Dinge statt Liebe – Wenn Besitztümer in deutschen Beziehungen echte Nähe ersetzen

Dinge statt Liebe

Claudia, meinst du das ernst? Noch ein Kaffeeservice?

Viktor stand in der Tür ihrer kleinen Einzimmer-Mietwohnung in Berlin-Neukölln, einen Brief vom Vermieter in der Hand. Claudia stopfte schnell einen neuen Karton in den vollgestopften Schrank, aus dem fein bemalte Tassen hervorblitzten.

Viktor, das ist doch das “Schneeflocke”-Porzellan, die letzte Kollektion! Schau mal, die kleinen Röschen… Und es war wirklich günstig, im “Souvenirparadies” war Ausverkauf.

Günstig, wiederholte er leise, fast tonlos. Claudia, wir müssen die Wohnung bis Ende des Monats räumen. Die Vermieterin verkauft.

Sie erstarrte, hielt sich an der Schranktür fest. Es klirrte leise Tasse an Tasse. In diesem Schrank standen schon drei unbenutzte Services, alle noch in Originalkartons, eingewickelt in alte Zeitungen.

Schon wieder?

Schon wieder.

Claudia schloss langsam den Schrank und drehte sich um. Sie war siebenundvierzig, wirkte in solchen Momenten aber älter. Kleine Falten an den Augen, müde Schultern, und ihre Hände fuhren automatisch durch ihr Haar.

Das ist jetzt die siebte Wohnung in zwölf Jahren, sagte sie mit einem Ton, den Viktor lange nicht gehört hatte. Nicht Wut, nicht Ärger. Verzweiflung.

Ich weiß.

Werden wir unser Leben lang nur von Wohnung zu Wohnung ziehen?

Er sah sie an, blickte dann auf den Brief in seiner Hand, dann auf die kleine Wohnung. Zweiundzwanzig Quadratmeter. Das Schlafsofa, ein Schrank, der fast aus den Fugen platzte, die Ablage voller Kartons mit ihren Einkäufen. Auf dem Fensterbrett standen zierliche Porzellanfiguren, an der Wand hingen drei Zierteller. In der Ecke türmten sich “Brigitte” und “Landlust”-Hefte der letzten fünf Jahre.

Claudia, begann er vorsichtig, wenn wir nur damals nicht…

Bitte fang nicht wieder damit an. Nicht heute.

Er schwieg. Beide wussten, worauf er hinauswollte. Auf das Geld, das monatlich für neue “Schönheiten”, “Raritäten” und “letzte Kollektionen” verschwand. Auf die verpasste Chance, vor acht Jahren eine kleine Eigentumswohnung am Stadtrand zu kaufen, als das alte Zinnservice gerade lockte, und dann der Kronleuchter, und dann…

Meine Mutter hat angerufen, wechselte Viktor das Thema. Sie möchte, dass wir morgen kommen. Es sei wichtig.

Kommt Luise auch?

Keine Ahnung, hab nicht gefragt.

Luise, ihre fünfundzwanzigjährige Tochter, wohnte seit drei Jahren allein. Sie teilte sich ein Zimmer im Studentenwohnheim, arbeitete als Sachbearbeiterin. Sie kam selten vorbei. Letzte Woche hatte Claudia versucht, ihr ein Set bestickter Handtücher zu schenken, türkische, besonders hübsch. Luise bedankte sich, nahm sie aber nicht. Sie sagte, ihr Zimmer sei schon voll genug.

Sie ist wütend auf mich, sagte Claudia leise und setzte sich aufs Schlafsofa.

Nein, sie ist nur… sie hat ihr eigenes Leben.

Doch, sie ist wütend. Ich sehe, wie sie schaut. Auf all das hier. Als wäre ich… nicht ganz normal.

Viktor setzte sich neben sie. Er wollte sagen, dass alles in Ordnung sei, dass viele Leute sammeln würden. Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Denn es war nicht wahr. Das war kein Sammeln, das war Kaufen um des Kaufens willen. Alles, was schön erschien, was im Angebot war, was als “Einzelstück” galt.

