Seelenzustand

Seelenzustand

Helga Bauer saß in der Küche und starrte aus dem Fenster. Draußen kündigte sich der Frühling an, der letzte Schnee schmolz, aber in ihr fühlte es sich nach tiefstem Herbst an. Drei Jahre waren vergangen, seit ihr Mann gestorben war, doch es wurde nicht leichter. Sie hatte sich zwar schon daran gewöhnt und versucht, Frieden zu finden, doch in ihrem Inneren klaffte eine Leere. Als hätte jemand das wichtigste Teil aus ihr herausgenommen das Leben funktionierte irgendwie noch, aber unter ständigem Knirschen.

Die Kinder waren weit weg. Der Sohn in München, die Tochter in Hamburg. Die Enkel waren mittlerweile erwachsen, jeder führte sein eigenes Leben. Zu Feiertagen riefen sie an, manchmal schickten sie Fotos bei WhatsApp. Helga betrachtete sie, lächelte und setzte sich danach wieder an ihr Fenster, beobachtete die Straße.

Die Nachbarinnen luden sie oft zum Spazierengehen ein, doch was wollte sie mit diesen Spaziergängen anfangen? Auf der Bank sitzen und immer nur über Krankheiten reden? Langweilig. Früher war sie mit ihrem Mann in den Park gegangen, sonntags ins Kino oder zu Bekannten. Und jetzt kein Anlass, niemand, mit dem sie gehen könnte.

Im Kühlschrank das Nötigste. Für sie allein brauchte es nicht viel. Im Fernsehen liefen gefühlvolle Telenovelas, nach denen die Einsamkeit nur noch stärker schmerzte.

Helga, du gehst an all dem noch kaputt, seufzte ihre Freundin Irmgard einmal die Woche, wenn sie hereinschneite. Du musst unter Leute! Melde dich doch bei einem Klub an, Seniorentanz zum Beispiel. Da hast du sicher Spaß!

Tanzen? Ach Irmgard, mit wem denn? Und für wen?, winkte Helga ab.

Irmgard schüttelte resigniert den Kopf und ging. Helga nahm wieder ihre Position am Fenster ein.

***

Ende Mai kam ihre Enkelin Annalena zu Besuch eine quirlige Studentin im zweiten Semester, stets musikalisch mit Kopfhörern unterwegs. Sie platzte wie ein Orkan in die ruhige Wohnung.

Oma, hallo! Ich bleib den ganzen Sommer! Ich hab genug von München. Ich will Ruhe und deine Pfannkuchen!

Helga blühte auf. Sie kochte Pfannkuchen, Suppen, Frikadellen alles, was Annalena mochte. Beim Essen erzählte die Enkelin von der Uni, von Freundinnen, von einem gewissen Sven, der ihr gefiel, aber überhaupt nicht merkte, worauf sie hinauswollte.

Oma, wie läufts bei dir? fragte sie schließlich, während sie zum Kaffee Marmeladenbrot aßen.

Ach, was soll schon laufen, seufzte Helga. Ich sitze hier, höre dir zu und denke darüber nach, morgen endlich mal das Fenster zu putzen.

Fehlt dir was?

Ja, Annalena. Sehr sogar.

Annalena sah sie erst prüfend an und bekam dann einen Einfall: Oma! Ich installier dir eine Dating-App!

Helga verschluckte sich fast am Tee. Du hast sie doch nicht mehr alle! Was soll ich in dem Alter mit Bekanntschaften?

Und? Es gibt viele in deinem Alter dort. Die sitzen auch allein zuhause und suchen Anschluss. Vielleicht findest du ja neue Freunde, zum Spazieren oder Quatschen.

Unsinn!, protestierte Helga. Ich war 50 Jahre verheiratet, und jetzt soll ich auf dem Smartphone Männer suchen? Wie peinlich.

Das merkt doch keiner!, lachte Annalena. Bleibt unser kleines Geheimnis. Komm, nur mal ausprobieren, aus Spaß.

Helga schnaubte, winkte ab. Doch als Annalena abends mit Freundinnen unterwegs war, nahm sie doch vorsichtig das Handy zur Hand. Aus Neugier. Was das wohl für eine App war.

Sie wurde fündig, lud sie herunter, meldete sich an. Das Profilbild war alt: Sie am Nordseeufer, neben ihrem Mann. Sie schnitt ihn vorsichtig aus. Dann schrieb sie: Helga, 68. Suche jemanden für Spaziergänge & Gespräche.

