Galinas stiller Aufstand. Eine Erzählung

Leiser Aufstand von Gertrud. Erzählung

Gerti, ich kann einfach nicht mehr, sagte die Stimme am Telefon, so endgültig, dass es keine Bitte, sondern ein Urteil war. Ich habe nirgendwohin mehr. Du bist doch meine Schwester.

Gertrud erstarrte mitten in ihrer blitzsauberen Küche, die Gießkanne für ihre Usambaraveilchen noch in der Hand. Draußen tauchte der Aprilabend den Himmel in weiche, rosige Töne, auf dem Herd köchelte Hirsebrei und verbreitete einen angenehmen Duft nach gebratenen Zwiebeln. Alles schien wie immer ruhig, ordentlich, berechenbar bis zu diesem Anruf.

Sabine, was ist denn los? fragte sie, obwohl sie die Antwort längst ahnte. Sie wusste es immer.

Der Jens ist weg. Ganz weg, stell dir das vor. Er meinte, ich nerve ihn und dass er ein anderes Leben will. Und ich? Bin ich kein Mensch? Zwei Wochen sind noch auf dem Mietvertrag, Job habe ich schon vor einem Monat verloren und Geld? Keins. Gerti, ich komme zu dir. Nur für eine Nacht. Bis ich wieder klarkomme.

Nur übernachten dieses Wort hatte Gertrud schon so oft gehört, sie hätte damit ein Wörterbuch ihrer Familienbeziehungen füllen können, in dem es ganz oben stand. Aus nur übernachten wurde eine Woche, aus einer Woche ein Monat, aus einem Monat ein halbes Jahr. Immer mit demselben Anfang: Du bist doch meine Schwester.

Wann willst du kommen? fragte Gertrud nur, stellte die Gießkanne neben die Veilchen auf die Fensterbank.

Morgen gegen Mittag. Ich habe mein letztes Geld für das Zugticket ausgegeben. Holst du mich ab?

Gertrud warf einen Blick auf ihren Notizblock, in dem sie ordentlich ihren morgigen Tag durchgeplant hatte: halb zehn Arzttermin, danach Unterlagen zu Frau Schulze bringen, nachmittags wollte sie den Wintermantel wegräumen. Das war ihr Leben: Sechzig Jahre, seit drei Jahren Rentnerin, aber immer noch als Buchhalterin für eine kleine Firma im Homeoffice tätig. Stein auf Stein aufgebaut, jede Minute hatte ihre Ordnung und ihren Platz.

Ich hol dich ab, sagte Gertrud und legte auf.

Die Hirse auf dem Herd blubberte leise, die Veilchen schimmerten im letzten Licht des Tages, und Gertrud spürte eine Enge in sich aufsteigen. Es war nicht die Freude auf das Wiedersehen mit ihrer kleinen Schwester, die sie fast ein Jahr nicht gesehen hatte. Es war eher die Vorahnung, dass wieder alles von vorne losgehen würde etwas, wovon sie so müde war.

Am nächsten Tag am Bahnsteig musterte Gertrud die Leute, die aus den Waggons drängten. Sabine erkannte sie sofort, auch wenn diese sich verändert hatte. Das einst dunkle, glänzende Haar mittlerweile künstlich rötlich gefärbt, gut drei Zentimeter Ansatz, Jeans, die in den Fünfzigern zu eng saßen, eine abgewetzte Jacke, riesiger uralter Rucksack und zwei Tüten.

Gerti! rief Sabine, kämpfte sich durch die Menge. Meine Liebe!

Sie umarmten sich, und Gertrud roch den aufdringlichen Duft von billigen Parfüm und nicht ganz frische Kleidung an ihr. Sabine klammerte sich an sie, als wollte sie verschwinden und sich verstecken.

Ach, wie ich mich freue, nuschelte die Jüngere. Du weißt gar nicht, was ich alles durchgemacht habe. Was für ein Alptraum. Echt schlimm.

