Stille zu zweit
Ingrid, warum schreist du denn so? Ich hab doch gesagt, ich brings gleich.
Günter lehnte im Türrahmen des Schlafzimmers, hielt sich am Rahmen fest. Er hatte ein altes Unterhemd an, mit einem Fleck von Linsensuppe, dazu ausgeleierte Jogginghosen. Reinhard schaute seine Frau gereizt an, so als ob sie schon wieder grundlos Theater machen würde.
Ich bitte dich seit einer Stunde, Ingrid drehte mit Mühe den Kopf auf ihrem Kissen. Es tut weh, wenn ich so liegen muss. Ich muss mich umdrehen. Allein schaffe ich es nicht.
Jetzt gleich, winkte er ab und schlurfte in den Flur.
Sie hörte, wie die Wohnungstür zufiel. Er war einfach gegangen. Weg. Und wieder keine Hilfe. Ingrid schloss die Augen und fing leise an zu zählen, so wie die Ärztin in der Klinik es ihr beigebracht hatte. Bloß keine Aufregung. Die Wirbelsäule muss richtig zusammenwachsen, jede Anspannung kann alles nur verschlimmern. Trotzdem liefen die Tränen, heiß und brennend. Nach zwanzig Minuten hörte sie Günters Schritte wieder. Er kam zurück, legte einen Karton Milch und ein Brot auf den Küchentisch und kam ins Schlafzimmer.
Na, soll ich dich jetzt umdrehen? Er klang dabei, als würde sie ihn um einen Umzug bitten.
Sie nickte stumm. Er ging zu ihr, packte sie unbeholfen an den Schultern. Ein scharfer Schmerz zuckte durch sie, und sie konnte ein Aufschreien nicht verhindern.
Was denn jetzt, Ingrid? Du, ich mach das doch vorsichtig!
Nicht so stöhnte sie durch zusammengebissene Zähne. Du musst die Hand unter den Rücken legen, hat die Schwester doch vorgemacht.
Welche Schwester? Na, ich merke mir sowas doch nicht. Sag doch sofort, wenn irgendwas anders sein soll.
Sein zweiter Versuch war schon etwas besser. Ingrid lag endlich auf der Seite, der Schmerz ließ nach. Günter ließ sich seufzend aufs Bett nieder.
Wie lang dauert das jetzt noch? fragte er. Ein Monat ist ja schon rum.
Die Ärztin meinte, mindestens drei, antwortete sie leise.
Er stand wieder auf, trottete in die Küche, klapperte dort mit Tellern und drehte den Fernseher auf natürlich viel zu laut. Talkshows und Musik hämmerten durch die ganze Wohnung. Ingrid sah aus dem Fenster in den trüben Novembertag, Wind fegte durchs kahle Geäst unten im Hof, der fast genauso aussah wie damals, vor über vierzig Jahren, als sie mit Günter eingezogen waren. Damals hatten sie mit den Nachbarn zusammen die Bäume gepflanzt. Günter schleppte Wassereimer, sie hielt die Setzlinge. Später trug er sie heute zur Einweihung auf Händen über die Schwelle, wie sie schon lange verheiratet waren. Einfach so, aus Spaß. Heute bekam er sie nicht mal richtig ins Bett gedreht.
Noch zwei Wochen vergingen. Ingrid lernte, sich langsam selbst mit Hilfe an den Stühlen und Wänden entlang zu bewegen. Die Ärztin erlaubte ihr, jeden Tag fünf Minuten zu stehen. Günter kochte, naja… Er quälte Nudeln ins Wasser, machte Spiegeleier, entweder halb roh oder komplett verkohlt. Ingrid wusste, er versuchte es, aber nicht einmal das konnte sie trösten. Es schmeckte einfach nach nix. Früher hatte sie selbst gekocht und gebacken, Apfelstrudel, Kartoffelsalat, Brötchen am Sonntag. Jetzt war es nur Pflicht für ihn und Qual für sie.
