Die zweite Mutter

Die Zweite Mutter

Die Papiere, die du mir unterschieben lassen willst, Frau Sabine Kramer, habe ich schon gesehen. Das klappt kein zweites Mal.

Sie hat nicht mal mit der Wimper gezuckt. Stand einfach in der Tür meiner eigenen Küche, im beigen Mantel mit Perlmuttknöpfen, mit der schicken Handtasche am Arm, als wäre sie auf dem Weg zu einer Vernissage und nicht hier, um jemand anderem das Leben zu ruinieren. Sie roch nach teurem Parfüm. Dem, das Stefan ihr aus Berlin zum Geburtstag mitgebracht hat, wofür sie ihn fast abgeknutscht hat und dann sagte sie, er hätte Geschmack, ganz im Gegensatz zu anderen Menschen.

Annika, du verstehst das falsch, sagte sie mit dieser Stimme, die ich schon halbwegs wie ein offenes Buch lesen kann. Sanft außen, steinhart innen. Ich will nur dein Bestes. Ehrlich.

Ich stellte die Tasse auf den Tisch. Meine Hände zitterten nicht. Das war neu, weil noch vor einem Jahr ich beim bloßen Blick von ihr beinahe die Zehen eingezogen hätte.

Sie haben mir schon genug Gutes getan, Frau Kramer. Ich hab ein Jahr gebraucht, um überhaupt wieder rauszukommen aus dem Loch. Es reicht jetzt.

Sie kniff die Augen ein wenig zusammen. Nach diesem Blick kam immer irgendwas Fieses. Sieben Jahre Erfahrung mit ihr ich kanns dir im Schlaf sagen.

Du bist erschöpft. Ich versteh das wirklich. Ständig diese Behandlungen, die Ärzte, das Hin und Her mit den Kliniken. Genau deswegen bin ich ja gekommen. Ich will helfen. Hier wäre nur ein kleines Formular, musst einfach kurz unterschreiben, damit wir…

Was denn unterschreiben?

Na ja, ein paar Unterlagen. Finanzielle Sachen. Nur damit du im Notfall abgesichert bist.

Ich schaute sie an. Ihre Finger blitzten mit schmalen goldenen Ringen. Die Mappe hielt sie wie einen Brautstrauß.

Geben Sie mal her, hab ich gesagt.

Und zum ersten Mal in meinem Leben hat sie ganz kurz gezögert.

Sie hat mir die Mappe dann doch gereicht. Ich hab sie gleich mitten in der Küche aufgemacht, ohne mich zu setzen. Erster Bogen. Zweiter. Beim dritten bin ich hängen geblieben und habs zweimal gelesen, weil ichs beim ersten Mal nicht glauben konnte.

Es war der fertige Scheidungsantrag. Schön sauber ausgedruckt, mein Name und alles drin. Nur meine Unterschrift fehlte noch.

Jetzt war es so still in der Küche, dass ich selbst das Auto draußen vorbeifahren gehört habe. Und irgendwo hat grad ein Kind geschrien.

Sie… Mir fielen die Worte nicht gleich ein. Sie sind gekommen, damit ich selber die Scheidung von meinem Mann unterschreibe. Und das nennen Sie mein Bestes wollen.

Annika, du verstehst das nicht. Stefan braucht eine richtige Familie. Kinder. Du kannst ihm das nicht geben. Seit Jahren, so viel Geld, so viel Hoffnung. Nichts ändert sich. Du quälst dich, du quälst ihn. Lass ihn gehen, das wäre echt anständig von dir.

Ich hab die Mappe geschlossen und ganz sanft auf den Tisch gelegt, auch wenn ich innerlich gebrannt hab.

Gehen Sie bitte, hab ich gesagt.

Annika…

Bitte gehen Sie.

Sie ist tatsächlich gegangen. Zurück blieb ich mit der Mappe, dem schweren Duft ihres Parfüms und der Ahnung, dass ich grade noch von der Klippe weggesprungen bin. Gerade so. Im allerletzten Moment.

