Mit dem Frühlingsbeginn hatten meine Eltern die Idee, ihr Grundstück zu verkaufen. Beide waren mittlerweile alt und ihre Gesundheit ließ es nicht mehr zu, sich um das Stück Land zu kümmern. Meine Tochter zog ihre Kinder groß, arbeitete viel und hatte keine Zeit, zu helfen. Die Eltern überlegten lange, fassten aber schließlich einen Entschluss.
Meine älteste Tochter, Mathilde, war erleichtert: Nun mussten sie nicht wieder die Verantwortung übernehmen. Es war nicht leicht, Zeit zu finden, um im Gemüsegarten mitzuhelfen zumal sie dafür immer ziemlich weit fahren musste. Mathilde hatte den Eltern schon mehrfach geraten, das Grundstück zu verkaufen. Stattdessen könnten sie eins näher am Wohnort kaufen. Sie wollte nicht ihre ganze Freizeit mit Unkraut jäten verbringen. Ein Platz zur Erholung, wo man ein Buch lesen oder ein Picknick machen kann, wäre viel angenehmer. Für mich war der Garten eine Quelle für Eingemachtes.
Die Wochenenden vergingen schnell für Mathilde und ihren Mann. Für Hausarbeiten blieb nie Zeit. Der Beruf ihres Mannes war so, dass er auch am Wochenende oft zur Arbeit gerufen wurde. Mathilde wusste sehr genau, dass das Grundstück meist mehr Ärger als Freude brachte. Nach den Wochenenden dort hätte sie oft mehrere Tage zur Erholung gebraucht.
Mathilde war zufrieden mit der Entscheidung. Das Grundstück wurde verkauft. Einige Jahre lebten sie in Ruhe und ohne Sorgen. Dann begann Mathilde, etwas zu vermissen. Sie träumte von einem Platz, wo sie sich entspannen konnte. Ihr Mann schlug vor, ein Grundstück zu kaufen.
Sein Arbeitsrhythmus war inzwischen stabil. Die Wochenenden konnte man auf dem Land verbringen, in der frischen Luft. Für die Kinder wäre das auch gut. Sie beschlossen, weniger anzubauen nur ein paar Obstbäume und Beerensträucher für die Kinder, damit sie Vitamine bekamen. Sie teilten den Eltern gleich mit, dass die Parzelle nur zur Erholung dienen sollte: keine Gemüsebeete und kein Unkraut jäten. Der Gedanke kam bei allen gut an. Jetzt mussten sie nur entscheiden, welches Grundstück sie nehmen wollten.
Sie verglichen verschiedene Angebote. Schließlich fanden sie das richtige: mit einem soliden Haus, den benötigten Pflanzen. Der Verkäufer war ein älterer Herr, Herr Schneider. Er hatte keine Frau mehr und kümmerte sich selbst nicht mehr um den Garten. Daher wollte er verkaufen.
Alles wurde geregelt. Mathilde war überglücklich: Ihr Traum war in Erfüllung gegangen. Das Haus war hübsch und bewohnbar und musste noch nicht renoviert werden. Im Sommer wollten sie es verbessern, und so machten sie es auch.
Die erste Woche verbrachten sie entspannt. Dann begann Herr Schneider, der das Häuschen verkauft hatte, zu erscheinen. Er kündigte an, er würde noch Dinge aus dem Haus abholen. Niemand hatte etwas dagegen. Doch dann fing er an, sich zu beschweren. Zuerst musste er rechtfertigen, warum sie einen Strauch entfernt hatten er war ausgetrocknet. Dann beklagte er die Calla, die dort nicht mehr stand.
Herr Schneider sagte, dass das nicht vereinbart gewesen sei. Schließlich hätten er und seine verstorbene Frau die Sträucher selbst gepflanzt, und Preiselbeeren seien immer nötig gewesen. Als er sah, dass statt Erdbeeren jetzt Ziersteine lagen, war er entsetzt.
Herr Schneider umrundete das Grundstück und überall fand er einen Grund zur Klage. Irgendwann hielt es Mathildes Mann nicht mehr aus und sprach Klartext: Wir haben für dieses Stück Land gezahlt. Laut Vertrag gehört es uns. Und wir entscheiden, was wo gepflanzt wird.
Im Kaufvertrag stand nirgends, dass der vorherige Besitzer das Grundstück weiter nutzen könne. Sonst hätten sie den Vertrag nicht abgeschlossen. Herr Schneider ging und kam am nächsten Tag zurück. Mit einem Strauch in der Hand wollte er ihn an den Platz des Rosenbusches pflanzen.
Mathildes Mann fragte, was das solle. Am Ende bot Herr Schneider an, ihnen das Geld zurückzugeben, wenn er bleiben dürfte. Sie lehnten ab, aber er pflanzte seinen Busch trotzdem. Dann kam eine Nachbarin, Frau Müller, hinzu und wunderte sich über Herrn Schneider. Er beschwerte sich über die neuen Eigentümer. Frau Müller bestätigte, dass Mathilde und ihr Mann das Recht hätten, über das Grundstück zu bestimmen. Nur schafften sie es nicht, Herrn Schneider das verständlich zu machen.
Wenig später berichtete die Nachbarin, dass Herr Schneider mit den Leuten in der ganzen Straße Streit hatte. Seit dem Tod seiner Frau war sein Verhalten besonders seltsam. Eine ruhige Zeit war nicht zu erwarten: Er tauchte weiterhin auf. Die Nachbarin wollte warnen und bot an, zur Verwaltung zu gehen, um dem alten Herrn die Lage zu erklären.
Während des Gesprächs schaffte es Herr Schneider, noch einen Strauch zu pflanzen und verschwand. Später kam er, holte weitere Sachen, veränderte irgendwas und ging wieder.
Am Morgen ging Mathildes Mann zur Arbeit. Er arbeitet bei einem Bauunternehmen. Er erzählte die Geschichte dort. Die Kollegen meinten, das Grundstück sei mit einer Mitgift gekommen. Sie halfen dennoch: Gemeinsam errichteten sie einen Zaun. Herr Schneider blieb einige Tage weg. Als er wiederkam, stellte er fest, dass er nicht mehr frei aufs Grundstück konnte.
Er fluchte, versuchte es zu Fuß, ging dann zur Gemeindeverwaltung. Dort war mittlerweile allen bekannt, dass Herr Schneider den neuen Besitzern das Leben schwer machte. Was sie ihm sagten, weiß ich nicht aber danach kam er nur noch einmal, um seine restlichen Sachen zu holen.





