Die Tochter verriet ihren Vater

Die Tochter verrät den Vater

Lena läuft aufgeregt in den Flur, bevor Anne auch nur Zeit hat, ihr entgegenzugehen. Kleine Stiefel klappern auf dem Parkett, die Mütze sitzt schief, ihr Schal schleift hinterher.

Mama, Mama, ich hab so Hunger! Bei Tante Renate im Treppenhaus hat es nach Pflaumenkuchen gerochen! Aber wir sind nicht reingegangen, Papa meinte, wir hätten keine Zeit. Ich wollte aber!

Komm her, mein Schatz. Anne geht in die Hocke, beginnt, die Knöpfe von Lenas Mantel zu öffnen. Dafür gibt es bei uns daheim Kartoffeln mit Pilzen. Du liebst Kartoffeln mit Pilzen.

Ja! Lena schmiegt sich mit der Nase in Mamas Haare. Du riechst heute schön.

Ist das deine Meinung oder Papas Spruch?

Lena kichert, befreit sich lachend und flitzt ins Wohnzimmer. Anne richtet sich auf. Im Flur taucht Karl auf. Öffnet seine Jacke, hängt sie an den Haken, ohne zu ihr aufzuschauen.

Wie war euer Spaziergang? fragt sie.

Ganz in Ordnung. Er steuert direkt in die Küche. Wie lange noch?

Ungefähr zwanzig Minuten.

Anne wendet sich wieder dem Herd zu. Die Pfanne brutzelt gleichmäßig, die Zwiebeln sind perfekt gebräunt, die Kartoffeln fast gar. Anne probiert, salzt nach. Draußen dämmert es schon. Oktoberabende in Hamburg sind früh dunkel, aber Anne mag das. Es fühlt sich heimelig an, wenn Licht brennt, es nach gutem Essen riecht und aus dem Wohnzimmer die Stimme ihrer Tochter zu den Kuscheltieren tönt.

Sie ist zweiundvierzig Jahre alt. Sie zählt nicht täglich ihre Jahre, grübelt nicht wie viele. Sie weiß es einfach. Zweiundvierzig. Ehefrau, Mutter, stellvertretende Geschäftsführerin einer kleinen Hausverwaltungsfirma. Sieben Jahre verheiratet. Lena wird bald sechs. Eine Dreizimmerwohnung im fünften Stock einer ruhigen Wohngegend, morgens hört man Amseln singen. Das Leben ist geregelt. Nicht vollkommen. Aber gut genug, um sicheren Boden unter den Füßen zu spüren.

Karl betritt die Küche, nimmt einen Saft aus dem Kühlschrank, schenkt sich ein. Steht am Fenster, schaut in den ruhigen Innenhof. Anne beobachtet ihn aus dem Augenwinkel. Er ist sechsundvierzig, die Schläfen grau, feine Fältchen um die Augen, die sie früher Lachfältchen nannte. Immer noch groß und kräftig, benutzt immer dasselbe Deo, das schon so lang zu seinem Duft und damit zur Vorstellung von Zuhause gehört.

Hat Lena sich gut benommen? fragt sie, einfach um irgendetwas zu sagen.

Ja.

Wo wart ihr?

Im Stadtpark. Haben Enten gefüttert.

Sie wollte letztes Wochenende schon unbedingt, hat laufend gefragt…

Deshalb sind wir hin.

Er stellt das Glas ins Becken und verlässt den Raum. Anne sieht ihm nach. Die letzten Wochen ist irgendwas anders an ihm. Sie nimmt es wahr, erlaubt sich aber nicht, dem nachzugehen. Erschöpfung, Arbeit, Herbst. Männer sind manchmal schweigsam. Das ist normal. Sie gehört nicht zu denen, die überall Probleme wittern.

Sie ruft zum Essen.

Lena kommt als Erste angerannt, klettert auf ihren Stuhl, setzt ihren Bären Max neben sich, ohne dass Anne dagegen noch protestiert, obwohl Max schon seit Monaten immer mit am Tisch sitzt.

Max will auch Kartoffeln, verkündet Lena feierlich.

Max kann warten, meint Anne, richtet das Essen an. Erst isst du.

Karl setzt sich, nimmt die Gabel, starrt in den Teller.

Papa, mag die Frau im Stadtpark Enten auch? fragt Lena nebenbei, wie Kinder eben fragen.

Anne stellt die Pfanne zurück.

Welche Frau? will sie wissen.

Na die. Die Papa geküsst hat.

Stille. Tropfen Wasser aus dem Hahn sind plötzlich zu hören. Anne dreht sich langsam um. Karl hebt den Kopf nicht.

Lena, sagt sie ganz ruhig, erzähl noch mal.

Wir sind zu den Enten, dann hat Papa die Frau getroffen, sie umarmt, Lena zeigt, wie Erwachsene umarmen, und Papa hat sie geküsst. Ich hab in der Zeit Enten gefüttert. Danach sind wir heimgegangen.

Wie hieß die Frau? Anne weiß nicht, warum sie das fragt.

Papa hat sie Annika genannt.

Sie umklammert den Tisch. Nicht weil es ihr schlecht geht, einfach, weil sie Halt braucht.

Geh ins Wohnzimmer, Schatz. Nimm deinen Teller und iss dort. Heute ausnahmsweise.

Wirklich?

