Schnitzel von Schwiegermutter.
Paul und Johanna waren inzwischen schon dreieinhalb Jahre verheiratet, und in all dieser Zeit hatte Johanna das Haus von Pauls Mutter kaum besucht vielleicht viermal, und das meistens zu größeren Festen, dann blieben sie ein paar Stunden und fuhren zurück in die Stadt nach Hause.
Doch plötzlich war Paul nicht mehr zu halten: Seine Mutter hatte schon dreimal in einer Woche angerufen, sich beklagt, dass sie Sehnsucht hätte, dass Vater beim Reparieren des Schuppendaches mal wieder den Rücken verrenkt hätte, dass das Unkraut im Garten wuchere und einfach die Kraft fehle
Paul war ein gutmütiger Sohn, rief seine Mutter verlässlich jeden Sonntag an, nickte am Hörer, auch wenn sie Dinge sagte, denen er niemals zugestimmt hätte. Nun saß er beim Abendessen, kaute Spaghetti mit Würstchen und warf Johanna einen bittenden Blick zu.
Hanna, sagte er, schob den Teller beiseite und verschränkte die Hände auf dem Tisch, Mama hat wieder angerufen. Sie sagt, wir haben schon ganz vergessen, wie sie aussieht. Wollen wir am Wochenende hinfahren? So für drei Tage, nicht mehr. Bitte.
Paul, ich habe doch Samstag einen Friseurtermin, wandte Johanna schwach ein, obwohl sie wusste, dass das kein ernsthaftes Gegenargument war.
Kannst du nicht verschieben?, winkte Paul ab, als wäre das die einfachste Sache der Welt. Du weißt doch, Mama ist beleidigt, wenn wir nicht kommen. Sie hat schon angekündigt, Schnitzel zu machen und Kuchen zu backen. Sie vermisst uns.
Wie gehts deinem Vater denn? Rücken wieder besser?, fragte Johanna eher aus Anstand, das Verhältnis zum Schwiegervater war neutral.
Ach, der überlebt das schon, winkte Paul ab. Der jammert immer. Jedenfalls, ich hab jetzt beschlossen, wir fahren. Freitagabend hin, Sonntagabend zurück. Ich ruf sie gleich an, dann freut sie sich.
Johanna seufzte und widersprach nicht weiter. In den letzten Jahren hatte sie gelernt, dass Streit mit Paul über beschlossene Sachen etwa so viel brachte wie das Bitten einer Katze, nicht auf den Vorhang zu springen.
Am Freitagabend packten sie eine Tasche und einige Mitbringsel ins Auto. Paul hatte für seine Mutter eine flauschige Decke besorgt, für den Vater eine Flasche Obstler. Die Fahrt ins Dorf dauerte, wenn alles gut lief, knapp zwei Stunden.
Johanna schaute die ganze Zeit aus dem Fenster auf vorbeiziehende Felder, sah die heruntergekommenen Autohöfe und Pensionen mit befremdlichen Namen, hörte Paul, wie er zum Radio mitsang und dachte sich, dass der Kurztrip vielleicht doch erträglich würde. Drei Tage konnten nicht so schlimm sein, und Pauls Mutter war letztendlich eine freundliche Frau.
Sie kamen an, als es schon dunkel war. Das Haus stand am Ende der Straße, erleuchtet vom einzigen Straßenlaternenpfahl. Paul bog in die Einfahrt, stellte den Motor ab, und sofort ging am Eingang das Licht an, die Tür wurde aufgerissen, und da stand Marianne Schmid klein, rundlich, mit geblümter Schürze und so breitem Lächeln, dass es ihr Gesicht fast sprengte.
Pauli!, rief sie übers ganze Dorf und stürmte auf ihn zu, kaum dass er ausgestiegen war. Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr! Seit heute Morgen steh ich in der Küche, du glaubst gar nicht, was ich vorbereitet hab! Hannchen, komm doch schnell rein, Kind, es ist kalt!