Damals war ich dreißig. Stefan zweiunddreißig. Wir waren fünf Jahre verheiratet vier davon haben wir versucht Eltern zu werden. Von außen denken die Leute sicher: Es klappt halt einfach nicht. Aber die wissen nicht, wie das ist. Jeden Monat hoffen. Jeden Monat der Absturz. Blutabnahmen, Spritzen jeden Morgen in den Bauch, nicht weinen, Stress ist schädlich, nicht wütend sein, Stress ist schädlich, überhaupt immer ruhig bleiben und an das Gute glauben.

Ich hab an das Gute geglaubt. Ich habs versucht. Währenddessen hat meine Schwiegermutter überall herum erzählt, ich hätte einen Knacks und würde mich gehen lassen. Das wusste ich. Man hört so was im Dorf halt. Die Nachrichten laufen immer schnell.

Stefan war wieder auf Montage, wie so oft er arbeitet bei einem Bauunternehmen, überall in Bayern zu tun. Ich habe mich nie beschwert. Jeden Abend hat er angerufen und ich hab in seiner Stimme gehört, wie müde er war und trotzdem hab ich ihm die schlechten Dinge verschwiegen. Ihn geschont, oder mich. Ich weiß es nicht mehr.

Am Abend, nachdem Frau Kramer gegangen war, habe ich lange aus dem Fenster gestarrt. Herbst, schon November. Nackte Äste, nasser Asphalt. Leute mit Einkaufstaschen vorbei. Eine Frau an der Hand ein kleines Mädchen im roten Overall. Springt in die Pfützen, lacht. Die Mutter hält sie nur fester.

Und ich dachte: Genau das will ich. Sonst nichts. Einfach ein Kind, das lacht und in Pfützen hüpft. Einfach Hand in Hand.

Stefan habe ich an dem Abend nichts gesagt. Wollte nicht, dass er sich aus der Ferne Sorgen macht. Ich hab ihm nur gesagt, dass ich ihn vermisse. Er meinte, er sei bald zurück, in einer Woche. Und dass er mich liebt. Und ich glaubte ihm. Hab ich immer.

Und dann kam diese Woche, in der sich alles gedreht hat.

Mittwochs rief mich meine alte Schulfreundin Lisa Schreiber an. Ihre Stimme war so vorsichtig, als würde sie ein Tablett voller Porzellan balancieren.

Annika, hast du gehört, was die Leute erzählen?

Was?

Über dich. In der Praxis. Und beim Friseur in der Lindenstraße. Die behaupten, du hättest da jemanden. Einen anderen Mann.

Ich hab erstmal drei Sekunden gar nichts gesagt. So lange hat es gedauert, bis ich verstand, wer das gestreut haben könnte. Lange überlegen musste ich nicht.

Woher kommt das, Lisa?

Sie schwieg. Zögernde Pause.

Man sagt, Stephans Mutter hätte das auf dem Geburtstag von der Tanja… Also, Annika, ich glaub da kein Wort. Du solltest es nur wissen.

Sollte ich wohl, ja. Danke, Lisa.

Ich hab nicht geweint. Saß nur da auf dem Sofa in meiner stillen Wohnung und dachte: Warum? Ich hab ihr nie was getan. Nie ein böses Wort, nie Widerworte, nicht mal geschenkte Sachen, die sie nicht mochte, weil ich immer Stefan gefragt hab. Sie immer höflich angesprochen. Immer. Sogar in Gedanken.

Warum hasste sie mich so? Bloß weil ich bei ihrem Sohn war? Weil ich nicht schwanger wurde? Weil ich ihr vielleicht nicht schnittig oder besonders genug war? Ihr Stefan, der Ingenieur, Abteilungsleiter, voller Karrierechancen, und ich halt Grundschullehrerin in der Fichtestraße. Vielleicht lags daran.

Ich weiß es bis heute nicht. Ehrlich.

Freitag fuhr ich zur “Hoffnung”-Klinik zum Routinetermin. Die Ärztin, Dr. Katharina Graf, war mir inzwischen fast wie eine Schwester. Ruhig, aufmerksam, immer neue Wege ausprobierend, wenn die Behandlung wieder nichts brachte. Aber Grund: keiner. Bei beiden alles okay. Unerklärliche Unfruchtbarkeit dann sagen die Ärzte nur noch: Medizin weiß nicht weiter. Versuchen Sie es weiter.

