Mit dir bin ich alt
Das Gespräch über die Scheidung fand nicht an jenem Abend statt, als Viktor zum ersten Mal sagte, alles ist anders geworden, und auch nicht, als Larissa das Handy aus der Tasche seines Sakkos fischte und Nachrichten entdeckte, bei denen ihr der Atem stockte. Das Gespräch kam an einem ganz gewöhnlichen Februarmorgen. Beide saßen beim Frühstück in der Küche, und er sagte, ohne aufzusehen:
Larissa, wir müssen ernsthaft reden.
Dann red doch.
Ich will mich scheiden lassen.
Larissa stellte die Tasse ab. Ganz leise, ohne einen Laut, als hätte sie Angst, etwas Zerbrechliches in der Luft zu zerstören.
Du hast dich schon entschieden?
Ich habe mich entschieden.
Sie schaute ihn an. Viktor saß ihr gegenüber, silbergraue Schläfen, der blaue Pullover, den sie ihm zum letzten Geburtstag gekauft hatte. Er blickte nicht zu ihr, sondern studierte das Muster der Tischdecke.
Wegen Nadine?
Larissa, lass uns keine Namen nennen.
Warum nicht? Willst du ihren Namen nicht aussprechen oder so tun, als gäbe es sie nicht?
Endlich hob Viktor den Blick. Dieses bestimmte Gesicht, das Larissa nach fünfundzwanzig Jahren lesen konnte: Er hatte entschieden, wollte aber, dass es ihr leichter fiel.
Ich bin müde, Larissa. Uns beiden geht es in den letzten Jahren nicht gut.
Wem nicht gut? Mir?
Uns beiden.
Sprich nur für dich. Wenn es dir schlecht geht, sag es für dich selbst.
Er atmete auf, ließ sich zurückfallen.
Ich will keinen Krach. Ich möchte, dass wir uns wie Erwachsene trennen.
Und was machen Erwachsene deiner Meinung nach? Nicken einfach?
Larissa…
Viktor. Wir haben fünfundzwanzig Jahre zusammen gelebt. Weißt du noch, wie wir damals bei Frau Ziegler in Schwabing das Zimmer gemietet hatten, wo im Winter die Fenster gefroren waren? Weißt du noch, wie ich mit dir zu den Gläubigern gegangen bin, als du die erste Werkstatt gegründet hast? Wie ich nachts die Buchführung gemacht habe, während du geschlafen hast? Weißt du das noch?
Ich weiß es. Ich bin dir für alles dankbar.
Ich verlange keine Dankbarkeit! Ihre Stimme schwankte, aber sie hielt sich. Ich will eine Erklärung. Du tauschst mich gegen ein Mädchen ein, das sechsundzwanzig ist. Die als Empfangsdame arbeitet. Die keine Ahnung hat, was es gekostet hat, das aufzubauen, was du jetzt nutzt.
Es geht nicht um das Alter.
Worum dann?
Wieder starrte er in seine Tasse. Es wurde still.
Mit dir fühle ich mich alt, sagte er dann leise.
Larissa blickte lange auf ihn. Dann stand sie auf, spülte ihre Tasse, trocknete sich die Hände am Handtuch ab. Sie tat alles langsam, sorgfältig, als wäre jede Bewegung wichtig.
Du bist achtundvierzig, Viktor. Du BIST nicht mehr jung. Dafür kann ich nichts.
Sie verließ die Küche. Er blieb allein zurück.
So endeten fünfundzwanzig Jahre. Kein Geschrei, kein Streit, kein Geschirr, das zu Bruch ging, obwohl Larissa das früher manchmal wollte. Es endete an einem ruhigen Februarmorgen, mit einer Tasse Tee und diesem einen Satz, dass er sich mit ihr alt fühlte.
Die Scheidung ging schnell, ohne großes Hin und Her. Kinder hatten sie keine: Erst klappte es nicht, dann lebten beide mit diesem Umstand, füllten die Leere mit Arbeit, gemeinsamen Projekten, fremden Sorgen. Das Vermögen wurde über Anwälte geregelt, Viktor bot ihr von sich aus die Wohnung in der Leopoldstraße an, die sie sieben Jahre zuvor als Backup gekauft hatten drei Zimmer und die Hälfte der Guthaben. Er hielt das für großzügig. Vielleicht war es das sogar. Larissa nahm es ohne zu feilschen an. Ihr Anwalt versuchte noch, nachzuverhandeln, doch sie sagte: Das reicht.
Für Viktor war das Zeichen genug, dass alles zivilisiert gelaufen war. Dass er alles richtig gemacht hatte.
Nadine zog im März ins Haus am Starnberger See ein. Im April flogen sie zusammen nach Dubai. Viktor machte Fotos von ihr vor dem Meer, sie postete sie mit Geotags. Viktor schaute sich die Bilder an und dachte: Das ist sie, die neue Zeit. Alles glänzte, alles schien an seinem Platz.
