Der Tag, an dem die Welt zusammenbrach

Der Tag, an dem die Welt zusammenbrach

Martin saß am Esstisch, tief in seine Arbeit vertieft. Der Bildschirm flackerte vor seinen Augen, die Finger tippten eilig über die Tastatur er wollte unbedingt den Bericht vor Feierabend abschließen, um den restlichen Tag mit seiner Frau und seinem Sohn verbringen zu können.

Plötzlich durchbrach ein schriller Frauenschrei die gewohnte Ruhe. Martin zuckte zusammen, starrte einen Moment vom Bildschirm weg und versuchte zu begreifen, woher der Laut kam. Der Schrei wiederholte sich diesmal war deutlich zu erkennen, dass er aus dem Wohnzimmer kam. Ohne zu zögern sprang Martin auf, der Stuhl kippte fast um, und er rannte dorthin, woher das Geräusch gekommen war.

Im Wohnzimmer bot sich ihm ein erschütternder Anblick. Seine Frau, Annemarie, stand mitten im Raum, das Gesicht verzerrt von Wut und Verzweiflung. Sie fuchtelte mit den Armen, schrie zusammenhangsloses Zeug und ballte immer wieder die Fäuste, als wolle sie gleich auf jemanden einschlagen. Ihr sonst ordentliches Haar war zerzaust, in ihren Augen loderte beinahe ein wahnsinniges Feuer.

Etwas abseits stand eine ältere Frau im dunklen Kopftuch, das strenge, von Falten durchzogene Gesicht kam Martin vage bekannt vor. Er überlegte kurz, bis es ihm einfiel Annemaries ehemalige Schwiegermutter war zu Besuch.

Was macht sie hier? Die beiden können sich doch nicht ausstehen Bei jedem Treffen kracht es.

Martin ging vorsichtig auf Annemarie zu, versuchte, sie in den Arm zu nehmen und zu beruhigen. Sanft legte er ihr die Hände auf die Schultern, doch sie riss sich ruckartig los als hätte ihn ihre Berührung verbrannt.

Annemarie, beruhig dich bitte, sagte er ratlos. So hatte er seine Frau noch nie erlebt. Was ist los? Du jagst nicht nur Julian einen Schrecken ein ehrlich gesagt auch mir.

Nein!, rief sie, die Stimme zitterte. Du verstehst es nicht! Sie sie

Annemarie brachte den Satz nicht zu Ende, fuchtelte mit der Hand in Richtung der älteren Frau. Martin näherte sich noch einmal, diesmal vorsichtiger er wollte schließlich keinen blauen Fleck riskieren.

Als es ihm schließlich gelang, Annemarie zu umarmen, staunte er, wie viel Kraft diese eigentlich zart wirkende Frau auf einmal hatte. Sie wehrte sich mit aller Macht, konnte sich nur mit Mühe von ihm festgehalten werden. Sie strampelte, schrie und wollte sich losreißen.

Alles gut, ich bin da, wiederholte Martin beruhigend. Wir klären das zusammen.

Unterdessen beobachtete die ehemalige Schwiegermutter stumm das Geschehen. Ein Ausdruck von Verachtung und vielleicht auch Mitleid lag auf ihrem Gesicht. Was spielte sich hier nur ab?

Martin warf ihr einen schnellen Blick zu, schwieg jedoch. Das Wichtigste war jetzt, Annemarie zu beruhigen alles andere hatte noch Zeit. Er hielt sie weiter sanft, fühlte, wie ihr Widerstand langsam nachließ und ihr Atem sich gleichmäßiger wurde.

In dem Moment lugte vorsichtig Julian, erst vier Jahre alt, durch die halb offene Kinderzimmertür. Das Kind zögerte, auf den Türrahmen gestützt, die großen, ängstlichen Augen wanderten zwischen der schreienden Mutter, dem Vater, der diese umklammerte, und der fremden, streng wirkenden Frau. Julian klammerte sich unsicher an den Türrahmen, als suche er Halt.

Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, schnitt die Besucherin mit eisiger Stimme das Gespräch ab. Doch nach einem Augenblick wich die Kälte und in ihrer Stimme lag aufrichtige, tiefe Anteilnahme. Du kannst es nicht ändern, Annemarie. Akzeptiere es. Es gibt noch jemanden, für den es sich lohnt, weiterzuleben! Lass die Trauer nicht dein Leben zerstören.

