Meiner Schwiegermutter habe ich ein Geschenk gemacht, das sie beim Anblick eiskalt durchschütteln wird! Bei jedem Blick darauf wird sie zittern aber wegwerfen kann sie es nicht. Sie wird es gut sichtbar hinstellen und aufbewahren! So ist das nun mal. Die Katz’ zahlt für der Maus’ Tränen! Meine abscheuliche Hannelore Schmidt! In ganzen fünfzehn Jahren Ehe mit Sebastian kein einziges freundliches Wort für mich. Ein Griesgram, wahrhaftig. Andere Schwiegermütter sagen wenigstens irgendetwas, notfalls knirschend durch die Zähne. Aber sie? Schweigt nur und starrt einen mit ihren dunklen Augen an. Ich meide sie, besuche sie höchstens ein Mal im Jahr zum Pflichtbesuch fünf Minuten, das reicht, erklärte Annemarie ihrer Freundin Greta.
Greta hörte zu und nickte mitfühlend. Auch sie konnte auf ihre Schwiegermutter nicht gut zu sprechen sein ihre eigene Frau Roth war kein Herzchen. Die beiden führten an diesem Tag etwas wie einen Mädelsabend durch, wie sie es alle zwei Wochen am Samstag pflegten. Ein Ritual aus Kindertagen.
Annemarie war Friseurin und zauberte allen regelmäßig neue Frisuren. Heute war sie nur auf einen Sprung da, die Kundschaft wartete. Greta, Chefköchin, sorgte stets für eine Ladung Leckerbissen, wie Annemaries Sohn Jonas es nannte.
Die dritte im Bunde war Sophia. Sie arbeitete als Krankenschwester und hatte kürzlich an eine neue Klinik gewechselt, wohin sie keiner der anderen Freundinnen verraten hatte dabei wollten sie so gerne fragen, aber heute ging es um Schwiegermütter.
Ich kann sie einfach nicht ausstehen! Sie ist für mich überhaupt niemand. Gäbe es sie nicht, wäre mein Leben … begann Annemarie erneut.
Da mischte sich Sophia ein, die bisher schweigend zugehört hatte:
Und dann? Meinst du, dann wäre es besser? fragte sie mit einem spitzbübischen Lächeln.
Vielleicht … murmelte Annemarie, plötzlich unsicher und nachdenklich.
Sie dachte an den heutigen Morgen. Wie sie ihr Giftpäckchen in festlichem Papier getragen, dabei hämisch gegrinst hatte. Hannelore hatte sich wie ein Kind aufs Auspacken gefreut, konnte kaum stillhalten vor Neugier. Doch Annemarie riet ihr, das Geschenk erst nach ihrer Abreise zu öffnen. So hatte sie ihr zumindest den Geburtstag verdorben das fand sie befriedigend.
Ihr habt mich ja gefragt, wo ich jetzt arbeite … begann Sophia vorsichtig.
Die Freundinnen horchten auf.
In einer Privatklinik? warf Annemarie ein.
Jetzt schwimmst du im Geld! lachte Greta.
Im Hospiz, sagte Sophia leise.
Schweigen.
Warum? Du arbeitest doch jetzt da, wo Menschen… Ich meine, das ist doch traurig, oder hast du nicht Angst? Und an das Geld darfst du ja auch nicht denken … setzte Annemarie an.
Ihr habts immer nur mit dem Geld … Annemarie, nicht böse sein, aber ich sags jetzt einfach: Du bist dumm, flüsterte Sophia ernst.
Wer? Wer ist dumm? Meine Schwiegermutter? feixte Annemarie.
Du, Annemarie. Wie du redest, wie du dich verhältst, das ist so gemein! Du behauptest, Hannelore habe nie ein gutes Wort für dich übrig. Wer hat euch damals das Geld gegeben, als ihr ein größeres Zuhause gebraucht habt? Sie hat ihre Eigentumswohnung in München verkauft, ist in das kleine Haus am Stadtrand gezogen. Ohne Klage, ohne Debatte.
Als dein Jonas schwer krank war wer hat ihn quer durch Deutschland zum namhaften Professor begleitet? Jener Arzt, der ihm das Leben rettete, war der Sohn einer alten Schulfreundin deiner Schwiegermutter. Dein Junge hätte es sonst vielleicht nicht geschafft. Und als du dich auf dem Abitreffen hast volllaufen lassen und im alten Schulkameradenzimmer aufgewacht bist nichts passiert, sicher. Aber Sebastian hätte dir nie verziehen, so wie er tickt. Wer hat dich aus der Klemme geholt? Hannelore hat erzählt, du hättest bei ihr übernachtet.
