Neid am Rande
Ja, genau das ist es! Er wird niemals merken, dass vor ihm nicht seine Verlobte steht…
Alma stand vor einem riesigen, gewölbten Spiegel im Flur der weitläufigen Altbauwohnung in München. Ihr Blick verirrte sich in den eigenen Augen, während sie sich eine lose Strähne ihres honigblonden Haares hinters Ohr schob. Das Herz klopfte, als würde irgendwo eine güldene Kirchenglocke schlagen. Was Alma sah, war verblüffend: das Make-up, die Frisur, der nachdenkliche, sanfte Ausdruck alles war ihrer Zwillingsschwester Hannelore so ähnlich, dass selbst deren Verlobter Henning wohl keinen Unterschied bemerken würde. Nur das Licht, das durch die Buntglasfenster fiel, schien zu wissen, dass dies nur eine Illusion war.
Die verwegene Idee ließ Almas Mundwinkel für einen Moment zucken, dann jedoch brachte ein schneller Blick auf die alte Standuhr sie eilig zurück in den Traum dieser Nacht. In weniger als zwanzig Minuten würde Henning erscheinen, mit seinen schweren Stiefeln und dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee und dem dunklen Nieselregen Münchens im Haar. Alles musste makellos ablaufen keine verstellte Silbe, kein verräterischer Blick nach unten. Wenn Henning nur für eine Sekunde Verdacht schöpfte, würde der wundersame Plan wie eine Kuckucksuhr in tausend Einzelteile zerspringen. Und wieder würde Hannelore als strahlende Siegerin aus dem Rennen gehen, wie so oft.
Alma atmete tief die duftende Münchner Luft ein, die durch die Fensterspalte in der feuchten Junimorgen flutete sie tastete nach dem glatten Messinggriff der Tür, als plötzlich die alte Klingel schrillte wie der Beginn eines Märchens. Jetzt gab es kein Zurück. Ihre Haltung veränderte sich wie ein Pantomime auf dem Viktualienmarkt: ein Lächeln, so sanft wie Marzipan, flackerte über das Gesicht, und in den Augen funkelte ein geheimes Wispern.
Hallo, Henning! Ihr Ton war ruhig, harmonisch gedämpft, und waberte wie warmer Honig durch die Flure.
Ohne Zögern streckte sie sich auf Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange exakt so, wie sie es bei Hannelore beobachtet hatte. Kein Zucken zu viel, kein Fremdwort zu wenig; alles wie aus dem Tagebuch ihrer Schwester abgeschrieben.
Komm herein, möchtest du einen Kaffee? Alma trat beiseite und bot ihm mit einer einstudierten, fast nebenbei wirkenden Geste Einlass in die nach alten Büchern und frischen Brötchen duftende Wohnung.
Henning, mit einem fragenden Stirnrunzeln, wollte in ihren Bewegungen einen verborgenen Code entdecken, aber schon spürte er, wie ihn eine seltsame Neugierde packte. Was führte die Schwester seiner Verlobten da im Schilde? Warum dieses Theater, warum schlüpfte Alma in die Haut von Hannelore, als wäre sie ein bayerischer Faschingsauftritt? Ohne eine Silbe zu verraten, ließ er sich auf einen Platz im Wohnzimmer gleiten, von wo aus man auf den Englischen Garten blicken konnte.
Alma huschte in die Küche, wo das Licht sich in Regalbrettern und Porzellanbechern brach. Ihr Lächeln schien inzwischen an ihrem Gesicht festgetackert, während ihre Finger nervös das feine Porzellan abstellten. Das Fläschchen Riesling wartete wie ein stilles Versprechen auf dem oberen Regal heute war der Tag für einen Aperitif, vielleicht nicht unbedingt für Henning, aber für die Geschichte ihrer Eifersucht und Sehnsucht ganz gewiss.
Normalerweise trank Henning kaum zu empfindlich war er für Alkohol. Doch im Schutz einer entspannten, freundlichen Runde, in dieser Traumschicht der Wirklichkeit, würde er vielleicht wenigstens einen Schluck wagen. Genau auf diesen Moment arbeitete Alma hin: Sie wollte, dass er seine Wachsamkeit für einen Augenblick vergaß, dass er sich treiben ließ im Wind ihrer guten Miene zum bösen Spiel.
Henning legte die Arme verschränkt auf den Tisch, sein Blick wanderte mit der Neugier eines Philosophen über die Küche.
Alma, was soll das eigentlich alles? Und… wo ist Hannelore? Wenn das ein Streich sein soll, dann ist er ein bisschen aus der Zeit gefallen, findest du nicht?
Für eine Sekunde wich das sorgfältig einstudierte Lächeln aus Almas Gesicht. Doch dann fand sie schnell zur Bühnenmaske zurück.
Und nun, wie bist du darauf gekommen? Und nein, das ist kein Scherz. Eher ein Experiment. Hannelore weiß gar nichts davon.
Eine ihrer Brauen hob sich, als Henning nachdenklich in der Tasse rührte.
Ihr seid doch so verschieden, und doch verwechselt man euch ständig. Wie kann das sein?
Bevor Alma antworten konnte, zückte er sein Handy, schrieb Hannelore eine Nachricht. Für einen Moment glomm der Bildschirm auf, tauchte seine Stirn in kaltes Licht dann verschwand die Digitalanzeige wieder.
Und was ist Sinn und Zweck deines Experiments? Er ließ das Handy achtlos in den Schoß sinken.
Alma sah in ihre Teetasse, als würde dort die Lösung schwimmen. Nach einem tiefen Atemzug, bei dem fast Zitronenschalen-Aroma die Luft durchzog, antwortete sie mit plötzlicher Leidenschaft:
Immer werden wir verwechselt. Du sagst, wir sind unterschiedlich, aber in Wahrheit erkennen uns selbst unsere Eltern nicht, wenn wir beide das gleiche Dirndl tragen. Dann sind wir wie zwei Tropfen bayerischer Mairegen.
Einen Moment lang schweifte ihr Blick ins Altrosa der Erinnerung zurück, dann sprach sie weiter:
Das ist nicht immer angenehm, insbesondere, wenn es um die Liebe geht. Oft ist daraus Ärger entstanden. Weißt du einst verabredete mich mein Freund am Glockenspielplatz, aber auf halbem Wege wechselte er die Richtung, weil Hannelore zufällig näher beim Treffpunkt stand. Oder andersherum: Hannelore wollte mit deinem Freund sprechen, er hielt sie für mich und begann, Dinge zu erzählen, die sie besser nie erfahren hätte…
Warum ändert ihr dann nicht eure Frisuren? fragte Henning leise. In seinem Kopf hallten die Gespräche mit Hannelore nach: sie hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Alma nicht die leiseste Lust hatte, ihr äußeres Bild zu ändern. Es war fast, als wollte sie diesen Reiz des Verwechselns behalten.
Alma zuckte schnell die Nase so wie ein Kind, das eine saure Gurke probiert.
Das ist uninteressant. Wir haben uns geschworen, unser Aussehen bis zum Ende des Studiums nicht zu verändern; wie ein unausgesprochenes Gesetz dazwischen. Und, sie hielt inne, die Mundwinkel kräuselten sich raffiniert, manchmal ist das sogar praktisch. Die Professoren werfen uns auch gerne durcheinander.
Ihr leises Gelächter schwankte durch den Raum wie eine Boje im Isarwind.
Aha, so ist das also, Henning zog das Resümee, während sein Handy erneut vibrierte. Er las eine Nachricht, nickte sich selbst zu: Hannelore schreibt, sie wartet im Café Frischhut. Sie scheint wirklich nicht zu wissen, wo ich gerade bin.
Er warf Alma einen raschen, fast mitleidigen Blick zu.
Keine Sorge, ich werde Hannelore nichts erzählen. Es ist ja offensichtlich, wie verbunden ihr seid. Ich will nicht, dass durch mich Zwietracht entsteht.
Almas ganze Gestalt schien kurz zu erschlaffen, als fiele eine Schicht Morgentau ab. Sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln.
Danke, Henning. Du bist wirklich ein Guter.
Bis bald, sagte er und stand auf, sein Schatten glitt lautlos davon. Die Tür glitt zu wie ein Flügelschlag. Alma blieb allein zurück.
Die Wohnung dehnte sich aus, wurde riesig und leer, als hätte der Wind alle Geräusche ausgelöscht. Sie setzte sich langsam, grub die Finger in die weiße Tischdecke, als müsse sie sich festhalten, um nicht davongespült zu werden. Warum hatte ihr Plan nicht funktioniert? Warum hatte Henning den Betrug so schnell durchschaut? Warum, nachdem sie all den Aufwand betrieben hatte, sollte wieder die Schwester den Applaus ernten?
Mit dem Seufzen einer alten Straßenbahn rollten ihre Gedanken zurück zum Anfang der Geschichte, als Henning zum ersten Mal mit Hannelore im armseligen Nieselregen jener Münchner Dämmerung auftauchte. Seine Leichtigkeit beim Sprechen, die ruhigen Gesten, diese Wölbung seiner Lippen beim Lächeln das war es, was Alma in ihren Träumen immer wieder begegnete. Sie probte halbe Nächte lang die Sätze, die sie ihm sagen würde, stellte sich vor, wie sie mit ihm lachte… Aber jedes Mal war da diese Barriere die Angst, abgelehnt zu werden, das stumme Hoffen, die ewige Unsicherheit.