Wirklich. Nimm Max mit.

Lena verschwindet samt Teller und Bär, beglückt über das Erlaubte. Anne wartet, bis die Kinderzimmertür schließt. Dann blickt sie zu ihrem Mann.

Er sitzt da, Kopf hängend, rührt das Essen nicht an.

Karl.

Anne…

Nichts sagen. Sag mir nur, ob das stimmt.

Lange Schweigen. Viel zu lange, und Anne weiß, dass die Wahrheit kein Irrtum ist. Wäre es ein Missverständnis, er hätte längst erklärt. Männer ohne Geheimnisse erklären sofort.

Ja, sagt er schließlich leise.

Sie nickt, räumt seinen Teller ab, stellt ihn ins Becken, deckt die Pfanne zu, wischt die Hände am karierten Leinentuch ab, das immer links am Herd hängt, letztes Jahr mit Lena auf dem Isemarkt gekauft.

Wie lange?

Anne, hör zu…

Ich hab gefragt, wie lange.

Ein halbes Jahr.

Halbes Jahr. Juni. Sie erinnert sich an Juni. Alle zusammen an der Ostsee, Anfang Juli. Lena hat zum ersten Mal Wellen gesehen, keine Angst gehabt, sondern laut gelacht. Karl trägt sie auf den Schultern, sie fotografiert die beiden. Auf dem Foto lächelt er.

Wer ist sie?

Sie arbeitet bei… das ist nicht wichtig.

Mir schon.

Anne, können wir normal reden? Ich verstehe…

Sie heißt Annika? Sie sagt es so, wie man etwas Furchtbares und Komisches zugleich ausspricht.

Er schweigt. Heißt also ja.

Anne verlässt die Küche, geht ins Schlafzimmer, zieht die Tür zu. Nicht abschließen. Einfach schließen. Setzt sich an den Bettrand, blickt aus dem Fenster. Draußen ist es dunkel, Laternen spiegeln sich im Nieselregen, der angefangen hat, während sie zu Abend aßen.

Sie erwartet Tränen. Doch sie kommen nicht. Nur etwas Schweres, wie ein Stein mitten auf der Brust. Noch kein Schmerz. Was davor ist: das Verstehen.

Sie sitzt lange so. Dann kommt Karl. Bleibt an der Tür stehen.

Anne, können wir sprechen?

Sag, sie dreht sich nicht um.

Er setzt sich in den alten Sessel von ihrer Mutter, den sie schon wegwerfen wollte, aber nie übers Herz brachte. Jetzt sieht er darin aus wie jemand aus einem anderen Leben. Morgen wird sie ihn sicher entsorgen.

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.

Fang einfach irgendwo an. Das ändert nichts.

Es war nicht das, was du denkst.

Karl, du bist ein halbes Jahr mit einer anderen Frau zusammen. Was sollte ich denn sonst denken?

Ich… ich habe mich nicht verliebt. Das war einfach anders.

Erklär mir das.

Er schweigt, fährt sich müde übers Gesicht eine Geste, die sie schon hundertmal gesehen hat, wenn er ratlos oder schuldig war.

Ich war erschöpft, Anne. Nicht von dir, nicht von Lena. Von allem. Jeden Tag das Gleiche: Arbeit, Zuhause, Arbeit, Zuhause. Ich hab mich gefühlt, als gäbe es mich nicht mehr. Nur noch als Funktion: Ernährer, Ehemann, Vater. Aber ich bin ein Mensch.

Ich auch, sagt sie leise. Ich bin auch müde. Ich fühl mich auch manchmal nur als Funktion. Aber ich suche mir deswegen keinen Trost draußen.

Ich weiß.

Warum dann?

Weil sie… zugehört hat.

Anne sieht ihn an.

Ich höre dir seit sieben Jahren zu.

Anne, du hörst zu, aber du hast immer eine Antwort. Sie war einfach nur da. Hat nichts gesagt. Ich musste nichts erklären.

Also brauchtest du eine, die einfach nur schweigt.

Nein… das meinte ich nicht…

Wie dann?

Er bleibt die Antwort schuldig. Sie steht auf, stellt sich ans Fenster. Unten braust ein Wagen, rießt durch den Regen übers nasse Pflaster. Aus dem Kinderzimmer Lenas leises Sprechen mit Max.

Weiß sie, dass du verheiratet bist?

Ja.

Und sie weiß, dass du eine Tochter hast?

Weiß sie.

Und das macht ihr nichts.

Kein Fragezeichen dabei. Er schweigt.

Karl, ich will, dass du etwas verstehst. Sie spricht langsam, deutlich, wie bei der Arbeit, wenn sie Wichtiges erläutert. Ich werde nicht schreien. Ich werde dich nicht bitten, mir irgendwas zu erklären. Ich habe alles verstanden. Du hast dich entschieden. Nicht einmal, sondern ein halbes Jahr lang immer wieder. Das ist kein Versehen mehr. Das ist Entscheidung.

Anne, ich will das wiedergutmachen…

Kannst du nicht.

Ich regel das mit ihr. Ich habe sie seit drei Wochen nicht gesehen.

Seit drei Wochen? Sie dreht sich um.

Ich hab verstanden, dass es zu weit ging. Ich wollte Schluss machen.

Du hast also seit drei Wochen Schluss und keiner von uns wusste es.

