Kirschmarmelade
Lea, wo ist denn Mamas alte Schüssel? Weißt du noch, die große Kupferschüssel, in der sie immer Marmelade gekocht hat? Ute öffnete ein Küchenschränkchen nach dem anderen in der kleinen Sommerhausküche. Die ist wirklich nirgends zu finden! Ich hab schon alles durchsucht!
Vielleicht hat sie sie auf den Dachboden gebracht? Sie hat ja gesagt, seitdem Papa weg ist, macht das Einmachen keinen Sinn mehr.
Na klar, wir sind ja keine richtigen Leute Ute erhob sich umständlich vom Boden, auf dem sie vor der letzten Schranktür gekniet hatte, und verzog das Gesicht vor Schmerz.
Was ist los, Ute? Lea blickte besorgt zu ihrer großen Schwester.
Ach, nichts Wildes. Schon wieder der Rücken, weißt ja. Nur blöd gestanden.
Du solltest wirklich mal zum Arzt gehen.
Was soll der mir schon Neues sagen? Ich kenne das alles inzwischen.
Du bist wirklich wie Mama! Lea schüttelte den Kopf und spritzte beim Kirschwaschen ein paar Tropfen Wasser durch die Küche. Ein Spritzer traf Felix, den dicken getigerten Kater, der auf dem Stuhl neben ihr schlief. Empört fauchte er, blinzelte träge aus seinen bernsteinfarbenen Augen, sah die beiden Schwestern an, legte dann die Pfote wieder über die Nase und schlief weiter. Wenigstens Streit gab es keinen, dann war für ihn alles in Ordnung.
Du hast doch immer auf Mama eingeredet, sie solle öfter zum Arzt. Aber sie hat nie auf dich gehört. Und schau, wie das geendet hat!
Lea, lass es bitte. Mein Rücken tut seit Jahren weh, das ändert sich nicht mehr. Aber jetzt brauchen wir die Kupferschüssel. Ich hab’s schon in anderen Töpfen versucht schmeckt einfach nicht wie früher.
Vielleicht hatte Mama irgendeinen Trick?
Nie davon erzählt. Wir haben so oft zusammen Marmelade gemacht, ganz ohne Geheimnis. Alles wie immer.
Lea stand entschlossen auf und ging hinaus.
Wohin gehst du? rief Ute ihr nach.
Dachboden natürlich!
Ich wäre ja selbst gestiegen…
Lass mal gut sein. Wenn dich dort dein Rücken wieder packt, hilft nur noch der Autokran.
Ute lachte. In ihrer Familie war niemand zimperlich oder besonders höflich miteinander. Sie sagten sich die Dinge geradeheraus, ohne Blumen. Obwohl sie wie Tag und Nacht verschieden aussahen Lea war groß und schlank, Ute klein und rundlich hatten sie denselben Dickkopf geerbt. Ihre Charaktere glichen sich wie zwei reife Kirschen an einem Zweig.
Die Ähnlichkeit mit den Eltern war bei Ute gerade groß genug, um nicht als nicht ihre Tochter aufzufallen die kühlen, klaren blauen Augen hatte sie von Mutters Seite, die schwarzen Locken von Vater. Ansonsten war sie das Ebenbild ihrer Großmutter mütterlicherseits. Ebenso gemütlich und rundlich, mit einer liebevollen, aber durchsetzungsstarken Art, die sie schon seit Kindertagen zu erkennen gab. Ihr erstes Wort war auch nicht etwa Mama gewesen, sondern mit grimmigem Stirnrunzeln und fest umklammerter Löffel Selbst!. Das wurde zu Utes Leitmotiv für ihr ganzes Leben.
Sie kannte die Familiengeschichte gut und war besonders stolz, mit der resoluten Großmutter Johanna Hoffmann verglichen zu werden. Mit 23 Jahren war Johanna Witwe, mit Zwillingsmädchen allein, ohne Eltern, ohne Hilfe von den Schwiegereltern (Zu große Trauer um unseren Sohn!). Aber Aufgeben lag Johanna fern, Jammern genauso. Mit einem winzigen Lohn als Stenotypistin hätte sie die Mädchen nie durchbekommen und wandte sich deshalb an die Nachbarin.
Frau Reimers, Sie kennen doch so viele Menschen. Weiß nicht jemand, ob irgendwo eine Putzfrau oder eine Haushälterin gebraucht wird? Sie wissen ja, ich bin ordentlich und sehe harte Arbeit nicht als Makel.
Ich weiß, brummte Lotte Reimers. Sie war Direktorin der Schule, war imposant wie eine Eiche, gefürchtet und bewundert von allen. Ihre Kontakte reichten weit, und nach kurzem Abwägen füllte sie Johanna die Tasse nach: Aber bist du sicher, dass du mit den Launen mancher Herrschaften klarkommst? Da gibts richtige Diven!
