Weißt du, ich muss dir was erzählen, was eigentlich niemandem so einfach über die Lippen geht. Es ist mir selbst noch nicht ganz klar, wie das alles eigentlich passieren konnte. Also: Meine Frau ist nach Indien abgehauen, um sich selbst zu finden Sinnsuche nannte sie das. Und ich? Ich hab mich irgendwie mit ihrer besten Freundin selbst verloren
Tobi, das ist unbeschreiblich! Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Körper und Geist wirklich!, ruft sie auf dem Bildschirm. Ich starre in das leicht verpeilte, aber glückselige Gesicht von meiner Frau Julia über mein MacBook herüber. Hinter ihr ragen die Mauerreste irgendeines Jahrhunderte alten Tempels in Rajasthan auf, rötlich vergoldet von der Abendsonne. Julia strahlt ganz schön. Vor Begeisterung? Vor Glück? Vielleicht auch, weil sie so weit weg ist.
Klingt spannend, Julia, murmele ich halbherzig. Hier in München regnets, fünf Grad, und irgendwo ziehts.
Aus der Küche dringt ein leises Kichern. Anne steht da am Wasserkocher, schaut von ihrem Handy auf, grinst mit ihrem typischen, stillen Lächeln zu uns herüber. Sie kam vor gut einer halben Stunde mit einer Tüte frisch gebackener Brezeln und diesem beruhigenden Alles wird gut-Blick.
Tobias, nimm das doch mal ein bisschen ernst!, Julia zupft sich ihre hellblonden Sonnensträhnen aus dem Gesicht. Sie ist wirklich voller Elan. Gestern war ich bei einer Meditation im Ashram. Mein Guru sagt, ich öffne mein drittes Auge.
Klasse, da gratulier ich, seufze ich, fahre mir über die Stirn. Wann öffnest du mal wieder die ersten zwei und guckst heim?
Anne dreht sich rasch weg, kann sich das Lachen trotzdem nicht verkneifen. Der Gedanke, dass sie mich mit einem halben Blick besser versteht als meine Ehefrau nach all den Jahren Es beschämt mich mehr als mein blöder Sarkasmus. Denn mit Anne kann ich einfach sein, wie ich bin. Vor Julia aber spiele ich nur noch den aufmerksamen Zuhörer.
Warum bist du nur so, Tobi?, klingt Julias Stimme gekränkt. Du hast doch selbst gesagt, dass du meine Reise unterstützt.
Hab ich tatsächlich. Damals, als sie den Job im Büro gekündigt und ein One-way-Ticket nach Asien gebucht hat. Ich hab sie gedrückt, ihr einen Abschiedskuss gegeben und gedacht, das dauert zwei, drei Wochen und dann ist wieder normal. Das ist jetzt zwei Monate her. Seitdem bekomme ich ständig Fotos von heiligen Stätten, von Tempeln und Mönchen in orangen Roben, immer wieder ausführliche WhatsApp-Nachrichten über Energieflüsse und Karma.
Ich selbst sitze immer noch im Zweizimmerapartment in Sendling, zwischen ihren übrig gebliebenen Sachen und den immer höheren Stromrechnungen.
Klar, Julia, ich unterstütz dich, antworte ich matt. Bin nur müde, viel zu tun mit dem Projekt in der Agentur.
Du Armer!, ruft sie und taucht mit dem Gesicht so nah an die Kamera heran, dass ich fast erschrecke.
Bist du ganz alleine? Vielleicht kann Anne ja mal vorbeikommen und ein bisschen Gesellschaft leisten?
Im selben Moment treffen unsere Blicke die Lippen, Anne und ich, durch den Flur hindurch. Wir erstarren.
Anne? Klar, sie schaut manchmal vorbei. Bringt sogar Brezen mit. Echt nett von ihr.
Mensch, die Anne ist ein Engel, strahlt Julia und winkt. Sag ihr liebe Grüße, ja?
Mach ich.
Anne stellt wortlos die Tassen in die Spülmaschine und verschwindet aus der Küche. Sicher überlegt sie, einfach gleich zu gehen, während ich live im Video-Call über Energiezentren zuhöre.