Annemarie schüttelte den Kopf, die Lippen bebten.

Sie lügt LÜGT, murmelte sie zunächst kaum hörbar, dann, von Kraft verlassen, sackte sie zusammen.

Martin erstarrte in Angst. Bis vor wenigen Sekunden hatte er gehofft, sie beruhigen zu können, doch nun sank sie ohnmächtig in seinen Armen zusammen. Gleichzeitig brach aus Julian lautes, verzweifeltes Weinen hervor das Kind stolperte zu seiner Mutter, fiel auf die Knie neben ihr.

Leg sie auf das Sofa und ruf den Notarzt!, kommandierte die unangekündigte Besucherin bestimmt. Annemarie braucht Hilfe.

Ohne auf eine Antwort zu warten, ging die Frau zu Julian, nahm ihn behutsam auf den Arm und wiegte ihn sanft. Plötzlich lag eine fast mütterliche Zärtlichkeit in ihren Gesten. Sie streichelte dem Jungen tröstend über den Rücken, sprach leise beruhigende Worte. Der Kleine schmiegte sich weinend und schluchzend an ihre Schulter.

Johannes, ihre Stimme zitterte, sie zwang sich weiterzusprechen. Er ist nicht mehr da. Ein Unfall

Mehr konnte sie nicht sagen. Frau Berger Annemaries ehemalige Schwiegermutter kämpfte mit den Tränen. Plötzlich schien alles in ihr zusammenzubrechen an einem Schicksalstag hatte sie sowohl ihren Sohn als auch den älteren Enkel verloren. Es blieb ihr nur noch die schwangere Schwiegertochter, die nach der Nachricht direkt ins Krankenhaus gebracht wurde. Tief durchatmend sammelte sie sich. Jetzt musste sie stark sein zumindest für diesen kleinen Jungen, der sich eben noch an sie klammerte, und für die Frau, die regungslos auf dem Sofa lag.

Martin biss die Zähne zusammen, sodass die Kiefermuskeln hervortraten. Ein Sturm aus Zorn und Vorwürfen tobte in seinem Kopf, doch er beherrschte sich schließlich war sein Sohn ohnehin schon völlig verstört. Er nahm sein Handy, rief als Erstes den Notarzt. Die Mitarbeiterin am anderen Ende versprach, dass ein Rettungswagen in zehn bis fünfzehn Minuten eintreffen würde.

Danach wählte er die Nummer seiner Schwester. Das Freizeichen zog sich endlos hin, doch schließlich ging sie ran. Martin erklärte ruhig, was passiert war:

Claudia, ich brauche deine Hilfe. Annemarie hat einen Nervenzusammenbruch Der Notarzt ist verständigt, aber Julian muss raus aus der Wohnung. Kannst du so schnell wie möglich kommen?

Seine Schwester sagte ohne Zögern zu. Martin fühlte sich etwas erleichtert zumindest war das Problem fürs Erste gelöst. Jetzt musste er Julian auf den Besuch vorbereiten und ihm erklären, dass die Mama sich ausruhen müsse.

Seine Gedanken schweiften unwillkürlich zu Johannes. Zehn Jahre alt erst vor ein paar Wochen hatten sie Geburtstag gefeiert. Martin erinnerte sich, wie Annemarie damals gestrahlt hatte, die Wohnung geschmückt und Kuchen gebacken hatte. Damals schien das Leben voller Licht, voller gemeinsamer Tage zu sein. Doch das Schicksal schlug zu und all diese Freude blieb nur noch Erinnerung.

Martin machte sich Sorgen um Annemarie. Sie war Johannes Mutter durch und durch in jedem Blick, jedem Wort über ihren Sohn war das zu spüren. Doch erst spät hatte sie das wirklich erkannt. Nach der Scheidung urteilte das Gericht eindeutig: Das Kind bleibt beim Vater. Die Begründung war nachvollziehbar.

Annemarie hatte jung geheiratet kaum volljährig, vom Leben berauscht. Parties, Cafébesuche, Diskoabende waren ihr damals wichtiger als Fürsorge für ein Baby. Mutter zu sein erschien ihr fremd und unwirklich.