Ich saß im Flur, blätterte in einer Zeitschrift und las kein Wort. Neben mir eine junge, glückliche Schwangere, mit diesem besonderen Leuchten. Ich war nicht neidisch. Echt nicht. Ich wollte nur das Gleiche, so leise für mich.

Dann hab ich Stefans Stimme gehört.

Ich dreh mich um und kanns kaum glauben. Da stand er, an der Rezeption, redete mit einer jungen Arzthelferin lebendig, mit Reisetasche über der Schulter, im grauen Parka, den ich ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.

Stefan?

Er dreht sich um, einen Moment erstaunt, dann läuft er auf mich zu, und ich werfe mich in seine Arme und mein Gesicht im Stoff der Geruch von Straße, Müdigkeit und Zuhause.

Du wolltest doch erst in drei Tagen zurück sein murmle ich.

Bin früher fertig geworden. Wollte dich überraschen. War schon zu Hause, da warst du nicht. Hab angerufen, du bist nicht rangegangen.

Handy lag in der Tasche.

Hab mir schon gedacht, dass du hier bist.

Er nahm meine Hand, wir setzten uns abseits und warteten auf meinen Termin. Ich konnte nicht anders und habe ihm alles erzählt. Vom Scheidungsantrag. Von den Gerüchten. Und davon, dass ichs nicht mehr schaffe, immer so zu tun, als sei nichts.

Er hat ganz ruhig zugehört, aber ich sah, wie seine Kiefermuskeln zuckten. Das kann ich bei ihm lesen dann hält er was zurück.

Warum hast du mir nichts gesagt?

Wollte dich nicht verrückt machen.

Annika

Dieses Annika war nicht wütend. Nur traurig. Wir hätten längst mal ernsthaft über meine Mutter reden müssen. Ich weiß, dass sie… nicht immer…

Sie hasst mich, Stefan.

Er sagte nichts. Das war auch schon Antwort.

Dann rief Dr. Graf mich auf. Stefan kam mit. Und dann kam das, womit ich nie gerechnet hätte.

Sie war ungewohnt steif. Schaute auf den Monitor, dann auf uns, dann wieder in die Unterlagen.

Annika, ich frag Sie jetzt was und bitte Sie, ehrlich zu sein: Haben Sie zwischen unseren Behandlungen irgendetwas eingenommen? Selbstständig, ohne mein Wissen?

Ich verstand gar nicht gleich.

Nein. Nie. Immer nur, was Sie gesagt haben.

Sie nickte langsam. Dann:

Vor zwei Jahren hat mich jemand kontaktiert. Mit einem Vorschlag zur Zusammenarbeit, wie es hieß. Es ging darum, ihre Laborbefunde geringfügig, aber gezielt zu manipulieren. Gegen Bezahlung.

Es wurde eiskalt still.

Ich hab abgelehnt, fuhr sie fort. Aber aus der ersten Klinik, wo Sie waren, weiß ich, dass meine Kollegin damals nicht Nein gesagt hat. Es gibt dafür keine Papiere. Aber sie hats mir vor kurzem gestanden. Sie hält es nicht mehr aus.

Stefan sprang auf.

Wer hat das gemacht? Wer?

Dr. Graf blickte von mir zu ihm und zurück: Ich weiß es nicht sicher. Es war eine Frauenstimme, älter, sehr selbstsicher.

Stefan atmete ganz langsam aus. Ich schaute nur aus dem Fenster zum kleinen Hof raus.

Ich dachte: Gehst du gerade durch oder bist du längst verrückt? Wie kann eine Mutter so etwas tun? Das ist jenseits allem, was menschlich ist.

Und doch wusste ich es, tief drin, schon ewig. Ich habs nur nie so wahrhaben wollen.

Wir müssen reden, sagte er.

Wir verließen die Klinik, setzten uns ins Auto. Er schaltete den Motor ewig nicht an, sah einfach nach draußen auf die nasse Straße.

Stefan

Bitte, schweig einen Moment.

Ich schwieg. Draußen rieselte Nieselregen. Tropfen liefen am Fenster.