Ich wusste nicht, wie ich es sagen soll.

Du hättest gar nichts gesagt, oder? Kein Zorn, kühle Klarheit. Ohne Lena, ohne die Enten, ich hätte es nie erfahren. Du wärst zurückgekommen. Als wäre nichts gewesen.

Er protestiert nicht.

Ich denke, du solltest dir morgen was zum Übernachten suchen, sagt sie. Dein Freund Jörg hat ein Gästezimmer, oder geh zu deinen Eltern nach Lübeck, wo auch immer. Lena bringe ich morgen selbst zum Kindergarten. Deine Sachen holst du am Samstag.

Anne, das meinst du ernst?

Natürlich.

Du willst die Scheidung?

Ja.

Wegen einer Affäre, die ich selbst beendet habe? Ich sage doch…

Karl. Sie sieht ihn an, und etwas in ihrer Stimme lässt ihn verstummen. Nicht weil du jetzt Schluss gemacht hast oder nicht. Weil es überhaupt passiert ist. Wegen dem halben Jahr. Dem Juni. Wegen unserer Ostseeferien, während du… Wegen den Blicken beim Abendessen, während du an sie dachtest. Verstehst du?

Er senkt den Kopf.

Vielleicht brauch ich auch eine andere Anne, murmelt sie fast für sich. So funktioniert das also.

Das mit den Namen ist Zufall, ich schwöre…

Ich weiß, sagt sie. Es ist einfach nur bizarr.

Sie lacht nicht.

Nachts liegt sie auf ihrer Bettseite, hört, wie er sich wälzt. Frühmorgens steht er in der Küche, sie hört sein Umhergehen, das Klappern vom Kühlschrank. Sie schläft nicht. Stiert an die Decke und weiß, dass sie Lena morgen etwas erklären muss. Irgendwas, das Papa nicht schlecht macht. Kinder sollen beide Eltern lieben, das ist Gesetz für Anne, fest, ohne Zweifel, auch wenn der Schmerz bleibt.

Am Morgen steht sie um sieben auf, weckt Lena, hilft ihr beim Anziehen, schmiert Brote, bindet Schleifen, sucht den vergessenen Handschuh unter der Garderobe. Karl sitzt mit einer Kaffeetasse in der Küche, schaut sie und Lena an. Lena sagt, Tschüss, Papa, er antwortet Tschüss, Mäuschen, und das ist das Schmerzhafteste in diesem Morgen denn ein guter Vater ist er. Das ist wahr.

Im Kindergarten fragt Frau Becker, die Erzieherin, wie es geht. Anne sagt: gut. Das ist gelogen. Die Wahrheit ist noch nicht bereit, gesagt zu werden.

Bei der Arbeit leitet sie drei Besprechungen, unterzeichnet zwei Verträge, beantwortet zwanzig E-Mails. Nach dem Mittag kommt Herr Graf, ihr Chef, ein älterer, gutmütiger Mann, der immer Packungen Schokolade Feodora fürs Team zum Meeting mitbringt.

Frau Schröder, alles in Ordnung? Sie sehen etwas…

Müde. Habe schlecht geschlafen.

Herbstzeit, sagt er verständnisvoll. Im Herbst schlafen viele nicht so gut.

Am Abend holt sie Lena ab, sie laufen zu Fuß, Lena sammelt unterwegs Blätter gelbe, rostrote, ein fast rotes.

Kommt Papa heute nach Hause?

Nein, Schatz. Papa bleibt eine Zeit bei Onkel Jörg.

Warum?

Weil wir Erwachsene manchmal Zeit für uns brauchen.

Kommt er wieder?

Ja, Papa kommt immer zu dir.

Lena überlegt.

Okay, sagt sie, gibt Anne das leuchtend rote Blatt. Für dich. Es ist das schönste.

Anne nimmt es vorsichtig, als sei es zerbrechlich.

Die Scheidung dauert drei Monate. Karl akzeptiert, auch wenn er in den ersten zwei Wochen oft vor der Tür steht, Nachrichten schickt, lange Erklärungen hinterlässt, die sie liest und dann das Handy weglegt. Er bittet um eine zweite Chance, meint, das alles sei ein Fehler seines Lebens gewesen und kann sich nicht erklären. Anne spürt keinen Zorn sondern nur Erschöpfung. Als hätte sie diesen Dialog schon hundertmal geführt und jetzt wäre er einfach vorbei.

Sie schreibt ihm einmal zurück: Karl, ich bin dir nicht böse. Ich will nur nicht mehr deine Frau sein. Das ist etwas anderes. Bitte klär Unterhalt über deinen Anwalt. Lena liebt dich, das bleibt so.

Er hört auf, vor der Tür zu stehen. Überweist regelmäßig Unterhalt. Holt Lena samstags ab. Anne gibt ihn Lena im Hausflur mit den nötigen Infos: Ersatzstrümpfe dabei, um sechs zurück, bei Verspätung anrufen. Kein weiteres Gespräch. Kein Interesse an seinem Leben.

Der Winter zieht sich langsam dahin. Anne glaubt, nach Trennungen vergehen die ersten Winter immer besonders zäh, weil sich im Inneren noch alles sortiert, auch wenn man außen funktioniert. Frühstück machen, Kind bringen, arbeiten, holen, hinlegen, sitzen. Alles läuft. Doch innen arbeitet etwas Unsichtbares, Schweres, das keinen Namen hat.