Als Johannes auf die Welt kam, empfand sie zunächst Stolz. Doch schnell wurden ihr die täglichen Pflichten zu viel Stillen, Wickeln, schlaflose Nächte. Sie sehnte sich nach Unbeschwertheit. Schließlich fand sie einen Weg, Mutterschaft mit ihrem alten Leben zu verbinden: Während ihr Mann Markus bei der Arbeit war, gab sie das Baby gegen ein kleines Taschengeld bei der Nachbarstochter ab auch diese nahm die Gelegenheit gern wahr.

So ging das einige Monate weiter. Annemarie redete sich ein, dass es dem Sohn gut ging die Nachbarin passte schließlich immer auf ihn auf. Nur dass er immer öfter krank wurde Sie dachte kaum an die möglichen Folgen.

Doch irgendwann flog alles auf auf die schlimmste Weise. Markus sah auf einem trubeligen Kölner Platz ein junges Mädchen mit einem Kleinkind auf dem Arm. Sie bat leise Passanten um Geld. Markus erstarrte. Das Kind war Johannes sein Sohn, blass, schlapp, eindeutig krank.

Ohne zu zögern, nahm er den Jungen und ging nach Hause. Dort traf er Annemarie an, die wohl gerade von einem Freundinnen-Treffen zurückgekehrte war.

Weißt du, wo unser Sohn war?!, fragte Markus mit zittriger Stimme, Johannes auf dem Arm.

Annemarie verstand zunächst nichts, dann erzählte ihr Mann, was passiert war ihr Gesicht wurde kreidebleich. Sie versuchte sich herauszureden: Ich dachte Die Nachbarin passte gut auf ihn auf

Aufpassen?! Sie hat mit ihm gebettelt! Weißt du, was passieren hätte können?!

Er hörte sich ihre Ausflüchte nicht länger an. Noch am selben Tag reichte Markus die Scheidung ein und forderte, dass das Kind bei ihm bleiben müsse. Annemarie hatte nie auch nur danach gefragt, was die Nachbarin tatsächlich mit dem Jungen machte!

Dazu kam: Johannes war oft krank. Die Ärzte vermuteten, dass mangelnde Pflege und stundenlanges Herumlungern draußen in falscher Kleidung für seinen schlechten Gesundheitszustand verantwortlich waren.

Zunächst nahm Annemarie das Urteil gelassen hin. Sie glaubte, dass sich nicht viel ändern würde immerhin durfte sie Johannes noch regelmäßig sehen. Doch nach einigen Monaten spürte sie plötzlich, was sie verloren hatte.

Jede Begegnung mit Johannes war für sie nun wie ein Feiertag. Annemarie bereitete sich akribisch auf jeden Besuch vor kaufte Spielsachen, plante Unternehmungen, versuchte, so viel gemeinsame Zeit wie möglich herauszuholen. Jede seiner Gesten, jedes Lächeln sog sie auf als wollte sie die verlorene Zeit nachholen.

Sie begriff sie hatte mehr als tägliche Nähe verloren. Sie hatte die wertvollen ersten Monate und Jahre mit ihrem Sohn verpasst. Und jetzt, beim Anblick von Johannes, blieb ihr oft nur bittere Reue.

Auch nachdem sie mit Martin verheiratet war, verließ sie der Gedanke an Johannes nie. Sie erinnerte sich an sein Lachen, seine ersten Worte ein bittersüßer Trost.

Martin wünschte sich schon länger ein Kind mit ihr. Er stellte sich vor, wie er mit einem Sohn oder einer Tochter Rollschuh fährt, ihm Radfahren beibringt oder Gute-Nacht-Geschichten vorliest. Doch Annemarie wehrte ab sagte, sie sei nicht bereit. Martin, voller Liebe, verschob den Wunsch und hoffte, irgendwann würde Annemarie umdenken.

Jeden Samstag stand Annemarie mit der ersten Morgendämmerung auf. Sie tigerte durch die Wohnung, schaute aufs Handy wartete auf Markus’ Nachricht: Komm um zehn. Dann suchte sie sorgfältig Kleidung aus, packte Geschenke und Leckereien für Johannes ein und eilte los. Die Stunden mit ihm vergingen immer wie im Flug sie gingen im Park spazieren, fütterten Enten, gönnten sich Kuchen im Café. Am Abend wurde der Rückweg zur Qual: Noch eine ganze Woche bis zur nächsten Begegnung.

