Neid
Seit Wochen schleiche ich um den Gedanken: Wie könnte ich meinem ruhigen Nachbarn, der stillen und unscheinbaren Birgit, ihren charmanten, witzigen Mann abspenstig machen, diesen Sebastian Hofmann.
Was findet der nur an ihr?! murrte ich leise, während ich die Milch von der Kanne in die Flasche umfüllte. So blass, mit ihrem dünnen Haar, das Gesicht wie ein leeres Blatt!
Nachdem ich das Kännchen abgestellt hatte, ging ich zum alten Spiegel in der Schranktür. Obwohl ich in meinem abgetragenen Flanellbademantel steckte, schüttelte ich das Haar auf und freute mich an meinen schweren, kastanienbraunen Locken, die sich wie ein Vorhang über meine Schultern legten.
Schade, solch eine Pracht vergeht ohne Mann einfach, seufzte ich und fühlte, wie der Wunsch wieder aufflammte: Ich will heiraten!
Aber hier in unserem kleinen Dorf Hinterbrück gibt es schon lange keine gescheiten Männer mehr. Alle, die halbwegs noch in Ordnung waren, sind längst vergeben. Es blieben nur noch Trinkfreunde und unansehnliche Gestalten übrig. So fiel mein Blick auf Sebastian, der, weil zufällig hier gelandet, Birgits Gatte wurde.
Sebastian Hofmann kam eigentlich nur zu Besuch, um seinen Großvater kennenzulernen den er nie zuvor gesehen hatte. Nach einer Woche war der alte Herr verstorben, und unter seinem Kopfkissen lag ein Testament, das Sebastian als Alleinerben des kleinen Hauses bestimmte.
Damals war ich, Anja Reinhardt, nicht im Dorf. Ich wohnte zur Untermiete in Heilbronn, auf der vergeblichen Suche nach meinem Glück. So zog dieser attraktive Städter gleich an mir vorbei und in Birgits Leben ein.
Auch für Sebastian war die Auswahl begrenzt aber Birgit, die bescheidene Nachbarin, half bei den Trauerfeierlichkeiten für den Großvater. Sie lebte mit ihrer alten Oma im eigenen Haus, hielt ein paar Schafe, Ziegen und Hühner.
Nachdem die letzten Gäste gegangen waren, blieb Birgit in Sebastians Küche zurück, wusch das Geschirr, räumte die Teller und Tassen in ihre mitgebrachte Plastikschüssel und ordnete alles sorgfältig ein. Schon beim Hinausgehen umarmte Sebastian sie zum Dank, ihre Wangen brannten, als ihr Gesicht an seine breite Brust gedrückt wurde.
Birgits Herz flatterte. Von diesem Tag an ließ sie sich von ihrer neuen Liebe blenden. Sebastian zog zu ihr. Sie gingen zum Standesamt in Heilbronn, sie steckte sich den alten Ehering der Oma an, ihm kaufte sie einen neuen aus echtem Gold.
Birgits Oma, Annemarie Schuster, nahm den neuen Schwiegersohn freundlich auf und drückte Birgit heimlich eine Rolle 500-Euro-Scheine in die Hand: Fahr mit deinem Mann in die Stadt, gönnt euch was Ordentliches zum Anziehen, du auch! Hochzeit in Jeans, wie sieht das denn aus?
Stolz kamen die beiden zurück mit einem Familienporträt vor der Brücke der Liebenden in der Stadt Sebastian mit der schüchternen Birgit im Arm.
Doch irgendetwas stimmte auf dem Foto nicht. Birgit mochte sich nicht. Sie wollte das Bild nicht aufhängen, aber Sebastian zeigte es jedem und fand es wunderschön.
Neid
Eines Nachmittags, beim Tee, saß ich bei Birgit in der blitzblanken Küche, mein Blick fiel sofort auf das Porträt an der Wand.
Mensch, Birgit, hast du aber einen schicken Kerl abgefasst, sagte ich, meine Stimme süßlich, aber meine Gedanken bitter.
Ja, ich habe Glück mit Sebastian, Birgit lächelte zaghaft. Er hat mir sogar den Abwasserschlauch repariert, das Badezimmer ausgebaut und im Frühjahr plant er sich eine Werkstatt anzubauen. Dort wird er Aufträge aus dem Dorf annehmen. Sieh doch mal unseren neuen Saunabereich! Alles selbst gebaut aus massivem Holz.
Ich biss mir auf die Lippen. Hörte ich sie richtig? Diese Glückstorte hat tatsächlich einen geschickten, gutaussehenden Mann, und ich?
Überhaupt… presste ich hervor, möchte ich mal wissen, was ein solcher Prachtkerl an dir gefunden hat. Auf dem Foto wirkt es, als ob dir alles Glück der Welt zugeflogen wäre, aber du bist eben… nun, unfotogen. Im echten Leben siehst du nicht ganz so… sagen wir: gewöhnlich aus.
Oma Annemarie kam aus der Stube, räusperte sich und stellte sich demonstrativ vor das Porträt: Schäm dich, Anja, das ist doch kein Umgangston in fremden Häusern! So spricht keine Freundin. Jetzt aber raus hier!
Sie griff zum Besen und jagte mich zur Tür hinaus.
Glaub’s mir, Birgit, der Sebastian wird dir noch davonlaufen! fauchte ich empört, während ich vor der Haustür stand. Und dann kannst du dich bei deiner Oma bedanken!
Als die Tür zufiel, hörte ich, wie Oma Annemarie sagte: Birgit, du solltest lernen, dass Glück leise ist und sich nicht mit fremden Augen messen lässt. Pass auf, Neid zerfrisst alles.
Zu Hause schlug ich voller Wut Teller auf den Fliesenboden, Scherben flogen durch die Küche.
Warum sind manche mit allem gesegnet, und ich, hübsch, jung, sei immer die, die leer ausgeht? Was ist nur falsch an mir…?!
Ich beneidete Birgit so richtig.
Es dauerte nur zwei Abende, bis ich Sebastian abfangen konnte. Ich trug mein feinstes Kleid, ließ das Haar offen, und als ich ihn ansprach, warf er nur einen kurzen Blick zurück zum anderen Haus. Dann bat ich ihn, meine klemmtür zu reparieren und ließ ihn nicht mehr los.
So stand Sebastian zwischen zwei Feuern. Zuhause eine liebende Frau und nebenan eine leidenschaftliche Nachbarin. Ihm gefiel der Zustand, mir aber reichte es nicht.
Wann lässt du dich denn endlich scheiden? fragte ich kokett. Du hast doch nur aus Not Birgit genommen! Jetzt hast du mich. Komm zu mir.
Sebastian zögerte. Birgit geht zugrunde ohne mich. Sie ist doch so auf mich angewiesen.
Ich umarmte ihn. Weißt du eigentlich, wie beneidenswert du bist, Sebastian? Kein Wunder, dass Birgit jede Sekunde Angst haben sollte, dich zu verlieren!
Während Sebastian grübelte, hatte ich schon einen Plan. Ich fuhr nach Heilbronn zu meinem Cousin Thorsten, der nach einer gescheiterten Ehe etwas krumme Geschäfte am Laufen hatte.
Thorsten, du musst mir helfen. Trenne ein Ehepaar in meinem Dorf, zahle dir gut dafür.
Thorsten beäugte das Foto. Was hat dir diese Birgit denn getan?
Sie hat einen schönen Mann, das ist Grund genug!
Kälte
Birgit bemerkte bald, wie Sebastian sich veränderte. Er kam immer später von der Arbeit, aß unlustig, wandte sich stumm ab. Sie putzte, kochte, gab sich Mühe, doch die Distanz wuchs.
Eines Tages bat Sebastian, dass sie Gans im Ofen macht und verschwand. Birgit lief ihm nach draußen, rief, doch er war genervt und stieß sie weg.
Warum bist du so zu mir? fragte sie.
Geh dich doch mal im Spiegel anschauen, Birgit! Kein Mensch will mit jemandem zusammen sein, der so aussieht wie du. Warum bist du nicht wie Anja?
Birgit war wie vor den Kopf geschlagen.
Da war er, der Satz, der alles zerstörte. Mit hängendem Kopf rannte sie weg.
Sebastian aber kümmerte sich nicht er war bereits in Anjas Nähe, wo sie ihm schmeichelte.
Birgit irrte durch das schlafende Dorf, wusste nicht wohin, setzte sich schließlich am Ufer des Flusses in eine alte, angekettete Ruderbarke. Sie starrte ins Wasser, Tränen tropften hinein.
Dann kam plötzlich Thorsten, offenbarte seine Absichten, wurde aufdringlich. Birgit sprang ins Wasser, rannte davon.
Erbe
Zu Hause heulte sie sich aus. Dann kam Oma Annemarie, die längst Verdacht geschöpft hatte. Leise öffnete sie eine alte Schmuckschatulle.
Unsere Familie hatte nie Schönheit, aber jedes unserer Schmuckstücke trägt ein Stück Würde. Nimm sie, verkaufe sie notfalls. Aber niemandem, nicht einmal Sebastian, erzähle davon.
Birgit ließ sich den Schmuck von der Oma umhängen und gewann etwas an Haltung zurück.
Doch Sebastian kam in der Nacht nicht mehr heim.
Am nächsten Morgen war Oma verstorben.
Trennung
Birgit wurde still, erledigte ihre Pflicht ohne jeden Ausdruck. Auch als Sebastian kam, nur um seine Sachen zu holen. Anja erschien, stolzierte in Trauerkleidung durchs Haus. Sie konnte es kaum erwarten, Sebastian für sich zu gewinnen, und so drängte sie Thorsten, alles in die Wege zu leiten.
An einem Abend nun, als Birgit nach Arbeit und Tieren müde im Nachthemd dasteht, sieht Sebastian plötzlich einen fremden halbnackten Mann Thorsten bei ihr im Zimmer.
Sebastian rastet aus. Was läuft hier?! Wer ist das?
Thorsten zieht sich schnell an, behauptet dreist: Wir kennen uns schon ewig, das war mal wieder unser Jahrestreffen, du verstehst.
Birgit ist entsetzt: Ich habe ihn noch nie gesehen!
Sebastian packt seine Sachen. Gut, dann bin ich weg, ich habe eine andere. Erwarte nichts von mir, auch wenn du schwanger bist. Ich will dich nicht mehr sehen.
Birgit sieht ihn durch einen Schleier aus Tränen gehen. Sein Gleichmut stoßt sie plötzlich ab.
Abschied
Sie fällt auf ihr Bett und erinnert sich an Omas Worte:
Auch ich wurde früh verwitwet. Meine Familie ging einer nach dem anderen Krankheit, Unfall. Am Ende wollte ich nur noch ins Wasser gehen, aber du bist mein Anker geworden. Du allein entscheidest, welches Leben du führst.
Nach wochenlanger Stille verschenkt Birgit Tiere und Hausrat und verlässt Hinterbrück, ohne eine Notiz zu hinterlassen.
Die Andere
Anja freut sich zunächst, Sebastian für sich gewonnen zu haben. Jeden Morgen steht sie früh auf, um ihm Frühstück zu machen, stylt sich, will perfekt wirken.
Doch das Fenster zeigt auf Birgits leeres Haus. Sebastian wird still. Ich hasse das alles, murmelte er eines Tages.
Anja versuchte zu scherzen: Sollen wir das Haus niederbrennen, damit du es nicht sehen musst?
Sebastian schüttelte den Kopf. Ich hätte warten sollen, der Trauer gerecht werden. Ich fühle mich wie ein Lump.
Anja wurde bissig: Echt jetzt? Vermisst du sie etwa?!
Du bist hart, Anja. Vielleicht hätte ich auf den Charakter statt auf Schönheit achten sollen.
Nachdem Sebastian ihr das gesagt hatte, zog er sich mehr und mehr zurück.
Nach einem Jahr kehrte Birgit kurz zurück ins Dorf zu Omas Grab. Sie war verändert, selbstbewusst geworden, wirkte wie eine andere. Sebastian kam, setzte sich an ihren Tisch, und sie reichte ihm stumm Kaffee und Mohnkuchen.
Du siehst großartig aus, sagte er.
Birgit nickte nur. Draußen stand Anja ungeduldig am Nachbarhaus, während ein Taxi vorfuhr. Thorsten. Er wechselte, nachdem er Anja sah, die Richtung, ging zu Anja ins Haus.
Sebastian starrte ihnen nach, verstand endlich alles, konfrontierte dann beide.
Thorsten sagte ruhig: Hör zu, Sebastian. Birgit ist jetzt meine Frau und übrigens, Anja ist meine Cousine. Sie hat mich angestiftet, euch auseinanderzubringen.
Sebastian knallte die Haustür zu und ging.
Versöhnung
Birgit saß abends am Fluss, bestaunte ihr neues Spiegelbild. Neue Frisur, ein bisschen Hilfe vom Chirurgen sie gefiel sich endlich.
Sebastian tauchte plötzlich an der Barke auf. Birgit, bitte! Ich hab unsere Liebe zerstört, beeinflusst von falschen Worten. Aber ich liebe dich. Lass uns nochmal anfangen!
Birgit schüttelte nur traurig den Kopf. So einfach ist das nicht. Was zerbrochen ist, wird nie wieder heil, Sebastian. Vertrauen ist weg.
Sebastian tobte: Und dein neuer Mann? Ist er besser? Seine Schwester hat alles inszeniert!
Birgit blieb ruhig: Ich weiß alles. Bring mich zurück.
Zuhause angekommen, schloss ihr Mann Thorsten sie in die Arme.
Warum hast du mir die Familienschmuckstücke zurückgebracht? fragte sie leise.
Weil du mir leid tatest und ich gemerkt habe, dass Glück nicht im Gold liegt.
Sie lächelte, legte ihre Hand auf ihren kleinen Bauch. Wie werden wir unseren Kindern diese chaotische Liebesgeschichte nur jemals erklären?
Thorsten lachte: Wir erzählen die Wahrheit dass ich ein Räuber war, du eine Prinzessin, und gemeinsam fanden wir das größte Glück.
Und zum ersten Mal seit Langem war ich, Birgit, wirklich ruhig und zufrieden.



