Erzfeinde
Kaum hatte ich mich hingelegt und wollte ein wenig ausruhen, da schallte das heftige Bellen meines Hundes durch das geöffnete Fenster. Eigentlich ist mein Bruno kein besonders lauter Typ, doch heute war er ungewohnt aufgeregt bellte schon seit dem frühen Morgen. Und zwar mit einer Leidenschaft und Wut, wie ich es selten erlebt habe.
Schon mehrmals bin ich hinausgelaufen, doch habe weder etwas Verdächtiges gesehen noch einen Grund für sein Verhalten entdeckt.
Ich dachte mir: Vermutlich sind die Nachbarshunde vorbeigelaufen, und darauf hat Bruno offenbar reagiert.
Er ist eben so mag es gar nicht, wenn Fremde sich in der Nähe seines Reviers aufhalten. Kein Wunder also, dass, sobald ich das Haus betrete, weit und breit niemand mehr zu sehen ist.
Das laute Bellen meines Hundes treibt jedem die Angst ins Herz. Und so flüchten die Nachbarshunde, ohne zu wissen, dass Brunos Bär, wie ich ihn manchmal nenne, tagsüber immer im Gehege sitzt. Zu seiner und aller Sicherheit.
Erst bei Dunkelheit lasse ich ihn frei laufen dann ist jeder selbst schuld, wie es in Deutschland so schön heißt: Wer den Hund reizt, ist selber schuld.
Einmal haben sich drei Ganoven aus dem Nachbardorf ins Grundstück geschlichen.
Der eine verlor die Hose, die sich an den Stahlspitzen des Zauns verfing, der andere ließ seinen Turnschuh unter dem Zaun liegen, und der dritte kletterte direkt auf einen Baum bis zur Spitze.
Der Dorfpolizist musste sogar die Feuerwehr rufen, weil der Mann sich nicht mehr traute, herunterzuklettern. Bruno hat sie damals ordentlich in die Flucht geschlagen. Unvergesslich für die Jungs.
Was mir immer wichtig ist: Mein Hund bellt nie grundlos. Doch heute schien er, als sei er von der Leine gelassen.
Bruno, hör endlich auf zu bellen! rief ich, stand auf und trat ans Fenster.
Der Hund verstummte kurz, fing aber nach wenigen Sekunden wieder an, lautstark zu bellen.
So musste ich also nach draußen, um zu klären, was meinen großen Deutschen Schäferhund derart aufbrachte.
Wie ich es vermutet hatte, war der Hof leer. Bruno verstummte sofort, als er mich sah.
Was singst du denn hier, wie eine Nachtigall?, fragte ich lachend und trat zum Gehege.
Bruno wedelte freudig mit seinem Hinterteil, blickte mich entschuldigend an.
Er wusste, dass er meinen Mittagsschlaf gestört hatte. Aber er bellt ja nicht ohne Grund.
Wieder warf Bruno einen kurzen Blick zur Gartenpforte und begann erneut, laut zu bellen.
Ich wandte meinen Blick nach dort und sah, wie etwas Graues und Kleines blitzschnell davonhuschte. Ich eilte zur Pforte, lief auf die Straße und sah
eine ganz gewöhnliche Katze.
Der Blick dieser Katze war darauf muss man achten: frech, selbstgefällig und von unerschütterlichem Selbstbewusstsein.
Was hast du hier verloren, Freund? fragte ich grinsend. Ich sage dir als Mensch zu Katze: Bleib besser weg, denn mein Bruno… Er mag Katzen überhaupt nicht. Wenn er dich erwischt, dann…
Die Katze verzog angewidert das Gesicht, und mir schien es fast, als würde sie auch noch grinsen.
Erwischt mich?, stand in ihrem Blick geschrieben. Der schafft es doch gar nicht aus seinem Gehege, bevor ich über den Zaun bin. Dein fetter Hund, du solltest ihm weniger zu fressen geben.