Eines Abends, Günter schlief längst auf dem Wohnzimmersofa im Schlafzimmer musste für Ruhe und Stille gesorgt sein , rief sie nach Wasser. Keine Antwort. Ein zweites, lautes Rufen verhallte im Nichts. Also versuchte sie, sich selbst aus dem Bett zu heben, hielt sich am Nachttisch fest, schaffte es bis in die Schlafzimmertür und sah ihn daliegen, auf dem Sofa ausgestreckt, am Schnarchen, Fernseher an, Licht an. Sie bemerkte, sie würde nie bis zur Küche kommen. Sie schleppte sich zurück, ließ sich schwer ins Bett sinken und wartete auf den Morgen. Der Durst brannte, aber mehr noch die Seele vor Schmerz. Er hatte sie einfach vergessen.
Am Morgen, Günter wachte wie immer spät auf, so gegen zehn, fragte, wie sie geschlafen hatte.
Schlecht, sagte sie. Du hast das Wasser vergessen.
Ich bin eingeschlafen, zuckerte er mit den Schultern. Tut mir leid. Ich bring dir gleich was.
Er brachte ein Glas, sie trank durstig daraus. Er sah sie nur verständnislos an.
Warum bist du so gereizt? fragte er.
Ich bin nicht gereizt, ich bin einfach fertig, murmelte sie.
FERTIG? Und ich? Mir fällt das auch nicht leicht! Ich bin 72, und jetzt soll ich hier ständig rumspringen?!
Ingrid schwieg. Sie hatte keine Kraft zu streiten. Sie drehte sich zum Fenster, hörte, wie er in die Küche ging. Nach einer halben Stunde rief er: Frühstück! Ingrid schleppte sich langsam an den Tisch, setzte sich, probierte den schleimigen Haferbrei und merkte, dass sie nichts runterbringen würde.
Schmeckt nicht? beleidigt.
Nein, ich hab einfach keinen Hunger, log sie.
Er zog die Jacke an.
Ich geh zu Hans auf die Bank. Muss mal raus.
Weg war er.
Ingrid blieb allein, warf den Brei in die Biotonne, fand einen Joghurt im Kühlschrank und aß ihn im Stehen. Dann setzte sie sich ans Fenster. Unten auf der Bank im Hof saßen Günter und Hans, rauchten, lachten, fachsimpelten. Günter lebte auf dort, nicht bei ihr, nicht in der Enge und Stille der Wohnung.
Eine Woche später passierte, was sie befürchtete: Abends bekam Ingrid Fieber. Erst 37,5, später fast 39. Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen ohne Ende. Günter gab ihr Paracetamol, deckte sie zu und sagte: Wenns schlimmer wird, ruf ich den Notarzt. Ging ins Wohnzimmer und ließ sie allein. Ingrid konnte nicht schlafen, die Temperatur stieg. Um zwei Uhr rief sie nach ihm Stille. Noch lauter, aber nichts. Er schlief fest im Wohnzimmer, hörte sie nicht. Panik stieg auf. Was, wenn das eine Entzündung nach der OP war? Ärztin hatte gewarnt. Musste sie jetzt wirklich selbst zum Telefon? Beim Versuch aufzustehen stürzte sie zu Boden, Schmerz raubte ihr fast das Bewusstsein. Sie schrie auf kein Günter.
Am Morgen kam Frau Bergmann, die Nachbarin, brachte die Mülltonne rein, hörte das Stöhnen und fand Ingrid auf dem Fußboden. Sie rief den Notarzt und benachrichtigte Ingrids Tochter Miriam, die sie in Ingrids Adressbuch fand. Günter wachte erst von den lauten Stimmen der Sanis auf.
Miriam kam kurz nach dem Notarzt. Ihr Gesicht war starr vor Zorn. Sie stürmte in die Wohnung, ging direkt ins Schlafzimmer zu ihrer Mutter, ohne den Vater auch nur anzusehen. Die Notärztin hatte Ingrid bereits ins Bett zurückgelegt und ihr gespritzt, das Fieber war gesunken.
Mama, wie gehts dir? Miriam nahm ihre Hand.