Johanna stieg aus, zog ihre Jacke gerade und setzte ein höfliches Lächeln auf. Sie ließ sich umarmen. Marianne roch nach gebratenen Zwiebeln und etwas Süßlichem, was Johanna ein leichtes Kitzeln in die Nase trieb.
Es war warm im Haus. Es duftete nach Essen, aus der Küche zischte es es brutzelte noch was in der Pfanne. Auf dem Tisch im Wohnzimmer standen bereits Teller mit Wurst- und Käsehäppchen, eine Schale mit eingelegten Gurken, eine Flasche Apfelschorle und fast ein ganzes Laib Graubrot. Hermann Schmid, Pauls Vater, saß vor dem Fernseher, schaute Tagesschau. Er erhob sich und kam ihnen entgegen. Man sah, dass er sich Sorgen machte um Stau, Dunkelheit und all die Unwägbarkeiten, die so eine Fahrt mit sich bringt.
Na, seid ihr endlich da, sagte er und schüttelte Paul die Hand, nickte Johanna zu: Guten Abend, Kind, komm rein, leg ab, gleich gibts Essen.
Ich hab Schnitzel gebraten, verkündete Marianne aus der Türschwelle, zupfte eilig am Schürzenband und rückte sinnlos Teller von rechts nach links. Mit Kartoffelpüree, Röstzwiebeln und Soße. Pauli, du magst doch meine Schnitzel, oder?
Natürlich, Mama, das weißt du doch, Paul streifte die Jacke ab, ging in die Küche und warf einen neugierigen Blick in die Töpfe, was einen erneuten Schwall mütterlichen Stolzes auslöste.
Johanna hängte ihre Jacke vorsichtig an die Garderobe und folgte ihm. Mariannes Küche war klein, aber gemütlich, wenn man gemütlich als freundliche Überfrachtung jeder freien Fläche mit Einmachgläsern, Gewürzbehältern, Trockentüchern, Pastabeuteln und unzähligen Schüsseln verstand.
Setz dich doch, Hannchen, bot Marianne ihr den Stuhl an, den sie schnell abwischte. Du bist sicher müde von der Fahrt, ich beeil mich.
Sie wirbelte herum, griff eine Schüssel, stellte sie zurück, öffnete den Backofen verführerischer Schweinebratenduft strömte heraus. Johanna schluckte unwillkürlich Hunger meldete sich. Unterwegs hatten sie nur Kaffee aus dem Thermobecher getrunken.
Und da sah Johanna es.
Marianne stand am Tisch, auf dem ein großer Keramiknapf mit rohem Hackfleisch stand: graurote Masse, knapp zwanzig Frikadellen schon geformt, akkurat, rund, säuberlich in Reihen auf dem Holzbrett, mit Semmelbröseln bestreut. Die Schwiegermutter griff ein weiteres Stück Hack, rollte es, drückte es platt und dann, ohne jede Scheu, wanderte diese Hand unter ihre linke Achsel.
Nicht einfach zerstreut gekratzt, wie man eben manchmal, wenn was juckt sondern wirklich unter die Achsel, kräftig, fünf Finger, ausgiebig. Spürbar erleichtert, noch ein bisschen gekratzt und dann, ohne abzuwaschen, direkt wieder ins Hack weiter Frikadellen formen.
Johanna wurde übel.
Sie starrte diese ganz normale Frauenhand an mit schlichten kurzen Nägeln, Ehering am dicken Finger, filigranen Fältchen auf der Rückseite. Gerade noch unter dem Arm, nun wieder Hackfleisch. Schnitzel daraus, die sie und Paul immer mitgenommen hatten eingefroren, daheim gebraten, gelobt. Johanna hatte sogar mal am Telefon beteuert, dass sie zauberhaft schmeckten. Und das war die Wahrheit sie waren wirklich lecker
Mama, hast du noch Tee? Uns ist kalt von der Fahrt, rief Paul aus dem Wohnzimmer.