Es war sie, sagte er schließlich. Kein Zweifel, einfach so.

Ich weiß es nicht mit Sicherheit…

Ich schon. Ich bin der Idiot. Denn sie hat mal gesagt, sie hätte ihre Ärzte, die uns unterstützen, und ich dachte, das ist nur so Gerede. Ich hätte nie…

Er brach ab.

Mein Gott, Annika. Vier Jahre.

Ich weinte nicht. Das hatte ich inzwischen gelernt. Ich legte meine Hand auf seine am Steuer.

Was nun? fragte ich.

Er sah mich an, müde, die Augen rot. Glaubst du mir, dass ich nichts davon wusste?

Ich nickte. Ja, ich glaub dir. Ehrlich.

Wir saßen noch ewig im Auto und überlegten. Wohin? Zur Polizei aber mit was? Was Dr. Graf erzählt hat, ist kein Beweis. Der Scheidungsantrag ist kein Verbrechen. Es steht nur Aussage gegen Aussage.

Wir brauchen was Handfestes.

Da fiel mir Lisa wieder ein, ihr altes Häuschen am Waldrand bei Bad Tölz, 30 Kilometer von hier. Sie war seit Jahren kaum noch da, aber ich hatte noch einen Schlüssel von nach dem letzten Sommer.

Wir müssen erstmal untertauchen, sagte ich.

Wohin?

Dorthin, wo sie uns nicht sofort findet. Wo wir in Ruhe abwägen können. Wenn wir direkt zu ihr gehen, dreht sie alles. Du kennst sie.

Er verstand. Nickte nur.

Wir fuhren heim, packten binnen zwanzig Minuten die nötigsten Sachen. Klamotten, Ladekabel, Papiere. Stefan den Laptop und seine Unterlagen. Keiner sah uns oder es hat niemand nachgefragt.

Ich rief Lisa schon auf dem Weg an.

Sag mal, funktionieren die Schlüssel noch beim Haus in Tölz?

Klar. Annika, ist alles okay?

Nicht ganz. Ich erklärs dir später.

Machts euch bequem. Holz im Schuppen, Gas in der Küche. Nur Vorsicht mit Mäusen check gleich die Ecken!

Danke, Lisa.

Pass auf dich auf, okay?

Sie meinte mehr, das war klar. Ich verstand schon.

Wir fuhren im Regen los. Stefan sagte kein Wort am Steuer, ich starrte aus dem Fenster auf die Straßenlaternen, die vorbeizogen. Ich hatte Angst. Nicht wegen der Dunkelheit, sondern weil ich dachte: Wie kann man so etwas jemals verzeihen? Wie kann jemand so lange zusehen, wie man sich jeden Tag zur Behandlung schleppt und dann extra alles verdirbt?

Toxische Familien sowas liest man sonst bloß im Psychoratgeber, denkt, das betrifft andere. Und dann steckst du selbst drin.

Das Haus war kalt, aber in Schuss. Es roch nach altem Holz, nach Herbst. Stefan zündete den Ofen an, ich holte aus dem Schrank Decken, die nach Dachboden rochen, aber dick und warm waren. Wir tranken Tee aus Lisas Bechern mit Windmühlenmotiv. Und redeten. Endlich.

Erzähl alles, von vorn, bat er. Ich erzählte: Von den kleinen Gemeinheiten, Telefonaten am Tag des Embryotransfers, von der ersten Klinik, wo immer komisch was schief ging: mal Labor, mal falsch geliefertes Medikament. Ich dachte immer, das ist halt Pech.

Stefan hörte zu. Manchmal schloss er dabei die Augen.

Sie hat mir erzählt, du würdest die Anweisungen nicht befolgen, sagte er leise. Immer zu nervös, nie das richtige gegessen. Und die Ärzte sagen, es liegt an dir.

Und du hast ihr geglaubt?

Er schwieg lange.

Ich habs nie wirklich geglaubt. Aber ich hab auch nicht widersprochen. Ich wollte einfach, dass sich alles irgendwie klärt. Ich bin feige, Annika.

Nein. Du hast sie geliebt. Das ist nicht dasselbe.