Sie lernt, den Wasserhahn zu reparieren. Einfacher als gedacht. Früher rief sie immer Karl, selbst wenn er brummte und lieber Fußball schaute. Jetzt sieht sie ein Youtube-Video, kauft für zwei Euro neuen Dichtring, und macht’s selbst. Danach steht sie vor der Spüle und empfindet etwas, das sie erst einen Moment später als Stolz erkennt.

Die Haushaltskasse war immer Karls Sache. Jetzt legt sie ein Heft an, kariert, mit rosa Umschlag, zusammen mit Lenas Malbüchern gekauft. Jeden Abend notiert Anne die Ausgaben, merkt irgendwann, was unnötig und was sinnvoll ist.

Im Februar beschließt sie, wieder voll zu arbeiten. Zuvor war sie Jahre in Teilzeit wegen Lena. Jetzt fragt sie Frau Böttcher aus dem dritten Stock, eine freundliche alte Dame, ob sie Lena drei Nachmittage holen kann. Dafür erledigt Anne für sie Einkäufe. Ein stilles Abkommen, beide profitieren.

Der Aufgabenbereich im Büro wächst. Noch nicht das Gehalt, das kommt später, aber die Verantwortung ist mehr und Anne nimmt sie an, wie sie auch den Wasserhahn repariert. Vieles kann man selbst machen. Man muss nur anfangen.

Herr Graf ist zufrieden: Sie waren immer schon die Beste, Sie sind jetzt nur sichtbarer. Anne denkt, es stimmt nicht ganz nicht Sichtbarkeit fehlte, sondern der Gedanke, Plätze für sich beanspruchen zu dürfen.

Einer fällt ihr mehr auf in letzter Zeit. Markus Neumann, Kollege aus dem Vertrieb. Achtunddreißig, seit drei Jahren geschieden, keine Kinder. Anne weiß das, weil es in kleinen Büros keine Geheimnisse gibt. Er ist mittelgroß, blond, hat beim Grübeln einseitig zugekniffene Augen. Redet ruhig, lässt andere ausreden, kann einfach zuhören, unbedingt.

Sie treffen sich mehrmals in der Teeküche. Er macht Kaffee, sie wärmt Essen. Kurz reden sie dienstlich, manchmal über anderes: ob der neue Parkplatz wieder nicht gestreut wurde. Kleine Gespräche, nichts Bedeutendes.

Im März bringt er Apfelkuchen mit: Mutter hat gebacken, ich schaff das allein nie. Sie probiert, schmeckt nach Zimt und Kindheit. Ihre Mutter kann backen, sagt sie. Bestens! Ich bin da voreingenommen. Darf man sein. Er lacht und verschwindet.

Sie schaut ihm nach, denkt nichts dabei.

Im Frühling meldet sie Lena im Ballettkurs an. Lena wünscht sich das schon lange, Karl fand es zu früh, doch jetzt entscheidet Anne selbst. Das erste Training: Lena im rosafarbenen Trikot, den Blick gespannt auf die Lehrerin gerichtet. Anne spürt eine eigentümliche Wärme darunter, fast schmerzlich.

Sie wartet während des Kurses draußen, setzt sich neben eine andere Mutter mit Zwillingswagen. Es entwickelt sich eine Freundschaft zu Sandra, laut, quirlig, immer mit Geschichten. Anne genießt ihre Gesellschaft, die so ganz anders ist.

Alles allein, oder? fragt Sandra mal direkt.

Ja.

Seit wann?

Seit Oktober.

Schwierig?

Anne überlegt ehrlich.

Mal schwer, mal leichter. Manchmal sogar besser.

Besser?

Niemand schaut abends Fußball, nirgends liegen Socken rum. Ich entscheide alles und wie ich will.

Sandra lacht.

Nicht übel. Manche weinen nur.

Hab ich auch. Im November, Dezember. Dann hört man auf. Nicht weils nicht weh tut, sondern weil weinen nicht hilft, aber vieles zu tun ist.

Es gibt wirklich genug. Sie ahnt nicht, wie viel zwischen zwei Partnern verteilt ist. Jetzt bleibt alles an ihr. Handwerker rufen, wenn das Rohr verstopft ist, Zahnarzttermine, Reifenwechsel bei Omas Auto, Wohnungsunterlagen neu regeln, weil noch alles auf Karl läuft.

Auch mit der Anwältin trifft sie sich zweimal. Frau Sommerfeld ist jung, spricht präzise, erklärt klar. Anne hört aufmerksam zu, macht Notizen nicht aus Misstrauen, Karl bleibt fair, aber weil sie verstehen will. Wissen ist jetzt Pflicht.

Karl holt Lena weiter samstags. Sie bemerkt ihn ab und zu im Haus, abgemagert, müde. Im April bleibt er länger an der Tür.

Anne, ich wollte dir sagen…

Lena hat ihren Lieblingstee in der Thermoskanne, unterbricht sie. Sie trinkt ihn im Auto gerne. Bring die Flasche leer zurück.

Verstanden. Ich wollte nur sagen, dass die Geschichte längst vorbei ist.

Ich weiß.

Du weißt?

Karl, mir ist das egal.

Wie egal?

