Dinge statt Liebe – Wenn materielle Werte Beziehungen in Deutschland bestimmen

Dinge anstelle der Liebe.

Anja, meinst du das ernst? Noch ein Kaffeeservice?

Ich stand in der Tür unserer kleinen Einzimmerwohnung in Berlin-Neukölln und hielt einen Umschlag mit einer Mahnung in der Hand. Anja schob hastig eine frisch gekaufte Schachtel mit hübsch bemalten Tassen in den überfüllten Schrank.

Paul, das ist doch das Porzellan Schneeflocke, die neueste Kollektion! Schau mal, die kleinen Röschen Und war gar nicht teuer, im Souvenir-Paradies war Ausverkauf.

Nicht teuer, murmelte ich leise, fast tonlos. Anja, wir müssen hier bis Monatsende raus. Die Vermieterin verkauft die Wohnung.

Sie erstarrte, die Hand noch auf der Schranktür. Drinnen klirrte etwas, Porzellan an Porzellan. Im Schrank standen bereits drei Kaffeeservices, unbenutzt, in Zeitungspapier gewickelt, in Kartons.

Schon wieder?

Schon wieder.

Anja schloss langsam die Tür und drehte sich zu mir. Sie war siebenundvierzig, doch in solchen Momenten wirkte sie älter. Fältchen um die Augen, müde Schultern, die Hände richteten mechanisch ihre Haare.

Das ist die siebte Wohnung in zwölf Jahren, sagte sie, und in ihrer Stimme lag etwas, das ich lange nicht gehört hatte. Kein Ärger, keine Resignation. Nur Verzweiflung.

Ich weiß.

Wandern wir wirklich unser ganzes Leben so umher?

Ich sah sie an, dann auf den Umschlag in meinen Händen, dann in das winzige Zimmer. Zweiundzwanzig Quadratmeter. Ein Sofa, das auch Bett war. Ein Schrank, der aus allen Nähten platzte. Oben auf dem Einbauschrank stapelten sich Kisten mit ihren Einkäufen. Im Fenster standen Porzellanfigürchen, an der Wand hingen drei Zierteller. Im Eck neben der Tür eine riesige Zeitschriftenstapel Brigitte und Landlust aus den letzten fünf Jahren.

Anja, begann ich vorsichtig, wenn wir nicht immer…

Fang nicht wieder damit an, bitte. Nicht heute.

Ich schwieg. Wir wussten beide, worauf ich hinaus wollte. Auf das Geld, das uns durch die Finger rann. Darauf, dass man in unserem Alter unmöglich für eine Eigentumswohnung sparen kann, wenn jeden Monat ein Teil des Gehalts für eine schöne Kleinigkeit oder ganz seltene Sammlung oder letzte Kollektion draufging. Daran, dass wir vor acht Jahren fast eine Einzimmerwohnung am Rand Berlins hätten kaufen können damals kam aber die Antiquitätenteekanne dazwischen. Und dann der Kronleuchter…

Meine Mutter hat angerufen, wechselte ich das Thema. Sie will uns morgen sehen. Sagt, sie hätte etwas Wichtiges zu besprechen.

Kommt Eva auch?

Weiß ich nicht. Hab sie nicht gefragt.

Unsere Tochter Eva, fünfundzwanzig, wohnte inzwischen seit drei Jahren allein in einer kleinen WG in Friedrichshain, arbeitete als Sachbearbeiterin bei einer Agentur. Kam selten vorbei. Letzte Woche hatte Anja versucht, ihr ein besticktes Set Neuwaren-Handtücher wunderschön, aus der Türkei zu schenken. Eva bedankte sich, nahm sie aber nicht. Meinte, sie hätte gar keinen Platz.

Sie ist sauer auf mich, sagte Anja leise und setzte sich auf die Sofakante.

Sie ist nicht sauer. Sie hat ihr eigenes Leben, das ist alles.

Doch, sie ist sauer. Ich sehe doch, wie sie schaut. Auf das alles hier, machte sie eine Handbewegung. Als wäre ich als wäre ich verrückt.