Auf dem Heimweg redete Sabine ohne Pause. Jens war ein Vollidiot, der Job war furchtbar, die Vermieterin ein Drachen, und die Stadt sowieso kalt und herzlos. Gertrud hörte mit halbem Ohr zu und blickte aus dem Fenster der Straßenbahn. Das alles kannte sie: Vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren hatte Sabine fast gleiche Geschichten erzählt, nur die Städte, Männer und Jobs wechselten.

Weißt du, meinte Sabine, als sie gemeinsam die Treppe hochstiegen zur vierten Etage, auf dem ganzen Weg hab ich nur gedacht: Wie schön, dass ich dich habe. Einer, der einen nie im Stich lässt. Wir sind doch Familie. Wir sind eins.

Gertrud ließ Sabine vorgehen, die warf sofort den Rucksack ab, die Tüten daneben, hängte ihre Jacke an den Haken zu Gertruds Mantel.

Mensch, hast dus schön hier!, sagte sie und schaute sich um. So sauber, so gemütlich. Es riecht nach Zuhause. Das hab ich so vermisst.

Gertruds Zweizimmerwohnung war wirklich gemütlich. Sie steckte seit vierzig Jahren Herzblut hinein, seit sie sie mit einem Werkvertrag als Buchhalterin im Maschinenbau zugeteilt bekommen hatte. Helle Tapeten mit dezentem Muster, Holzregale, die sie teils selbst abgeschliffen und lackiert hatte, überall Zimmerpflanzen, gehäkelte Deckchen, Fotos in Rahmen alles an seinem Platz, mit Bedacht und liebevoll gewollter Ordnung aus dem Leben einer Alleinstehenden.

Komm rein, machs dir bequem. Ich setz Wasser für Tee auf.

Hast du vielleicht was zu essen?, fragte Sabine auch schon, warf die Schuhe mitten in den Flur. Ich hatte heute nur Kaffee, alles andere unterwegs ist so teuer gewesen.

Gertrud schnitt Käse für Stullen ab, servierte noch Apfelkuchen von gestern und kochte starken Tee. Sabine schlang das Essen herunter, erzählte zwischen Bissen weiter ihre Leidensgeschichte: Jens, mit dem sie zwei Jahre zusammen war, sei geizig und lieblos gewesen. Den Job im Laden hätte man ihr nur aus Neid gekündigt, die Miete echt unverschämt, grade mal ein Zimmer von zwanzig Quadratmetern.

Kannst du dir vorstellen? Sechshundert Euro für so ein Drecksloch! In dieser hässlichen Stadt! Ich hab doch keinen Palast verlangt. Nur halbwegs normal wohnen will ich. Und diese Hexe wollte immer pünktlich ihr Geld. Kaum war ich mal zu spät, wurde sie zur Furie.

Gertrud nippte am Tee, sagte nichts. Sie wusste, Sabine würde ihr nie das Wichtigste erzählen: Dass sie oft verschlief und zu spät zur Arbeit kam. Dass sie ihr Geld lieber für Lippenstifte und Cafébesuche mit Freundinnen ausgab. Dass nicht Jens Schluss gemacht hatte, sondern er irgendwann genug davon hatte, ihr ständig das Gehalt vorstrecken zu müssen.

Gerti, bat Sabine mit flehendem Blick, als sie den Tee ausgetrunken hatte, darf ich bei dir bleiben? Nur für einen Monat, bis ich einen neuen Job hab? Das geht immer bei mir schnell. Du kennst mich, ich bin ein Stehaufmännchen. Kaum hab ich was gefunden, bin ich wieder weg. Ehrenwort!

Ehrenwort auch so ein Unwort aus dem Familienwörterbuch.

Klar, bleib, seufzte Gertrud. Aber ich hab meine Regeln. Ich lebe seit Jahren alleine, bin feste Abläufe gewohnt. Vor allem morgens brauche ich meine Ruhe. Ich stehe früh auf.

