Die Kluft zwischen uns.

Die Kluft zwischen uns

Du bist verrückt, sagt die Schwester im Kreißsaal zu Lidia. Ein Kind kannst du immer noch bekommen. Aber so einen Mann wie deinen wo findest du den wieder?

Über Lidias Mann erzählt man sich schon Geschichten im Krankenhaus. Während sie wegen Komplikationen liegt, bringt er ihr jeden Tag Mittag- und Abendessen in runden Thermoskannen, alles selbst gekocht. Er stellt einen Fernseher ins Zimmer und schickt ihr mehrmals Blumen mit einem Lieferservice.

Frisch verheiratet?, fragt die Krankenschwester eines Tages.

Nein, schon fünf Jahre.

Erstes Kind etwa?

Nein, das zweite

Dann weiß ich auch nicht

Die zweite Schwangerschaft verläuft von Anfang an schwieriger. Volker bezahlt die besten Ärzte, aber Lidia muss trotzdem zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Nach einem langen Monat sehnt sie sich so sehr nach Hause, dass sie sich gar nicht sorgt, als die Geburt früher einsetzt. Woher hätte sie wissen sollen, was kommt?

Männer halten diese Rehas meist nicht aus, sagt die Schwester nur. Hör mir zu, ich weiß, wovon ich rede.

Natürlich hört Lidia nicht zu. Sie glaubt an ihre jüngere Tochter dass sie eine Kämpferin ist, dass sie es gemeinsam schaffen. Auch Volker sagt das.

Was für ein Unsinn, mein Häschen. Glaubst du ernsthaft, ich lasse euch im Stich, bloß weil unsere Kleine gesundheitliche Probleme hat?

Auch danach sieht er alles als kleine gesundheitliche Probleme. Alle sind beeindruckt. Um Eva die Jüngere kümmert er sich allerdings kaum, das bleibt Lidias Aufgabe. Dagegen fährt er mit der älteren, Annika, zu Wettkämpfen, Geburtstagsfeiern, dann zur Schule, zum Tanzen, zur Robotik. Es läuft scheinbar alles gut, bis Volker entscheidet, dass sie in ein Haus ziehen.

Die Mädchen brauchen frische Luft, Platz zum Toben, sagt er, als könnte Eva laufen. Und eine Katze holen wir auch, vielleicht einen Hund das wolltest du doch immer.

Lidia hätte das wirklich gern. Aber sie fürchtet, der Haushalt würde sie überfordern so viel zu putzen, und dann noch alles so weit weg, nur ein Auto

Ich schenk dir einen Wagen, verspricht Volker. Und eine Haushaltshilfe such ich auch.

Und was machen wir mit der Wohnung?

Vermieten. Die Miete geht auf dein Konto. Deine Wohnung, dein Geld.

Die Wohnung hat Lidia von ihrer Großmutter geerbt, noch vor der Ehe.

Volker hält sein Wort: Ein silberner Wagen mit großer Schleife wartet auf Lidia, als sie das erste Mal zum Haus kommt. Eine Woche später steht die Haushaltshilfe vor ihr: Nadine, klein, rundes Gesicht, sie lächelt Eva so warm an, als kenne sie sie schon ewig.

Machen Sie ruhig Ihr Ding, Frau Lidia. Ich bring hier alles in Ordnung, sagt Nadine.

Anfangs ist es Lidia peinlich. Sie ist es gewohnt, alles allein zu machen: Krankenhaus, Therapien und Förderstunden mit Eva, Schule und Hobbys von Annika, dazu Haushalt Doch nun wischt Nadine den Boden, bügelt Wäsche und lernt sogar, Lidias berühmte Frikadellen zu kochen die manchmal selbst Lidia nicht gelingen. Plötzlich hat Lidia Zeit. Sie atmet auf.

Und stürzt sich ins Schweigen.

