Raus aus meiner Wohnung
Lena, erklär mir doch mal, warum du jetzt schon seit zwei Stunden in der Küche stehst? Frikadellen, Salat, Suppe alles seit heute Morgen. Er weiß das sowieso wieder nicht zu schätzen.
Elsa Schmidt saß auf ihrem Lieblingshocker neben dem Kühlschrank, die Teetasse schützend an die Brust gedrückt. Sie liebte es, genau dort zu sitzen ein bisschen abseits, aber mit bester Sicht auf alles. 75 ist sie mittlerweile, ihre Augen dennoch scharf wie Omas Küchenmesser.
Mama, bitte. Ich reiß mir kein Bein aus, ich koche halt Abendessen. Ganz normal.
Normal. Elsa stellte ihre Tasse ab, mitten aufs Knie. Eben. Jeden Abend normal. Jeden Freitag normal. Zwanzig Jahre lang normal.
Es sind siebzehn.
Wie bitte?
Siebzehn Jahre, nicht zwanzig.
Ach. Siebzehn, zwanzig… Willst du mal durchrechnen, wie viele Frikadellen du für ihn in den letzten siebzehn Jahren gewälzt hast? Wie oft du den Tisch abgeräumt, wie oft Hemden gewaschen?
Lena wendete die Frikadellen. Das Fett zischte, der Duft von gebratenem Hack und Zwiebeln lag in der Luft. Riecht nach Kindheit, nach heiler Welt. Das war ihr Wohlfühlgeruch.
Mama, ich habs nie gezählt. Und werde ich auch nicht. Das ist meine Familie. Das ist mein Leben. Ich komm klar.
Du kommst klar, sagte Elsa langsam, als würde sie auf Spinat kauen. Lena, hast du dich überhaupt mal ordentlich im Spiegel angesehen? Also so richtig? Du bist müde. Augenringe bis zu den Ohren. Wann hast du das letzte Mal einfach gesessen und nichts gemacht?
Letztes Wochenende.
Da hast du ihm Socken gestopft.
Lena grinste ehrlich und unerwartet.
Ach Mama…
Nenn es ruhig meckern. Für mich ist das Lebenserfahrung. Ich darf das.
Draußen wurde es langsam dunkel. Ende Oktober, halb sechs und schon Dämmerung. Lena liebte diese Abende warmes Licht in der Küche, Brutzeln in der Pfanne, Gespräche mit Mama über Gott und die Welt. Elsa wohnte seit drei Wochen bei ihr: In ihrer Wohnung in der Gartenstraße gab es eine Baustelle Wasserrohrbruch, alles feucht, lauter Handwerker und Chaos. Die Hausverwaltung versprach, es in zwei Wochen zu regeln, aber nun war schon die dritte fast vorbei. Lena beschwerte sich nicht. Es war schön, Mama bei sich zu haben. Vertraut.
Vierte Etage, Zwei-Zimmer-Platte irgendwo in Berlin-Neukölln. Kein Schloss, aber ihr Reich. Geerbt von Oma nach der Wiedervereinigung, noch vor dem großen Run auf Immobilien. Einmal renoviert, dann Belebt, dann kam Markus dazu. Markus zog bei ihr ein, weil er aus seiner WG ja ohnehin rausmusste. Und das Geld? Ja, das verlief sich so… wie Markus es eben regeln konnte.
Kommt er bald? fragte Elsa.
Sollte um sechs kommen. Jetzt ists schon zwanzig nach.
Hat er wenigstens angerufen?
Schweigen. Markus rief nie an, wenn er später kam. Grundsätzlich nicht. Aus Prinzip.
Sie deckte den Tisch, gerade als die Wohnungstür knallte Schlüssel, Tür weit auf, dann Schritte. Diesmal aber mehrere. Nicht nur seine, da waren mindestens zwei weitere dabei.
Lena? Bist du da? Markus rief aus dem Flur.
In der Küche.
Ah, wunderbar. Also, pass auf…
Er kam herein, im Schlepptau eine Frau Mitte vierzig, kurze Jacke, große Tasche, das Gesicht wie auf Knopfdruck beleidigt und einen schlaksigen Teenager mit schlurfendem Gang, Kopfhörer um den Hals.
Lena hielt das Spültuch fest. Nur beobachtend.
So. Markus wies auf das Duo, als wäre es die neue Kaffeemaschine. Du kennst doch Marie. Und das ist Max, du weißt schon, mein Sohn.
Doch, Lena kannte Marie. Nicht mehr als mal gesehen. Die Ex von Markus, vor ewigen Zeiten. Und Max wird jetzt fünfzehn sein auch schon zweimal vorbeigesehen, an Geburtstagen, beim Kuchen schweigend das Handy angestarrt.
Guten Abend, sagte Lena neutral.
Hallo, nuschelte Marie. Tonfall: Ich bin gezwungen hier zu sein, aber Lust hab ich null.
Also, pass auf, Lena bei Marie in der Wohnung, gleiche Nummer wie bei Elsa, Rohrbruch und alles unter Wasser. Hotel zu teuer, ist ja klar. Da hab ich gesagt, sie kommen halt übers Wochenende zu uns.
Elsa stellte ganz leise ihre Teetasse ab.
Übers Wochenende, wiederholte Lena.
Genau. Freitag, Samstag, Sonntag kommt drauf an; vielleicht auch Montag. Mal gucken.
Markus. Zwei Zimmer, du und ich in einem, Mama jetzt schon drei Wochen in der anderen weil bei ihr ebenfalls Baustelle.
Hab ich bedacht, klar. Deshalb mein Gedanke… Markus kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Du und Mama, ihr geht zu ihr rüber. Ist ja bald fertig da… Paar Nächte, kein Ding. Marie und Max bleiben hier.
Die Stille war wie nach dem Gongschlag, kurz bevors losgeht.
Wie bitte?
Naja, ihr geht zu ihr; und…
Ich habs schon verstanden. Ich will nur sicherstellen, dass ich richtig höre: Du schlägst ernsthaft vor, dass ich mit meiner alten Mutter aus meiner eigenen Wohnung verschwinde, damit deine Ex hier wohnen kann?
Lena, jetzt mach kein Drama. Marie ist die Mutter meines Sohnes. Max ist mein Sohn. Soll ich sie etwa auf die Straße setzen?
Markus, Elsa diesmal, ganz leise von ihrer Küchenecke. Aber so, dass er sich umdrehen musste. In meiner Wohnung gibts kein warmes Wasser, alles offen Rohre, Boden, eine Wand fehlt. Ich bin deshalb bei meiner Tochter.
Elsa, ich versteh das, aber…
Und jetzt willst du, dass wir in den Rohbaustaub zurückgehen, nur damit dein Ex-Familie es schön hat, richtig?
Nur vorübergehend. Und Marie hat ja gar keine Alternative, während ihr zumindest noch Wände habt.
Kein Boden, Markus, erklärte Lena. Und ihre Stimme war erstaunlich ruhig. Kein Boden, feuchte Wände, meine Mutter ist fünfundsiebzig, hat Herzprobleme und Arthrose.
Lena, jetzt übertreib nicht! Zwei Nächte es geht doch auch mit Matratze…
Ach so, Matratze. Auf dem nackten Estrich. Für meine Mutter.
Marie zuckte bei der Tür und sah tatsächlich leicht verlegen aus. Oder vielleicht war sie einfach auch nur erschöpft.
Wisst ihr was ich schau mir schon mal das Wohnzimmer an, versuchte sie diplomatisch.
Bleib stehen, sagte Lena.
Etwas an diesem Satz verhinderte jede Bewegung.
Lena legte das Handtuch beiseite, schaute Markus an. Sie kannte sein Gesicht nach siebzehn Jahren: die schwindende Stirn, der Griff zum Nacken immer wenn er wusste, dass er Unsinn erzählt und trotzdem recht haben will. Dieser Mischklang aus Schuldgefühl und Anspruch als hätte er im Leben ein Dauer-Abo darauf, dass sich alles fügt.
Siebzehn Jahre. Suppe gekocht, Socken gestopft. Lena hat die Rechnungen bezahlt, wenn er es vergessen hatte. Ist stundenlang Verwaltungsnummern hinterhergerannt, wenn das Dach mal wieder tropfte. Termine beim Handwerker gemacht, Urlaub genommen, wenn jemand da bleiben musste. Und nie gefragt, wenn Urlaubsbudget plötzlich weg war. Das war eben Familie.
Und jetzt? Steht er mitten in IHRER Küche, zwischen IHREN Töpfen und IHREN Vorhängen und will sie einfach rausschieben wie zu viele Gäste im Café.
Markus, sagte sie, ganz sachlich. Ich bitte dich, nimm Marie, nimm Max und deine Sachen und geh. Jetzt.
Sein Blick: als hätte sie gerade angefangen, Finnisch zu sprechen.
Was…?
Geh. Zu dritt. Such ein Hotel, buch eine Ferienwohnung, völlig egal. Aber heute Nacht schlaft ihr NICHT hier.
Lena, das ist doch mein Sohn!
Ich hab nichts gegen deinen Sohn. Ich hab was dagegen, wie selbstverständlich du uns hier rauskomplimentierst. Das ist ein Unterschied.
Ich hab niemanden rausgeschmissen, ich…
Doch, hast du. Genau das hast du wortwörtlich gesagt.
Markus wurde rot. Und zwar nicht beschämt, sondern die berüchtigten Wut-Ohren.
Musste das jetzt vor allen so peinlich machen?
Alle das sind meine Leute. Meine Mutter, ich. Deine Leute, Kopfnicken zu Marie stehen ungefragt in meinem Flur.
Marie hielt sich raus. Max starrte weiter auf den Boden.
Hör zu, Markus platzte langsam der Kragen. Ich wohne hier schließlich auch! Bin gemeldet!
Das stimmt. Du bist gemeldet. Aber die Wohnung gehört mir. Weißt du ja.
Weiß ich nicht, wir sind verheiratet, die Wohnung ist gemeinsam…
Markus, das war Omas Wohnung. Ich hab sie vor unserer Ehe geerbt. Auch das weißt du.
Das können Anwälte klären!
Gut. Sollen sie. Aber jetzt gehst du.
Lena!
Geh.
Stille mit Trommelschlägen.
Markus drehte sich ruckartig um, motzte unverständlich in den Flur, Marie und Max folgten. Erst knallte die Zimmertür, dann die Wohnungstür.
Lena stand an der Pfanne. Die Frikadellen längst kalt.
So, war Elsas Kommentar nach einer langen Pause. DAS wars jetzt.
Mama, bitte, lass mich kurz.
Ja, ich sag ja schon nichts mehr.
Lena setzte sich auf den Stuhlrand. Die Hände waren eiskalt, sie starrte sie an als wären sie nicht ihre. Ließ sie dann auf den Tisch sinken.
Er kommt heute Nacht wieder. Mit seinem Schlüssel.
Na und?
Sags dir nur vorab.
Elsa stand auf, setzte frischen Tee auf, ganz pragmatisch.
Lena, hast du noch die Nummer von dem Schlüsseldienst? Der, der auch der Frau Koch im dritten Stock das Schloss getauscht hat?
Lena sah sie an.
Mama…
Was Mama? Die Nummer?
Müsste ich im Handy haben.
Dann such. Es ist Freitag, halb acht. Schlüsseldienste arbeiten noch.
Lena seufzte und brachte das Handy.
Der Schlüsseldienst kam um halb zehn. Ein wortkarger mittleren Alters mit Werkzeugkoffer, schraubte vierzig Minuten, kassierte achtzig Euro und verschwand wieder. Lena drückte noch Zehn Euro Trinkgeld extra, weil ihr Worte fehlten.
Markus kam um halb zwölf, sein Schlüssel drehte leer. Erst an der Tür, dann auf dem Handy. Lena sah seinen Namen aufleuchten, nahm nicht ab. Schrieb später: Schlüssel passt nicht. Adresse vom Anwalt schick ich dir morgen. Und legte das Handy weg.
Mama schlief schon im Nebenzimmer. Lena lag im Dunkeln, Augen offen sicher, dass morgen anstrengend wird. Unzählige Anrufe, viele Sätze, garantiert Geschrei. Markus konnte laut werden, wenn er keine Kontrolle mehr hatte. Sie wusste das und hatte trotzdem keine Angst. Fast schon fremd, dieses Fehlen von Angst. Nicht Mut eher ein neues Vakuum, wo sonst der Drang war: Nur keinen Streit.
Irgendwann, gegen zwei, schlief sie ein.
Die nächsten Wochen waren zäh. Markus nervte per Telefon, dann über Bekannte nicht viele, aber nervig. Dann seine Mutter: eine sanfte, verzagte Rentnerin aus Brandenburg, die Lena anrief und betonte, Markus sei ja keiner von den Bösen, er meints nicht so. Lena war freundlich und legte wieder auf.
Dann kam Post vom Anwalt. Markus beanspruchte seinen Anteil schließlich Ehe und alles gemeinsam erwirtschaftet, egal wann gekauft. Lena las die Briefe dreimal, legte sie weg, holte sie nochmal raus, spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen. Das wurde ernst.
Sie war Hauptbuchhalterin in einem kleinen Bauunternehmen. Finanzen waren nie das Problem, sie kannte sich aus. Aber Anwälte? Teures Pflaster. Sie wusste nicht mal genau, was da grundsätzlich wie lief.
Ihre Freundin Gaby riet: Geh ins Bürgerbüro. Da gibts kostenlose Rechtsberatung. Lena glaubte nicht daran, musste aber eh Dokumente wegen der neuen Tür umschreiben lassen. Da kann man ja gleich…
Schlange war lang. Berliner November, lauter Jacken, Masken, Papiere. Lena zog eine Nummer und hockte auf den Plastikstuhl. Neben ihr: Ein Mann, etwa 55, ordentlich, Brille. Erst Handy, dann einfach warten.
Sie holte den Anwaltsschreiben raus, las rückwärts und vorwärts. Jedes Wort einzeln klar als Satzbrei Überforderung.
Entschuldigen Sie, sagte der Mann plötzlich. Ich hab zufällig gesehen das ist ein Anspruch auf Vermögen?
Lena legte das Blatt schnell beiseite.
Sorry, hab nicht absichtlich reingeschaut…
Nichts passiert, Lena knapp.
Ich bin Jurist. Familienrecht. Falls Sie ein paar Tipps brauchen ganz informell.
Lena musterte das Durchschnittsgesicht. Unauffällig, Brille, gepflegte Hände. Völlig harmlos.
Danke, nein.
Er nickte, war still. Nach einer Weile kramte sie doch wieder im Blatt, murmelte Unverständliches und hörte prompt:
Gemeinsames Eigentum betrifft nur, was IMMER während der Ehe angeschafft wurde, sagte er leise. Vorher geerbte, geschenkte oder privat gekaufte Sachen sind draußen.
Markus behauptet, es gäbe da Ausnahmen durch Investitionen.
Klassischer Trick. Muss bewiesen werden, schriftlich Quittungen, Kontobewegungen. Ohne geht nichts.
Endlich sah Lena ihm normal ins Gesicht.
Ich heiße übrigens Daniel, lächelte er.
Lena.
Er blieb freundlich. Sprach nicht überheblich, kein Juristendeutsch. Nach seinem Termin kam er zurück und erklärte noch ein bisschen verständlich und geduldig.
Am Schluss drückte er ihr eine Karte in die Hand. Weiß, Name und Nummer. Wenn Sie eine richtige Beratung wollen, melden Sie sich. Erstes Mal kostenlos.
Warum?
Weil ich es nicht mag, wenn mit Paragraphendeutsch Leute eingeschüchtert werden.
Lena nahm die Karte. Eine Woche später rief sie an.
Daniel kam samstags zur Beratung in die Wohnung. Hausbesuch war ungewohnt, aber praktisch alle Unterlagen griffbereit. Elsa ließ sie in die Küche und zog sich diskret zurück.
Drei Stunden schaute Daniel Belege, erbte Learcodes, Omas Testament, Kaufvertrag von 1993 alles fein säuberlich archiviert. Selbst Lenas Großmutters Unterschrift war noch zu erkennen.
Das hier ist entscheidend, zeigte er. Privatisiert, auf deine Oma. 98 geerbt, 2006 Ehe. Gibt keinerlei Kürzel für Gemeinschaftsgut.
Er besteht auf dem gemeinsam renovierten Bad…
Wann war das?
2009, halb mit Handwerkern, halb selbst.
Quittungen aufgehoben?
Einige bestimmt.
Entscheidend: Wer hat bezahlt? Wenns von deinem Gehalt oder Erbschaft war, ist die Sache klar. Nur Geld während der Ehe zählt als gemeinsames Gut und das auch nur, wenns belegt ist.
Markus hat schon gearbeitet manchmal.
Daniel blinzelte.
Dann brauchen wir alle Gehaltsnachweise, Steuerbescheide, Kontoauszüge von damals. Nichts Kompliziertes, aber Fleißarbeit.
Machen Sie das?
Daniel nickte nach kurzem Zögern.
Mache ich. Wir besprechen gleich, was es kostet.
Das Angebot war fair. Lena hatte den Blick für Zahlen, wusste: Günstig. Sie sagte nicht, warum nur danke.
Der Prozess war im Februar. Berliner Grau, die Fenster aus dem Gerichtssaal mit Aussicht auf die finale Rückwand. Lena saß neben Daniel, sah auf Richterin, Markus und seinen Anwalt.
Markus hatte sich verändert. Unsicher, sein Selbstbewusstsein aufgebraucht, darunter ein krakelndes Nichts. Seine Blicke waren taxierend als suche er die längst verschwundene alte Lena.
Daniel legte alles vor: Erbschein, Kaufvertrag, Kontoauszüge. Klar ersichtlich: Lena hatte bezahlt, Markus Einkünfte lückenhaft. Von gemeinsamer Verbesserung blieb am Ende nichts übrig.
Markus Anwalt fing noch was von moralischem Beitrag an, die Richterin blieb gelassen.
Das Urteil wurde sofort verkündet: Wohnung zu hundert Prozent Lena. Markus bekam einen Korb.
Raus aus dem Gericht, Eis auf den Backen Daniel neben ihr.
Siehst du? sagte er trocken.
Hab ichs doch gesagt.
Danke.
Gern. War jetzt nichts Weltbewegendes du hast super geordnet.
Mach ich immer so.
Bemerkenswert, grinste Daniel. Kaffee? Ich kenn einen tollen Laden gleich um die Ecke.
Sie gingen zusammen einen trinken. Völlig unspektakulär und gleichzeitig ganz besonders. Lena dachte später, wie seltsam es war, dass Normalität Kaffee, Gespräch, spazieren gehen wieder wie Luxus wirken konnte.
Scheidung im März, klaglos. Unterschrift, Stempel, fertig.
Lena fuhr im U-Bahn-Heimweg und suchte nach Emotionen: Trauer, Erleichterung, Triumph? Nein. Eher Müdigkeit. Und Neugier wie vor einer Schiebetür, wenn du nicht weißt, was kommt, aber dich mal wieder aufs Entdecken freust.
Der Frühling kam früh. Im April riss Lena alle Fenster auf und beschloss, zu renovieren. Nicht, weil Markus nörgeln würde oder Gäste kommen sondern weil sie Lust drauf hatte. Neue helle Wände, andere Vorhänge und endlich diese schöne Fliese fürs Bad, nicht mehr das mausgraue DDR-Modell.
Sie holte Handwerker, klärte das Finanzielle klarer Vorteil, wenn man Buchhalterin ist. Der Umbau begann am 1. Mai, wie passend zum Tag der Arbeit.
Elsa war da schon wieder Zuhause. Sanitär okay, Löcher zu, Wohnung frisch. Nach dem Abschiedskaffee sagte Elsa:
Ich sorge mich nicht mehr um dich, Lena. Kein bisschen. Früher schon, jetzt gar nicht.
Warum?
Weil ich dich endlich wiedererkenne.
Lena fragte nicht, wer sie vorher gewesen sein sollte.
Die Baustelle nervte nicht. Sie kochte mit Singleplatte, kontrollierte die Arbeiten, diskutierte mit den Malern, wählte Fliesen aus gründlich, aber nicht gestresst.
Daniel kam ab und zu auf einen Tee, diesmal rein freundschaftlich. Er brachte Plätzchen mit, interessierte sich für Bücher die ersten, die Lena seit Jahren las, inspiriert von seinen Tipps. Manchmal diskutierten sie. Auch ein Streit durfte drin sein, ohne dass jemand beleidigt war.
Im späten Mai spazierten sie abends am Landwehrkanal entlang. Das Wasser roch nach Frühling, die Bäume flirrten sanft im Wind. Daniel erzählte von einem Roman über das Nachkriegseuropa Lena hörte zu und dachte, wie wunderbar normal das war: Gehen ohne Plan.
Was denkst du? fragte er.
Dass ich lange nicht mehr einfach so gegangen bin.
Wie einfach so?
Ohne Ziel, ohne To-Do-Liste. Nur gehen, gucken, atmen.
Er nickte. Das ist schon eine Kunst.
Stimmt.
Sie setzten sich schweigend auf eine Bank. Und das Schweigen war besonders gut.
Im Juni ward der Umbau fertig. Lena stellte alles langsam neu ein jeder Löffel bekam seinen Ort, es gab mittendrin Kaffeepausen. Neue Vorhänge, glänzende Regale, die moderne Badfliese mit der grauen Ader, auf die sie so stolz war. In der Küche funkelte der neue, tiefgrüne Mosaik-Fliesenspiegel.
Sie machte Fotos, schickte sie Elsa. Antwort: Wunderschön. Muss ich bald anschauen. Später kam ein Anruf mit Putzpläne und Nachfragen bis ins Detail.
Im Juli die große Überraschung: Die Chef-Buchhalterin der Firma ging in Rente. Der Chef rief sie direkt und fragte, nicht vage, sondern klar: Wollen Sie das übernehmen? Sie bat um einen Tag Bedenkzeit. Dann sagte sie Ja.
Mehr Geld, mehr Verantwortung aber alles, womit sie umgehen konnte. Früher übersehen, heute glasklar.
Der Sommer war leicht. Hitze im August, Ausflüge mit Daniel zu dessen Freunden in den Garten der Kindheit da lernte Lena, ohne schlechtes Gewissen einfach mal NICHTS zu tun. Auf der Veranda sitzen und gucken, wie der Wind den Apfelbaum schüttelt und sich darüber freuen, nichts zu schaffen.
Mit Daniel gönnte sie sich Ruhe. Er war lange geschieden, hatte seine Vergangenheit betrachtete sie nüchtern, friedlich, ohne Drama. Lena schätzte das. Sie wollte langsam sein, verlässlich.
Im September, der Herbst setzte ein. Anders als früher dichte Luft, aber nicht belastend. Wieder atmen können.
Die Begegnung mit Markus kam im September, einfach so beim Einkaufen.
Sie trug zwei Stoffbeutel, ging durch Berlin. Herbst Laub auf dem Gehweg, feuchte Luft. Dachte ans Kino am Mittwoch mit Daniel.
Markus stand vorm Rossmann. In seiner alten Jacke, etwas abgerissen. Er sah sie und kurz flackerte was Unsicheres in seinem Gesicht.
Lena.
Markus. Hallo.
Du bist… du siehst gut aus.
Es stimmte. Sie sah gut aus. Nicht, weil sie sich bemühte sondern weil sie endlich schlief, ordentlich frühstückte und keine Energie mehr mit Daueranspannung vertat, die einem erst im Nachhinein auffällt.
Danke.
Gehst du heim?
Ja.
Kurz trat er von einem Fuß auf den anderen.
Und sonst?
Alles gut.
Arbeit läuft?
Ja.
Er wollte etwas weiterreden sie merkte, wie er suchte. Aber sie hatte keinen Haken mehr an, nichts für ein Gespräch, das nicht sein musste.
Sag mal, Lena. Vielleicht treffen wir uns noch mal? So richtig reden.
Worüber?
Naja, das Leben. Siebzehn Jahre und so.
Sie hielt die beiden Taschen. Drin: Joghurt mit Heidelbeere und Honig für sich, ein Laib Brot, Käse, und ein kleiner Kaktus impulsgekauft, weil er lustig aussah.
Sie schaute Markus an. Den etwas müden Mann mit Handy vorm Rossmann, als sollte sie in eine alte Rolle zurückschlüpfen.
Wir müssen nicht reden, Markus.
Ach, Lena…
Wirklich nicht. Alles ist entschieden und unterschrieben. Du ich. Alles ok.
Alles ok?
Ja. Alles ganz normal.
Er schwieg, dann nickte er.
Tja…
Machs gut, Markus.
Sie schlenderte weiter. Die Blätter raschelten, die Taschen zogen an den Händen. Sie drehte sich nicht um.
Irgendwo hinter ihr lagen siebzehn Jahre Frikadellen und gebügelte Hemden, das Wort Familie als Ausrede für alles und ein Freitagabend, der alles neu ordnete.
Eigentlich hätte sie ein Fazit ziehen müssen. Aber das fühlte sich nicht an wie ein Schluss eher wie einen Weg nach Hause mit hübschem Herbst und einem Kaktus, der durch die Tüte piekte.
Sie zog ihr Handy; schrieb Daniel: Mittwoch frei?
Antwort in einer Minute: Klar. Was hast du vor?
Kino. Die französische Komödie, von der du erzählt hast.
Super. Sieben?
Sieben.
Nach zwei Straßenzügen hob der Wind ein Bündel Blätter, eines landete am Ärmel. Sie ließ es, bis zur Haustür.
Im vierten Stock abstellen, den neuen Schlüssel mit gelber Markierung ins Schloss rein.
Drinnen der Geruch von frischem Putz, von neuen Regalen. Im Küchenfenster standen Pflanzen; Lena hatte sich erlaubt, sie zu kaufen einfach, weil niemand mehr maulte: Warum so viel Grünzeug? Lebendig, staubig, echt. Kaktus dazu passt.
Den Wasserkocher an, Fenster gekippt, ein bisschen Kühle in die warme Wohnung ziehen lassen, Herbstluft schnuppern.
Dann sitzt sie am Tisch und draußen tobt ihr eigener Oktober, ihr eigenes Leben.