Morgen fahren wir zu meinen Eltern, sagte er. Sehen, was sie brauchen. Danach suchen wir eine neue Wohnung.

Sie nickte, ohne ihn anzusehen. Dann stand sie auf und ging in die winzige Küche, wo bereits der nächste Karton mit einem neuen Teeservice wartete.

***

Viktors Eltern lebten in einer alten Plattenbauwohnung am Rande von Dresden. Klaus, sein Vater, war ehemaliger Ingenieur, jetzt Rentner mit Herzproblemen. Margarete, die Mutter, war ihr Leben lang Buchhalterin gewesen. Ihre Wohnung war zweckmäßig, sauber, ordentlich. Kein überflüssiger Kram.

Als Viktor und Claudia eintraten, deckte Margarete gerade den Tisch. Luise saß bereits in der Küche, mit dem Handy in der Hand.

Ach, ihr seid da, meinte sie anstelle einer Begrüßung.

Luise, Claudia versuchte, ihre Tochter zu umarmen, aber Luise wich beiläufig aus und ging Hände waschen.

Klaus saß in seinem Sessel und sah sich eine Fernsehsendung an. Als Viktor ihn begrüßte, nickte er nur und blieb sitzen.

Setzt euch, gleich gibts Tee. Ich hab Apfelkuchen gebacken, Margarete wirbelte umher.

Sie saßen am Tisch. Stille. Luise sah zum Fenster hinaus. Claudia nestelte nervös an ihrer Serviette.

Nun erzähl schon, Junge, begann Klaus schließlich, als er aus dem Wohnzimmer kam.

Margarete schenkte Tee ein, schnitt Kuchen auf, setzte sich dazu.

Viktor, setzte Klaus an, erinnerst du dich an meine Cousine Anneliese?

Ich glaube, ja… Die, die früher im Leipziger Osten gewohnt hat?

Genau die. Die ist im letzten Monat gestorben. Still und friedlich im Schlaf. Sechsundachtzig ist sie geworden.

Ruhe in Frieden, murmelte Claudia automatisch.

Nach ihr bleibt die Wohnung. Zwei Zimmer. Keine direkten Erben. Laut Testament bekomme ich sie.

Viktor stellte langsam die Tasse ab.

Das heißt… du bekommst die Wohnung?

Wofür brauchen wir noch eine Wohnung? warf Margarete ein. Wir haben unsere. Und verkaufen da hat man nur Ärger. Makler, Papierkram, Betrüger überall. Und Fremden will ich sie nicht geben. Ist doch Familie.

Kurz und gut, Klaus räusperte sich, deine Mutter und ich haben beschlossen, wir überschreiben sie euch. Als Schenkung.

Es war so still, dass man die Standuhr im Flur ticken hörte.

Ihr… ihr schenkt uns die Wohnung? brachte Viktor hervor.

Eine Zweizimmerwohnung im fünften Stock, Plattenbau, Baujahr zweiundsiebzig. Fünfzig Quadratmeter, nicht die beste Gegend vielleicht, aber…

Papa, Mama, Viktor war den Tränen nahe. Das ist… das ist…

Ein eigenes Dach überm Kopf, fügte Margarete leise hinzu. Es wird Zeit. Mietwohnungen, das ist kein Leben.

Claudia saß wie erstarrt, Tränen liefen ihr über die Wangen.

Aber ihr könntet sie doch verkaufen, für euch im Alter

Uns reicht es, sagte Klaus bestimmt. Die Rente ist okay, wir haben Rücklagen. Ihr braucht sie dringender. Ihr habt genug herumgekämpft.

Nur eines, Margarete blickte zu Luise, oder besser, zwei Bitten.

Viktor zuckte zusammen.

Wir möchten Luise öfter sehen. Unsere Enkelin, und wir kaum Kontakt. Das tut weh. Sie soll zu uns kommen, wir zu euch. Familie muss zusammenhalten.