Volker fährt früh fort, wenn das Haus noch schläft, er kommt spät, wenn Eva schon lange träumt und Annika ihre Hausaufgaben macht. Lidia hört das Motorengeräusch, das Klirren seiner Schlüssel, seine vorsichtigen Schritte er will sie nicht stören, meint, sie sei müde. Er schaut nur kurz ins Schlafzimmer, küsst sie auf die Stirn, flüstert: Schlaf, Häschen. Alles gut. Dann verschwindet er in sein Arbeitszimmer, sieht sich Berichte an oder scrollt durchs Handy unten im Wohnzimmer wartet eh niemand mehr auf ihn.

Am Anfang wartet Lidia. Sie setzt Wasser auf, schneidet Brot, sitzt mit einem Buch auf dem Sofa, das sie gemeinsam im Möbelhaus ausgesucht hatten. Doch das Buch fällt ihr aus den Händen, die Augen fallen zu, Volker schaltet still das Licht aus er glaubt, sie sei nur zufällig eingeschlafen. Sie ist es nicht. Sie hat auf ihn gewartet. Doch das merkt er nicht.

Jetzt kümmert sich Lidia ganz um Eva. Täglich, stundenlang: Übungen, Massagen, Logopädie, zweimal die Woche Schwimmen. Sie fährt ihre Tochter in dem neuen Wagen, biegt vorsichtig in die Kurven und fragt sich, warum Volker nie nach den Therapien fragt. Er sagt nur: Wie gehts den Mädels? Gut. Und das reicht. Gut wird zu ihrer Decke, unter die sie sich flüchten, um nicht zu sagen: Heute ist Eva dreimal hingefallen, als sie aufstehen wollte. Oder: Annika hat erstmals gefragt: Mama, warum wohnt Papa nicht richtig bei uns? Er wohnt ja bei ihnen, nur am anderen Ende vom Haus.

An einem Abend geht Lidia in die Küche, um Wasser zu holen, und trifft auf Volker. Er steht am Fenster, schaut in den dunklen Garten und trinkt Whisky. Er dreht sich nicht um.

Bist du müde?, fragt sie, zieht den Morgenmantel enger.

Geht so, antwortet er, ohne sich umzudrehen. Anstrengender Tag.

Sie möchte hingehen, ihn umarmen, sich an seinen breiten Rücken schmiegen, wie früher. Aber etwas hält sie zurück. Eine unsichtbare Wand, gebaut aus Müdigkeit, unausgesprochenem Ärger und dem täglichen gut. Oder hat er sie gebaut? Sie steht eine Minute so dann geht sie wieder ins Schlafzimmer, zu der schlafenden Eva, zur Stille.

Nadine merkt alles. Sie ist eine kluge Frau. Eines Tages sagt sie, während sie Wäsche faltet:

Frau Lidia, vielleicht sollten Sie mal ein Wochenende mit Ihrem Mann wegfahren? Ich bleibe bei den Mädchen, wirklich, das schaffe ich!

Lidia sieht sie leer an.

Wohin denn, Nadine? Wofür? Er würde eh am Handy hängen, und ich würde nur denken, wie Eva ohne mich klarkommt.

Nadine seufzt und sagt nichts mehr. Sie legt Evas Kleid in den Stapel.

Der Herbst hier am Rande von München ist so schön, dass es fast wehtut. Lidia liebt es, morgens mit einer Tasse Kaffee auf der Veranda zu sitzen, sich den Strickcardigan um die Schulter zu ziehen und zu zusehen, wie die Ahornbäume ihre gemusterten Blätter aufs Gras werfen. Das Nachbarhaus steht zwei Grundstücke weiter, und sie sieht oft eine große Frau mit Kurzhaarschnitt, die mit einem goldenen Retriever energisch spazieren geht. Sie lernen sich am Gartentor kennen: Der Hund legt trottelig den Kopf in Evas Schoß, Eva quietscht vor Glück.

Ach, entschuldigen Sie! Der ist ein Dussel, aber ganz harmlos, ruft die Frau, bleibt stehen, lächelt Eva an. Na, du bist ja eine Süße.

So kommt Viktoria in ihr Leben.

Viktoria ist Architektin, arbeitet im Home Office, zieht ihren Sohn Leon auf, einen Gleichaltrigen von Annika, und, wie sie sagt, erzieht auch ihren Mann mit mäßigem Erfolg. Seit einem Jahr wohnen sie im Viertel. Viktoria gibt zu, manchmal gehe ihr die Monotonie auf den Geist.