Dann vergaß sie es bis zum Morgen.

***

Am nächsten Morgen klingelte das Handy. Eine Nachricht in der App:

Guten Tag, Helga. Ich heiße Renate, bin 64 Jahre alt. Suche auch eine Freundin zum Spazieren. Ich liebe es, durch Parks zu gehen und die frische Luft zu genießen. Allein ist es furchtbar. Treffen wir uns?

Helga las es zweimal. Renate. Eine Frau. Kein Mann, wie sie erwartet hätte.

Annalena! Komm mal! Hier schreibt eine Frau!

Annalena kam hereingesaust, nahm ihr das Handy weg. Hey, Oma die ist doch in deinem Alter! Will spazieren gehen! Was machst du jetzt?

Treffen wohl oder?

Drei Tage später trafen sich die beiden im Park. Helga war aufgeregt wie eine Schulanfängerin probierte drei Blusen, zwei Röcke, nahm am Ende dann doch ihr Lieblingsoutfit.

Renate war eine kleine schmale Frau mit wachen Augen und lauter Stimme, die gleich loslegte:

Helga, ich freu mich so! Allein zuhause das ist nichts für mich. Ich glaube, wir haben viel gemeinsam. Warst du verheiratet? Ich bin auch verwitwet! Kinder? Mein Sohn lebt in Bremen, sehe ich nur noch selten. Lass uns Freundinnen werden!

Drei Stunden liefen sie durch den Park, setzten sich später auf eine Bank, redeten und lachten. Sie stellten fest: Beide stickten gern, beide schauten nostalgisch alte Filme, beide vermissten ihren Mann, beide wussten nicht, wie sie ihre Tage füllen sollten.

Wollen wir uns wiedersehen?, fragte Renate beim Abschied.

Sehr gerne. Samstag?

Und zum ersten Mal seit Jahren lächelte Helga ganz von Herzen.

***

Nach einem Monat trafen sie sich fast täglich an der Isar oder einfach auf einen Tee in Helgas Küche. Renate sprudelte vor neuen Ideen.

Warum suchen wir nicht andere?, schlug sie vor. In der App gibts unzählige Frauen wie uns. Wir könnten einen Klub gründen! Gemeinsam spazieren, Tee trinken, Bücher besprechen. Nordic Walking wollte ich mal testen alleine macht das keinen Spaß.

Anfangs war Helga skeptisch. Klubs, Nordic Walking und sie? Doch Renate blieb hartnäckig. Bald fanden sie Ute und Karin, dann noch drei weitere Mitstreiterinnen.

Ihr Klub bekam einen Namen: Leichter Schritt. Ute, die mal Lehrerin war und alles organisieren konnte, dachte sich das aus.

Montags, mittwochs, freitags Nordic Walking! Dienstags Teestunde mit Buchbesprechung, donnerstags Kino oder Ausstellung. Wochenende zur freien Verfügung oder für Spontantreffen!

Zuerst war Helga einfach dabei dann aber merkte sie, dass sie die Gruppe im Messenger verwaltete, neue Mitschülerinnen eintrug, und schließlich zur Gruppenführerin gewählt wurde natürlich Utes Idee.

Du bist ein echtes Organisationstalent!, schwärmte Renate. Ohne dich hätten wir das alles nie geschafft.

Helga winkte ab. Doch in ihrem Inneren wurde es ganz warm.

***

Die Lokalzeitung bekam Wind vom Klub. Ein junger Reporter kam, führte lange Gespräche, schoss Fotos. Eine Woche später erschien ein Artikel: Aktives Alter: Wie Rentnerinnen zueinander fanden und das Leben verändern.

Helga las den Artikel, sah das Foto von sich mit den Nordic Walking-Stöcken mitten in der Gruppe, ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Sie glaubte selbst kaum, wie jung sie darin wirkte.

Dann klingelte das Telefon. Das Lokalfernsehen.

Frau Bauer, wir würden gerne einen Beitrag über Ihren Klub machen. Dürfen wir?

Sie wollte erst ablehnen, aber Renate und Ute ließen nicht locker.

Helga, es ist für die Sache! Mehr Menschen mehr Kontakte. Wir können anderen älteren Menschen helfen!

Also willigte sie ein.

Das Filmteam kam für drei Stunden. Die Reporterin Lisa war freundlich, fragte nach den Anfängen, den Aktivitäten, was der Klub mit einem macht.