Während Hannelore einfach zupackte. Sie brachte Henning eines Abends wie ein vergessenes Souvenir in die Wohnung und stellte ihn vor: Das ist Henning, sagte sie mit dem leichten Schwung einer, der alles gelingt, worauf Eltern schon beim Gruß zustimmend nickten.
Almas Erinnerung schwenkte zu diesem Abend wie ein Film, der immer wieder gezeigt wird. Aus dem Türrahmen beobachtete sie, wie Henning mit dem Vater scherzte, wie er charmant der Mutter ihren Limoncello einschenkte, wie harmonisch er in das Familienbild passte. Innen sträubte sich alles, doch äußerlich lächelte sie routiniert, freundlich, höflich. Und dennoch es war doch sie gewesen, die ihn als Erste bemerkt hatte! Sie hatte das prickelnde Ziehen in der Magengrube gespürt, sie hatte an lauen Sommerabenden vom Zusammensein geträumt…
Hannelore aber nahm sich einfach, was sie wollte.
Alma atmete tief und lang. Sie wusste, dass sie dem dicken Nebel solcher Gedanken nicht weiter nachgeben durfte. Sie musste sich sammeln. Doch wie, wenn das Herz immer wieder ins Stolpern geriet?
Schon als Mädchen war es Hannelore gewesen, die die Sonnenstrahlen einzufangen wusste. Unbekümmert, wunderbar unkompliziert, seltsam anziehend während Alma sich in Bücher flüchtete, in Diskussionen, in langen Spaziergängen im Westpark. Sie lehnte laute Partys ab; sie hatte das Gefühl, für bedeutungslose Plaudereien keine Zeit zu haben. Dabei schien es, als ginge Hannelore jedes Fach, jede Prüfung, jede Gesellschaft wie spielend von der Hand.
Nun, mit kaltem Tee in der Hand, fragte sich Alma: War sie zu reserviert, zu angepasst? Hätte sie nicht wenigstens ein Mal mit zu einer Party gehen, lockerer werden, endlich aus sich herauskommen können? Vielleicht hätte Henning dann sie auserwählt mit ihrer Nachdenklichkeit, ihrem Optimismus, ihrem klaren, leisen Wesen.
Doch darauf war es nicht hinausgelaufen. Hannelore wirkte, als ob das Leben ihr die bunten Zuckerln direkt ins Körbchen warf, und Alma, zögernd, mit zu vielen Zweifeln, stand daneben.
Und so saugte der Abend ihr Mut auf.
Dann, einige Wochen später, kündigte Hannelore während eines Sonntagabendessens mit einem Strahlen an, sie erwarte ein Kind. Alle lachten, umarmten, beglückwünschten, machten Pläne für Ausflüge zum Tegernsee und Gänseessen im nächsten Jahr.
Alma zerbrach fast, zumindest in ihrem Innern. Jeder Satz tat weh, wie kleine goldene Stiche in der Brust. Jede fröhliche Szene, die Hannelore mit Henning und Baby malte ein Stich.
Also sponn ihr Geist einen neuen, dunklen Plan. Was, wenn das Glück nicht von Dauer wäre? Was schmerzt die Wurzeln der Liebe am meisten? Eine radikale Idee schob sich wie eine Wolke vor die ewigen Alpen; ein Gedanke, der sich grausamer anfühlte als jeder bayerische Winter. Ein alter Bekannter, ein Mediziner, könnte ein kleines Arzneimittel organisieren… keine Straftat, nur eine Komplikation, nur ein Hindernis…
Während Hannelore liebevoll und selig aus ihren Sommerträumen erzählte, dachte Alma: Euer Glück ist nicht von Dauer.
***
Möchtest du Apfelschorle? fragte Alma mit seltsamer Heiterkeit, fast wie ein Dienstmädchen in einem Königshaus. Sie hatte die Streicheleinheit des Spiels mittlerweile perfektioniert. Ich habe deine Lieblingssorte gekauft!
Oh, du bist die Allerbeste, Hannelores Lächeln war wie eine kleine Sonne. Schnell griff sie nach Almas Hand und drückte sie. Ich bin so froh, dich zu haben.
Für einen Wimpernschlag schien die Zeit still, doch dann schlich sich wieder der Automatismus in Almas Bewegung.
Gleich bring ich sie dir, sagte sie, während sie die Küche betrat, Schorle einschenkte. In ihrer Manteltasche lag die kleine, gefährliche Tablette…
Ihre Hand hielt inne. Was tat sie da? In der glänzenden Apfelschorle spiegelte sich der makellose Morgenhimmel von München. Sie starrte auf die Tablette in ihrer Hand, dann auf das Gesicht ihrer Schwester in Gedanken. Wie hatte sie so weit gehen können? War das die Grenze der Eifersucht? Ein Schauder durchlief ihren Körper.