Ehrlich gesagt, war ich ein wenig beleidigt, wie der freche Streuner meinen Hund so elegant herabgewürdigt hat.
Los, verschwinde!, rief ich, winkte ab und ging zurück, zog die Pforte hinter mir zu.
Und was glaubt ihr?
Hat die Katze auf mich gehört? Natürlich nicht. Im Gegenteil, sie tauchte nun tagtäglich im Hof auf.
Sie streifte durch unser Grundstück, saß entspannt direkt am Gehege, als hätte sie hier das Sagen und pfeife auf alle anderen. Bruno blieb nur das Bellen.
Anfangs bin ich immer wieder raus, um die schnurrende Unverschämtheit zu vertreiben. Doch kaum war ich im Haus, war die Katze sofort wieder da.
Ich konnte nichts gegen sie ausrichten.
Und nach ihrem kleinen Triumph sah sie sich endgültig als Königin des Hofes.
Einmal klaute sie sogar ein Stück Fleisch aus Brunos Napf der Napf stand im Gehege, wohlgemerkt. Bruno lag erschöpft im Eck und bellte vergeblich gegen die Dreistigkeit, da nutzte die graue Katze die Gelegenheit.
Dann kaute sie das Fleisch genüsslich direkt vor Brunos Augen.
Dies sah ich mit meinen eigenen Augen und empörte mich innerlich.
Na warte, murmelte ich zornig, du wirst noch bereuen, meinen Hund so zu ärgern.
Ich entschied, Bruno tagsüber nicht mehr im Gehege einzuschließen.
Genauer ich ließ die Tür offen, damit Bruno bei Bedarf mit seiner mächtigen Pfote aufstoßen und rauslaufen konnte.
Er soll endlich Ordnung schaffen im Hof, dachte ich mir.
Denn diese Katze nervte langsam. Sie stresste Bruno und mich gleichermaßen.
Doch an jenem Tag, als Bruno und ich auf den ungebetenen Gast warteten, tauchte die graue Katze nicht auf.
Ob sie etwas ahnte, oder ihr etwas zustieß? Ich weiß nicht ein wenig enttäuscht war ich schon. Mein genialer Plan, und der graue Kater erschien nicht. Auch am nächsten Tag und am dritten blieb er verschwunden.
Bruno blickte mich fragend an, und ich zuckte nur die Schultern.
Vielleicht ist es auch besser, dass unser grauer Streuner nicht mehr kommt, sagte ich lächelnd. Jetzt ist es ruhig.
Doch um ehrlich zu sein, schummelte ich etwas.
Ich muss zugeben Ich vermisste den frechen Kater tatsächlich. Es klingt verrückt und seltsam, aber so war es.
Bruno war schließlich daran gewöhnt, seinen Erzfeind anzubellen und sich über seine Streiche zu ärgern.
Doch jetzt? Langweilig
Nach einigen weiteren Tagen begann Bruno, mich mit Blicken zu fragen, ob der Kater irgendwo in der Nähe sei.
Wie er fragte? Still, mit seinen Augen. Er kam zu mir, schaute mich an und ich verstand.
Meinst du, unserem grauen Banditen ist was passiert?, fragte ich nachdenklich. Mit so einem Charakter gerät man schnell in Schwierigkeiten. Na gut, Bruno, wir gehen schauen, ob er auf der Straße irgendwo herumläuft.
Ich öffnete die Pforte, trat auf die Straße, blieb neben meinem BMW stehen und schaute mich um.
Bruno folgte mir, schwenkte seine große zottelige Schäferhundekopf und schaute ebenfalls.
Er schnüffelte eindringlich, hoffte, den bekannten und von ihm gehassten Katzen-Geruch zu erschnüffeln.
Doch das war schwer.
Die Gerüche vom Nachbarhof, vor allem das Heu, überdeckten alles.
Ich ging die Straße entlang, zuerst nach links, dann nach rechts, kehrte zur Pforte zurück und wollte Bruno schon zurück in den Hof schicken.