Nadine war schön. Ein schlichtes Wort, aber genau so treffend wie bei einer Werbefläche: Prägnant, auffällig, aber innen ganz leer. Ein großes, gefärbtes Blond mit diesem besonderen Talent, sich so zu kleiden, wie es weniger mit Geschmack, mehr mit Geld zu tun hat, und den Kopf immer leicht in den Nacken gelegt, als stünde sie auf einem Laufsteg. Sie gehörte zu denen, die einen Raum so betreten können, dass alle hinschauen. Anfangs hielt Viktor das für eine Tugend.
Seine Leute in den AutoService-Ortmann-Werkstätten reagierten unterschiedlich auf sie. Die Mitarbeiter lächelten sie an und tauschten Blicke, sobald sie den Rücken wandte. Sein alter Partner, Dieter Salinger, gab ihr beim ersten Kennenlernen zwar die Hand, zog Viktor dann aber zur Seite:
Hübsch ist sie. Pass auf dich auf.
Was meinst du?
Nichts. Du bist alt genug.
Viktor dachte damals, Dieter sei nur neidisch. Die Leute sind eben immer neidisch, wenn jemand sein Leben ändert, so erklärte er es sich.
Das Klassentreffen war für Ende Mai angesetzt. Alle fünf Jahre trafen sie sich. Diesmal organisierte es Gernot Ruschke, inzwischen Inhaber einer Kanzlei am Marienplatz und ein Freund von großem Auftritt. Restaurant Bayerischer Hof, zwölf Tische, Live-Musik, Menü vorab bezahlt.
Viktor beschloss sofort, Nadine mitzunehmen. Er überlegte sich schon im Voraus, wie sie gemeinsam auftauchen würden, wie die alten Kommilitonen sie ansehen würden, manche, die ihm nie besonders gewogen waren, vielleicht sogar so etwas wie Respekt empfinden würden. Es war kleinlich, und er wusste es, aber der Gedanke wärmte.
Nadine sagte nicht sofort zu.
Was sind das für Leute?
Früher Kommilitonen. Wir haben vor fünfundzwanzig Jahren zusammen studiert.
Haben die Geld?
Manche ja, manche nicht.
Langweilig, alte Leute.
Wir sind achtundvierzig, Nadine. So alt ist das nicht.
Für dich vielleicht nicht. Ich mag andere Kreise.
Er kaufte ihr an jenem Abend ein Kleid aus einer Boutique am Maximiliansplatz: dunkelblau, bodenlang, mit offenem Rücken. Teuer. Sie probierte es an, drehte sich vor dem Spiegel, sagte geht schon und hängte es in den Schrank. Viktor nahm das als Zustimmung.
Sie kamen um acht im Bayerischen Hof an. Der Saal war schon laut. Viktor sah Gernot, der rundlich und kahl geworden war, und Michael Thürmer mit Frau Sabine, eine Frau mit ruhigem Wesen, Freundlichkeit und ernstem Gesichtsausdruck. Er sah auch Ingo Pollak, inzwischen Dozent an der Uni und immer noch so angezogen wie vor zwanzig Jahren, als wollte er demonstrieren, dass die Zeit ihm nichts anhaben kann. Auch Irene Grabowski kam dazu, jetzt Frau Dr. Graf, mit Ehemann Klaus. Irene war schön älter geworden, mit jener Würde, die manche Frauen entwickeln, wenn sie aufgehört haben, gegen das Alter zu kämpfen.
Als Viktor mit Nadine eintrat, entstand eine kurze, fast unsichtbare Gesprächspause, die er aber sofort spürte. Gernot warf sich ihm entgegen, klopfte ihm auf die Schulter:
Viktor! Tolle Überraschung. Stell dir mal vor!
Das ist Nadine, sagte Viktor, und seine Stimme war fast stolz.
Nadine schenkte allen ihr typisches Lächeln: Zähne, Lippen vor, der Blick glitt umher, ohne jemanden konkret anzusehen. Die Jüngste und am besten Gekleidete im Raum und das wusste sie.
Sie setzten sich an den Tisch. Viktor saß neben Sabine, Michaels Frau. Kaum dass sie Platz genommen hatten, fragte Sabine nach Larissa, ohne zu bedenken, dass man das vielleicht nicht fragen sollte:
Ist Larissa nicht da? Wir haben uns so lange nicht gesehen. Ich hab sie letztes Jahr angerufen, da sagte sie…
Wir sind geschieden, sagte Viktor kurz.
Sabine schwieg. Blickte auf Nadine. Die war gerade am Handy, stellte es senkrecht auf, wie sie es überall machte.
Verstehe, sagte Sabine dann ruhig, und Viktor wusste nicht, was sie damit meinte.