Nein, sagte sie schließlich. Das konnte sie nicht tun. Sie war nicht so. Das war ein böser Traum, ein Alp, der auf ihrer Brust saß. Die Tablette fiel sanft auf den Küchentisch, ein kleiner, dumpfer Laut.
Alma, du bist blass. Soll ich einen Arzt rufen? Hannelore stand schon in der Tür, sorgsam, aufrichtig, mit diesem offenen Blick.
Alma zwang sich zu lächeln.
Ach, nur ein kurzer Schwindel, nichts Ernstes. Hier ist deine Schorle. Ich mache mir gleich einen Tee, dann quatschen wir wieder.
Sie drehte sich zur Spüle, ließ Sprudelwasser klirren. Die Hände zitterten leicht. Sie versuchte, sich auf kleine Bewegungen zu konzentrieren, als müsste sie sich durch Nebel schneiden.
Alles in ihr kochte. Sie dachte zurück an den Moment mit der Tablette. Wie einfach war es, auch auf düstere Gedanken hereinzufallen, wenn sie sich einen so langen Weg gebahnt hatten. Sie rührte den Tee um und inhalierte den vertrauten Duft von Bergkräutern ein Hauch von Heimat und Kindheit.
Hannelore erzählte leise, beherzt vom Wochenende, als wäre nichts gewesen. Ihre Unbeschwertheit war fast unerträglich schön, ein stiller Tadel, eine Wärme, die Alma fast niederriss.
Wie hatte ich das nur denken können?, fragte sie sich, während sie die Teetasse umklammerte wie einen Talisman. Das war meine Schwester, mein Blut, meine Erinnerung. Sie wusste, sie hatte eine Schwelle überschritten, an der man sich Hilfe holen musste.
Worüber grübelst du? Hannelore lächelte, beugte sich leicht vor.
Ach, einfach zu viel Arbeit, gab Alma vage zurück. Ich sollte mal wem fragen, wie ich das alles besser organisiere.
Hannelore nahm die Antwort hin. Sie erzählte weiter, schwärmte, Alma nickte, hörte zu, spürte in sich eine neue, ungewohnte Entschlossenheit.
Sie würde nicht mehr zulassen, dass diese Schatten sie regieren. Sie durfte nicht. Es stand zu viel auf dem Spiel die Liebe zur Schwester, der eigene Seelenfrieden. Vielleicht brauchte sie Hilfe, und das war keine Schande.
Ich bin durcheinander. Ich brauche Unterstützung, das war jetzt klar.
***
Hannelore brachte in einer lauen Juninacht ein gesundes Mädchen zur Welt, das in Sekunden zur Liebling aller wurde. Noch am selben Morgen konnte die Familie sie im Fenster des Klinikzimmers bewundern. Kleine Pausbäckchen, dunkle Wimpern, das Gesicht wie ein Engel aus den Träumen der Isar.
Die ersten Wochen daheim glichen einem verwirrten Wimmelbild aus stiller Freude, Windeln, Gesang. Hannelore und Henning wiegten sich im sanften Rhythmus des Elternseins, während die Großeltern Windeln und Spielsachen stapelten, die Oma kleine Söckchen strickte, der Opa voller Stolz jedem Nachbarn von seiner Enkelin berichtete.
Alma Tantenliebe war ein neues Universum für sie. Sie kam vorbei, hielt das Neugeborene, damit Hannelore ruhen konnte, schob den Kinderwagen durch den Rosengarten, kaufte Erdbeeren am Markt. Allmählich blieb sie länger, spielte, sang, beobachtete die ersten Laune der Kleinen, das erste Geräusch, das nach Lachen klang.
Sie wurde zu einer Art heimlicher Patentante. Sie las vor, sang improvisierte Schlaflieder, half bei den ersten tapsigen Schritten. Hannelore sah das, lächelte leise und war dankbar.
Eines Abends, als die Kleine friedlich schlief, sagte sie:
Danke dir. Ich sehe, wie sehr du sie liebst. Für sie bist du ein großes Geschenk.
Alma wurde verlegen, doch war voller Freude. In dem Lachen, den Umarmungen, in all den kleinen Alltagsaugenblicken fand sie, was ihr gefehlt hatte: Zugehörigkeit, Wärme, ein ungefiltertes Willkommen.
Sie spürte: Manchmal schenkt das Schicksal einen Umweg, der mitten ins Herz führt. In der Fürsorge um andere fand sie endlich ihren eigenen Frieden und ein Glück, das alles andere sanft überschattete.





