Nach vierzig Jahren Ehe ging sie zu einem Jungen.
Der Anruf kam, als Lena schon im engen schwarzen Kleid am Türgriff stand. Martin, leicht angespannt mit einer Wolke teurem Parfüm, stand hinter ihr und atmete ihr Ungeduld in den Nacken. Die heiß begehrten Karten für die Premiere in der Staatsoper, die er nur mit Glück ergattert hatte, steckten in seinem Jackett leider nützte das alles nichts, denn sie würden ohnehin zu spät kommen. Martin hielt es kaum noch aus, was seine stille Wut wie Sekt unter dem Korken schäumen ließ.
Lena, ich hab keine Lust, den ersten Akt vom Foyer aus zu lauschen, grummelte er. Bitte geh jetzt nicht ans Telefon.
Aber Lena griff schon zum Handy und nahm ab. Plötzlich war der große Opernbesuch nur noch Nebengeräusch. Die Stimme ihres Vaters am anderen Ende klang staubtrocken, fast schon bröselig.
Deine Mutter… Sie ist weg.
Lena drehte sich langsam zu Martin um.
Papa? Wie meinst du das, weg? Zu einer Freundin? Oder ins Wochenendhaus?
Nein… richtig weg. Mit ihren Sachen. Sie meinte, das wars. Sie hat einen anderen.
Martins Gesicht wechselte sofort von genervt zu alarmiert. Sein ganzes Längenmaß wurde Aufmerksamkeit in Anzugform.
Probleme?, fragte er knapp.
Mama hat Papa verlassen, stotterte Lena. Die Worte ergaben einfach keinen Sinn, als würde jemand behaupten, es gäbe jetzt Winter im Juli.
Das kann nicht sein. Martin schnitt die Information ab wie einen fehlerhaften Eintrag in der Bilanz. Deine Eltern sind das Paradebeispiel Ehe. Die wohnen schon vierzig Jahre quasi verschweißt zusammen! Da ist was faul.
Papa irrt sich nicht in solchen Dingen, meinte Lena leise und somit ernst. Sie brachte das Handy wieder ans Ohr. Papa, bist du zuhause? Ich komme sofort!
Nicht nötig …, krächzte ihr Vater, Hans-Dieter Schleicher ein Mann, stets Herr der Lage. Was bringts?
Sitz da. Wir kommen.
Die Fahrt in Martins schickem, lederneuem BMW verlief im Grabesstillen. Seine Finger trommelten hektisch aufs Lenkrad, Lena versuchte verzweifelt, ihre Mutter zu erreichen ohne Erfolg, nur dieser freundliche Roboter: Der gewünschte Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.
Endlich explodierte Martin: Kannst du mir bitte erklären, was da los ist? Sonntag beim Mittagessen war noch alles wie immer! Dein Vater hat irgendwas vom neuen Drehmaschinenzentrum erzählt, deine Mutter hat über seine Wortspiele gelacht. Kein Wort von Krise!
Weißt du was? Ich verstehe selber nichts! Jetzt platzte es aus Lena heraus. Papa hat von einem anderen Mann gesprochen in seiner Stimme war Panik. Hast du meinen Vater schon mal panisch erlebt? Nicht mal bei seinem Herzinfarkt hat er aus der Intensivstation heraus noch Anweisungen für seinen Stellvertreter gegeben!
Hans-Dieter Schleicher war aber auch ein Unikum ehemaliger Deutscher Meister im Boxen, hatte sich vom Lehrling zum Vorstand eines der größten Maschinenbauunternehmen in Bayern hochgekämpft. Eine Erscheinung irgendwo zwischen Berg und Dampfmaschine. Seine Entscheidungen waren Gesetz, sein Wille so felsenfest, dass Lena wusste: Das Zentrum der Familie, die Säule, das war er aber gehalten hat ihn immer nur Mama, Margarethe Schleicher.
Das ordentliche, rot geklinkerte Familienhaus im Nobelviertel der Stadt begrüßte sie mit weit offener Haustür, als hätte der Schicksalssturm schon einmal durchs Foyer gefegt. Kein Licht, nur ein abgestreiftes Stück Dreck auf dem Parkett als hätte jemand einen schweren Koffer durchs Bild gezogen. Die Garderobe war geplündert: Mamas Mäntel, ihre Hutboxen und die geliebten Pumps alles weg.
Warte hier, sagte Lena zu Martin und spürte Gänsehaut im Nacken.
Martin nickte und blieb, Wachhund in Hugo Boss.