Weil sich für mich nichts mehr verändert. Ich habs dir gesagt: ich bin nicht böse. Ich will dein Leben nicht zurück. Pass auf dich auf.

Er schaut lange, sagt dann:

Du bist anders geworden.

Ja, stimmt sie zu. Lena, Papa wartet!

Lena stürmt in den Flur, packt ihre Jacke, nimmt Papa an die Hand. Sie verschwinden. Anne lehnt sich einen Moment an die Tür, holt dann das Buch, liest, genießt die Ruhe, die sie nun schätzen gelernt hat.

Sie liest wieder Bücher. Im Eheleben war immer keine Zeit. Jetzt leiht sie sich Romane aus der Bibliothek, spricht mit Frau Holtz, der hilfsbereiten Bibliothekarin, die immer einen Tipp hat. Mal deutsche, mal ausländische Literatur, Biografien alles. Bücher füllen die Lücke, nicht ganz, aber merklich, und das ist viel wert.

Der Sommer ist diesmal völlig anders. Letztes Jahr war die Ostsee heute weiß sie, was da im Hintergrund war. Jetzt fährt sie mit Lena zur Mutter nach Münster, in ein kleines Haus mit Garten, roten Johannisbeeren, die Lena direkt vom Strauch isst, und Nachbars Katze Minka, der Lena Milch bringt.

Die Mutter fragt drei Tage nichts. Pflegt, bekocht Anne, lässt sie lange schlafen. Am vierten Abend sitzen sie auf der Terrasse, Lena schläft längst, es gibt Tee.

Na, wie gehts dir, mein Mädchen?

Besser, sagt Anne ehrlich.

Man merkt es.

Am Anfang wars schlimm, Mama. Ich habs dir nicht erzählt, um dich nicht zu belasten.

Ich habe es trotzdem gespürt.

Ich weiß. Anne nimmt die mütterliche Hand. Jetzt geht es wirklich. Nicht alles gut, aber ich merke, ich schaffe das.

Und Lena?

Gut. Sie liebt Karl, sieht ihn regelmäßig. Ich mische mich nicht ein. Sie ist fröhlich, trotz allem.

Und du? Ist Alleinsein schwer?

Gelegentlich schon. An manchen Abenden fehlt einfach jemand. Nicht Karl, aber jemand. Ein lebendiger Mensch, zum Reden. Aber dann kommt Lena, oder ich lese, oder gehe einfach drüber weg. Alles geht vorbei.

Du machst das großartig.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Es gibt ja keinen anderen Weg.

Doch, das ist es, sagt die Mutter ruhig.

Im Herbst, fast ein Jahr nach dem Oktoberfreitag mit den Enten, wacht Anne auf und spürt etwas Ungewöhnliches: Sie hat nicht mehr daran gedacht. Keine belastenden Gedanken an diesen Tag, an Papa hat die Frau geküsst. Ein Jahr lang war dieses Datum ein Stein nun nicht mehr.

Vielleicht ist sie einfach müde vom Erinnern. Vielleicht ist wirklich etwas anders.

Lena kommt im September in die Schule ein Abenteuer. Schulranzen aus dem Fachgeschäft, Schreibhefte und Mäppchen mit Pferdeaufklebern, durchsichtige Folien für Bücher. Karl kommt an dem Tag auch. Gemeinsam fotografieren sie Lena im Fleet mit den Chrysanthemen. Manchmal merkt Anne Karls Blick auf sich, aber sie begegnet ihm nicht.

Nach der Feier spricht er sie an.

Danke, dass du mich eingeladen hast.

Es ist auch deine Tochter, sagt sie. Selbstverständlich.

Du siehst gut aus.

Karl, sagt sie müde, nicht scharf, lass das.

Ich wollte nur…

Ich weiß. Aber lass es einfach. Lena, verabschiede dich von Papa, wir gehen.

Lena drückt Papa, winkt, nimmt Mama an die Hand. Sie geht weiter, blickt nicht zurück.

Im Oktober bekommt Anne endlich Gehaltserhöhung. Herr Graf ruft sie rein, informiert sie, sie bedankt sich sachlich und lächelt erst draußen und es fühlt sich echt an.

Markus Neumann kommt mit Akten, sieht ihren Gesichtsausdruck, bleibt stehen.

Gute Nachrichten?

Ja, Gehaltserhöhung.

Herzlichen Glückwunsch! Er lächelt schief.

Danke. Sie geht zurück ins Büro.

Ihre Gespräche werden häufiger. Nicht absichtlich es ergibt sich. Küche, Flur, manchmal hält er bei einer Frage inne und man redet länger über Bücher, das Tanzen von Lena, seine Schachleidenschaft als Kind. Er meint, Tanzen und Schach seien beides Arten, um zugleich zu denken und vorauszuplanen.

Auch beim Tanzen? wundert sie sich.

Natürlich. Schon im Tanz muss man den Partner lesen. Bewegungen erraten.

Lena will vor allem nicht hinfallen.

Auch wichtig, sagt er ernst und sie lacht.

Das fühlt sich gut an. Leicht, unkompliziert. Nicht wie etwas, das gleich Schicksalhaftes verheißt einfach nett. Anne hat beschlossen, sich keineswegs gleich wieder auf eine neue Geschichte stürzen zu müssen.

