Ich werde ein besseres Leben führen als ihr

Mensch, wie könnt ihr nur so leben? Svenja verzog das Gesicht und schaute sich abschätzig um. Ihr habt seit zwanzig Jahren nicht einmal renoviert! Und ihr wollt mir was vom Leben erzählen?

Sabine Lehmann ließ entmutigt die Schultern sinken. Ihr Mann, Herr Lehmann, nahm stumm einen Schluck von seinem Kaffee, den Blick abgewandt von seiner Tochter. Svenja stand mitten in der kleinen Küche, ganz rot vor Ärger, und wartete auf irgendeine Reaktion. Aber ihre Eltern schwiegen weiter, und dieses Schweigen machte sie noch wütender als irgendwelche Vorwürfe.

Der Kai ist ein anständiger Kerl! fuhr Svenja fort. Ihr habt doch keine Ahnung vom Leben!

Sabine sah ihre Tochter mit müden Augen an.

Svenja, es geht uns gar nicht um Kai schüttelte sie den Kopf. Wir wünschen uns nur, dass du zuerst deine Ausbildung zu Ende machst, bevor du dich bindest. Ein bisschen Sicherheit wäre schon gut.
Welche Sicherheit denn? rollte Svenja die Augen. So wie bei euch? Zwanzig Jahre dieselbe Wohnung, keine Farbe an den Wänden!
Du bist doch erst neunzehn, entgegnete Sabine sanft. Das ist zu früh zum Heiraten, versteh das doch.

Herr Lehmann stellte seine Tasse ab und sah seine Tochter zum ersten Mal an. In seinem Blick lag kein Tadel, sondern nur eine tiefe Traurigkeit.

Du kannst doch später immer noch an deine eigene Familie denken, wir stellen uns da nicht quer, fügte Sabine hinzu. Aber jetzt, so überstürzt, das ist nicht richtig.
Ihr wollt mir doch nur mein Glück nehmen! rief Svenja und stampfte wie in alten Kindertagen mit dem Fuß auf. Mehr steckt da nicht dahinter!

Mit scharfer Bewegung schnappte sie sich ihre Tasche vom Flurhocker. Sabine ging hastig vom Tisch auf sie zu.

Svenja, warte doch, Sabines Hand griff nach ihrer Tochter.

Aber Svenja rang hektisch mit ihrer Jacke, so wütend, dass sie kaum in die Ärmel fand.

Kai und ich werden glücklich! Absichtlich gegen euch!

Herr Lehmann quälte sich hoch und kam in den Flur, stützte sich am Türrahmen ab.

Kind, du verstehst das nicht… hob er an, doch Svenja fiel ihm ins Wort.
Ich werde gut leben! Ich werde Geld haben! Mir wirds besser gehen als euch! rief Svenja, griff schon nach der Klinke. Ganz sicher!

Scheppernd fiel die Tür ins Schloss, und Svenja hetzte über das Treppenhaus runter, immer mehr in der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben…

…Vier Jahre später stand Svenja wieder vor der altbekannten Tür mit der abgeplatzen Farbe. In der Rechten hielt sie die kleine, warme Hand ihres dreijährigen Sohnes Tim, der neugierig auf die fremde Tür starrte. Die Linke wollte zum Klopfen ansetzen, zögerte aber. Ihre Finger verharrten wenige Zentimeter über dem gesplitterten Holz sie brachte es nicht fertig. Tim zupfte an ihrer Hand, blickte sie fragend an.

Mama? fragte Tim, wippte von einem Fuß auf den anderen.

Svenja sah ihren Sohn an, dann den abgenutzten Koffer neben sich. Groß, verbeult, ein Rad fehlte. Das war alles, was ihr geblieben war von ihren großen Plänen und Versprechen. Vier Jahre hatte sie keinen Kontakt zu ihren Eltern kein Anruf, keine Karte. Immer hielt sie sich für etwas Besseres besser, erfolgreicher als diese Leute mit ihrem bescheidenen Leben. Und jetzt stand sie hier, das Gesicht verweint, zerplatzte Träume im Gepäck…

Schließlich fasste sie sich, klopfte dreimal zaghaft. Es klang schwach, ganz anders als damals, als sie so selbstsicher die Tür zuwarf. Fast sofort hörte sie Schritte hinter der Tür, als hätten ihre Eltern längst gewusst, dass sie kommt. Das Schloss schnappte auf. Sabine stand im Türrahmen und betrachtete Svenja überrascht. In Sabines Gesicht waren die Jahre vergangen mehr Falten, die Haare an den Schläfen silbern.