Na klar!, rief Sabine und nickte eifrig. Ich bin wie ein Mäuschen! Man merkt gar nicht, dass ich da bin. Nur bis ich auf die Beine komme. Wir sind doch Schwestern, oder? Man muss sich helfen!

Abends richtete Gertrud das Sofa für Sabine her, brachte ihr frisch gewaschene Bettwäsche, ein sauberes Handtuch, stellte einen Wasserkrug ans Bett. Sabine nahm das alles selbstverständlich hin, dankte kaum, sondern fing gleich an, ihre zerknitterten Klamotten aus dem Rucksack direkt auf dem Sofa zu verteilen.

Gerti, hast du vielleicht eine gute Hautcreme? Meine ist alle und die Haut trocknet total aus.

Gertrud holte ihre eigene teure Creme, die sie sich zweimal im Jahr gönnte. Sabine klatschte sie sich großzügig ins Gesicht, auf Hals und Hände.

Gut ist die, echt, nickte sie anerkennend. So ein Fläschchen hatte ich ewig nicht.

In der Nacht lag Gertrud lange wach, hörte, wie Sabine sich auf dem Sofa herumwälzte, Wasser trank, wie sie am Handy die Helligkeit durch die Stube warf. Die gewohnte Ruhe in der Wohnung war dahin. Und das war erst der Anfang.

Am nächsten Morgen stand Gertrud wie immer um sechs Uhr auf. Sie wusch sich, machte ihre kleine Morgengymnastik auf dem Teppich im Schlafzimmer, damit Sabine weiterschlafen konnte, kochte Haferbrei mit Apfel, setzte sich an ihren Laptop und öffnete die Buchhaltungsunterlagen sie musste bis zum Mittag einen Bericht abschließen.

Gegen neun Uhr röchelte es aus dem Wohnzimmer, dann hustete es, schlapprige Schritte näherten sich der Küchentür. Sabine erschien in einer alten, ausgebeulten T-Shirt und Unterhose, die Haare standen in alle Richtungen.

Morgen, krächzte sie. Hast du Kaffee?

Im Schrank, antwortete Gertrud, ohne vom Bildschirm aufzuschauen.

Sabine klimperte mit Tassen, suchte einen Löffel, schaltete den Wasserkocher ein, dann wühlte sie im Kühlschrank.

Gerti, hast du irgendwas Süßes? Ohne Süßiges am Morgen geht bei mir nichts.

Oben im Schrank, Kekse.

Sabine fand die Keksdose, die Gertrud eigentlich für eine knappe Woche gekauft hatte, und vertilgte auf einmal die Hälfte, während sie am Küchentisch saß und am Handy herumscrollte.

Arbeitest du gerade? fragte sie nach einer halben Stunde.

Ja. Ich muss bis Mittag fertig sein.

Wie lange noch?

Noch so zwei Stunden.

Verstehe, gähnte Sabine. Dann leg ich mich solange wieder hin. Ich bin total platt. Die ganze Reise, der Stress und so.

Sie trottete zurück ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein. Gertrud hörte die Stimmen irgendeiner Talkshow, in der sich die Leute stritten. Sich auf Zahlen konzentrieren wurde immer mühsamer.

Bis Mittag war sie fertig, aber völlig erschöpft. Sie ging in die Küche, um Essen zu machen. Sabine saß immer noch mit dem Handy auf dem Sofa.

Sabine, essen wir?, rief Gertrud.

Komm gleich, kam die Antwort.

Gertrud machte Salat, wärmte die Suppe auf, deckte den Tisch. Sabine setzte sich, aß.

Schmeckt wie früher, stellte sie fest. Kochen konnte ich ja nie. Jens meinte ja immer, ich sei mit zwei linken Händen geboren.

Nach dem Essen bot Sabine an, abzuwaschen, aber sie tat es so schlampig, dass Gertrud danach die Teller noch mal spülen musste. Das Fett blieb in der Pfanne, das Besteck landete kreuz und quer.