Sehen Sie, sagte Helga ruhig der Kamera, wenn der wichtigste Mensch geht, fühlt es sich an, als sei das Leben zu Ende. Man denkt, man wird nicht mehr gebraucht. Gerade wenn die Kinder weit weg sind. Dabei braucht man sich vor allem selbst. Wir haben einander gefunden und deswegen gibt es jetzt morgens wieder einen Grund aufzustehen. Für einen Spaziergang. Für einen neuen Tag.

Der Fernsehbeitrag lief abends. Helgas Telefon stand nicht mehr still Nachbarn, Bekannte, sogar alte Kolleginnen meldeten sich. In einer Woche wuchs ihr Klub um zwanzig neue Mitglieder.

***

Helga wurde siebzig. Ein runder Geburtstag, an den sie gar nicht erinnert werden wollte warum feiern, wenn man schon so alt ist? Doch die Freundinnen im Klub hatten andere Pläne.

Wir schmeißen dir eine richtige Party!, verkündete Renate. Im Café, mit Musik und natürlich Tanz. Du bist unser Star!

Helga wollte erst nicht aber insgeheim freute sie sich. Sie kaufte sich sogar ein neues Kleid, dunkelblau mit kleinen Blümchen so wie damals in ihrer Jugend. Und Pumps mit niedrigem Absatz.

Dann rief ihr Sohn aus München an:

Mama, wir kommen alle zur Feier. Ich, Irene, die Kinder.

Wie, ihr kommt extra? Bei euch ist doch alles voller Termine

Wir nehmen frei. Wir wollen dich feiern. Und dich sehen ist viel zu lange her.

Den Abend vorher schlief Helga kaum putzte, bereitete vor, war nervös. Am Morgen stand plötzlich ihr Sohn mit Familie in der Tür. Erst jetzt wurde ihr klar: Drei Jahre hatte sie sie nicht mehr gesehen. Und die Enkel schon so groß, so erwachsen.

Oma!, rief ihre Enkelin und umarmte sie fest. Du siehst anders aus. Als wärst du jünger geworden!

Helga lachte: Wundert dich das? Wir haben hier unseren Klub fürs aktive Leben. Keine Zeit, alt zu werden!

Die Feier im Café war voller Leben. Fast alle aus dem Klub kamen bunt, fröhlich, strahlend. Nachbarn, Freunde, alte Kolleginnen waren da. Renate moderierte, Ute trug ein selbst geschriebenes Gedicht vor, Karin sang zur Gitarre.

Ihr Sohn betrachtet Helga und konnte kaum glauben, was er sah. Vor drei Jahren war sie grau, eingefallen, der Blick leer. Jetzt?

Bist du das, Mama?, fragte er, als sie kurz zu zweit waren.

Ja, mein Junge, sagte sie sanft. Früher war ich einsam, jetzt hab ich Freundinnen, Aufgaben, ein Ziel. Verstehst du?

Ja. Verzeih, dass wir so selten kamen

Ach was, winkte Helga ab. Ihr habt euer Leben, und ich meins. Und weißt du was jetzt habe ich wirklich eins.

Plötzlich kam ein Video-Anruf: Annalena.

Oma, alles Gute! Ich freu mich so für dich! Erinnerst du dich, wie du damals die App peinlich fandst?

Helga grinste. Ja, ein großer Unsinn der mein Leben verändert hat.

***

Epilog

Ein Jahr später kannte die ganze Stadt den Klub Leichter Schritt. Sie wurden eingeladen ins Fernsehen, erschienen in Berichten der Zeitung. Weitere Interessenkreise entstanden: Strickgruppen, Malkurse, sogar eine kleine Theatertruppe.

Helga Bauer war jetzt längst nicht mehr nur dabei, sie koordinierte das ganze Netzwerk. Sie hatte Stellvertreterinnen, einen Jahresplan und jede Menge Pläne.

Der Sohn mit Familie kam jetzt häufiger. Die Enkel schickten Nachrichten, tauschten Fotos, fragten um Rat. Annalena, die Enkelin, absolvierte nach ihrem Studium ein Praktikum bei der Lokalzeitung sie meinte, sie wolle über engagierte Seniorinnen schreiben.

Oma, du bist mein Vorbild, sagte sie.

Helga lächelte und blickte aus dem Fenster. Doch draußen war kein Herbst mehr es war der schönste Frühling.

Das Leben geht weiter. Und es ist wundervoll.

Helga Bauer bewahrt die App bis heute auf dem Handy. Manchmal schaut sie neue Profile durch, doch sucht sie nicht mehr. Wozu auch? Sie hat das Wichtigste gefunden: sich selbst. Alles andere kommt von allein.

