Kein Geld fürs Essen? Dann pack mit an! Wie lange willst du noch auf Kosten anderer leben? Heute wurde ich gekündigt, aber mit ausgestreckter Hand stehen kommt für mich nicht in Frage.

Ein Linienbus in Berlin. Die Fahrgäste sitzen wie Sardinen aneinander, jeder glotzt auf sein Handy oder zum Fenster hinaus, die meisten tun so, als wären sie auf einer einsamen Insel. Draußen gießt es wie aus Eimern. An einer Haltestelle steigt plötzlich ein Obdachloser zu. Obwohl er höchstens fünfzig ist, sieht er aus, als hätte er schon mit Goethe kegeln gespielt. Ein Geruch legt sich wie eine unsichtbare Decke über den gesamten Bus sagen wir mal so, nach Parfüm duftet es definitiv nicht. Seine Kleidung könnte ein Eigenleben führen.

Leute, habt ihr ein Herz? Könnt ihr mir etwas Kleingeld fürs Brot geben? Seit drei Tagen nichts gegessen, ruft er mit einer Stimme, die durch Mark und Bein geht.

Die meisten Fahrgäste reagieren wie wahre Meister im Ignorieren: Blick noch tiefer ins Handy versenkt, unschlagbare Pokerfaces. Einige wühlen aber verlegen in ihren Portemonnaies, als würden sie plötzlich nach verlorenen Schätzen suchen.

Plötzlich fährt ein anderer Fahrgast auf und ruft durch den Bus:
Kein Geld fürs Essen? Dann such dir halt Arbeit! Wie lange willst du noch von anderen leben? Stell dir vor, ich wurde HEUTE gekündigt! Ich stehe auch nicht bettelnd hier, hab einen Kredit für meine Wohnung laufen und trotzdem lass ich mich nicht hängen!

Der Mann sieht ziemlich energisch und ordentlich aus mit ordentlicher Jacke und Aktentasche. Der Obdachlose schaut beschämt zu Boden, kramt mit seinen schmuddeligen Händen in den Taschen. Er zieht ein paar zerknitterte Scheine hervor wahrscheinlich sein ganzes Vermögen und reicht sie überraschend dem Empörten.

Hier, nimm du brauchst es wohl nötiger als ich. Mir helfen die guten Leute schon weiter. Die Welt ist voller freundlicher Menschen, sagt er mit einem schiefen Lächeln.

Er dreht sich um, will den Bus verlassen. Der Mann mit der Aktentasche springt hinterher, will dem Obdachlosen das Geld wieder in die Hand drücken. Alle steigen aus ihrer Gleichgültigkeit auf und beobachten die Szene mit offener Neugier, als fände ein Straßenmusical statt.

Als der Bürohengst den Obdachlosen fast einholt, versucht er irgendeine wichtige Lebensweisheit loszuwerden. Doch der Obdachlose lacht leise, winkt ab und lehnt das Geld ab.

Weißt du, das Leben kann ganz schön schön sein. Es gibt so viele gute Menschen da draußen. Genieße einfach jeden Moment, auch wenns zwischendurch regnet, philosophiert er, als hätte er Kant persönlich gekannt.

Der feine Herr bleibt wie versteinert auf der nassen Straße stehen, die Tränen kullern ihm über die Wangen. Offenbar hatte dieses kleine Schauspiel in der BVG-Bahn mehr Eindruck hinterlassen als jeder Motivationsworkshop. Er hält das zerknitterte Bargeld fest, als wäre es das Wertvollste der Welt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Kein Geld fürs Essen? Dann pack mit an! Wie lange willst du noch auf Kosten anderer leben? Heute wurde ich gekündigt, aber mit ausgestreckter Hand stehen kommt für mich nicht in Frage.
Nein, Mama. Ich komme nicht. Alles, was ich brauche, kaufe ich im Geschäft. – Aber… aber, wie soll das gehen? Vorräte! Vitamine!