Das Dinner verlief wie üblich. Gespräche über Kinder, über die Arbeit, einer prahlte mit seinem Wochenendhaus, ein anderer klagte über die Gesundheit. Gernot schwärmte von einem neuen Projekt, gestikulierte wild. Ingo stritt mit ihm über Bildung, beide waren Feuer und Flamme. Viktor hörte zu, nickte, füllte sich Wein nach.
Nadine langweilte sich. Man konnte es sehen, wie man Müdigkeit sieht, wenn jemand stundenlang stehen muss. Sie saß aufrecht, hübsch in ihrem Kleid, scrollte durch das Handy. Ab und zu likte sie etwas. Einmal fotografierte sie sogar ihr Essen für Instagram.
Irene setzte sich zu ihr, versuchte ins Gespräch zu kommen:
Nadine, wo arbeiten Sie denn?
Im Autohaus. Früher als Empfangsdame. Im Moment gar nicht.
Ach so. Und wie lange kennen Sie Viktor schon?
Seit letztem Herbst.
Schön, sagte Irene in dem Ton, in dem man etwas sagt, wenn einem nichts einfällt.
Nadine nickte und widmete sich wieder ihrem Handy.
Dann gab es den Moment, den Viktor nicht vergaß. Michael Thürmer, gutmütig und ein wenig angetrunken, fragte Nadine nach dem Stadtviertel, in dem sie wohnte. Nadine antwortete, fragte dann unvermittelt:
Wie viele Quadratmeter hat Ihre Wohnung?
Michael war erstaunt. Hakte nach.
Ihre Wohnung. Wie viel?
Hundertzwanzig, sagte Michael nach einem Moment. Warum?
Einfach nur interessiert, sagte Nadine und zuckte mit den Schultern.
Viktor tat so, als hätte er es nicht gehört. Aber natürlich hatte er es gehört. Und gesehen, wie Sabine, die das auch hörte, die Augen schloss und sich langsam abwandte, als wollte sie eigentlich woanders sein.
Später verließ Irene den Raum, Sabine folgte ihr. Viktor ging in dem Moment auch hinaus zum Rauchen und hörte im Flur ein Stück ihres Gesprächs. Nicht mit Absicht.
…es ist trotzdem schade um ihn, sagte Irene.
Wäre besser, wenn er sich selbst bemitleiden würde, erwiderte Sabine. Larissa hat so viel mitgemacht. Weißt du noch, wie sie ihm die ganze Zeit beigestanden hat, als es mit der Werkstatt so schwierig war? Sie hat nachts kein Auge zugemacht.
Ich weiß noch. Und wie gehts ihr jetzt?
Hab letzte Woche mit ihr telefoniert. Sagt, es geht gut. Sie besucht ihre Schwester in Spanien. Sie meinte, sie hat abgenommen. Lacht wieder.
Na, Gott sei Dank.
Ja, Gott sei Dank, sagte Sabine.
Viktor kehrte an den Tisch zurück und schenkte sich mehr Wein ein. Nadine schrieb gerade jemandem und lächelte auf ihr Handy. Er schaute sie an und dachte: Sie ist schön. Ja, schön. Und weiter?
Gegen elf war der Abend vorbei. Gernot hob das Glas auf die Freundschaft, die nie rostet. Alle prosteten. Es wurden Fotos gemacht. Man verabschiedete sich mit Lärm, Umarmungen und dem Versprechen, sich nicht aus den Augen zu verlieren.
Im Auto sagte Nadine:
War so langweilig. Deine Freunde wirken, als wären sie aus einer anderen Zeit.
Das sind ganz normale Leute.
Normale. Aber nicht meine.
Du warst den ganzen Abend am Handy, sagte Viktor und erschrak selbst über die Offenheit.
Ich habe mich halt gelangweilt.
Du hast es nicht mal versucht.
Viktor, ich bin nicht verpflichtet, deine alten Bekannten zu entertainen. Du wolltest, dass ich mitkomme. Ich war da. Habe gelächelt.
Er schwieg. In der Sache hatte sie recht, im Kern nicht, aber Worte dafür fand er nicht. Sie stiegen in den schwarzen SUV Falke, den Viktor sich vor zwei Jahren gekauft hatte und auf den er stolz war. Nadine schnallte sich an und holte ihr Handy hervor.
Sie fuhren schweigend.
Außerhalb der Stadt wurde die Straße dunkler und schmaler. Viktor schaltete das Fernlicht ein. Es war fast Mitternacht, kaum Verkehr, nur selten begegneten sie Lkw. Seine Gedanken kreisten um das Gespräch von Irene und Sabine. Um das tut mir leid. Um Larissa, die irgendwo in Spanien lachte. Um Nadines Frage nach Quadratmetern.
Nadine sprach irgendetwas. Er hörte nicht zu.