Mädels, sagt sie zu den Neuen, die noch schüchtern im Klub sitzen, habt keine Angst. Das Leben ist lang viel länger, als wir denken. Man kann immer wieder neu anfangen egal wann.

Und sie glauben es ihr. Denn vor ihnen steht eine lebendige, glückliche, blühende Frau. Die mit siebzig zur lokalen Berühmtheit wurde. Die bewiesen hat: Alter das sind nur Zahlen. Das Leben aber ist ein Zustand der Seele.

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Homy
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Seelenzustand
Ihre Schwiegertochter, Katharina, konnte Kallina einfach nicht akzeptieren. Und nein, nicht wegen des typischen Streits zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter – sie mochte sie schlichtweg nicht. Aber warum sollte man dieses tollpatschige Mädchen mögen? Wenn sie spricht, klingt es wie das Nebelhorn im Hamburger Hafen, ein Auge schielt, das Gesicht ist übersät mit Sommersprossen – ach herrje, was ist das bloß für eine Frau? Ihr Haar erinnert an einen Pferdeschweif – borstig, sie ist groß und schlaksig, die Arme wie Besenstiele, die Beine wie Ruder, die Augen wässrig und glotzig … Kallina konnte sie nicht leiden, sie wurde ihr nie sympathisch. Ihr Sohn, Johannes, hatte sie von weit her mitgebracht – offensichtlich stammen in diesen Gegenden alle solchen Schlages. Bei ihnen zuhause sind die Frauen anders – klein, schwarzäugig, mit weichem, flachsigem Haar, reinen Gesichtern, kräftig gebaut – sie hatte Kallina schon bei den Nachbarn ins Auge gefasst: Ulrike Schwarz, eine wahre Frohnatur, immer zu Späßen aufgelegt und fleißig dazu – diese sollte ihre Schwiegertochter werden! Mit Ulrikes Vater, Johann, war schon alles abgemacht, auch er hatte nichts dagegen, familiär mit den Reibachs verbandelt zu werden. Sie warteten nur auf Johannes, bis er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte und zurückkehrte, um Hochzeit zu feiern. Dass Ulrike noch so jung und unschuldig war, störte Kallina nicht – besser so, geradewegs unter dem Schutz der Eltern in die Ehe. Das war eine ordentliche Bäuerin, oh, wie sie den Heuboden auskehrte – Kallina schwärmte heimlich von ihrer künftigen Schwiegertochter. Und sie brachte sogar Kuchen, hatte ihn selbst gebacken, auch Butter hat sie selbst gemacht, wollte Kallina wohl beeindrucken – fleißig, brav, und Kallina schätzte das sehr. In ihren Träumen kümmerte sich Kallina schon um Enkelkinder – fünf eigene Kinder hatte sie großgezogen, vier Töchter und als Fünften den jüngsten, Johannes. Ihr Mann hatte kaum Zeit, das Leben zu genießen, die Zeiten waren hart – Kallina blieb allein mit den Kindern … Aber sie schaffte es, das Gut durchzubringen, den Mädchen ihre Aussteuer zu organisieren – mit Fuhren, nicht mit Karren hinaus auf den Hof, aber doch ordentlich. Nur Johannes zu verheiraten blieb noch – und Ulrike war wie geschaffen dafür … Das Aussteuer hatte Gertrud, die Mutter, schon von Geburt an gesammelt, bei denen waren meist Söhne, und Ulrike die Jüngste. Das ganze Haus, der Viehbestand – alles ging an Johannes, die Mädchen hatten das Ihre schon erhalten – Kallina benötigte nichts mehr, ein kleines Eckzimmer würde ihr reichen, die Jungen würden sie an den Tisch holen – das wäre die Freude schlechthin … Kallina träumte schon davon, mit der Schwiegermutter bei Tee zu plaudern, über die jungen Leute zu spotten, zwei große Höfe zu vereinen – ja vielleicht, die Alten, würden später zusammen unter einem Dach leben, warum nicht? Die provisorische Hütte dort, kann man ja dämmen … Ganz andere, wundersame Träume hatte sie, wie als Kind – als liefe sie frei über die Felder, Arme ausgebreitet, die Beine tun nicht weh, ihr entgegen kommt ein schwarzäugiger Junge, das Haar flattert im Wind, ruft: „Oma, Oma, komm her, ich bin hier.