Sabines Blick glitt über das verweinte Gesicht ihrer Tochter mit verschmierter Wimperntusche, dann auf den kleinen Jungen, der sich ängstlich an Svenjas Bein festhielt. Sie sah den alten Koffer, und ihr Blick verriet sofort Verständnis. Ihre Mutter stellte keine Fragen, erinnerte Svenja nicht an die bösen Worte von damals. Sabine trat nur zur Seite und ließ Tochter und Enkel leise herein.

Svenja trat über die Schwelle und blickte sich um. Alles sah noch genauso aus, nur verblichener. Die Muster an den Wänden, denselben alten Garderobenschrank im Flur, der vertraute Geruch von Zuhause, den sie früher so verachtete. Tim blickte sich verwundert im Flur um, neugierig auf Omas Wohnung.

Timmi, geh mal da ins Zimmer, schau mal, da gibts Spielsachen! Svenja hockte sich vor ihn. Vielleicht findest du was Tolles, hm?

Sie zeigte ihm die Richtung, und Tim hüpfte brav los. Svenja richtete sich auf, wandte sich ihrer Mutter zu. Sabine stand still an der Wand, sah ihre Tochter an.

Svenja wollte etwas sagen, sich erklären, rechtfertigen. Doch nichts kam über ihre Lippen nur bittere Wahrheit und verpuffte Illusionen. Sie machte einen Schritt auf ihre Mutter zu, dann noch einen, und fiel Sabine endlich in die Arme. Ein heftiges Schluchzen schüttelte ihren Körper. Svenja weinte hemmungslos, verbarg ihr Gesicht an der Schulter der Mutter, die noch immer wie früher nach dem gleichen Waschpulver roch.

Mama, schluchzte Svenja, Mama, es tut mir leid.

Sabine umarmte sie fest, strich ihr beruhigend über den Rücken, wie früher, als sie noch klein war. Svenja weinte um ihre dummen Träume vom tollen Leben, um die zerbrochene Ehe mit einem Mann, den sie kaum kannte, als sie Ja sagte. Sie weinte um ihren verletzten Stolz, den sie jahrelang mit Verachtung für ihre Eltern zu tarnen versuchte.

Du hattest recht, hob Svenja schließlich ihr verheultes Gesicht. Mit allem.

Sabine antwortete nicht, sondern schmiegte sie nur umso enger an sich.

Komm, wir setzen uns in die Küche, sagte sie leise. Ich mache uns Tee.

Svenja nickte, wischte sich die Tränen am Ärmel ab, setzte sich an ihren alten Platz am Fenster. Sabine schaltete den Wasserkocher ein, holte Tassen aus dem Schrank. Svenja betrachtete ihre Mutter und überlegte, was sie alles verpasst hatte in diesen vier Jahren.

Wo ist Papa? fiel Svenja plötzlich auf, dass er nicht da war.
Der ist noch in der Firma, antwortete Sabine und stellte eine Tasse vor sie. Er kommt bald.

Svenja schluckte einen Kloß im Hals runter, sah ihre Mutter an, ohne zu wissen, wohin mit den Händen.

Ich habe euch damals so schlimme Sachen gesagt, murmelte sie, starrte in ihren Tee. Über die Armut, über die Wohnung…

Sabine setzte sich gegenüber und legte beruhigend die Hand auf Svenjas.

Das Wichtigste ist, du bist wieder da, drückte sie sanft die Finger. Alles andere ist egal.
Er hat mich betrogen, Mama, schniefte Svenja. Irgendwann hat er mich einfach vor die Tür gesetzt.

Sabine strich ihr über den Kopf.

Ich hab ihm vertraut, Svenja schnaufte, Tränen in den Augen. Wie soll ich jetzt die Ausbildung schaffen? Wie soll ich mit Kind weitermachen?