Es geht mach dir keine Sorgen, flüsterte Ingrid.
Wie sollte ich mir keine Sorgen machen? Du lagst die ganze Nacht auf dem Boden!
Nicht die ganze Zeit nur ein paar Stunden.
Und wo war er? Miriam drehte sich zu Günter, der peinlich berührt im Türrahmen stand.
Ich hab geschlafen… stammelte er.
Geschlafen, soso. Hast du nicht gehört, wie deine Frau, nach der OP, um Hilfe gerufen hat?
Ich war so kaputt ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste…
Miriam stemmte die Hände in die Hüften, eine große, kräftige Frau, 45 Jahre alt, Steuerfachangestellte, zwei Kinder, der Jüngere gerade zehn. Sie trat direkt vor ihren Vater.
Du meinst, du bist müde? Weißt du, was das ist? Sechs Uhr aufstehen, Kinder in die Schule bringen, arbeiten, alles abholen, kochen, putzen, lernen, aufpassen, und dann noch mit der Angst leben, dass Mama bei dir liegt, ganz auf dich angewiesen?
Miriam, jetzt reichts… versuchte Ingrid.
Nein, Mama. Er soll das hören. Papa, du schaffst das nicht. Du kannst dich nicht kümmern und du willst es auch nicht lernen.
Ich geb mir Mühe…
Das ist eine Ausrede, Papa. Mama zieht zu mir. Noch heute. Wir richten das Gästezimmer her weißt du noch? Als du damals für uns gekocht hast, als ich schwanger war. Da kannst du sein, bist in Sicherheit.
Miriam, du hast Kinder, Arbeit…
Mama, du bist auch meine Familie.
Günter sagte nichts mehr, ging in die Küche. Miriam packte konzentriert Mutters Sachen: Kleidung, Medikamente, Dokumente, einige Fotos. Ingrid beobachtete das mit dankbarer Traurigkeit und Leere. Sie wusste, es musste so sein, doch es schmerzte furchtbar.
Sie bestellten ein Sammeltaxi für Kranke, Miriam und der Fahrer halfen Ingrid ins Auto. Günter stand unentschlossen an der Treppe und verabschiedete sie nur mit einem Nicken.
Die ersten Tage bei Miriam waren hart. Ingrid fühlte sich lästig. Das Gästezimmer war klein, eigentlich stand dort Miriams älterer Sohn Lukas PC, jetzt musste er im Wohnzimmer lernen. Miriam stand jeden Morgen um sechs auf, brachte die Kinder, fuhr zur Arbeit, kam mittags heim, gab Mama Medizin, machte Essen warm, ging dann wieder zur Arbeit. Abends half sie beim Waschen, Anziehen, bei leichten Übungen für den Rücken.
Miriams Mann, Thomas, ein ruhiger Ingenieur, war freundlich, brachte Ingrid immer einen Tee ans Bett und fragte nach ihrem Befinden. Die Jungs, Lukas (14) und Fabian (10), waren anfangs vorsichtig, immerhin lag Oma viel. Doch Lukas half ihr bald zur Toilette oder ins Bad, Fabian brachte ihr Bücher, erzählte von der Schule.
Langsam, Stück für Stück, wurde es besser. Eine Physiotherapeutin kam zwei Mal die Woche, Miriam besorgte Gehhilfen, Ingrid lernte wieder laufen. Das war mühsam und schmerzhaft, aber Miriam unterstützte sie, sprach ihr Mut zu, und immer öfter sprachen sie über früher. Über Miriams Kindheit, Ingrids Ehe mit Günter, all die kleinen und großen Sorgen und Freuden. Sie spürten, wie fremd und gleichzeitig eng sie sich doch manchmal waren.
Drei Monate später konnte Ingrid sich mit Gehhilfe durch die Wohnung bewegen, zum Bad und in die Küche gehen. Die Ärztin war zufrieden, riet aber zu Vorsicht die Rückenschmerzen würden bleiben, keine schwere Hausarbeit mehr. Ingrid war einfach froh, wieder selbstständig sein zu können.