“ Dann erwachte sie und lächelte – so ein Wunder, ein Enkelkind hatte ihr geträumt … Sie wartete sehnsüchtig auf Johannes, endlich sollte er nach Hause kommen. Und dann kam er … Nicht allein – mit der Braut, einer Städterin, ganz schmal, fast einen Kopf größer als er, das Haar wie Draht, glotzige Augen, Sommersprossen im Gesicht – Herrje … Oder vielleicht hat Johannes nur Spaß gemacht? Wie könnte man so ein langes Gestell lieben? Nein, kein Spaß, „Darf ich vorstellen, Mutter – meine Katharina.“ Kallina fiel fast vom Stuhl – wie konnte das sein? Hier wartete eine Braut auf ihn, und er bringt einfach eine andere mit … Sie rief den Nachbarsjungen, Felix, zog ihn am Ohr … „Au, Frau Kallina, warum hauen Sie mich?“ „Na, sag ehrlich, hast du Johannes Briefe geschrieben?“ „Hab geschrieben, wie Sie’s gesagt haben.“ „Über seine Braut zu Hause – hast du geschrieben?“ „Über Ulrike? Na klar! Aber …“ – der Junge wich zurück, „Ulrike ist doch noch ein Kind, zu jung für deinen Johannes, erst fünfzehn.“ „Red’ keinen Unsinn! Es ist Zeit, dass ein Mädchen heiratet!“ „Das war früher so, heute ist das verboten. Wir könnten das ganz schnell melden, dann bekommt ihr Ärger.“ „Ach was, wofür denn? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen hab? Du hast Nerven …“ „Fürs Ohrziehen … und dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wollt.“ „Ach geh … Ulrike ist genau richtig. Willst selbst vielleicht die Braut spielen, was? Kein Wunder, dass du falsch geschrieben hast.“ „Ich hab alles richtig gemacht, fragt euren Johannes!“ „Werd ich, ganz bestimmt!“ „Na, fragt ihn! Aber Ulrike kriegt ihr nicht, klar?“ – schluchzte Felix und rieb sich das Ohr. „Na warte, Bräutigam …“ rief Kallina ihm nach, „Die da, die Lange, ist schneller wieder weg, als du denkst …“ „Johannes, kann ich dich was fragen?“ „Ja, Mutter.“ „Hast du meine Briefe in der Armee bekommen?“ „Hab ich, Mutter. Alle bekommen.“ „Und über Ulrike … dass sie auf dich wartet … Das hab ich geschrieben …“ „Über Ulrike? Du hast geschrieben, sie lernt gut, will Medizin studieren in der Stadt, will Menschen helfen – und? Find ich gut, das Mädchen.“ „Was für einen Arzt? Und von Heirat hab ich geschrieben!“ „Mit wem, Mutter?“ „Mit Ulrike, Junge!“ „Mutter, Ulrike ist ein Kind. Wir dürfen eh nicht mehrere Frauen heiraten. Das hier ist meine Frau – Katharina.“ „Ach herrje! Wir hatten doch alles abgemacht! Willst du das Mädchen ruinieren? Schick sie weg, schick diese Rothaarige weg, keiner wird’s erfahren! Heirat unsere, eine gute …“ fiel Kallina auf die Knie, „Bitte, im Namen Gottes!“ „Mutter, bitte, genug jetzt! Ich kann das nicht mehr hören. Katja ist meine Frau – ich liebe sie! Wenn du nicht mit uns leben willst, gehen wir. Katja ist Ärztin, sie ist jetzt hier, wird die neue Dorfarztpraxis übernehmen … Mutter, wir gehen! Leb, wie du willst.“ „Ist sie’s? Katharina also, sie nimmt dir den Sohn weg! Da hast du’s, Junge …“ Kallina brach zusammen, der Mund verzerrt, der Körper zitternd. Diese Rothaarige tat etwas – und Kallina ging’s besser. Doch lieben konnte sie Katja deshalb nicht … Lange hatten Johannes und Katja keine Kinder, die Alte unkte, „Hätte er Ulrike geheiratet, wären längst Kinder da!“ Ulrike ging fort, zum Studium, mit dem Sonderling … „Sie kommt zurück, wirft die Rote raus – und Johannes heiratet sie!“ träumte Kallina. Sie bemerkte, wie weiß Katja geworden war, blasser als ein Kopfsalat im Berliner Winter, sogar die Sommersprossen verschwanden – krank sah sie aus. „Was ist mit deiner Frau?