November bringt Kälte. Lena schleppt sich mit Erkältung aus der Schule heim und bleibt eine Woche daheim, Tee, Bilderbücher, ein bisschen Fieber, das nicht weichen will. Anne arbeitet am Küchentisch, springt zwischendurch zu Lena, misst die Stirn. Lena bleibt tapfer: keine große Nerverei, liest viel oder will vorgelesen bekommen.

Mama, lies noch mal vom Zauberer.

Wir haben den Zauberer heute schon drei Mal gelesen.

Noch einmal…

Lena.

Bütte-e-e…

Anne gibt nach. Der Zauberer lebt in einem Turm, spricht mit Vögeln, verliert seine Mütze und sucht sie ein halbes Buch lang. Lena lauscht mit geschlossenen Augen, schläft nicht, genießt es nur. Anne betrachtet sie. Kleine Stupsnase, rotblonde Wimpern von Karl, schiefer Pony. Ein anderer Mensch hat ihr wehgetan, aber das bleibt ihr.

Als Lena gesund ist, malt sie als Erstes den Zauberer im Turm und schenkt das Bild Mama. Anne hängt es an den Kühlschrank, der schon voll mit Lenas Zeichnungen aus der Kita ist. Die bunte Bildergalerie gibt ihr das Gefühl, dass das Leben weitergeht voller Farben.

Den Dezember begrüßt Anne mit ruhiger Zuversicht kein Jubel, aber eine Grundruhe. Als hätte das Jahr ihr beigebracht, Neues zu empfangen, wie es kommt. Sie schmücken den Tannenbaum, echt, gespendet von Nachbar Max, einem hilfsbereiten Studenten aus dem Erdgeschoss.

Der Baum duftet nach Wald. Lena hängt Kugeln auf, betrachtet jede lange, wie eine Kostbarkeit.

Die ist alt, meint sie, schon ganz abgeplatzt.

Die hab ich damals als Kind angemalt. Omas Kugel.

Echt? Du warst auch mal klein?

Klar.

Hattest du einen Teddy?

Eine Puppe. Sie hieß Klara.

Wo ist die jetzt?

Im Schrank bei Oma. Willst du sie nächsten Sommer sehen?

Ja! Lena befestigt behutsam die alte Kugel. Mama, weiß der Weihnachtsmann, dass wir jetzt ohne Papa sind?

Anne stockt.

Klar weiß er das. Er weiß alles.

Dann bringt er nur uns beiden ein Geschenk?

Klar. Und Papa bekommt was an seine neue Adresse.

Lena nickt, nimmt es hin und greift nach der nächsten Kugel.

Mama, bekommen wir genug Geschenke?

Mehr als genug, mein Liebling.

Anne meint das ernst, nicht nur als Mutmacherspruch. Es fühlt sich wahr an nach langem, vielleicht zum ersten Mal wieder ohne Zweifel. Nicht weil alles leicht ist, sondern weil sie sich an die Schwere gewöhnt und sie tragbar gemacht hat.

Silvester feiern sie zu zweit. Lena schläft schon halb zwölf, eingerollt in die Decke. Anne sitzt neben ihr mit Apfelsaft, sieht Feuerwerk draußen. Punkt Mitternacht hebt sie das Glas, flüstert: Frohes neues Jahr. Nur zu sich selbst.

Januar vergeht schnell. Februar auch. Anne stellt fest, dass sie aufgehört hat, die Tage zu zählen. Am Anfang tat sie das automatisch: Drei Wochen vorbei. Ein Monat. Zwei Monate. Wie Abstand messen beim Weggehen. Nun sind die Tage einfach Tage: Montag, Dienstag. Lena in der Schule, Anne bei der Arbeit.

Im März blüht ein weißer Baum vor dem Bürofenster Kirsche, Apfel, Anne weiß es nicht. Sie geht oft ans Fenster, schaut lange hinaus. Markus erwischt sie dabei.

Sie bewundern den Baum auch?

Ja. So schön.

Ich schau ihn auch jedes Jahr an. Der steht hier sicher schon zwanzig Jahre.

Sind Sie lang in der Firma?

Acht Jahre. Und Sie?

Sechs.

Und wir haben nie über den Baum gesprochen, schmunzelt er.

Vielleicht haben wir nie gleichzeitig draußen gestanden.

Kann sein. Sagen Sie, gehen Sie ab und an ins Café Bavaria an der Ecke?

Manchmal schon.

Wollen wir bald mal zusammen Mittag essen? Wenn Sie mögen.

Sie blickt ihn offen an, einen Moment prüfend.

Gern, sagt sie dann.

Sie essen mittwochs gemeinsam. Dann wieder am Freitag. Das Gespräch läuft fast von selbst, als hätten beide viel Unausgesprochenes zu teilen. Markus erzählt von seiner Scheidung, unaufgeregt, ohne Bitterkeit. Sagt, das erste Jahr sei schwer, dann würde alles klarer. Anne hört zu, merkt: Er weiß das wirklich, nicht nur theoretisch.

Kinder? fragt sie.

Nein. Hat nie geklappt. Und bei Ihnen ist die Tochter, Lena, richtig?

Ja, sieben, erste Klasse.

Wie gehts ihr?

Gut. Sie liest, tanzt und malt Zauberer.

Zauberer?

Längere Geschichte.

Erzählen Sie!

Sie berichtet von dem Zauberer-Buch, der Krankheit, dem Bild am Kühlschrank. Markus hört aufmerksam zu, nickt manchmal. Es ist einfach angenehm.