Günter rief anfangs oft an, wurde dann aber stiller. Miriam ging meist ans Telefon, hielt die Gespräche knapp; vergeben hatte sie nicht. Ingrid bekam es mit und wusste, ihre Tochter hatte Recht aber Günter war trotzdem ihr Mann. Fast fünfzig gemeinsame Jahre, so viel zusammen durchgestanden, all die Erinnerungen. Konnte das wirklich einfach vorbei sein?
Eines Abends, die Kinder waren im Bett, Thomas schaute gerade Fußball, klingelte es. Thomas öffnete, und da stand Günter saubere Hose, Hemd, sogar ein neuer Pullunder, in der Hand eine Schachtel Donauwellen vom Bäcker, Ingrids Lieblingsgebäck.
Servus, Thomas. Darf ich kurz zu Ingrid?
Also… äh… Olli ich meine, Miriam will das eigentlich nicht.
Fünf Minuten. Bitte.
Thomas ließ ihn durch. Ingrid saß mit einem Buch am Fenster, das Wort blieb ihr im Hals stecken, das Buch glitt zu Boden.
Günter…
Ingrid… Er ging zu ihr, kniete sich hin, reichte ihr die Donauwellen. Ich hab dir was mitgebracht.
Sie nahm die Schachtel mit zitternden Händen. Beide schwiegen eine lange Weile. Er hob den Blick, Tränen standen in seinen Augen.
Es tut mir leid, Ingrid… Für alles. Ich konnte das nicht Kümmern und so, das hast immer du gemacht. Ich war überfordert. Bin ein Feigling, ein schlechter Mann.
Günter Sie strich ihm durch das mittlerweile schütter gewordene, ganz graue Haar.
Ich weiß, du kannst mir nicht vergeben. Aber die Wohnung ist so leer ohne dich. Ich vermiss dich.
Sie schwieg, weinte leise.
Ingrid, uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wer, wenn nicht wir? Miriam ist eine tolle Tochter, aber sie hat ihr Leben. Wir… wir haben unseres. Ich bin deiner, du bist meine, so wars immer.
Sie verstand, dass er recht hatte. Die Angst, alt und alleine zu sein, kroch wieder hoch. Wie lange würde Miriam das durchziehen? Sie hat Familie, Arbeit, Sorgen genug… Aber Günter, er war ihr Mann.
Ich muss nachdenken, flüsterte sie.
Er nickte, küsste sie auf die Stirn und ging. Kurz darauf kam Miriam hereingestürmt.
War er da?
Ja.
Was wollte er?
Er bat um Verzeihung.
Miriam setzte sich Mamas gegenüber aufs Bett. Ihr Gesicht war angespannt.
Mama du überlegst hoffentlich nicht, zu ihm zurückzugehen?
Ingrid schwieg lange, schaute hinaus in die Nacht, sah auf die Fenster der anderen Häuser.
Ich weiß es nicht…
Was?! Miriam wurde laut. Er hat dich im Stich gelassen, und jetzt willst du zurück?
Ingrid schwieg. Miriam sprang auf, ging nervös umher.
Ich raffe das nicht. Du wählst ihn, den Mann, der dich hat liegen lassen und der sich nie sorgt, und nicht die Tochter, die für dich alles gegeben hat…
Du bist meine Tochter, ich liebe dich, Ingrids Stimme wurde brüchig. Aber ich will nach Hause. Dort ist mein Leben.
Aber… dort warst du unglücklich!
Es ist trotzdem mein Zuhause. Und er… Wir waren fast fünfzig Jahre verheiratet, ich kann nicht ohne ihn.
Miriam rang um Fassung, dann verließ sie wortlos den Raum. Ingrid blieb zurück, hielt die Gebäckschachtel, und weinte. Sie wusste, sie verletzt ihre Tochter, aber sie wusste nicht, wie sie anders entscheiden sollte.
Zwei Wochen später brachte Miriam sie zurück in die Wohnung. Wortlos, kalt. Als sie sich verabschiedeten, umarmte Miriam sie zwar, aber ohne jede Wärme.