Tobi, ich muss gleich zur nächsten Meditation, wirft Julia noch einen Blick aufs Handy. Kann ich dir kurz meinen Tag erzählen? Morgen haben wir dann vielleicht mehr Zeit?
Klar, sage ich.
Und dann zählt sie auf: Eine Britin getroffen, Yoga gemacht, im Morgengrauen die heiligen Stätten besucht, unfassbare Schwingungen gespürt
Ich sehe Julias Mund, wie schnell er sich bewegt, das Funkeln in den Augen, diese Begeisterung, die nichts mehr mit mir zu tun hat. Sie ist schon lange weg. Nicht nur räumlich.
Vor drei Jahren haben wir uns auf einer Weihnachtsfeier kennengelernt. Julia, die Projektleiterin, immer ein bisschen zu laut, immer ein bisschen zu leichtfüßig. Nach einem halben Jahr machte ich ihr auf dem Olympiaturm den Antrag. Sie heulte vor Glück und sagte immer wieder, dass ich ihr Fels in der Brandung wäre.
Wann hat sich das geändert? Vielleicht, als sie mit Yoga anfing. Dann kam Ayurveda, dann Buddhismus, Vorträge, Workshops, unstillbares Fernweh. Am Ende sagte sie, sie hält das normale Leben nicht aus, sie müsse ihren wahren Sinn finden. Geld sei nicht alles.
Ich habe nie groß widersprochen. Dachte immer, das ist nur eine Phase. Aber sie kam nicht zurück. Zumindest nicht wirklich. Immer nur für ein paar Tage, um Klamotten zu wechseln, dann verschwand sie wieder nach Vietnam, Nepal, immer weiter.
Hörst du mir noch zu?
Klar, ganz Ohr. Energie, ja, sehr spannend.
Tobi, du bist blockiert, seufzt sie. Probiers doch auch mal mit Meditation. Ich schicke dir eine App, zehn Minuten am Tag alles wird besser.
Der Witz: Zehn Minuten für die Erleuchtung, aber sieben Stunden für den Chef, zwei für U-Bahn und Haushalt. Die Kluft zwischen dem, was sie sucht, und dem, was hier wirklich erforderlich ist, könnte kaum größer sein.
Danke, ich denk drüber nach.
Gut, dann muss ich los! Lieb dich, wir sehen uns bald. Versprochen!
Und das heißt?
Noch ein, zwei Monate. Vielleicht auch drei wenn ich noch Nepal schaffe und Vietnam. Da gibts einen wahnsinnigen Tempel.
Zwei, drei Monate. Ein halbes Jahr. Vielleicht für immer. Sie treibt auf ihrer Sinnsuche davon und ich bleib zurück im Alltag.
Okay, Julia. Bis dann.
Ciao, mein Schatz!
Stille. Nur draußen rauscht der Herbstregen. Eine Münchner Straßenbahn bimmelt irgendwo. Ich starre an die Decke. Anne ist immer noch da, räumt in der Küche, ganz selbstverständlich. Schlicht. Unkompliziert. Mit Kuscheltee und Brezen.
Sie taucht im Wohnzimmer auf mit zwei Tassen Dallmayr. Setzt sich mit ordentlichem Abstand auf die Couch, stellt die Tee-Tassen vorsichtig auf den Couchtisch.
Sorry, ich wollte nicht belauschen. Aber echt, noch zwei Monate?, fragt sie leise.
Ich zucke bloß mit den Schultern.
Sie sucht halt ihren Weg.
Und du?, fragt sie.
Ich dachte immer, ich hätte meins gefunden. Job, Wohnung, Frau alles da. Aber anscheinend fehlt trotzdem was.
Anne schweigt einfach. Sie kann das gut. Keine Tipps, kein Mitleid, einfach nur da sein. Wir kennen uns seit dem letzten Geburtstag Julia hat sie damals mitgebracht. Anne, die stille Buchhalterin, lebt allein, keine Katze, keine Zimmerpflanzen, nur ein Fernseher in ihrer 1-Zimmer-Wohnung. Das komplette Gegenteil von Julia leise, ein bisschen verhuscht, aber zutiefst loyal.