Nach solchen Tagen war Annemarie zu Hause wie abwesend. Sie räumte schweigend auf, bereitete das Abendessen vor, antwortete Martin nur kurzangebunden. Gedanklich war sie noch immer bei ihrem alten Leben bei Johannes.

Freunde sprachen Martin regelmäßig auf Annemaries Verhalten an. Sie fanden, dass ihr Alltag nicht normal sei immer von Samstag zu Samstag leben, in ständiger Sehnsucht nach dem Verlorenen. Manche gutmeinenden Bekannten rieten Martin sogar, sich eine neue Partnerin zu suchen, jemand, der eher bereit sei, mit ihm eine Familie zu gründen.

Anfangs lachte Martin darüber hinweg. Er liebte Annemarie, schätzte ihr Einfühlungsvermögen. Sie war eine verlässliche, herzliche Ehefrau, das Haus immer gepflegt, das Abendessen pünktlich auf dem Tisch. Doch Monat für Monat spürte er seine eigenen Träume deutlicher: Er stellte sich vor, ein Kind macht erste Schritte, spricht das erste Wort. Diese vage Hoffnung ließ ihn nicht mehr los.

So dachte Martin immer öfter über die Zukunft nach. Er wollte Annemarie nicht verlieren aber auf den Traum vom Vaterwerden verzichten? Schwer vorstellbar.

Der nächste Samstag kam. Martin war wie immer den Vormittag mit der Arbeit beschäftigt, wollte nachmittags einkaufen gehen. Die Zeit kroch dahin, er versuchte, nicht daran zu denken, dass Annemarie gerade mit Johannes unterwegs war.

Kurz vor Mittag klingelte es. Martin wunderte sich Annemarie kam sonst sehr viel später zurück. Als er die Tür öffnete, erschrak er. Sie stand blass auf der Schwelle, mit rot geweinten Augen und zitternden Händen, kriegte kaum den Schlüssel ins Schloss.

Schweigend half Martin ihr, die Jacke auszuziehen, führte sie ins Wohnzimmer, packte sie warm ein, brachte ihr eine Tasse heiße Schokolade und setzte sich abwartend daneben.

Endlich begann Annemarie zu sprechen die Stimme war so leise, dass Martin genau hinhören musste:

Er hat mich Tante Annemarie genannt, sie stockte, kämpfte mit den Tränen. Er sagte, seine Mama heißt Julia. Die neue Frau von Markus. Und sie verlangt, dass mein Sohn sie Mama nennt!

Die letzten Worte kamen als vorwurfsvoller Hilfeschrei aus ihr heraus. Sie stellte die Tasse ab, fast schwappte die Schokolade über. Ihre Hände zitterten, die Augen funkelten vor Schmerz.

Martin legte vorsichtig die Hand auf ihre:

Annemarie, begann er bedächtig, es ist verständlich. Johannes lebt mit ihr, sie kocht für ihn, hilft bei den Hausaufgaben, steht am Schultor. Ich bin sicher, Julia hat ihn wirklich lieb. Du solltest froh sein, dass er gut aufgehoben ist

Du verstehst das nicht!, schnitt Annemarie ihm das Wort ab, die Stimme bebte. Er nennt sie nicht nur Mama! Ich hab protestiert, und Johannes hat Markus verteidigt! Er sagte, Julia sei seine Mama. Und ich ich bin nur noch Annemarie. Das ist mein Kind! Mein Sohn! Ich habe ihn geboren!

Sie sprang auf, begann nervös durchs Zimmer zu laufen.

So viele Jahre habe ich darum gekämpft, ihn zu sehen! Jedes Wochenende bin ich zu ihm gerannt, habe Geschenke gebracht, wollte immer die beste Mutter sein. Und jetzt reicht nicht mal das. Ich habe Fehler gemacht, ja aber irgendwann muss ich doch dafür genug gebüßt haben!

Martin stand auf, ging langsam auf sie zu, ohne sie zu berühren, verdeutlichte durch seine Präsenz, dass er da war, ihr zuhören wollte.

Ich weiß, wie weh das tut, Annemarie. Aber Johannes ist noch klein Er lässt sich von Gewohnheiten leiten. Für ihn ist Julia die, die ihm morgens Frühstück macht, ihm nach der Schule zuhört. Aber das heißt nicht, dass er dich vergessen oder nicht liebt.

Und wo bleibe ich?, blieb sie stehen, drehte sich ihm zu, Tränen in den Augen. Mir bleibt nur ein einziger Tag die Woche! Und selbst dann will er mich keine Mama nennen. Was soll ich tun, Martin?

Das Gespräch dauerte noch eine Weile. Martin sprach ruhig, erinnerte an liebevolle Erinnerungen an Johannes, an Geschichten, an Geschenke, die sie gemacht hatte. Nach und nach legte sich Annemaries Aufregung, sie schluchzte leise, machte einen kleinen Schluck von der Schokolade und dachte offenbar nach.

Nach diesem schweren Gespräch brachte Martin erneut vorsichtig das Thema gemeinsames Kind zur Sprache. Er erklärte, dass er sich eine laute, lebendige Familie wünschte. Er glaubte an ihre Fähigkeit zu lieben, dass sie eine wunderbare Mutter sein könne.

Annemarie lehnte ab. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Ihr Herz gehöre Johannes. Doch Martin hielt geduldig zu ihr, unterstütze sie, wenn es ihr schlecht ging, bis Annemarie sich doch eines Tages auf sein Bitten einließ.

Schließlich kam Julian zur Welt. Ein zarter, neugieriger Junge mit strahlenden Augen sofort schlossen ihn alle in ihr Herz. Martin war überglücklich! Stundenlang wiegte er den Kleinen, summte Schlaflieder und betrachtete stolz sein schlafendes Kind.

Doch Annemarie blieb seltsam distanziert. Sie kümmerte sich um Julian, wie es sich gehörte: Sie fütterte und kleidete ihn, kümmerte sich um seine Gesundheit. Doch ihre Stimme, ihre Miene waren dabei kühl, fast mechanisch als erledige sie bloß Pflichten.

Johannes blieb das Zentrum ihres Herzens. Seine Bilder schmückten die Regale, Annemarie betrachtete sie immer wieder, manchmal erzählte sie Julian von diesem Bruder: wie er Eis liebte, auf dem Fahrrad fahren lernte oder lustig die Nase krauste beim Lachen. Nur in diesen Momenten hellte ihr Blick auf, für einen Augenblick schien sie glücklich.

Und dann kam diese schreckliche Nachricht Johannes lebt nicht mehr.

Annemaries Welt zerbrach in einem einzigen Moment. Nichts gab ihr mehr Antrieb. Sie war wie eine leere Hülle bewegte sich aus Gewohnheit, sprach nur das Nötigste.

Oft saß sie stundenlang am Fenster, die Fotoaufnahme von Johannes fest in den Händen. Sie starrte darauf, als könnte sie ins Bild zurückkehren, sich an einen Ort träumen, an dem ihr Sohn noch lebte. Manchmal flüsterte sie seinen Namen, strich vorsichtig über das Foto als wolle sie die Wärme seiner Haut wieder spüren.

Julian, der die Welt der Erwachsenen noch nicht verstand, suchte stets die Nähe seiner Mutter. Mit selbstgemalten Bildern, Kuscheltiere und Lächeln versuchte er, Annemarie zu gewinnen. Doch sie wies ihn ab, in ihrem Kummer war kein Platz für andere Gefühle.

Eines Tages kam Julian wie immer zu ihr gelaufen:

Mama, schau mal, ich hab ein Auto gemalt! Das ist für dich!

Annemarie blickte nicht auf, starrte weiter aus dem Fenster.

Mama?, der Kleine zog an ihrem Ärmel. Magst du mein Auto sehen?

Da drehte sich Annemarie abrupt um. In ihren Augen lauerte keine Wut, sondern eine verzweifelte, hilflose Trauer auf der Suche nach Erlösung.

Nenn mich nicht Mama!, schrie sie, Tränen in der Stimme, hörst du?! Nicht Mama!

Sie stieß den Jungen so heftig weg, dass er taumelte und zu Boden fiel. In diesem Moment kam Martin ins Zimmer. Das Herz rutschte ihm in die Hose Julian saß verängstigt auf dem Teppich, Annemarie daneben, mit verzerrtem, beinahe fremdem Gesicht.

Martin eilte zu seinem Sohn, war dankbar, dass er überlegt einen dicken Teppich ins Kinderzimmer gelegt hatte Julian war unversehrt, doch der Schreck saß tief. Für ihn gab es nun keine Sicherheit: Selbst Mama war unbegreiflich böse.

Es ist alles gut, Kleiner, flüsterte Martin und nahm Julian sanft in den Arm.

Er blickte Annemarie an. Tränen standen ihr bereits in den Augen, und sie bewegte sich nicht, als sei sie aus Stein.

Wut brandete in Martin auf. Er drückte Julian beschützend an sich. Der Junge weinte nicht er war nur starr vor Angst.

Hast du den Verstand verloren?, flüsterte Martin leise, um Julian nicht noch mehr zu verängstigen. Wenn das nochmal passiert, bringe ich dich ins Krankenhaus!

Annemarie schien ihn nicht zu hören. Sie starrte wieder aus dem Fenster, die Fotografie von Johannes eng an sich gedrückt, der Blick leer und unerreichbar.

Mama nennen darf mich nur Johannes!, sagte sie mechanisch, als spräche sie eine auswendig gelernte Litanei. Mein Junge mein Johannes

Ihre Stimme war matt, kraftlos, jede Silbe schien sie Überwindung zu kosten. Wieder strich sie mit dem Finger über das Bild, für einen Moment glomm Wärme auf und erlosch sofort.

Es reicht!, Martin schluckte hart, sein Frust und Verzweiflung stiegen.

Ihm war klar so konnte es nicht weitergehen! Julian durfte nicht in einer Welt aus Schmerz und Kälte aufwachsen. Annemarie brauchte Hilfe professionelle Hilfe.

Martin drängte auf eine Therapie. Er suchte Ärzte, fand eine geeignete Klinik, erklärte den Ernst der Lage. Anfangs leistete Annemarie Widerstand sie glaubte kein Problem zu haben. Martin blieb unerbittlich.

Annemarie verbrachte lange Zeit in der Klinik. Die Ärzte halfen Schritt für Schritt, ihr die Realität zurückzugeben. Sie sprachen viel, verordneten Medikamente, gaben ihr Hoffnung, dass es weitergehen musste, dass Julian sie brauchte.

Langsam ging es Annemarie besser. Sie sprach weniger obsessiv von Johannes, nahm ihre Umgebung wieder wahr. Doch akzeptieren konnte sie den Verlust nicht ihr Blick blieb immer ein wenig traurig, immer lag darin der Schatten unstillbarer Sehnsucht nach ihrem toten Sohn. Leben wollte sie nur noch in Gedanken bei ihm.

Schließlich erkannte Martin, dass die Ehe endgültig verloren war. Annemarie lebte in ihrer eigenen Welt, für ihn und Julian erreichte sie niemanden mehr. Oberflächlich schien alles geregelt: Sie lachte, sprach, bediente den Alltag doch ihr Herz blieb für immer am Grab ihres Sohnes zurück.

Die Trennung verlief ruhig, ohne Streit. Martin forderte nur eins: Annemarie sollte Julian wenigstens ab und zu sehen. Auch das blieb aus.

Das Letzte, was er von ihr hörte: Sie zog in ein kleines Häuschen nahe dem Friedhof. Täglich saß sie am Grab von Johannes, redete mit ihm, bat um Vergebung, für die Zeiten, in denen sie ihn im Stich gelassen hatte.

Von Julian wollte sie nichts wissen. Als Martin ihr einmal berichtete, wie Julian Fahrradfahren gelernt hatte oder in der Schule gute Noten bekam, drehte sie sich wortlos weg:

Bitte nicht. Ich will das nicht hören.

Martin ließ sie los. Er blieb bei Julian, gab ihm all die Liebe und Geborgenheit, die er von seiner Mutter nicht bekommen hatte.

Und so blieb Martin am Ende eine bittere Erkenntnis: Trotz aller Trauer und Schuldgefühle dürfen wir die Menschen, die uns jetzt brauchen, nicht vergessen. Wer in der Vergangenheit verharrt, verpasst das Leben und lässt zu, dass auch andere daran zerbrechen. Doch Liebe und Fürsorge, hier und heute, können neue Hoffnung schenken.

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Homy
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