Er sah mich an, dass mir fast das Herz weh tat.

Am nächsten Morgen haben wir einen Plan ausgeheckt. Wenn wir einfach losziehen und ihr alles vor den Latz knallen, kriegen wirs ab. Sie dreht einem wortreich die Worte im Mund um. Ich habs erlebt. Jahr für Jahr. Das schafft man allein nicht. Wir brauchen Beweise. Tonaufnahme. Ihre Worte.

Sie kommt, sagte Stefan überzeugt. Spätestens, wenn sie merkt, dass ich zurück bin und wir verschwunden sind. Sie lässt nie locker, solange sie die Kontrolle nicht hat.

Er kannte sie. Ich glaubte ihm.

Stefan setzte die App für Aufnahmen auf seinem Handy auf, wir testeten sie. Die Abmachung: Ich rede, stelle direkte Fragen, lasse sie reden.

Wir warteten drei Tage. Drei Tage in dem Holzhaus, mit knarrenden Dielen und Ofenduft. Wir haben viel geredet, gemeinsam gekocht, abends spaziert, uns wiedergefunden, fast wie früher, nur echter, ohne Masken.

Eines Abends, als er mich umarmte, meinte er: Nach all dem hier ziehen wir um, Annika. Neu anfangen.

Meinst du das ernst?

Absolut. Mir wurde eine Stelle in Freiburg angeboten, ich hab immer abgelehnt wegen Mama. Jetzt sehe ichs anders.

Ich sagte nichts, legte einfach meine Hände auf seine.

Sie tauchte am vierten Tag auf. Sonntag, nach dem Mittagessen. Wir hörten das Auto auf dem Kiesweg. Stefan schaltete die Aufnahme.

Bereit? fragte er.

Ja, sagte ich, und das stimmte.

Sie marschierte in das Haus, als gehöre es ihr. Sah uns zu zweit.

Stefan. Die Stimme war angespannt, aber ruhig. Sie kann extrem gelassen sein. Ich wusste nicht, dass du hier bist.

Klar. Du dachtest, ich sei noch auf Montage.

Ihr Blick wanderte zu mir. Lang, prüfend.

Annika. Was hast du ihm eingeredet?

Genau das, was ich weiß, Frau Kramer.

Was soll das jetzt? Du bildest dir immer alles Mögliche ein. Das ist bei dir nur die Nerven…

Welche Ärzte? fragte ich leise. Die, denen Sie Geld bezahlt haben, damit die Behandlungen bei uns nicht klappen?

Kurze Pause. Kaum sichtbar, aber ich habs gesehen.

Was redest du da, herrschte sie mich an, härter.

Ich? Die Frau Hennig aus der ersten Klinik, erinnern Sie sich? Die hat Dr. Graf erzählt, dass ihr Angebot angenommen wurde. Ich bin ehrlich, Frau Kramer. Sagen Sie es einfach: Stimmt das?

Du bist verrückt.

Mama, sagte Stefan, und in diesem Wort lag so vieles, dass ich ihn nicht mal ansehen musste, ich kenn dich. Ich weiß, wann du lügst. Bitte, antworten.

Etwas zerbrach in ihr. Nicht äußerlich, nach außen war sie weiter gefasst. Aber innen drin. Ich spürte es.

Ich habe das für dich gemacht, sagte sie, aber mehr zu Stefan. Du verstehst es nicht. Sie ist nicht die Richtige für dich, war sie nie. Gewöhnlich, kein Netzwerk, keine Bildung, nur Lehrerin. Du kannst so viel mehr. Ich hab alles in dich investiert…

Mama.

Ich wollte nur, dass du es selbst erkennst! Dass es nicht klappt, dass du den Schluss ziehst. Kein Drama. Ganz zivilisiert. Ist doch nichts passiert…

Nichts passiert, wiederholte ich. Meine Stimme kam mir fremd vor. Vier Jahre, Frau Kramer. Jeden Monat Hoffnung und Absturz. Jeden Tag Spritzen, Blut, Temperaturkurven. Kein Kaffee, kein Glas Wein, kein schweres Tragen. Ich hab in der Badewanne geweint, weil ich dachte, ich bin schuld. Dass ich kein Kind verdiene. Aber nein, ist ja nichts passiert.

