Buchweizen statt Trüffel
Ich stand am Herd und starrte darauf, wie in meinem Topf alles langsam gerann, woran ich zwei Stunden herumgedoktert hatte. Die Sahne-Trüffel-Soße fürs Risotto mit Steinpilzen sollte eigentlich seidig glänzen, homogen sein, fast lebendig wirken. Stattdessen hatte sie sich getrennt: Die Butter trieb oben, der dichte Grundschlamm sammelte sich in Klümpchen am Boden.
Ich drehte die Hitze runter und fing an, kalte Butter in kleinen Würfeln wieder einzurühren, langsam, mit kreisenden Bewegungen. Meine Hände kannten die Routine schon von selbst. Draußen wurde es dunkel, auf der Straße unten am Gärtnerplatz gingen die ersten Laternen an, irgendwo auf der Müllerstraße rauschten die Autos vorbei. Ein ganz normaler Oktoberabend in München.
Anna, dauerts noch lang? Ich habe seit zwei Uhr nichts gegessen.
Thomas stand im Türrahmen der Küche. Immer so, bloß nicht ganz hineingehen, als sei die Küche feindliches Ausland. Hände in den Taschen, mit diesem Blick, den ich in 23 Jahren Ehe immer noch nicht benennen konnte. Nicht Ungeduld, irgendetwas anderes.
Zwanzig Minuten, sagte ich, ohne mich umzudrehen. Die Soße zickt ein bisschen.
Zwanzig Minuten. Verstanden.
Er verschwand. Ich hörte, wie er sich ins Sofa fallen ließ, den Fernseher laut anmachte und direkt wieder den Ton fast ganz runterschraubte. Auch das war ein Signal. Ich kannte sie alle.
Am Ende wurde die Soße doch noch was. Kein Meisterwerk, aber recht ordentlich. Das Risotto gelang zähflüssig und cremig diese Konsistenz, die immer so schwer zu treffen ist. Ich richtete alles an, garniert mit hauchdünnen Scheiben von schwarzem Trüffel, den ich am Viktualienmarkt bei einem Bekannten für einen Preis gekauft hatte, der früher für zwei Mittagessen mit einer Freundin im Café gereicht hätte.
Ich deckte den Tisch. Zündete Kerzen an. Nicht aus Romantik, sondern weil bei Kerzenschein das Essen besser aussieht. Und ich auch. Die Müdigkeit um meine Augen war dann weniger auffällig.
Thomas setzte sich, nahm die Gabel, betrachtete den Teller.
Lange.
Schon wieder Risotto, sagte er schließlich.
Du hast dir was mit Pilzen gewünscht.
Ich wollte etwas mit Pilzen, ja. Hätte ja nicht gleich Risotto sein müssen. Letzte Woche bekam ichs schon bei Wolfgang im Restaurant, da war der Chefkoch am Werk du weißt schon. Da ist der Vergleich halt schwer.
Ich setzte mich ihm gegenüber. Nahm meine Gabel.
Probier erstmal, schlug ich vor.
Er probierte. Kaute langsam, als prüfe er ein antikes Fundstück.
Der Reis ist zu weich.
Die Körner sind exakt al dente. So gehört das beim Risotto.
Deiner Meinung nach richtig. Gut.
Wir schwiegen und aßen. Ich sah auf die Kerzenflamme; er aufs Essen, mit seinem berühmten Gesichtsausdruck. Draußen lebte München weiter, ahnungslos, eilig, mit null Bezug zu Risotto.
Die Soße ist recht fettig, warf er ein, als der Teller fast leer war.
Ich schwieg.
Fragst dich sicher, warum ich sowas sage? Ich bin halt ehrlich. Kochst du nur, um dir selbst auf die Schulter zu klopfen, oder willst du dich weiterentwickeln?
Ich hab nicht gefragt, bemerkte ich.
Eben, ein Fehler.
Danach verschwand er zum Fußballschauen, ich räumte auf, schrubbte die Töpfe und das, was von der sündhaft teuren Trüffelsoße übrigblieb, an der ich drei gescheiterte Versuche später fast Tränen gelassen hätte. Ich hatte französische Kochbücher dafür gewälzt, bei einem Kurs, bezahlt für 45 Euro die Lektion. Ich hatte den Trüffel in einer speziellen Box mit durch halb München getragen, aus Angst vor Gerinnung.
Ziemlich fettig, also.
Ich stützte mich am Spülbecken ab, beobachtete das Wasser beim Abfließen. Wischte die Hände, schaltete das Licht aus und ging ins Schlafzimmer.
Ein ganz normaler Abend.
***
Am Samstag um drei kam Helga, meine Schwiegermutter. Sie rief immer vierzig Minuten vorher an, damit ich aufräumen und einen Kuchen backen konnte. Helga gehörte zu jenen, die Unordnung sehen, aber nie aussprechen nur ein diskretes Streifen des Fenstersimses mit den Augen.
Sie ist 78, eine kleine, drahtige Frau mit geradem Rücken, auf den Jüngere neidisch wären. Den Ehemann hat sie vor sechs Jahren verloren, seither wohnt sie allein in Schwabing, und trotz Thomas Überredungsversuchen will sie nicht zu uns ziehen. Ich habe nie versucht, sie umzustimmen. Das wussten wir beide und sprachen nie drüber.
An jenem Samstag sah sie noch blasser aus als sonst. Das fiel mir auf, als ich ihr öffnete.
Komm rein, Helga. Ich hab Nusskuchen gebacken.
Danke, Anna. Ist Thomas da?
Er ist bei Wolfgang. Kommt zum Abendessen.
Sie nickte, ging ungewöhnlich gleich in die Küche, statt wie sonst ins Wohnzimmer auf ihren Sessel am Fenster. Ich schenkte Tee ein, schnitt Kuchen. Wir saßen uns gegenüber.
Wie gehts dir? fragte ich.
Ach, alles recht. Nur bisschen hoher Blutdruck, nichts Besonderes.
Sie nahm ein Ministöckchen vom Kuchen, biss winzig ab.
Sehr lecker, sagte sie, so schlicht und freundlich, dass etwas in mir zuckte.
Wir schwiegen eine Weile. Helga nippte am Tee und sah aus dem Fenster. Draußen wiegten sich die entlaubten Bäume im Ende-Oktober-Wind.
Anna, darf ich dich was fragen? Nicht böse sein?
Ich geb mir Mühe.
Sie sah mich lange an.
Weißt du noch, dass du einmal Designerin warst?
Ich hatte diese Frage nicht erwartet.
Ja, klar.
Eine gute Designerin?
Das sagte man mir, ja.
Das warst du. Ich hab deine Projekte gesehen die Wohnung an den Isarauen für diese Ärztefamilie? Da war ich mal. Es war wunderschön. Ich dachte, so jemand kann wirklich Räume spüren.
Ich sah sie an.
Worauf willst du hinaus, Helga?
Sie stellte ihre Tasse vorsichtig ab wie nur Menschen das tun, die es ihr Leben lang geübt haben, keinen Mucks zu machen, nichts Unnötiges.
Mir ist es unangenehm, sagte sie leise.
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Helga war aus einer Generation, die nie übers Wesentliche sprach.
Ich hätte es dir viel früher sagen sollen. Bestimmt vor zehn Jahren, als du mit dem Arbeiten aufgehört hast. Aber ich schwieg, dachte geht mich nichts an. Vielleicht willst du ja selbst. Vielleicht ist es so das Richtige.
Sie sah auf ihre Hände. Alte, aber schöne Hände mit langen Fingern, immer noch gepflegt.
Thomas mag keine ausgefallenen Gerichte.
Dachte ich, ich hätte mich verhört?
Wie bitte?
Der mag das nicht. Hat er nie gemocht. Seit der Jugend einen empfindlichen Magen. Schon seit fast dreißig Jahren empfiehlt sein Hausarzt: einfach essen Suppen, Brei, gekochtes Fleisch. Buchweizen mit Frikadelle, das ist sein Lieblingsessen aus Kindertagen. Jeden Tag Frikadelle und Buchweizen mit Butter.
Es wurde sehr still in der Küche. Nur der Kühlschrank brummte, wie eine ferne Existenz.
Warum dann, fragte ich, meine Stimme fremd, warum die Foie Gras, die Trüffel, das Gemecker über nicht perfekt seidige Soßen?
Sie beendete meinen Satz.
Helga hob den Blick, und es lag darin diese Kälte, die nicht Wut, nicht Mitleid war, sondern etwas viel Älteres, Schweres.
Weil er den Prozess mochte. Dir zuzusehen, wie du dich abstrampelst. Das Geld, die Zeit, die Kraft für ihn aufwendest und dann auf sein Wort wartest. Ihm zu sagen, es sei nicht gut genug das gab ihm Überlegenheit.
Ich stellte meine Tasse ab.
Sie wissen, was Sie sagen?
Ja, ich hab lang drüber nachgedacht, ehe ich das ausspreche. Ich weiß genau, was ich sage.
Und Sie haben zehn Jahre geschwiegen.
Ich habe 38 Jahre geschwiegen, Anna. Seit dem Tag, als Karl bei mir dasselbe Spiel mit dem Essen begann.
Karl. Herr Doktor Karl Bender, ihr Mann, Thomas Vater. Gesehen hatte ich ihn selten, ein Jahr nach unserer Hochzeit ist er gestorben. Im Gedächtnis blieb er groß, laut, stets salonfähig.
Er war ein Gourmet, sagte sie, Bitterkeit in den ruhigen Ton geschnürt. Ich habe auch gekocht, mich abgerackert, alles Mögliche. Dann sah ich einmal, wie er bei seiner Mutter auf dem Dorf einfache Buchweizengrütze aß als käme er nach Hause. Drei Schüsseln, mit Butter. Brot dazu. Er schwieg, lächelte, kritisierte nichts, aß und war glücklich.
Ich hörte zu. Es fing an zu nieseln draußen.
Damals hab ich verstanden. Aber ich bin geblieben. War halt eine andere Zeit. Und Thomas hat gelernt, wie dieses Spiel funktioniert. Dass man so Menschen halten kann. Also hat er das übernommen.
Mit Absicht, sagte ich. Es war keine Frage.
Ich glaube nicht, dass er sich jedes Mal hinsetzt und denkt: jetzt demütige ich meine Frau. Menschen leben halt, wie sie es kennen. Wie sie sich als richtig und wichtig empfinden oft auf Kosten anderer.
Ich stand auf. Nicht weil ich wegwollte, ich konnte bloß nicht mehr sitzen. Ich trat ans Fenster, sah dem Nieselregen auf der Müllerstraße zu, den Passanten mit Schirmen.
Zehn Jahre.
Zehn Jahre Kochkurse: erst Grund-, dann Fortgeschrittene, dann Spezialseminare für französisch und italienisch. Bücher, Videos, Forenthreads mit Köchen. Immer wieder zum Viktualienmarkt, immer zum richtigen Stand. Weinauswahl. Nachts mit der Idee für eine neue Soße wachliegend.
Ich hielt das für meine zweite Berufung, jetzt, wo ich mit Design durch war ich dachte, ich hätte den neuen echten Weg gefunden.
Aber im Innersten aß Thomas immer nur Buchweizen.
Warum sagen Sie mir das jetzt? fragte ich, ohne mich umzudrehen.
Weil ich alt bin, antwortete Helga schlicht. Und weil du jung bist. Fünfzig ist kein Alter, Anna. Das ist so etwas wie ein neuer Beginn.
Ich drehte mich um. Sie sah mich direkt an. Ohne Mitleid, und das war wichtig.
Und, fügte sie leiser hinzu, weil ich mitschuldig bin. Nicht absichtlich, aber ich habe ihn zu dem gemacht, was er ist. Habs nie anders vorgelebt. Meine Schuld. Wenigstens das: Ich kann dir endlich die Wahrheit sagen.
Ich ging zurück zum Tisch, trank meinen kalten Tee.
Er wird sich nie ändern, sagte sie. Ich sag dir nicht, was du tun sollst. Aber du solltest es wissen.
Wir tranken aus. Sie zog sich an, ich half ihr mit den Knöpfen. Die Finger gehorchten ihr manchmal nicht mehr.
Der Nusskuchen war wunderbar, sagte sie.
Danke.
So schlicht. Ganz heimisch. Das Beste, was du je für mich gebacken hast.
Sie ging. Ich schloss die Tür und blieb noch eine Weile im Flur, betrachtete Thomas Jacken an der Garderobe.
***
Die nächsten zwei Wochen kochte ich wie immer. Macht der Gewohnheit. Zurück auf Autopilot. Es gab Ententerrine. Hummerbisque, für die ich eigens fuhr. Einen japanischen Dessertversuch, wie ich ihn in Kursen gelernt hatte.
Thomas aß. Nörgelte. Ich hörte und schwieg.
Doch irgendwas hatte sich verschoben. Ich beobachtete mich selbst wie von außen. Da war ich am Herd, rieb Zitronenschale, gab Safran hinzu, reichte den Teller und wartete. Er griff zur Gabel, und in dem Moment, bevor er etwas sagte, sah ich seinen Gesichtsausdruck.
Und da war etwas, das ich vorher nie gesehen hatte:
Genuss.
Nicht am Essen selbst, sondern an meiner Erwartung. An dem Moment kurz vor seiner Bemerkung, wenn ich bereits innerlich zusammenzuckte. Endlich sah ich, was er immer tat: für einen Sekundenbruchteil zog er diesen Gesichtsausdruck wie ein Kind, das gleich am Band zieht.
Ich erinnerte mich an meine Designer-Projekte. Wie ich Räume sofort räumlich vor mir sah. Wie ich mit Kunden redete und nicht nur hörte, was sie sagten, sondern was sie eigentlich wollten. Wie ich meine Werkstatt hatte Büro in Haidhausen mit zwei anderen Designern. Wir tranken grausamen Kaffee aus einer uralten Maschine und diskutierten über Farben und Materialien bis spätabends.
Thomas sagte, das sei nicht ernstzunehmen. Man müsse sich entscheiden Familie oder Baustellenlauferei. Er verdiente ja gut, ich bräuchte nicht zu arbeiten. Die Klienten seien anstrengend, das ginge auf die Nerven. Und daheim müsse ja auch jemand sein.
Ich entschied mich für die Familie. Mit 42. Ich dachte, ich hätte noch alle Zeit der Welt.
Zehn Jahre sind vergangen.
Ich nahm mein Handy, schrieb Antje Vogtländer, einer alten Kollegin. Sie hat ein kleines Designbüro. Kontakt hatten wir nur noch zu Feiertagen und mit Geburtstagsgrüßen.
Antje, hallo. Hätte mal Lust auf ein Treffen. Zeit?
Antwort nach einer halben Stunde:
Anna, natürlich! Freu mich riesig. Wie wärs morgen?
***
Wir trafen uns im Café an der Sendlinger Straße. Antje hatte sich kaum verändert kürzere Haare, ein paar Strähnen sichtbar grau, was ihr ausgesprochen stand.
Du siehst gut aus, sagte sie.
Du kannst nicht lügen, entgegnete ich.
Sie lachte.
OK, du wirkst müde. Aber gut-gemeint müde.
Kaffee kam. Ich rang um Worte, starrte auf die Straße.
Hast du Arbeit? Für mich meine ich.
Sie schaute mich lange an.
Ist das dein Ernst?
Ja.
Zehn Jahre ohne? Du hast viel aufzuholen.
Ich weiß. Aber ich kanns noch. Glaube ich wenigstens.
Pause. Sie rührte an ihrer Tasse.
Ich hab drei Projekte. Eines groß, Landhaus am Starnberger See. Da könnten zwei zusätzliche Hände wirklich helfen. Aber ehrlich: du fängst wie ein Azubi an, Anna. Nicht weil du unfähig wärst, sondern weil Programme und Ansprüche sich geändert haben. Bist du bereit?
Ich bin bereit.
Und was willst du verdienen?
Anfangs das, was du geben willst.
Lange forschender Blick. Sie sah wohl, dass ich es ernst meinte.
Gut. Montag früh. Schaus dir an.
Montagmorgens war ich da. Drei Wochen tauchte ich in neue Software ein, tastete mich zurück. Machte Anfängerfehler, schimpfte mit mir selbst. Doch langsam kam alles zurück, wie beim Fahrradfahren.
Zu Hause kochte ich jetzt Buchweizen.
Beim ersten Mal rein aus Versehen. Später Feierabend, Hunger, keine Experimentierlaune. Kühlschrank voll teurer Zutaten für Rezeptideen, aber leer an Kraft. Schrank auf. Buchweizen, Dose Gulasch, Butter.
Schnell gekocht, zusammengeworfen, serviert. Ich rief Thomas.
Er schaute den Teller an, als hätte ich Rätselbrot serviert.
Was ist das?
Buchweizen mit Dosenfleisch.
Ich sehs schon. Alles in Ordnung bei dir?
Bin einfach müde. Morgen gibts wieder was anderes.
Er aß schweigend auf. Ohne Kommentar.
Ich dachte an Helgas Worte. An das Dorf, die drei Schüsseln, das Butteraroma. Wie heimisch-satt Menschen dabei aussehen.
Thomas aß auf, stand auf, verschwand. Sagte nichts, weder gut noch schlecht.
Auch das war eine Antwort.
***
Das Gespräch kam nach zwei Wochen. Ich kam von der Arbeit, nahm den Aufzug, im Kopf Farbskizzen für ein Landhaus. Tür auf, Schuhe aus. Fernseher aus dem Wohnzimmer.
Wo steckst du eigentlich? fragte Thomas, drehte sich nicht um. Schon acht.
Arbeit.
Wieder diese Vogtländer.
Mein Job, Thomas.
Er drehte sich um.
Anna. So war das nicht abgemacht.
Was war nicht abgemacht?
Dass du dauernd weg bist. Wir haben eine Familie. Ein Zuhause. Was soll das? Im Kühlschrank gähnende Leere.
Da sind Eier, Kartoffeln, Wurst. Man kann sich ein Rührei machen.
Er sah mich an, als redete ich Klingonisch.
Machst du Witze?
Nein. Ich sage nur, was da ist.
Wo sind deine berühmten Trüffel? Deine Soßen? Weißt du überhaupt noch, wie man richtig kocht?
Ich stellte meine Tasche ab, zog das Jackett aus, hängte es auf.
Thomas, ich will in Ruhe reden. Kannst du das?
Worüber?
Über uns. Über die letzten Jahre. Über das, was hier passiert.
Er spannte sich an. Typisch: Schultern nach vorn, Blick schräge zusammengekniffen.
Was passiert denn? Ich arbeite, du bist zu Hause.
Ich bin jetzt nicht mehr zu Hause. Und werde es nicht mehr sein.
Ach, entschieden. Ohne Rücksprache.
Ich versuche gerade, MIT dir zu sprechen.
Er stand auf, lief zum Fenster, drehte eine Runde.
Anna. Ich versteh das nicht. Du warst immer normal. Wir hatten eine normale Ehe. Du hast gekocht, ich bewertet. DAS war unser Ding, hast du das vergessen? Unser Ding.
Dein Ding, Thomas. Nicht meins.
Na klar. Hat Mama dir wieder einen Floh ins Ohr gesetzt? Wusste ich doch.
Ich sah diesen Mann an, mit dem ich über zwanzig Jahre lebte, in einer Wohnung, die ihm gehörte und in der ich nie so richtig Ich sein durfte. Alles hier war seins diese hohen Decken, die Möbel. Eigentlich hatte ich nie etwas verändert, trotz meines Jobs als Designerin.
Deine Mutter hat mir die Wahrheit gesagt. Einfach nur die Wahrheit.
Welche Wahrheit, Anna? Dass sie alt ist und gern Dramen inszeniert?
Dass du einfache Kost magst. Einen empfindlichen Magen hast. Seit jeher Buchweizen mit Frikadelle liebst.
Kurze Pause.
Ganz kurz aber sie war da.
Blödsinn, sagte er.
Vor zwei Wochen hast du die Portion ohne ein Wort verspeist.
Da hatte ich Hunger!
Thomas, sagte ich. Stopp. Bitte einfach stoppen.
Er schwieg. Stierte mich an.
Ich will keinen Rosenkrieg, sagte ich. Ich will einfach ehrlich reden. Kannst du dir vorstellen, wirklich anders zu leben? Gleichberechtigt?
Kurzes Flackern in seinen Augen.
Anders wie?
Auf Augenhöhe. Du arbeitest, ich arbeite. Mal gibts deftige, mal feine Küche. Essen ist kein Sportgerät zur Herabsetzung. Wir reden Klartext, keine Spielchen.
Langes Schweigen.
Ich habe dich nie erniedrigt, sagte er dann leise. Ich war einfach ehrlich, das ist meine Art.
Thomas.
Was?
Ehrlich ist, zuzugeben, dass du Buchweizen mochtest, während ich herumalberte mit Trüffeln und Co.
Stille.
Das war nicht ehrlich, sagte ich. Kein Groll. Nur eine Feststellung.
Er schwieg, ging ins Schlafzimmer und machte die Türe leise zu. Nicht knallend, das wäre zu theatralisch.
Ich ging in die Küche, briet Kartoffeln, aß allein. Saß dann lang mit Tee am Tisch, hörte, wie er im Schlafzimmer von einer Ecke zur anderen lief.
***
Die nächsten Monate fühlten sich an wie langsames Eisschmelzen. Kein Drama wie im Film. Sondern jeden Tag fiel noch ein Stück Normalität ab.
Thomas probierte Verschiedenes.
Zuerst beleidigt sein. Lief rum, als hätte ich ihm das Wichtigste gestohlen, wartete sicher auf Wiedergutmachung. Ich kam nicht. Ich kochte einfache Gerichte, führte den Haushalt, verschwand zur Arbeit, kam zurück.
Dann versuchte er es mit Nettigkeiten. Eines Tages Tulpen im November, vermutlich vom U-Bahn-Kiosk. Er sagte, er vermisse mich, ob wir nicht mal Essen gehen könnten. Ich willigte ein. Das Restaurant war nett, er aufmerksam, fragte nach meiner Arbeit. Ich dachte: Vielleicht ändert sich etwas?
Doch am nächsten Tag fragte er schon wieder, warum ich nichts Besonders für seine Freunde am Wochenende vorbereite.