Nein, wirklich wir konnten ja nicht den ganzen Tag darauf warten, dass die Katze, die uns zwei Wochen lang zur Weißglut getrieben hatte, wieder auftaucht.
Gerade wollte ich die Pforte schließen, als ich plötzlich den Kopf nach links drehte und inne hielt.
Ganz in der Nähe klang etwas ungewöhnlich: Ich hörte eine Katze laut und verzweifelt miauen und gleichzeitig ein wütendes Bellen.
Eine Minute später stürmte die graue Katze auf die Straße genau der gleiche Kater. Er rannte auf allen vier Pfoten, hinkte auf einer davon. Hinter ihm tobte ein Hund.
Und zwar kein Dorfhund, sondern ein edler Vertreter: ein Dobermann aus der Stadt.
Ich wusste, wem der Hund gehörte: Jeden Sommer, manchmal auch im Winter, kommt eine Familie aus München mit ihrem Hund. Das war ihr Dobermann. Vermutlich wollte der graue Kater auch ihm die Nerven rauben, wie bei Bruno doch diesmal ist etwas schief gelaufen.
Der Dobermann hatte ihn offenbar gebissen, denn auf dem grauen Fell waren dunkelrote Flecken.
Während ich den Kater auf mich zustürmen sah, vergaß ich völlig Bruno.
Der aber, ohne zu fragen, was er sonst nie tat, stürmte von selbst los.
Bruno! Wohin rennst du?, rief ich erschrocken, stellte mir vor, was dem verängstigten Kater gleich bevorstand er hatte ja schon vom Dobermann eine abbekommen und jetzt noch mein Hund dazu… Bruno, halt!
Doch Bruno hörte nicht. Er beschleunigte langsam aber sicher und lief direkt auf den Kater zu.
Der Kater erkannte die Gefahr, stoppte mitten auf der Straße, völlig verängstigt.
Er ahnte wohl, dass sein sorgloses Leben und seine Gesundheit an einem seidenen Faden hingen oder besser, einem Katzenhaar.
Was dann geschah? Nun, ihr ahnt es sicher. Nur ich war noch unwissend.
Bruno stoppte neben dem verängstigten Kater, beschnüffelte ihn, und dann
dann stieß er mit einem Brüllen, so laut wie von einem Löwen oder gar einem Bären, auf den Dobermann los.
Er jagte ihn die ganze Straße entlang. Gut, dass der Dobermann schnell reagierte und blitzschnell kehrt machte und die Ohren anlegte.
Sonst wäre es schlecht für ihn ausgegangen. Es gibt keinen Hund im ganzen Dorf, der sich mit Bruno messen kann.
Der Kater nutzte die Gelegenheit und verschwand.
Ich beobachtete Bruno und merkte gar nicht, wie der graue Kater das Weite suchte. Am Abend, als ich in den Hof ging, um Bruno zu füttern, fiel mir fast der Napf aus der Hand. Die Katze war wieder da. Lebendig, gesund und mit Augen voller Dankbarkeit. Sie legte den Kopf auf Brunos Schenkel und schnurrte leise.
Bruno sah mich mit so einem Blick an, dass ich lachen musste.
Verzeih, Herr, aber ich habe ihn gerettet jetzt muss ich für ihn sorgen, solange ich lebe, las ich aus seinem Blick.
Und das war kein Scherz.
Bruno war fortan der persönliche Bodyguard des grauen Katers.
Er ließ ihn sogar aus seinem Napf fressen eine beispiellose Großzügigkeit für den sonst ernsten und brummigen Hund. Doch irgendwie gelang es dem Kater, das Eis zu brechen. Nun waren sie keine Erzfeinde mehr, sondern echte Freunde.
Wer glaubt, die Geschichte ende hier, der irrt. Nein, sie ging weiter.
