Du liebst mich einfach nicht!
Der Freitagabend versprach eigentlich nichts Ungewöhnliches. Zwischen den endlosen Reihen von Mietshausbalkonen im Münchner Stadtteil Neuperlach ploppte ein Küchenfenster nach dem anderen auf und schickte gelbe Vierecke in die Dämmerung. KonstantinMitte dreißig, aus Bayern, Beamter im mittleren Dienstschloss gerade die Tür seiner doch etwas in die Jahre gekommenen Wohnung im zwölften Stock auf. In der einen Hand trug er die Wochenendbeute aus dem Edeka: einen würzig riechenden Blauschimmelkäse, aufschnittdicke Scheiben Katenrauchschinken, einen Strauch italienischer Tomaten, eine Flasche Chianti und eine Packung ofenfrischer Windbeutel mit Sahnefüllung. Alles, versteht sich, Lieblingsspeisen seiner Frau.
Im Flur herrschte eine seltsame Stille. Normalerweise kam seine GattinSybille, seit den Neunzigern angesagt wie Leberkässemmeln auf bayerischen Kirmesveranstaltungenihm lauthals entgegen, fiel ihm um den Hals, verlangte einen minutengenauen Tätigkeitsbericht für jeden außerhalb der Wohnung verbrachten Moment. Doch heute? Kein Musikgedudel aus ihrem Zimmer, kein tapsender Schritt in Einhornpuschen.
Sybille? Ich bin daheim!, rief er und fingerte an seinen abgewetzten Halbschuhen.
Keine Antwort. Nichts.
Konstantin setzte das Einkaufstütchen auf dem Couchtisch ab und schlurfte ins Schlafzimmer. Was er dort zu sehen bekam, ließ ihn kurz zusammenzucken. Sybille lag mit dem Gesicht im Kissen quer über dem Ehebett verstreut wie ein verqualmter Luftballon am Boden einer Turnhalle. Ihre dünnen Schultern bebten, dunkle Locken fielen wie Trauerschleier aufs gesteppte Daunendeck.
Hey was ist los? Ist irgendwas passiert? Sein Ton war vorsichtig, man lernt ja dazu.
Sybille fuhr herum. Ihre Augengerötet, Panda-mäßig von der verlaufenen Wimperntuschebohrten sich wie ein Bohrer in seine Stirn.
Als ob du es nicht wüsstest!, krächzte sie mit dem Pathos einer Wagner-Diva, die gleich Walhall bebt. Mir gehts einfach mies so mies, dass ich gar nicht mehr leben mag!
Wie automatisch setzte er sich neben sie, streckte eine Hand nach ihrer Stirn aus. Prompt wich Sybille zurück, als hätte sie einen elektrischen Schlag bekommen.
Hast du Schmerzen? Fieber?, fragte er und bemühte sich um das Klangbild des verständnisvollen Ehemanns, während in ihm schon das Magengrummeln begann, das nach sechs Jahren Ehe gezüchtet wurde.
Meine Seele tut weh!, schoss sie. Zurück ins Kissen, nun ein bisschen lauter schluchzend, falls die Nachbarn zu wenig mitbekommen hatten. Du fragst ja nie, wie es mir geht! Dir ist sowieso alles egal! Du kommst einfach heim vom Büro, schaust nicht mal zu mir, kein Drücken, kein Kuss! Ich liege hier im Alleinsein, während du durch die Supermärkte tingelst und Zeit mit sinnlosem Kram versaust!
Sybille, ich war halt einkaufen. Damit du auch was Gutes hast. Die Windbeutel wolltest du doch so gern, hab sie extra am Marienplatz geholt. Da sind die immer frisch.
Windbeutel! Sie richtete sich ruckartig auf, schmiss die zerzausten Haare nach hinten. Gekränkte Würde und Triumph schimmerten in ihren Augener hatte sich angeblich erwischen lassen, sie mit Süßkram kaufen zu wollen. Ganz schön billig. Und denkst du, mit Windbeuteln kann man mich zurück ins Glück kaufen? Weißt du, was ich wirklich will? Aufmerksamkeit! Einfach mal in den Arm nehmen! Ich bin für dich doch nur Statist in deiner Bürotristesse.