Du beißt in die Hand, die dich füttert und liebevoll hält bildlich gesprochen. Wie oft haben wir dein Haus besucht und ich habe mich über die Gewächshausgurken, Marmelade und das selbstgekochte Letscho gefreut all das gibt sie dir! Du würdest nicht mal eine Tomate von einer Gurkenpflanze unterscheiden! Es gibt Menschen, die schweigen und handeln sie können nicht große Reden schwingen, zeigen dafür Liebe mit Taten. Andere reden ohne Ende, bringen aber nichts. platzte es aus Sophia heraus.
Ich dachte, du würdest mich trösten, und jetzt das … und dann beleidigst du mich auch noch! fuhr Annemarie entsetzt hoch.
Doch in ihrem Inneren regte sich ein winziger Wurm. Noch vor kurzem hatte sie gemeinsam mit ihm gelästert und Pläne für ihren Racheakt geschmiedet. Jetzt jedoch, im Licht von Sophias Worten, scharrte der Wurm unruhig, störte Annemarie, die eigentlich ihren Triumph genießen wollte.
Greta, mitten in der Debatte schweigend und tief in Gedanken, futterte fünf Krautplunder hintereinander (bei Stress wurde sie immer hungrig) und sagte kein Wort. Annemarie fühlte keine Unterstützung mehr. Sie wollte eigentlich beleidigt hinauslaufen, die Show abziehen. Doch der Wurm hielt sie zurück. Wie festgenagelt.
Habt ihr vergessen, dass ich keine Mutter mehr habe? Ich lebe schon 15 Jahre damit. Genau wie du, Annemarie, aber du beschwerst dich ständig, wie schlimm deine Schwiegermutter sei, die dich doch liebt. Ich sterbe jeden Tag ein bisschen an Sehnsucht und Schmerz. Meine Hand wählt oft ihre Nummer, die ich auswendig kann. Das Handy existiert noch, ich lade regelmäßig Guthaben auf. Lege es in ein leeres Zimmer, rufe es von meinem Handy an, sehe den Namen Mama und ihr Foto. Setz mich ans Telefon, lausche der Stille, erzähle alles brülle meine Sehnsucht hinaus. Ich hülle mich in ihren alten Schal und stelle mir vor, sie hält mich fest. Innen drin ist es ausgebrannt vor Trauer.
Annermarie, ich kanns nicht für mich behalten. Du hast Mutter und Schwiegermutter warum also so? Warum denkst du, du seist besser als sie? Weißt du noch, wie du sie immer Dorftrampel nanntest? Noch was: Du frisierst uns ständig danke dafür, Gott segne dich. Aber Hannelore hast du sie je mal frisiert oder die Haare gefärbt? fragte Sophia.
Der Wurm zog sich zusammen als ob sie geschlagen wurde und eine fremde Stimme, in der Annemarie ihre eigene erkannte, flüsterte:
Nie.
Nicht wirklich? Das gibts doch nicht! Annemarie, das geht doch nicht! Das ist unmenschlich. Ich sorge immer für meine Schwiegermutter! Mit Gebäck, Kuchen, Osterbrot, sie freut sich wie ein Kind! Ihre Hände, kleine weiche Polsterchen, wie ein Engel! strahlte Greta.
Der Wurm in Annemarie gab auf und verstummte. Sie spürte, dass sie wieder Herrin ihres Körpers war, endlich aufstehen konnte. Niemand hielt sie auf.
Das Morgenbild schoss ihr durch den Kopf. Grete schwelgte von den kleinen, weichen Händen ihrer Schwiegermutter bei Hannelore waren sie anders: groß, sehnig, arbeitsgeprägt, mit Adern, von ihr verächtlich Zangen genannt. Das faltige Gesicht in ihren Gedanken verweste Kartoffel. Was wusste sie wirklich von ihrer Schwiegermutter? Eigentlich nichts, nie interessiert. Hannelore war jedoch stets zur Stelle, wenn Hilfe vonnöten war.
Sebastian erzählte damals, er habe zwei Schwestern gehabt. Lange krank, beide verstorben. Hannelore pflegte erst die Mädchen, dann den Ehemann. Alle sind sie tot, aber sie arbeitete immer hart, ihre ganze Liebe galt dem späten Sohn Sebastian Annemaries Mann.
Und Annemarie liebte Sebastian heute noch wie damals. Er war klug, fleißig, liebevoll, ein Glücksfall.