Du ahnst nicht, wie sehr ich mich freue, dass ihr da seid!, sagt sie Lidia schon nach einer Woche Kennenlernen, mit einem Glas Wein in der Küche. Eine normale Familie mit Kindern im ähnlichen Alter, und ein Ehemann, der was tut. Weißt du, was hier sonst los ist? Besteht nur aus Supermüttern mit Dior-Frisur, die ihre Frühstücksbowls posten, und Business-Ladies, die am Wochenende anreisen und sich langweilen.

Lidia lächelt schüchtern. Sie mag Viktoria authentisch, laut, ohne Tamtam. Sie nimmt Eva, wie sie ist, sieht sie nicht mitleidig an, sondern spricht einfach mit ihr. Eva blüht auf.

Bald entstehen enge Bande. Am Wochenende grillen sie abwechselnd, Leon und Annika spielen zusammen, selbst Eva lacht mehr, wenn es laut und voll im Haus wird. Volker, der neue Kontakte sonst scheut, versteht sich mit Viktoria sofort. Sie hört zu, lacht über seine Witze, kennt sich mit Wirtschaft aus, kann mitreden.

Frau Lidia, sagt eines Tages Nadine, entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische

Schon gut, Nadine, sprich, Lidia rührt lustlos in ihrem kalten Tee.

Ihre Nachbarin, Viktoria Sie kommt sehr oft rüber. Ich habe gemerkt, wie sie Ihren Mann anschaut, wenn Sie nicht da sind.

Lidia hebt den Blick. Kein Unbehagen, nur leichtes Staunen.

Ach was, Nadine? Viktoria ist verheiratet. Und sie ist meine Freundin.

Verheiratet schon, seufzt Nadine. Aber ihr Mann ist, sagen sie, meist irgendwo unterwegs. Sie ist attraktiv und klug, kann reden und na ja Nadine verstummt.

Und?, Lidia lächelt nachsichtig. Volker ist nicht so einer. Wir sind schon ewig zusammen. Und überhaupt alles ist bei uns in Ordnung. Klar sehen wir uns selten, das ist der Job. Und Viktoria Dann soll sie halt schauen. Volker beachtet sie sowieso nicht.

Nadine will noch was sagen, blickt Lidia aber an und verstummt. Sie schüttelt nur den Kopf und geht abwaschen.

Lidia bleibt am Küchenfenster. Volker ist nicht so, sagt sie sich beim Hinausgehen. Er macht alles für uns.

Sie irrt sich. Die Wahrheit kommt auf hässliche und banale Weise ans Licht. Eines Tages kommt Annika völlig verheult nach Hause.

Mama!, kreischt Annikas Stimme, fast hysterisch. Mama!

Annika, um Gottes willen, was ist los? Hast du dir wehgetan? Wo tut’s weh, zeig mal!

Annika steht im Flur, das Gesicht nass, die Augen rot, ihre Lippen zittern. So hat Lidia die Ältere nicht mehr erlebt, seit sie mit fünf vom Rad fiel und sich das Knie blutig schlug.

Was ist passiert, Schatz?

Die Tochter schnieft, wischt sich die Tränen am Jackenärmel ab.

Ich Leon und ich Sie schluchzt, die Worte bleiben im Hals stecken. Wir wollten im Wäldchen hinter dem Haus ein Lager bauen. Und da stand Papas Auto. Ich dachte, er ist da, wollte ihn rufen

Sie stockt, ihre Schultern beben.

Und dann?

Lidia kennt die Antwort längst, das merkt sie daran, wie Annika schaut ängstlich, schuldbewusst, als ob sie selbst etwas Schreckliches getan hätte.

Papa war da mit Frau Viktoria, sagt Annika, schnell und kaum verstehend, was sie da spricht. Sie haben sich geküsst. Mama, verzeih! Ich wollte nicht spionieren, ich ich hab sie nur gesehen, wie sie

Lidia ist wie erstarrt. Es ist kühl im Flur, doch sie glüht, dann friert sie wieder. Ihr wird schwummerig, sie fürchtet, umzufallen, aber sie hält sich.