Gerti, sollen wir heute Abend was machen? schlug Sabine vor. Ins Café oder ins Kino? Ich war so lange nicht mehr draußen. Ein bisschen Ablenkung wär echt gut.

Sabine, ich habe dafür kein Geld, entgegnete Gertrud leise. Ich bin in Rente, arbeite zwar noch was dazu, aber das reicht gerade so.

Komm schon! Einmal, das fällt doch nicht auf. Ich gebs dir zurück, sobald ich einen Job hab.

Such lieber mal nach einem Job, schlug Gertrud vor. Je schneller, desto besser für dich.

Ich such ja! rief Sabine. Es gibt nur nichts Vernünftiges. Entweder Mini-Lohn oder die Bedingungen sind unterirdisch. Ich brauch halt was Richtiges.

Abends zog sich Gertrud früh ins Schlafzimmer zurück, sie schob es auf die Müdigkeit. Sabine blieb vor dem Fernseher. In der Dunkelheit dachte Gertrud daran, dass Beziehungen unter Schwestern nicht in eine Schublade passen. Natürlich liebte sie Sabine. Aber diese Liebe bedeutete für sie: respektieren, helfen aber sich nicht selbst aufgeben. Für Sabine bedeutete Liebe: gerettet zu werden, egal wie.

Eine Woche verging. Sabine machte keinerlei Anstalten, einen Job zu suchen. Sie stand spät auf, schlurfte in Gertruds Bademantel einfach genommen, ohne zu fragen durch die Wohnung, bediente sich im Kühlschrank. Angeblich bewarb sie sich auf Stellen, aber Gertrud hatte das nie mit eigenen Augen gesehen. Stattdessen chattete Sabine stundenlang mit Freundinnen am Handy, klagte ihnen ihr Leid.

Die Grenzen verschwammen. Sabine nutzte Gertruds Creme, ihr Handtuch, sogar ihre Kleidung. Sie kam ohne anzuklopfen ins Schlafzimmer, nahm Sachen aus den Schränken, ohne zu fragen. Als Gertrud es vorsichtig ansprach, war Sabine empört.

Du bist doch meine Schwester! Warum stellst du dich so an? Ich hab doch nichts! Und du wohnst hier alleine mit allem Drum und Dran. Nun gönn mir das bisschen!

Gertrud schwieg. Sie konnte nie wirklich streiten, ihre Wünsche entschlossen durchsetzen. Ihr ganzes Leben hatte man ihr beigebracht, dass Familienpflicht über allem steht. Dass man Nein zu Verwandten nicht sagt das sei Verrat.

Doch in ihr spannte sich alles immer mehr an. Sie bemerkte, wie sie jedes Geräusch von Sabine nervte: wenn sie Krümel hinterließ, die Zahnpastatube nicht schloss, nasses Handtuch aufs Bett warf, laut telefonierte.

Gerti, leihst du mir noch was Geld? fragte Sabine eines Abends. Ich brauche neue Strumpfhosen, alle durch.

Sabine, ich habe kein Geld übrig, sagte Gertrud müde. Ich geb ohnehin schon mehr aus, als ich kann.

Bitte! Nur dreißig Euro. Sobald ich Arbeit hab, bekommst du alles zurück. Versprochen.

Gertrud gab ihr dreißig Euro. Dann später fünfzig für eine Monatskarte. Noch mal hundert, als ihr Handy-Display gebrochen war. Das Geld war weg und Sabine hatte noch immer keinen Job.

Weißt du noch früher, als wir klein waren? begann Sabine beim Kaffee. Du warst immer die Vernünftige, die, auf die man sich verlassen konnte. Und ich das Energiebündel, Mamas Sonnenschein. Erinnerst du dich?

Ja, klar.

Wir waren immer ein Team. Du warst meine Beschützerin, hast mir bei den Hausaufgaben geholfen immer mein Halt. Und jetzt bist du der einzige Halt, den ich habe.