Ich mache Pasta. Und Salat.
Pasta?
Ja. Pasta.
Echt jetzt?
Sein Gesicht… diesmal durchschaute ich ihn.
Dann kamen die Streits. Richtig, mit Stimme und Auflisten seiner Verdienste: Wohnung, Geld, ermöglichte Hobbys. Alles klang, als müsste ich dafür ewig dankbar sein.
Du hast investiert, sagte ich ganz ruhig. Kapiert. Aber ich bin keine Fabrik. Und kein Aktienpaket. In Menschen investiert man anders.
Verstand er nicht. Wollte er nicht verstehen.
Helga meldete sich jede Woche nie aufdringlich. Fragte, wie es mir gehe. Manchmal ein schlichtes du schaffst das oder du bist gut. Einmal sagte sie:
Ist er jetzt sauer auf mich?
Ein bisschen.
Soll er ruhig. Ich stehe das erste Mal in meinem Leben auf einer Seite auf deiner nämlich. Das gab es sonst nie bei mir.
Ich verstand sie.
Im Dezember übergab Antje mir mein erstes eigenes Projekt. Eine kleine Wohnung in Berg am Laim, junge Familie. Konzept, Betreuung bis Ende. Ich schlief Nächte nicht. Nicht, weil ich es nicht konnte, sondern weil ich Angst hatte, es verlernt zu haben.
Aber ich konnte es noch.
Die Kundin, Anfang 30, betrat das fertige Wohnzimmer und blieb in der Tür stehen. Schaute lange. Drehte sich um.
Sie sind eine Zauberin, sagte sie.
Da fiel es mir wieder ein, dieses Gefühl. Genau. Das war’s.
***
Im Februar wusste ich: Thomas und ich finden keinen Weg mehr. Nicht, weil ich nicht wollte. Ich gab ihm Chancen. Ich redete, blieb, ging nicht zu Freundinnen über Nacht, rief keinen Anwalt an auch wenn ich Artikel über toxische Beziehungen inzwischen las und mich immer öfter wiedererkannte. Ich war da, bemühte mich um ein neues Miteinander.
Aber er wollte das nicht.
Er wollte, dass alles so blieb. Dass ich zurück in meine alte Rolle ging nicht zu mir, sondern zu dem Bild von mir, das ihn groß machte: die, die am Herd steht und aufs Lob wartet.
Wie erkennt man einen Manipulator? Vielleicht genau daran. Dass er von deinem Erfolg, deinem Glück nichts will bloß dein Warten auf seinen Zuspruch. Ohne dieses Warten weiß er nicht, wer er ist.
Thomas war in vielem ordentlich. Trank nicht. Wurde nicht handgreiflich. Gab sein Gehalt, betrog nicht, so weit ich weiß. Liebe war es vielleicht auf seine Art auch.
Aber mit ihm leben das ging nicht mehr. Nicht, weil jeder Tag schmerzte, sondern weil man langsam, Tropfen für Tropfen, kleiner wurde. Sich verlor. Vergaß, wer man einmal war.
Im März reichte ich die Scheidung ein.
Er glaubte es nicht. Versuchte es mit Bitten, dann mit Wut, dann wieder flehend. Helga redete mit ihm, und ich weiß nicht, was sie sagte, aber danach war er wie ausgelaugt. Nicht versöhnt, aber weg. Kalt und fremd, wie abgenabelt.
Die Wohnung gehörte ihm das war immer klar gewesen. Ich zog zu meiner Freundin Maren, sie hatte ein Zimmer frei. Drei Monate blieb ich. Im Juni zog ich in eine kleine 2-Zimmer-Wohnung in der Maxvorstadt, mit Blick auf eine richtige Münchner Seitenstraße. Nicht schick wie Gärtnerplatz, aber lebendig, echt.
Ich renovierte sie selbst, alles klein, aber voller Freude über jede Kleinigkeit, die ich aussuchen konnte. Plötzlich merkte ich, dass ich schon lange wusste, was ich eigentlich will. Ich hatte nur nie gefragt.
***
Ein Jahr später.
Es ist April. Ich bin dreiundfünfzig. Draußen an der Straße blüht irgendein unscheinbares, aber weißes Ding, ich weiß gar nicht, wie das heißt, aber frühmorgens betrachte ich es, während der Kaffee zieht.
Kaffee koche ich schlicht, in der Bialetti. Gute Bohnen, aber ohne Brimborium.
Antje machte mich im Januar zu gleichberechtigter Partnerin. Jetzt haben wir vier Projekte, zwei leite ich allein. Ich schlafe neuerdings durch. Manchmal wache ich mit einem Raumproblem im Kopf auf es sind gute Gedanken. Es ist Arbeiten, nicht Sorgen.
Helga ruft weiterhin jede Woche an. Vor kurzem war ich wieder in Schwabing, brachte Torte, wir quatschten stundenlang. Sie erzählte Geschichten von ihrem Mann, von all den Jahren des Schweigens. Ich dachte dabei an den Rattenschwanz aus Generationen wie eine leidige Prägung auf ewig weitervererbt wird, bis irgendwer mal sagt: Halt, es reicht.
Helga schaffte es nicht ganz, aber half mir. Das ist nicht wenig.
Thomas wohnt immer noch in der alten Wohnung. Ab und an schreiben wir dienstlich. Von einem Bekannten hörte ich, er gehe jetzt zu Kochkursen. Obs stimmt? Vielleicht. Manchmal wandeln sich Menschen, wenn sie keinen mehr gängeln können.
Ich denke selten an ihn. Manchmal, im Feinkostladen, bleibe ich kurz bei schwarzen Trüffeln stehen und weiß dann nicht, ist das Wehmut oder Komik. Es ist was dazwischen: Die zehn Jahre kriegst du nicht raus.
Doch ich bleibe nicht stecken.
Andreas lernte ich im September kennen. Eigentlich als Auftraggeber: Er wollte die Wohnung nach dem Tod seiner Frau umgestalten. Sie war vor zwei Jahren an Krebs gestorben. Er meinte: Die Fotos sollen bleiben. Es soll einfach heller werden. Dass man atmen kann.
Ich verstand ihn sofort.
Er ist vierundfünfzig, Ingenieur, baut Brücken. Ich habe oft gedacht, wie ironisch er Brücken, ich Räume. Irgendwas passt da.
Er ist ruhig. Nicht still einfach gelassen. Schaut einen an, hört wirklich zu. Lacht, wenn es passt. Spielt sich nie auf.
Beim zweiten Termin fragte er, ob ich danach mit ihm Kaffee trinken gehen würde.
So fingen wir an. Erst Kaffee, dann Spazieren, wieder Kaffee, dann Kino. Französischer Film, wir lachten leis zusammen. Da fiel mir auf, wie schön es ist, wenn jemand einfach lebendig ist.
Wir sehen uns seitdem. Ohne Eile. Beide wissen, Eile bringt uns nichts mehr. Wir haben schon einiges erlebt.
Freitags kommt er meistens zu mir.
***
Heute ist Freitag.
Ich komme heim, entpacke die Einkäufe: Hähnchenschenkel, Kartoffeln, Zwiebeln, Karotten. Dill. Sauerrahm.
Mit den Hähnchenschenkeln und Gemüse gibts einen bodenständigen Auflauf aus dem Ofen. Kein richtiger Kuchen, sondern einfach: Schichten aus Kartoffeln, Huhn, Zwiebel, Möhre, Sauerrahm obendrauf, ab in den Ofen. Dann Dill dazu.
Genau das mache ich, wenn ich was Heimisches kochen will. Kein Gourmet-Essen, einfach normal.
Während der Auflauf gart, ziehe ich mich um. Der typische Geruch zieht durch die Wohnung Zwiebeln, Hähnchen, ein Hauch Knoblauch. Genau so rochs bei Oma früher. Daran hatte ich 20 Jahre nicht gedacht.
Um sieben klingelts an der Sprechanlage.
Ich öffne. Andreas steht da, stellt gleich eine Tüte ab. Obendrauf erkenne ich eine Weinflasche.
Hallo, sagt er.
Hallo. Wonach riechts so gut?
Er schnuppert.
Nach irgendwas, was an Zuhause erinnert. Kartoffeln?
Auflauf. Muss noch eine Weile.
Wunderbar, sagt er gelassen, hängt Jacke auf. Ich hab Wein mitgebracht. Und, er wühlt, Schokolade.
Er drückt mir eine einfache Schachtel mit Nuss-Schokolade in die Hand. Nichts Extragroßes, ganz normales Zeug vom Supermarkt.
Du magst doch Nüsse, hattest du mal erzählt, im September wars, glaube ich, bei der Konditorei.
Ich halte die Packung fest und merke, dass mir etwas im Hals steckt.
Du merkst dir solche Kleinigkeiten, sage ich.
Ich versuchs wenigstens, sagt er, ganz unprätentiös.
Wir gehen in die Küche. Ich checke den Auflauf, ist gleich fertig. Er öffnet den Wein, schenkt ein, setzt sich auf den Hocker.
