Ein Vater steht der Mutter in nichts nach

Der Vater ist nicht schlechter als die Mutter

Ihren zweiten Mann trifft Annika in einem freiwilligen Sommercamp an der Nordsee, wo sie gemeinsam mit anderen versucht, die Nester seltener Zugvögel vor Wilderern zu schützen. Dabei ist ihr zehnjähriger Sohn, Philipp, an ihrer Seite.

Johannes ist der Herzschlag dieses Projekts ein Biologe mit einer großen Leidenschaft und leuchtenden Augen. Solche außergewöhnlichen Naturschutzreisen bietet er zusammen mit einem Schulfreund als eine Art Seelenventil und Zubrot an.

Am dritten Tag rutscht Annika auf feuchten Steinen aus und verstaucht sich den Knöchel. Johannes zeigt sich nicht nur als Naturliebhaber, sondern erweist sich auch als praktizierender Arzt. Behutsam verbindet er ihr Bein, trägt sie zurück ins Zelt und kümmert sich eine Woche lang rührend um sie.

Während Philipp mit Begeisterung den Wissenschaftlern hilft, merken Annika und Johannes schnell, dass bei ihnen der Funke überspringt. Trotzdem halten beide Abstand sie wissen zu gut, wie schmerzhaft enttäuschte Hoffnungen sein können.

Zurück in Hamburg wirft sich Annika voll in ihren Job als Grafikdesignerin, um die flüchtige Romanze zu verdrängen. Johannes glaubt ebenfalls, es war ein harmloser Urlaubsflirt bis er nach zwei Wochen beginnt, nach ihrer Adresse zu suchen

Nach einem halben Jahr ziehen sie zusammen, ein Jahr später wird geheiratet.

Johannes stürzt sich mit Leib und Seele in die Vaterrolle immer hat er sich Kinder gewünscht, aber nie Zeit dafür gehabt, seine Arbeit und Hobbys standen immer im Weg. Philipp, aufgewachsen mit Mutter und Oma, verehrt den neuen Vater bald und nennt ihn selbstverständlich Papa. Gemeinsam kaufen sie eine großzügige Wohnung mit Blick auf den Stadtpark, die Familienplanung beginnt. Annika wünscht sich schon lange eine Tochter Johannes teilt ihren Wunsch. Sie denken sich sogar schon einen Namen aus: Leni. Ihr Glück scheint perfekt.

Doch mit der Geburt von Zwillingen ändert sich alles zu Leni gesellt sich ein Sohn, den sie Moritz nennen. Das Leben von Annika verwandelt sich in ein ständiges Hin und Her zwischen Windeln, Brei und schlaflosen Nächten. Ihre Mutter hilft ihr so gut es geht. Johannes nimmt einen Job in einem großen Pharmakonzern an, um die wachsende Familie zu versorgen lange Geschäftsreisen, bergeweise Reports. Fähig sich einzugestehen, dass er immer weniger Lust hat, abends in die Wohnung zurückzukehren, in der ständig Babys weinen und eine erschöpfte Ehefrau kein verständnisvolles Wort mehr übrig hat.

Nach seiner Überzeugung hat der Ernährer auch ein Recht auf Erholung und Rückzug. Annika dagegen beharrt darauf, dass Kinder ein gemeinsames Projekt sind Johannes soll seine Verantwortung übernehmen. Immer wieder geraten sie über die Elternrollen aneinander.

Die Rettung bringt ein Kindergartenplatz. Die Zwillinge sind noch keine drei, als Annika wieder als Designerin ins Büro gehen kann. Philipp ist eine echte Hilfe. Für kurze Zeit kehrt Ruhe ein.

Zwei Jahre später verliebt sich Johannes diesmal in eine Kollegin, begeisterte, freie, unabhängige Frau voller Leidenschaft für den Job, wie er es einst selbst war. Nach dem Seitensprung gesteht der gewissenhafte Johannes Annika alles. Er will sich trennen.

Ich werde dich und die Kinder immer unterstützen, du hast mein Wort. Das Wohnungsproblem lösen wir im nächsten Jahr. Aber bitte, nimm die Kinder und zieh zu deiner Mutter. Ich reiche die Scheidung ein.