Mama?, kommt Annika leise aus der Ferne. Mama, warum sagst du nichts?

Lidia sieht ihre Tochter an. Ihr Kind, das gerade etwas so Wichtiges verloren hat etwas, das nicht wiederkommt.

Ist schon gut, sagt sie mit fremder, hölzerner Stimme. Du bist nicht schuld. Wasch dir das Gesicht. Ich kümmere mich drum.

Annika möchte noch etwas sagen, überlegt es sich anders und rennt die Treppe hoch.

Lidia lehnt sich mit dem Rücken an die Wand. Es rauscht in ihren Ohren. Küssen. Mit Viktoria. Im Wald. Im Auto. Wie ein Teenager, wirklich. Nadine hat sie ja gewarnt!

Dumm, flüstert sie, dumm, dumm …

Volker kommt am Abend. Lidia wartet auf ihn im Wohnzimmer, sitzt am Rand des Sofas wie eine Fremde. Er betritt den Raum wie immer Schlüssel klirren, schwere Schritte. Er sieht sie, bleibt stehen.

Lidia? Du bist noch wach? Was ist passiert?

Setz dich, sagt sie.

Er setzt sich ihr gegenüber, dazwischen der niedrige Glastisch mit einer Obstschale. Sie erinnert sich: Die haben sie vor drei Jahren gemeinsam gekauft. Jetzt erscheint alles bedeutungslos.

Annika kam heute verheult nach Hause, beginnt Lidia. Im Wald sah sie dein Auto. Und euch zwei. Dich und Viktoria. Im Auto.

Volker seufzt. Kein Leugnen, keine Ausflüchte. Er reibt sich das Gesicht und sagt:

Ja.

Lidia sieht ihn an. Keine Tränen, nur kalte Überraschung.

Also stimmt es? Du mit … mit Viktoria …?

Lidia, hör zu Er beugt sich vor, die Ellbogen auf den Knien. Es bedeutet nichts. Wirklich nichts.

Nichts?, wiederholt sie. Fremdgehen im Auto, im Wald, wo dich Nachbarn oder sogar deine Tochter sehen könnten das bedeutet nichts?

Es war nur … Er sucht nach Worten. Eine Dummheit, einfach passiert. Viktoria … wir haben viel geredet, du hast es gesehen. Sie ist interessant, das Gespräch ist leicht, irgendwie ist es passiert. Einmal, wirklich. Kein Verhältnis, keine Liebe. Ich liebe dich, die Familie. Ein Fehler, das war alles.

Lidia sieht einen fremden Mann vor sich. Einen, der sagt, Untreue sei “nur ein Fehler”. Als hätte er nur den falschen Joghurt gekauft.

Und Viktoria? Ist das für sie auch nur ein Fehler?

Volker zuckt mit den Schultern.

Was spielt das für eine Rolle? Ich rede mit ihr. Es hört auf. Lidia, verzeih mir. Ehrlich. Ich war ein Idiot. Du weißt, ich lasse euch nie im Stich. Ihr seid alles für mich.

Ihr seid alles. Früher klang das wie ein Versprechen: im Krankenhaus, als Eva geboren wurde, im Auto beim ersten Hausbesuch, in der Küche, als Lidia nach einer endlosen Reha weinte. Jetzt klingt es leer.

Lidia

Genug! Ich weiß nicht, was ich jetzt damit anfangen soll. Ich ich brauche Zeit.

Sie geht zur Treppe, bleibt dann stehen.

Annika hat dich gesehen. Deine Tochter. Jetzt lebt sie mit diesem Bild. Und das musst du ihr selbst erklären. Ich weiß nicht, wie.

Sie geht in das Schlafzimmer, in dem Eva ruhig schläft. Unten bleibt es still. Volker folgt ihr nicht, sagt nichts weiter. Denkt vielleicht, am Morgen wäre alles vorbei, sie würde verzeihen.

Lidia starrt an die Decke und hört Evas Atem. Die Tränen kommen erst nach Stunden, leise, lautlos, rollen einfach die Wangen ins Kopfkissen hinab. Sie weint nicht um den Verrat. Das kommt morgen. Heute weint sie um Annika dass ihr Kind jetzt weiß, Papas können nicht nur Mama küssen. Und dass die Welt nicht mehr so sicher und richtig ist wie gestern.

Kaum hat sie geschlafen, ruft Eva nach ihr ganz leise, auf ihre Art, unverständlich, aber Lidia versteht sie besser als gesprochene Worte.

Draußen graut der Morgen. Volkers Auto steht nicht mehr da. Lidia macht Eva fertig; Nadine kommt um neun, sieht die Sorgenfalten in Lidias Gesicht.

Geht es Ihnen gut, Frau Lidia? Irgendwas passiert?

Alles gut, Nadine. Bitte schau nach Eva. Ich bin kurz weg.

Natürlich. Aber wohin …?

Sie sagt nicht, dass sie zu Viktoria geht. Nadine würde sie davon abhalten wollen, das will sie nicht. Sie will verstehen, will hören, was Viktoria sagt. Volkers Das bedeutet nichts ist zu wenig für diese schwere Stunde.

Viktoria öffnet nicht gleich. Schließlich klickt der Schlüssel, sie erscheint im seidigen, bordeauxroten Morgenmantel, die Haare wild und schön wie in der Shampoo-Werbung, Gesicht frisch. Sie sieht Lidia neugierig an.

Ach, Lidia, guten Morgen! Was machst du so früh hier? Ist etwas?

Lidia steht im alten Parka, ohne Make-up, mit Augen voller Müdigkeit und merkt, wie klein und erbärmlich sie sich fühlt. Aber jetzt gibt es kein Zurück.

Ich muss mit dir reden, sagt sie.

Viktoria lässt sie eintreten, innen duftet es nach Kaffee und Parfüm. Lidia kennt das Haus, sie war oft hier, aber jetzt fühlt es sich fremd an.

Möchtest du Kaffee?, fragt Viktoria routiniert.

Nein, danke. Es geht um was anderes.

Viktoria dreht sich um, zieht eine Augenbraue hoch.

Um was denn? Na, mach es nicht so spannend.

Lidia ballt die Hände in die Taschen.

Annika hat dich gestern gesehen. Mit Volker. Im Auto. Im Wald.

Einen Hauch lang flackert Unsicherheit in Viktorias Gesicht. Kurz. Dann lächelt sie wieder, locker als spräche man übers Wetter.

Ach, das. Kinder sind so aufmerksam.

Lidia schaut sie an und glaubt kaum, was sie sieht. Kein Unrechtsbewusstsein.

Du zerstörst meine Familie, sagt sie leise. Warum? Du hast doch einen Mann und einen Sohn. Warum Volker?

Viktoria lacht nicht boshaft, eher gönnerhaft, wie ein Erwachsener über ein Kind.

Denkst du wirklich, ich zerstöre etwas?

Was dann?

Das ist das Leben. Sie zuckt mit den Schultern, nimmt einen Schluck kalten Kaffee. Ich kann nichts dafür, dass Männer mich mögen. Und Volker … ist erwachsen. Er entscheidet selbst.

Er hat Familie. Kinder.

Er hat eine Frau, die vergessen hat, dass sie auch eine Frau ist. Viktoria stellt die Tasse ab, sieht Lidia direkt in die Augen. Ich sags dir unter Freundinnen: Schau dich mal an. Zuletzt geschminkt wann war das? Letztes Mal mit Volker ausgegangen? Alles dreht sich um Eva, um Annika, um das Haus.

Lidia schweigt. Die Worte schneiden wie Scherben.

Volker ist ein Mensch, braucht Aufmerksamkeit, braucht Frau. Du bist eine Heldin, ja. Aber ganz ehrlich wen interessiert das auf Dauer? Ich will ihn nicht wegnehmen. Aber vielleicht solltest du dich fragen, warum er woanders sucht.

Lidia dreht sich um, will gehen, bleibt im Flur stehen.

Du hast recht ich muss wirklich viel überdenken. Und ich wünsche dir, dass du mal so etwas über dich hörst. Wenn dein Mann eine findet, die jünger und spannender ist.

Sie geht. Sanft, ohne Türenknallen. Wie jemand, der endgültig Abschied nimmt.

Zu Hause bittet sie Nadine um Hilfe beim Packen.

Frau Lidia, Sie sehen furchtbar aus. Was ist passiert? Wohin wollen Sie?

Wir müssen weg. Die Kinder und ich. Ob für immer oder nur eine Weile, weiß ich nicht.

Nadine stellt keine Fragen. Sie nickt nur und hilft eifrig.

Drei Stunden später sind die Koffer gepackt. Annika kommt mit roten Augen herunter.

Mama, gehen wir weg? Und Papa?

Papa bleibt hier, sagt Lidia ruhig, auch wenn sie innerlich zittert. Wir gehen erst mal in die alte Wohnung. Weißt du noch?

Annika nickt. Ihr Schmerz ist Lidia kaum auszuhalten. Aber sie hält durch. Für ihre Töchter.

Sie laden die Taschen ins Auto, als Volker plötzlich mit dem schwarzen SUV in den Hof fährt. Springt aus dem Wagen, kommt zu ihr gelaufen, packt ihre Hände.

Lidia! Warte! Wohin willst du?

Sie löst sich von ihm, sieht ihn ruhig, müde an.

Wir fahren. Zur Wohnung.

Aber die ist vermietet!

Ich habe schon telefoniert. Der Mieter zieht kurzfristig aus. Wir kriegen sie bald wieder, bis dahin nehme ich was zur Untermiete.

Volker sieht sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.

Lidia, bist du verrückt? Wieso? Lass uns reden, bitte! Es war ein Fehler ich brauche dich, die Kinder brauchen dich. Reiß doch nicht die Familie auseinander!

Ich? Reiß ich die Familie auseinander?, sagt sie bitter. War ich im Wald mit anderer Frau? Habe ich unser Kind zum Weinen gebracht? Ich?

Ich weiß, ich war schuld. Aber was machst du? Ziehst die Kinder raus, lässt das Haus stehen Ist das besser für die Kinder? In einer kleinen Mietwohnung?

Sie brauchen mich, Volker. Und ein Zuhause, in dem ich nicht an dir und den Nachbarn zerbreche.

Ich lasse das! Wirklich, ich beende das! Lidia, bitte verzeih. Lass es uns versuchen.

Er ist ehrlich, schön, reumütig aber Lidia weiß plötzlich: Sie kann ihm nicht glauben. Wenn sie es täte, würde sie ewig misstrauen. Jede Überstunde, jeden Plausch mit Nachbarn analysieren, sich daran aufreiben. Davon wird sie krank, oder zur misstrauischen, unglücklichen Frau, von der Viktoria sprach.

Ich kann nicht mehr, sagt sie leise. Nicht vertrauen und nicht so leben. Und ich will das meinen Kindern nicht beibringen.

Lidia

Wir reden später. Wenn ich kann. Verfolg mich nicht. Ich melde mich, wenn ich bereit bin.

Sie steigt ins Auto. Annika schnallt Eva hinten an, die fröhlich plappert, nicht ahnt, was los ist. Lidia fährt los. Im Rückspiegel steht Volker auf der Einfahrt, die Arme fallen gelassen, starrt ihr nach.

Erst als sie schon weit weg ist, laufen Lidia die Tränen. Annika ist still. Nach einigen Minuten fragt sie leise:

Mama, gehen wir wieder zurück?

Lidia wischt sich mit dem Handrücken über die Wangen.

Ich weiß es nicht, Schatz. Ehrlich das weiß ich nicht.

Die Stadt empfängt sie mit grauem Himmel und nassen Straßen. Im Rückspiegel sieht Lidia ihre Mädchen. Und spürt: Darauf kommt es an. Nicht das Haus, nicht das Auto, nicht der Mann. Ihre zwei Töchter die brauchen sie, ganz. Und das ist jetzt das Einzige, was wirklich zählt.

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Homy
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