— Meine Mutter hat immer gesagt: „Heirate diese Frau lieber nicht.“

10. Oktober 2023

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich mich frage: War das alles so unausweichlich? Hat meine Mutter es nicht schon früh gespürt? Heide, nimm ihn bloß nicht zum Mann, sagte sie immer. Ich habe über ihre Sorgen gelächelt. Damals war ich überzeugt, wir würden anders sein, stärker, liebevoller.

Ich beobachtete, wie Jens sein Müsli aß Haferflocken mit Milch, wie immer morgens in unserer kleinen Frankfurter Küche. Er scrollte mit der einen Hand durch seine Mails, während der Löffel in der anderen mechanisch zum Mund wanderte. Ich stand am Herd, den Rücken zu ihm, und rührte in dem Eintopf, den ich für heute Abend vorbereitet hatte. Früher, am Anfang, da hätte er sein Handy beim Essen weggelegt. Damals hat er mir angesehen und gesagt: Mit dir hier ist es schöner als jedes Instagram.

Heute kam so etwas nicht mehr über seine Lippen. Das Handy blieb zwischen uns eine Mau­er, die immer höher wurde.

Sag mal, was ist das für eine dünne Suppe? Schon wieder fast nur Brühe. Ich komme müde von der Arbeit und dann so was…, knurrte Jens, ohne den Blick zu heben. Wirklich, Heide, das ist doch kein Abendessen.

Ich atmete durch, fasste den Kochlöffel fester. Morgen wird sie kräftiger, versprochen. Heute war die Kartoffel alle, antwortete ich leise.

Er legte das Handy doch tatsächlich beiseite und sah mich an mit diesem kritischen Blick, halb misstrauisch, halb schon entnervt. Kartoffel war alle? Und warum hast du mir gestern keinen Kassenbon von REWE gezeigt? Hast du etwa wieder die teuren mitgenommen? Ich hab dir gesagt, nimm die günstigen für 99 Cent das Kilo, nicht die aus Bio.

Die billigen gabs nicht mehr, ich hab gefragt. Es waren nur noch diese da.

Er verzog das Gesicht. Ja, klar… Der Supermarkt sagt eben alles, damit du kaufst. Denkst du eigentlich manchmal richtig nach?

Ich wusste: Wenn ich jetzt diskutierte, würde ich hier eine Stunde stehen und mich rechtfertigen erst für die Kartoffeln, dann für alles andere, was ich angeblich im Leben falsch machte. Wie oft habe ich schon davon gehört, dass er seine Mutter, Frau Wiese, im Ohr hat: Heide wird dich ausnutzen, Jens, schau, dass du dir eine Vernünftige nimmst. Und manchmal glaube ich, er denkt das inzwischen selbst.

Ich schwieg und füllte die Suppe in Dosen. Eine für den Kühlschrank, eine auf Vorrat in den Gefrierschrank, falls die Zeit wieder nicht für frisches Kochen reichte. Jens schob seine Schüssel achtlos ins Spülbecken und verschwand ins Wohnzimmer. Nach wenigen Sekunden röhrten aus dem Fernseher Schüsse er spielte World of Tanks. Ich schrubbte das Geschirr unter zu heißem Wasser, doch der Schmerz in den Fingern war nichts im Vergleich zu dem, was in mir brannte.

Manchmal erinnere ich mich daran, wie alles begann, und es wirkt wie ein anderes Leben. Dabei hatte ich damals das Gefühl: Da ist einer, auf den ich mich wirklich verlassen kann.

Jens Wiese tauchte vor fünf Jahren auf, da war es Frühling, überall in Frankfurt blühte der Flieder. Ich war 23, Empfangsdame in einem mittelständischen Baubedarfsgroßhandel. Jens, neu als Vertriebsmanager, kam in das Büro mit seiner ruhigen, sicheren Art, humorvollen, graublauen Augen. Nicht besonders hübsch, aber so bodenständig. Nicht einer, der kriecht. Jemand, auf den man bauen kann. Das dachte ich damals.

Es dauerte lang, bis zwischen uns mehr wurde. Kaffee brachte er mir, bevor das Büro öffnete, kleine Süßigkeiten, einmal sogar einen winzigen Kaktus im Töpfchen. Hier im Büro brauchts echt was Lebendiges, lächelte er.

Nach einem Jahr zog ich zu ihm in seine kleine Einzimmerwohnung in Bornheim. Nicht groß, aber mein eigenes. Und ein Auto hab ich auch ich pass schon auf dich auf! Willst du meine Frau werden?, fragte Jens, ganz sachlich, nicht kitschig. Es klang nach erwachsenem Glück. Ich sagte ja, mein Herz hüpfte so stellte ich mir Sicherheit, Ankommen, Familie vor.