Hans-Dieter saß in der Küche, in der Felder von Gemütlichkeit inzwischen Ödland geworden waren. Vor ihm: eine gehärtete Schnapsstamperl und eine Vodkaflasche, fast voll. Lena sog scharf die Luft ein ihr Vater, sonst nur Cognactrinker und der Gin-Tonic zum Geburtstag als Ausnahme und nun das.
Er starrte auf einen imaginären Punkt auf den Fliesen. Sein Kreuz, sonst Quadratur im gebügelten Hemd, schien zusammengeschrumpft. Die Hände lagen hilflos da, Nägel akkurat geschnitten, jetzt so … leblos.
Papa? Lena setzte sich leise zu ihm.
Er zuckte, dann hoben sich seine Augen. In ihnen lag der Blick eines stolzen Tieres, das in der Falle sitzt.
Lena … warum bist du … ich habe gesagt …
Lass das. Lenas Stimme hatte plötzlich diesen Ton, den sie nur von ihm kannte. Jetzt red von Anfang an.
Er rang nach Luft.
Sie kam nach Haus … gestern. Blass. Sagt: Hans, ich muss reden. Ich dachte, Ärger im Krankenhaus. Aber nein … Sie: Ich geh. Es gibt da jemand anderen. Es tut mir leid. Dann fing sie an, Sachen zu packen. Ich hab nur dagestanden. Bin ausgetickt, hab versucht, ihr den Koffer wegzunehmen. Keine Ahnung, was ich genau geschrien hab. Unten wartete dann schon ER. So ein Jüngling in so einer grauen Karre.
Wer ist das? Hast du ihn gesehen?
Hans-Dieter nickte und zog einen Mundwinkel, als hätte jemand eine schlechte Pointe gemacht.
Gesehen? Na klar. Ein halber Bub Chirurg in ihrem Krankenhaus. Gesehen hab ich ihn mal auf so einer Klinikfeier. Mindestens zwanzig Jahre jünger. Schön, charmant, hat gelacht wie ein bekiffter Golden Retriever.
Lena wurde richtig übel.
Mama … und DER Typ? Papa, bist du sicher? Vielleicht … wollte sie einfach raus, mal durchatmen?
Was hätte ich denn gemacht?!, schrie Hans-Dieter plötzlich. Die Faust knallte auf den Tisch, der Schuss hob den Schnaps an. Vierzig Jahre Seite an Seite! Ich habe sie auf Händen getragen! Nach meinem Infarkt hat sie mich wieder aufgebaut. Ich habe ihr alles gebaut: Firma, Haus, Kind aufgezogen … WAS hätte ich machen sollen?
Er japste schwer und griff sich ans Hemd. Lena wollte aufspringen, aber er wehrte sie ab.
Geht schon …, atmete er dumpf. Es fühlt sich bloß an, als hätte man mir alles aus den Rippen gerissen.
Sein Blick irrte wieder auf den Boden.
Sie meinte, sie sei erschöpft, erstickt fast. Sie wolle für sich leben. Ich … ich hatte keine Ahnung, dass sie erstickt. Ich dachte, bei uns ist alles gut.
Martin lugte vorsichtig um die Ecke, hörte den Krach und scannte die Lage: Schwiegerpapa exzentrisch, Flasche, gebrochene Hausfrau. Sein Excel-Gehirn fing an, Notfallmaßnahmen zu berechnen.
Herr Schleicher, sagte er ruhig und nickte auf die Flasche, trinken ist jetzt nicht zielführend. Wir müssen Klarheit schaffen. Vielleicht ist das alles ein Missverständnis, wer weiß.
Klarheit, flüsterte Hans-Dieter. Sie hat gesagt, es ist vorbei. Und ging. Nicht mal reden konnte ich.
Lena schob ihn sanft ins Wohnzimmer und setzte ihn vor den Fernseher, Martin kochte derweil Maultaschen auf und stellte den Tee auf die Platte. Sie aßen schweigend. Hans-Dieter stocherte im Teller herum und Lena starrte auf seine großen, kraftlosen Hände, mit denen er früher nachts Geschirr spülte, weil Margarethe allergisch war, und die beim Spazierengehen immer nach ihr suchten.
Nach dem Essen fragte er leise: Ihr bleibt heute? Sonst … ists ganz schön still im Haus.
Lena sah Martin an, der nickte kaum spürbar.
Klar, Papa.
Die Nacht verbrachten sie im alten Kinderzimmer. Um Schlaf betrogen Lenas Vater lief pausenlos seinen eigenen Zellenblock durchs Obergeschoss.