Viktor.
Was?
Hörst du mir überhaupt zu?
Ich höre.
Ich sagte, wir sollten morgen ins Einkaufszentrum Isarpark fahren. Ich brauche Sommerschuhe.
Gut.
Und übrigens: Rita hat nächste Woche Geburtstag, sie will uns beide einladen…
Was als nächstes passierte, kam zu schnell. Aus der Kurve, auf ihrer Spur, kam plötzlich ein Lkw. Viktor sah die Scheinwerfer. Er riss das Lenkrad nach rechts, doch dort endete die Fahrbahn in einer Böschung, der Falke prallte seitlich dagegen, drehte sich und wurde schließlich frontal getroffen. Der Aufprall presste ihm die Luft ab das Letzte, was er fühlte, war Schmerz in der linken Schulter und das Dunkel, das sich wie dicker Winternebel um ihn legte.
Dann war nichts mehr. Absolut nichts.
Die Intensivstation roch nach Desinfektionsmittel und etwas streng Medizinischem, ein Geruch, der bleibt. Viktor kam nicht sofort, nicht ganz zu sich. Erst spürte er Gewicht. Der Körper war fremd, schwer, wie aus Ton geformt. Der linke Arm bewegte sich nicht. Erst da merkte er: Gips. Schmerz überall, aber wie durch Watte, das Schmerzmittel wirkte.
Über ihm beugte sich eine Schwester in blauer Haube.
Herr Ortmann? Können Sie mich hören?
Ja, seine eigene Stimme kam ihm fremd vor.
Gut. Bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind in Sicherheit.
Was… Unfall?
Ja. Bleiben Sie ruhig.
Nadine, sagte er. Die Frau, die bei mir war…
Ihr geht es gut, sagte die Schwester. Nur Prellungen. Sie ist schon entlassen.
Entlassen.
Ja. Schon vor ein paar Tagen.
Vor ein paar Tagen?
Sie waren drei Tage bewusstlos, Herr Ortmann.
Drei Tage. Er konnte das kaum begreifen. Er lag also hier, während Nadine schon wieder zu Hause war. Also war sie da gewesen. Sie hatte sicher gewartet, angerufen, sich gesorgt. Sicher.
War sie denn da? fragte er.
Die Schwester zögerte.
Ich frage gleich mal nach, sagte sie und ging.
Was sie nachfragen wollte, war eigentlich klar. Nadine war nicht gekommen. Das war Viktor schon vorher klar, noch bevor sie mit einer ausweichenden Antwort zurückkam. Viktor war alt genug, um das zu verstehen.
Tags darauf kam er auf die Normalstation. Trümmerbruch der linken Schulter, zwei gebrochene Rippen, Riss des rechten Schulterblatts, Gehirnerschütterung, Weichteilverletzungen. Ernst, aber nicht lebensgefährlich. Der junge Stationsarzt, sichtlich erschöpft, meinte: Ein Monat mindestens, dann Physiotherapie. Viktor nickte.
Im Zimmer standen vier Betten, aber nur einer war belegt: ein älterer Herr mit Gipsbein, der meist schlief. Stille. Fast unerträglich still.
Sein Handy fand sich im Nachttisch. Jemand hatte es mitgebracht. Kein Ladegerät, aber die Schwester besorgte eins. Viktor lag und wartete auf Anrufe. Er wartete darauf, dass Nadine anrief. Später auf Gernot oder Michael, die mussten doch von dem Unfall wissen. Keiner rief an. Das Handy lag stumm auf dem Tisch.
Abends brachte man ihm das Ladekabel. Das Handy erwachte. Immerhin: Drei Nachrichten von Gernot Ruschke einmal Hab von dem Unfall gehört, hoffe du bist okay, dann Meld dich, sobald du kannst und später Wie siehts denn nun aus? Sonst nichts.
Keine Nachricht von Nadine. Keine.
Viktor wählte ihre Nummer. Langes Tuten. Wieder und wieder. Am Ende die Mailbox. Er legte auf. Versuchte es noch eine Stunde später. Wieder nichts.
Er lag im Krankenbett, starrte an die Decke, und der immer gleiche, dumme Gedanke kreiste: Warum geht sie nicht ran? Vielleicht ist ihr Handy leer. Vielleicht ist sie weg. Vielleicht…
Er wusste, dass dieses vielleicht zu nichts führte. Er wollte nur das andere nicht wissen.
Am dritten Tag abends, der Zimmernachbar schlief schon, öffnete sich die Tür. Viktor erwartete die Schwester aber Larissa kam herein.
Sie trat leise ein, wie immer. Sie trug eine Thermoskanne und eine Tasche mit Sachen. Schlicht angezogen: dunkle Jeans, hellen Pullover, die Haare zusammen. Aber etwas war anders. Erst nach Minuten begriff Viktor: Sie wirkte erholt. Nicht auf jugendliche Art, sondern wie jemand, der einen schweren Koffer endlich abgestellt hat.