Sie sah mir in die Augen. Und zum ersten Mal sah ich darin etwas Menschliches. Kein Mitleid, aber etwas Echtes.

Sie haben mir vier Jahre gestohlen, sagte ich. Und Sie nennen das Fürsorge?

Ich bin seine Mutter, flüsterte sie.

Und ich bin seine Frau, antwortete ich.

Stefan kam zu mir, stellte sich neben mich. Schulter an Schulter.

Wir haben das Gespräch aufgenommen, meinte er. Alles. Jetzt sind es nicht mehr nur Worte.

Sie sah ihn an, lange. Ganz anders als früher.

Bringst du das zur Polizei? ganz sachlich, als ginge es um eine Rechnung.

Ja.

Ich bin deine Mutter.

Ich weiß.

Sie blieb noch einen Moment, dann ging sie. Ich rief ihr nach.

Haben Sie ihn jemals geliebt, ehrlich? Oder wollten Sie ihn nur behalten?

Keine Antwort. Sie ging. Tür zu.

Stefan sah noch einen Moment zur Tür, strich sich übers Gesicht, stoppte die Aufnahme.

Ich ruf Daniel an, sagte er. Sein Freund aus der Schulzeit, arbeitet jetzt im Landeskriminalamt. Der sagt uns, was wir machen.

Mach das.

Ich ging raus auf die Veranda. Es war kalt, roch nach nassem Holz und Laub. Ihr Auto war schon weg, nur Reifenspuren im Sand.

Ich atmete nur.

Der Rest war nicht mehr unser Job. Wir haben die Aufnahme weitergegeben, die Aussagen der Ärztinnen kamen dazu. Frau Hennig hat dann auch alles eingeräumt offenbar kommt die Reue doch irgendwann.

Zwei Wochen später wurde Sabine Kramer festgenommen. Zu Hause. Daniel rief Stefan an. Der saß lange nur mit dem Handy in der Hand da.

Und, wie gehts? fragte ich.

Ich weiß nicht, sagte er ehrlich.

Das ist okay. Nicht zu wissen.

Es ist meine Mutter, Annika.

Ich weiß, Stefan.

Er lief im Zimmer umher, griff nach Lisas Buch, stellte es wieder hin.

Weißt du, was das Schlimmste ist? Ich bin nicht mal richtig schockiert. Ein Teil von mir wusste ständig, wozu sie fähig ist. Nicht genau das, aber dieses… Und ich hab es verdrängt. Eben weil es meine Mutter ist, weil das doch nicht sein kann.

So funktioniert toxisches Verhalten, sagte ich. Nicht frontal. Erst still, dann fängst du selbst an zu zweifeln.

Er sah mich an.

Hast du das alles schon lange begriffen?

Nein. Ich war einfach nur müde. Man wird dann entweder klüger oder zynischer. Weiß nicht mal, was schlimmer ist.

Drei Wochen später sind wir aus Bad Tölz umgezogen. In die Wohnung zurück bin ich nie mehr. Stefan hat alles gepackt, die Schlüssel abgegeben. Und dann sind wir nach Freiburg.

Ganz andere Luft. Wärmer, heller. Palmen im Straßenbild komisch, aber schön. Wir haben im ruhigen Viertel eine kleine Wohnung gemietet. Stefan hat seinen neuen Job angetreten. Ich bin erst mal zu Hause geblieben, hab den Alltag eingerichtet, bin auf den Wochenmarkt, hab Suppe gekocht, bin langsam angekommen.

Dr. Graf hat uns an eine Kollegin in Freiburg überwiesen: Dr. Claudia Weber. Geschäftig, aber herzlich sie hat mir gleich die Hoffnung gegeben, dass noch alles drin ist.

Wieder alle Untersuchungen von vorne. Ohne fremde Spielchen, ohne Mauschelei.

Beim dritten Versuch hat es geklappt.

Im Februar hab ichs erfahren. Stefan war daheim. Ich stand im Bad mit dem Test und starrte auf die zwei Striche. Ich bin wortlos zu ihm. Er saß auf dem Sofa, drehte sich zu mir.

