Der Anker ist gelöst – Aufbruch in neue Gewässer

Der Anker ist gelichtet
November kam in jenem Jahr ohne Vorankündigung. Nicht allmählich, wie es sonst der Fall ist, wenn erst die Kastanien im Hof gelb werden, dann die Nächte kühler, schließlich die Regenfälle länger und dunkler. In jenem Jahr landete der November plötzlich, in einem einzigen Tag: Ich erinnere mich daran, wie sich Annalena Gertrud Hoffmeister an einem Donnerstagmorgen um kurz nach sechs aus dem Bett schälte, aus dem Fenster sah und schon alles vorfand, was sie nicht ausstehen konnte ein grauer Himmel, nasser Asphalt, Bäume, als hätte jemand sie restlos ausgewrungen.

Sie war siebenundvierzig Jahre alt. Siebenundvierzig und stand in Küchenpantoffeln am Herd, rührte in einem Topf Hühnersuppe, während ich im Nebenzimmer, im Arbeitszimmer, ein geschäftliches Telefonat führte. Mein Tonfall war niedrig und bestimmt, genau so, wie ich mit Kunden, Geschäftspartnern oder manchmal meinem Vorgesetzten zu sprechen pflegte. Mit ihr sprach ich anders weicher, knapper. Manchmal gar nicht.

Die Suppe war wie immer. Annalena schnitt die Karotten in kleine Würfel, weil ich keine großen Stücke mochte, achtete darauf, dass die Kartoffeln nicht überkochten, und dachte daran, nachher noch meine Hemden aus der Waschmaschine in den Trockner zu legen. Ich mochte helle, aus Baumwolle die durfte man nicht knittern lassen. Das wusste sie so sicher wie das Einmaleins.

Ich war zweiundfünfzig, kaufmännischer Leiter bei BauInvest München. Der Job war in Ordnung, das Geld anständig, Dienstreisen selten. Annalena führte meinen Haushalt bereits acht Jahre lang: Erst half sie, dann übernahm sie alles, irgendwann nahm sie gar nicht mehr wahr, dass sie es alleine tat. Es geschieht manchmal schleichend: Du nimmst ein kleines Stück vom Leben eines anderen, dann ein weiteres, dann schaust du dich um und stellst fest, dass von deinem eigenen fast nichts mehr übrig ist.

Früher arbeitete sie im Finanzwesen, leitende Buchhalterin einer kleinen Kanzlei, machte dann Fortbildungen zur Steuerberatung, las Fachzeitschriften. Doch als wir zusammenzogen, musste sie erst die Stunden reduzieren wegen meiner Dienstreisen , dann schließlich kündigen: Ich wurde befördert, wir zogen nach Haidhausen, ihre alte Arbeit war zu umständlich zu erreichen. Annalena versprach sich, sie würde bald was Näheres finden. Es fand sich nichts. Unbemerkt verging erst ein Jahr, dann zwei, dann wusste sie gar nicht mehr, wohin und wofür sie zurückkehren sollte.

Das Telefonat war vorbei. Annalena stellte die Hitze ab, deckte den Topf zu. Ich trat in die Küche, stellte mich an den Kühlschrank. Nicht wie sonst keine Tasse gegriffen, nicht hingesetzt. Ich stand einfach da, sah sie an.

Sie drehte sich zu mir um.

Dieser Ausdruck in meinem Gesicht sie hatte ihn selten gesehen, aber er bedeutete stets etwas Grundlegendes. Keine Wut, nein. Eher Entschlossenheit, die immer unangenehmer war als Ärger.

Anna, wir müssen reden.

Die Suppe ist in zehn Minuten fertig.

Es geht nicht um die Suppe.

Sie legte den Löffel ab, sah mich an. Draußen klebte das Licht der Straßenlaterne als gelber Fleck am nassen Fensterglas.

Ich höre, sagte sie.

Ich schwieg einen Moment, baute meine Worte wie Backsteine auf.

Ich gehe. Nicht auf Dienstreise. Für immer.

Aus dem Topf gluckerte es leise.

Verstehe, sagte sie ruhig.

Du verstehst nicht. Ich muss es erklären.

Du musst nichts.

Anna, es ist besser für uns beide, wenn ich offen bin. Du bist für mich… ein Anker. Weißt du, was ich meine? Nicht im schlechten Sinne, du bist ein guter Mensch…

In welchem Sinn ist ein ‘Anker’ nicht schlecht?

Ich kam ins Stocken.

Du hältst mich fest. Ich entwickle mich nicht. Hier ist immer alles gleich: Suppe, Hemden, Krimi im Fernsehen, deine Frage, wie mein Tag war.

Und das ist schlecht?

Das ist nicht das, was ich will, Anna. Ich brauche einen anderen Wind. Ein anderes Level.

Sie blickte weiter auf den Lichtfleck, dann zu mir.

Ein anderes Level, wiederholte sie.

Es gibt da jemanden. Du kennst sie nicht.

Eine Kollegin?

Ja. Sie macht Investments. Klug, aktiv. Wir…

Genug, sagte sie leise.

So meinte ich das alles nicht.

Aber so ist es.

Du hast keine Schuld. Ich habe mich verändert. Ich brauche etwas Anderes.

Du hast es gesagt. Anderer Wind, anderes Level, andere Person. Wann holst du deine Sachen?

Ich stutzte. Mit einer so pragmatischen Reaktion hatte ich nicht gerechnet.

Ich dachte am Wochenende. Wenn es dir recht ist.

Mir ist es morgen lieber. Ich bin zwischen drei und fünf im Supermarkt. Den Schlüssel lass auf dem Regal.

Anna…

Die Suppe schalte ich gleich aus. Bediene dich.

Sie trocknete sich die Hände, verließ die Küche, ging ins Schlafzimmer. Leise schloss sie die Tür, setzte sich aufs Bett. Der Raum war gleich geblieben Nachttische, Stehlampe, mein Jackett über dem Stuhl und doch verschoben sich die Dinge, als wäre alles einen halben Zentimeter gerückt und passte nicht mehr. Sie saß lange dort, Hände auf den Knien. Es war nicht schmerzhaft, mehr ein bleischweres, kaltes Gefühl, als hätte sie stundenlang draußen gegen den Wind gestanden. Keine scharfe Traurigkeit. Mehr dumpfe Schwere.

Nichts war aus der Küche zu hören. Später fiel die Tür ins Schloss.

Sie weinte nicht. Mit siebenundvierzig weint man nicht mehr.

Am nächsten Morgen stand Annalena um halb sieben auf, wusch sich, kochte Kaffee und trank ihn am Fenster. Der Hof war leer, nass. Ein Taube hockte auf der Sandkastenbegrenzung und starrte in eine Pfütze, als ob auch sie nachdächte. Annalena schaute lange zu.

Dann spülte sie Geschirr gründlich, jedes Stück mehrfach, prüfte jede Tasse. Meine Lieblingskaffeetasse, groß, dunkelblau mit weißem Schriftzug, stand abseits. Die Schrift nur noch teilweise lesbar. Annalena drehte sie in den Händen, stellte sie dann zu den anderen zurück.

An diesem Tag ging sie nicht wie geplant von drei bis fünf einkaufen. Sie blieb daheim, saß im Sessel im Wohnzimmer, starrte auf die Wand. Es war dieses Einbetonieren, wenn der Schmerz schon zu einer soliden Masse geworden ist. Gedanken liefen im Kreis acht Jahre, Suppe, Hemden, Anker, anderes Level, anderer Wind.

Am Abend kam eine stille Wut. Kein lautes, kein bitteres Gefühl, sondern wie heiße Kohle, die stundenlang glimmt.

Freitag holte ich meine Sachen. Annalena war nicht da sie war absichtlich zu einer Freundin, Katja, gefahren, die sie eineinhalb Jahre nicht gesehen hatte. Katja reichte Tee und Kuchen, sah sie lange an und sagte: Erzähl.

Nicht jetzt, sagte Annalena.

Wann dann?

Wenn es was zu erzählen gibt.

Katja fragte nicht weiter. Sie redeten stattdessen über Katjas Kinder, Renovierung und den neuen Markt in Schwabing mit Bauernkäse. Beim Gehen umarmte Katja sie: Melde dich, ja?

Mach ich, antwortete Annalena.

Zuhause lag der Ersatzschlüssel auf dem Regal. Annalena nahm ihn, hielt ihn in der Hand, legte ihn in die Schreibtischschublade. In ihrem Schlafzimmer war das Jackett weg. Auf seiner Seite der Nachttisch leer, nur der dunkle Abdruck der Lampe blieb.

Sie sah den Abdruck kurz an.

Ging dann in die Küche und warf die dunkelblaue Tasse weg.

Die folgenden Wochen lebte sie im Genug-Modus: genug essen, genug schlafen, wenigstens einmal täglich rausgehen. Mehr nicht. Alles lief auf Sparflamme, sie wusste nicht, ob sie wütend oder versöhnlich, verzeihend oder hart bleiben wollte. Die Fragen schienen aus einem fremden Leben.

Aber sie begann, Sachen auszusortieren: Zuerst meine letzten Überbleibsel, ein paar vergessene Bücher, ein alter Regenschirm, Werkzeug im Badezimmerunterschrank. Dann kam ihr eigenes dran Kisten vom Dachboden, Aktenordner. Dort unter ausrangierten Rechnungen und Zeitschriften fand sie ihre Arbeitsskripte wieder: Drei dicke Hefte, sorgfältige Notizen Finanzanalystenkurse, steuerrechtliche Mitschriften, Beispiele für Berichte.

Sie schlug ein Heft auf. Die Lesezeichen waren beim Thema offene Forderungen: Wenn Firmen prüfen, wieviel ihnen wirklich zusteht und welche Forderungen nur auf dem Papier existieren. Annalena las ihre eigenen Notizen der Schrift klar, sachlich, ohne Schnörkel, fast fremd. Oder eben vertraut: Sie selbst nur von früher.

Sie schloss das Heft. Stellte es ins Regal. Ging schlafen.

Nachts dachte sie an Geld ihr eigenes. Es war nicht viel. In all den gemeinsamen Jahren hatte ich alles bezahlt; sie kümmerte sich ums Haus. Geld für Kleinigkeiten hatte sie, aber einen eigenen Verdienst seit sechs Jahren nicht mehr. Die Wohnung war ihr, von der Mutter geerbt, das war stabil. Aber leben musste man wovon.

Am Morgen holte sie die Hefte vom Dachboden, breitete sie auf dem Tisch aus, öffnete den Laptop. Sie tippte als erstes in die Suchleiste: Voraus­setzungen Finanzprüfer 2024 Deutschland.

Die Branche hatte sich stark verändert. Neue Standards, neue Gesetze, Programme, die es früher nicht gab. Annalena sah den Abstand zwischen ihrem Wissen und dem, was nun gefordert wurde groß, aber keine Kluft.

Sie meldete sich für einen dreimonatigen Fortbildungskurs an abends online, drei- bis viermal die Woche. Ende November begann sie, als Buchhalterin in einer kleinen Firma zu arbeiten bescheidener Lohn, einfache Aufgaben, aber Praxis.

Katja rief Anfang Dezember an.

Wie läufts?

Ich arbeite.

Wo?

Nicht wichtig. Später mehr.

Wie gehts dir? Nicht nur beruflich.

Annalena überlegte.

Ich bin beschäftigt, sagte sie. Und das hilft.

Der Alltag war ernst. Sie stand um halb sieben auf, war ab acht Uhr bei der Arbeit, bis sechs Uhr Akten, abends lernte sie. Um halb eins legte sie sich ins Bett, schlief schlecht, Zahlen und Begriffe schwirrten weiter. Sie nahm vier Kilo ab, weil sie Essenszeiten verpasste. Manchmal saß sie am offenen Kühlschrank, aß trockenes Brot, während sie am Lehrstoff arbeitete früher undenkbar. Früher dachte sie an meine Suppe.

Doch das war nun nüchtern, wie eine Zeile in der Bilanz.

Im Januar bestand sie ihre erste Zwischenprüfung im Kurs: einundneunzig von hundert Punkten. Der Dozent schrieb: Solide Grundlage, Berufserfahrung erkenntlich. Annalena las es zweimal es war die erste Bewertung seit Langem, die sich nicht auf Haus, Küche oder Kaffeeholerei bezog, sondern auf Arbeit.

Sie druckte es aus, heftete es an die Wand über den Tisch.

Im Februar begannen Schwierigkeiten in der kleinen Firma: Der Chef hatte Streit mit dem Vermieter, das Aus war absehbar. Annalena wartete nicht ab, schrieb eine neue Bewerbung: Die sechsjährige Lücke verschwieg sie nicht, beschrieb sie Familienbedingte Pause, berufliche Neuorientierung, aktuell Fortbildung in Finanzanalyse und Audit. So war es.

Das erste Bewerbungs­gespräch verlief schlecht. Sie wurde direkt auf die Lücke angesprochen, antwortete ehrlich, bekam eine Woche später höflich eine Absage.

Das zweite Gespräch lief besser. Es ging eher um praktische Aufgaben. Annalena antwortete mit Beispielen, Zahlen. Ihr wurde eine Stelle als Finanzanalystin bei Horizont-Kapital in München angeboten drei Monate Probezeit, Gehalt doppelt so hoch wie bisher.

Sie sagte zu.

Horizont-Kapital verwaltete Vermögen sie investierten in Unternehmen, prüften, ob man mehr draus machen, verkaufen oder sanieren sollte. Annalena kam in die Finanzkontrolle. Ihr Chef: Herr Dr. Dieter Runge, ein Mann um die fünfundvierzig, wortkarg, knapp, lobte nie ohne Grund.

In der ersten Woche machte sie zwei Fehler in Berechnungen, bemerkte sie aber rechtzeitig selbst. Runge registrierte das.

Prüfen Sie Ihre Zahlen immer?

Immer.

Gute Angewohnheit, sagte er und ging.

Das zählte sie ihm an.

Die Arbeit war herausfordernd, aber so, dass sie wuchs wie beim Aufstieg im Gebirge die Müdigkeit war produktiv. Jeden Tag lernte sie: neues Analysetool, Modell, Reportingstandard. Der Fortbildungskurs und die Arbeit griffen ineinander; oft half die Praxis abends und das Theoretische am Morgen.

Schlaflose Nächte wurden zur Regel. Sie kämpfte nicht mehr dagegen. Wenn sie um zwei nicht schlafen konnte, stand sie auf, lernte, ging später wieder ins Bett.

Im Februar rief ich einmal an. Sie sah meinen Namen am Handy, zögerte, ging dann ran.

Hallo?

Anna. Wie geht es dir?

Gut. Was gibts?

Nichts. Ich wollte nur hören…

Hast du gehört. Mir gehts gut.

Arbeitest du?

Ja.

Freut mich.

Dieter, ich bin beschäftigt. Tschüss.

Sie legte auf. Dann öffnete sie ihren Laptop.

Im März bestand sie die Abschlussprüfung des Kurses: sechsundneunzig von hundert Punkten. Sie druckte das Zertifikat aus, legte es zum ersten. Ein Fortschritt, klein, aber stetig.

Zwei Wochen vor Turnusende wurde sie schon fest übernommen. Runge: Frau Hoffmeister, Sie werden zum Ersten unbefristet eingestellt, Gehalt nach neuer Stufe.

Danke.

Arbeiten Sie weiter so.

Annalena tat das.

Im April dachte sie schon nicht mehr täglich an mich. Gelegentlich fiel ihr auf, dass sie mich seit Tagen nicht mehr im Kopf gehabt hatte, wie man feststellt, dass es schon lange nicht mehr geregnet hat. Ich war wie eine alte, umgeblätterte Tagebuchseite vorhanden, der Alltag aber inzwischen anderer.

Die Wut blieb, aber sie hatte eine neue Form glatt, solide, unaufdringlich, saß irgendwo unterm Brustkorb, als Kraftreserve. Sie nutzte diese Energie zielstrebig: Wann immer sie Aufgeben wollte, meldete sich die Wut und schob sie voran.

Im Sommer stand eine große Umstrukturierung bei Horizont-Kapital an, mit neuen Positionen, unter anderem die des leitenden Analysten. Runge besprach es mit ihr:

Sie wollen mehr Verantwortung?

Ja.

Sie sind sicher?

Schon entschieden.

Er nickte.

Bereiten Sie eine Präsentation zum Westfälische Projekte-Portfolio vor. Sie haben eine Woche. Vorstandssitzung.

Vier Nächte arbeitete sie daran, je präziser, desto besser. Drei Varianten, jede Version klarer, gezielter. In der Nacht davor prüfte sie nochmal alles.

Morgens, mit grauem Blazer, brachte sie die Unterlagen zum Vorstand. Zwanzig Minuten Vortrag, vierzig Fragen. Sie schlug sich ohne Notizen, kannte alle Zahlen auswendig. Ein älteres Vorstandsmitglied scharf beobachtende Augen stellte drei rasche Fragen. Sie beantwortete sie direkt.

Nach der Sitzung sprach er leise mit Runge, der sie nur ansah, dann nichts sagte.

Drei Tage später erhielt sie die Position als leitende Analystin.

Im Herbst wurde bei Horizont-Kapital ein strategisches Übernahmeprojekt angekündigt. Ziel: unter anderem kleinere Münchner Bau- und Entwicklungsfirmen, die in finanziellen Schwierigkeiten steckten. Annalena analysierte mehrere Kandidaten.

Eine davon: BauInvest München.

Sie entdeckte den Firmennamen. Stockte kurz, las dann weiter.

BauInvest München stand schlecht da. Annalena prüfte die Zahlen nüchtern, sorgfältig. Die Schuldenlast stieg, Umsatz sank, Kunden waren abgewandert. Das Management hatte Fehler gemacht: Fehlbesetzungen bei Projekten, schlechte Konditionen bei Krediten, gescheiterte Akquise. Die Firma lebte noch, taumelte aber dem Abgrund entgegen.

Annalena legte eine sachliche Analyse vor und empfahl die Übernahme.

Runge blickte auf.

Sind Sie sicher?

Ja. Die Kernwerte passen. Das Problem ist das Management. Bei Führungswechsel und richtiger Umstrukturierung: Rentabilität in acht bis zehn Monaten möglich.

Gut. Erstellen Sie das Integrationskonzept.

Im Oktober gab der Vorstand grünes Licht, im November war der Deal durch. Annalena war inzwischen stellvertretende Leiterin für Finanzkontrolle und wurde Ende Oktober, nachdem der Vorgänger eine neue Position erhalten hatte, auf Vorschlag von Runge zur Vizepräsidentin berufen.

Das Gespräch dazu war kurz:

Frau Hoffmeister, Sie wissen, was das heißt: andere Dimension, Verantwortung, andere Menschen, die Sie beobachten.

Ja.

Und?

Ich bin bereit.

Runge sah sie lange an.

Dachte ich mir.

Das Büro der Vizepräsidentin lag im achten Stock: große Fenster mit Blick über die Stadt. An ihrem ersten Tag im neuen Amt regnete es. Novemberregen, wie damals als hätte die Zeit einen Kreis gezogen und alles doch verändert.

Annalena legte die Unterlagen auf den Tisch, setzte sich, startete den Laptop.

Viel Arbeit lag an.

Die Integration von BauInvest München bedeutete, dass das Personal neu zugewiesen oder reduziert werden musste, Führungsetagen austauscht wurden. Annalena organisierte dies mit dem HR.

Ende November, genau ein Jahr nach jenem Abend mit der Suppe, rief die Sekretärin durch:

Frau Hoffmeister, Herr Braun möchte Sie sprechen. Persönlich, kein Termin.

Annalena spielte mit dem Stift.

Bitte für heute um 15 Uhr eintragen. Soll warten.

Ja, Frau Hoffmeister.

Sie blickte hinaus. Zwei Tage schon Regen, der Wind bog die kahlen Äste.

Um drei Uhr klopfte es.

Er hatte sich verändert. Ich war kleiner geworden nicht körperlich, aber meine Präsenz war geschrumpft; meine Schultern füllten das Jackett nicht mehr. In meinem Gesicht lag Erschöpfung, die kein Schlaf herauswäscht und Unsicherheit, wie sie mich früher nie prägte.

Hallo, Anna.

Guten Tag, Herr Braun. Bitte Platz nehmen.

Ich setzte mich, schaute erst auf den Tisch, dann auf sie.

Du arbeitest hier.

Ja.

Ich wusste nicht

Schon gut. Was wollen Sie?

Ich rang um Fassung, verschränkte die Finger. Früher hätte ich das nie getan.

Anna, ich… das klingt jetzt vielleicht merkwürdig. Ich wurde vor drei Wochen im Zuge der Integration entlassen. Ich weiß nicht, wer die Personalauswahl…

Ich.

Pause.

Verstehe.

Fahren Sie fort.

Ich bitte um eine Stelle. Irgendeine. Mir ist klar, nicht wie vorher. Aber ich kenne die Bauwirtschaft, kann nützlich sein. Ich bitte um eine Chance.

Sie sah mich ruhig an, keine Gefühlsregung. Ich sprach sachlich, das rechnete sie mir an.

Wie gehts Jana?, fragte sie.

Ich schwieg.

Wir haben uns im August getrennt.

Ich wusste es. Es ist nicht der Grund für Ihre Anfrage.

Nein.

Annalena schlug die Stellenliste auf: Es gab eine Vakanz als leitender Projektsachbearbeiter, geringeres Gehalt, vier Monate Probezeit.

Wir haben diese Stelle, sagte sie ruhig. Das Gehalt ist etwa halb so hoch wie früher, im Erfolgsfall ist eine Anpassung möglich. Bringen Sie die Unterlagen morgen bis zwölf zur Personalabteilung, Frau Karina Huber ist zuständig. Ich entscheide nicht persönlich, das läuft standardmäßig.

Ich sah sie unsicher an.

Meinen Sie das ernst?

Ich bin immer ernst.

Anna…

Frau Hoffmeister, bitte.

Ich akzeptierte das, nickte.

Frau Hoffmeister. Ich nehme an.

Gut. Dann bis morgen.

Ich stand auf, wollte gehen, drehte mich noch einmal.

Du hattest Recht damals. Ich war ungerecht.

Sie legte den Stift ab.

Sie sagten, ich sei ein Anker. Wissen Sie stimmt. Ein Anker verhindert Wachstum. Ich habe keinen Anker mehr. Wie Sie sehen.

Ich schwieg. Ging hinaus.

Sie saß noch eine Minute da, vielleicht zwei, schloss die Akte, sah die Nachrichten durch: eine Einladung des Investmentpartners zu einem Treffen nächste Woche. Sie schrieb zurück: Mittwoch, elf Uhr bestätigt.

Sie legte das Handy weg, zog den Mantel an, nahm die Tasche.

Karina, ich bin für heute durch. Wenn Herr Braun morgen kommt, bitte zu Frau Huber bringen.

Natürlich, Frau Hoffmeister. Brauchen Sie noch etwas?

Nein. Guten Abend.

Der Aufzug brachte sie ins Erdgeschoss. Sie trat hinaus durch die Glastür.

Draussen regnete es nicht mehr.

Der Himmel über München war blass, fast weiß typischer November, wenn die Sonne tief steht. Lange Schatten von den Laternen und Bäumen fächerten über den Gehweg. Annalena stand auf der Treppe. Die Luft war kalt, aber klar. Sie atmete tief ein, dann noch einmal.

Ein Wagen bog um die Ecke. Dann war es still.

Sie ging über den Parkplatz zum Auto, die bestätigte Mittwochbesprechung im Handy. In Gedanken sortierte sie schon die Fragen für den neuen Deal: Struktur, Schulden, Personal. Es war eine gute Arbeit ihre Arbeit.

Sie setzte sich, legte die Tasche auf den Nebensitz.

Das helle, blasse Novemberlicht spiegelte sich schemenhaft in der Windschutzscheibe. Annalena schaute einen Moment. Dann drehte sie den Zündschlüssel.

Heute habe ich verstanden: Manchmal ist das Leben ein Hafen, manchmal ein offenes Meer. Ein Anker kann Sicherheit geben oder Stillstand bedeuten. Ich habe gelernt, ihn zu lichten, auch wenn es schwerfällt.

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Homy
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