Konstantin schwieg, die Kiefer so fest zusammengedrückt, dass der Zahnarzt vermutlich ein Wörtchen hätte mitreden mögen. Dieses Drama kannte er inzwischen wie das Vaterunser. Erst Stille, dann eine kleine Provokation, und schließlich das große Versöhnungsgequengel, das immer ihn initiieren mussteTränen abwischen, Füße massieren, bis zur Küche tragen, alles voller schlechtem Gewissen.
Heute allerdings war die Puste einfach raus. Auf der Arbeit hatte der Chef getobt und Unterlagen durchs Großraumbüro geschmissen. Kunden, die zum elften Mal die Angebotsfrist überschritten. Konstantin fühlte sich wie ein ausgelutschter Presssack.
Sybille, lass uns in Ruhe was essen und ein Gläschen trinken, okay? Bin platt wie nachm S-Bahn-Ausfall auf der Stammstrecke. Lass es uns gemütlich angehen.
Gemütlich?! Ihr Ton schoss nach oben. Sie sprang auf, bohrte ihm kleine Fäuste in die Brust und drosch so drauflos, als müsste sie die Leitung von Sky unterbrechen. DU bist müde? Und ich? Den ganzen Tag hab ich die Wohnung geputzt, während du Kaffee mit Kolleginnen schlürfst! Meine Hände tun weh, mein Rücken killt mich! Und du bietest nicht mal einen Tee an, fragst nicht mal, wie mein Tag war! Egoist! Gefühlsbarbar! Hauptsache, DU fühlst dich wohl!
Konstantin packte vorsichtig ihre schmalen Handgelenke. So zierlich, fast kindlich, dass es der Schreiner in ihm brummen ließ. Er hatte sich damals in ihren zarten Charme verschaut, in das Verlangen, sie zu beschützenohne zu ahnen, dass zarte Schwäche zur emotionalen Panzerfaust mutieren kann.
Aua! Lass mich! Du bringst mich noch um!, krächzte sie und befreite sich dramatisch.
In Trippelschritten zog sie sich ans Fenster zurück, starrte mit dem theatralischen Elend eines Rosamunde Pilcher-Films auf die Münchner Stadtlichter. Konstantin atmete tief durch, ging in die Küche, zog den Korken respektlos aus dem Chianti, goss sich ein Glas randvoll und exte es wie ein Durstiger nach dem Halbmarathon. Das zweite Glas trank er schon etwas langsamer und wagte dann einen erneuten Annäherungsversuch.
Sybille, probier das mit dem Wein. Soll entspannen.
Sie drehte das Gesicht, die Tränen verflogen, die Augen blitzten jetzt wie Wetterleuchten über der Zugspitze.
Weg damit. Willst du mir dein schlechtes Gewissen schöntrinken? Du liebst mich nicht. Ich habs jetzt verstanden. Du bist nur aus Mitleid hier.
Wie kommst du jetzt DARAUF? Er stellte behutsam das Glas aufs Sideboard.
Weil du mich ansiehst wie ein Möbelstück! Früher hast du mir Blumen mitgebracht. Jetzt arbeiten, Bierchen, Netflix. Bin ich für dich nur der Staubwedel?
Er sagte lieber nichts. Jedes Wort führte erfahrungsgemäß geradewegs ins Mienenfeld deutscher Beziehungskommunikation. Das war keine Aussprache, das war ein Procedere mit festen Ritualen: Sie forderte, er wich aus, irgendwann flog Porzellan.
Gut, meinte er. Ich ess jetzt was. Wenn du willst, komm dazu.
Er tapste in die Küche, schnitt Käse, Auberginen, Brot, schenkte sich Wein nach. Versuchte, sich keine Gedanken zu machen.
Wie zu erwarten, betraten nach fünf Minuten Sybille die Szene. Sie schnappte die Käseplatte und schleuderte sie auf die Fliesen, das Porzellan zersprang in all seine zugelassenen Einzelteile, der Käse verteilte sich auf die Quadrate der Küchenfliesen.
Sag mal, bist du bescheuert?, heulte Konstantin auf. Wie alt bist du eigentlich?
So läuft das eben, wenn keiner zuhört! Ich kann auch anders, verstehst du!
Sie griff reflexartig nach der Flasche Chianti, aber Konstantin war schneller, die Flasche kippte, der Rotwein ergoss sich über Splitter und Käsereste.
Runterfahren, Sybille!, knurrte er, während sie wie beim Limbo auf dem glitschigen Boden rutschte.