“ Johannes lächelt, versteckt strahlende Augen. „Mutter, du wirst bald Oma!“ Kallina ging zornig davon … Alles verloren – keine Ulrike-Enkel mehr … Und von der Anderen – nicht mal anfassen will sie das Kind. Katja hatte eine schwere Schwangerschaft, es war deutlich zu sehen … Sie nannten ihn Jonas. Kallina hielt Wort – sie kam nicht, ließ sie machen. Vier Monate war der Kleine schon Teil der Familie. Johannes arbeitete bis tief in die Nacht, Katja schaffte alles alleine – Kind, Haushalt, Vieh … Die Alte kümmerte sich nicht. Nachts wurde sie wach – das Baby schrie. Hörte die da nichts? „Johannes, warum schreit das Kind bei euch?“ Stille. Sie stand auf, seufzte. Der Kleine schrie in der Wiege, seine Mutter lag bewusstlos auf dem Boden … Blut … „Weißt du, weck doch – was machst du, Dummchen? Was soll ich nur tun?“ Katja stöhnte, immerhin lebte sie. Kallina versorgte sie … „Wen hol ich jetzt? Was mach ich … dich kann ich nicht lassen, das Kind auch nicht …“ Panik. Da kam Johannes – glücklich, lächelnd. „Wo warst du?“ „Mutter, warum wach? Bei der Arbeit …“ „Arbeit? Deine Frau liegt am Boden! Jetzt lauf zu Nachbar Karl, hol den Wagen, wir müssen ins Krankenhaus, sonst stirbt sie. Später reden wir!“ Im Krankenhaus – Katja ist schwach, hört die Tür, denkt: Schwiegermutter? Ja, Kallina, mit einem kleinen Beutel. Sie setzt sich leise ans Bett. „Ich hab Jonas versorgt. Hab die Nachbarin gebeten, auf ihn aufzupassen, hat sieben eigene großgezogen, unsern wird sie nicht verschmähen …“ Katja das Wort „unser“ zu hören, durchwärmte ihr Herz. „Du liegst hier nur in Hemd und Decke, ich hab dir Sachen gebracht, jetzt hol ich noch Wasser, dann wasch ich dich – die Schwestern haben dich sicher gar nicht gewaschen, liegst ja ganz blutig da.“ Sie sprang los, rege Betriebsamkeit, die anderen Frauen im Saal blicken neidisch – „Kathas Mutter kümmert sich wirklich!“ „Bleib hier, du brauchst Zeit. Wenn nötig, komme ich jeden Tag!“ Flüsterte Kallina beim Zudecken: „Was hast du dir nur gedacht? Wer soll sich denn um Jonas und mich kümmern? Männer, heut hier, morgen fort – aber Kind bleibt immer … und die Schwiegermutter ist dir ja auch nicht fremd.“ Dann: „Gut, Katja, ich muss los, bis morgen.“ „Danke … Mama“, flüsterte Katja, Kallina hält inne, lächelt schüchtern und eilt hinaus. „Was hast du für eine tolle Mutter, Katja …“ „Ja, sie ist so …“, Katja stockt, „aber sie ist eigentlich meine Schwiegermutter.“ „Deine Schwiegermutter?“ – ungläubig. „Ja – aber sie ist wie eine Mutter zu mir.“ Am nächsten Tag kam Johannes. Setzte sich ans Bett. „Vergib mir … Es tut mir leid, ich war ein Idiot …“ „Schon gut … Hauptsache, du weißt jetzt, was dir wichtig ist.“ „Du und Jonas … und Mama …“ Ach, was ist sie für eine ungeschickte Schwiegertochter für Kallina – aber lieben kann man sie für ihren frohen Geist, ihre Stimme, wenn sie singt, für die geschickten Hände, die alles schaffen. Und vor allem: für die Enkel – Jonas, Max, Andreas, Sebastian und Marie … Gott sei Dank ist nichts passiert, Katja hat noch mehr Kinder geboren, ihr Leben lang den Fehler bereut, den sie in ihrer Verzweiflung beging … Kallina konnte nie sagen, warum sie Katja liebte. Aber sie tat es. So sehr, dass sogar die eigenen Töchter eifersüchtig waren und meinten: „Mama, die Fremde ist dir lieber als wir.“ Aber wie könnte sie fremd sein? Dreißig Jahre Seite an Seite … Kallina wurde sehr alt. Sie hat alle Enkelkinder aufgezogen, sogar die Urenkel verwöhnt und ist dann mit einem ruhigen Lächeln und reinem Herzen gegangen …