Die ersten Jahre lebten wir fast wie andere junge Paare. Neuer IKEA-Sofa auf Raten, Küche leicht renoviert, ein Mal an die Nordsee, gelegentlich ins Kino. Jens bekam ab und zu Boni, wir feierten beim Griechen um die Ecke. Es war leicht, das Leben, fast beschwingt.

Dann kam Marie. Unser kleines Mädchen war nicht geplant, doch umso glücklicher waren wir, als wir erfuhren, dass sie unterwegs war. Jens redete mit dem dicken Bauch, strich meine Wangen. Einen Kurs für werdende Väter begann er, hörte aber bald auf. Die Arbeit, sagte er, es sei einfach zu viel los.

Die Geburt war schwer, drei Wochen im Krankenhaus, Komplikationen. Zu Hause dann Marie, winzig und runzelig, in ihrer kleinen Wiege. Jens war voller Glück: Na, meine Kleine, endlich bist du da! Zwei Monate lang machte er alles mit: nachts Windeln, Schaukeln, Wiegen.

Danach veränderte er sich, fast schleichend. Er kam von der Arbeit, war erschöpft, fragte beim Abendessen, warum es nur Linsensuppe gäbe. Als ich erklärte, das Geld hätte für Fleisch nicht gereicht, weil Windeln und Milch teurer waren, begann er genauer nachzufragen. Wie kannst du so schlecht haushalten? Ich habe dir hundert Euro dagelassen, Heide! Erzähl mir bitte, wohin das alles jeden Monat verschwindet.

Ich zählte auf: Obst für Marie, Babynahrung, Waschmittel, Feuchttücher. Jens hörte zu, immer missmutiger. Einmal warf er mir sogar vor, zu viel für Quark für das Baby auszugeben: Der Arzt sagt, ab vier Monaten du stellst wieder Sachen an!

Die Diskussionen wurden alltäglich. Ich zeigte Quittungen, lernte Preise auswendig, kaufte für Marie nur noch das Nötigste. Das Geld bekam ich von Jens abgezählt, abends schrieb ich penibel alles in ein Notizheft. Einmal bat ich um etwas Shampoo für mich. Nimm meins steht doch da!, meinte er knapp. Als ich erklärte, mein Haar brauche ein anderes, gabs nur ein schroffes Du bist den ganzen Tag zu Hause, willst nur shoppen und Haare waschen. Sei froh, dass du überhaupt was hast!

Und ich? Ich wusch meine Haare irgendwann mit seinem Herrenshampoo. Sie wurden stumpf, juckten aber ich sagte nichts mehr. Ich glaubte: Je leiser ich werde, je weniger ich fordere, desto schneller erinnert er sich vielleicht daran, wie sehr er uns liebt. Er war doch mal so liebevoll gewesen

Als Marie größer wurde ja, auch größer aus ihrem ersten Schneeanzug heraus fing die nächste Diskussion an. 60 Euro für einen Anzug? Du wirst verrückt! Hol einen gebrauchten bei ebay Kleinanzeigen. Oder du lässt sie eben zu Hause, ist auch mal okay. Er gab mir 20 Euro. Den Rest die wenigen Scheine, die ich über Monate vor ihm versteckt hatte legte ich zu. Dafür log ich ihm vor, es sei ein Superschnäppchen gewesen.

Nacht für Nacht lag ich im Bett, neben dem schnarchenden Jens, und fragte mich: Wer ist dieser Mann? Warum sieht er in mir keinen Menschen mehr, sondern nur noch einen Kostenfaktor, den es zu kontrollieren gilt?

Jens Mutter, Frau Wiese, rief wöchentlich an. Ich antwortete tapfer: Marie wächst, isst brav, schläft durch. Jens? Versteht sich, arbeitet viel, wir kommen zurecht. Niemals hätte ich zugegeben, wie wenig da noch wirklich in Ordnung war.

Bis zu jenem Dienstag. Jens kam wütend zur Tür rein: Was gibts zu essen? Wieder Suppe? Kannst du nicht mal was Richtiges kochen? Die Frau von Mehmet macht jeden Tag neues Essen. Und du? Immer das Gleiche Er schimpfte, und irgendwann brach alles aus mir heraus. Marie weinte im Nebenzimmer, ich wollte hingehen doch Jens hielt mich zurück. Denkst du, ich checke nicht, wie du schaust? Du wartest nur, dass ich verrecke und die Wohnung hast!

Als er weg war, schlief ich kaum. Im Morgenlicht sah ich den kleinen, verdorrten Kaktus vom Anfang auf dem Fensterbrett seit Monaten vergessen, trotzdem nicht weggeworfen. So fühlte ich mich: ausgetrocknet, aber nicht weggeworfen.