Hallo, sagte sie.
Larissa, sagte er. Das war alles, was er herausbrachte.
Sie setzte sich, stellte die Tasche ab, goss aus dem Thermoskanne Suppe in einen Becher, Dampf stieg auf, der Duft von Hausmannskost, wie Viktor ihn seit Monaten nicht gerochen hatte.
Trink. Das brauchst du.
Larissa, warum bist du gekommen?
Ich hab dir Sachen gebracht. Konrad von der Werkstatt hat angerufen, dass du im Krankenhaus bist. Sie haben mich informiert. Also habe ich dir Wechselkleidung, Ladegerät, alles Notwendige mitgebracht.
Du hast in der Werkstatt angerufen?
Sie haben mich angerufen.
Er trank den heißen, salzigen, echten Sud.
Larissa…
Nein, Viktor.
Ich wollte nur…
Ich sagte: Lass es. Fang nicht damit an.
Ich möchte Danke sagen.
Sie sah ihn an. Wartete.
Wofür?
Für alles.
Nadine… Sie ist kein einziges Mal gekommen. Ich rufe an, sie geht nicht ran.
Ich weiß.
Woher?
Larissa verschränkte die Hände im Schoß. Sprach ruhig, ganz sachlich, wie jemand, der Schlimmes schon lange für sich geordnet hat.
Ich habe Gerüchte gehört. Dein Partner Konrad hat mich angerufen und erzählt. Viktor, weißt du eigentlich noch, dass du vor kurzem eine Vollmacht unterschrieben hast? Für die Vermögensverwaltung?
Ein kalter Schauer lief Viktor über den Rücken.
Was?
Vor etwa einem Monat. Erinnerst du dich?
Er erinnerte sich. Nadine hatte die Papiere gebracht, meinte, das sei eine Standardvollmacht für Notfälle, der Notar habe geraten, das vorsorglich so zu regeln. Er hatte unterschrieben, war abgelenkt, in Eile, vertraute ihr.
Ich erinnere mich, sagte er leise.
Konrad sagt, dein Falke ist bereits verkauft. Per Vollmacht.
Viktor schwieg.
Die Schweizer Uhrensammlung alles weg. Konrad hat mit der Buchhalterin die Unterlagen gecheckt, auch das Landhaus in Bad Tölz, da wurde ein Gutachten beauftragt.
Wie… das kann sie doch nicht… Das sind meine Vermögenswerte…
Du hast die Vollmacht unterschrieben, sagte Larissa ruhig.
Er schloss die Augen. Die Decke drückte.
Mit wem? Sie kann das nicht allein…
Keine Ahnung, mit wem. Ist auch nicht meine Sache. Ich sage nur das, was ich weiß. Den Rest musst du selber klären.
Larissa, sagte er. Es tut mir leid.
Sie antwortete nicht sofort, sah aus dem Fenster in die bereits komplett dunkle Nacht.
Wofür genau möchtest du dich entschuldigen?
Für alles. Dafür, dass ich gegangen bin, wie ich gegangen bin. Dafür, dass ich dir gesagt habe, mit dir fühle ich mich alt. Das… hätte ich nicht sagen dürfen.
Nein, das hättest du wirklich nicht.
Larissa, du weißt doch, dass du… Dass alles, was ich habe…
Viktor. Sie sah ihn an, mit dem Blick eines Menschen, der schon getrauert hat. Du entschuldigst dich, weil es dir jetzt schlecht geht, nicht weil du es wirklich verstanden hast. Das ist nicht dasselbe.
Er wollte widersprechen. Fand keine Worte.
Ich bin nicht mehr böse, sagte sie ruhig. Wirklich nicht. Ich war lange wütend. Dann war ich müde. Jetzt ist es vorbei. Mir geht es gut, und ich will das nicht wieder aufreißen.
Du siehst gut aus, sagte er.
Danke.
Du bist… wirklich anders jetzt.
Ich bin nur ich selbst geworden. Mehr ist das nicht.
Stille. Der Nachbar drehte sich im Schlaf und murmelte etwas.
Konrad meinte, du brauchst schnell einen Anwalt, sagte Larissa und stand auf. Die Vollmacht kann man anfechten, aber man muss schnell sein. Er wollte dich morgen besuchen, sag den Schwestern, sie sollen ihn reinlassen.
Gut.
Ich stell dir das Handy auf die Ladestation. Im Beutel ist das Ladegerät, Wechselkleidung, Zahnbürste, alles Wichtige.
Larissa.
Was?
Kommst du nochmal?
Sie blieb an der Tür stehen, überlegte ehrlich, ohne Kitsch.
Nein, Viktor. Wahrscheinlich nicht. Ich bin im Grunde gekommen, um mich zu verabschieden. Ich fliege bald weg. Zu meiner Schwester nach Spanien.
Lange?
Weiß nicht. Vielleicht sogar für immer. Ich schaue mal.
Fährst du allein?
Larissa schmunzelte, nicht spöttisch, sondern offen, wie Menschen bei naiver Frage.
Ich bin erwachsen, Viktor. Schaff das schon allein.
Ich hab gehört, du hast wen kennengelernt. Gernot hat…
Gernot sollte manchmal weniger reden, sagte sie ruhig. Ja, stimmt. Aber das geht dich nichts an, ehrlich gesagt.
Ich verstehe.
Gut so.
Sie griff zur Türklinke.
Werd gesund, Viktor. Wirklich. Komm wieder auf die Beine, klär das mit der Vollmacht. Du hast dein Geschäft, Konrad, Leute, die dich schätzen. Lass dich nicht hängen.
Larissa.
Sie sah zurück.
Ich liebe dich. Ich wollte, dass du das weißt.
Eine lange Pause.
Ich weiß, Viktor, sagte sie leise. Ich habe dich auch mal sehr geliebt. Das war echt. Das nimmt uns keiner. Aber das heißt nicht, dass es zurückgehen muss.
Sie ging. Die Tür schloss sich leise.
Viktor lag allein im Dunkeln. Hörte, wie der Nachbar leise atmete, wie draußen Schwestern miteinander redeten, aus der Ferne das Schlagen der Aufzugtür. Alles das schien ein anderes Leben zu sein, das einfach weiterging, ohne ihn.
Er griff nach seinem Handy. Wählte Nadines Nummer noch einmal. Tat es dann doch nicht. Stattdessen scrollte er durch alte Nachrichten. Alte Chats mit Nadine. Wieder und wieder.
Es war viel darin. Zu Beginn, als sie sich kennengelernt hatten, schickte sie verspielte, aufregende Nachrichten. Mit der Zeit wurden es Kürzel. Ok. Später. Bin um zehn da. Kann heut nicht. Zurück im Chatverlauf, im Dezember, im November. Dort waren schon Nachrichten, die er nicht sehen wollte: Längere Onlinepausen, Fragen nach Geld, beinahe in jedem Gespräch: Du hast doch einen neuen Ring versprochen, Wann fahren wir ans Meer, Ich brauche eine neue Tasche, Kannst du Geld auf mein Konto überweisen, ist mir unangenehm zu fragen.
Er erkannte sich selbst nicht in diesen Zeilen. Nicht sich als Schreiber, sondern als Leser, der das alles akzeptierte.
Dann fand er zufällig einen alten, nicht gelöschten Chat mit Rifat, der offenbar durch irgendeine Synchronisation erhalten geblieben war. Erst wusste er nicht, was das war, dann verstand er. Es war der Chat zweier Leute, die sich sehr gut kennen, nicht platonisch. Die Nachrichten begannen schon im Oktober letzten Jahres, als er mit Nadine bereits Monate zusammen war.
Er ahnt noch nichts.
Vollmacht unterschrieben?
Letzte Woche. Alles wie geplant.
Sehr gut.
Warte einfach ab. Nach einem Unfall oder wenn er lange weg ist, machen wir alles klar.
Viktor las es immer wieder. Langsam, als wolle er es nicht glauben. Dann legte er das Handy weg. Starrte an die Decke.
Kein Unfall war geplant. Der Unfall war Zufall. Alles andere war von Anfang an geplant oder zumindest fast. Und er, erfahrener Geschäftsmann, der Verträge verstehen konnte, hatte es nicht gemerkt. Oder wollte es nicht merken. Weil er glaubte, eine junge schöne Frau liebe ihn, nicht das, was er aufgebaut hatte mit Larissa.
Auf eine Jüngere setzen so sagt man über Männer wie ihn. Immer fand Viktor dieses Urteil vulgär, verletzend. Jetzt fand er: Es stimmt.
Er lag lange wach. Dachte an Larissa, die wohl jetzt auf dem Weg nach Hause war, vielleicht schon packte für Spanien. Dachte daran, wie sie auf sein Ich liebe dich nur Ich weiß geantwortet hatte. Kein ich dich auch, kein zu spät, kein warum sagst du das?. Nur ich weiß. In diesem Ich weiß lag alles: dass sie ihm glaubte und dass sie es nicht mehr brauchte.
Er dachte an das Klassentreffen, an Nadines Frage nach dem Wohnungsschnitt, an Sabines Blick, an seinen eigenen Beschluss damals, es nicht gehört zu haben. Bittere Erfahrung hat die unangenehme Eigenschaft, erst zu kommen, wenn es zu spät ist.
Im Beutel, den Larissa gebracht hatte, fand Viktor seine Sachen: frische Kleidung, Zahnbürste, ein Taschenbuch (sie wusste immer, dass er gern im Krankenhaus liest, schon seit seinem Blinddarm 2008). Und ganz unten, eingewickelt in ein Taschentuch, ein Foto.
Klein, glänzend, wie aus den Neunzigern. Er mit Larissa. Noch jung. Er vielleicht siebenundzwanzig, sie sechsundzwanzig. Draußen auf dem Land, an einem Sommertag, am Fluss. Er lacht, den Kopf zurückgeworfen. Sie schaut ihn an, mit einem Ausdruck, den er mitten in dieser Krankenhaustiefe nicht in Worte fassen konnte aber sofort erkannte: So sieht jemand aus, der wirklich liebt. Nicht verliebt, nicht begehren, sondern einfach liebt: ruhig, sicher, für immer.
Dem Bild lag ein gefalteter Zettel bei. Ihre Handschrift, sofort zu erkennen:
Das ist nicht meins. Das ist für dich zur Erinnerung. Werd wieder gesund. L.
Nichts weiter.
Viktor hielt Bild und Zettel und sagte kein Wort. Der Nachbar schlief. Draußen trommelte der leise Mai-Regen ans Fensterbrett gleichmäßig, geduldig.
Viktor Ortmann, achtundvierzig, Inhaber der Werkstattkette AutoService-Ortmann, lag im Krankenhaus mit zwei gebrochenen Rippen, gebrochener Schulter, Knochenriss und Gehirnerschütterung, und hielt ein zwanzig Jahre altes Foto in der Hand. Daneben stand die Thermoskanne mit Suppe, die die Frau gebracht hatte, die er verlassen hatte, weil er sich mit ihr alt fühlte.
Es lag darin eine bittere Ironie, die ihm erst jetzt vollkommen klar wurde.
Er dachte über Verrat nach seinen eigenen Verrat. Darüber, wie einfach es ist, seine Motive zu rechtfertigen: Man ist erschöpft, will etwas Neues. Als Entschuldigungen taugen diese Sätze nicht dafür gibt es keine Rechtfertigung.
Larissa ist gegangen. Nicht er hat sie verlassen. In Wahrheit hatte sie sich getrennt, nur auf ihre Weise: ruhig, ohne Rache, ohne all das, was er zerstört hatte. Sie begann ein neues Leben und fliegt jetzt nach Spanien. Sie lacht dort, sagt Sabine.
Er dachte über die Werte im Leben nach. Werte sind nicht irgendetwas Abstraktes sie sind das, was jeden Tag neben einem ist und, weil gewohnt, nicht mehr gesehen wird. Die Frau, die Nächte lang seine Buchführung machte. Die alle seine Sorgen und Ängste kannte, alle Gläubiger beim Namen. Die nie nach der Quadratmeterzahl anderer Leute fragte. Die ihm Suppe bringt, obwohl er ihr allen Grund gegeben hat, es nicht zu tun.
Beziehungen jenseits der Fünfundvierzig funktionieren anders. Fehler heilen nicht einfach so. Sie bleiben, prägen einen für immer. Man muss damit leben.
Das wusste er jetzt mit einer Klarheit, die nur nach echtem Schmerz kommt.
Um ein Uhr nachts versuchte er erneut Nadine anzurufen. Eine automatische Ansage. Er war nicht überrascht. Legte auf. Holte den Zettel mit Anwaltnummer heraus, die Larissa dagelassen hatte. Morgen würde Konrad kommen. Dann musste er sich um die Vollmacht kümmern, um den Falke, um die Uhren, das Haus. Es würde lange dauern, unangenehm werden erklären, wie das passieren konnte, wie er sich blenden ließ.
Aber er musste es tun.
Denn einfach liegen bleiben und nicht wieder aufstehen das konnte er sich aus bloßer Sturheit nicht erlauben. Er hatte eine Werkstatt damals im Chaos der Neunziger begonnen. Hatte mit Leuten verhandelt, die nicht verhandeln wollten. Er konnte das.
Die Wut kam. Langsam, wie die Wärme einer Heizung in kaltem Zimmer: Erst zart, dann stärker. Es war keine Wut nach außen, laut und zerstörerisch. Es war die nüchterne, produktive Wut auf sich selbst, die Kraft gibt. Wut darauf, sich so blind stellen zu wollen.
So drehte Viktor sich seitlich, so gut es mit seinen Rippen ging. Legte das Foto neben die Thermoskanne. Ein fröhlicher junger Viktor auf dem Bild; eine junge Larissa blickte ihn an.
Zu verstehen, dass die Liebe vorbei ist das eine. Zu verstehen, dass sie nicht vorbei war, er sie aber verraten hat, ist etwas ganz Anderes. Dieses Zweite heilt nicht mit irgendeiner jungen Frau, keinem teuren Auto, keinen Fotos am Meer.