Luise blickte kurz auf, sagte aber nichts.

Und das Zweite, Margarete sah auf ihre Hände, wenn es so weit ist… sorgt für ein ordentliches Begräbnis. Keine Schande. Wir haben unser Leben lang gearbeitet, wir wollen nicht wie arme Leute zu Grabe gehen.

Mama, bitte nicht jetzt.

Doch, das muss gesagt werden. Wir sind alt. Ich mit meinem Herzen, Klaus mit dem Blutdruck. Man muss das regeln.

Wir kümmern uns darum, versprach Claudia mit zitternder Stimme. Danke. Danke euch.

Margarete nickte.

Hier sind die Schlüssel, sie reichte einen Schlüsselbund hinüber. Die Wohnung ist leer, die Möbel alt. Anneliese war zuletzt krank, hat das nicht mehr geschafft. Aber das kann man aufräumen. Hauptsache, sie ist euer.

Viktor nahm die Schlüssel. Schwer, eisig.

Wann können wir reinschauen? fragte er.

Jederzeit. Die Adresse steht hier, sein Vater reichte einen Zettel. Fünfter Stock, Nummer einundfünfzig. Fahrstuhl funktioniert, hab extra geschaut.

Sie blieben noch bei Tee und Kuchen. Der Ton blieb gedrückt, es ging immer wieder um Formalitäten und um die Schlüssel. Luise blieb stumm. Beim Abschied nahm Margarete Claudia umarmen.

Macht bitte Ordnung da drin. Es soll schön sein. Die Anneliese war in ihren letzten Jahren eigen, hat gehortet. Ihr macht das besser.

Claudia nickte.

Auf der Rückfahrt mit der S-Bahn herrschte Stille. Luise stieg vorher aus, warf beim Aussteigen einen Blick zurück.

Glückwunsch jetzt habt ihr endlich Platz für all den Kram.

Und verschwand in der Menschenmenge, noch ehe Claudia reagieren konnte.

***

Besichtigt wurde die Wohnung am Samstag. Viktor nahm einen Tag Urlaub, Claudia bat in der Schule frei. Sie war seit dreiundzwanzig Jahren Mathematiklehrerin. Sie mochte die Arbeit nicht, hasste sie aber auch nicht. Sie machte, was getan werden musste.

Die ganze Woche schlief Claudia schlecht. Sie stellte sich vor, wie sie Möbel stellt, Gardinen aussucht, wo sie ihre Services aufstellt, vielleicht sogar eine Glasvitrine wie im Museum. Alles schön und ordentlich.

Wir müssen ja renovieren, sagte sie Viktor. Neue Tapeten, Böden… Parkett oder besser Laminat? Heute sieht selbst Linoleum aus wie Parkett!

Lass uns erst mal schauen, erwiderte er.

Das Haus im Leipziger Osten war ein typischer Plattenbau. Grau, verwittert, das Vordach schief. Der Fahrstuhl tatsächlich funktionierte er. Im Flur roch es nach Katzen und altem Kohl.

Wohnung 51 lag am Ende des Flurs. Viktor drehte den Schlüssel, öffnete. Sie blieben auf der Schwelle stehen.

Die Wohnung war voll mit Sachen. Nicht nur voll, sondern überquellend. Der Flur war nur ein schmaler Pfad zwischen Bergen von Zeitungen, Kartons und Taschen.

Mein Gott, flüsterte Claudia.

Sie gingen weiter. Im Wohnzimmer noch extremer. Ein Bett mitten im Raum, ringsherum Berge aus Kleidung, Decken, Kissen. An den Wänden hingen Kalender und Bilderrahmen, Regale waren überladen. Auf dem Boden gebündelte Hefte Brigitte, Landlust, Gesund Leben seit den Siebzigern.

Vielleicht ist das andere Zimmer besser? sagte Viktor leise.