Das war Manipulation, Gertrud spürte es. Dezent, aber eindeutig. Sabine spielte auf ihr Schuldgefühl, auf Familiennostalgie, die Vorstellung, dass Fürsorge selbstverständlich ist.

Sabine, ich helfe dir ja gern, sagte Gertrud langsam. Aber ich muss sehen, dass du dich bemühst. Dass du wirklich nach Arbeit suchst. Dass du versuchst, dein Leben zu regeln.

Ich tue doch mein Bestes! fuhr Sabine hoch. Es ist eben nicht so einfach! Ich hab Stress, Depression, ich brauche Zeit, um wieder auf die Beine zu kommen. Und du setzt mich unter Druck! Ich bin doch kein Roboter!

Gertrud schwieg wieder und ließ das Gespräch versanden.

Nach einem Monat hatte Sabine immer noch keinen Job gefunden sie bemühte sich auch kaum. Ihr Leben bei Gertrud glich einem Rehabilitationsurlaub: spät aufstehen, nichts im Haushalt machen, Geld und Aufmerksamkeit fordern. Gertrud war mit den Nerven am Ende, schlief schlecht, hatte Kopfschmerzen, die Hände zitterten, wenn sie am Computer arbeitete.

Irgendwann rief sie ihre Freundin Frau Lidia Schulze an.

Lidia, sagte sie ins Telefon, ich kann nicht mehr. Sabine wohnt jetzt einen Monat bei mir, aber nichts tut sich. Sie sucht nicht mal ernsthaft nach Arbeit, sie schmarotzt hier herum. Natürlich will ich ihr helfen sie ist meine Schwester. Aber wie sagt man Nein, wenn man jahrelang gelernt hat, das sei Verrat?

Gerti, Hilfe und Ausnutzen sind zwei sehr verschiedene Sachen, entgegnete Frau Schulze sanft. Du bist nicht verpflichtet, eine erwachsene Frau zu versorgen, die selbst nichts ändern will. Das ist nicht Liebe, das ist Co-Abhängigkeit.

Aber sie meint, ich sei die Einzige, die sie noch hat. Dass sie untergeht, wenn ich nein sage

Das ist emotionale Erpressung, mein Schatz. Sie ist über fünfzig. Sie ist für sich selbst verantwortlich. Deine ständige Rettung hält ihren Kindskopf aufrecht. Erwachsene reifen nur, wenn sie echte Konsequenzen erleben.

Gertrud legte auf und dachte lange nach. Die Worte taten ihr weh, aber waren wahr. Sie erinnerte sich an all die früheren Male, als Sabine bei ihr übernachten wollte nach der Scheidung vor zwanzig Jahren, nach dem Jobverlust, nach dem Streit mit der Vermieterin immer lief es gleich ab: Geld, Trost, Unterkunft, aber geändert hatte sich nie etwas.

Am selben Abend saß Gertrud wieder mit Tee in der Küche. Sabine hatte es sich im Wohnzimmer auf dem Sofa vorm Fernseher bequem gemacht und futterte Kekse. Die Glotze plärrte. Gertrud spürte, wie sich alles in ihr überdrehte.

Sie erinnerte sich, wie sie die Wohnung mühsam nach der Trennung eingerichtet hatte. Jeden Cent für Möbel, Tapeten und die vielen Blumen zusammengespart. Wie sie erlernt hatte, alleine zu leben. Wie sie sich durch zwei Jobs kämpfte, nie die Hand aufhielt. All das, was sie sich aufgebaut hatte ruhig, bescheiden, aber ihr eigenes.

Jetzt drohte alles wieder zu zerbrechen. Nicht durch ihre Hand, sondern durch jemanden, der meinte, einfach Anspruch darauf zu haben, weil er Familie war.

Gertrud stand auf, ging zur Wohnzimmertür. Sabine schaute sie nicht einmal an.