Ich setzte mich zu ihr. Ich wollte sagen, nein, das stimmt nicht, das ist nur ein Hobby, viele sammeln irgendwas. Aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Weil es nicht stimmte. Es war keine Sammlung. Sammler interessieren sich für Details, systematisieren. Anja kaufte nur, was hübsch war oder günstig oder letztes Exemplar.

Morgen fahren wir zu meinen Eltern, sagte ich. Schauen wir, was sie brauchen. Dann suchen wir eine neue Wohnung.

Sie nickte, sah mich aber nicht an. Sie stand schließlich auf und ging in die winzige Berliner Küche. Dort wartete schon, zwischen Mehl und Kaffee, die neue Service-Schachtel auf ihren großen Auftritt.

***

Meine Eltern lebten in einer alten Plattenbauwohnung im Märkischen Viertel. Mein Vater, Karl, ehemaliger Ingenieur, jetzt Frührentner mit schwachem Herzen. Mutter, Gertrud, war jahrzehntelang Buchhalterin gewesen. Ihre Zwei-Zimmer-Wohnung war ordentlich, fast spartanisch kein überflüssiger Kram, alles hatte seinen Platz.

Als Anja und ich ankamen, deckte Gertrud gerade den Tisch. Eva saß in der Küche und scrollte übers Handy.

Ihr seid da, begrüßte sie uns knapp.

Evi, Anja versuchte, sie zu umarmen, doch Eva wich ihr aus, ging sich die Hände waschen.

Mein Vater saß im Sessel, sah fern. Als ich grüßte, nickte er, stand aber nicht auf.

Setzt euch, gleich gibts Kaffee. Ich habe einen Apfelkuchen gebacken, sagte meine Mutter.

Wir saßen stumm am Tisch. Eva schaute aus dem Fenster. Anja zupfte nervös an einer Serviette.

Na, sagte Karl schließlich, kam in die Küche, jetzt erzähl mal, Paul.

Gertrud schenkte Tee aus, schnitt Kuchen. Dann setzte sie sich, legte die Hände auf den Schoß und blickte Karl an.

Paul, erinnerst du dich an meine Cousine Elisabeth?

Vage, sagte ich. Die aus Lichtenberg?

Genau die. Sie ist letzten Monat gestorben. Ganz still, im Schlaf. Sechsundachtzig.

Ruhe in Frieden, murmelte Anja.

Die Wohnung bleibt, fuhr mein Vater fort. Zwei Zimmer, keine direkten Erben. Testamentarisch hat sie alles mir vermacht.

Ich stellte meine Tasse ab.

Ihr bekommt also die Wohnung?

Was sollen wir damit? schaltete sich Gertrud ein. Wir haben unsere. Verkaufen müssten wir, lauter Stress, Makler, Betrügereien. Und es ist ja Familienbesitz

Also, Karl räusperte sich, wir wollen sie euch überschreiben. Als Schenkung.

Es war so still, dass man Vaters altes Standuhrwerk ticken hörte.

Ihr meint das ernst? stotterte ich.

Ihr braucht ein festes Zuhause, sagte Gertrud. Jetzt endlich. Mietwohnungen das ist kein Leben.

Anja saß wie erstarrt, Tränen liefen ihr schweigend über die Wangen.

Aber warum? begann ich.

Uns reichts, brummte Karl. Rente reicht, Rücklagen sind da. Ihr springt immer von Wohnung zu Wohnung

Es gibt nur eine Bedingung, sagte Gertrud, sah Eva an. Wir wollen Eva öfter sehen. Sie ist unser einziges Enkelkind, und wir sehen sie kaum. Familie muss zusammenhalten.

Eva blickte auf, sagte aber nichts.

Und, sie stockte, wenn wir mal gehen dann wollen wir ein ordentliches Begräbnis. Kein Ramsch. Wir haben unser Leben lang gearbeitet.

Mama, bitte

Doch, das muss gesagt werden. Mit unserem Alter, da weiß man nie.

Wir regeln alles, sagte Anja, ihre Stimme zitterte. Danke. Danke euch.

Gertrud nickte, reichte uns den Wohnungsschlüssel.

Die Wohnung ist leer, die Möbel alt. Elisabeth war zuletzt krank, hat nicht mehr viel gemacht. Aber das bekommt ihr hin. Jetzt ist es eures.

Ich nahm die Schlüssel. Schwer und kalt lagen sie in meiner Hand.

Wann dürfen wir schauen?

Jederzeit. Fünfter Stock, Nummer siebenundsiebzig. Fahrstuhl geht.

Wir tranken noch Tee, redeten über Notar und Formalitäten. Eva schwieg fast den ganzen Abend. Beim Verabschieden nahm Gertrud Anja beiseite:

Ihr müsst dort mal richtig Ordnung machen, ja? Elisabeth hat gehortet, wurde immer wunderlicher am Schluss. Aber ihr schafft das schon.

Im U-Bahn-Waggon nach Hause schwiegen wir. Eva stieg ein paar Stationen früher aus. Sie drehte sich am Ausgang um:

Glückwunsch. Jetzt habt ihr endlich Platz für euren ganzen Kram.

Und war in der Menschenmenge verschwunden, bevor Anja reagieren konnte.

***

Wir beschlossen, die Wohnung am Samstag anzusehen. Ich nahm einen Tag frei, Anja ließ sich von der Schule entschuldigen. Sie unterrichtete seit 23 Jahren Mathe, mochte es weder besonders noch hasste sie es. Geld war knapp, aber sicher.

Die Nächte schien Anja kaum zu schlafen. Sie plante die Einrichtung, dachte an Gardinen, daran, wo all ihre Services stehen würden. Vielleicht, meinte sie, könne man eine Vitrine bauen wie im Museum. Schön zum Anschauen, für Gäste.

Wir müssen renovieren, sagte sie. Tapeten, Böden. Vielleicht Laminat? Oder doch PVC? Es gibt jetzt tolles PVC, sieht fast aus wie Parkett.

Erstmal sehen, wie es aussieht, sagte ich.

Das Haus lag in Lichtenberg, ein klassischer Plattenbau. Grau, bröckelnd, das Geländer am Hauseingang schief. Der Fahrstuhl überraschte funktionierte wirklich. Wir fuhren hoch, alles roch nach Katze und Kohl.

Wohnung siebenundsiebzig lag am Ende des Gangs. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss. Drehte auf. Wir standen auf der Schwelle und erstarrten.

Die Wohnung war voller Dinge. Nein, sie war übervoll. Überquoll vor Kram, gestapelt bis unter die Decke. Der Flur ein schmaler Gang zwischen Zeitungs-, Zeitschriften- und Kistenburgen. An den Wänden Beutel, Taschen, Päckchen. Der Geruch aus Staub, Muff, und etwas Sauerem.

Mein Gott, hauchte Anja.

Wir gingen weiter. Erstes Zimmer: noch schlimmer. Um ein Bett herum stapelten sich Kleidung, Decken, Kissen wie Gebirge. Die Wände voller Bilderrahmen, alter Kalender, Regale, vollgestopft bis zum Bersten. Am Boden Bündel von Brigitte, Landlust, Garten+Haus aus den Siebzigern.

Vielleicht ist das zweite Zimmer besser? sagte ich leise.

Das kleinere Zimmer war nicht besser. Ein Schrank stand sperrangelweit offen, Sachen quollen heraus. Auf dem Tisch Türmchen aus Dosen, Schatullen, Kästchen. Die Stühle waren mit Geschirr vollgestapelt Services, Töpfe, Teller.

Anja drehte sich langsam um. Ihr Gesicht war blass.

Das muss alles raus, sagte sie tonlos. Alles entsorgen.

Oder erstmal durchgehen, ich öffnete eine Kiste. Vielleicht ist etwas Wertvolles

Drin: Gläser. Leere Schraubgläser. Zwanzig Stück, verschiedene Größen.

In der Küche das gleiche Bild: Schränkchen mit Porzellan vollgestopft, auf dem Tisch Kartons mit Zucker, Reis, Nudeln. Mindestens seit zehn Jahren abgelaufen.

Wie konnte sie so leben? fragte Anja. Wie lebt man so?

Ich schwieg. Stand am Fenster, schaute in den grauen Hof; unten Kinder, ein Hund, ein ganz normaler Berliner Tag. Und hier, im fünften Stock von siebenundsiebzig, diese Parallelwelt aus Dingen, gesammelt über ein ganzes Leben.

Wir holen ein Entrümpelungsunternehmen. Hauen alles raus. In einer Woche ist das erledigt.

Anja war still. Stand in der Küche, bis ihr Blick auf ein Regal fiel. Dort standen Porzellantassen. Bemalt mit Röschen. Die gleiche Schneeflocke-Kollektion, wie das Set, das sie letzte Woche gekauft hatte.

Paul, sagte sie leise. Schau mal.

Ich trat hinzu.

Genau dieselben, flüsterte sie.

Wir schwiegen. Dann ging Anja zurück ins große Zimmer, setzte sich vorsichtig aufs Bett. Ich folgte.

Mama sagte immer, Tante Elisabeth war seltsam, hat alles aufgehoben. Aber so schlimm hab ichs mir nicht vorgestellt, sagte ich leise.

Sie lebte alleine?

Ja. Ihr Mann starb früh, keine Kinder.

Anja strich über die alte, fleckige Tagesdecke.

Wozu hat sie das alles gesammelt? fragte sie. Warum braucht ein Mensch so viele Sachen?

Ich zuckte mit den Schultern.

Hat vielleicht Angst gehabt, zu wenig zu haben. Die Leute in ihrem Alter, Nachkriegsgeneration, Mangel Vielleicht steckt das tief drin.

Aber sie hat es ja nie benutzt. Alles original verpackt, Kleidung in Tüten. Wofür?

Ich hatte keine Antwort. Sah sie an, wie sie dort auf fremdem Bett saß, in fremder Wohnung, zwischen fremden, sinnlosen Dingen und wusste, sie stellt diese Frage auch für sich selbst. Sie sieht, wie sie selbst werden könnte.

Anja

Lass uns gehen. Bitte.

Wir traten hinaus, schlossen ab. Anja lehnte an der Wand, schloss die Augen.

Was jetzt? fragte sie.

Keine Ahnung.

Wir können nicht einfach alles wegschaffen. Wir haben kaum Geld. Zeit auch nicht wir müssen vielleicht selbst ran, am Wochenende, und das dauert Monate.

Vielleicht packen wirs. Einen Sack nach dem anderen.

Sie sah mich an.

Meinst du, man kann in zwei Monaten ein Leben entrümpeln?

Ich schwieg, weil ich wusste, sie spricht nicht nur von der Wohnung.

***

Der Notar war tatsächlich ein alter Bekannter meiner Eltern, alles ging innerhalb einer Woche. Die Wohnung gehörte nun offiziell Anja und mir. Die Vermieterin unserer bisherigen Wohnung gab uns noch einen Monat Aufschub zum Umziehen, alles war geregelt.

Anja und ich fuhren nun jedes Wochenende nach Lichtenberg. Mistsäcke, Handschuhe, Masken. Erst der Flur: dreißig Jahre Zeitungen Tagesspiegel, Berliner Zeitung, BZ. Wer hebt so etwas?

Sieben Säcke am ersten Tag, Flur halb frei. Rückenschmerzen, Schweiß, Pause auf der Treppe mit Mineralwasser aus der Flasche.

In hundert Jahren sind wir durch, scherzte Anja müde.

Beim zweiten Mal das große Zimmer: alte Mäntel, Kleider, Röcke, alles ordentlich gefaltet, überlagert, ausgeblichen, aber immer noch wie zum Gebrauch bereit.

Schau mal, sagte Anja und hielt ein Siebzigerjahre-Kleid. So was hat meine Mutter getragen.

Wegwerfen?

Ja. Natürlich.

Aber sie drückte es noch einen Moment an sich, bevor es in den Müllsack kam.

Unter den Bergen fanden wir Kartons Fotos, schwarzweiß, Hochzeiten, Familienfeiern, Jahrzehnte älter als wir.

Vielleicht will das noch jemand?

Wen denn? Elisabeth hatte keine Nachkommen.

Also Müll?

Anja nahm ein altes Foto: eine junge Frau im weißen Kleid, daneben ein Mann vermutlich Elisabeth und ihr Mann, glücklich, als gäbe es keine Zukunft, nur diesen Tag.

Weg, sagte sie tonlos und legte das Foto zurück.

Drittes, viertes, fünftes Wochenende. Allmählich füllte sich der Hof mit Säcken. Doch mit jedem Tag veränderte sich Anja. Sie wurde stiller, schaute abends aus dem Fenster, manchmal erwischte ich sie weinend in der Küche.

Was ist los?

Nichts einfach erschöpft.

Aber ich wusste, es lag nicht an der Arbeit.

Eines Tages entdeckte sie beim Ausräumen ein altes Tagebuch. Schulheft, eng beschrieben. Sie setzte sich und las leise vor:

Heute habe ich mir ein Service im Intershop gekauft. Endlich richtiges Porzellan, mit blauen Blumen. Paul findet es übertrieben, aber ich will doch ein schönes Zuhause. Eines Tages laden wir Gäste ein. Dann wird alles perfekt sein.

Anja blätterte weiter.

Wieder ein Service gekauft. Ich weiß, Paul wird schimpfen, aber ich kann nicht anders. Wenn ich viele schöne Sachen habe, fühle ich mich sicherer. Als hätte ich für alles gesorgt.

Sie sah mich an.

1962 schrieb sie das. Sie war fünfundzwanzig.

Und?

Sie hat ihr ganzes Leben so verbracht. Gesammelt, gekauft, auf den Moment gehofft, dass es nützlich sein würde. Am Ende ist sie alleine gestorben, umgeben von Dingen, die niemand wollte.

Ich setzte mich neben sie.

Anja, worauf willst du hinaus?

Dass ich genauso bin. Ich kaufe Services, sammle Sachen, Platz hat niemand und trotzdem weiter, in der Hoffnung, dass ein eigenes Zuhause alles regelt. Aber das stimmt nicht, oder?

Warum nicht?

Weil es nicht am Zuhause liegt. Es liegt an mir. Ich kann nicht anders. Jede neue schöne Sache scheint ein Glücksmoment aber nach einer Woche ist das vorbei. Dann will ich das nächste.

Ich wusste nichts zu sagen. Sie hatte recht. All die Jahre hatte ich gewartet, gehofft, gebangt und geschwiegen.

Weißt du, was das Schlimmste ist? fuhr sie fort. Ich sehe in dieser Wohnung meine Zukunft. Wenn ich mich nicht ändere, werde ich wie Elisabeth enden. Allein, umgeben von Dingen, die nichts bedeuten.

Du bist nicht allein, sagte ich leise.

Noch nicht. Aber irgendwann schon. Und dann bleibe ich mit meinen Tassen zurück.

Wir schwiegen. Es dämmerte, draußen wurde es dunkel, und die Wohnung schien noch trostloser.

Vielleicht sollte ich mal mit jemandem reden, murmelte Anja. Ein Psychologe?

Vielleicht, nickte ich. Aber erstmal beenden wir hier alles. Dann sehen wir weiter.

***

Nach weiteren drei Wochen waren wir fast fertig. Hundert Säcke Müll, die alte Möbel blieben erstmal. Die Wohnung kahl, die Wände fleckig, die Böden splitterten, aber sie gehörte uns. Unsere.

Ich stand im großen Raum, sah auf die leere Wand.

Neue Tapeten müssen her, sagte ich. Und der Fußboden.

Anja antwortete nicht, sondern blickte still in den Hof.

Anja?

Ich glaube, sagte sie, immer noch am Fenster, wir brauchen diese Wohnung eigentlich gar nicht.

Was?

Wir dachten, wir lösen damit all unsere Probleme. Aber das stimmt nicht. Die Probleme lagen nie am fehlenden Eigentum. Die stecken in uns.

Ich kam näher.

Was meinst du?

Ich meine, wir können hier einziehen, alles renovieren, die Vitrinen aufstellen und das ganze Zeug. Und was dann? Höre ich dann auf zu kaufen? Werden wir plötzlich glücklich? Kommt Eva auf einmal öfter zu Besuch? Nein, es wird sich nichts ändern. Nur der Platz für meine alten Muster wird größer.

Soll ich die Wohnung verkaufen?

Vielleicht. Oder behalten für später. Aber erstmal muss ich rausfinden, was mit mir los ist. Warum ich nicht anders kann. Ich will keine neue Elisabeth werden.

Ich schwieg. Sie sprach genau das aus, was ich mich nie traute.

Aber wie sollen wir dann weitermachen?

Ich weiß noch nicht. Aber eins weiß ich: So wie bisher geht es nicht mehr. Ich will nicht in einer Wohnung voller nutzlosem Kram enden.

Wir standen in dieser leeren Wohnung, draußen fiel die Nacht. Unten schlug die Haustür, jemand lachte.

Ich sollte mit Eva reden, sagte Anja. Mich entschuldigen, für alles, was war und was wir nicht geben konnten.

Sie wird dich verstehen.

Ich hoffe. Aber zumindest versuche ich es.

Ich nahm ihre Hand.

Und was sagen wir meinen Eltern?

Die Wahrheit. Dass wir dankbar sind, aber Zeit brauchen. Um herauszufinden, wie es weitergeht. Mit der Wohnung, mit uns.

Sie werdens nicht verstehen.

Wahrscheinlich nicht. Aber schlimmer kann es nicht mehr werden.

Wir verließen die Wohnung, fuhren hinunter. Draußen war es kalt, es wurde spät. Ich zündete mir eine Zigarette an. Anja lehnte sich an mich.

Ich habe Angst, sagte sie.

Ich auch.

Aber es muss sein.

Ja.

Wir standen noch kurz, dann gingen wir zur U-Bahn. Hinter uns blieb die Wohnung, leer, aufgeräumt ein Ort, von dem wir dachten, er würde alles lösen. Aber er war nur eine leere Hülle.

***

Das Gespräch mit meinen Eltern war schwierig. Mein Vater verstand nichts. Das ist undankbar!, rief er. Andere würden dafür alles geben! Mutter weinte und meinte, sie wollte doch nur helfen.

Wir sind dankbar, wiederholte ich immer wieder. Wir brauchen Zeit.

Zeit wofür? Ihr habt alles, worauf wartet ihr? verstand mein Vater nicht.

Zum Schluss sagte er nur: Macht, was ihr wollt, aber erwartet keine Hilfe mehr. Mutter umarmte Anja und flüsterte:

Ordne wenigstens die Sachen. Ist sonst peinlich.

Das Gespräch mit Eva war überraschend leicht. Im Café, zu dritt. Eva hörte zu, dann nickte sie.

Endlich, sagte sie. Endlich sprecht ihr darüber.

Bist du böse?

Nein. Aber ich konnte euch nicht besuchen, weil ich es nicht ertragen habe. Dass ihr euch selbst belügt. Ich hatte Angst, es bleibt für immer so.

Jetzt?

Jetzt bin ich einfach nur froh, dass ihr redet.

Anja nahm Evas Hand.

Ich will mich ändern, Eva. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, aber ich wills versuchen.

Versuch es, Mama. Für dich selbst. Nicht für mich oder Papa.