Eine Sekunde ich forme gerade die letzten Frikadellen!, rief Marianne zurück und machte unbeirrt weiter.
Wieder griff sie ins Hack und Johanna sah, wie neben den schönen Reihen kleine graue Abdrücke auf dem Brett zurückblieben von der Hand, die gerade noch unter der Achsel war. Oder bildete sie sich das ein? Ein Wimpernschlag und alles war wieder normal: Hack, Brett, Frikadellen.
Marianne, darf ich Ihnen helfen?, fragte Johanna leise, Ich kann das machen, machen Sie doch schon mal den Tee.
Um Gottes Willen, du bist doch Gast!, protestierte Marianne und wedelte defensiv mit beiden Händen, dass Johanna innerlich zusammenzuckte. Setz dich, du bist doch grad angekommen! Ich mach das fix selbst.
Zur Bekräftigung formte sie die letzte Schnitzel, schaute zufrieden auf ihre Hände, hielt sie kurz unters Wasser drei Sekunden, ohne Seife schüttelte die nassen Hände ins Spülbecken, wischte sie am Schürzenband ab.
Johanna sah zu und verspürte nur Ekel.
Sie riss sich zusammen. Was soll’s? Die Oma hatte früher auch mal beim Plätzchenmachen das Haar glattgestrichen alle leben noch, keiner vergiftet. Vielleicht war sie zu empfindlich
Aber vor ihrem inneren Auge blieb das Bild: Hand, Achsel, Hack.
Das Essen fand im Wohnraum statt, an einem großen Tisch mit geblümtem Wachstuch. Marianne brachte dampfende Frikadellen außen goldbraun und duftend, dass normalen Menschen das Wasser im Mund zusammengelaufen wäre, nur Johanna fühlte noch mehr Speichel aus anderen Gründen. Dazu Kartoffelpüree mit flüssiger Butter, frische Tomaten, Salat, Gurken, Brot, Kompott.
Langt zu, Kinder!, Marianne schob Johanna einen Teller hin. Die schönsten sind für dich, Hannchen. Ich hab mir Mühe gegeben!
Die Frikadellen sahen, objektiv betrachtet, einwandfrei aus. Goldbraun, knusprig, betörend nach Röstzwiebeln und Fleisch duftend. Paul nahm sich zwei, türmte Püree, Gurken, schob sich genussvoll das erste Stück in den Mund.
Mmmh, Mama, wie immer genial!
Gott sei Dank!, Marianne strahlte, setzte sich, nahm selbst ein Schnitzel. Ich habe schon überlegt, ob ich zu wenig Salz oder Zwiebel
Alles perfekt, Paul war schon bei Frikadelle Nummer zwei, du kannst großartig kochen!
Hermann aß wortlos, nickte gelegentlich zufrieden. Er war nie ein Mann großer Worte, das längste Gespräch, das Johanna kannte, war ein Bericht zum Ölwechsel am Auto.
Hannchen, du isst gar nicht?, Marianne blickte beunruhigt auf Johannas unberührten Teller. Schmeckts dir nicht? Zu salzig?
Nein, nein, alles sehr lecker, sagte Johanna rasch, ahnend, dass die Stimmung schnell kippt, wenn sie nicht wenigstens kostet. Ich bin nur von der Fahrt etwas naja, der Magen Ich probiere gleich, ganz bestimmt.
Sie nahm eine Gabel, stach ein winziges Eckchen von der Kartoffelkruste ab und schob ihn in den Mund. Es roch wunderbar doch kaum stellte sie sich vor, wie der Hack gerade noch mit eben dieser Hand geknetet worden war Das Stück blieb ihr im Hals stecken, sie schluckte mit Mühe.