Sabine, sagte sie leise.

Hm? Warte kurz, hier wirds gerade spannend!

Gertrud trat hinein, nahm die Fernbedienung und schaltete aus.

Hey! Was soll das? Ich guck doch!

Ich muss jetzt mit dir reden. Jetzt.

Irgendetwas an Gertruds Stimme ließ Sabine aufhorchen. Sie setzte sich, legte die Kekse weg.

Na, schieß los. Ist was passiert?

Gertrud setzte sich ihr gegenüber, die Hände zitterten, das Herz klopfte bis zum Hals. Sie konnte nie streiten, versuchte immer, Harmonie zu retten.

Sabine, du bist jetzt einen Monat hier. Du hast gesagt, das wäre nur vorübergehend, dass du Arbeit suchst. Aber

Mach ich doch! Gibt halt nichts Gutes!

Du suchst nicht. Du hängst am Handy oder vor dem Fernseher. Du verbrauchst mein Geld, meine Sachen, bringst mein Leben durcheinander. Ich bin müde, Sabine. Sehr müde.

Wie? Willst du mich etwa rauswerfen? Mich? Deine Schwester? Ich hab niemanden außer dir!

Ich schmeiß dich nicht raus, bemühte Gertrud sich, ruhig zu bleiben, aber das hier kann so nicht weitergehen. Ich erwarte, dass du wirklich einen Job suchst. Dass du meine Privatsphäre respektierst. Dass du verstehst, dass ich auch ein Mensch bin und meine eigenen Bedürfnisse habe.

Ach, jetzt auf einmal? Nur weil du alles hast? Ist dir meine Not egal?

Nein, aber ich liebe dich. Das bedeutet aber nicht, dass ich mein Leben für deins opfere.

Dein Leben? Was für Leben? Du hockst wien Mönch hier, alleine, rechnest jeden Cent. Ich hab wenigstens für Abwechslung gesorgt.

Gertrud schwieg, die Worte trafen sie. Das war die übliche Taktik von Sabine: Gegenangriff, alles schlechtreden, um sich zu rechtfertigen.

Vielleicht lebe ich allein und habe wenig. Aber das ist mein Leben. So, wie ich es haben will.

Und ich? Habe ich kein Recht auf Hilfe? Bin doch nicht aus Spaß hier! Mir gehts einfach schlecht. Ich schaff das halt nicht alleine, Gerti! Mir fehlt die Kraft.

Ich habe dich einen Monat unterstützt Dach, Essen, Geld. Aber Hilfe ist mehr als nur Durchfüttern. Ehrlich sein gehört auch dazu. Und es wäre nicht ehrlich, so weiterzumachen.

Also doch Rauswurf. Einfach so. Nach all den Jahren. Deine einzige Schwester.

Du bist nur dann aufgetaucht, wenn du Hilfe brauchtest. Nicht, wenn es dir gut ging. Ich nehme das nicht übel. Es ist, wie es ist.

Sabine war still. Zum ersten Mal blickte sie Gertrud richtig an, fast erschrocken.

Ich biete dir das an: Zwei weitere Wochen. In der Zeit suchst du eine Arbeit. Irgendeine, zur Not als Verkäuferin oder Reinigungskraft, egal. Sobald du deinen ersten Lohn kriegst, suchst du dir was Eigenes. Ich geb dir Starthilfe, dann bist du auf dich selbst gestellt.

Zwei Wochen? Das ist unmöglich! Wo soll ich denn so schnell?

Wenn du willst, schaffst du das. Es gibt Stellen. Vielleicht nicht deinen Traumjob, aber immerhin.

Wenn ich mich kaputtschufte fürn Appel und Ei? Ich hab eine Ausbildung, Gerti!

Dann nutze sie. Aber nicht auf meinen Nacken.

Unglaublich! Nach allem Ich hätte nie gedacht, dass du so bist.