Er ist so, weil seine Mutter ihn zu so einem gemacht hat! Könnte schlimm anders sein: Er hätte dich schlagen, das Geld verspielen oder dich betrügen können. Du hast Glück! Und du? Kein einziges nettes Wort für sie warum? Wer hat dich gehindert? Schamlos! Jeden frisiert, außer sie, warum? Wozu dieses Gift und Hohn? Dumm! schrie der Wurm in ihrer Seele wild auf.
Sie zuckte zusammen.
Annemarie, alles in Ordnung? fragte Sophia besorgt.
Sie schüttelte den Kopf, rang um Fassung. Plötzlich war alles auf einmal da, wie Wasser, das durch einen Damm zu brechen droht.
Sie musste das Thema wechseln, jetzt schnell. Sie hauchte:
Wie gefällt dir die Arbeit, Sophia?
Ihre Augen, Mädchen, werde ich nie vergessen. Oft ist das Leid groß, aber in ihren Blicken liegen Licht, Güte, Hoffnung. Vieles dreht sich um die Fragen der Ewigkeit, um das Ungesagte am Lebensende. Viele Tränen sehe ich. Da kam ein erfolgreicher Mann, Geschäftsmann, seine Mutter lag bei uns. Er schenkte ihr alles, sie wollte nur noch einmal ins kleine Dorf, wo sie aufgewachsen war. Aber ihm war das zu unfein… Jetzt, nachdem sie gestorben war, brach er auf die Knie und schrie: Mama, bitte, komm zurück! Wir fahren jetzt ins Dorf, ich kaufe dort ein Haus, alles, was du willst nur bleib! Da war auch der alte Offizier, der täglich zu seiner krebskranken Tochter kam. Sie keine Haare mehr, aber so schöne Spangen sammelte sie. Er brachte immer eine neue mit. Wir bewunderten sie alle. Manche Kollegin fragte: Wozu keine Haare? Aber seine Tochter erwartete ihn, die Spangen, und strahlte, als sie sie sah. Er versprach ihr, wieder Zöpfe zu machen, wenn sie gesund ist, wie früher die Mutter. Es war ihre Hoffnung, ihr Bild von Zukunft. Der Vater wusste, dass es keine gibt doch er lächelte, spielte mit den Spangen. Nach ihrem Tod verschenkte er sie an die anderen Mädchen.
Ich wollte ihn trösten, sein Blick war trocken, voll Leid. Sie ist jetzt bei ihrer Mutter. Bald werden sie mich erwarten, flüsterte er. Worauf ich hinauswill: Man muss wertschätzen! Manche weinen am Grab, andere kämpfen und einige vergeuden die Zeit mit bitteren Intrigen, bringen Unruhe ins Himmelreich bis das Schicksal sie selbst einholt, wenn sie am wenigsten damit rechnen. Der Mensch denkt immer, er hat alles unter Kontrolle, aber das ist ein Trugschluss, Mädels, seufzte Sophia.
Greta wedelte sich mit der Werbebeilage Luft zu. Das Gebäck war längst vertilgt. Sie beschloss, heute noch neue zu backen und schickte ihrem Mann kurz eine SMS: Heute Familienabend. Film schauen, und Schwiegermutter samt Schwiegervater sind eingeladen! Übernachtung!
Ich muss los! Familienrat! Bis dann! und schlüpfte aus der Wohnung.
Annemarie stand langsam auf. Mit zitternder Hand suchte sie in der Tasche, ließ sie dann auf den Boden fallen. Den verstreuten Kleinkram sammelte sie schweigend mit Sophia auf und verabschiedete sich stumm.
Jetzt hatte Annemarie noch vor, viele Termine der Abend war vollgestopft. Doch … irgendwo, am Rand der Stadt, im kleinen Häuschen, saß jetzt wohl eine alte Frau die, von der sie dachte, sie hasse sie und betrachtete ihr Geschenk. Genau das, das sie zum Ärgern gegeben hatte. Und wenn sie ihr dasselbe geschenkt hätte? Natürlich hätte Annemarie sich geärgert, Geburtstag ruiniert.
Sie griff zum Telefon, sagte alle Kundentermine ab, entschuldigte sich und versprach Sonderrabatt beim nächsten Mal. Dann machte sie sich auf den Weg zu Hannelore.
Sebastians Handy blieb aus.
Die Handflächen wurden feucht was würde Sebastian wohl sagen? Es war ja seine Mutter
Am Abend glimmten die Lichter im kleinen Haus am Stadtrand. Die geblümten Gardinen, die Geranien am Fenster alles, was Annemarie immer genervt hatte erschien ihr mit einem Mal heimelig und vertraut.