Sehr lecker, würgte sie hervor, schob die Frikadellen beiseite. Marianne, darf ich einfach nur etwas Püree und Gurke? Die Frikadellen sind herrlich, aber ich schaffe heute nicht viel.
Arme Maus!, bedauerte Marianne, natürlich, nur zu. Ich geb euch ein paar Frikadellen mit, hab ja viele gemacht!
Paul warf ihr einen schnellen Seitenblick zu und aß weiter, so unbekümmert und genüsslich wie jemand, der nie über Hygiene nachdenkt.
Johanna stocherte im Püree, knabberte Salat und versuchte sich zu beruhigen: Was soll’s, Millionen Menschen essen hausgemachte Frikadellen. Doch vor ihrem inneren Auge: Hand, Achsel Hand, Hack.
Nach dem Essen räumte Marianne ab. Paul verschwand mit dem Vater in die Garage, irgendwas am Generator nachsehen. Johanna blieb mit Marianne bei Tee auf der Küche, der in einer großen Kanne mit abgebrochenem Ausguss zog.
Nicht böse sein, dass ich so gedrängt habe, dass ihr kommt, sagte Marianne und füllte Tassen. Ich weiß, ihr habt zu tun, Karriere und all das Aber als Mutter will man halt wissen, wie es geht.
Danke Marianne, alles gut, erwiderte Johanna, nahm die Tasse. Job, Wohnung alles wie immer.
Das freut mich, Marianne lächelte sonderbar. Ihr mögt meine Frikadellen doch, ich weiß das. Pauli fragt immer, ob ich noch welche eingefriere. Im Laden, da weiß man nie, was drin ist ich nehme nur Fleisch von Bekannten auf dem Wochenmarkt. Und das Hack drehe ich selbst durch, niemals fertig!
Johanna nippte am Tee, verbrannte sich fast und merkte, dass ihr wieder ganz flau wurde. Ganz normale Fragen, aber wenn sie sich vorstellte, wer den Tee gemacht, die Tassen gespült hatte sie stellte die Tasse ab, traute sich kein Schluck mehr.
Marianne, darf ich kurz ins Zimmer gehen? Ich hab etwas Kopfweh von der Fahrt
Geh ruhig, Kind! Im Schrank ist frische Bettwäsche, Paul weiß Bescheid. Wenn was ist, ruf einfach!
Johanna zog sich ins Gästezimmer zurück, schloss die Tür, setzte sich aufs Bett und spürte Übelkeit wie einen Stromstoß. Sie schaffte es gerade noch aufs Klo, und danach saß sie lange einfach da und versuchte, ruhig zu atmen.
Als Paul aus der Garage kam, fand er sie zusammengesunken auf dem Bett.
Gehts dir so schlecht?
Paul, begann sie stockend, ich erzähl dir jetzt etwas, bitte sei nicht böse und lach mich nicht aus
Sie erzählte. Alles, von Hand, Achsel, Hack, die Übelkeit. Ganz leise, damit niemand es hören konnte.
Paul starrte sie an zwischen Unglaube, Ärger und Unverständnis.
Hör zu, sagte er schließlich, Mama macht das bestimmt nicht absichtlich. Die hat halt gekratzt. Passiert jedem! Glaubst du, auf dem Land haben die Leut nach jedem Niesen die Hände gewaschen? Hanna, so ist das Leben, das ist Hausmannskost.
Paul, sie hat aber nicht mal die Hände gewaschen. Nix mit Seife. Und ich denk jetzt an all die Schnitzel, die wir gegessen haben Ich kann das nicht mehr.
Und was machen wir jetzt? Willst du es ihr sagen und sie verletzen? Sie macht das doch für uns!
Ich sag gar nichts. Nur ich kanns nicht mehr essen. Ich kanns einfach nicht.
Paul lief nervös im Zimmer umher, fuhr sich durch die Haare.