Ein halbes Jahr verging. Anja ging zu einer Psychologin. Es war schwer, sich zu öffnen, aber nach und nach verstand sie, wie das Kaufen eine Leere füllen sollte, die aus ihrer Kindheit stammte fehlende Liebe, Anerkennung, das Gefühl, nie zu genügen. Jeder Kauf ein kurzer Ersatz für Geborgenheit, Zukunft, Bedeutung.

Dinge bestimmen erst dann das Leben, wenn wir ihnen Macht über unsere Gefühle geben, sagte die Therapeutin. Man muss andere Wege suchen, Leere zu füllen.

Langsam begann Anja auszumisten. Sie verschenkte, verkaufte, warf weg. Jeder Abschied tat weh, als hinge daran ein Stück Persönlichkeit. Aber sie machte weiter.

Ich begleitete sie nicht redend, einfach da. Eines Abends gestand ich, dass ich auch Schuld habe, dass ich geschwiegen habe, statt ehrlich zu sein.

Es war einfacher, wütend zu sein, als etwas zu ändern. Tut mir leid, sagte ich.

Die Wohnung in Lichtenberg blieb erstmal leer. Wir zogen nicht ein, verkauften sie nicht. Sie war einfach da. Vielleicht irgendwann.

Eva kam jetzt öfter. Nicht oft, aber öfter als vorher. Wir redeten mehr, lachten auch ab und zu zusammen. Kleine Schritte, aber Schritte.

***

Acht Monate nach der Schlüsselübergabe fuhren Anja und ich mit Eva wieder nach Lichtenberg. Wir öffneten die Haustür.

Die Wohnung war ganz leer. Nur der alte Schrank stand noch. Alles andere war weg.

Na, zieht ihr jetzt ein? fragte Eva spitzbübisch.

Anja und ich sahen uns an.

Ich weiß es nicht, gab Anja zu.

Wir gingen von Zimmer zu Zimmer. Eva öffnete ein Fenster, ließ frische Frühlingsluft hinein. Ich überprüfte die Heizkörper.

In der großen Stube versammelten wir uns wieder.

Wozu wollten wir das eigentlich alles? fragt Anja plötzlich.

Ich blickte sie an.

Um etwas Eigenes zu haben?

Aber wozu um Glück zu spüren? Sicherheit? Oder nur aus Gewohnheit?

Ich schwieg. Eva lächelte.

Ich glaube, es kommt nicht darauf an, warum ihr so eine Wohnung wolltet. Sondern darauf, was ihr innen mit eurem Leben macht. Ein Haus sind nur Wände. Leben, das ist mehr.

Anja nickte langsam.

Ich habe Angst, sagte sie, dass ich hier wieder von vorne anfange. Wieder alles vollstopfe. Und in zehn Jahren siehts wieder aus wie bei Elisabeth.

Und wenn ihr nicht einzieht? fragte ich.

Weiß nicht. Vielleicht verkaufen wir, vielleicht vermieten wir. Aber wichtiger ist, dass ich jetzt anhalte und nicht wieder denselben Fehler mache.

Eva umarmte sie.

Du wirst nicht wie sie. Weil du es erkennst.

Wir standen noch einen Moment zusammen. Dann meinte ich:

Lasst uns nichts überstürzen. Die Wohnung bleibt erstmal leer, wir schauen weiter.

Anja nickte.

Ja, das ist vernünftig.

Wir gingen. Eva voraus die Treppen hinunter, ich schloss ab, Anja wartete mit fragendem Blick.

Paul, glaubst du, wir schaffen das?

Ich legte den Arm um sie.

Ich weiß es nicht. Aber wir können es zumindest versuchen.

Wir liefen die Straße entlang, Aprilsonne auf den Gesichtern, es roch nach Frühling. Eva wartete am Eck, drehte sich zu uns:

Kommt ihr mit auf einen Kaffee?

Sehr gern, antwortete Anja.

Und da wusste ich: Nur wir selbst können unser Leben von innen heraus ordnen. Eine Wohnung ist keine Garantie für Glück. Manchmal muss man erst den inneren Ballast loswerden, bevor man Platz für echte Nähe schaffen kann.

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Homy
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