Das kleinere Zimmer war ebenfalls vollgestopft. Der Schrank stand offen, Kleidung quoll heraus, der Tisch war überzogen mit Dosen und Schachteln, auf den Stühlen stapelte sich Geschirr Services, Töpfe, Teller.

Claudia drehte sich langsam im Kreis, das Gesicht bleich.

Das… das muss alles raus. Alles weg.

Oder zumindest sortiert, Viktor öffnete eine Kiste lauter leere Konservengläser.

In der Küche dasselbe Bild: offene Schränke, überall Geschirr, auf dem Tisch alte Packungen Zucker, Nudeln das Haltbarkeitsdatum war lange überschritten.

Wie konnte sie hier leben? fragte Claudia. Wie kann man so hausen?

Viktor schwieg. Er stand am Fenster, schaute in den Hof. Draußen spielten Kinder, jemand führte einen Hund aus. Alltag. Doch hier oben herrschte eine fremde Realität, erstickt von Dingen.

Wir brauchen Entrümpler, meinte er. Das müssen wir rauswerfen.

Claudia sagte nichts. Ihr Blick fiel auf eine Ablage da standen Porzellantassen, bemalt mit Röschen. Die “Schneeflocke”-Kollektion, genau die, die sie vorige Woche erstanden hatte.

Viktor, schau… Genau dieselben.

Sie schwiegen beide. Claudia ging ins Wohn-zimmer, setzte sich vorsichtig aufs Bett, umgeben von fremden Sachen. Viktor folgte.

Mutter sagte, Tante Anneliese sei seltsam gewesen sie habe alles gehortet. Aber das hätte ich nie gedacht.

Lebte sie alleine?

Ja. Der Mann starb früh, Kinder hatte sie keine.

Sie strich über die alte Tagesdecke.

Warum hat sie all das gesammelt? Warum braucht ein Mensch so viel Zeug?

Viktor zuckte mit den Schultern.

Vielleicht fühlte sie sich sicherer mit Vorräten. Ihre Generation hat Krieg, Hunger erlebt. Das sitzt tief.

Aber sie hat es doch nie benutzt. Da steht alles Geschirr, Kleidung in Kisten.

Er hatte keine Antwort. Er sah seine Frau an, wie sie da saß im Chaos, und plötzlich wusste er genau, was sie dachte. Sie sah ihr mögliches Morgen. Sie fragte sich, ob es ihr genauso ergehen könnte.

Claudia…

Lass uns gehen. Bitte.

Sie verließen die Wohnung, schlossen die Tür. Claudia lehnte sich an die rau verputzte Wand, schloss die Augen.

Und jetzt?

Keine Ahnung.

Vielleicht sagen wir deinen Eltern ab? Sagen, dass wir es nicht schaffen?

Das können wir nicht, Claudia. Sie meinen es gut sie haben alles geregelt. Wir können nicht einfach…

Aber wie sollen wir das ausräumen? Wie loswerden?

Wir nehmen Leute, bestellen einen Container. Kostet halt was.

Was denn, Viktor? Wir haben kaum Geld. Wir brauchen doch noch eine neue Wohnung, sollen hier Rückstände ausgleichen…

Sie schwiegen.

Vielleicht schaffen wir es Stück für Stück, zu zweit, an den Wochenenden.

Claudia öffnete die Augen. Ihre Stimme war leise.

Zwei Monate… Glaubst du, man kann ein ganzes Leben in zwei Monaten ausräumen?

Er antwortete nicht denn sie sprach nicht nur von der Wohnung.

***

Die Formalitäten waren bald erledigt, ein befreundeter Notar sorgte für einen schnellen Ablauf die Wohnung gehörte nun Viktor und Claudia. Klaus und Margarete waren erleichtert. Sie gratulierten, meinten, jetzt sei alles gut.

Die Vermieterin der alten Wohnung stimmte zu, sie noch einen Monat längerer zu lassen. Viktor und Claudia fuhren nun jedes Wochenende nach Leipzig. Sie schafften Müllsäcke, Handschuhe, Masken ran.