Aua!, meckerte sie, lehnte sich am Fensterbrett ab. Konstantin warf einen Blick über das Scherbenmeer.
Das, was du hier veranstaltest, begann er.
Hab ich dir zu verdanken! Du treibst mich dazu! Wärst du ein normaler Mann, wäre hier Frieden!
Konstantin holte Besen und Kehrblech, begann wortlos zu fegen. Sybille riss ihm den Besen aus der Hand und schmiss ihn wutschnaubend ins Spülbecken.
Nicht aufräumen! Ich will, dass alle sehen, was für ein Monster du bist!
Wer, bitte schön, sind denn ALLE?, fragte Konstantin trocken. Die Nachbarn? Die kennen unser Programm auswendig.
Und tatsächlichnach sechs Jahren glaubte er fast, die Nachbarn würden sich Popcorn holen und das wöchentliche Live-Küchenkonzert erwarten.
Du lachst?! Du findest das lustig?!
Nö. Mir vergeht das Lachen.
Er ging ins Wohnzimmer, fiel ins Sofa wie ein Sack Kartoffeln, schloss die Augen.
Erinnerungen. Damals am Geburtstag seines Freundes, da war sie das strahlende Energiebündel gewesen. 22 Jahre jung, einzige Tochter, die von ihren Eltern wie bayerische Prinzessin gehalten wurde. Mutter: pensionierte Lehrerin, Vater: Betreiber mehrerer Werkstätten. Haus, Geschenke, Geld, alles, bloß keine schlechte Laune beim Töchterlein. Hatte Sybille einen Wunsch, wurde er prompt erfüllt; hatte sie schlechte Laune, rollte das Verwöhnkomitee an.
Schon bei den ersten Dates zeigte sich ihr Charakter. Fünf Minuten VerspätungKüsschenverbot! Falsches Risotto im RestaurantDrama. Konstantin, völlig verknallt, übersah die Warnzeichen, glaubte: Die wächst da schon raus, mit Liebe kann man alles kitten. Falsch gedacht.
Nach der Hochzeit wurde alles extremer. Mama und Papa zogen sich zurück und übergaben den Staffelstab der Fürsorge an Konstantin. Er durfte ab jetzt Papagei, Butler und Familien-Aufheiter vor und hinter den Kulissen geben.
Sybilles Anforderungen: Täglich Kaffeebringservice ans Bett, jeden Morgen Komplimente, jeden Abend Kraulen und den emotionalen Abfalleimer für alle Befindlichkeiten geben, die vom Netflixgucken und Crememaskenmachen übrig geblieben waren. Und wehe, er vergaß den Lieblingjoghurt, dann war Polenpardon, Passauoffen.
Und bei jeder Kleinigkeit: Du liebst mich nicht! Du kümmerst dich nicht!
Der Münchner war ein harter Brocken, aber ständige Tränen lösten bei ihm nicht Beschützerinstinkt, sondern Kopfschmerzen aus. Denn er wusste: Das war kein echter Kummerdas war Taktik.
Erst, als die Tränen wirkungslos verpufften, kam Masche Nummer zwei: psychosomatischer Notstand.
Konsti, mir gehts ganz schlecht heute das Herz, der Kreislauf, ich kipp gleich um
Er rannte, maß den Blutdruck, alles im Lot. Aber was sie brauchte, war kein Notarztsie wollte, dass er Händchen hielt und streichelte.
Wollte er sich mal zehn Minuten erholen, war Alarm: Du lässt mich alleine sterben!
Ging er darauf nicht ein, flog Porzellan. Das war ihre ganz eigene bayerische Familientherapiewehe, das passende Service war neu.
Einmal fragte er: Sag mal, was hast du eigentlich mit der ganzen kaputten Pampa?
Glas splittert, die Nerven beruhigen sichbilliger als Therapie, Konsti!
Na super. Auf die letzte Rechnung hätten wir dreimal in Urlaub fahren können.
Hättest du mich nicht in den Wahnsinn getrieben, hätts das nicht gebraucht!, konterte sie.
Konstantin war fertig. Er wollte eine normale Ehe. Abends zusammensitzen, Wohlfühlstille, nicht ständige Endlosdiskussionen über seine angeblichen Mängel. Sex als Strafe oder Belohnungnein danke. Er wollte eine erwachsene Frau, keine bockige Fünfjährige in Designerleggings.