Weil ich dich liebe, muss ich so handeln, sagte Gertrud. Du bist clever und kannst viel. Aber du bist es gewohnt, dass andere deine Probleme lösen. Grenzen ziehen ist kein Verrat. Es ist nötig.

Sabine schwieg, Tränen liefen über ihr Gesicht. Zum ersten Mal seit Wochen wirkte sie nicht wütend, sondern tatsächlich verloren.

Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, flüsterte sie. Ich war immer sorglos. Mama hat gesagt, ich lerne das nie.

Mama hat sich geirrt. Du kannst das lernen. Niemand hat dich je gelassen. Immer hat dich jemand gerettet. Aber wirkliche Unterstützung ist, dir die Chance zu geben, Sachen endlich allein lösen zu müssen.

Sie standen sich still gegenüber, während draußen mitten im April die Dämmerung ins Zimmer schlich, nur die Küchenuhr tickte laut.

Okay, sagte Sabine nach langem Zögern. Ich probiers. Zwei Wochen. Wenns nicht klappt?

Es wird klappen, wenn du willst, meinte Gertrud fest.

Die nächsten zwei Wochen verliefen merkwürdig. Sabine suchte tatsächlich Arbeit, aber stets, als würde sie zur Zwangsarbeit geschickt. Sie bewarb sich, ging auf Gespräche doch immer war irgendwas falsch: die Arbeitszeiten, das Geld, die Kollegen.

Sabine, sagte Gertrud, du lehnst alles ab.

Ich will halt nicht alles nehmen! Es ist mein Leben!

Schon, aber nicht auf meine Kosten.

Allmählich stieg die Spannung. Gertrud blieb konsequent, ließ sich nicht mehr umstimmen. Sabine war beleidigt, mal trickreich, mal weinerlich. Aber Gertrud wusste: Jetzt nicht nachgeben, sonst wird alles wie bisher.

Am elften Tag kam Sabine heim vom ersten Tag im kleinen Bekleidungsladen. Der Lohn war mager, die Stunden lang aber es war Arbeit.

Hab was gefunden, sagte sie knapp und rauschte in die Küche. Bist du jetzt zufrieden?

Ich freu mich für dich, sagte Gertrud ehrlich.

Sabine goß sich Wasser ein, trank es in einem Zug.

Ich hasse diese Arbeit. Man steht den ganzen Tag, muss auf Kunden hören. Alles fürn Hungerlohn.

Das ist nur vorübergehend. Wenn sich alles stabilisiert hat, findest du vielleicht was Besseres.

Stabilisieren, murmelte Sabine. Leicht gesagt.

Am dreizehnten Tag half Gertrud Sabine, ein Zimmer zu mieten. Eine kleine Unterkunft am Stadtrand, bei einer älteren Dame, günstig, sauber. Sie gab ihr das Geld für die erste Miete und noch etwas für den Einkauf.

Das ist das letzte Mal, sagte sie. Jetzt bist du dran.

Sabine nickte wortlos. Zusammen packten sie ihr Zeug, verstauten alles im Rucksack und Tüten. Gertrud spürte ein merkwürdiges Gemisch aus Erleichterung und Wehmut: Erleichterung, weil alles wieder sein würde wie früher; Traurigkeit, weil nun wirklich irgendetwas endgültig anders war.

Am Abend stand Sabine im Flur, fertig für den Abmarsch, Rucksack, Tüten, Blick gesenkt.

Tschüss dann, murmelte sie.

Sabine, rief Gertrud.

Sabine drehte sich noch mal um, das Gesicht eingefallen, Augen gerötet sie war in den letzten Wochen alt geworden.

Ruf mich an, wenn du angekommen bist, sagte Gertrud. Sag mir, wies läuft. Ich mach mir Sorgen.

Warum? Jetzt hast du ja deine Ruhe.

Weil du meine Schwester bist, erwiderte Gertrud leise. Ich liebe dich. Aber jetzt eben auf andere Weise.

Sabine schwieg, nickte dann.

