Mein Mann brachte einen wütenden Jungen mit nach Hause.

Ihr Mann brachte einen verstockten Jungen nach Hause.

Als Thomas von der Arbeit heimkam, schloss er mit finsterer Miene die Tür und warf seine Schlüssel aggressiv auf die Anrichte. Irene, seine Frau, zuckte kurz zusammen, schwieg aber und rührte weiter die Spaghetti, die auf dem Herd vor sich hin köchelten. Sie konnte an seinem Gang schon erkennen, in welcher Stimmung er war. Heute war sein Schritt schwer, fast dröhnend.

Sag mal, bist du taub geworden? schmetterte Thomas, noch immer in seiner dicken Jacke, während er in die Küche stapfte.

Was gibts denn zu sagen? Möchtest du essen? Irene deutete mit einem leichten Nicken auf den Topf.

Lass das mal mit dem Essen, ich muss mit dir sprechen. Thomas ließ sich auf den Küchenstuhl fallen, der unter seinem Gewicht bedrohlich knackte. Heike hat mich heute angerufen.

Ein eiskalter Schauer lief Irene über den Rücken, doch sie ließ sich nichts anmerken. Heike dieses Kapitel war abgeschlossen, ein dunkler Abschnitt, über den sie ungern sprach. Seine Ex-Freundin, die Mutter seines unehelichen Sohnes.

Was will sie denn diesmal? Geld? Gestern hast du doch erst Überweisung gemacht, für Felix Schulsachen.

Die Überweisung… ja, Thomas kratzte sich verunsichert am unrasierten Kinn. Es geht nicht ums Geld. Sie heiratet jetzt irgendeinen Timur vom Autohandel. Und sie ist schon schwanger.

Na Gott sei Dank, Irene verstand nicht, warum ihr Mann so bedrückt war. Sollen sie doch glücklich werden. Betrifft uns ja nicht.

Thomas hob den Blick. Seine Augen sahen kleinlaut aus, fast wie die eines geprügelten Hundes.

Sie will Felix abschieben. Zu ihrer Mutter nach Weimar. Und sie meint, wenn ich ein echter Mann wäre, sollte ich meinen Sohn zu mir holen.

Man hörte den Fernseher der Nachbarskinder durch die Wand. Irene erstarrte, schaute ungläubig ihren Mann an. Die Spaghetti vergaß sie sie brannten langsam am Boden an.

Sag mal, spinnst du? Welcher Sohn? Steht er im Familienbuch? Sie hat damals doch ein X hingemalt! Das ist nicht mal offiziell dein Sohn! Biologische Kollision vielleicht.

Irene, musst du gleich so grob werden? Thomas verzog das Gesicht wie nach einem Bissen Zitrone. Es ist trotzdem mein Fleisch und Blut. Der Junge wächst ohne Vater auf.

Und was hab ich damit zu tun?! Endlich platzte Irene der Kragen. Sie schleuderte den Kochlöffel gegen den Herd, die Sauce spritzte. Was ist mit Mia? Die ist vier! Wo soll er schlafen? Wir haben eine Zwei-Zimmer-Wohnung, sie sollen sich eins teilen? Du weißt nicht, wie Jungs in dem Alter sein können, besonders so einer, der wie ein Wildwuchs aufgewachsen ist! Heike hat ihn doch überall hin gekarrt: mal zur Oma, mal zur Tante, nur nicht zu sich!

Red nicht so über den Jungen! Thomas sprang auf und baute sich vor ihr auf wie ein Fels. Er kann doch nichts für seine Mutter. Die Oma ist völlig überfordert. Felix braucht einen Vater.

Und Mia? Interessiert dich gar nicht? Irenes Stimme überschlug sich fast vor Zorn. Sie ist vier, braucht ihren Schutzraum. Jetzt soll da dieses fremde 9-jährige Kind rein? Wir haben kein Geld, du rackertest, wir stemmen die Kreditrate, ich bezahle den Kindergarten, und dein Wagen gibt langsam auch den Geist auf! Woher nimmst du das Geld?!

Ich such mir einen Nebenjob, murmelte Thomas und sackte wieder auf den Stuhl.

Super. Dann bist du ganz weg, und ich sitze mit zwei Kindern allein hier. Danke, du bist echt großzügig. Siehst du mich als Putzfrau, die einfach alles schluckt?!

So ist es nicht, du bist meine Frau. Er versuchte vergeblich, sie zu umarmen. Irene wich aus. Was soll ich machen, Irene? Es ist mein Junge. Wenn ich ihn im Stich lasse, kann ich mich selbst nicht mehr respektieren.

Und mich? Wirst du mich respektieren, wenn ich die Scheidung einreiche? Ehe sie wusste, was sie sagte, brachte sie es heraus.

Thomas blieb wie eingefroren, sein Blick schwer und durchdringend.

Red keinen Unsinn. Uns gehts gut, sagst du doch immer.

Bisher war alles gut. Wenn du das durchziehst, kannst du dich auf Ärger einstellen. Es gibt Alternativen unterstütz die Oma mit Geld! Lass den Jungen da!

Die Oma ist alt, sie lebt nicht ewig. Dann landet er im Heim. Ist das besser?

Und bei uns wird er glücklich? In einer Zwei-Zimmer-Wohnung, mit einer fremden Frau und kleinem Mädchen? Da dreht er doch vollends durch und wir auch!

Wir geben ihm ein Zuhause, Liebe!

Als Thomas dies sagte, hätte Irene ihm am liebsten einen Teller über den Kopf gezogen. Ach, Liebe. Und wenn er Mia schlägt? Oder Sachen klaut, sie beleidigt? Du kennst ihn doch gar nicht! Und wenn er… psychisch krank ist?

Jetzt übertreib mal nicht! Thomas Geduld war am Ende.

Das ist Realität! Irene presste die Lippen zusammen. Fazit: Du kriegst mein Ja nicht.

Brauche ich auch nicht. Es ist mein Sohn, sagte Thomas eiskalt.

Irene wich zurück, als hätte sie einen Schlag bekommen. Also war das schon beschlossen.

Nicht mal fragen willst du mich? Dann merk dir eins: Wenn der Junge hier einzieht, schlafe ich nicht mehr mit dir in einem Bett. Und um ihn kümmerst du dich selbst! Mia und ich wir machen unser eigenes Ding.

Irene, bitte, jetzt dreh nicht durch. Wir sind doch Familie!

Waren es bis du auf die Idee kamst, deinen Bastard zu uns zu holen. Entweder ich und Mia, oder dein ungeliebter Sohn.

Das ist unfair, flüsterte Thomas. Du gibst mir die Pistole auf die Brust.

Und du handelst wie der letzte… Irene stoppte, denn ins Zimmer tapste Mia.

Mama, Papa, warum streitet ihr?

Alles gut, Liebling geh spielen. Irene nahm ihre Tochter auf den Arm und verschwand im Schlafzimmer. Sie lehnte sich gegen die Tür, Mia fest an sich gedrückt, und lauschte, wie Thomas mit Geschirr klapperte. Der Gedanke, bald würde dieser fremde Junge in ihrer kleinen Wohnung leben, löste in ihr Panik aus. Sie sah ihn vor sich: wie er auf ihrem Sofa hockte, den Fernseher bediente, aus ihren Tellern aß, ihr Badezimmer benutzte… und sie hasste Thomas in diesem Moment. Wie sollte sie diesem sturen Kerl das nur ausreden?

Der nächste Monat war ein einziger Albtraum. Thomas rannte von Behörde zu Behörde, ließ einen Vaterschaftstest machen, besorgte Unterlagen, traf sich mit Heike.

Irene sprach mit ihm nur noch das Notwendigste, schlief demonstrativ mit dem Gesicht zur Wand und wich jeder Berührung aus.

Sie hoffte, er würde aufgeben. Stattdessen wurde Thomas umso verbissener. Er plante bereits um: Mias Hochbett sollte Felix bekommen, Mia sollte zur Not aufs Schlafsofa (Die ist klein, das passt schon). Irene wollte ihn ersticken in dieser Nacht.

Am Tag, als Thomas Felix abholte, ging Irene mit Mia extra lange im Stadtpark spazieren. Fahrten auf dem Karussell, Zuckerwatte, Hauptsache, sie kamen spät heim. Vielleicht schlief der Junge ja dann schon. Vielleicht würde Thomas merken, was er tat.

Pustekuchen.

Sie öffnete die Tür. Im Flur stand eine dreckige Sporttasche, daneben abgetretene Turnschuhe. Aus der Küche roch es nach Bratkartoffeln.

Mia flitzte ahnungslos in die Küche und stoppte abrupt.

Irene betrat die Küche mit pochendem Herzen.

Am Tisch, auf Irenes Platz, saß ein magerer, kurzgeschorener Junge in einem alten Billig-Shirt und durchgewetzten Jogginghosen. Der blickte nur auf seinen Teller, auf dem sich ein Riesenberg Kartoffeln und ein Schenkel gebratener Hähnchen türmte.

Thomas strahlte. Da sind meine Mädels! Felix, das ist Irene, meine Frau, und Mia, deine Schwester.

Der Junge hob kurz den Kopf, eiskalt, wie ein Tier in der Falle. Kein Gruß, kein Lächeln. Schweigend schob er das Essen in sich.

Guten Abend, sagte Irene frostig. Lasst es euch schmecken.

Setzt euch doch zu uns, flehte Thomas. Felix, hast du nicht etwas zu sagen?

Felix schwieg, kaute unbeeindruckt weiter. Mia versteckte sich hinters Bein ihrer Mutter.

Er ist von der Reise völlig fertig, rechtfertigte Thomas sich.

Irene brachte Mia ins Kinderzimmer. Die Tür schloss sie fest hinter sich.

Sie hörte Wasserrauschen im Bad, dann leise Stimmen, dann wurde Felix ins Kinderzimmer gebracht. Irene stemmte sich gegen die Tür. Hier sollte er jedenfalls nicht schlafen.

Doch Thomas hatte andere Pläne. Er schob Felix ins Zimmer.

Hier schläfst du, Felix. Da ist Mias Hochbett, du kannst gern nach oben.

Nicht! Das ist meine Höhle! Mama! Mia schrie schrill, umklammerte ihr Bettzeug.

Irene sprang auf. Thomas, spinnst du? Lass Mias Sachen in Ruhe! Er schläft auf dem Notbett im Flur, wie abgemacht!

Das ist zu unbequem, brummelte Thomas. Lass den Jungen wenigstens die erste Nacht hier.

Das ist meine Höhle! Mia brüllte los, wälzte sich zornig auf dem Boden.

Felix stand da, erdrückt von all dem Drama, ballte die Fäuste. Für einen Moment tat er Irene fast leid doch dann kochte die Wut sofort wieder hoch.

Raus mit euch! befahl sie Thomas. Der führte Felix ab.

Die nächsten Tage wechselten sich Feindseligkeit und Eiseskälte im Minutentakt ab. Irene entdeckte am Morgen ihre alte Lieblingstasse, das Geschenk von Oma, in Scherben am Küchenboden. Felix saß teilnahmslos am Tisch.

Warst du das?, fragte sie scharf.

Felix antwortete nicht.

Sprich mit mir!

Die ist einfach gefallen, murmelte er.

Irene musste sich bremsen, nicht zu brüllen. Beim nächsten Mal sagst du Bescheid und entschuldigst dich.

Felix antwortete nicht. Er aß wie ein Verhungernder, sein Shirt war ungewaschen. Thomas hatte ihm keinerlei neue Sachen besorgt.

Als Mia später aufwachte und Felix sah, zog sie sich zu Irene zurück. Felix war für sie ein Eindringling.

Am Samstag schickte Irene Thomas endlich mit Felix zum Einkaufen. Sie kamen beladen mit Billigware zurück das Notwendigste. Felix bedankte sich artig, ohne hinzusehen, und verschwand in die Ecke.

Eine Woche später: Felix war ein Schatten, sprach mit niemandem, ignorierte Mia. Und Irene war beunruhigt so ein verschlossener Junge war ihr nicht geheuer.

Einmal erwischte sie Felix in Mias Zimmer, wie er eine ihrer Puppen in der Hand hielt. Leg sie zurück, fauchte sie. Felix gehorchte wortlos, wich Irene aus wie eine Katze.

Abends beschwerte sich Thomas: Du bist zu streng mit ihm. Er hat keine eigenen Spielsachen, vielleicht wollte er einfach sehen!

Das ist mir egal. Meins ist tabu. Irene blieb hart.

Es eskalierte zwei Wochen später.

Irene fand Mia tränenüberströmt auf dem Teppich. Ihre Lieblingspuppe lag zerstört daneben Kopf abgerissen.

Wer war das? Irene war entsetzt.

Felix! Er hat sie kaputtgemacht, als ich geschlafen hab!

Wutentbrannt stürmte sie auf Felix zu.

Raus aus der Wohnung!, schrie sie. Sofort! Verschwinde!

Thomas eilte herbei. Was ist denn hier los?!

Sieh doch! Dein Sohn zerstört unser Leben! Deine Tochter hat Angst vor ihm!

Thomas versuchte zu schlichten. Schließlich drängte Irene ihn zu einem Ultimatum: Noch einmal, und wir sind weg. Du entscheidest.

Thomas bat um einen Monat auf Probe: Wenn sich nichts ändert, bringe ich ihn zurück. Irene stimmte zu unter einer Bedingung: Felix darf Mia ohne Aufsicht nicht mehr nahe kommen, sie schloss die Zimmertür von nun an ab.

Was folgte, war kalt und bleiern wie Berliner Novemberregen. Felix mied alle, aß und lernte allein in der Küche, machte sich so unsichtbar wie möglich. Mia ignorierte ihn.

Doch dann kam der Tag, an dem Irene in größter Eile Felix kurz mit Mia allein lassen musste. Als sie zurückkam, fand sie Mia und Felix gemeinsam auf dem Boden. Felix half ihr beim Zeichnen, zeigte ihr, wie man ein Pferd richtig malt. Zum ersten Mal war sein Gesicht offen, friedlich.

Irene stockte der Atem. Danke, brachte sie leise heraus. Dann ließ sie die beiden allein.

Abends erzählte sie Thomas davon.

Der lächelte glücklich: Ich habs dir gesagt. Der Junge braucht einfach nur Zeit.

Irene war ehrlich: Ich kann ihn nicht lieben, Thomas. Dazu fehlt mir etwas. Aber ich kann ihn dulden.

Das genügte Thomas. Hauptsache, sie waren keine Feinde mehr.

Von da an wurde das Leben nicht leichter, aber ruhiger. Felix und Mia fanden langsam ein vorsichtiges Miteinander. Irene würde nie seine Mutter sein. Aber sie war auch nicht länger sein Feind.

Sie wusste nicht, was die Zukunft brachte. Doch sie erkannte: Dieser dünne Junge mit den verschlossenen Augen gehörte zu ihrem Leben ob sie wollte oder nicht.

Und das war vielleicht, für den Moment, genug.

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Homy
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Mein Mann brachte einen wütenden Jungen mit nach Hause.
Diagnose – Verrat