Wenn was ist, ruf an, das war alles.
Danke, Maria. Und entschuldige…
Da gibts nichts zu entschuldigen, und wendete sich ab.
Ingrid wusste, dass ihre Tochter ihr nicht verzieh.
Günter hatte sich Mühe gegeben: Die Wohnung war sauber, ein Blumenstrauß auf dem Esstisch, er half mit der Jacke, setzte sie ins Wohnzimmer, brachte Tee. Ingrid fragte sich, ob es jetzt besser werden würde, doch nein: Nach wenigen Tagen kehrte der Alltag ein. Er vergaß den Einkauf, saß auf der Bank, beim Fernseher sie machte still alles allein. Wenn sie nicht konnte, wartete sie einfach. Warten konnte sie jetzt gut.
Miriam rief sie nicht an. Versuche von Ingrid blieben unerwidert, immer mit der Ausrede “bin im Stress”. Ingrid wusste, sie hat ihre Tochter verloren.
Einmal abends, als sie die Fotos im Wohnzimmer betrachtete, fiel ihr Miriams Hochzeit auf. Ihr Enkel Lukas, damals total wild, und der kleine Fabian, jetzt schon ein Junge sie wusste nichts mehr aus ihrem Alltag. Sie hatte Günter gewählt und sie verloren.
Ingrid, schau mal, im Fernsehen, das ist witzig! rief Günter aus dem Wohnzimmer.
Sie antwortete nicht, stellte die Fotos wieder hin, blieb auf der Bettkante sitzen. An der Zimmerdecke lief ein Riss wie ihre Lebenslinie, dachte sie. Vorher Mutter, Frau, Oma jetzt nur noch Ballast, erst für einen, dann für die andere. Jetzt einfach da.
Am nächsten Tag versuchte sie erneut Miriam zu erreichen nur der Anrufbeantworter.
Hallo, Miriam… Ich bins, Mama. Sag doch mal, wies euch geht. Ich vermisse dich.
Keine Rückmeldung. Tage, Wochen vergingen. Ingrid lernte, ohne Gehhilfe zur Bäckerei zu gehen. Günter freute sich, endlich keine Besorgungen mehr machen zu müssen er lungerte irgendwo herum. Ingrid kochte, wusch, bügelte, die Rückenschmerzen waren ständiger Begleiter.
Nach zwei Monaten kam Miriam plötzlich an einem Vormittag, blass, dunkle Augenringe, schweigend. Sie nahm Ingrids Hände, setzte sich.
Mama, ich hab dich zwei Monate nicht angerufen. Ich war so sauer. Ich konnte dir nicht vergeben, dass du zurück bist. Nach allem, was er gemacht hat. Nach all dem, was ich gemacht habe.
Miriam, es es tut mir leid.
Lass mich reden, unterbrach ihre Tochter. Ich dachte, du wählst ihn, nicht mich. Dass dir meine Liebe egal ist. Aber irgendwann hab ichs begriffen: Du hast Angst. Vor dem Altwerden, dem Alleinsein, vor der Last, die du sein könntest. Deshalb bist du zu Günter zurück… und hast mich damit zurückgelassen.
Ingrid weinte still.
Aber Mitleid habe ich keins mehr, Miriam wurde hart. Du hast bewusst gewählt. Ich habe dir Zeit, Geld, Kraft, Nerven gegeben, alles. Dafür hast du mich abgestoßen. Und jetzt lebst du eben mit dieser Entscheidung. Ich komm nicht mehr vorbei und hole dich, wenns dir schlecht geht. Ich bin nicht mehr deine Ausrede, jederzeit alles zurückzudrehen.
So kannst du nicht reden, Miriam
Doch, Mama! Es ist die Wahrheit. Du hast mich verraten. Vielleicht kann ich das irgendwann vergeben, heute aber nicht.
Günter stand im Hintergrund, wollte etwas sagen, doch Miriam drehte sich zu ihm.