Am ersten Tag standen sie einfach im Flur und wussten nicht, wo sie beginnen sollten. Alles wirkte endlos.

Fangen wir hier an, schlug Viktor vor.

Sie trugen Sack um Sack voll alter Zeitungen raus. Es waren Dutzende. Die Zeit, Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine. Warum das jemand aufbewahrte, erschloss sich ihnen nicht.

Nach einem Tag füllten sie sieben Müllsäcke. Der Gang wurde etwas freier. Die Rücken schmerzten. Sie saßen erschöpft im Treppenhaus.

In hundert Jahren sind wir fertig, meinte Claudia trocken.

Viktor lächelte matt.

Am nächsten Wochenende nahmen sie sich das Wohnzimmer vor. Kleidungsstücke aus vier Jahrzehnten, alles sauber gefaltet.

Schau, siebzig Jahre alt, Claudia hielt ein altes Kleid hoch. So etwas trug meine Mutter.

Weg damit?

Klar.

Sie betrachtete es noch kurz und tat es dann zum Altkleiderhaufen.

Am Mittag tauchten Fotokisten auf schwarz-weiße Bilder, bekannte und unbekannte Gesichter, Hochzeiten, Gruppenaufnahmen.

Vermutlich ihre Familie. Jemand wird sie doch wollen?

Niemand. Sie hatte doch niemanden. Wir kannten sie kaum.

Also wegwerfen?

Claudia zögerte, betrachtete ein Hochzeitsfoto vielleicht Anneliese und ihr Mann. Glücklich in die Kamera lächelnd.

Wegwerfen, sagte sie leise.

Der dritte, vierte, fünfte Samstag verging. Die Wohnung wurde langsam leerer auch Claudia wurde immer stiller. Abends saß sie oft nachdenklich am Fenster. Einmal fand Viktor sie tränenüberströmt in der Küche.

Was ist los?

Nichts. Nur sehr müde.

Doch Viktor wusste, es war mehr.

An einem Samstag, als Claudia wieder eine Kiste durchforstete, entdeckte sie ein altes Tagebuch. Sie schlug es auf, begann zu lesen.

“Heute das Service bei Intershop gekauft. Mit blauen Blumen. Endlich richtiges Porzellan. Hans sagt, es ist unnötig, aber ich will ein schönes Zuhause. Vielleicht laden wir eines Tages Gäste ein und ich decke mit meinem Service. Dann sehen alle, wie schön wir es haben.”

Weiter geblättert.

“Hab wieder ein Service gekauft. Hans schimpft, aber ich kann nicht anders. Mit schönen Sachen fühle ich mich sicherer. Als hätte ich immer genug. Als wäre ich geschützt.”

Sie schloss das Heft.

1962 hat sie das geschrieben. Da war sie fünfundzwanzig.

Und?

Sie hat ihr ganzes Leben so verbracht. Dinge gekauft, gehortet, gehofft, sie würde sie irgendwann brauchen. Am Ende ist sie allein gestorben, in einer Wohnung voller Sachen, die keinem nützen.

Viktor setzte sich neben sie.

Claudia… worauf willst du hinaus?

Dass ich es auch so mache. Ich kaufe Services, benutze sie nie. Stelle sie ins Regal, denke, irgendwann… Und jedes Mal, wenn ich etwas kaufe, merke ich: Es bringt nichts. Es löst nichts. Die Hoffnung auf den “Neuanfang”, das bleibt Illusion.

Viktor schwieg. Er hatte das jahrelang beobachtet, aber nie zu helfen gewusst. Nie gewusst, wie man den Kreisel aus Kaufen, Miete, Verzicht und Frust aufhält.

Und weißt du, was mir am meisten Angst macht? Dass ich mich in dieser Wohnung sehe. Wenn ich nicht aufpasse, endet meine Geschichte genauso.

Das wird nicht passieren. Ich bin da.