Ich hab nichts gesagt. Nur den Test hingehalten.

Er sah lange drauf, dann auf mich, und seine Augen waren nass.

Annika…

Ja, sagte ich.

Er stand auf und drückte mich so fest, dass mir beinahe die Luft wegblieb. Und trotzdem war es richtig.

Unser Tom kam im Oktober zur Welt. Dreieinhalb Kilo, 53 Zentimeter. Dunkle Haare, ernstes Gesicht alle meinten, wir hätten einen kleinen Professor.

Ich habe geweint. Nicht vor Schmerz gut, ein bisschen , sondern weil, als er auf meiner Brust lag, all das, was vier Jahre schwer auf mir lastete, ein bisschen leichter wurde.

Nicht weg. Sowas verschwindet nie. Aber es wird nicht mehr das Schwerste.

Stefan stand neben mir, hielt wieder meine Hand. Immer noch. Wie damals im Auto vor der Klinik.

Tom war drei Monate, da haben wir zum ersten Mal einen ruhigen Abend gehabt. Das Kind schlief. Wir saßen in der Küche, tranken Tee, hatten eine Kerze am Fenster. Draußen rauschte ein stiller Freiburger Herbst.

Stefan, sagte ich.

Hmm?

Denkst du manchmal an sie?

Er musste nicht fragen, wen ich meine. Er wusste es.

Manchmal. Weniger als früher.

Ich auch. Manchmal frage ich mich, wie das alles möglich war. Aber wenn ich dann Tom sehe, denk ich: egal. Wir sind hier. Wir leben.

Bist du böse auf mich? fragte Stefan leise. Vorsichtig, wie jemand, der sich das schon lange nicht getraut hat.

Worauf denn?

Dass ich so lange nichts gesehen habe. Oder nicht sehen wollte.

Ich überlegte. Ehrlich, für mich.

Nein. Nicht böse. Aber was bleibt, so wie ein Splitter unter der Haut. Nicht schlimm, aber ich weiß, dass er da ist.

Er nickte. Keine Rechtfertigung. Einfach so hingenommen.

Ganz ehrlich, sagt er.

Ich versuch ehrlich zu sein. Ich hab genug davon, so zu tun als wär alles okay, wenn es das nicht ist.

Ist jetzt alles okay?

Fast alles. Tom ist gesund, du bist da, wir haben ein Zuhause. Ich hielt meine Tasse mit beiden Händen warm. Wir sind einfach andere geworden, Stefan. Nach allem. Ob das gut ist oder schlecht? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das halt das Leben.

Er sah auf die Kerze. Die Flamme flackerte.

Erinnerst du dich an die Veranda in Tölz, als sie davonfuhr?

Klar.

Ich hab dich von innen gesehen. Und dachte: Wie hält sie das alles aus. Jahre, alles. Und bleibt stehen.

Ich war oft am Ende. Nur nicht vor dir.

Ich weiß. Es tut mir leid.

Stefan, ich habe seine Hand genommen, wir hätten beide anders handeln können. Lass uns nicht mehr zählen, wer mehr Fehler gemacht hat.

Da rief Tom im Schlaf aus dem Kinderzimmer. Wir horchten: Ruhe.

Er schläft, meinte Stefan leise.

Ja, sagte ich lächelnd.

Schweigen. Gutes Schweigen, nur mit den Richtigen gibts das kein Wort nötig, will aber auch niemand weg.

Bist du glücklich? fragte er dann.

Ich habe es wirklich überlegt, nicht für die Form.

Ja, sagte ich schließlich. Nur schmeckt das Glück anders, als ich dachte. Ich dachte früher, Glück ist, wenn nichts weh tut. Jetzt weiß ich, Glück ist, wenn alles gut ist obwohl trotzdem etwas weh tut. Aber du willst trotzdem nicht, dass der Tag aufhört.

Er hat gelächelt. Nicht schnell, sondern langsam, wie jemand, der das Lächeln erst wieder lernen muss.

Echt guter Geschmack, sagte er.

Ich weiß, hab ich geantwortet und angestoßen. Nicht ohne Bitternis, aber dafür echt.

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Homy
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