Hab ich eine Wahl?
Nein, eigentlich nicht. Also entweder du arbeitest oder eben nicht. Sag: Warum gibst du die Kinder nicht wenigstens vorübergehend in ein Heim und kommst erst wieder, wenn du auf den Beinen bist?
Die Frage ließ Johanna kurz verstummen, dann entgegnete sie standhaft: So bin ich nicht erzogen worden. Meine Kinder gebe ich niemals ab. Danke, ich schaff das schon.
Setz dich, Johanna! Genau das wollte ich hören. Charme und Verstand ich helfe dir.
Sie hielt ihr Wort und besorgte Johanna eine Stelle bei Hannelore Schubert. Hannelore war Opernsängerin launisch, chaotisch, anspruchsvoll und doch herzensgut.
Johanna, wo sind denn Ihre süßen Mädchen? Ich sehe Sie immer mit dem Kinderwagen im Park!
Eine Nachbarin passt auf sie auf.
Aber das ist doch nicht richtig! Kinder brauchen ihre Mutter! Bringen Sie sie ruhig mit. Sie stören mich nicht, und ich bin sowieso selten zu Hause. Und Musik tut der Seele gut!
Im ersten Moment war Johanna verunsichert, aber merkte bald, dass Hannelore einfach Gesellschaft wollte; sie war trotz Ruhm, Publikum und Glanz allein. Eines Silvesterabends, nach zu viel Sekt, vertraute Hannelore ihr an: Nur Musik nie konnte ich alles haben. Bin kinderlos geblieben, und wer will schon eine Frau wie mich?
Aber eine Frau ist doch mehr als Kinder, oder? fragte Johanna vorsichtig.
Natürlich, aber Für mich bleibt nur noch Musik.
Hannelore schenkte ihren Kindern ihre ganze Zuneigung. Johanna, darf ich Taufpatin werden für Ihre Mädchen? Es ist zwar nicht mehr üblich, aber ich wünsche es mir!
Johanna willigte ein; sie merkte bald, dass das Hannelores Lebensglück war, mehr noch als das der Kinder.
Als die Zwillinge in die Musikschule durften, konnte Johanna endlich eine bessere Stelle annehmen. Doch Hannelore blieb stets Teil der Familie. Als sie schwer erkrankte, pflegte Johanna sie hingebungsvoll, half so, wie Hannelore einst ihr half. Die Mädchen kamen nach der Schule, machten sauber, brachten Suppe.
Bitte, noch einen Löffel, Hannelore! Das ist Mamas Beste!
Ich kann nicht, Mariechen. Spielt mir lieber was vor. Eure Musik tut mir besser als Essen.
Und so starb Hannelore eines Nachts friedlich. Johanna fand sie morgens im Schlaf wieder wunderschön und streng, wie einst. Nicht verhärmt, nicht abgemagert sondern stolz und aufrecht, wie früher nach Auftritten, wenn sie am Flügel den perfekten Ton traf und sang, so dass allen das Herz aufging.
Nach Hannelores Tod zogen Johanna und die Mädchen in die vererbte Wohnung; das Testament überraschte Johanna: alles an die Zwillinge. Der Notar erklärte: Sie schenkte Ihnen das, weil Sie ihr eine Illusion von Familie gaben. Sagen Sie einfach Danke. Das hätte Hannelore sich gewünscht.
Danke
Die Jahre vergingen. Die Zwillinge Marie und Katja, nahmen nicht die Musik als Beruf, sondern studierten und heirateten, bekamen eigene Kinder. Johanna pendelte von Ort zu Ort, wurde doppelt Oma in einem Jahr. Aber bei Katja rieb sich in der Ehe manches auf; ihr Mann Arnd war zurückhaltend, durchsetzungsarm, konnte Katja wenig bieten außer Geduld. Sie wohnten bei der Schwiegermutter das führte zu Spannungen. Nach langem Grübeln schlug Johanna vor: Kommt nach München, zieht in Hannelores Wohnung. Ihr braucht Ruhe, sonst zerbricht die Familie.
Ute, Katjas Älteste, erinnert sich noch genau, wie sie als Fünfjährige fassungslos vor Hannelores Flügel stand. Während die Erwachsenen die Kisten auspackten, hob sie heimlich den Deckel, tippte vorsichtig auf die Tasten erst eine Note, dann mehrere. Kein richtiges Lied, aber Ute war sofort verzaubert.
Ute! Mutters Ruf erschreckte sie; der Deckel fiel auf die Finger. Ute heulte los nicht nur vor Schmerz, auch weil ihr der Zugang zur Musik verwehrt blieb. Katja war vielmehr auf die kleine Schwester fixiert, nach Lenis Geburt war Ute die Überflüssige. Immer wieder fragte sie: Oma, liebt Mama mich überhaupt noch?