Noch. Aber irgendwann bist du es leid. Oder Luise wendet sich ganz ab. Dann bin ich allein mit meinen Services und Figuren.

Sie saßen schweigend da, während draußen die Dämmerung hereinbrach, und die Wohnung wirkte noch düsterer.

Vielleicht solltest du mit jemandem reden? Ein Psychologe?

Vielleicht. Aber erst müssen wir diesen Ort hier klären. Erst die Wohnung, dann… sehen wir weiter.

***

Nach drei weiteren Wochen war das Meiste geschafft. Mindestens eine Tonne Kram verließen die Wohnung. Die alten Möbel ließen sie stehen. Es war leer, es hallte, aber es war ihres.

Viktor stand im leeren Wohnzimmer, sah die nackten Wände.

Tapeten sollten erneuert werden… Oder gleich Laminat?

Claudia antwortete nicht, sie schaute aus dem Fenster.

Claudia?

Ich glaube nicht, dass wir diese Wohnung brauchen.

Wie meinst du das?

Wir dachten, mit Eigentum würde alles gut. Aber nichts wird gut, wenn wir nicht unser Leben verändern. Der Ort allein ändert nichts.

Du willst sie verkaufen?

Ich will herausfinden, was uns fehlt, was wir eigentlich brauchen. Nicht noch mehr Platz für all das, was uns belastet. Wir könnten mit Eltern reden, teilen, etwas Neues anfangen.

Das kränkt sie.

Vielleicht, aber Ehrlichkeit ist wichtiger. Wir sind dankbar, aber was wir wirklich brauchen, ist Veränderung in uns.

Und wie lebt man weiter, wenn das Geld ständig für so etwas draufgeht?

Ich weiß es nicht. Aber so wie bisher darf es jedenfalls nicht weitergehen. Ich will nicht wie Tante Anneliese enden, in einer Wohnung voller Dinge, die niemand mehr braucht.

Sie standen da, während die Dunkelheit fiel. Unten lautes Gelächter, eine zufallende Haustür.

Ich will mit Luise reden und mich entschuldigen. Für all das.

Sie wird es verstehen.

Vielleicht. Aber versuchen müssen wir es.

Viktor nahm ihre Hand.

Und deinen Eltern?

Wir sagen ihnen offen, dass wir ihre Hilfe schätzen, aber Zeit brauchen herauszufinden, wie es weitergehen soll. Mit der Wohnung und mit uns.

Sie werden enttäuscht sein.

Wahrscheinlich. Aber schlimmer als jetzt kann es kaum werden.

Sie verließen gemeinsam die Wohnung. Vor dem Haus war es kalt. Viktor zündete sich eine Zigarette an. Claudia stand nah bei ihm.

Ich hab Angst.

Ich auch.

Aber es ist nötig.

Ja.

Sie gingen zur U-Bahn. Hinter ihnen blieb das Plattenbauhaus und die leere fünfzig Quadratmeter große Wohnung gedacht als Lösung für alles. Doch das eigentliche Problem trugen sie in sich.

***

Das Gespräch mit den Eltern war schwer. Klaus verstand nicht, war enttäuscht. “Andere träumen ihr Leben lang von sowas und ihr werdet es loswerden wollen?!” Margarete weinte und sagte, sie hätten geholfen und würden dafür nicht wertgeschätzt.

Wir schätzen es, versicherte Viktor. Aber wir wollen uns erst klar werden.

Worüber denn? Ihr habt eine Wohnung, zieht doch ein!

Einfach so? Das können wir nicht, Papa.

Klaus schüttelte abwehrend den Kopf. Margarete verabschiedete sich leise.

Mit Luise redeten sie in einem Café. Sie hörte zu, nickte dann.

Endlich ihr habt es eingesehen.

Bist du böse? fragte Claudia.

Nein. Ich bin froh, dass ihr anfangt zu reden. Ich komme schon länger nicht mehr, weil ich es nicht ertrage, wie ihr lebt. Dass ihr alles kauft, und Papa schweigt. Ich hatte Angst, es ändert sich nie.