Nachdem Jens zur Arbeit gegangen war, rief ich meine Mutter an. Mama, darf ich mit Marie ein paar Tage zu dir kommen? Sie fragte nur: Schlägt er dich? Nein, aber… Dann komm, ich bin heute Abend da.

Ich packte zwei Taschen, den Rest ließ ich zurück. Schreibe eine Notiz: Ich kann nicht mehr. Suche mich nicht. Auf dem Weg zum Taxi winkte mir eine andere Mutter vom Spielplatz. Ich ging weiter, fühlte die Blicke der Nachbarn auf mir, ob ich mir das nur einbildete?

Drei Tage hörte ich nichts von Jens. Ich schlief schlecht im alten Kinderzimmer, meine Mutter redete wenig, streichelte nur Maries Kopf. Am vierten Tag stand er doch vor der Tür, kleinlaut, unsicher, fast schon gebrochen. Lass mich nur einen Monat zeigen, dass ichs besser kann, flehte er. Ich gab ihm einen Monat. Vielleicht auch mir.

Im ersten Monat war es friedlich. Er brachte Einkäufe mit Rinderfilet, Obst, sogar kleine Leckereien für Marie. Keine Quittungen, kein Misstrauen. Ich taute langsam auf, genoss kurze Momente, in denen die Hoffnung in mir wuchs, es könnte wirklich besser werden.

Die Zeit verstrich. Irgendwann wurden es weniger Brieftasche und mehr Ausreden. Jens kam spät, das Handy wieder zwischen uns. Allmählich spürte ich, wie das Alte zurückkehrte. Forderungen, kleine Seitenhiebe. Wieder die Rechnerei, die Quittungen, die Kontrollfragen. Wieder diese Sticheleien, diesmal subtiler, versteckter.

Vergangene Woche saß ich lange abends im Bad, ließ das Wasser über mich laufen. Mein Shampoo ist fast leer das teure mit Kokosduft, mein einziger Luxus. Bald nehme ich wohl wieder seins. Es ist leichter, einfach still zu sein.

Und heute? Jens mampfte schweigend sein Brot, starrte in sein Handy. Marie spielte mit ihren Bauklötzen, mein Herz klopfte laut, als ich versuchte, an den Mann zu denken, der mir einst einen Kaktus schenkte und meinte, ich wäre das Wichtigste in seinem Leben.

Ich suche das Gesicht von früher, erinnere mich mühsam an seine weichen, aufmerksamen Züge. Doch es bleibt verschwommen heute sehe ich nur den Menschen, der tagtäglich neben mir liegt, im Schlaf stoisch in dieselbe Richtung atmend.

Vielleicht ist der andere Jens längst verschwunden. Vielleicht gab es ihn auch nie, nur mein Wunsch hat ihn erfunden.

Draußen beginnt es schon zu dämmern. Morgen wird es weitergehen Suppe, Kartoffeln, Müsli mit Milch. Vielleicht finde ich eines Tages doch noch die Kraft, den Koffer zu packen und wirklich zu gehen.

Aber nicht heute. Nicht dieses Jahr.

HeideAber heute, als ich schweigend das Besteck in die Lade räume und Maries Stimme durch die Küche plappert, halte ich kurz inne. Mein Blick fällt auf den Kaktus am Fensterbrett. Ich gehe hin, berühre vorsichtig den stacheligen Stamm. Er ist zäher als er aussieht trocken, aber lebendig, immer noch.

Da, zwischen Maries fröhlichem Lachen und Jens fernem Murmeln aus dem Wohnzimmer, wächst in mir eine kleine, sture Zuversicht. So, wie ich meinem alten Kaktus jedes Frühjahr doch wieder ein paar Tropfen Wasser gebe, werde ich mir selbst eine winzige Hoffnung erlauben. Keine große Flucht, kein Donner wie im Film nur ein Moment, in dem ich leise denke: Wenn ich je gehe, dann aus eigener Kraft, und nicht, weil alles verdorrt.

Ich ziehe Marie an mich, küsse ihr die Stirn. Vielleicht reicht es für jetzt, jeden Tag einen kleinen Schritt zu wagen: das Lieblingsshampoo, ein Apfel für Marie mehr, ein Lächeln für mich selbst im Spiegel. Die Welt draußen ist noch grau und fremd, aber der Kaktus zeigt mir leise: Am Leben zu bleiben, ist schon ein Anfang. Und manchmal reicht ein Anfang, damit ein ganz anderer Frühling kommen kann.

Ich stelle den Kaktus ins Licht. Irgendwann, denke ich, blüht er vielleicht sogar noch ein einziges Mal.

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Homy
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