Am Flughafen saß Larissa Ortmann, jetzt wieder Larissa Weber, am Gate mit kleinem Koffer. Ihr Flug war um vierzig Minuten verspätet, aber sie blieb ruhig. Sie holte sich Kaffee, schaute auf die Startbahn.
Sie war froh, dass sie Viktor besucht hatte. Nicht aus Pflichtgefühl oder Hoffnung. Sondern weil fünfundzwanzig Jahre zu wertvoll sind, um sie mitsamt dem Groll wegzuwerfen, und weil sie einfach so ist: Sie konnte nicht anders, als zu kommen, während er allein im Krankenhaus lag.
An das Foto dachte sie besonders. Sie hatte es drei Monate zuvor gefunden, beim Packen. Lang in der Hand gehalten. Dann beschlossen: Es soll bei ihm bleiben. Sie braucht es nicht. Sie hat das alles im Herzen, weiß es. Aber er hat es nun auf Papier falls er mal wirklich etwas Echtes will.
Ihr Handy vibrierte. Nachricht von Valentina: Sind schon unterwegs zum Flughafen! Antonio ist auch dabei, will dich endlich kennenlernen. Antonio. Larissa schmunzelte. Es war seltsam, aufregend und irgendwie unheimlich, aber gut. So ist es wohl: Mit siebenundvierzig, nach fünfundzwanzig Ehejahren, nach allem, ein neues Kapitel zu starten. Sie wusste noch nicht, wohin es führte, und sie fühlte keine Eile, es zu wissen.
So lange hatte ihr Leben zu jemand anderem gehört, nicht im negativen Sinne, sondern einfach, weil es sich so ergab: seine Sorgen, sein Geschäft, seine Ängste, seine Pläne. Sie war da, sie liebte das, sie bereute es nicht. Aber nun ist es ihr Leben. Ihre Zeit, ihr Koffer, ihr Kaffee, ihr Flug, ihr Spanien, ihre Valentina, ihr neuer, unbekannter Antonio.
Beziehungen jenseits der Fünfundvierzig, die neu anfangen, sind anders als mit Zwanzig. Keine Hektik, nichts muss sofort entschieden sein. Da ist ein ruhiges Interesse an dem, was kommt. Nicht mehr, nicht weniger.
Boarding für ihren Flug wurde aufgerufen. Larissa trank den Kaffee aus, warf den Becher weg, nahm den Koffer. In der Schlange am Gate standen Junge mit Rucksack, Ältere mit schwerem Gepäck, Familien mit Kindern. Sie reihte sich ein.
Draußen rollte das Flugzeug auf die Bahn. Die Sonne spiegelte sich auf dem Asphalt.
Larissa dachte: Wie gut, dass ich nicht mehr böse bin. Wut auf einen Mann, der nicht konnte, der vor dem Alter davongelaufen ist, der Glanz dem Warmen vorzog das wäre Energieverschwendung. Wut auf eine jüngere Frau, die seine Schwäche nutzte. Dafür war kein Platz mehr in ihr.
Sie dachte: Was für eine bittere Lektion wohl vor Viktor lag. Sie hatte Mitleid. Nicht, weil sie ihm helfen wollte, sondern aus der Ferne, leise, ohne etwas ändern zu wollen.
Papiere werden geprüft. Sie tritt ins Flugzeug. Findet ihren Fensterplatz, verstaut den Koffer, schnallt sich an, schaut auf die Lichter des Rollfelds.
Wie erkennt man, dass die Liebe vergangen ist? Wahrscheinlich daran, wenn es nicht mehr weh tut. Es heilt langsam, wie ein großer Kratzer. Erst tut es ständig weh, dann ab und zu, dann nur noch, wenn man zufällig dranstößt, irgendwann bleibt nur eine Narbe. Narben stören nicht beim Leben.
Das Flugzeug beschleunigte. Larissa schaute dabei zu, wie München unter ihr kleiner wurde.
Sie sah sich kein Mal mehr um.
Viktor lag im Zimmer. Draußen regnete es. Das Foto lag auf dem Tisch. Daneben, in der Thermosdeckel, kühlte die Suppe ab, die er nicht getrunken hatte.
Konrad würde morgen kommen, der Anwalt auch. Es würde ein langer, unangenehmer Tag. Und dann würden weitere unangenehme kommen. Papiere, Gericht, Erklärungen, nicht selten Demütigungen. Es würde schwer werden.
Aber zuerst würde er gesund werden. Aufstehen. Das ganz bestimmt.
Er nahm das Foto, betrachtete es lang. Legte es zurück, mit dem Gesicht nach oben, damit es sichtbar blieb.
Draußen prasselten die Tropfen auf das Fensterbrett, geduldig, unbeirrt.