Und jetzt?

Jetzt weiß ich nicht. Aber reden ist ein Anfang.

Claudia nahm ihre Hand.

Ich will mich verändern. Für mich.

Mach das, Mama. Für dich.

Sechs Monate später begann Claudia eine Therapie. Es war schwer, über diese Dinge zu reden, aber nach und nach verstand sie: Das Kaufen war ein Versuch, innere Leere zu füllen, ein Ersatz für Wärme, Wertschätzung und Geborgenheit.

Dinge bestimmen unser Leben nur, wenn wir ihnen erlauben, unsere Gefühle zu ersetzen, erklärte die Therapeutin. Wir versuchen, mit Kaufen gefühlsmäßige Lücken zu stopfen.

Claudia begann, langsam auszumisten: verschenken, verkaufen, wegwerfen. Es war schmerzhaft aber es tat gut. Viktor unterstützte sie still.

Ich habe es all die Jahre laufen lassen, statt ehrlich zu sprechen, gestand er. Es war bequemer, still unzufrieden zu sein. Es tut mir leid.

Die Wohnung in Leipzig blieb leer. Sie zogen nicht ein, verkauften aber auch nicht. Vielleicht später, wenn sie bereit waren.

Luise kam nun öfter zu Besuch, manchmal kochten sie zusammen, lachten, sprachen miteinander vorsichtige Schritte, ein echtes Miteinander zu leben.

***

Acht Monate nach dem Schlüsselübergang fuhren Viktor und Claudia gemeinsam mit Luise wieder zur Wohnung. Sie gingen durch die leeren Räume.

Zieht ihr nun ein? fragte Luise.

Ich weiß es noch nicht, antwortete Claudia ehrlich.

Sie durchwanderten die Zimmer. Luise öffnete die Fenster, Viktor prüfte die Heizung.

Alle drei standen im leeren Wohnzimmer.

Wozu braucht man all das eigentlich? fragte Claudia.

Viktor blickte sie an.

Damit man etwas Eigenes hat?

Aber warum? Damit man glücklich ist? Oder nur weil es alle so machen?

Er schwieg. Luise stand am Fenster.

Der Punkt ist nicht, warum ihr diese Wohnung habt, sondern was ihr mit dem Leeren im Inneren macht. Ein Zuhause sind vier Wände, das Leben passiert aber woanders.

Claudia nickte langsam.

Ich fürchte, wenn wir hier einziehen, fülle ich wieder alles mit Zeug. Und in zehn Jahren sieht es hier aus wie früher.

Und wenn nicht?

Vielleicht verkaufen wir. Vielleicht überlassen wir sie dir, Luise. Aber erst will ich begreifen, dass ich aufhören kann. Dass ich anders leben kann.

Luise nahm sie in den Arm.

Du bist nicht wie Anneliese, Mama. Weil du das Problem erkennst. Das ist ein Unterschied.

Sie verweilten noch eine Weile. Dann meinte Viktor:

Wir lassen sie erstmal leer. Kein Stress. Mal sehen, wie es weitergeht.

Claudia nickte.

Beim Hinausgehen drehte sie sich noch einmal zur Wohnungstür um.

Viktor, schaffst du das mit mir zusammen?

Er lächelte, drückte ihre Hand.

Versuch macht klug.

Sie gingen ins Freie. Es war heller Frühlingsnachmittag, und in der Luft lag Aufbruch. Luise wartete schon, blickte ins Handy.

Kommt, noch ein Kaffee? fragte sie.

Ja, lass uns gehen, sagte Claudia.

Und so gingen sie gemeinsam ins eigene Leben im Wissen, dass kein noch so schönes Geschirr, kein Haus und kein Möbelstück das füllen kann, was eigentlich zählt: Nähe, Verständnis und Ehrlichkeit. Denn Zuhause ist dort, wo man sich am meisten traut, sich selbst zu begegnen.

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Homy
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