Ich rufe dich an, sagte sie.

Sie verließ die Wohnung, und Gertrud hörte, wie ihre Schritte auf der Treppe immer leiser wurden. Gertrud setzte sich in die Küche, legte die Hände auf den Tisch. Die Wohnung war ruhig. Unglaublich ruhig. Es war genau die Stille, nach der sie sich so gesehnt hatte.

Sie stand auf, sah ins Wohnzimmer. Das Sofa wieder ordentlich, keine verstreuten Sachen mehr. Sie öffnete das Fenster, ließ den frischen Frühlingsabend rein. Es war schwer ums Herz, aber auch ein wenig leicht.

Gertrud wusste, dass sie das getan hatte, was längst überfällig war. Sie hatte ihrer Schwester nicht Hilfe verweigert, sondern ihr einen neuen Weg gezeigt: den Weg in die Eigenverantwortung, ins Erwachsenwerden. Es war hart, es tat weh, aber es war notwendig.

Sie erinnerte sich an Lidia Schulzes Worte: Kindsköpfe werden nicht durch Nachsicht erwachsen, sondern durch die Wirklichkeit. Jetzt hatte Sabine wirklich damit zu kämpfen. Das erste Mal seit Jahrzehnten war sie wirklich auf sich gestellt.

Ob das jetzt alles verändert? Gertrud wusste es nicht. Vielleicht würde Sabine nochmal scheitern. Vielleicht nie wieder anrufen. Oder vielleicht würde sie es diesmal schaffen.

Gertrud brühte sich Tee auf, setzte sich an das Fenster. Draußen wurde es langsam dunkel, die Straßenlaternen gingen an. Das Leben ging weiter. Langsam, ruhig so, wie sie es sich wünschte.

Eine Woche später rief Sabine an. Die Stimme klang müde, aber gefasst.

Gerti, ich wollt nur sagen: Es läuft. Ich arbeite, wohne hier. Die Vermieterin ist okay.

Freut mich

Ich bin total erschöpft, gab Sabine zu. Die Arbeit ist hart. Ich bin das einfach nicht gewohnt. Aber ich schaffs irgendwie.

Eine Pause.

Gerti Ich habe viel nachgedacht, über das, was du gesagt hast. Ich war immer so, dass ich meine Probleme bei anderen abgeladen hab. Du hast Recht. Ich war so. Hab immer erwartet, dass andere das regeln.

Sabine

Lass mich ausreden. Ich war sauer auf dich. Richtig sauer. Dachte, du bist herzlos. Aber jetzt sehe ich: Du warst die Erste, die mir überhaupt diese Chance gegeben hat, erwachsen zu werden. Ob ich das schaffe, weiß ich nicht aber ich versuchs. Ganz ehrlich.

Gertrud saß in der Küche, das Telefon ans Ohr gedrückt, Tränen liefen ihr übers Gesicht.

Danke, dass du mir das sagst, flüsterte sie. Es war so schwer. Ich dachte, du würdest mich dafür hassen.

Vielleicht hätte ich das, wenn ich anders wäre, lachte Sabine schräg. Aber ich weiß, dass du Recht hast. Es ist nur schwer, das zuzugeben.

Wenn du nicht klarkommst wenn du Hilfe brauchst, setzte Gertrud an.

Nein, Gerti, lass mal. Ich weiß, du würdest mich immer retten. Aber ich muss das jetzt schaffen. Noch mal Kind sein das geht mit Mitte Fünfzig einfach nicht mehr.

Sie verabschiedeten sich und verabredeten, sich wieder zu melden. Gertrud blieb am Fenster sitzen. Wie es weitergeht, wusste sie nicht. Ob Sabine sich ändert, ob die Beziehung der beiden Schwestern leichter wird oder irgendwann gar abbricht keine Ahnung.

Aber an diesem Abend fühlte sich Gertrud zum ersten Mal seit Langem ruhig ruhig und frei.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: