tee geschlürft und die Leben anderer seziert.

Sabine hielt sich tunlichst aus den Gesprächen raus dafür lief sie schon als Eisprinzessin durchs Dorf. Sollen sie ruhig, solange die Familie in Ruhe blieb. Einer hatte ohnehin schon herumgequatscht, dass Anna aus dem Heim käme seitdem fragten die Leute vorne und hinten, wie Sabine sich getraut hatte so eine ins Haus zu holen.

Als wäre sie kein Mensch. Ein Kind wie jedes andere auch!

Zugegeben, ein Körnchen Wahrheit steckte im Gerede: Ganz einfach hatte Sabine Anna erst nicht akzeptiert. Als Felix damals erzählt hatte, dass er heiraten wollte, hatte sie sich auch erst gesperrt.

Bist du dir sicher, Felix? Du kennst sie doch kaum! Wie lange seid ihr zusammen? Einen Monat?

Vier. Ich habe es nur nicht sofort gesagt, weil ich Angst vor deiner Reaktion hatte.

Warum denn das? Sabine war vom Tee verschlucken ins Husten geraten. Du haste doch noch nie was verheimlicht. Was ist diesmal anders?

Genau deswegen! Felix griff nach dem Küchenhandtuch und wischte eine Pfütze weg. Sorry, Mama, immer das Gleiche. Ich wasche das gleich.

Lass! Aber hast du mir noch nicht gesagt: Warum?

Ich hatte Angst, dass du so reagierst. Aber sie ist toll, Mama. Wirklich. Du kennst sie halt nur nicht.

Sabine schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie das Mädchen auf dem Foto, das Felix zeigte, gar nicht kennenlernen wollte? Dunkle Haare, Pony und so stark geschminkte Augen, dass man kaum die Farbe erkennen konnte. Dabei so ein finsterer Blick als würde sie am liebsten vom Leben aussteigen. Missglücktes Foto oder war sie einfach so? Wer weiß.

Felix war jedenfalls glücklich, so wie Sabine ihn schon seit dem Tod seines Vaters ein Jahr zuvor nicht mehr gesehen hatte.

Es war eine harte Zeit. Felix hatte damals richtig gelitten. Schließlich hatte er erst kurz vor dem Tod des Vaters überhaupt eine Beziehung zu ihm aufbauen können, zwei Jahre kannten sie sich eigentlich erst richtig. Davor Sabine wollte gar nicht mehr daran denken. Es hatte sie so viele Nerven gekostet all der Ärger, all die Jahre umsonst. Und das alles nur wegen einer Person: Felix Großmutter, Marias Schwiegermutter.

Sabine war damals naiv ohne Ende ins Eheglück gestolpert wie auch anders? Behütete Tochter, Wunschkind, alles bekommen, was das Herz begehrte, und noch dazu so jung. Siebzehn war sie erst, als sie Michael kennenlernte. Ein Jahr hielten sie ihre Treffen geheim, dann beschlossen sie: So gehts nicht mehr! Sie erinnerten die Familien, dass sie heiraten wollten.

Sabines Mutter war schon krank, konnte kaum widersprechen. Vom Vater wussten sie zu dem Zeitpunkt noch nichts. Beide Elternteile verstarben dann innerhalb von zwei Jahren. In dieser Zeit wurde Sabine Ehefrau und Mutter. Ihr Vater sah den Enkel noch, die Mutter erlebte das Baby nur in Gedanken.

Felix kam schwach auf die Welt. Kein Wunder, Sabine hatte alle Kraft in die Pflege der Eltern gesteckt. Die Haushaltshilfe? Kam ihr gar nicht ins Haus! Ihr Vater war bis fast zuletzt noch eigenständig, half Michael dann mit, trotz dem Gemurre seiner Mutter.

Das ist nicht deine Aufgabe, Michael! Die sind Fremde, die haben eine Tochter. Die sind nicht arm und können sich Hilfe leisten. Wieso hängst du dich da nach der Arbeit ran? Bist du aus Eisen?

Mama, Sabine ist doch auch kein Blechmensch.

Mein Kind bist du und ich kümmere mich zuerst um dich.

Von solchen Sprüchen bekam Sabine so einiges mit mal selbst, mal von ihrem Mann erzählt. Worte eben Wie kaputte Nadeln, die sich ins Herz bohren und eine vernarbte Spur hinterlassen. Und wie heilte das irgendwann? Viel Glück und ein bisschen Sonnenschein das Lächeln eines Kindes, ein zarter Kuss am Morgen. Nicht immer hatte man solche Glücksmomente. Dann blieb nur der Schmerz.

Es war einfach zu viel, alles.

Anfangs dachte Sabine, die Schwiegermutter bräuchte einfach mehr Zeit, sie kennenzulernen. Sie war clever, hatte einen angesehenen Beruf, vielleicht zu viel Selbstbewusstsein und alles musste immer nach ihrer Pfeife gehen.

Ich gönne dir kein Leben. Nie. Mein Sohn verdient Besseres.

Was stört Sie an mir?

Wer bist du denn? Niemand, ohne Ausbildung, ohne Job. Hockst in der Ecke. Er braucht eine, die ihm karrieremäßig was bringt clever und sozial geschickt, die mit den richtigen Leuten klarkommt.

Was für Leute?

Habe ich es nicht gesagt? Eine kluge Frau!

Wir kriegen ein Kind.

Na und? Gibt viele Kinder, viele Frauen. Aber die Mutter bleibt immer eine. Der Rest ist Nebensache. Bekommst Unterhalt, mehr nicht.

Wir denken gar nicht ans Scheiden.

Noch nicht. Warte ab, Kleine. Aber gib acht, mich bringst du nicht gegen dich auf. Das wird teuer!

Sabine fragte sich immer wieder: Wo war ihr Fehler?

Sie und Michael trennten sich, als Felix drei war. Der Grund war stinknormal: Michael hatte Geburtstag, eine alte Schulfreundin tauchte auf, Sabines Schwiegermutter schickte sie mit irgendeiner Kleinigkeit in die dunkle Küche und da saß die Dame, von Michael getröstet. Mehr wars eigentlich nicht. Aber Sabine interpretierte viel zu viel hinein. Es war eine Mischung aus Alter, Unerfahrenheit und dem Fehlen einer guten Freundin, die ihr mal den Kopf zurechtrückte.

Noch am selben Abend zog sie mit Felix zurück in die alte Elternwohnung, voller Erinnerungen. Stellte die Tasche ab, packte das Kind aus, setzte sich hin und weinte. Nachts putzte und schrubbte sie, als könnte sie damit die Trauer wegwaschen. Früh am Morgen ging sie zum Briefkasten mit Felix und sandte ein Telegramm an ihren Großvater, ihren letzten Verwandten.

Der kam nicht sofort, musste erst den Bauernhof verkaufen, alles ordnen.

In dieser Zeit regelte Sabine die Scheidung, besorgte Felix einen Kindergartenplatz und fand irgendeinen Job sie schrubbte Treppenhäuser und überlegte, wie es weitergehen sollte.

Ihr Opa, Hermann, nahm ihr die Entscheidung ab.

Du gehst jetzt eine Ausbildung machen.

Opa! Wovon sollen wir denn leben?

Meine Rente reicht. Und ich such mir noch einen Job dazu. Ein Sparstrumpf ist auch da. Wir kommen schon klar. Was willst du werden?

Buchhaltung, Opa. Zahlen fand ich immer spannend.

Ist richtig, aber mach später trotzdem noch den Abschluss richtig. Ein Diplom schadet nie.

Das Studium holte Sabine nach erst nebenher, aber sie schaffte es. Als sie Opa stolz das Zeugnis zeigte, zog er sie in eine Bärenumarmung.

Willst du jetzt etwa ein Waisenkind sein? Brauchst du keinen Opa mehr? Willst mich doch noch erdrücken!

Ach Opa! Ohne dich, ich wüsste nicht, was ich gemacht hätte!

Du bist wie ein Hund mit fünf Beinen! Ach Sabine, wenn ich noch fünf Jahre hätte, um zu sehen, wie ihr euren Weg geht Dann könnte ich gehen, ohne Angst zu haben.

Ach Quatsch, hör auf! Felix darf das nicht hören. Opa?

Hm?

Bin ich jetzt nicht mehr das Nichts, dass die Leute immer sagen?

Hermann schob die Brille auf die Stirn, rieb sich die Nase und verdrehte die Augen:

Ach Sabine, du hörst zu oft, was Dummköpfe sagen! Ein Mensch ist nie nichts. Hast du je gedacht, dein Felix ist nichts? Genau! Also bist dus auch nicht. Lass die Leute reden hier auf dem Dorf sagt man: Wer keinen Verstand hat, ist wie ein Krüppel. Und so geh auch mit ihnen um: Lass sie stumpf brabbeln. Du hast deinen Weg.

Felix kam ins sechste Schuljahr, und Hermann kündigte an:

Ich gehe jetzt. Das Haus kann ich nicht endlos leerstehen lassen. Ihr packt das schon, seid ja keine Kinder mehr. Und Sabine

Ja?

Wenn du nochmal heiraten willst, überlegs dir sehr gut. Felix ist gerade in einem schwierigen Alter lieber bring ihn mit zu mir. Dann reden wir.

Opa, ich hab sowieso nichts vor zu ändern.

Naja, das sagt man so. Die Wege Gottes sind seltsam. Sag niemals nie.

Sie dachte über seine Worte nach. Michael kümmerte sich nicht groß um Felix. Glückwünsche zum Geburtstag, Unterhalt kam püntklich aufs Konto dafür lobte die Schwiegermutter sie noch jedes Mal.

Er hat nun Familie, zwei Kinder.

Drei.

Sabine! Du warst nie besonders klug.

Stimmt. Sind wir fertig? Dann alles Gute!

Kontern lernte Sabine erst nach Jahren. Sie begriff nie, warum Menschen unbedingt streiten müssen. Micha las das oft locker:

Sabine, du bist halt zu friedliebend. Manchen reichts nicht, einfach Brot zu haben die wollen sich beißen wie die Hunde! Jeder ist anders. Nimms nicht so schwer, lerne es!

Und so lernte Sabine auf ihre Weise durch eigene Fehler und die Erfahrungen anderer. Ihr Opa hatte ihr einen guten Kompass gegeben.

Der allergrößte Test kam allerdings, als eines Tages eine kleine rundliche Frau an ihrer Tür stand eine Frau, die zwei Mädchen an den Händen hielt, beide wie aus dem Gesicht von Michael geschnitten.

Hallo Sabine. Ich bin Katrin, Michaels Frau. Können wir sprechen?

Was dann folgte, war ein langes, schwieriges Gespräch. Aber danach hatte Felix nicht nur wieder einen Vater, sondern auch zwei kleine Halbschwestern.

Wir haben nichts zu teilen, Sabine. Es geht um die Kinder. Ich habe viel Blödsinn gemacht und auf meine Schwiegermutter gehört. Aber jetzt weiß ich: Die sagt auch über meine Kinder Schlechtes, wenn sie ihr was nicht passen. Und Felix braucht seinen Vater. Ich will, dass meine Mädchen wenigstens einen großen Bruder haben, wenn du einverstanden bist. Sie sind wirklich lieb nicht nur, weil ich ihre Mutter bin.

Was hätte Sabine da noch sagen können? Sie redete mit Felix, und die Dinge kamen wie sie kamen.

Ein Jahr später starb Michaels Mutter, und es wurde ein Stück ruhiger. Katrin pflegte die Schwiegermutter bis zum Schluss, war aber ehrlich erleichtert, als sie endlich fort war.

Ach Sabine, ich hoffe, dass irgendwann mal niemand einfach froh ist, wenn ich gehe. Dass man nicht erleichtert aufatmen, sondern um mich trauert. Wie lebt man, dass das nicht passiert?

Ach Katrin, du lebst doch längst so! Ich würde um dich weinen, sei sicher!

Du Quatschkopf! Katrin zog ein Taschentuch. Trotzdem tut es mir leid. Ich weine den ganzen Tag, aber vielleicht fällt mir ja doch was Gutes ein.

Und?

Sie hat die Kinder geliebt. Auf ihre Weise. Vielleicht war sie doch nicht verloren.

Sabine behielt das Gespräch immer im Kopf.

Und als Felix dann von Anna erzählte, wie er auf dem Stuhl zurückgelehnt fast strahlte die ganze Küche schien heller , wusste Sabine: Alles, was ich über das Leben gelernt habe, wird jetzt geprüft. Von dem, wie ich jetzt mit dieser fremden jungen Frau umgehe, hängt viel ab. Vor allem, was für ein Mensch ich selbst geworden bin und was ihr Sohn für einer war.

Alles wurde leichter, je besser Sabine Anna kennenlernte.

Dieses schmale, zierliche Mädchen, das wie ein aufgescheuchter Spatz an der Tür stand, versteckte sich erst hinter Felix.

Komm rein, Anna, keine Sorge. Ich tu dir nichts.

Ich hab auch keine Angst!

Aber ihr Stimme zitterte. Sabine grinste. Klar, ganz sicher bist du nicht nervös? Die Hände schwer am Schlenkern, der Schal will nicht halten.

Hast du den selbst gestrickt?

Ja. Meine Tante Gertrud hats mir beigebracht. Damals im Heim, als ich klein war. Wer wollte, hats lernen dürfen. Sie war die Beste. Wir mochten sie.

Also, du bist im Heim aufgewachsen?

Ja, und?

Anna plusterte sich auf, bisschen wie ein Vogel aber Sabine beruhigte sie sofort:

Kein Problem. Jeder hat seine eigene Geschichte. Ich bin einfach neugierig. Ich will dich besser kennenlernen. Oleg hat schon was erzählt. Aber am liebsten höre ich von dir, was du willst und wann du willst. Alles gut?

Ja

Anna blickte aus ihrer Ponyschleife heraus wie ein verschrecktes Reh und Sabine dachte: Was für ein Glück. Hoffentlich krieg ich das hin.

An dem Abend wurde nicht viel gesprochen. Anna war zurückhaltend, aß vorsichtig, nahm kaum Brot und schämte sich für jede Bewegung. Sabine fragte sich: Wie kann ein Kind ohne Familie so höflich sein?

Erst nach und nach lernte Sabine Annas Geschichte kennen als Anna und Felix längst verheiratet waren. Opa hatte Anna gleich abgenickt als Winzling in der Familie und Sabine verboten, an Kleinigkeiten zu mäkeln.

Warte ab, sie zeigt noch, was sie kann. Nicht drängeln, sie erzählt irgendwann alles selbst.

Es kam schneller als gedacht: Sabine rutschte beim Aussteigen aus dem Bus aus und brach sich das Bein. Im Krankenhaus lag sie, ärgerte sich, dass sie so doof gewesen war, aber Hilfe wollte sie nicht.

Ihr habt doch hier nichts verloren, Kinder! brummte sie, während Anna ihr Obst und Essensdosen auf den Nachttisch stellte. Ich kriege hier Essen genug und Pflege sowieso.

Ich weiß schon, wies im Krankenhaus zugeht.

Woher das denn?

Ich hab viel Zeit im Krankenhaus verbracht. Als Kleinkind, dauernd krank. Ich bring’ Sie nachher was zu essen, muss in die Uni.

In der Zeit lernten sich Anna und Sabine richtig kennen. Sabine staunte immer wieder, wie viel Güte in diesem Mädchen steckte, trotz allem was sie durchgemacht hatte.

Meine Mutter kam ins Gefängnis, als ich eineinhalb war.

Wegen was?

Diebstahl. Und noch was, ich weiß es nicht. Sie bekam sechs Jahre.

Und dein Vater?

Keinen Schimmer, wer das war. Es gab noch eine Oma, aber die wollte mich nicht. Sie meinte, sie schafft das nicht mehr.

Schon alt oder krank?

Nee, einfach, sie kam mit Mama nicht klar. Vielleicht auch deshalb Ich kam ins Heim. Erst wollte ich nichts mehr, nicht essen, nicht spielen. Aber irgendwann gewöhnte ich mich dran.

Hat deine Mutter sich danach gemeldet?

Sie hat immer geschrieben. Klar konnte ich nicht lesen, aber andere haben mir vorgelesen. Sie versprach jedes Mal, mich zu holen, sobald sie rauskommt. Ich habe am Fenster gesessen und gewartet stundenlang. Unsere Fensterbänke waren breit, da konnte man mit Beinen drauf sitzen und warten, bis einen jemand runtergeholt hat meist zum Direktor, wenns einem zu schlecht ging.

Um geschimpft zu werden?

Nee, wir durften da Trickfilme schauen.

Ist sie gekommen?

Nein. Ich wurde sieben, dann acht Dann sechzehn. Passiert ist nichts. Sie hat geschrieben, sie vermisst mich, aber Nichts.

Ich verstehe es nicht. Warum hat sie dich nicht geholt?

Sie hatte eine neue Familie. Ich habe eine Schwester.

Anna schnitt Apfelstücke für Sabine, ohne sie anzusehen.

Anna Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll

Musst du nicht. Ich war sehr lange wütend. Ich konnte ihr nie verzeihen, dass ich für sie nichts war. Für ihre Tochter war sie Mutter und für mich? Gar nichts?

Sabine erschrak, denn sie hörte plötzlich wieder den höhnischen Ton ihrer früheren Schwiegermutter.

Sag so etwas nie wieder! Sabines Stimme war so scharf, dass Anna vor Schreck fast das Messer fallen ließ.

Entschuldigen Sie Sie haben mich erschreckt. Aber ich kenne diesen Satz so gut. Tut weh.

Von wem denn?

Das erzähle ich dir ein andermal. Was war weiter?

Sie kam doch noch. Da war ich schon auf der Berufsschule, wohnte im Studentenwohnheim. Ich war happy. Endlich dachte ich, das Blatt dreht sich. Aber sie meinte nur, ich könne nicht mit zu ihnen ziehen es wäre unpassend. Ich habe sie nicht gefragt, warum, ich kannte sie ja kaum und es war mir peinlich. Wie kann ich mich nicht mehr an meine Mutter erinnern?

Du warst eineinhalb! Wie soll das gehen?

Sie meinte doch, ich müsse sie erinnern. Und auch, wie sie damals Milch gestohlen hat, um mich zu füttern, das dürfe ich nicht vergessen.

Hat sie das gemacht, um dich zu ernähren? Sabine kochte innerlich.

Womöglich. Aber was soll’s? Sie ist meine Mutter. Ich hatte sonst niemanden.

Sätze wie diese schnitten wie ein Messer durchs Herz. Was hatte dieses Kind alles durchgestanden? Und trotzdem so viel Liebe in ihr.

Die wahre Kraft von Anna begriff Sabine erst, als Annas Mutter, Gerlinde, ein Jahr nach der Hochzeit plötzlich auftauchte und das Leben aufmischte.

Der erste Besuch war kurz. Sabine verstand nicht gleich, warum Gerlinde kam.

Wir sind jetzt schließlich verwandt. Also, Schwiegermutter, lass uns anstoßen!

Sabine nippte am Sekt, stellte ihn weg. Sie mochte die Atmosphäre keineswegs. Irgendetwas stimmte nicht.

Komisch, wie das Leben spielt, oder? Kaum hast du eine Tochter, ist sie selbst schon Mutter. Vielleicht versteht sie dann endlich, wie schwer es ist, ein Kind großzuziehen. Dankbarkeit bekommt man nie zurück solche Kinder wissen sowas halt nicht zu schätzen! Glauben, so ein Leben schenken ist ein Klacks!

Sabine hörte schweigend zu, Anna wurde immer stiller, damit beschäftigt zwischen Küche und Wohnzimmer zu pendeln, alles richtig machen zu wollen.

Zum Glück zog Gerlinde am nächsten Tag wieder ab, raunte Anna noch was zu und warf Felix einen bösen Blick zu.

Nach ihrer Abreise schloss sich Anna einen halben Tag in ihrem Zimmer ein. Erst am Abend tappte sie in die Küche. Sabine sahs sofort Anna hatte viel geweint.

Anna, was ist denn los?

Nichts! Alles gut, Sabine. Nicht drauf achten.

Klar sieht man, wie gut alles ist Komm, iss wenigstens was. Du bist den ganzen Tag wie ein Geist! Und wenn du morgen in der Prüfung umkippst, lachen auch noch alle!

Kann schon sein Anna lächelte tapfer und stochert im Essen. Ich hab einfach keinen Appetit.

Essen musst du! Sonst weht dich der Wind davon! Und Tee?

Ja, gern

Die Zeit verging. Vor der Geburt der Enkelin machte Sabine einen Vorschlag.

Wir verkaufen die Wohnung in Hannover und ziehen nach Schleswig ins Dorf zu Opa. Das Haus ist stabil, ich wohne mit ihm, ihr bekommt das Nebenhaus. Für die Betreuung übernimmt Opa weiter Verantwortung, aber dafür braucht er Hilfe. Es gibt eine gute Schule, Kindergarten, auch einen Job für dich findet sich. Was haltet ihr davon?

Felix und Anna überlegten, berieten sich und sagten zu.

Perfekt! Wenn Familie zusammenbleibt, ist alles leichter.

Natürlich kam alles anders. Opa bestand darauf, dass Felix und Anna im Haupthaus lebten und er zog in den neuen Anbau.

Ich bin eh den halben Tag bei den Bienen. Euch gehört das Haus, ich hab meinen Anbau. Wollt ihr bauen geht aufs Nachbargrundstück, das gehört auch mir. Baut da das Nest. Warum Geld für wen anders ausgeben?

So wars entschieden.

Der zweite Besuch von Gerlinde dauerte länger, und bald stritten alle miteinander. Anna mit Felix, Felix mit der Schwiegermutter und Sabine hätte die Schwiegermutter beinahe rausgeworfen, als Gerlinde der kleinen Leni ein Stück Wurst zusteckte.

Gerlinde! Bist du verrückt?!

Was denn? Das hab ich immer so gemacht, hat nie geschadet.

Sabine schnappte sich die Enkelin, brachte sie zu Anna und kehrte dann zurück.

So nicht. Was mit dem Kind geschieht, entscheidet immer noch die Mutter!

Als ob du je gefragt hättest! lachte Gerlinde spöttisch.

Natürlich frage ich. Immer!

Bleib bei der Wahrheit, Sabine! Ich glaube nie, dass du so eine Milchgesicht nach ihrer Meinung fragst. Die hat doch alles bereit hier. Seit wann darf die irgendwas wollen?

Sie will gar nichts. Aber das ist unser Stil. Ist Leni schon angemeldet? Nicht, dass du sie am Ende rausschmeißt und ich alles regeln muss?

Gerlinde, worauf willst du hinaus? Was machst du eigentlich hier?

Ich will Unterhalt beantragen.

Was für Unterhalt? Sabine blinzelte ungläubig.

Kinder zahlen für Eltern! Anna muss zahlen, mein Mann ist arbeitsunfähig, meine jüngere Tochter kommt jetzt ins Teenie-Alter. Wir brauchen viel.

Und da denkst du, Anna trägt eure Kosten?