April bringt Wärme. Lena läuft jetzt ohne Mütze, Anne erinnert vergeblich an Kopfbedeckung. Die Tage werden länger. Sie beginnt, abends zu Fuß nach Hause zu gehen dreißig Minuten, die sie schätzt: zum Nachdenken oder einfach zum Gehen. Sie registriert, was sich auf der Straße verändert; ein neuer Blumenladen, das alte kranke Kastanienbäumchen von der Nachbarapotheke ist gefällt, Kinder malen Kreidebilder auf dem Bürgersteig.

Das Leben geht weiter. Nicht ideal. Anders, als sie es sich beim Standesamt vorstellte. Aber: Nichts bleibt je für immer geregelt. Dass das Leben umgebaut werden kann, ist das Gute. Es gibt immer Platz für Neues. Es darf einfach weitergehen.

Im Mai ruft Sandra aus dem Ballettkurs an.

Anne, die Eltern und Kinder machen Sonntag ein Picknick im Altonaer Volkspark. Kommt ihr?

Gerne!

Der Park ist groß, mit Teich und Enten und mit Eltern, Kindern, Thermoskannen voller Kaffee. Lena füttert die Enten, Anne sieht ihr zu und denkt an den Oktober im letzten Jahr. Damals war das Ende. Heute ist es nur ein Tag im Mai, gutes Wetter, ein fröhliches Kind, andere Mütter, keiner muss irgendwohin.

Karl ruft abends an. Sonntag, Lena schläft.

Anne, ich wollte die Sommerferien mit dir absprechen. Ich möchte Lena gern zwei Wochen in den Harz zu meinen Eltern mitnehmen. Sie liebt es dort.

Kein Problem. Sag Bescheid, dann regeln wir das.

Danke. Kurze Frage… wie gehts dir?

Gut, danke.

Wirklich?

Karl, ich führe kein Protokoll für dich. Aber ja, wirklich.

Es freut mich.

Gut, dann melde dich bezüglich der Termine, ja? Gute Nacht.

Sie legt auf. Sitzt noch einen Moment da nicht mehr bedrückt, nicht mehr verletzt. Einfach nur still.

Dann liest sie. Legt sich schlafen.

Der Juni ist schön. Lena beendet die erste Klasse. Beim Sommerfest steht sie fein in Kleid, mit Schleifen und Blumenstrauß. Anne filmt, Karl ist auch wieder da. Man redet kaum, aber es ist so in Ordnung. Sie schaffen es, als Eltern gemeinsam für Lena da zu sein. Das genügt.

Markus schreibt im Juni per WhatsApp. Inzwischen tauschten sie Nummern erst dienstlich, jetzt auch privat. Darf ich mal etwas Persönliches fragen? Frag ruhig.

Er gesteht, dass er öfter an sie denkt, dass ihm ihre Nähe gefällt, dass er nichts überstürzen wolle aber falls sie Lust habe, mal einfach als Menschen etwas zu unternehmen, würde ihn das freuen.

Anne liest, liest nochmal, dann schreibt: Lass uns sprechen.

Der Sommer wird abwechslungsreich. Lena fährt zwei Wochen mit Karl in den Harz zum ersten Mal seit einem Jahr ist Anne ganz allein. Erst räumt sie die Wohnung auf, dann genießt sie einfach die Stille. Sie liest zwei Bücher in drei Tagen, telefoniert lang mit ihrer Mutter, trifft sich mit Markus. Ein normaler Kinoabend, Komödie, viel Lachen, und sie nimmt es dankbar als das, was es ist.

Auf dem Heimweg erzählt Markus von seiner Familie, von selbstgebackenem Kuchen der Mutter, Bergwanderungen im Schwarzwald, dem Traum, mal zum Bodensee zu fahren.

Warst du da? fragt er.

Noch nie. Würde ich aber gern mal.

Vielleicht fahren wir mal zusammen.

Ganz locker, ohne Druck, eine Idee für irgendwann. Sie antwortet nicht konkret, geht einfach nebenher.

Als Lena zurück ist, kommt sie braungebrannt, mit aufgeschürften Knien, voller Erzählungen, wie Opa ihr Angeln gezeigt und sie einen kleinen Barsch gefangen hat.

Hast du mich vermisst? fragt Anne.

Klar! Aber es war toll. Mama, bei Opa gibts einen roten Kater! Er heißt Moritz!

Moritz?

Ja, und Opa meint, Moritz ist schlau wie ein Mensch er kann sogar den Kühlschrank öffnen!

Wie das denn?

Mit der Pfote! Opa hats gezeigt!

Anne umarmt Lena und vergräbt die Nase in ihr Schopf.

Schön, dass du wieder da bist.

Ja, antwortet Lena und stürzt sich gleich aufs Abendbrot.

Der August ist ruhig. Ein weiterer Besuch bei der Mutter. Lena nascht wieder Beeren aus dem Garten. Anne hilft beim Umräumen im Keller, findet die alte Puppenkiste. Klara ist dabei, das Haar schon lichter. Lena betrachtet sie ausgiebig, entscheidet aber, Max ist der beste Begleiter.

Sag Klara, sie sei trotzdem gut, bittet Anne.

Aber die ist doch nicht echt.

Erinnerst du dich, wie Max redet?

