Familie an der kurzen Leine
Das Telefon vibrierte auf dem Nachttisch ein Sound, der selbst den größten Optimisten an seinem freien Abend an den Ernst des Lebens erinnert. Katharina, bereits im neuen Kleid, hielt mitten in der Bewegung inne, eine Perle vorm Ohr. Im Spiegel traf ihr Blick auf Michels. Noch am Kragen zugange, band er den Schlips fest.
Das ist sie, murmelte Katharina, ohne das Display zu checken.
Michel seufzte, zog den Schlips wieder aus und tastete nach dem Hörer.
Ja, hallo Mama… Ja, ich hör dich… Was? Dir ist schon wieder schwindlig? Gestern sagtest du noch, es wäre besser… Ja, ich weiß. Ich fahr gleich los. Ja, ja. Bis gleich.
Katharina legte die Ohrringe zurück ins Säckchen. Das neue Kleid wirkte plötzlich albern, fast schon lächerlich. Die Tickets fürs Theater lagen drüben auf der Kommode zwei kleine Karten, Reliefschrift in Gold: Faust, Premiere. Sie hatte wochenlang nachts auf der Webseite herumgelauert, Seite aktualisiert, sobald der Verkauf freigeschaltet war. Michel wollte doch so gerne mal wieder ins Theater.
Michel…, setzte sie an.
Katja, du verstehst doch, antwortete er schon während er das Jackett zurück in den Schrank hängte. Die sitzt da allein. Bluthochdruck, und das im achten Stock. Ich bin gleich zurück, maximal ein Check, wenns schlimmer ist, ruf ich den Notarzt.
Natürlich verstand sie. Natürlich. Helga Schuster, seine Mutter, hauste allein am anderen Ende von München in ihrer Altbauwohnung, umgeben von geblümtem Flurpapier und einem verschrumpelten Gummibaum. Ihr Mann seit Jahrzehnten tot, Freundinnen verschwunden wie altes Porzellan, geblieben nur monatlich ein Gedenkkränzchen und seltene Anrufe. Michel war ihr einziger Sohn; sie hatte ihn allein großgezogen, der Vater verabschiedete sich früh und schrieb nicht mal Weihnachtskarten. Katharina kannte die Familienbiografie mittlerweile im Schlaf wie das Vaterunser auf Bayerisch.
Ist gut. Fahr ruhig, sagte sie.
Michel küsste sie hinein in die Bewegung, sprang in die Jacke.
Bin gleich zurück! Vielleicht schaff ich’s noch zum zweiten Akt!
Die Tür flog zu. Katharina hängte das Kleid ordentlich an den Bügel, schlüpfte aus dem Rest und setzte sich im Unterhemd aufs Bett. Blick aufs Handy: zwanzig nach acht. Vorstellung war halb acht. Sie öffnete die Theater-App, suchte nach Rückgabe der Tickets, klinkte sich dann aber aus und legte sich aufs Bett, starrte an die Decke.
Es war nicht die erste geplatzte Premiere in ihrem Familienprogramm. Schon der Wochenendausflug an den Chiemsee war damals weggefallen, weil Frau Schuster sich das Bein über Nacht verdreht hatte. Ein Candle-Light-Dinner zum Jahrestag fiel einem Ohnmachtsanfall zum Opfer. Die ersten Urlaubstage an der Nordsee: storniert wegen Herzattacke, die sich später als akuter Nervenflattermann entpuppte.
Katharina hätte es nie Manipulation genannt, das wäre zu direkt gewesen, zu gemein. Frau Schuster war ja wirklich chronisch geplagt: hoher Blutdruck, Herzstolpern, Rücken wie ein altes Treppenhaus. Nur, seltsamerweise immer dann, wenn Michel mit Katharina was vorhatte pünktlich wie der Mittagszug. Nicht immer, manchmal war auch Kino oder ein Spaziergang drin. Doch dieses Gefühl blieb: Man lebte auf Stand-by, die Leine kurz, und das Telefon konnte jederzeit Alarm schlagen, Michel griff zum Mantel, mit diesem entschuldigenden Lächeln.
Er kam um halb zwölf zurück. Katharina schlief oder gab sich überzeugend so. Michel schlich ins Bett, roch nach Nachtluft und dem ganz eigenen Aroma abgewohnter Wohnungen.
Katja, wachst du?, flüsterte er ins Dunkel.
Keine Antwort. Streit wollte sie keinen sie stritten eigentlich nie, was für ein junges Paar nach vier Jahren fast seltsam war. Die Beziehung zur Schwiegermutter war einfach ständig präsent wie ein Möbelstück, das man nicht umstellen kann und besser meiden sollte.
Am nächsten Morgen nach Michels Aufbruch kochte Katharina Kaffee, setzte sich ans Fenster. Ihre Einzimmerwohnung im Münchner Süden war klein, frisch renoviert alles eigenhändig in der Elternzeit tapeziert und lackiert. Freundlicher Boden, Regale voller Bücher eine kleine, intime Welt. Wenn sie zu zweit waren, war alles gut.
Das Handy blinkte: Tut mir leid wegen gestern. Lieb dich! Lass uns heute zusammen essen, versprochen!
Sie schmunzelte, tippte zurück: Deal.
Abends brachte Michel Sushi von dem Laden, in dem sie ihr erstes Date hatten (man muss ja Traditionen pflegen), sie picknickten am Couchtisch, schauten einen alten Louis-de-Funès-Film. Michels Handy lag demonstrativ mit dem Display nach oben neben dem Teller. Katharina bemühte sich, es zu ignorieren klappte leidlich.
Weißt du, sagte sie später, ich hab nachgedacht…
Worüber?
Über uns. Und wie wir leben.
Michel schaltete den Fernseher aus, drehte sich zu ihr.
Irgendwas nicht in Ordnung?
Sie überlegte lange, schluckte an jedem Wort.
Manchmal hab ich das Gefühl, wir sind nicht frei. Immer ist noch jemand Drittes da.
Du meinst meine Mutter?
Keine Ahnung. Vielleicht.
Er strich sich übers Gesicht.
Katja, sie ist alt. Zweiundsiebzig. Ich bin ihr Einziger.
Ich weiß.
Sie hat alles für mich getan. Drei Jobs gehabt, damit ich Abitur machen konnte…
Du sollst sie ja nicht abschieben. Es ist nur…
Nur was?
Katharina verstummte. Wie sollte sie erklären, dass sie sich selbst wie ein Gast fühlte nie ganz zugehörig? Dass alle Pläne an einem seidenen Faden hingen, der jederzeit reißen kann? Dass stiller Frust schlimmer ist als jedes Donnerwetter, weil der sich nirgendwo ablässt, außer im eigenen Kopf? Die Schwiegermutter griff so elegant ins Privatleben ein, dass man nie wusste, ab wann es nicht mehr Fürsorge, sondern Stillsteuern war.
Egal, sagte sie schließlich. Vergiss es.
Sie gingen schlafen wieder eine Unterhaltung, die in der Halbzeit stecken blieb. Irgendwie Normalzustand mittlerweile.
Ein Monat später: Überraschende Schwangerschaft. Zwei Streifen auf dem Test, und die hatten so eine Geschwindigkeit wie die Deutsche Bahn im ICE, wenns mal keinen Defekt gibt. Sie saß auf dem Badewannenrand, Brustkorb flatternd wie nach zwei Espresso zu viel.
Am Abend teilte sie Michel die frohe Kunde mit. Der erstarrte mitten in der Milchschütte, dann stellte er die Tüte vorsichtig ab, umarmte sie so fest, dass ihr schwindlig wurde.
Echt jetzt? Sicher?
Drei Tests. Allesamt positiv.
Er lachte, dann rollten Tränen, dann lachte er wieder. Sie drehten sich quer durch die Küche, stießen Stühle um, und zum ersten Mal seit Langem fühlte sich alles wirklich nach Familie an, ohne Leine, ohne Alarmknopf.
Wir müssen es Mama sagen! Die flippt aus vor Freude!
Katharinas Bauch krampfte kurz. Sonntagsbesuch in Helga Schusters Reich. Altbau roch nach Apfelkuchen und Perserteppich. Frau Schuster empfing im Kittelschürzchen, Haare unterm Tuch.
Ach! Überraschungsbesuch! Kommt rein! Ich hab frische Zwetschgenkuchen!
Sie turnte um sie herum, deckte den Tisch, schwätzte in Endlosschleife, wie wenig sie doch vorbeischauten. Michel leuchtete auf dem alten Sofa, Katharina half beim Geschirr.
Mama, wir haben Neuigkeiten, begann er beim Tee.
Was denn?
Wir werden Eltern. Katja ist schwanger.
Frau Schuster erstarrte samt Teekanne, dann überzog ein Lächeln ihr Gesicht, als hätte sie einen Sonderpreis gewonnen.
Mei, meine Kinderlein! Ich werde Oma!
Sie umrundete den Tisch, drückte Michel, dann, etwas zögerlicher, Katharina.
Ich freu mich so, wirklich! Wann ist es denn soweit?
Sieben Monate noch, sagte Katharina.
Du musst jetzt auf dich aufpassen! Schwangerschaft ist eine enorme Belastung. Wie ich damals mit Michel ständig auf der Couch, Kreislaufprobleme ohne Ende…
Bisher läuft alles super, entgegnete Katharina.
Ja jetzt vielleicht… Aber dann kommt Übelkeit, Wassereinlagerung, Rückenschmerzen, kenne ich alles! Wenn ihr Hilfe braucht, sagt einfach Bescheid, ich bin da!
Der Rest des Abends ging im Schwangerenanekdoten-Wirbel unter wie schwer das sei, wie der Kleine sie damals auf Trab hielt. Michel hakte immer wieder nach, Katharina nippte still am Tee, starrte in die herbstliche Dämmerung.
Verabschiedung auf der Türschwelle: Kommt bald wieder, vergesst eure alte Mutter nicht!
Im Auto war es still. Michel lenkte seinen betagten Golf durch Münchens Straßen.
Sie freut sich, sagte er. Wirklich!
Ja, nickte Katharina.
Aber in ihr regte sich ein Knoten: dieser erste gefühllose Blick seiner Mutter vor der Maske aus Freude als würde sie abwägen, was sich jetzt verändern würde.
Die Schwangerschaft verlief unspektakulär. Katharina arbeitete bis zum sechsten Monat, dann Mutterschutz. Michel wurde noch fürsorglicher, trug Taschen, kochte abends. Sie suchten ein Beistellbettchen aus, eine Quietschwagen, Flickenkleidung in Miniatur, richteten die gemütliche Kinderecke ein.
Frau Schuster rief jetzt täglich an.
Und, wie gehts? Kein Ziehen im Bauch, Blutdruck kontrolliert?
Manchmal kam sie vorbei, brachte Streuselkuchen und gut gemeinte Ratschläge. Wie man richtig wickelt, füttert, einschläfert. Katharina nickte, bedankte sich. Innerlich wurde sie grantig, schämte sich zugleich. War das wirklich Einmischung einer Schwiegermutter, oder einfach Gutes-wollen?
Im siebten Monat: ein klassischer Notanruf, wie bestellt. Michel und Katharina waren gerade zum Ultraschall gefahren alles bestens, das kleine Mädchen entwickelt sich auftreibend wie ein Weißbierschaum. Michel trug das Bild des Babys wie eine Trophäe.
Siehst du, ein Mädchen! Nennen wir sie Emma?
Gerne, lachte Katharina.
Das Handy klingelte im Parkhaus.
Michel… mir gehts gar nicht, Herzrasen, Luftnot…
Michel wurde blass.
Mama, was ist? Notarzt?
Die sind schon unterwegs. Komm bitte vorbei, allein schaff ich das nicht.
Er schaute Katharina an. Sie saß, Hände am Bauch, geradeaus blickend.
Fahr schon, sagte sie.
Die Hinfahrt zog sich. Der Rettungswagen parkte vor Helgas Block, Blaulicht. Oben lag sie auf dem Sofa, Stethoskope schwirrten, der Notfallsanitäter machte Notizen.
Druck 140 zu 90, Puls erhöht. Nehmen Sie Ihre Medikamente?
Natürlich! Da drüben die Pillen!
Keine Klinik notwendig, bitte zum Kardiologen demnächst und vermeiden Sie Stress.
Michel blieb an ihrer Seite, Katharina stand am Fenster, der Bauch zog, der Rücken meckerte. Sie wollte nur noch heim, ins eigene Bett.
Michel? Fahren wir? Deiner Mutter geht’s besser.
Wie soll ich sie jetzt allein lassen? Du fährst lieber? Ich komm später mit dem Taxi…
Schon gut.
Sie fuhr alleine durch die nächtlichen Straßen, die Augen nass, ohne den Versuch abzuwischen. Wie bitte bleibt man Familie, wenn alles immer wieder auseinander driftet?
Michel kam am Morgen zurück, schmiss sich zu ihr ins Bett, flüsterte entschuldigend.
Emma wurde Ende April geboren, draußen blühten die Kastanien, die Stadt roch nach Frühlingsregen. Die Geburt war lang, anstrengend, aber als Katharina dieses knallrote, schreiende Etwas auf ihre Brust gelegt bekam, war alles andere egal. Michel heulte und küsste ihre triefenden Haare.
Danke, stammelte er. Danke, danke.
Frau Schuster erschien am Tag darauf mit Schnittblumen und einem Riesensack Babykleidung.
Ach, meine Kleine! Ganz der Papa! Guck dir die Stupsnase an!
Setz dich ruhig, sagte Katharina, noch blass, aber zunehmend lebendig.
Kaum hingesetzt, stand die Schwiegermutter wieder auf.
Ach, mir wird ganz flau. Zu warm hier, mein Herz meldet sich…
Mama, vielleicht frische Luft?, Michel alarmiert.
Nee, ich fahre lieber heim. Zu viel Trubel für eine alte Frau.
Sie verschwand nach zehn Minuten. Katharina blickte ihr nach gleichgültig. Alles, was zählte, lag jetzt im Bettchen, roch nach Babypuder.
Zuhause begann das neue Leben: Emma war zierlich, aber launisch nachts Gebrüll, tagsüber Nickerchen wie ein Koala. Katharina und Michel taumelten durch die Tage, verstrickten sich in Windeln, Fläschchen. Frau Schuster rief fast täglich an, besuchte sie selten.
Zu weit, ich ermüde so schnell, die Gelenke…
Zwei Monate später ließ Frau Schuster verkünden: Sie ziehe um. Über eBay Kleinanzeigen eine schnucklige Wohnung im Nachbarhaus gefunden damit sie Emma unter die Arme greifen könne.
Michel war begeistert.
Mama, das ist toll, oder Katja?
Katharinas innere Stimme fiel in sich zusammen.
Der Umzug kam im Juni. Michel und Katharina schräubten Regale, schleppten Kisten. Frau Schusters Fenster zeigten nun direkt auf ihr Treppenhaus: Big Brother in Strickjacke.
Jetzt kann ich öfter bei euch reinschauen!, triumphierte sie.
Die ersten Tage kam sie täglich mit Apfelstrudel, Nudelsuppe.
Ihr habt zu viel zu tun, das weiß ich. Hier, ein wenig Stärkung.
Sie setzte sich, bat um das Baby. Bekam es, gab es nach fünf Minuten zurück.
Ui, ganz schön schwer! Nimm sie wieder, meine Handgelenke machen schlapp.
Weinte Emma, verzog sie das Gesicht.
Ach Gottchen, so laut! Mir dröhnt der Schädel. Ich geh lieber wieder heim.
Nach zwei Wochen wurden die Besuche seltener, bald nur noch alle paar Tage, und dann auch eher kurz, für einen Tee, ein Schwätzchen und ein bisschen Nachbarschaftsgossip. Waren das jetzt altersmilde Tricks oder wirklich nur Erschöpfung? Katharina fragte sich, was sie glauben sollte.
An einem Abend kniete sie mit Emma in der Spielecke, auf dem Teppich verstreut Rasseln und Holzfiguren. Michel stand in der offenen Küche, brutzelte Bratkartoffeln.
Es klingelte. Frau Schuster auf dem Flur, eingewickelt in einen gestrickten Babyplaid.
Hallo, ich hab was für die Kleine gestrickt. Drei Wochen daran gehockt! Sieht doch nett aus, oder?
Vielen Dank, Helga! Richtig schön!, sagte Katharina.
Darf ich Emma wenigstens mal streicheln? Das durfte sie. Emma lächelte die Oma auch, aber leicht abwesend, fast müde.
Früher, da hätte ich sie stundenlang gehalten… Jetzt bin ich nach zehn Minuten k.o.
Möchtest du zum Essen bleiben?, Michel.
Nein, danke die Medikamente, du weißt ja. Und der Magen knurrt nach Haferbrei…
Sie ging. Und Katharina stand mit dem Plaid da und wusste plötzlich nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Es fühlte sich an wie ein Befreiungsschlag. Irgendwie hatten die Karten sich verschoben seit Emma da war.
Das Leben plätscherte dahin. Emma kroch, stellte sich langsam an den Möbeln hoch, begann die ersten nonsensischen Silben zu brabbeln. Frau Schuster kam immer seltener, brachte jedes Mal ein Strickprodukt: ein neuer Plaid, Babysocken, Mützchen. Sie setzte sich, erzählte von Nachbarschaftstratsch, Ärzten, Supermärkten.
Darf ich Emma mal nehmen? Natürlich. Aber nach zwei Minuten wanderte das Baby zurück.
Sie ist ziemlich lebhaft, gell?
Einmal, Emma war vier Monate alt, brachte Frau Schuster wieder ein Plaid vorbei diesmal schneeweiß mit rosa Blumen.
Hier, zum Schlafen, sagte sie.
Vielen Dank. Sehr hübsch. Wir haben schon eine kleine Plaidsammlung…, versuchte Katharina es locker.
Ich strick eben gerne, gestand Frau Schuster. Beim Stricken denk ich an euch, an Emma. Da sind die Hände beschäftigt und der Kopf bekommt Ruhe.
Sie schlürfte Tee, beobachtete Emma auf dem Boden.
Ihr kommt schon klar?, fragte sie.
Wir schaffen das, antwortete Michel. Manchmal sind wir fix und alle, aber das ist, glaub ich, normal.
Ich würde mehr helfen, aber die Kraft fehlt einfach. Früher hätte ich nachts babysitten können, nun reicht’s für eine halbe Stunde dann klopft das Herz!
Sie helfen uns schon enorm, sagte Katharina sanft. Essen, Stricksachen, die nette Gesellschaft. Das gibt uns sehr viel.
Frau Schuster bemerkte diesen Dank und nickte.
Gut, dass ihr Bescheid sagt. Ich war immer für Michel da, jetzt bin ich auch für euch da.
Sie ging, Emma weinte, es war Schlafenszeit.
Als Michel später aufräumte, sagte er:
Weißt du, Mama ist entspannter in letzter Zeit.
Inwiefern?
Ständig rief sie an: Ihr gehts schlecht, komm sofort. Jetzt ist sie ruhiger, verlangt gar nicht mehr, dass ich ständig springe. Vielleicht weil sie weiß, ich bin in der Nähe?
Wahrscheinlich, meinte Katharina, Man wird ruhig, wenn man weiß, die Familie ist eh da.
Später, beide im Halbdunkel auf dem Sofa.
Und, sind wir gute Eltern?, fragte Michel.
Keine Ahnung. Manchmal denke ich: ja. Manchmal: absolut keine Ahnung.
Er lachte.
So saßen sie da, lauschten der Babyschnarcherei durchs Babyphone und dem fallenden Schneegestöber draußen.
Ein Jahr Rückblick: Michel fragte seine Mutter, ob sie mal für einen Theaterabend aufs Kind aufpassen könne. Reaktion? Milder Panikanfall.
So lange allein mit dem Baby? Ach nein, das halte ich nicht durch. Wer weiß, ob sie nicht schreit? Und wenn was passiert? Ihr müsst jemand Jüngeren fragen!
So schaute stattdessen Katharinas Freundin Lena nach Emma. Sie und Michel gingen endlich ins Theater Faust, fast ein Jahr nach der geplatzen Premiere. Sie hielten Händchen im Parkett, Katharina ließ beim Schlussakt die Tränen laufen, mehr aus Erleichterung denn aus Tragik.
Im Café danach stieß Michel an: Jetzt fängt unser Leben erst richtig an, oder?
Erst jetzt?, kicherte sie.
Ja. Keine Nebengleise mehr, keine stille Überwachung mehr.
Sie drückte seine Hand.
Wieder zuhause, Emma schlief brav. Katharina küsste ihr Kind, als wäre ihr klargeworden, dass der Alltag auch ganz unspektakulär glücklich sein kann.
Nachts, im Dunkeln, begann Michel zu flüstern:
Weißt du… Ich hab immer ein schlechtes Gewissen. Zwischen euch und meiner Mutter. War ich bei ihr, dachte ich, ich betrüge dich. War ich bei dir, hatte ich Schuldgefühle ihr gegenüber.
Katharina schwieg, streichelte seine Hand.
Diese Schuld bei Eltern das frisst einen. Sie war immer für mich da, hat sich zerrissen, verzichtet. Und ich?
Du musstest dich nie entscheiden.
Hab immer gedacht, ich müsste. Jetzt, mit Emma, ist es anders. Keine Partei mehr alle sind da, jeder an seinem Platz.
Sie kuschelte sich an ihn.
Die Monate zogen ins Land. Emma lief mit neun Monaten wie ein kleiner, wackeliger Pinguin durchs Wohnzimmer, Katharina hielt alles für Social Media fest, Michel klatschte Beifall, Frau Schuster strickte still vor sich hin, sagte ab und zu, Emma sei eine ganz Taffe.
Sie fragte auch nicht mehr, ob sie babysitten solle, sondern steckte in ihrem Sessel, Klöppelnadeln klappernd. Die Plaids türmten sich im Schrank.
Mama, vielleicht solltest du mal was anderes machen. Für Emma haben wir bald zu viele!
Und was denn? Ich mag doch kein Fernsehen den ganzen Tag. Hauptsache, ich kann was für euch machen, meinte sie schlicht.
Doch, du hilfst ja schon.
Ach was… Ich mach ja fast nix mehr. Bin halt alt, das ist so.
Katharina, neben Emma sitzend, warf ein:
Ihre Plaids helfen uns ungemein. Emma liebt sie, wir auch. Es tut gut zu wissen, dass Sie an uns denken.
Frau Schuster schaute sie lange an.
Du bist in Ordnung, Katja. Anfangs dachte ich, du nimmst mir Michel weg. Aber du bist eine Gute.
Katharina schwieg überrascht.
Als Emmas erster Geburtstag kam, feierten sie klein, mit Lena und zwei alten Freunden, Frau Schuster saß mit müden Augen auf dem Sofa.
Ganz schön laut hier, raunte sie Katharina in der Küche zu.
Es ist doch ein Fest!
Früher hab ich Feste geliebt. Jetzt machts mich einfach fertig.
Soll ich Sie heimbringen?
Nein, nein, ich bleibe ein bisschen. Ist schließlich Emmas Tag!
Doch bald ließ sie sich von Michel heimbringen.
Als alles vorbei war und Emma schlief, sagte Katharina:
Weißt du noch, wie das war, als wir geheiratet haben? Ich dachte, glücklich werden wir nie. Immer nur Schwiegermutters Krankheiten, dauernd das Telefon…
Michel schluckte.
Mir ging es genauso.
Jetzt ist alles anders. Sie ist da, aber sie bremst nicht mehr. Und diese leise Frustration von früher ist verschwunden.
Hast du mich gehasst deswegen?
Nein, nicht dich. Die Situation, dass ich nichts ändern konnte.
Er drückte sie fest.
Familientherapie? Schweres Pflaster!
Man kann nur probieren, murmelte sie.
Als Emma nachts schrie, trug Katharina sie herum, wiegte sie am Fenster schimmerte ein Licht im Nachbarhaus. Frau Schuster schlief vermutlich noch nicht. Ob sie jetzt glücklich war? Oder einfach überflüssig?
Plötzlich empfand Katharina Mitgefühl, keine Erleichterung, kein Triumph sondern echtes, trauriges Mitleid.
Sie legte Emma ins Bett, deckte sie mit einer der Oma-Plaids zu, schlich ins Schlafzimmer. Michel schlief lang ausgestreckt, sie kuschelte sich an ihn das Leben scheint manchmal seltsam, dachte sie.
Spätes Muttersein, hatten die Ärzte geunkt, als sie 28 war. Für sie fühlte es sich genau richtig an. Noch fünf Jahre früher sie hätte diesen Familienkosmos nicht ausgehalten, wäre an all der Manipulation und Schuld zerbrochen.
Jetzt war das Baby der Anker um Emma bildete sich das neue Gleichgewicht. Jeder hatte seinen Platz.
Frühling wurde Sommer, Sommer Herbst. Emma begann zu sprechen, anfangs einzelne Wörter, dann Sätze. Mama, Papa, haben, will. Frau Schuster kam selten brachte stets einen neuen Plaid.
Oma kommt, sagte Katharina zu Emma beim Öffnen der Tür. Emma rannte hin, drückte sich an Oma, die tätschelte liebevoll, aber hob sie nicht mehr hoch.
Zu schwer für meinen Rücken, beschwichtigte sie.
Sie saß da, trank Tee, redete übers Wetter. Smalltalk, nicht mehr Familienrat.
An einem Herbstabend wollte Frau Schuster heimgehen, Emma reichte ihr den Plüschhasen, ihren Liebling.
Oma, hier!
Danke, Spätzchen, aber das ist doch deiner.
Für dich!, sagte Emma störrisch.
Frau Schuster schaute Tochter, Schwiegersohn, Enkelin an. Kurz, als würde sie überlegen, wie das gemeint war.
Na schön. Danke dir.
Als sie weg war, umarmte Michel Katharina von hinten.
Sie war tatsächlich gerührt. Meinst du, es ist ok, dass sie da drüben allein ist?
Was sollen wir tun? Bei uns einziehen geht gar nicht.
Katastrophe, ja. Sie wollte ja selbst unabhängig wohnen.
Sie legten Emma schlafen, räumten auf, schauten einen Film. Katharina dachte an Frau Schuster, die nun den Hasen im Arm hatte. Vielleicht traurig, vielleicht einfach nur zufrieden?
Der Winter kam früh. Frau Schuster kam nicht mehr, sondern rief nur noch an.
Zu glatt draußen, viel zu gefährlich.
Michel fuhr samstags mit Einkaufstüten vorbei, kam dann oft noch nachdenklicher zurück.
Wie gehts ihr?
Passt schon. Sie strickt, schaut Fernsehen. Sagt, es reicht ihr.
Silvester luden sie sie ein sie kam mit einer Riesentasche. Für Emma! Diesmal mit Schneeflocken!
Emma jubelte, wickelte sich in den neuen Plaid, stolz vor den Spiegel.
Über Mitternacht klirrte das Haus voll Festmoden, Korken knallten, Emma plantschte zwischen Seifenblasen. Frau Schuster lächelte mild.
Es ist schön bei euch.
Willst du nicht ein Haustier?, fragte Michel vorsichtig.
Nein, Michel. Das ist nichts mehr für mich. Ich hab meine Nadeln, meine Serien, Nachbarin Gerda. Ich brauch nicht mehr.
Katharina spürte, dass es ehrlich gemeint war.
Nachts, als alle schliefen, dachte sie darüber nach vielleicht war das ihre echte Zufriedenheit?
Das Frühjahr kam, Frau Schuster erschien nur noch alle paar Wochen immer mit Plaid. Irgendwann sagte Katharina vorsichtig:
Helga, vielleicht reicht es jetzt? Wir haben langsam keinen Platz mehr.
Frau Schuster stockte.
Und was soll ich dann stricken?
Vielleicht für ein Kinderheim?
Plötzlich leuchteten ihre Augen.
Das könnte ich machen?
Na klar. Ich besorg die Adressen.
Und sie begann, Plaids für andere Kinder zu stricken. Kam statt mit Wolle mit Erzählungen von ihren neuen Basteleien.
Emma wuchs, quasselte, stellte Fragen. Katharina und Michel lebten ein ganz normales Familienleben.
Spät am Abend, als Emma schon fast zwei war, sagte Katharina mal, während sie das Zimmer betrat:
Heute hat Helga Emma wieder einen Plaid geschenkt. Blau mit Sternen diesmal.
Michel rollte sich rum.
Wir haben fünf, was machen wir damit?
Aufheben. Als Friedensvertrag.
Er tastete nach ihrer Hand.
Gute Nacht.
Gute Nacht, Michel.Die Plaids blieben, irgendwann eigenartige Zeitkapseln auf dem Schrank, zwischen alten Fotos und Kuscheltieren. Eines Abends, als ein Sommerregen gegen die Scheibe trommelte und Emma, schon ein Stückchen größer, hüpfend durchs Wohnzimmer jagte, griff Katharina nach dem ersten, kleinsten Plaid. Sie faltete es, fuhr mit den Fingern über die unregelmäßigen Maschen.
Draußen vor dem Fenster sah sie das schwache Licht von Helgas Wohnzimmer. Ein schmaler Streifen im riesigen Haus, irgendwo eine Frau, alt geworden, das Leben zusammengerollt zwischen Wollknäueln und Fernbedienung.
Emma kam angerannt, kletterte auf Katharinas Schoß. Was machst du, Mama?
Katharina lächelte. Ich schaue mir Omas Decke an. Weißt du, wieviel Liebe da drinsteckt?
Weil Oma gern strickt?
Ja, und weil sie immer wollte, dass wirs warm haben. Auch wenn das Leben mal kälter ist.
Michel kam dazu, setzte sich an ihre Seite. Zu dritt, im Licht eines Abends, der endlich ganz ihnen gehörte. Und Katharina dachte, das war Familie: niemals ganz losgelassen, niemals ganz angebunden sondern gehalten, gerade fest genug, dass niemand fällt.
Draußen zog der Regen vorbei. Drinnen war es warm. In dem Moment wusste sie: Das Band war da. Nicht mehr Leine, sondern ein Faden. Dünn, aber zäh. Und genau richtig.