Klar. Das Gesetz steht auf meiner Seite! Ich habe das Sorgerecht jedenfalls noch. Sie muss!

Und du umgekehrt? Jetzt wurde Sabine richtig laut, hielt sich dann aber die Hand an den Mund, um Leni nicht zu wecken. Gerlinde, pack deine Sachen. Nichts kriegst du von Anna!

Wir werden sehen! Gerlinde kniff die Augen zusammen und schob das Kinn auf die gepflegte Hand. Du willst etwa Mutter spielen? Scheinheilige! Sie wird NIE Mama zu dir sagen! Ich bin ihre Mutter, du bleibst Schwiegermutter!

Du, wir schauen schon! Sabine räumte klappernd das Geschirr weg. Gehen schlafen, Gerlinde. Ich hab dir das Bett gemacht.

Brav! Gerlinde staubte die Krümel vom Tisch und polterte davon.

Sabine wusch schnell das Geschirr, leerte zwei Gläser Leitungswasser in einem Zug und beschloss, dass sie alles tun würde, damit Anna nie wieder mit ihrer Mutter zu tun haben musste.

Am nächsten Morgen fing es schon an: Gerlinde zog Anna in den Flur und tuschelte lange mit ihr. Als Sabine später wach wurde, war Gerlinde verschwunden zurück blieben Tränen, Chaos.

Nach einem kurzen Gespräch mit Anna schnappte Sabine das Handy und ging hinaus.

Opa! Wie läufts?

Bin noch am Leben.

Rede keinen Unsinn!

Hof beschäftigt mich. Was ist los?

Hab was zu bequatschen.

Worum gehts denn?

Wie viel haben wir eigentlich im Sparstrumpf?

Eine Woche später fuhr Sabine irgendwohin. Zwei Tage weg, dann setzte sie Anna an den Tisch.

Ich hab dich frei gekauft.

Was? Annas Augen wurden riesig wie zwei klare blaue Seen.

Deine Mutter betritt dieses Haus nie wieder.

Ich versteh gar nichts! Ist das wahr?

In Annas Stimme lag so viel Hoffnung, dass Sabine alle (falschen) Umgangsformen über Bord warf und sie einfach in den Arm nahm, so fest, wie sie es bisher nur bei Felix gemacht hatte.

Es stimmt, Annchen. Sie kommt nicht zurück. Sie hat jetzt, was sie will. Wir erledigen den Rest mit dem Anwalt. Ich hab beim Jugendamt gefragt sie hat keinen Cent Unterhalt für dich gezahlt all die Jahre. Wir haben gute Chancen, dich von allem zu befreien, was sie meint, einzufordern.

Aber warum hast du ihr dann überhaupt Geld gegeben? Anna rückte sich ein wenig ab und sah Sabine an.

Weil ich nicht dulde, dass in MEINEM Haus meine Kinder gegeneinander ausgespielt werden! Sie hätte sonst nie Ruhe gegeben dauernd genervt, angerufen, gestört. Jetzt ist Schluss!

Anna blieb vor allem an zwei Wörtern hängen, wurde ganz still, fragte dann rau:

Deine Kinder?

Anna, du kleiner Dussel. Wer bist du denn sonst? Für mich bist du jetzt mein eigenes Kind, genauso wie Felix! Habe ich es nicht geschafft, dich bei uns warm werden zu lassen, sodass du dich nie mehr wie eine Fremde fühlen musst dann bin ich keine gute Mutter.

Doch, viel mehr als das! Anna schüttelte so herzlich den Kopf, dass Sabine unter Tränen lachen musste.

Dann nenn mich einfach Mama. Schluss mit Förmlichkeiten. Kein Frau Sabine mehr, wie auf der Arbeit!

Danke Anna schloss ganz fest die Augen, sah Farben sprühen hinter den Lidern, dass es fast weh tat. Dann öffnete sie langsam wieder und sagte klar, endlich so, wie sie es immer heimlich wollte: Mama.

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Homy
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