Sabine wiegte ihre Tochter sanft wie ein kleines Kind.

Das kriegen wir hin, mein Spatz, sagte sie. Zusammen schaffen wir das. Nicht sofort, aber Schritt für Schritt…

…Ein paar Monate waren nun vergangen, seit Svenja zurück nach Hause kam. Die Träume von einem glamourösen Leben waren im Wind verweht. Svenja saß im Café an einem kleinen Ecktisch mit zwei Freundinnen. Angelina spielte nervös mit ihrer leeren Kaffeetasse. Ihr Ex hat sie letztes Jahr verlassen und noch einen Haufen Schulden mitgenommen.

Die Inkassofirmen rufen jeden Tag an, stöhnte Angelina. Und der ist natürlich längst in München untergetaucht.

Svenja nickte, schaute zu ihrer zweiten Freundin. Katja erzog ihre Tochter allein, weil ihr Kerl sich aus der Verantwortung gestohlen hatte.

Wenigstens ist meiner ohne Schulden gegangen, grinste Katja schief. Er meinte nur, er sei doch nicht bereit, Vater zu werden.
Meiner war angeblich bereit, grinste Svenja bitter. Aber nur bei einer anderen Frau.

Angelina prustete los, schüttelte den Kopf geteiltes Leid ist halbes Leid.

Wir waren echt naiv, lehnte sich Angelina zurück. Haben gedacht, wir hätten die Prinzen erwischt.
Und am Ende gabs doch nur Narren auf Holzpferden, ergänzte Katja.

Svenja lauschte den beiden und merkte, wie ähnlich ihre Geschichten waren. Drei junge Frauen, Träume geplatzt, Schicksale zerbrochen, gemeinsam im billigen Café.

Schluss mit dem Gejammer, Angelina klatschte auf den Tisch. Wir gönnen uns jetzt wenigstens noch ein Stück Kuchen.

Svenja lachte, rief den Kellner und genoss die kleine Auszeit vom Grübeln.

Am Abend ging Svenja gemütlich nach Hause durch die bekannten Straßen ihres Wohngebiets. Sie schloss die Tür auf und lauschte. Aus dem Wohnzimmer drang Kinderlachen, dazu leise Stimmen ihrer Eltern.

Svenja schlich vorsichtig den Flur entlang und blieb in der Tür stehen: Herr Lehmann saß auf dem Teppich und baute mit Tim hohe Türmchen aus alten Holzklötzen, Tim quietschte begeistert und klatschte, wenn sie einstürzten. Sabine saß im Sessel, strickte und lächelte, während sie ihnen zusah.

Svenja betrachtete dieses Bild und konnte den Blick kaum abwenden. Sie dachte an die Zeit, als sie diese kleine Wohnung und die einfachen Freuden verabscheute. Damals schlug sie mit stolz geschwollener Brust die Tür hinter sich zu.

Und jetzt jetzt sah sie endlich, was sie all die Jahre nicht begriffen hatte. Sabine und Herr Lehmann waren seit dreißig Jahren zusammen, hatten alles durchgestanden: die Wende, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Verluste. Sie hatten eine eigene Wohnung, klein und vielleicht alt, aber sie gehörte ihnen. Sie hatten stabile Jobs und ein Zuhause für die Familie.

Nein, die beiden fuhren nicht jedes Jahr ans Meer oder machten sündhaft teure Urlaube. Sie kauften keine Designerkleidung und fuhren denselben Golf, seit sie denken konnten. Aber sie waren Familie, wirklich.

Und Svenja? Sie stand da, allein mit Kind auf dem Arm und Herz voller Kummer. Ihr Stolz regte sich noch, wollte nicht kapitulieren. Sie redete sich ein: “Das ist nur eine Phase, ich komm wieder hoch.” Aber tief im Innern wusste sie längst die bittere Wahrheit.

Gescheitert in dieser Geschichte war nicht die Mama mit der schlichten Wohnung. Gescheitert war auch nicht der Papa mit seinem alten Sakko und dem Bürojob. Es war Svenja, die dem schönen Schein nachgejagt ist… und dabei fast alles verloren hätte.

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Homy
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