Als Jana ihren Sohn aus dem Kindergarten abholt, läuft er ihr entgegen und schlingt die Arme um ihren Hals. Ganz aufgeregt flüstert er ihr ins Ohr:
Mama, Mama, können wir bitte Emils Oma mit zu uns nehmen?
Was sagst du da? Welche Oma? Wovon redest du? Jana schaut ihren Sohn verwirrt an. Zieh dich bitte schnell an, Papa wartet schon im Auto.
Da, die Oma! Moritz zeigt mit dem Finger auf eine ältere Dame, die gemächlich gemeinsam mit einem Jungen den Kindergarten verlässt. Emils Oma, sag ich doch!
Sei doch nicht albern. Das ist doch nicht deine Oma.
Na und? mault Moritz. Frag sie doch einfach, ob sie auch meine Oma sein will. Bitte.
Du hast doch deine eigenen Omas. Sogar zwei. Warum brauchen wir noch eine? Und jetzt genug der Geschichten, zieh bitte deine Hose an.
Aber Mama Moritz zieht ein trauriges Gesicht, während er sich die dicke Winterhose anzieht. Meine Omas sind keine richtigen Omas. Aber Emils Oma die ist echt. Die ist richtig.
Wieso meinst du, dass deine Omas nicht richtig sind? Jana lächelt unsicher. Sie sind doch deine richtigen Omas! Sie haben schließlich Papa und mich großgezogen und nicht diese Frau hier, Emils Oma.
Egal, ob sie euch großgezogen haben Moritz schaut seine Mutter sehnsüchtig an. Aber richtige Omas sind sie trotzdem nicht geworden.
Wieso das? Woran erkennst du denn eine richtige Oma?
Die darf man laut Oma rufen, erklärt Moritz eifrig. Meine eine Oma will nur mit Erika angesprochen werden, und meine andere schimpft, wenn ich draußen auf dem Hof Oma! rufe.
Sie schimpft?
Ja. Sie sagt, sie sei noch jung und will nicht vor den Nachbarn blamiert werden!
Das sagt meine Mama zu dir?
Ja. Und sie hat auch gesagt, dass du mich immer nur zu ihr abschiebst. Emils Oma dagegen sagt, dass Emil das Beste in ihrem Leben ist. Ich möchte auch das Beste sein.
Das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass meine Mama sowas sagt Jana schaut Moritz traurig an und bittet schon viel sanfter: Komm, zieh dich bitte an, mein Schatz. Papa wartet doch schon. Und bei Oma Erika, ist sie auch böse, wenn du sie Oma nennst?
Nein, sie sagt einfach nichts, wenn ich sie so rufe. Aber wenn ich Erika sage, dann lobt sie mich. Und Mama, weißt du, warum meine Omas nicht kochen können wie richtige Omas?
Wie bitte? Jana schaut ihren Sohn entgeistert an. Du behauptest doch nicht etwa, dass deine Omas dich bei sich verhungern lassen?
Doch, sagt Moritz entschieden. Tun sie.
Wie kommst du denn darauf? Sie sorgen doch richtig gut für dich; ich hab doch gesehen, was sie dir alles auftischen!
Ach was Moritz verzieht das Gesicht. Wurst, Maultaschen, Salate Ist das etwa das Beste?
Und was möchtest du denn haben?
Pfannkuchen.
Pfannkuchen? fragt Mama ungläubig.
Ja. Oder Quarkkeulchen. Emils Oma hat ihm heute gesagt, dass es daheim frische Quarkkeulchen mit saurer Sahne und Marmelade gibt. Sie haben sich sogar daran erinnert, dass sie im Sommer zusammen Marmelade gekocht haben. Und wir haben das mit meinen Omas nie gemacht.
Ach, Moritz Jana blickt ihren Sohn mitleidig an. Weißt du was, wir trinken heute Abend zum Tee Marmelade. Wir holen gleich welche im Supermarkt.
Die schmeckt aus dem Laden nicht, das weiß ich doch
Woher willst du das wissen?
Habe ich doch meinen Omas gesagt. Sie haben sie auch schon gekauft
Und Quarkkeulchen, hast du die mal verlangt?
Klar Moritz zieht seine Jacke an und seufzt traurig. Aber die sagen, das dauert ewig, und dann gehen wir zu einem Café, da gibts Pfannkuchen, aber die sind kalt und die Marmelade ist viel zu süß. Bei Emils Oma gibts aber Pfannkuchen frisch aus der Pfanne, das ist das beste Essen der Welt.
Oh ja sagt Jana verträumt, nimmt Moritz an die Hand und verlässt den Kindergarten mit ihm. Das ist wirklich das Beste. Meine Oma hat mir früher auch immer solche gemacht
Während sie zur Tiefgarage laufen, in der Moritz Papa schon im Auto wartet, zückt Jana ihr Handy und ruft ihre Freundin an.
Svea, bist du Zuhause? fragt sie mit leicht schuldbewusstem Ton.
Klar, kommt die Antwort.
Sag mal, darf ich dich um einen Gefallen bitten? Aber bitte nicht lachen
Na, was denn?
Du hast doch mal erzählt, du kannst richtig leckere Quarkkeulchen machen, und dein Sohn isst immer so viele davon
Ja und?
Gibst du mir bitte das Rezept? Als Svea lacht, ruft Jana erschrocken: Ich hab doch gesagt, nicht lachen! Es ist wichtig!
Komm doch lieber gleich vorbei, ich zeigs dir selbst.
Wann denn?
Am besten direkt jetzt.
Geht nicht, stammelt Jana. Ich hol gerade Moritz vom Kindergarten ab, mein Mann wartet im Auto.
Dann kommt doch alle zusammen! Da lernt dein Sohn auch meinen kennen. Ich freu mich auf euch! Svea legt auf.
Am nächsten Tag lässt sich Jana extra von der Arbeit freistellen, fährt zur Mutter und übt mit ihr zusammen, Quarkkeulchen zu machen. Die Mutter schnaubt und will sich erst beschweren, spricht von dem modernen Leben der älteren Frauen, doch Jana sagt streng:
Mama, wenn wir dir im Weg stehen, bringe ich dir Moritz nie wieder. Weißt du eigentlich, was eine richtige Oma ausmacht? Warum hast du noch nie im Sommer Marmelade eingekocht? Du hast doch jetzt einen Enkel!
Die Mutter wollte etwas Schroffes entgegnen, sah aber Janas entschlossenen Blick und schwieg lieber. Nur für alle Fälle.
Als Vera ihren Sohn aus dem Kindergarten abholte, stürmte er auf sie zu, fiel ihr um den Hals und flüsterte ihr leidenschaftlich ins Ohr:





