Die Neiderin

Neiderin

Sag mal, du hast tatsächlich gelesen, dass die Stieftochter ihr Bett ins Zimmer meiner Enkelin gezogen hat?
Das Mädchen ist nicht ohne. Sollen wir vielleicht eine versteckte Kamera und ein Mikrofon installieren, nur um zu schauen, was sie so treibt?, schlug Gisela ihrer Tochter Katharina vor.

***

Mensch, Annika, komm, lass uns schnell in die Cafeteria was futtern, meinte Franziska. Ich habe heute den Eintopf in der Schulmensa verweigert und das zweite Gericht fand ich auch scheußlich. Irgendwie schien es, als hätten sich alle Köche verschworen und einen Fischtag eingelegt. Ich mag doch keinen Fisch! Hab jetzt Riesenkohldampf. Lass uns ein Rosinenbrötchen holen und einen O-Saft, danach können wir zurück in die Bibliothek.

Die beiden bereiteten sich auf ihre Abschlussprüfungen, den mittleren Schulabschluss, vor. Deshalb blieben sie nach dem Unterricht in der Schule, anstatt direkt nach Hause zu fahren.

Na los, warum nicht, murmelte Annika und verzog das Gesicht.

Seit ihre Mutter in der Mensa arbeitete, betrat Annika diese nur noch ungern.

Es wäre ja halb so wild, wenn die Mutter wenigstens Köchin wäre, aber nein: Sie war die offiziell eingestellte Küchenhilfe, die unter den Augen all ihrer Klassenkameraden mit Lappen herumfuchtelte, Tische abwischte und Reste aus den Tellern kratzte.

Annika schämte sich für ihre Mutter zu Tode.

Wie oft hatte sie ihre Mutter angebettelt zu kündigen! Aber als wäre es Absicht, lobte die Mutter ihren Job nur umso mehr.

Wieso soll ich in eine andere Schule gehen, Annika? Hier sind alle nett, viele Schüler grüßen mich. Außerdem zahlt die Stadt gut und manchmal kann ich sogar ein paar Lebensmittel mit nach Hause nehmen.

Ja, super! Du schleppst die Reste und schämst mich bei allen Freunden bis auf die Knochen, dachte Annika empört.

Franziska rannte derweil ausgelassen in die fast leere Mensa und flatterte fröhlich wie ein Spatz mit ihren Bestellungen zur Theke: Frau Schmitt, Frau Hoffmann, zwei Mohnbrötchen und zwei Säfte bitte, kommt sofort, bezahle ich gleich!

Annika kam langsam nach, senkte den Blick und warf ihrer Mutter, die gerade den Wischeimer füllte, einen verstohlenen Seitenblick zu.

Toll, gleich schrubbt sie auch noch. Genau das hat noch gefehlt! Annika brodelte innerlich.

Frau Schmitt, die Chefin, musterte Annika knapp.

Kein Stress, den Saft gibts heute aufs Haus, der ist noch von Mittag übrig. Die Brötchen bringe ich euch gleich rüber, Franziska, sagte sie freundlich.

Echt? Super!

Klar, bedank dich mal schön bei deiner Freundin. Ihre Mama arbeitet hier, da gehört ihr quasi zur Familie. Wofür Geld nehmen, ist doch Ehrensache!

Franziska schnappte sich begeistert die Säfte und rief: Annika, bring die Brötchen!

Annika holte grimmig die Brötchen, sagte kein Wort, bedankte sich nicht einmal und stolzierte mit erhobener Nase davon.

Sie spürte den traurigen Blick ihrer Mutter im Rücken. Das Brötchen rührte sie gar nicht an.

Warum sind wir überhaupt gekommen?, maulte sie.

Franziska mampfte genüsslich und zuckte völlig überrascht die Schultern: Was ist denn los, Annika? Irgendwas stimmt doch nicht.

Annika schob Franziska ihren Saft hinüber. Hier, trink. Ich will nicht.

Du bist komisch heute. Sollen wir den Rest mitnehmen?

Lass stecken, fauchte Annika plötzlich. Ich will gar nichts mehr von hier.

Was ist denn passiert?, fragte Franziska ratlos.

Annika schwieg, aber innerlich kochte sie. Ihre beste Freundin hatte keine Ahnung, wie es war, wenn die eigene Mutter in der Schule rumläuft und die dreckigen Teller ihrer Mitschüler schleppt.

***

Zuhause schmiss Annika ihren Rucksack in die Ecke und ließ sich auf den Schemel im Flur plumpsen.

Aus der Küche drangen sofort Stimmen und drei kleine Mädchen stürzten zu ihr. Die Zwillinge Marie und Lisa, acht Jahre alt, stammten nicht von ihrer Mutter, sondern waren die Kinder ihres Stiefvaters aus erster Ehe, die die Mutter nach der Hochzeit mit großem Herz adoptiert hatte.

Nur die kleine Jule, die war wirklich Annikas Schwester. Sie war das gemeinsame Kind von Mutter und Stiefvater.

Was hast du uns mitgebracht?, fragte Jule neugierig aus dem Flur.

Gar nichts! Erwartet lieber Mutter, die bringt wieder Fischfrikadellen. Die wollte eh keiner in der Schule!

Annika schloss die Augen, schlug die Faust aufs Schminktischchen und seufzte: Warum nervt mich eigentlich alles? Liegts daran, dass wir so knauserig leben?

Ihr Stiefvater kam ins Zimmer, warf ihr einen strengen Blick zu: So redest du nicht. Deine Mutter schuftet, solange sie kann, und du motzt nur rum. Ich wollte sowieso mal mit dir reden. Warum hilfst du nie? Die Kleinen aus der Schule holen könntest du doch locker mal übernehmen. Oder Jule aus der Kita, statt dass ich ständig alles alleine wuppen muss!

Weil das deine Kinder sind, konterte Annika mit hochgezogener Braue, ich wollte die Zwillinge nicht, ich hab dich nicht gebeten, noch ein Baby mit Mama zu machen. Uns beiden ging es auch so ganz gut. Aber dann kamst du, hast deine Bagage angeschleppt und Mama MUSSTE wieder arbeiten gehen. Ich hasse euch alle!

Ihr Stiefvater verzog das Gesicht: Entschuldige dich.

Och, komm!, schnappte Annika und rannte in ihr Zimmer.

***

Mitten in der Nacht wurde sie von Magenschmerzen geweckt.

Sie tigerte ins Bad, legte sich wieder ins Bett, aber der Schmerz ließ nicht nach. Es kam sogar Übelkeit dazu. Nach einer schlaflosen Stunde schlich sie zum Schlafzimmer der Eltern und klopfte an.

Die Zwillinge und Jule schnarchten in einem riesigen Familienbett bei der Mutter. Der Stiefvater hatte wie meist das Sofa im Wohnzimmer erwischt.

Annika schlief als Älteste im eigenen Zimmer. (Klar, wahrscheinlich nur so lange, bis sie aus der Schule war und das Zimmer Mama wieder als Kinderzimmer diente. Ihre eigene Familie war längst weitergezogen sie war eh das fünfte Rad am Wagen.)

Mama, ich hab Bauchweh.

Die Mutter sprang auf und knipste das Nachtlicht an.

Wo denn? Wie schlimm? Hast du wieder nichts gegessen, Annika?

Da, genau da, schon seit über einer Stunde. Und mir ist schlecht.

Sie krümmte sich vor Schmerz.

Stefan!, rief die Mutter. Ihr Mann kam, nur in Boxershorts und mit einer alten Wolldecke um die Schultern.

Ruf den Rettungswagen, Annika gehts richtig schlecht!

Wie schlimm? Weißte was, ich bring sie direkt in die Notaufnahme. Da geht wesentlich schneller als Notruf. Mach die Unterlagen fertig ich fahr Annika hin. Bleib du bei den Kleinen, du musst ja morgen wieder zur Arbeit.

Ein Krankenschein geht auch, versuchte die Mutter.

Nicht jetzt diskutieren! Ich hab morgen eh frei. Bleib einfach bei den Mädchen.

***

Sieht ganz nach Blinddarm aus, stellte der Arzt fest.

Blinddarm? Heißt das, sie muss operiert werden?, stammelte Stefan.

Annika verzog das Gesicht und drehte sich vorsichtig auf die andere Seite.

Wir warten die Blutwerte ab. Annika, jetzt ehrliche Frage: Freundest du dich mit Jungs an?

Was für Jungs bitte?!, fuhr Stefan auf. Sehen Sie sie doch an das ist noch ein Kind!

Sie brauchen ja nicht gleich so laut werden, Papa. Sie können im Flur warten.

Stefan schob Annika nochmal beruhigend den Daumen über die Hand: Keine Sorge, ich packe hier alle Ärzte an den Ohren, dass du schnell wieder gesund wirst. Die OP geht fix du schläfst, wachst auf, alles halb so wild.

Annika fing plötzlich an zu weinen: Ich will Mama sehen.

Ich hol sie sofort bin gleich zurück!

***

Annika war nach der unkomplizierten OP schnell wieder auf dem Damm.

Die ersten zwei Tage waren anstrengend, dann stachelte die Mutter sie ständig an, doch ein bisschen aufzustehen.

Als sie in ein Mehrbettzimmer kam, fuhr die Mutter endlich nach Hause.

Die einzige andere Patientin war ein zartes Mädchen von elf Jahren. Annika bemerkte sofort, dass sie in frischem, duftendem Bettzeug und Seidenpyjama lag, umgeben von Berg an Obstkörben, frischen Rosen und Spielzeug. Auf der Fensterbank stand ein Laptop mit Trickfilmen.

Das Mädchen roch nach Shampoo und Parfüm und sah aus wie aus dem Katalog. Reiches Einzelkind, klar.

Abends besuchte Annikas Mutter sie, stellte eine Flasche Cranberry-Schorle und einen Topf Hühnerbrühe auf den Tisch.

Wie gehts, Annika?

Ich will Obst. Orangen und Zwetschgen!, murrte Annika.

Ich frag den Arzt, ob das geht und bring dir was. Was hättest du sonst noch gern, Schatz?

Annika schwieg und schaute finster.

Einen Laptop zum Beispiel hätte sie gern. Oder eigenes, schönes Bettzeug anstatt dem ausgeblichenen Krankenhaus-Laken. Eine tolle neue Seidenpyjama, nicht diesen alten Kittel, den sie schon ewig trug, und der immer noch zu groß war…

Der war eh nur zum Hineinwachsen gekauft worden, war aber inzwischen eher zum Herauswachsen.

Da platzten plötzlich ein hochgewachsener Blonder im teuren Wollpulli und eine Dame im grünen Kleid und Stöckelschuhen ins Zimmer. Marken-Handtaschen, glänzende Einkaufstaschen schneeweiße Zähne, Parfüm der Inbegriff der Luxus-Familie.

Lenaaaaaa!, säuselte die Dame und schwebte zu ihrer Tochter. Der Mann blieb mitten im Zimmer, blickte Annikas Mutter skeptisch an und blieb an Annika hängen.

Katharina? Ja bist du es?

Wohl ein alter Bekannter

Annika hob langsam den Kopf. Der Mann starrte sie eindringlich an.

Ist das deine Tochter? Was ist denn passiert?

Ja, das ist Annika, antwortete ihre Mutter. Musste am Blinddarm operiert werden.

Alles okay?

Schon geht wieder. Und das ist wohl deine Tochter? Auch Blinddarm?

Auch das. Verflixter Anhang.

Er blieb noch einen Moment, dann schaute er wieder Annika an, als würde er ein wichtiges Puzzlestück suchen.

Mama, wer war das?, flüsterte Annika später.

Ein ganz alter Schulfreund, halb vergessen.

Warum hat er denn so geguckt?

Ach Quatsch, hat doch gar nicht.

Nachdem die Besucher gegangen waren, tappte Annika aus dem Zimmer Richtung Schwesternzimmer.

Um die Ecke hörte sie belauscht Gesprächsfetzen.

Ich würde gern mit der Ärztin von Annika Besuch sprechen

Kommen Sie lieber morgen wieder. Eigentlich dürfen wir sowieso keine Infos herausgeben, sie sind offiziell ja nichts für das Kind

Annika schlich um die Ecke, fasste sich an den Bauch: Mir ist schlecht, ich hab Schmerzen.

Geh gleich ins Bett, ich komm gleich gucken, sagte die Schwester.

Sie sah, wie der Vater von Lena kreidebleich wurde und aufgeregt Was ist mit dem Kind?, rief.

Sie haben hier nichts mehr verloren, Herr Berger! Besuche sind vorbei.

Ich gehe nicht, bevor ich weiß, dass es Annika gut geht!

Die Schwester nahm Annika am Arm und brachte sie zurück ins Zimmer.

Tags darauf kam Annikas Mutter, sie bat sie: Komm mal auf den Flur.

Können wir nicht im Zimmer reden? Du solltest weniger rumlaufen, sagt der Arzt.

Mama, sag mal ehrlich, ist Herr Berger Lenas Vater mein Vater?

Annika sah, wie ihre Mutter blass wurde.

Wie kommst du darauf?

Er ist es. Sag mir die Wahrheit! Wenn dus nicht zugibst, rede ich halt mit ihm.

Die Mutter sackte in sich zusammen: Ja. Aber seit du geboren wurdest, wollte er keinen Kontakt mehr.

Und dann bist du zu einem Installateur mit zwei Kindern gezogen, super, schnappte Annika ironisch. Hast mich da verparkt, perfekt.

Die Mutter wurde rot: Was weißt du schon, freches Gör? Herr Berger wollte keine Familie mit mir, als ich schwanger war, hat er mir geraten, dich gar nicht erst zu bekommen! Ich hab dich durchgebracht und Stefan dich wie sein eigenes Kind aufgezogen! Er hat dich sogar adoptiert. Du gehörst zu uns, vergiss das nie!

Dann ist Lena meine Schwester, murmelte Annika und ihre Augen funkelten kalt.

Du hast nur Jule und die Zwillinge als Schwestern. Mit denen da hast du nichts zu tun!

Aber Annika war kaum zu bremsen.

Zurück im Zimmer, setzte sie sich sofort zu Lena auf die Bettkante und begann, sie über deren Familie auszuhorchen.

Lena schwärmte von tollen Eltern, Omas, Opas alles gehobene Schicht, Akademiker und Unternehmer.

Bist du Einzelkind?, fragte Annika.

Ja, leider ich wünsche mir schon lange eine Schwester. Aber meine Mama kann keine Kinder mehr bekommen.

Aber dich hat sie doch

Ja, aber sie war sehr krank in der Schwangerschaft, da ist viel kaputtgegangen. Und ich bin kränklich, war immer viel im Krankenhaus.

Annika musterte sie genauer: Blass, dunkle Augenringe, sie wirkte fast durchsichtig.

Ich mag dich, Lena. Schon mal dran gedacht, dass ich DICH ab jetzt besuche?

Klar, ich zeig dir gleich, wo wir wohnen

***

Annika nutzte die Gelegenheit sofort.

Kaum wurde sie nach Hause entlassen, suchte sie spätabends mit verheultem Gesicht die Berger-Villa auf. Es war zehn Uhr, als sie klingelte.

Hallo, ich bin Annika, Lenas Freundin. Ich muss sie dringend sprechen, bibberte sie.

So spät? Lena schläft längst, meinte Frau Berger an der Tür.

Wer ist da?, rief Herr Berger und kam neugierig hinzu. Annika?

Er ließ das Kind herein.

Hast du Angst?

Annika nickte, Heulkrampf inklusive: Mein Stiefvater ist böse zu mir, ich trau mich nicht heim. Darf ich heute Nacht hierbleiben?

Herr Berger legte beruhigend den Arm um sie: Komm rein, Katrin, mach einen Tee.

***

Damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Herr Berger glaubte jedes Wort seiner neugewonnenen Tochter und donnerte bald bei Katharina und Stefan an.

Was fällt euch ein, Annika schlecht zu behandeln? Ich bin ihr Vater, ich sorge ab jetzt für sie! Ich werde das auch gerichtlich klären!

Du hast dich ja fünfzehn Jahre nicht interessiert!, protestierte Katharina.

Jetzt sind wir aber wieder vereint! Ich werde Annika zu mir holen und dem Gericht erklären, wie schlecht ihr sie behandelt habt!

Uns? Stefan liebt sie, als wäre es sein eigenes Kind! Das Mädchen erzählt dir nur Mist, weil sie an euer schönes Leben ran will! Die ist nicht so harmlos, wie du denkst!

Herr Berger ignorierte das und holte Annika noch nach dem ersten Prozess zu sich.

***

Annika blühte bei Papa auf.

Hey Schwesterchen!, rief sie fröhlich und inspizierte erstmal Lenas Zimmer. Sie schnappte sich sofort das neueste Smartphone, legte sich ins Bett und grinste:

Ui, das hier ist aber ordentlich teuer! Ich sag Papa, er soll mir das nächsthöhere Modell kaufen.

Lena drehte sich, sah Annika an: Das hab ich von Oma und Opa zum Geburtstag bekommen

Die Professoren-Oma? Vielleicht kann sie mir später bei der Uni helfen, trompetete Annika.

Lena wurde nachdenklich. Als Freundin war Annika ganz nett gewesen als neue Schwester war sie ziemlich anstrengend.

Annika begutachtete das Zimmer: Dein Zimmer ist größer. Mein altes ist winzig. Ich zieh hier mit rein, passt, oder? Schieb einfach mein Bett rüber.

Familie Berger staunte nicht schlecht.

Was soll das?, protestierte Katrin, Lenas Mutter. Du kannst nicht einfach das Zimmer wechseln!

Es ist zu dunkel im kleinen Zimmer. Ich hab nachts Angst.

Katrin verdrehte die Augen: Mit fünfzehn? Wirklich? Sorry, aber du wohnst noch nicht lange hier. Sei bitte nicht so dreist. Wir renovieren bald Omas Zimmer, dann kannst du da einziehen.

Lenas Oma, Frau Schneider, lebte zwar nicht ständig im Haus, aber wenn, dann half sie Lena viel.

Doch als Katrin sie bat, ihr Zimmer für Annika zu räumen, sagte sie nur trocken:

Sag mal, das Mädchen zieht jetzt einfach zu Lena? Ich glaub, die ist ziemlich gerissen. Pass auf. Ich wäre für Kamera und Mikrofon im Kinderzimmer. Ich trau ihr nicht über den Weg.

Und wenn Oleg das rausfindet?, murmelte Katrin. Er hängt zu sehr an Annika.

Frau Schneider wiegte den Kopf und flüsterte: Sag einfach, du weißt von nichts. Ich erklär dem alles. Ehrlich, Oleg hat mir nie gefallen. Er hat dich wegen deiner Freundin sitzen gelassen. Schon komisch!

Katrin winkte ab: Ach Mama. Oleg war einfach zu begehrt. Dass da noch eine andere schwanger wurde naja.

***

Es dauerte nicht lange, da verschwanden Lenas Lieblings-Charms und später gar ihr Smartphone.

Annika zuckte nur mit den Schultern: Keine Ahnung, wahrscheinlich hat deine Schulfreundin was geklaut, du bist ja eh so eine Chaotin

Lena protestierte: Das stimmt nicht, du hast doch schon die ganze Zeit auf mein Handy geschielt!

Willst du unterstellen, ich hätte was gestohlen? empörte sich Annika.

Dann stellte sie sich dramatisch als Opfer dar und tat, als wolle sie ausziehen.

Katrin, die mit Oma die Überwachungskamera im Zimmer kannte, mischte sich ein:

Lena, das ist unverschämt, deine Schwester dermaßen zu beschuldigen! Lass das Thema, wegen dem Handy wir kaufen dir ein neues.

Lena bemerkte, dass niemand ihr noch zuhörte.

Annika hingegen nutzte die neue Narrenfreiheit und fühlte sich sogar darin bestärkt, ihre Schwester zu piesacken.

***

Bitte lass mich mal in Ruhe!, knallte Lena ihr Tagebuch auf den Tisch.

Annika grinste nur und setzte sich einen Glitzerhaarreif auf: Vorsicht, hat mir Papa aus China gebracht, mahnte Lena.

Prompt zerbrach Annika den Reifen mit Absicht.

Das war Absicht!, schrie Lena. Raus, ich will dich hier nie mehr sehen!

Annika griff Lenas Tagebuch und warf es genüsslich aus dem Fenster: Du blöde Ziege!

Die Eltern kamen beim Lärm ins Zimmer. Lena hatte Annika am Boden gepackt und drückte sie fest wie eine Wrestlerin.

Lena, sofort aufhören!

Sie hat meinen teuren Haarreifen kaputt gemacht und mein Tagebuch weggeworfen!

Ich wolltes nur anschauen, sie ist total hysterisch, schniefte Annika. Ich geh lieber Lena hat gesagt, ich arme Wurst gehöre nicht in dieses Haus.

Katrin warf Lena einen mitleidigen Blick zu und Lena verstand, dass man ihr sowieso nie glauben würde. Sie packte trotzig ihre Sachen.

Ich zieh jetzt ins kleine Zimmer.

Oleg nickte: So ists recht, Lena. Du bist verwöhnt. Wird Zeit, dass du dich änderst.

Katrin zischte Annika an: Du bist wie Nesselsucht! Nein, schlimmer: eine Viper in meiner Familie, die mein Kind rausdrängt!

Oleg starrte perplex: Was redest du da, Katrin!?

Deine Annika ist keine Unschuld vom Lande! Komm mit, Oleg, ich zeig dir was, sagte Katrin.

Sie nahm Lena mit ins Elternschlafzimmer. Annika, kribbelig, schlich hinterher zum Türspion.

Wie, die haben tatsächlich Kamera und Ton installiert Oh Mist. Jetzt hab ich ein Problem.

In Windeseile stopfte sie die erst kürzlich gekauften Markensachen in den Rucksack, holte Lenas verschwundene Sachen aus ihrem Versteck und warf sie unters Bett ihrer Schwester. Dann verschwand Annika bevor Oleg sich die Aufzeichnungen anschauen konnte.

Epilog

Katharina, die noch oft wegen ihrer Tochter weinte, öffnete eines Abends die Wohnungstür und blieb wie angewurzelt stehen.

Annika. Die mit kühlem Blick zu ihr aufsah.

Mama, ich hab nachgedacht Ich kann da unten irgendwie nicht leben. Ohne euch.

Wirklich?, Ja, bei Papa ist es zwar schick, aber Ich brauch euch.

Komm rein. Die Mutter lächelte erleichtert.

Auch der Stiefvater kam aus der Küche und nickte nur kurz. Willkommen zurück, Annika.

Annika lehnte das Abendbrot ab und schlich in ihr altes Zimmer.

Die Mutter folgte: Sorry, wir haben das Zimmer als Kinderzimmer für die Kleinen hergerichtet.

Ach, kein Stress, wie sagt man so? ‘In der kleinsten Hütte ist Platz.’ Mir passt das schon, Mama, meinte Annika halbherzig.

Die Mutter strahlend: Ich bring gleich frische Bettwäsche!

Annika setzte sich auf ihr Bett und schaute ihre Schwestern wütend an.

Wo warst du?, raunten sie neugierig.

Annika schwieg. In Gedanken lachte sie: Na wartet, Oleg wird bereuen, mich gehen gelassen zu haben. Wenn Lena mal wieder krank wird, erinnert er sich noch an mich. Jetzt heißts erstmal: Die Kleinen aus dem Zimmer rausmobben.

Sie hoffte inständig, Oleg würde nicht darüber sprechen, dass sie Sachen geklaut und Lena schikaniert hatte.

Klar in die neue reiche Familie hatte sie sich gründlich blamiert. Aber Annika war sicher, die nächste Chance kommt. Sie wird ihre Erfahrungen nutzen und dann zurückkehren. Zum reichen Vater.

Da gibt es noch einiges zu holen. Und was ihr gehört, wird Annika sich nicht zweimal nehmen lassen das bisschen Versteckspiel zählt schließlich nur als Schwesternneid. Sie plant bereits ihre Rückkehr.

Und während sie einschlief, dachte Annika nur: Ich wachse da noch rein. Bald bin ich groß genug, um Olegs Familie endgültig aufzumischenAm frühen Morgen weckte leises Flüstern Annika. Jule saß neben ihr und streichelte ihr vorsichtig über die Hand. Hab dich vermisst, Anni.

Annika blinzelte, sah die kleinen Hände an ihrer Bettdecke, und fühlte, wie ein Kloß in ihrem Hals wuchs. Sie hatte immer gedacht, sie sei das fünfte Rad am Wagen, doch in diesem Moment spürte sie die Wärme ihrer eigenen kleinen Familie. In ihrem Blick lag ein flüchtiges Schimmern von Reue und zum ersten Mal, seit sie zurück war, antwortete sie Jule mit einem wortlosen, echten Lächeln.

Unten in der Küche roch es nach frischem Kaffee und altem Brot. Die Zwillinge diskutierten über das Frühstück, während die Mutter hektisch Brotdosen füllte. Selbst der Stiefvater, sonst wortkarg, schob Annika einen Becher Tee hin und murmelte: Du packst das schon.

Annika ließ den Blick schweifen auf die engen Verhältnisse, die knarrende Treppe, das viel zu kleine Fenster mit dem Anflug von Morgenlicht. Ein paar Wochen in der Villa hatten ihr gezeigt, dass weiche Teppiche und teure Geschenke doch nicht das Herz ersetzen konnten, das hier zwischen den Mauern schlug. Und während sie zögerte, zum Tisch zu gehen, spürte sie, dass jeder in diesem Chaos einen Platz für sie freihielt. Vielleicht waren sie nur der Ersatz für eine andere Familie aber plötzlich wusste Annika, dass sie hier noch viel mehr war.

Sie langte zu, zerbrach ein Stück Brot, lachte, als Jule Marmelade mit Butter verwechselte, und warf einen letzten raschen, sehnsüchtigen Blick in Richtung Tür. Die Versuchung, das große Leben noch einmal anzufassen, würde immer bleiben. Doch heute, inmitten ungekämmter Haare, klebriger Hände und müden, aber ehrlichen Umarmungen, bemerkte sie ein neues, leises Gefühl. Es war nicht Glück, noch nicht, aber vielleicht der Anfang davon.

Vielleicht war all das Chaos, das sie angerichtet hatte, nicht vergebens. Vielleicht gehörte sie genau hierher. Sie nahm das kleinste Brötchen vom Teller, kniff Jule in die Seite und sagte: Ihr wisst schon auf Dauer kanns sein, dass ihr mit mir ein bisschen mehr lachen müsst.

Und als ihre Mutter sie überrascht ansah, strich Annika sich eine Strähne aus der Stirn und grinste: Ich wachse da wirklich noch rein.

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Homy
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