Sie fing an öfter zu kommen. Erst gelegentlich, dann immer mehr. Kocht, bringt was zu Essen, hört zu. Sie ist einfach da. Echt.
Breze? Sie hält mir den Korb hin.
Ich nehme eine. Noch warm, mit Butter. Unaufgeregt und ehrlich nach diesen ganzen Gesprächen über Schwingungen und Chakren.
Danke, dass du mir Gesellschaft leistest. Ehrlich. Sonst würde ich komplett verblöden hier.
Ach quatsch, lächelt sie. Mir gefällts ja. Bei mir daheim ist es einfach nur leer. Keine Katze, keine Blumen. Nichts.
Warum?
Irgendwie so passiert. Hatte mal eine Geschichte vor ein paar Jahren Dachte, das wird was. War aber verheiratet. Und Kinder ich hatte keine Ahnung. Als ichs kapiert hab, war ich weg.
Anne ist keine Schönheit. Ihr Gesicht schlicht, die Figur normal, Frisur einfach. Aber da ist Wärme. Sie will nichts sein, will nichts werden. Sie lebt.
Du bist eine Gute, Anne, murmele ich.
Ist halt, wies ist, nimmt sie einen Schluck Tee.
Dann schweigen wir lange, hören dem Regen zu. Auf dem Tisch ein Fernseher, offene Rechnungen, eine alte ct. Normales Leben.
Und irgendwo in Rajasthan schmeißt meine Frau noch ein Chakra auf.
Weißt du, sage ich endlich, manchmal glaube ich, ich habe sie längst verloren. Nicht physisch sie ist einfach ganz woanders.
Willst du denn hinterher?
Ich weiß es nicht mehr, reibe die Stirn. Früher wollte ich das wirklich alles mitmachen. Aber es ist eben ein anderes Leben. Da bin ich nicht vorgesehen.
Anne legt eine Hand auf meine Schulter. Einfach so, freundschaftlich. Es durchfährt mich trotzdem. Wärme. Nähe. Das, was ich so vermisse.
Sorry wollte dich nicht belasten.
Tust du nicht, flüstert sie. Sie zieht die Hand zurück, aber bleibt verständnisvoll.
Noch einen Tee?, fragt sie verstohlen.
Oder lieber ein Rotwein?, platze ich raus.
Sie zögert, lächelt. Klar.
Ich hole also die Flasche aus dem Kühlschrank die, die Julia und ich zum letzten Hochzeitstag kaufen wollten. Wir schenken uns ein, rücken auf der Couch etwas näher zusammen.
Worauf trinken wir?
Darauf, dass wir einfach hier sind, Anne. Hier und nicht dort.
Sie lächelt melancholisch und prostet mir zu.
Der Wein wärmt. Sie erzählt eine Geschichte aus ihrer Abteilung, und ich lache zum ersten Mal seit Wochen.
Plötzlich klingelt mein MacBook. Julia. Ein neuer Videoanruf.
Komisch, murmle ich. Wir haben doch eben erst geredet
Vielleicht hat sie was vergessen?
Ich nehme widerwillig an. Julia erscheint im Halbdunkel, sitzt irgendwo mit einer Lampe hinter sich.
Tobi, noch mal kurz! Sorry, aber hier ist Monsunregen Meditation abgesagt. Wollen wir noch ein bisschen reden?
Klar, antworte ich, blicke zu Anne, die zögernd aufsteht.
Moment mal, wer ist das hinten? Julia kneift die Augen zusammen.
Anne. Hat Brezen gebracht
Anne! Zeig dich doch mal! Ich hab dich so vermisst, komm näher!
Anne setzt sich vorsichtig neben mich auf den Rand der Couch.
Hallo Julia, wie geht’s dir?
Großartig!, strahlt sie. Hier gibts demnächst übrigens so ein Vipassana-Retreat zehn Tage Schweigen, ohne Handy, nur Meditation. Ich mach mit!
Zehn Tage nicht sprechen echt jetzt?, frage ich.
Klar. Das ist doch das Ziel. Also wundert euch nicht, wenn ich mich dann nicht melde.
Noch mehr Schweigen. Noch mehr Abwesenheit.
Super, murmle ich gepresst.
Julia merkt nichts. Oder will es nicht merken.
Andere würden an deiner Stelle Rabatz machen. Aber du bist so verständnisvoll.
Verständnisvoll. Ich habe alles akzeptiert. Ihren Weg. Ihre Abwesenheit. Weil ich gedacht habe, Liebe heißt Geduld.
Tobi, mein Laptop spinnt etwas. Lass mich kurz rebooten, ja? Oder sprechen wir morgen?
Eher morgen, sage ich.
Gut, aber ich erzähl dir noch kurz, was mein Guru heute sagte…
Und schon wieder erzählt Julia von Karma, vom Loslassen, von der Illusion aller Leiden.
Ich dreh langsam den Ton runter. Worte verschwimmen. Anne sitzt so verlegen daneben, will schon wieder fliehen.
Soll ich lieber gehen?, flüstert sie.
Bitte nicht, antworte ich selbst überrascht und halte ihre Hand fest.
Sie bleibt. Ich halte ihre Hand. Auf dem Bildschirm redet Julia immer weiter über Liebe und Erleuchtung.
Vermutlich ist das ziemlich schäbig, aber irgendwie ist es mir auf einmal egal. Ich habe keine Kraft mehr für das Richtige. Ich will Wärme. Ich will Nähe. Keine Erleuchtung.
Tobi, hörst du zu?, fragt Julia.
Ich lasse Annes Hand los. Tut mir leid. Ich bin einfach durch.
Ach, du Armer. Erhol dich. Ich melde mich dann noch mal bei meinem Meditationslehrer.
Mhm.
Julia schickt mir einen Luftkuss. Die Verbindung bleibt bestehen, sie wechselt das Fenster, aber das Bild bleibt.
Sie hockt dort im Lotus, beginnt zu meditieren.
Ich schließe die Augen. Anne ist nur Zentimeter entfernt. Dreißig Zentimeter, eine Welt.
Nein, Tobi, denk nicht nach. Das ist falsch. Das ist Betrug. Aber ich ertrage das Alleinsein nicht mehr.
Ich rutsche näher, berühre Annes Schulter. Sie sieht mich erschrocken an.
Tobi
Sag nichts. Bitte.
Ich küsse sie.
Falsch. Gemein. Und trotzdem musste es jetzt sein. Nach all den Monaten aus Kälte, Vereinsamung, Gesprächen aneinander vorbei.
Anne hält kurz inne, erwidert dann meinen Kuss. Ihre Lippen salzig von Tränen. Meine? Ihre?
Wir werden schnell und ungestüm. Hände gleiten unter Stoff, alles passiert wie im Rausch. Währenddessen sitzt Julia auf dem Bildschirm im Schneidersitz, ganz fern.
Zwei Welten. Eine echt. Eine Illusion.
Als alles vorbei ist, liegt Anne still, eingehüllt in die Decke. Ich sitze nur da, höre Julias Stimme aus dem Laptop.
und letztlich habe ich verstanden, dass wahre Liebe heißt, loszulassen. Nicht zu besitzen. Zu vertrauen.
Vertrauen.
Es zerreißt mich. Ich klappe resigniert den Laptop zu.
Anne erhebt sich hastig, schnappt sich Jacke und Tasche.
Ich muss gehen. Sorry.
Anne
Nein, sag bitte nichts. Bitte nicht.
Sie geht, schließt leise die Tür.
Ich räume rasch die Gläser weg, spüle, bringe alles in Ordnung. Als gäbe es eine Chance, die Spuren zu tilgen. Doch ich weiß, dass das nicht geht.
Im Bett unserem Bett, in dem Julia nie schläft starre ich stundenlang an die weiße Decke.
Was jetzt? Kommt Anne noch mal? Verschwindet sie aus meinem Leben wie ein Schatten? Und was erzähle ich Julia, wenn sie wieder Skypt und seelenvoll über Achtsamkeit redet?
Plötzlich WhatsApp. Julia: Tobi, alles okay? Meditiere gleich. Schlaf gut. Bussi.
