**Tagebucheintrag**
Hast du als Kind nicht gelernt, dass man auf dem Unglück anderer kein Glück aufbauen kann? Annika sah mich mit leichtem Vorwurf an.
Doch. Stand in Büchern. Aber als Kind brauchte ich das nicht. Wer denkt in sorglosen Zeiten schon über Glück oder Unglück nach? Da träumt man von Süßigkeiten, Eiscreme, Zeichentrickfilmen oder Kinobesuchen. Außerdem alle meine Tanten und Onkel waren in zweiten oder dritten Ehen. Woher sollte ich Moral lernen?
Annika ist meine Freundin, immer korrekt und unbestechlich. Sie verurteilt mich nie, hört mir stattdessen gerne (bei einem Glas Wein) meine verworrenen Liebesgeschichten. Sie selbst darf keine Eskapaden riskieren schließlich ist sie Dozentin an der Akademie. Der Beruf verlangt Anstand.
In ihrer Ehe war alles stabil. In jungen Jahren hing ihr Mann oft an Bacchus, randaliert, versuchte sie zu betrügen. Den Alkoholiker hat sie für immer geheilt. Ihr Wolfgang maulte manchmal beim Festessen: Man muss sich doch auch mal entspannen können. Darauf Annika, gelassen: Wolfgang, wenn du dich nicht benehmen kannst, dann lass es. Er schwieg, lernte mit den Jahren, sich damit zu begnügen, Getränke auszuschenken. Würdevoll füllte er Gläser, überwachte den Konsum, reichte höflich die Häppchen. Manchmal nahm sie ihn nach Mallorca oder Italien mit doch selbst dort benahm er sich daneben.
Stell dir vor, empörte sie sich nach Barcelona, während ich im Pool war, hat dieser Köter an der Bar mit so einer flotten Dame geflirtet. Sie lächelten, trinken Cocktails und ihre Augen flehten ihn geradezu an. Na, dachte ich, wenn du ins Zimmer kommst, zeig ich dir, was Hölle heißt!
Wolfgang hat sicher alles abgestritten?
Natürlich! Behauptete, ich spinne. Annika zuckte skeptisch mit den Schultern. Aber egal. Soll er von jungen Frauen träumen. Wo will er schon hin? Mit seinem Hungerlohn? Selbst wenn ihn eine Witwe aufsammelt, wirft sie ihn nach einem Monat raus. Außer diesem lüsternen Funkeln hat er nichts.
Als Sergej in mein Eheleben trat, spürte ich sofort: Das ist falsch. Er war verheiratet, hatte zwei Söhne. Ich wehrte mich gegen die Gefühle doch sie stürzten wie eine Lawine auf mich. Eine Liebe, die zerstört.
Vernunft und Gewissen flüsterten mir zu:
Halt ein! Pack das heiße Eisen nicht an. Was suchst du bei einem verheirateten Mann? Du wirst nur leiden. Blutige Tränen wirst du weinen.
Doch ich stürzte mich kopfüber hinein. Kein Tag ohne ihn. Sergej und ich versanken ineinander. Die Liebe hielt uns ein Messer an die Kehle kein Entkommen.
Alle Grenzen fielen. Wir blieben allein mit unserer zerstörerischen Leidenschaft und begannen, im Kreis zu laufen.
Nach einem halben Jahr hatten wir nichts Gemeinsames mehr. Doch wir täuschten uns: Die Liebe lebe noch, sie atme. Ich versuchte sie immer wieder zu retten.
Sergej soff, log mir ins Gesicht, schlug mich. Wir waren Welten entfernt. Ich warf ihn raus, nahm die Wohnungsschlüssel, blockierte sein Telefon, schwieg wochenlang. Er verschwand, kam mit Blumen und glühender Leidenschaft zurück. Ich nahm ihn auf denn ich liebte ihn krankhaft.
Irgendwann war ich leer. Sergej hatte mich seelisch ausgehöhlt. Also stürzte ich mich in eine neue Beziehung aus Rache. Sollte er auch leiden.
Eines Tages, nach einem Streit, rief ich einen alten Verehrer an. Viktor war das Gegenteil von Sergej: ruhig, höflich, nüchtern. Anfangs mochte ich ihn. Doch nach einem Monat wurde es öde keine Leidenschaft, nur Langeweile. Keine Achterbahn, nur eine gerade Linie. Ich bereute es.
Schließlich war ich allein. Genoss die Freiheit. Ein Monat verging.
Dann bat Sergej um ein Treffen. Ich lief zu ihm noch immer verliebt, noch immer hoffend.
Lena, lass uns endgültig Schluss machen. Sonst bringen wir uns um. Er sah weg.
Du hast recht, Sergej. Wir können nicht zusammen sein. Mein Herz brach, doch ich blieb stark.
Wir trennten uns. Für drei Tage. Dann klingelte es. Sergej stand da mit Sekt, Blumen, glühendem Blick.
Die Nacht brannte, unsere Körper verschmolzen. Wir fielen in den Himmel, erstickten vor Liebe.
Ich wusste: Der Morgen würde nichts Gutes bringen. Die Nacht war zu perfekt, zu süß, zu viel.
Dann kam die Wahrheit: Sergej schuldete ernsten Leuten viel Geld Spielschulden. Wenn er nicht zahle
Es dauerte Monate. Wir verkauften seine Wohnung, sein Auto. Danach erlosch meine Liebe. Die Schulden waren der letzte Tropfen.
Heute ist da Gleichgültigkeit. Wir leben wie Freunde, schlafen unter getrennten Decken. Nichts berührt mich mehr. Ich habe den Kelch bis zur Neige geleert.
Ausgeliebt. Ausgelitten.