Aber wie? Sie sah einfach kein Problem. So war sie halt sozialisiert: Weinen, stampfen, Häferl an die Wanddann kommt das Leben zu einem gekrochen. Und meistens tat’s das. Außer, Konstantin hatte schlicht keine Energie mehr.
Am nächsten Morgen war Sonntag. Konstantin stand früh auf, kochte Kaffee und glotzte durch die beschlagene Fensterscheibe auf das graue München. Die Stimmung hätte man mit einem Presslufthammer nicht schlechter machen können.
Gegen elf schleppte sich Sybille aus dem Schlafzimmer, im Bademantel, das Gesicht ein Streuselkuchen nach der Samstagsnacht. Sie holte sich einen Kaffee, ließ sich wortlos gegenüber nieder.
Sybille, wir müssen reden.
Über was denn?, fragte sie, ohne den Blick von der Wand zu nehmen.
Über uns. So kanns nicht weitergehen.
Ach, du kannst nicht mehr? Ich kann nicht mehr mit einem Mann, dem alles egal ist!
Sybille, sagte er ruhig, merkst du eigentlich, dass du dich aufführst wie ein trotziges Kind?
Ich? Ein Kind? Klar! Wer hält hier die Bude sauber, kocht, kümmert sich?
Sauber? Wir haben eine Putzfrau! Und kochen du kannst den Herd maximal dazu nutzen, die Blumen zu gießen. Wer hier was tut, wissen wir beide.
Sybille sprang auf, die Kaffeetasse kippte, braune Seen bildeten sich auf dem Holztisch.
Undankbarer Hund bist du! Ich tu alles für dich!
Setz dich, bitte.
Sie tats, mehr aus Neugier, was er jetzt vom Stapel lassen würde.
Ich hab dich lieb, begann er, aber ich bin durch. Ich halt das nicht mehr aus. Das ist wie ein Kindergeburtstag auf Endlosschleife. Wir müssen was ändern. Du musst erwachsen werden. Hör mit den Tränen-Manövern auf.
Ich manipuliere? Ich hab wirklich Nerven! Du bist schuld, du zerbrichst mich!
Sobald du was willst, fängst du an zu weinen oder fällst ins Koma. Kaum kriegst dus, stehst du wieder putzmunter da. Das ist keine Krankheitdas ist Notfallpädagogik.
Überrascht sah sie ihn an, damit hatte sie nicht gerechnet. Sonst gab er schneller nach.
Du bist ein Monster! Du hast mich nie geliebt, nur wegen den Geschenken meiner Eltern geheiratet!
Welche Geschenke? Die Wohnung hab ich vor deiner Zeit gekauft.
Du hast mich immer nur ausgenutzt! Jetzt willst du mich loswerden wie altes Mobiliar!
Konstantin merkte, das war sinnlos. Sie hörte immer nur, was ihr ins Konzept passte, der Rest diente als Munition.
Ich geh jetzt raus. Frischluft.
Du gehst?! Wir sind noch nicht fertig!
Ich schon.
Wortlos trat er aus dem Flur, zog Jacke und Schuhe an. Sybille stürmte hinterher, griff nach seinem Ärmel.
Du bist MEIN Mann! Das hast du zu bleiben!
Genau deswegen geh ich jetzt. So will ich nicht mehr Mann sein.
Die Haustür fiel krachend ins Schloss. Kurz darauf folgte ein dumpfer Schlagsie hatte ihm irgendwas gegen die Tür geworfen.
Er fuhr durch das abendliche München, trat Laub, beobachtete Graugänse auf der Isar, sinnierte vor sich hin. Er fand ein Café, bestellte Kaffee und Torte, saß stundenlang am Fenster. Das Handy vibrierte ohne Pause: Sybille, dann ihre Mutter, die aufgebracht zum sofortigen Heimkommen aufforderte, weil ihr Herz versagte und Konstantin ein Unmensch war, der seine Frau in den Wahnsinn trieb.
Er ignorierte alles, bestellte noch einen Espresso.
Abends kam er zurück. Es war dunkel, in der Küche roch es säuerlich nach dem Käsebruch von vorhin, die Scherben lagen immer noch da, Sybille stellte sich schlafend. Er räumte alles auf, putzte und legte sich aufs Sofa.