Ich muss mich entschuldigen. Was sage ich bloß? Vielleicht ein besseres Geschenk besorgen? Keine Zeit mehr. Ich verspreche ihr, etwas anderes zu kaufen. Ach, was habe ich da nur angestellt, dachte Annemarie in dem Moment, als sie vom Gartentor zum Haus schritt.
Die Tür war offen. Im großen Wohnzimmer stand eine buntbemalte Schüssel voller Maultaschen. Kalte Gurkensuppe, Sebastians Lieblingsgericht, und gefüllte Pfannkuchen alles auf dem Tisch. Annemarie blieb in der Tür stehen. Ihr Mann plauderte mit Jonas, der glücklich Omas Kohlrouladen verdrückte. Hannelore, im blauen Kleid mit Spitzenkragen und geflochtenem Zopf, stand an der Wand. Neben ihr zwei alte Nachbarinnen und ein rüstiger Herr wohl auch ein Gast.
Schaut, ist das nicht schön? schwärmte Hannelore und zeigte auf Annemaries Geschenk.
Und weiter:
Das ist meine Annemarie, Sebastians Frau. Wie eine Prinzessin ist sie so blond, zart und schön. Wenn ich sie sehe, wird es mir warm ums Herz. Gibt’s was Schöneres? Jetzt ist sie immer bei mir, der Künstler hat sie aufs Bild gebannt. Ich habe geweint vor Freude, als ich das Geschenk sah. Mehr will ich gar nicht!
Annemarie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, sie errötete tief vor Scham, wie als Kind, als sie die Vase der Oma zertrümmert und dem kleinen Bruder die Schuld zugeschoben hatte.
Das Geschenk für Hannelore zum Geburtstag war … ein Porträt. Von Annemarie selbst. Sie hatte geglaubt, weil Hannelore nie ein gutes Wort sagte, dass diese sie nicht liebte, ja nicht ausstehen konnte. Also sollte das Porträt einer gehassten Schwiegertochter sie quälen sie würde es nicht wegwerfen, aber darunter leiden. Es kam alles ganz anders…
Annemarie ist so hübsch, dass ich ihr manchmal nicht zu sprechen traue. Wie eine Puppe große blaue Kornblumen-Augen, feine Züge. Nicht so wie ich, alte, runzelige Frau, die kaum den Mund aufkriegt. Schöne Worte kann ich nicht machen, ich habe es nie gelernt. Bin scheu. Mehrmals, wenn sie bei uns schlief, habe ich sie im Schlaf sanft zugedeckt, den Saum geglättet. Der liebe Gott hat mir die Töchter genommen, gab mir aber Annemarie, Sebastians Frau, zum Trost. Für mich ist sie wie eine eigene Tochter. Das sage ich auch Sebastian immer!
Jetzt musst du damit leben! der Wurm in Annemarie kicherte kurz und verschwand für immer.
Sie wollte noch versprechen, alles wieder gut zu machen, aber dazu kam sie nicht. Ihr Sohn rief sie, Sebastian trat ihr entgegen.
Was ist? Muss nicht arbeiten? Mama sagte, du hättest heute früh schon gratuliert flüsterte er ihr zu.
Ich … habe alles abgesagt. Hannelore darf ich Sie ab jetzt Mutti nennen? Wie meine eigene Mama. Alles Gute zum Geburtstag, ihre Stimme brach.
Annemarie hätte sich liebend gern, wie der Mann aus Sophias Erzählung, auf die Knie geworfen. Vor der Weisheit, Güte und Vergebung.
Annemarie! Wie schön, dass du jetzt noch gekommen bist. Für mich, die alte Frau! Das ist meine Annemarie! voller Liebe und Stolz blickte Hannelore zu ihr auf.
Der Gast, der betagte Herr, nickte nur anerkennend erst sie, dann das Porträt musternd.
Alle lebten plötzlich auf, lachten viel.
Annemarie war glücklich. Ein Festtag, sie gesund und lebendig, Eltern, die bald eintrafen, samt Ehemann, Kind und toller Schwiegermutter. Lieblingsberuf. Annemarie, so merkte sie, war steinreich!
Kommt an den Tisch! Kommt! rief Hannelore geschäftig.
Wunderbar! Und danach mach ich hier mal einen Beauty-Tag! Wer will, kriegt Frisuren, Farbe, Schnitt mit Freude, lachte Annemarie.
Das war ihr neues Geschenk. Für alle.