Du dramatisierst, ehrlich. Du kratzt dich doch auch mal beim Kochen, oder zupfst am Zopf? Keine Steril-OP-Küche. Wenn du alles kontrollierst, wirst du wahnsinnig.
Ich wasche die Hände, flüsterte Johanna. Vor und nach dem Kochen. Das ist doch normal
Na also, dann bist du vorbildlich. Aber meine Mutter macht das so seit immer. Ich bin damit aufgewachsen. Und mir gehts gut.
Ich wusste das nicht. Jetzt weiß ich es und ich werds nie mehr vergessen.
Vergiss es einfach, sagte Paul, leicht ärgerlich. Ist ja nur die Achsel, nicht die Naja. Im Restaurant ist es schlimmer, glaub mir.
Bitte, Paul, nein. Ich halt das nicht aus.
Okay, sagte er nach einem Seufzer und setzte sich neben sie. Dann isst du halt nichts. Ich sag Mama, dass du was am Magen hast. Aber, bitte, sag kein Wort davon. Sie würde das nicht verstehen wär beleidigt für immer.
Mach ich nicht, murmelte Johanna, ich will nur zurückfahren.
Fahren wir morgen. Sag ich, du hast Fieber bekommen.
In Ordnung, hauchte Johanna, obwohl nichts in Ordnung war.
Sie lag da und hörte, wie drüben leise der Fernseher lief, Hermann ab und zu hustete, und Marianne in der Küche rumpelte.
Johanna dachte daran, wie viele Hundert Schnitzel sie in drei Jahren gegessen hatte, ohne zu wissen, wie sie wirklich gemacht wurden. Wie oft sie das Rezept erbeten, die Frikadellen bejubelt hatte. Und heute ahnte sie, dass vielleicht gerade dieses besondere Extra sie so unwiderstehlich hatte schmecken lassen.
Früh am Morgen war Johanna immer noch erschlagen. Paul saß bereits in der Küche, trank Tee mit den Eltern und unterhielt sich. Sie blieb noch eine Weile in ihrem Zimmer, musste sich aber aufraffen.
Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und trat in die Küche.
Ach Hanna! Pauli hat gesagt, dir war nachts übel? Hast du Fieber? Ich mach gleich Malventee, das hilft immer!, rief Marianne schon besorgt.
Danke, Marianne. Es geht schon wieder, vielleicht nur etwas unterwegs gegessen, murmelte Johanna und vermied den Blick auf die mit einem Netz abgedeckten Frikadellen vom Vortag.
Diese Raststätten! Ich sags immer: lieber daheim was essen, schimpfte Marianne und stellte Tee und Himbeermarmelade hin.
Mutti, wir waren gar nicht an einer Raststätte, warf Paul ein. Nur Kaffee gehabt.
Dann hat der Körper irgendwas anderes, erwiderte Marianne unnachgiebig. Trink Tee, Kind. Das hilft.
Johanna nippte. Doch schon kam der Gedanke: Mit welchen Händen wurde Tee zubereitet, die Tassen gespült? Sie zwang sich ruhig zu bleiben oder wusste, dass sie sonst verrückt würde. Man musste wohl entweder lernen, das alles zu akzeptieren, oder eben einfach fernbleiben.
Marianne, sagte sie leise, stellte die Tasse ab, vielen Dank für alles aber ich glaube, es ist besser, wir fahren jetzt nach Hause. Paul meinte auch, wir
Wie, heute schon? Ihr seid doch gerade erst angekommen. Ich wollte doch noch Kuchen backen und Eintopf machen Paul liebt meinen Eintopf!
Beim nächsten Mal, Mama, Paul küsste seine Mutter auf die Stirn. Hanna braucht jetzt zuhause Ruhe. In zwei Wochen bin ich wieder da, dann helfe ich Papa am Dach, und dann gibts Eintopf und Kuchen, versprochen?