Am Morgen fuhr Lena allein ins Klinikum, Abteilung Chirurgie. Margarethe erwartete sie im weißen Kittel. Darunter blitzte etwas Schickes, Unbekanntes hervor. Kein Anflug von Scham.
Mama, was soll das?, platzte Lena heraus.
Es war absehbar, irgendwann musste das passieren, antwortete Margarethe nüchtern der Tonfall, mit dem sie früher Wunden genäht hat. Ich bin gegangen. Und ich habe es deinem Vater erklärt.
Erklärt?! Ihn kalt abserviert meinst du wohl! Denkt jetzt, das wars. Trinkt Schnaps!
Margarethe verzog kurz das Gesicht, dann verfestigte sich die Fassade.
Seine Entscheidung. Ich möchte nach all den Jahren für mich leben.
Für dich? Mit DEM Jungen? Papa meint, er könnte dein Sohn sein! Was will der von dir einen Oedipuskomplex pflegen? Will der Kinder von dir? Das ist doch Blödsinn!
Margarethes Lippen wurden schmal.
Du hast kein Recht, so über mich und Michael zu sprechen. Er ist erwachsen und respektiert mich.
Mama, bitte! Du bist 58! Was verbindet euch? Spielst du Frühlingsgefühle?
Margarethe winkte ab. Ich habe Dienst. Ruf erst wieder an, wenn du Respekt zeigst, und ging, Tür zu, Absätze klickend.
Lena schluckte Frust und Stolz und suchte Michael auf. Aber Michael Siedler, Chirurg und angeblicher Herzensbrecher, war eher Anfang vierzig, mit kluger Ironie hinter den Brillengläsern.
Lena, richtig?, begrüßte er sie, bot ihr einen Platz an und klang dabei wie jemand, der schon mehrere Schwiegertochter-Castings moderiert hat.
Sie wissen ganz genau, worum es geht! Was läuft mit meiner Mutter? Wollen Sie ihren Job? Ihr Geld? Oder was?
Michael zuckte gelassen mit den Schultern.
Offen gesagt, nein. Ihre Mutter will vor allem Ruhe. Und was mir gefällt: ihr Humor und das Wissen über Musik, das sie haben. Haben Sie je mit ihr außerhalb von Hauswäsche oder Familienkatastrophen geredet?
Lena verschluckte sich. Damit hatte sie nicht gerechnet.
Das geht Sie doch gar nichts an! Sie ist meine Mutter!
Ja. Aber Sie behandeln sie wie einen Einrichtungsgegenstand. Sie ist mehr als Chefs-Gattin und Heim-Kümmerin. Sie will endlich Margarethe sein. Ich ermutige sie dabei.
Im Bett wohl, ja? polterte es aus Lena.
Michael runzelte die Stirn.
Und genau solche Sprüche sind der Grund. Ihr Vater hat sie so gesehen: Möbel. Kein Mensch. Davon wollte sie raus. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Lena fühlte sich irgendwie beschmutzt und entwaffnet zugleich.
Wochen zogen ins Land. Hans-Dieter kehrte äußerlich ins Leben zurück Vorstand, Sitzungen, Dienstwagen. Aber Lena merkte, dass alles Fassade war: Kühlschränke blieben voll, Zeitungen ungelesen. Er magerte ab, die Anzüge schlotterten, und seine Augen wirkten leer so, als hätte er Margarethe aus seinem Herzen mitsamt Dickmilch ausgeschnitten.
Lena war wütend: auf die Mutter, für ihren Egoismus, auf Michael, für sein Selbstbewusstsein, und auf den Vater, weil er plötzlich schwach war. Sie ignorierte die seltenen Anrufe von Margarethe.
Da platzte eines Abends Tante Gisela rein Margarethes robust gebaute Schwester, laut, immer ein Schwarm schnatternder Kinder im Schlepptau, Mann auf Tour als Fernfahrer. Sie und Lena verband vor allem gegenseitige Genervtheit.
Na, Hans-Dieter, altes Haus!, plärrte Gisela, begutachtete den Schwager und materialisierte auf dem Sofa. Brauchst wohl Baldrian, was? Machst du dir jetzt immer selbst den Eintopf oder muss Lena kommen?
Hans-Dieter blieb stoisch. Wie kommst du hierher?
Hab euch vermisst! Gisela lachte unecht. Leni, bring mal einen starken Tee wir müssen quatschen.
Lena tat wie geheißen, die Tür blieb einen Fingerbreit offen. Gisela roch stets nach Plan und Zweck.