Lena nickt, hält Klara ans Ohr, flüstert ihr etwas, verkündet: Klara hat’s verstanden.

Oma schaut liebevoll zu.

September. Zweite Klasse. Erneut Schulranzen, Chrysanthemensträuße. Karl bringt diesmal Blümchen sogar für die Lehrerin und Lena extra mit. Lena ist begeistert. Anne beobachtet das gelassen, früher hätte es sie gepikst heute freut sie sich für Lena.

Nach der Einschulung fragt Markus schriftlich:

Wie war der erste Tag?

Anne: Schön. Lena ist ganz vernarrt in ihre neue Lehrerin.

Markus: Und du?

Anne: Geht mir auch gut.

Markus: Schön.

Ein kurzes, aber wohltuendes Gespräch.

Im Oktober denkt Anne: Ein Jahr ist rum. Die schlimme Oktoberwoche ist jetzt wieder einfach nur ein Herbsttag, ohne Gewicht. Nicht vergessen, aber nicht mehr belastet.

Eines Abends sitzt Lena über den Hausaufgaben am Küchentisch, Anne kocht:

Mama, heiratest du nochmal?

Anne rührt im Suppentopf.

Daran habe ich noch nicht gedacht. Warum fragst du?

Viktorias Mama hat neu geheiratet. Jetzt hat Viki einen anderen Papa. Nicht ihren echten, aber einen guten.

Und Viki, mag sie ihn?

Sagt, ist okay. Er bringt ihr Fahrradfahren bei.

Schön.

Mama, wenn du mal heiratest, bringt mir dann auch jemand Fahrradfahren bei?

Lena, ich weiß nicht, ob ich noch heirate.

Falls doch?

Dann suche ich mir jemand, der Fahrradfahren kann.

Lena lacht, tippt wieder in ihr Heft. Anne denkt: Manchmal stellt das Kind die Fragen, die sie sich selbst nicht stellt. Vielleicht sollte sie das.

Was die Zukunft bringt, weiß sie nicht. Sie weiß nicht, ob sie noch einmal jemanden braucht oder ob sie allein gut genug ist. Markus gefällt ihr. Mit ihm ist es unkompliziert. Ganz anders als mit Karl, viel ruhiger, nicht das junge Feuer, aber vielleicht ist das gut so.

Sie überstürzt nichts.

Ein Samstag im Oktober ist sonnig selten in Hamburg. Anne zieht ihr Mantel an, Lena bekommt einen Schal, sie gehen in den Park, den mit dem Teich und den Enten. Lena trägt extra ein Baguette.

Erinnerst du dich, letztes Jahr?

Klar. Da haben wir Enten gefüttert, Eis gegessen aber das war kalt!

Eis ist immer kalt.

Im Sommer darf man, entscheidet Lena. Jetzt nicht?

Jetzt ists zu frisch.

Ein bisschen.

Sie laufen durch das bunte Laub, Lena raschelt extra mit den Füßen in den Blättern. Da vorn glänzt der Teich. Die Enten warten schon gierig auf Brot.

Erst füttern, dann Schaukel?

Gute Idee.

Sie stehen am Ufer. Lena reißt Brotstücke ab, wirft sie, die Enten schnappen, gackern, Lena prustet vor Lachen.

Die da ist gierig! ruft sie. Schon dreimal ein Stück!

Sie ist flink.

Ich auch!

Weiß ich.

Annes Handy vibriert. Markus.

Sie schaut drauf, Lena füttert, die Sonne wärmt ihren Rücken, alles ist so lebendig, dass Anne automatisch lächelt.

Sie nimmt ab.

Hallo, sagt sie.

Hi. Störe ich?

Ich bin mit Lena im Park. Wir füttern Enten.

Dann ruf ich später an?

Nein, sag nur. Lena kann das allein.

Ich wollte nur… Er zögert kurz. Anne, vielleicht ist das zu früh und du hast deine Geschichte, aber ich würde dich gern sehen. Nicht nur so. Sondern richtig. Wenn du willst.

Lena dreht sich um.

Mama, telefonierst du? Wer ist das?

Markus. Ein Kollege.

Aha. Lena kehrt den Enten zu.

Anne sieht ihrer Tochter zu, den Enten, goldenen Blättern auf dem Wasser. Sie denkt an den Oktober letztes Jahr, an ein vermeintliches Ende, das keines war. Kein Anfang einer schönen Romanze aber ein Anfang. Des nächsten Kapitels der eigenen Geschichte, die weitergeht.

Ideale Familien gibt es nicht, versteht Anne nun. Keine perfekten Menschen, keine Sicherheiten. Nur das, was man täglich tut, was man lebt, wen man an der Hand hält.

Ja, sagt sie am Handy.

Ja?

Ich würde dich gerne sehen. Lass uns was ausmachen.

Kurze Stille. Sie hört fast sein Lächeln.

Gerne, sagt er ruhig.

Lena kommt zurück, das Brot ist weg.

Mama, alles verfüttert! Sie habens gefressen!

Gute Enten.

Jetzt zur Schaukel?

Jetzt Schaukel, sagt Anne und steckt das Handy weg.

Sie nimmt ihre Tochter an die Hand. Sie gehen zu den Schaukeln. Die Sonne scheint noch, Blätter rascheln, das Leben geht weiter.

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Homy
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