Annika bleibt ruhig: Ist dir bewusst, dass wir diese Wohnung gemeinsam gekauft haben für unsere große Familie?

Mach es nicht komplizierter! Ich biete einen fairen Weg an!, fährt er sie an.

Ich muss erst nachdenken.

Eine Woche bleibt sie bei ihrer Entscheidung, dann legt sie fest:

Du hast dich neu verliebt. Das passiert. Aber die Kinder gehören nicht nur mir, sondern auch dir. Sie bleiben für immer unsere Kinder. Ich werde die Wohnung nicht teilen, obwohl ich es könnte. Du kannst mit deiner neuen Frau hier leben. Aber wir teilen uns die Erziehung. Ich nehme Philipp und Leni. Und Moritz bleibt bei dir.

Johannes ist sprachlos.

Bist du verrückt? Ich kann doch kein Vorschulkind alleine großziehen! Ich arbeite! Ein Kind braucht seine Mutter!

Echt? Du wolltest doch immer eigene Kinder, eine richtige Familie hier hast du sie. Ich arbeite schließlich auch. Möchtest du ein neues Leben, soll ich dann mit drei Kindern alleine dastehen? Nein, so geht das nicht. Wenigstens ein Kind liegt in deiner Verantwortung. Fair ist fair.

Ein heftiger Streit bricht los.

Johannes verlässt wütend die Wohnung, berichtet Freunden, Kollegen, Verwandten. Alle sind schockiert. Auch Annikas Mutter macht ihr schwere Vorwürfe, will ihr nicht verzeihen. Doch Annika bleibt fest: Warum ist der Vater weniger wert als die Mutter? Schließlich liebt er seine Kinder. Moritz ist längst kein Baby mehr und sehr selbstständig.

Kleinlaut gibt Johannes schließlich nach. Seine Mutter, gesundheitlich angeschlagen, kann ihm mit dem Enkel nicht helfen. Die neue Liebe verlässt ihn nach drei Wochen, als sie sieht, wie viel Arbeit und Verzicht das Leben als alleinstehender Vater bedeutet.

***

Drei Monate gehen ins Land.

Eines Abends holt Annika Philipp ab, der bei seinem Vater zu Besuch war. Johannes öffnet die Tür. Die Wohnung ist ordentlich, ein angenehmer Geruch nach Grießbrei. Moritz sitzt auf dem Boden, spielt versunken mit Legosteinen.

Johannes wirkt erschöpft, aber ausgeglichen.

Komm rein, sagt er leise.

Philipp sammelt rasch sein Spielzeug zusammen, während Annika und Johannes noch in der Küche stehen.

Johannes bricht das Schweigen, schaut an Annika vorbei: Die ersten Wochen habe ich dich gehasst. Ich dachte, das ist die grausamste Rache. Aber dann dann habe ich Moritz einfach kennengelernt. Er mag Tomaten und Orangen. Hat Angst vor dem Staubsauger. Bekommt nicht genug von Legos. Schnarcht süß im Schlaf. Und schläft nur ein, wenn man ihm den Rücken krault.

Er hebt den Blick:

Ich bin wirklich sein Vater geworden. Nicht nur am Wochenende, sondern jeden Tag.

Annika hört zu, schweigt.

Um Verzeihung werde ich nicht bitten. Aber ich bin dir dankbar. Für Moritz. Für uns beide.

Annika nickt: Ich wusste es.

Was wusstest du? Dass ich das schaffen würde?

Das sowieso. Aber vor allem, dass du ihn wirklich lieben wirst. So wie er ist. In allem, was du tust. Das war immer unser Stil, Johannes alles oder nichts.

Also war das alles doch Rache?

Annika lächelt und geht zur Tür: Nein. Es war die einzige Chance, den Mann wieder zu sehen, den ich geheiratet habe. Und ich glaube, das ist mir gelungen.

Sie geht und lässt ihn mit ihrem gemeinsamen Sohn zurück und beide begreifen zum ersten Mal seit Langem: Der Ehe ist zwar vorbei, aber irgendwie hat ihre Familie seltsam und schmerzlich zugleich überlebt.

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Homy
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Ein Vater steht der Mutter in nichts nach
Die blaue Strumpfhose