Ich fuhr mit der Katze nach München zum Tierarzt, um die Wunde am Dachschenkel versorgen zu lassen. Die Verletzung war ernst allein konnte sie nicht heilen. Der Veterinär musste die Katze nähen. Nach der Operation blieb der Graue bei mir.
Ich kümmerte mich um ihn, Bruno ließ ihn nicht aus den Augen dabei hätten beide noch vor kurzem am liebsten den Kater verscheucht. So spielt das Leben.
Nach einiger Zeit erschien plötzlich eine junge Frau am Gartentor.
Bruno wollte erst bellen, entschied sich jedoch dagegen und gab nur ein paar unsichere Laute von sich. Ich trat aus dem Haus und…
Guten Tag…, begrüßte ich die schöne Unbekannte. Sind Sie wegen etwas hier?
Die Frau fragte, ob ich zufällig einen grauen Kater gesehen hätte.
Oder ist er Ihnen in den Hof gelaufen? Mein Moritz, wissen Sie, ist ein ausgesprochen frecher Kater. Ich habe versucht, ihn im Haus zu behalten, aber mein Moritz läuft ständig weg und ist bis zum Abend unauffindbar. In München war er immer in der Wohnung, aber jetzt bin ich zu meiner Mutter gezogen sie hatte einen Schlaganfall und seitdem ist er wie ausgewechselt. Er will sich nicht austoben. Normalerweise kam er abends zurück, ich wusch und fütterte ihn, aber die letzten Tage fehlt er ich weiß nicht weiter.
Wissen Sie, ich glaube, Ihr Moritz ist noch hier, lächelte ich. Kommen Sie ruhig herein. Bruno macht Ihnen nichts, Sie können einfach reingehen.
Zu Ihrem Hund? Warum?
Das werden Sie sehen.
Die Frau zögerte, doch mein Blick war freundlich und ehrlich. Also vertraute sie mir. Als sie Bruno näherkam, und sah, wer neben ihm lag, stieß sie einen überraschten Laut aus.
Moritz! Wie bist du… Was ist passiert? rief sie erschrocken, sah den Verband am Bein und Schenkel. Dann sah sie mich an, Ist Ihr Hund etwa schuld an der Verletzung?
Nein, keinesfalls, sagte ich verlegen. Im Gegenteil, wir haben Ihren Kater gerettet.
Wovor?
Wenn Sie Zeit haben, erzähle ich Ihnen gerne die ganze Geschichte. Sie ist wirklich spannend.
Ich erzählte alles. Die Frau hieß übrigens Theresa wir lernten uns kennen beim Gespräch und sie lachte lange.
Ach, das gibts doch nicht… Moritz hat Ihnen täglich die Nerven geraubt, und dann rettet Ihr Hund ihn.
So sind wir halt Bruno und ich, lächelte ich. Aber Ihr Kater ist jetzt auf dem Weg der Besserung körperlich und auch sonst. Jetzt ist er wirklich lieb geworden und geht uns keineswegs mehr auf die Nerven.
Er war immer lieb… Vielleicht ist es einfach die frische Landluft, die ihn so verändert hat. Oder er ist beleidigt, weil ich weniger Zeit für ihn habe wegen meiner Mutter. Sie lernt gerade wieder laufen, das braucht Zeit.
Besuchen Sie uns doch mal, sagte ich verlegen, mit dem Kater zusammen.
Ich denke drüber nach, antwortete Theresa kokett.
Ein halbes Jahr später feierte das ganze Dorf die Hochzeit meine mit Theresa. Natürlich waren auch Moritz und Bruno dabei. Sogar der Dobermann aus München, der Moritz gebissen hatte.
Er erkannte den grauen Kater, blickte ihn kurz misstrauisch an, aber als er Brunos Blick begegnete, tat er, als habe er sich vertan.
Das war meine Geschichte. Und die Lektion daraus? Manchmal sind die wahren Freunde diejenigen, die einst unsere größten Widersacher waren. Und mit Offenheit, Humor und einem guten Herzen löst sich so mancher Konflikt einfach auf.