Natürlich, mein Schatz! sagte Johanna und nahm sie mit ins Sommerhaus. Lea ist noch klein, sie braucht Mama gerade mehr.
Ute verstand schnell, dass Lea nicht ihr den Platz streitig machte nur dass Leas Platz von Anfang an größer war. Sie lernte gut, malte, turnte, aber die Mutter lobte nur zerstreut: Fein gemacht.
Als Lea älter wurde, verschärfte sich das Missverhältnis. Nun war Katja nur noch begeistert von ihr: Stell dir vor, sie liest mit sechs! Ute konnte das erst mit fünf… Aber jetzt ist Lea schon in der Musikschule! Was für ein Gehör sie hat!
Großmutter Johanna tat alles, um das Band zwischen den Schwestern nicht abreißen zu lassen. Doch als Marie nach vielen Jahren aus Hamburg zurückkehren wollte, kam es zum Eklat. Hier bin ich, Mama ist hier, und du? Jetzt soll ich weichen? Katja mochte den Gedanken nicht, die Wohnung teilen zu müssen.
Was willst du denn sagen, Katja?, mischte Ute sich ein. Mamas Wohnung war Hannelores Vermächtnis an euch beide.
Als der Austausch zu hitzig wurde, rief Katja entrüstet: Du hältst zu ihr! Wenn du mal heiratest, kommst du zurück zu Mama, was?! Misch dich nicht ein!
Katja gab irgendwann nach. Die Wohnung wurde verkauft, das Sommerhaus blieb gemeinsamer Besitz. Johanna genoss ihre Enkelinnen: Ute und Lea von Katja, Nina und Pauline von Marie.
Ich bin wie eine Henne, die alle Küken unter den Flügel nimmt, lachte Johanna oft, wenn die Mädchen sie gleichzeitig umarmten.
Doch eines Herbsttags kam alles anders. Johanna räumte das Sommerhaus für den Winter, als ein Ast vom alten Walnussbaum herabstürzte. Sie wurde erst spät gefunden und starb am nächsten Tag in der Klinik.
Die Familie war fassungslos. Niemand konnte mehr ihre Kuchenkunst oder weisen Sprüche ersetzen.
Halbes Jahr nach Johannas Tod verließ Arnd Katja. Es geht nicht mehr. Ich werde euch weiter unterstützen, aber ich halte es nicht mehr aus.
Du hast eine andere!
Nein, Katja. Es liegt nicht an einer anderen.
Katja gab allen anderen die Schuld. Sogar ihre Lieblingstochter Lea bekam ihr Fett weg.
Ihr dürft euren Vater nicht mehr sehen!
Merkst du, was du da sagst, Mama? Ute stand fassungslos vor ihr. Wir sind erwachsen, und du glaubst, uns herumkommandieren zu können? Ich werde Papa weiterhin sehen. Und wenn du ein Problem hast, dann sag ich mal für eine Weile gar nichts zu dir!
Katja wollte sie zur Raison rufen, doch da stand auch Lea neben Ute und beide zogen dieselbe wütende Stirn Katja ließ ab. Lea wollte sie um jeden Preis nicht verlieren.
Mit der Zeit beruhigte sich alles. Katjas größte Sorge war nun: Wie kann ich Lea bei mir halten?
Gefunden!, klang es dumpf von oben, doch Ute hatte es gehört.
Die Kupferschüssel, wirklich?
Ja! Ich steige jetzt vorsichtig runter. Dann kannst du Marmelade kochen!
Ute rief erschrocken: Vorsicht, Lea! Nicht stürzen, bitte!
Ich bin doch keine Schnellfahrerin!, lachte Lea und stieg sorgfältig die wackelige Dachbodenleiter hinab, total eingestaubt. Hier! Jetzt aber erstmal abwaschen. Danach schicke ich die Mädels auf den Dachboden, wenn sie kommen. Die sollen den Kram mal richtig aufräumen!
Stunden später saßen die beiden Schwestern in der Küche beim Tee. Die alte Kupferschüssel glänzte auf dem Tisch, voll Kirschmarmelade, deren Duft das ganze Sommerhaus durchzog so intensiv, dass Felix beleidigt zum Dösen auf die Veranda verschwand. Wenns wenigstens Mamas Ragout wäre! Aber Marmelade!?
Weißt du noch, wie Mama früher Marmelade eingekocht hat? Meterweise Gläser standen im Regal!
Klar, Papa liebte Kirschmarmelade. Löffelweise hat er sie gegessen.
Mama hat sich immer geärgert…
Sie mochte es nicht, wenn er direkt aus dem Glas gegessen hat… Immer sagte sie: Du bist nicht alleine!