Automatisch. Ich schreibe zurück: Schlaf schön, Julia.
Dann, mitten in die Stille: Nachricht von Anne. Nur ein Wort: Sorry.
Ich will antworten. Aber wie? Sorry auch? Für was? Für alles?
Ich sitze auf der Couch, da, wo eben noch alles passierte. Atme den Rest ihres Parfums ein. Weine. Zum ersten Mal seit Jahren. Leise, unauffällig.
Wofür? Für fünf Minuten Nähe? Um’s ihr heimzuzahlen? Oder weil ich einfach nicht mehr der Gute sein wollte?
Ich weiß es nicht.
Der Morgen dämmert. Die Straßenbahn draußen fährt wieder. Ich dusche, gehe zur Arbeit, bin wie betäubt. Die Kollegen merken nichts.
Abends, zurück in der Wohnung, lese ich Julias neue Nachricht.
Tobi, hab heute meinen Vipassana-Start, zehn Tage kein Kontakt. Denk an dich!
Ich antworte: Ich wünsche dir, dass du findest, was dir fehlt.
Zehn Tage Funkstille. Zehn Tage, sich klar zu werden. Oder alles noch schlimmer werden zu lassen.
Wieder ein WhatsApp-Ton. Anne: Kann ich kurz vorbei? Muss reden.
Mein Herz schlägt schnell. Komm, tippe ich zurück.
Sie steht eine halbe Stunde später in der Tür. Blass, zitternd, setzt sich auf den Rand der Couch. Ohne die Jacke auch nur auszuziehen.
Sorry, es ist spät. Aber ich kann nicht einfach gehen, ohne zu reden, beginnt sie zögernd.
Sag, was du sagen möchtest.
Sie sieht mich nicht an. Ich weiß nicht, was gestern war. Und es tut mir leid. Ich hab Julia enttäuscht. Dich. Mich selbst.
Ich will widersprechen, doch sie hebt die Hand.
Aber es war nicht nur ein Versehen. Ich wollte es. Schon lange. Seit ich dich so oft besucht habe. Ich hab gespürt, dass du leidest. Ich war auch allein. Und ich wollte da sein, wirklich da sein. Deine sein.
Ich sage nichts.
Es war falsch. Ganz klar. Aber ich will nicht abhauen und so tun, als wär nix passiert. Ich werd Julia nicht mehr in die Augen sehen können. Uns gibt es so nicht mehr, Tobi.
Sie steht auf, will gehen.
Du sagst es ihr?, fragt sie beim Rausgehen.
Ich weiß es nicht, gestehe ich.
Mein Leben geht weiter, aber nicht hier, nicht mit euch. Vielleicht ziehe ich nach Hamburg. Stimmt, da sitzt eine Filiale, murmelt sie.
Muss das sein?, bitte ich.
Ja. Ich kann nicht so tun, als wäre alles normal. Und du solltest das auch nicht tun.
Es gibt dazu nichts mehr zu sagen. Dieses Ding, das gestern war, ist keine Öffnung es ist ein Abschluss. Von uns. Von ihr. Von allem Alten.
Anne geht. Diesmal richtig. Kein Zurück.
Ich lehne am Fenster, der Blick auf die leuchtenden Münchner Wohnungen. Irgendwo ist Julia, schweigt in einer Pilgerstätte, meditiert, sucht Dinge, die ich nie werde finden können.
Mein Ergebnis ist banal und traurig. Ich bin einfach ein Mensch. Schwach, voller Fehler, allein. Kein Übermensch, kein erleuchteter Guru. Einfach jemand, der Nähe vermisste und sich jetzt in Scham windet.
Ich verdunkle das Licht, lege mich unters Dach. Zehn Tage Stille. Zehn Tage, herauszufinden, ob ich mich selbst noch akzeptieren kann. Oder je vergeben.
Da ist keine Antwort. Nur Dunkelheit. Und das monotone Rauschen der Stadt.
Entschuldige, flüstere ich. Verzeih mir.
Aber ich weiß nicht, an wen. Anne? Julia? Oder mich selbst?
Die Dunkelheit schweigt. Sie ist gut darin.