Und du, ihr Blick war eiskalt du solltest still sein. Du weißt nicht, was Liebe ist. Aber sie hat dich gewählt. Viel Spaß in eurer Stille.
Sie zog einen Umschlag heraus, legte ihn auf den Tisch.
Da sind Euros für Medikamente. Mehr kann ich nicht tun. Leb wohl, Mama.
Miriam war fort, bevor Ingrid richtig reagieren konnte. Sie stand minutenlang einfach so da, hörte, wie Günter in der Küche hantierte, dann zu ihr kommen wollte. Sie wehrte ihn ab.
Lass mich.
Ach Ingrid, sie beruhigt sich. Wird schon wieder anrufen.
Nein, sie blickte ihm fest in die Augen. Sie ruft nicht mehr an. Ich habe sie für immer verloren.
Sie ging ins Schlafzimmer, legte sich hin und weinte stumm. Sie wusste, Miriam hatte Recht. Sie hatte ihre Liebe aufs Spiel gesetzt und verloren.
Es verging ein halbes Jahr. Günter machte, was er schon immer gemacht hatte. Draußen sitzen, Fernsehen, Witze von damals. Ingrid kümmerte sich um die Wohnung, das Essen, schaute abends aus dem Fenster hinab in den dunklen Hof. Manchmal rief sie bei Miriam an, manchmal antwortete Thomas, sagte, es sei alles okay, Miriam meldet sich “bei Zeit”. Aber sie kam und meldete sich nicht mehr. Die Enkel sah sie nur noch auf Fotos.
Einmal, als die Sonne golden über den Innenhof fiel, sah Ingrid Kinder spielen. Sie dachte an Miriam als Mädchen auf Drahtesel, an Günters große Hände, die sie festhielten, das Lachen aller am Sonntagnachmittag. Damals… Familie halt. Jetzt waren sie zwei alte Menschen mit ganz viel Vergangenheit und noch mehr Stille.
Sie nahm ein Foto der Enkel, strich übers Glas.
Miriam, es tut mir leid, flüsterte sie. Bitte verzeih mir
Aber sie wusste, das würde niemals ankommen.
Ingrid, komm, hilf mir mal, im Fernsehen kommt was Lustiges!
Sie reagierte nicht und ging stattdessen in die Küche, kochte Tee. Das Leben ging seine ruhigen Kreise, Günter machte weiter wie immer. IHM ging es gut: Essen da, Frau kümmert sich, alles wie immer. Sie war einfach… da.
Später stand sie am Fenster, sah auf die Lichter im Haus, hörte die Lebensgeräusche, Musik, Lachen. Überall Familien, nur bei ihr Stille. Sie dachte an die Zeit bei Miriam, wie lebendig sie sich gefühlt hatte. Auch wenn es schwer war, sie war gebraucht worden, war dabei. Jetzt fühlte sie sich wie ein Schatten. Der Alltag, wie ein grauer Schal um ihren Hals. Sie vermisste die Spannung, die Freude, das wirkliche Leben.
Sie deckte Günter zu, der auf dem Sofa eingeschlafen war im Schlafzimmer schliefen sie nicht mehr zusammen, seit ihrer Krankheit. Jeder für sich, in seinem eigenen Schweigen.
Ingrid lag im Dunkeln, lauschte der Nacht. Nichts als Stille. Die Stille, die sie gewählt hatte. Stille zu zweit.
Am nächsten Morgen gingen sie zum Wochenmarkt. Günter trug die Tasche, sie mit Stock daneben. Schweigend. Sie kauften Tomaten, Gurken, Kräuter. Wieder zu Hause, schnitt sie alles fürs Einlegen, Günter schaute zu, dann verschwand er zu seiner Lieblings-Krimiserie. Ingrid schnitt, dachte an Miriam wahrscheinlich auch gerade auf dem Markt, mit Thomas und den Jungs. Lachen, Reden, Leben.
Ingrid wischte sich die Tränen weg, machte weiter. Es war ihr Leben. Ihr Weg. Sie hatte gewählt.
Und jetzt? Jetzt blieb nur Stille. Zu zweit.