Nun wie ists so? Margarethe lebt vermutlich wie die Queen mit dem Toyboy. Neuer Wagen, vielleicht bald Italienreise! Liebe, du verstehst…
Lena zuckte. Tiefschläge, schnell serviert.
Schweigen von Hans-Dieter.
Na, bist sprachlos? Du bist doch immer noch ein guter Fang könntest dir auch eine knackige Zwanzigjährige angeln. Die würde dich bekochen und noch ganz anderes …
Raus, sagte Hans-Dieter leise, aber glasklar.
Hä?
Raus aus meinem Haus. Jetzt.
Gisela war verwirrt, fing sich aber sofort. Ich will doch nur helfen! Die Margarethe hat längst abgeschlossen mit dir! Und weißt du warum? Weil du ja sowieso ne Andere hast! In der Leiser Straße 10, Wohnung Nummer vier da lebt deine kleine Geliebte! Zwei Kinder! Und Überweisungen von deinem Konto! Margarethe hat alles rausbekommen. Seit drei Jahren!
Lena spürte ein Schleudertrauma Heimliche Geliebte?
Hans-Dieter richtete sich auf, füllte plötzlich wie früher die ganze Stube mit seiner bloßen Präsenz.
Was faselst du, Gisela?
Na, die Blonde Svetlana! Witwe. Zwei Kinder, Überweisungen jeden Monat. Margarethe hat das so geschildert!
Hans-Dieter lachte kurz, trocken.
Leiser Straße 10, Wohnung vier…, murmelte er. Svetlana… Kinder … jetzt ergibt alles Sinn. Geh, Gisela.
Gisela trollte sich, x-mal empört und immer noch empört.
Erst als die Tür zuschlug, wandte sich Hans-Dieter zu Lena. Svetlana Viktorovna Artmann. Ihr Mann, Kranführer bei uns, starb bei einem Unfall. Die Versicherung zahlte wenig, aber ich habe ihnen die Wohnung besorgt und unterstütze sie monatlich. Weil es mein Gewissen verlangt. Das wusste Margarethe? Sie hat gedacht, ich habe ein Doppelleben? Drei Jahre lang?
Lena erinnerte sich an ein halb gehörtes Gespräch. Und das Telefonat, das Mama mitbekam du hast gesagt, du kannst die Kinder nicht im Stich lassen …
Hans-Dieter winkte ab. Das war mit dem Betriebsleiter. Ich sagte: Ich muss Margarethe darüber noch aufklären, weil ich nichts verheimlichen möchte! Und sie hat den halben Satz aufgeschnappt und sich daraus ihre Soap Opera gebastelt. Statt zu fragen, zu reden ist sie mit Paukenschlag gegangen! Mit jungem Arzt an der Seite und voller Rache.
Hans-Dieter war fix und fertig, aber aus den Flammen seiner Wut entstand ein neuer Funke.
Gut. Dann soll sie in ihrer Glanznummer leben. Wir beobachten, wie lange ihr neues Glück hält.
Lena hielt es keine Nacht aus. Sie suchte Tante Gisela auf. Diese schlug ihr fast die Tür vor der Nase zu.
Du wusstest ganz genau, weshalb du Papa so provoziert hast!, warf Lena ihr vor.
Alles Lüge!, blaffte Gisela. Wer Überweisungen macht, hat auch Dreck am Stecken! Und deine Mutter war immer im Schatten von Hans-Dieter. Da hab ich endlich was zurückgegeben.
Du wolltest doch nur Unfrieden aus purer Missgunst!, rief Lena und verließ die Wohnung endgültig.
Zwei weitere Monate gingen vorbei. Hans-Dieter fing an, wirklich zu leben: Fitnessstudio, neue Hemden, innovative Investitionen. Auf Arbeit: wieder Respektsperson. Seine Augen hatten nun Tiefe statt Traurigkeit.
Margarethe meldete sich noch ein paar Mal. Die frühere Bestimmtheit klang jetzt brüchig.
Wie geht es ihm?, fragte sie, und Lena blieb kurz angebunden. Gut, danke der Nachfrage.
Redet er über mich?, kam es leise.
Nie. Stille.
Weiß er von allem?
Er weiß, was er wissen muss.
Lena wusste, dass ihre Mutter einsam war. Die große Freiheit war zu bleierner Langeweile geworden. Wohngemeinschaft mit Gisela? Ein Alptraum, sogar für ein tapferes Pflegeherz.