Hat sie gesagt… Aber am Ende hat sie alles getan, damit sie alleine war.
Na ja, hat ja nicht geklappt, Ute! Uns hat Papa trotzdem.
Mama aber nur uns. Mit Marie hat sie sich total zerstritten, die Enkel will sie nicht mal sehen. Sogar Freundinnen hat sie vergrault. Warum nur, Lea?
Ach, wer weiß seufzte Lea und goss Tee nach. Verstanden hab ich Mama eh nie.
Komisch… Sie war doch sicher, du seist die Einzige, die sie richtig versteht!
Papperlapapp. Ich konnte nie nachvollziehen, warum sie immer sagte: Lea, schau nicht zu Ute, sie ist nicht deine Freundin! Wer denn sonst?
Vielleicht Eifersucht?
Kindisch sowas!
Weißt du noch, wie du mir immer die Spielsachen heimlich zurückgebracht hast, die Mama mir abgenommen und dir gegeben hat?
Sie meinte ja immer, du wärst groß und bräuchtest sie nicht mehr! Lea musste lachen. Aber nur, weil sie dachte, sie sind dann wirklich meine Dabei waren es immer deine: die Puppe und der alte Teddy.
Und weißt du noch, wie sie dich immer rausgeschickt hat, wenn ich für die Musikschule übte?
Ute stemmte die Hände in die Hüfte und ahmte Katjas Tonfall nach: Ute, raus jetzt, du störst! Lea, Schätzchen, übe schön!
Ja! Aber sie hat nie durchschaut, dass du mir auf dem Klavier alles beigebracht hast. Immer zusammen haben wir geübt!
Du warst immer besser am Klavier als ich.
Bloß nicht!, winkte Ute ab, aber das Lob gefiel ihr sichtlich.
Schade, dass aus dem Musikstudium nichts geworden ist.
Naja, Zahlen sind eigentlich auch Musik. Wenn ich bei der Steuer meinen Jahresabschluss mache pure Sinfonie!
Sie lachten, dann wurde Lea wieder ernst: Denkst du, Zina hat recht? Sie meint ja, was vergangen ist, ist vorbei besser einmal Frieden, als ein Leben lang Groll.
Ute schwieg, verrückte die Tassen, rückte an der Bonbonniere.
Wahrscheinlich hat sie recht. Früher hätte ich anders geantwortet, aber inzwischen… Die Zeit rast, und bald kann man gar nicht mehr Entschuldigung sagen.
Hast du selbst drauf gekommen?
Ute schüttelte den Kopf: Das hat mir Oma Johanna beigebracht. Sie sagte immer: Familie ist das Wertvollste, egal, wie sie einen lieben. Und selbst wenn sie dich nicht so lieben, wie dus dir wünschst verbietet dir jemand, sie so zu lieben, wie du möchtest?
So machts Zina auch.
Vielleicht kapiert Mama das irgendwann auch noch.
Plötzlich fuhr Ute zusammen. Du lieber Himmel! Wir vertrödeln hier die ganze Zeit, die Familie kommt bald! Los, du machst Kartoffelsalat, ich backe Brötchen!
Am späten Nachmittag hielt ein Van am Gartentor Maries Schwiegersohn am Steuer und eine Schar tobender Kinder stürmte heraus.
Omaaaaaa! Der Ruf schallte durch den Kirschgarten, und Felix sprang erschrocken in die Büsche. Er kannte das schon: Da waren Maries Urenkel, Utes Enkelinnen, und auch Leas kleiner Enkel. Er verzog sich und beobachtete von dort, wie auf der Veranda alle Lampen angingen und sich die Kinder um den großen alten Tisch drängten. Jeder bekam seine Lieblingstasse, die nur bei Familienbesuch aus dem Schrank kam. Ute brachte die Schüssel mit Marmelade. Ein sicheres Zeichen: Morgen würde nichts mehr fürs Einkochen übrig bleiben alles wurde noch heute verputzt. Und die Kirschkerne flogen im Geheimen handgeschickt in die Büsche. Falls ein Erwachsener es sah, gabs große, unschuldige Kinderaugen und das altbekannte: Da wächst später ein Baum, dann können wir auch Marmelade kochen! Stimmts, Oma?
Später zerstreuten sich alle im Haus. Niemand ging schlafen, sie saßen noch ewig auf den Stufen der Veranda, sangen leise, bis die Kleinsten auf den Schoß einschliefen. Dann schlich Felix aus seinem Versteck, tappte ins Haus und legte sich zu den Kindern. Eine kleine Hand tätschelte ihn im Halbschlaf, fingerte sich in sein Fell. Leise schnurrte er, verscheuchte böse Träume und schlief selbst ein das Herzensglück der Familie als sanftes, warmes Wispern in der Sommernacht.