Am Morgen kam sie verschämt und verquollen zu ihm, setzte sich leise neben ihn:
Konsti, verzeih. Ich war doof, ich weiß. Ich will mich ändern. Hab schon nen Termin bei der Therapeutin gemacht. Guck
Sie reichte ihm das Handy mit Buchungsbestätigung. Er zuckte mit den Schultern.
Versuchs. Aber ein allerletztes Mal.
Sie schluchzte, küsste ihn ab, lobte ihn in höchsten Tönen. Und er glaubteoder tat zumindest so als ob.
Zwei Wochen war auffällig wenig Krach. Sybille ging sogar wirklich zu ihrer Psychologin, zeigte Notizen. Wenns doch mal wieder hochkam, ging sie in ein anderes Zimmer und atmete wie im Yogastudio. Konstantin schöpfte Hoffnung.
Bis zum unvermeidlichen Rückfall. Nach einer kleinen beruflichen Verspätung von 30 Minuten brannte wieder alles: Wo warst du? Mit Nadine aus der Finanzabteilung, ich weiß alles! Ihr trinkt heimlich Kaffee! Du betrügst mich!
Er schüttelte nur noch den Kopf. Kurz darauf knallten neue Keramikteller auf den Boden.
Konstantin stand nur noch auf der Schwelle und beobachtete dieses Trauerspiel, keine Kraft mehr.
Er ging ins Schlafzimmer, holte einen alten Koffer vom Schrank, warf ein paar Klamotten und den Laptop rein.
Sybille stand fassungslos in der Tür.
Was tust du da?
Ich zieh zu Mama. Solange du hier wohnst, komme ich nicht mehr zurück.
Sybille stellte sich ihm in den Weg. Tränen. Bitten. Versprechen. Zum drölften Mal. Doch diesmal ließ er sich nicht mehr um den Finger wickeln.
Du änderst dich nicht. Das hast du schon zu oft gesagt. Es tut mir leid.
Er stieg in den Fahrstuhl. Sybille flehte noch auf dem Flur: Konsti, bitte, ich kann nicht ohne dich! Ich bring mich um!
Dann ruf halt deine Mama an. Oder den Notarzt. Sie wissen beide, wie man einen Essteller kauft.
Er fuhr durch München, Handy aus. Erst am Morgen, irgendwo am Stadtrand in seinem Auto, döste er ein. Ein bisschen Nackenstarre, aber immerhin überlebt.
Ein Monat später das Münchner Amtsgericht. Sybille schluchzte, wollte nicht loslassen, doch die Richterin hatte kein Interesse an Drama. Scheidungfertig, keine Kinder, kein gemeinsames Eigentum.
Manchmal träumte er noch von ihrin Bademantel und mit Krokodilstränen, Arme ausgestreckt: Konsti, verzeih mir, ich werde brav sein! Er wachte dann auf und starrte an die Betondecke. Doch der Phantomschmerz ließ irgendwann nach.
Ein Jahr später begegnete ihm Nadja. Neue Kollegin im anderen Büro. Sie trug dezente Brille, trank schwarzen Kaffee und war vom Typ leise Wasser, tiefe Gründe. Wenn sie ärgerlich war, schwieg sie und ging kurz raus. Dann kam sie wieder und sagte: Komm, wir besprechen das nochmal ganz sachlich.
Konstantin war anfangs misstrauischbei zu lauten Geräuschen zuckte er zusammen. Doch Nadja war anders. Keine fliegenden Tassen, keine Theatralik, kein Drama.
Nach zwei Jahren heirateten sie standesamtlichstill, nur mit den Eltern. Am Tag der Hochzeit kam von Sybille noch eine SMS: Hoffentlich wirst du elendig verrecken. Konstantin lachte und blockierte die Nummer.
Ab und anvor allem bei Real oder im Karstadt am Stachusverharrte er vor den Regalen mit Porzellan, betrachtete die feinen Tassen und Teller mit Blümchenmuster, Streifen und Punkten und dachte: Wie viele Servicen hätten wir uns davon kaufen können? Bestimmt ein Dutzend.
Dann kam Nadja, nahm ihn sanft an der Hand und fragte: Alles gut? Komm, wir brauchen noch Milch.
Er nickte, ließ das Porzellan aus dem Blick und ging ihr hinterher.