Die zufällige Begegnung in der Fußgängerzone wurde zur Zäsur. Margarethe, perfekt frisiert und im teuren Mantel, wirkte von innen ausgeleuchtet wie ein Schaufenster im Schatten. Lena traf sie vor einem Juwelier.
Mama?, rutschte es Lena heraus.
Margarethe war sichtbar irritiert. Dann weckte ein hoffnungsloser Schimmer ihr Gesicht für einen Moment auf.
Lena… Wie gehts dir?
Gut. Und dir?
Geht so… Margarethe blickte hinfort. Ich sah deinen Vater neulich im Auto mit Geschäftspartnern, glaube ich. Er hat gelacht … sah gut aus.
Mama …, Lena konnte nicht mehr. Weshalb das alles? Warum hast du nicht geredet? Nur einmal gefragt?
Margarethes Augen traten feucht hervor, und zum ersten Mal zitterte ihre Stimme: Ich hatte Angst, Kind. Ich hörte Kinder, nicht verlassen, und plötzlich hatte ich das Bild, er hat eine Zweitfamilie. Ich wollte nicht warten, bis jemand mit mir Schluss macht wie mit einer Versicherungsnummer. Also habe ich es getan als erste, bloß um Würde zu bewahren. Michael wollte nur helfen. Und dann … wurde alles Theater, ich konnte nicht mehr stoppen. Wegen Stolz. Jetzt weiß ich, ich habe alles zerstört, nur wegen eines Missverständnisses.
Papa hat dir nie betrogen.
Margarethe weinte stumm. Jetzt weiß ich’s. Gisela hat alles gestanden. Sag deinem Vater, es tut mir leid. Auch dir. Aber ich weiß, es ändert nichts …
Sie verschwand in der Menge.
Zuhause berichtete Lena alles. Hans-Dieter hörte zu, rauchte seine einzige Zigarette der Woche und starrte auf den Kamin.
Sie bittet um Verzeihung, sagte Lena abschließend.
Weiß ich schon. Sie rief selbst an, erwiderte er fast gleichgültig.
Lena war perplex. Und?
Ich sagte, dass ich nichts zu verzeihen habe. Nur einem, der mir nahe war, könnte ich verzeihen. Die Frau, die diesen Zirkus machte, kenne ich nicht. Meine Margarethe ist am Tag ihrer Flucht gestorben. Was übrig bleibt, ist Fremde.
Papa … vierzig Jahre. Kann man das einfach streichen?
Er blickte sie an, so klar wie nie zuvor: Man muss es behalten als Lehre. Nähe heißt nicht, dass man das Recht hat, Vertrauen zu zerstören. Sie hatte Angst und hat zuerst zugeschlagen. Ihre Angst war erfunden, ihr Verrat echt. Damit kann ich leben. Ich brauche keine Nostalgie.
Lena wusste: Das war das Ende. Brücken verbrannt.
Mit der Zeit wurden die Erinnerungen leiser. Hans-Dieter verkaufte das Haus, quartierte sich mit neuem Hund ein massiger Neufundländer namens Bruno und einer entspannten Bekannten, Irina, in einer modernen Stadtwohnung ein. Lena beobachtete ihn, wie er wieder lachte anders, aber froh.
Margarethe verließ München und zog an die Nordsee, arbeitete in einer Privatklinik. Sie verabschiedete sich leise, nur Gisela jammerte am Telefon. Lena legte jedes Mal auf.
Zum Geburtstag versammelten sich alle in Lenas Wohnung: sie, Martin, der Vater mit Irina, Freunde. Es gab gutes Essen und einen Toast:
Lena ich bin stolz auf dich. Aber noch etwas: Vertraut einander. Vertrauen hält mehr aus als Liebe und Angst. Wenn es bricht, bleiben nur Splitter…
Geklingelt wurde, Irina lächelte und Bruno döste unter dem Tisch. Alles war, wie es sein sollte: zivilisiert, ordentlich, ein bisschen melancholisch.
Später standen Lena und Hans-Dieter auf dem Balkon. Die Stadt lag ihnen zu Füßen.
Papa bist du glücklich?, fragte Lena in die Nacht.
Er sog den Rauch ein und antwortete: Ich bin ruhig, Lena. Glück ist zu zerbrechlich. Ruhe die hat alles überlebt.
Er legte den Arm um sie und sie lehnte sich zufrieden an. Ein Stein war, trotz Riss, nicht gefallen. Aber eins wusste sie: Stille zwischen zwei Menschen kann lauter und verletzender sein als jeder Sturm. Und dass Vertrauen das einzige Fundament ist, das nicht einstürzt wenn man darauf baut.