Wie läuft das Projekt? Das in Schwabing?
Schwierig. Der Kunde will alles und alles möglichst billig.
Klassiker.
Wird aber schon, sage ich. Bei fünf Meter Deckenhöhe kann man was draus machen.
Er nickt nur, beobachtet mich beim Kochen.
Anna, sagt er.
Hm?
Bist du glücklich? Genau jetzt meine ich, nicht generell.
Ich sehe ihm in die Augen. Da ist kein Trick dahinter.
Genau jetzt? Ich höre in mich hinein. Ja. Genau jetzt schon.
Das ist schön, sagt er. Mehr nicht.
Der Auflauf ist fertig. Ich hol ihn raus, lasse ihn kurz ruhen, dann Dill obendrauf. Wir essen am hellen Küchentisch, keine Kerzen, nur die Lampe.
Andreas mustert das Gericht.
Sieht gut aus, sagt er.
Das ist halt Auflauf.
Riecht gut. Du kannst nicht hässlich kochen, hm?
Ich lache.
Habs noch nie probiert.
Wir essen, er holt sich Nachschlag, kommentarlos. Wir reden über alles Mögliche: seine Arbeit, seine Tochter in Hamburg, meine Urlaubspläne Hauptsache mal raus. Er meint, Finnland sei ganz nett im Sommer.
Dann trinken wir Tee, essen die Schokolade.
Draußen liegt München, im nassen April, es duftet nach Asphalt, nach Blüten. Die kleinen weißen Bäume wiegen im Wind.
Ich denke: Hier ist es. Kein Feiertag, kein Drama. Einfach Abend. Einfach ein guter Mensch gegenüber, Essen nach Kindheit und kein einziges Mal Warten auf das entscheidende Wort.
Manchmal erinnere ich mich an die Trüffel-Jahre. An Hummerbisque und missratene Soßen. Daran, wie viel Kraft ich verschwendete, nur um fettig zu hören. Es tut mir leid. Nicht nur um die Zeit. Auch um mich selbst, wie ich so lang blind war. Aber Kummer ist auch ein Luxus, den ich mir jetzt spare.
Selbstwertgefühl einer Frau, hab ich mal als Begriff gelesen als wäre das wie Haarfarbe. Aber nein, es wird gebaut; manchmal zertrümmert; manchmal errichtet man es mit über fünfzig neu, auf einer fremden Büro-Küche, mit Antje an der Seite, stur lernend, aber nicht weglaufend, und lernt langsam wieder Räume zu sehen.
Eigene Grenzen so ein Modewort. Ich mag Modewörter nicht. Aber das, was sie meinen, ist mittlerweile meins: Wissen, wo ich anfange und aufhöre. Kein Schutzwall, nein einfach nur Klarheit: Das ist meins. So bin ich.
Das Rezept fürs Glück ist vermutlich wirklich schlicht: das tun, was man kann. Menschen um sich haben, die einen sehen. Kochen, was einem schmeckt. Und nicht auf ein Urteil warten.
Worüber denkst du nach? fragt Andreas.
Ich sehe ihn an. Sein ruhiges Gesicht, den Teebecher.
Über den Auflauf, sage ich.
Er lacht.
Besseres Thema gibt es kaum.
Finde ich auch. Noch Tee?
Ja, gern.
Ich goss nach, für ihn, für mich, stellte die Kanne ab und sah auf die kleinen weißen Bäume draußen.
Andreas.
Ja?
Du würdest mir nie sagen, dass ich versalzen habe, oder?
Er blickt auf.
War schon okay heute, sagt er ernst. Ist alles im grünen Bereich.
Und wenn ich mal doch mit dem Salz übertreibe?
Er denkt kurz nach.
Dann sag ich: Beim nächsten Mal etwas weniger, und ess trotzdem alles auf.
Ich nicke.
Guter Umgang.
Tu mein Bestes, meint er und schnappt sich die letzte Praline. Ist das die letzte? Darf ich?
Bedient euch, antworte ich.
Draußen wiegen sich die weißen Zweige, und München rauscht leise und gleichmäßig wie eine riesige Maschine, der es völlig schnuppe ist, was auf wessen Teller liegt, ob Trüffel oder Buchweizen, Jahre kommen und gehen. Die Stadt lebt einfach. Ich lebe einfach. Der Tee ist noch warm, der Bratenduft hängt in der kleinen Küche, und auf dem Fensterbrett steht eine Pflanze, die ich letzte Woche gekauft habe, einfach nur, weil mir die Farbe gefiel.
Einfach, weil sie mir gefiel.
So lebe ich jetzt.