Marianne seufzte, blickte von Paul zu Johanna und zurück in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der Johanna unangenehm war. Sie wusste plötzlich ganz genau: Die Schwiegermutter hatte alles geahnt. Alles. Von Schnitzeln und Achsel, und auch warum das Unwohlsein kam.
Na gut, sagte sie mit angespannter Stimme. Ich pack euch noch welche ein. Hab einiges eingefroren, reicht für die Woche!
Johanna lief das Blut aus dem Gesicht, aber sie murmelte: Vielen Dank, Marianne. Sehr nett von Ihnen.
Schnell verstauten sie ihre Sachen im Auto. Paul packte alles, während Johanna sich von Hermann verabschiedete, der ihr freundlich die Hand drückte: Gute Besserung. Kommt wieder, wenn du fit bist. Marianne reichte die Frikadellen, Marmelade und noch etwas Speck nach Habt ihr alles? Esst es in Gesundheit!
Danke, Mama, Paul drückte sie Johanna sah, dass Marianne nicht lächelte, sondern nur stumm nickte und wieder ins Haus ging.
Die Rückfahrt verlief schweigend. Die Frikadellen im Kofferraum fühlten sich an wie ein bedrohlicher Stein. Paul war ebenfalls still, am Gearbeite des Lenkrads spürte Johanna seine Verärgerung.
Du kannst die essen, aber ich nicht, meinte sie leise, kurz vor der Stadt.
Du merkst, dass Mama alles kapiert hat?, seufzte Paul.
Was denn?
Na alles. Dass du nicht gegessen hast, dann gleich am nächsten Morgen fährst Sie ist verletzt und das kann ich verstehen.
Und du mich?, fragte Johanna ungehalten.
Keine Antwort.
Zuhause betrat Johanna ihre sauber aufgeräumte Küche, sah die blitzblanken Flächen, die sauberen Teller, das Desinfektionsmittel auf der Spüle und atmete durch. Hier war alles ordentlich. Hier wuschen sich die Menschen die Hände vorm Kochen. Keine Frikadellen, mit der Achselhand geformt.
Paul stellte den Gefrierbeutel ein und schloss die Tür.
Isst du sie? Ja, ich bin ja mit ihnen groß geworden.
Er verschwand im Bad. Johanna drehte den Wasserhahn auf, griff zur Seife und schäumte sich die Hände unendlich lange ein bis zu den Ellbogen, wie vor einer OP. Dann trocknete sie sie ab und fragte sich: Kann man abwaschen, was sich im Gedächtnis festgesetzt hat?
Sie wusste es nicht.
Aber eines wusste sie sehr genau: Nie wieder würde sie eine Frikadelle essen, die Mariannes Hände geformt hatten. Keine Ausrede, kein war ja keine Absicht, kein Bitten würde es ändern.
Drei Tage später briet Paul vier Frikadellen, machte Püree, Schnittlauch und saure Gurken dazu, setzte sich.
Möchtest du?, hielt er ihr ein Stück hin.
Nein, danke.
Sie verließ den Tisch, setzte sich aufs Sofa und drehte den Fernseher so laut, dass sie Pauls Kauen nicht hörte.
Johanna wusste, dass diese Reise etwas verändert hatte etwas, das vielleicht nicht mehr zu kitten war. Und alles wegen einer Hand. Einer ganz normalen Frauenhand, die da gekratzt hatte, wo es eben gejuckt hatte.
Johanna schloss die Augen und nahm sich vor, nicht mehr daran zu denken. Wenn man aufhört zu denken, kann man weitermachen weiterleben, selbstgemachtes Essen genießen und nie wieder irgendetwas essen, das fremde Hände geformt haben.
Heute habe ich begriffen: Manchmal reicht ein kleiner Moment, eine winzige Beobachtung, und alles ist plötzlich ganz anders. Ich habe gelernt, auf mein Gefühl zu hören und dass Hygiene für mich eben wichtiger ist, als ich es bislang wahrhaben wollte.




