– Mama, was machst du denn da?! Was soll das?! Miriam war den Tränen nahe, als sie mitansehen musste, wie ihre Mutter ihre wenigen Sachen aus dem Kleiderschrank warf. Das rote Kleid mit den weißen Punkten, Miriams Lieblingsstück, landete achtlos auf dem Boden und wurde direkt vom kleinen Bruder Max entdeckt, der auf dem Boden saß. Max griff nach dem Gürtel und steckte ihn sich in den Mund. Nein, Max, lass das! Gib das her!
– Du heulst wegen so ‘nem Lumpen! Ursula warf Miriams Jeans zu den anderen Sachen und knallte die Schrankschiebetür zu. Pack deine Sachen und verschwinde hier!
– Aber wohin, Mama? Es ist schon spät, wohin soll ich gehen? Spinnst du jetzt total?
– Ich mache, was ich will, verstanden? Das ist meine Wohnung! Für dich ist hier kein Platz mehr!
– Was ist mit mir? Bin ich hier nicht auch zu Hause?
– Nein, mein Mädchen! Du hast hier gar nichts Eigenes! Ursula nahm Max auf den Arm und wischte ihm mit dem Saum von Miriams Kleid die Nase ab. Gar nichts! Und hör auf, mich nervlich zu fordern! Kaum richte ich mein Leben wieder ein wenig, kommst du daher und willst alles kaputt machen? Das läuft so nicht!
– Was mache ich denn kaputt, Mama? Bitte sag’s mir!
– Willst du mir weismachen, dass du nicht ständig vor Basti schwanzt? Ist ja klar!
– Mama! Miriam schrie so laut auf, dass Max vor Schreck zu weinen begann. Hörst du dir eigentlich selbst zu?!
– Und ob ich das tue! Schluss jetzt! Ich hab alles gesagt. In fünf Minuten bist du hier weg!
Ursula trat die Tür auf und verließ das Zimmer. Miriam stand mit zitternden Knien da, noch unfähig zu begreifen, was da gerade passiert war. Hatte ihre eigene Mutter sie tatsächlich rausgeworfen? Ihr Kopf wollte das einfach nicht fassen. Sie suchte nach einem Gedanken, an dem sie sich festhalten konnte, der ihr sagte, was sie jetzt tun sollte, aber da war nichts Konkretes, alles wie wirre Wortfetzen. Dann hörte sie hinter der Tür das laute Schluchzen von Max, und ihr Instinkt trieb sie auf die Tür zu. Es war immer sie gewesen, die ihren kleinen Bruder beruhigte, ihn ablenkte, wenn er nicht mehr aufhörte zu weinen. Der neue Mann der Mutter, Bastians Vater, konnte Kinderlärm nämlich gar nicht ertragen, und eigentlich war ihm alles an Kindern zu viel. Miriam war in Liebe und Herzlichkeit mit der ganzen Familie aufgewachsen, und verstand die Mutter gar nicht wieder. Statt ihren Sohn in den Arm zu nehmen, ihn zu trösten, warf Ursula den Kleinen einfach Miriam vor die Füße und verzog sich zum Mann.
– Beschäftig dich halt! Du bist doch schon alt genug, um zu helfen!
Alt genug… Erst gestern noch war sie Papas und Mamas verwöhntes Einzelkind gewesen, und heute war sie das fünfte Rad am Wagen, wie es ihre Mutter neuerdings zu sagen pflegte. Die letzten zwei Jahre war so viel und so schnell in ihrem Leben passiert, dass Miriam kaum noch mitkam.
Erst kam Papas Tod nach dem Herzinfarkt. Total unverdient und dumm, weil man ihn hätte retten können, wäre neben der Bushaltestelle einfach jemand gewesen, dem es nicht egal war. Gerade mal Mitte vierzig, gut angezogen, alles andere als ein Obdachloser, lag ihr Vater über eine Stunde da. Die Leute liefen vorbei alle hatten es eilig Keiner sprach ihn an oder rief den Notarzt. Man dachte wohl, er sei einfach betrunken, weil er im November einfach so auf der Straße lag. Als endlich eine Frau die Courage hatte, ihn anzusprechen, war es schon zu spät.
Miriam wird nie vergessen, wie ihre Mutter damals darauf reagiert hat. Als wäre sie eingefroren, regungslos, ganz abwesend. Miriam hatte geweint, auf ihre Mutter eingeredet, sie aber überhaupt nicht erreicht. Ohne eine einzige Träne hatte Ursula ihren Mann beerdigt, und sich dann tagelang in ihrem Zimmer eingeschlossen, Miriam vollkommen sich selbst überlassend.
Sie hatten keine Verwandten, und die alten Freunde der Eltern waren schon lange nur noch flüchtige Bekannte, die alle paar Jahre auftauchten und dann wieder spurlos verschwanden. Miriam erinnerte sich, wie stolz ihre Eltern immer darauf gewesen waren, eine starke Familie zu sein, keinen anderen zu brauchen. Sie hätten doch einander, das reiche aus. Miriam glaubte das früher auch und mochte es eigentlich nie, wenn Gäste kamen.
Das fand sie super, bis sie eingeschult wurde. In ihrer Klasse waren viel mehr Mädchen als Jungs, und Miriam bekam eine Sitznachbarin: Eine quirlige, aufgeweckte Ella mit geflochtenen Zöpfen, die so dick waren wie Miriams Arm sie musste sie immer aufrecht wie eine Prinzessin tragen. Miriams eigene hellen Löckchen hingegen standen immer ab, egal wie sehr die Mutter sie zu bändigen versuchte, weshalb sie von Beginn an Pusteblume gerufen wurde.
Ellas Zopf hat Miriam sich erst am dritten Tag getraut anzufassen, als Ella ihn wütend über die Schulter warf und murmelte:
– Ich hab die Nase voll! Ich schneid das ab! Auch wenn Mama meckert!
Miriam hatte ohne groß zu überlegen die glänzenden schwarzen Haare gestreichelt, die über den Stuhl hingen, und flüsterte:
– Bist du verrückt? Das sieht doch toll aus!
Ab Tag eins verband die beiden eine dicke Freundschaft und bald war Miriam in der lebhaften Großfamilie der Müllers ständig zu Gast. Beim ersten Besuch in deren weitläufigem, etwas schief und eigenwillig angebautem Haus am Stadtrand dachte Miriam, sie käme im Tollhaus an: Erwachsene, Kinder, Großeltern und Babys auf jedem Quadratmeter. Sie versuchte stundenlang, Ellas riesige Verwandtschaft auseinanderzuhalten. Es klappte nie ganz, aber sie kannte zumindest Ellas Mutter: Die setzte sofort jeden an den Tisch und servierte so viel leckeres Essen, dass man sich am liebsten nach Hause rollen wollte. Die Geschwister halfen sich gegenseitig selbstverständlich beim Lernen oder Kochen und auch mit den Kleinsten hatten alle Erfahrung. Miriam staunte, wie die kleinen Mädchen mit Links Teig kneteten und perfekte Streuselkuchen machten, während ihre eigene Mutter sie nie an den Herd ließ.
Durch die Müllers merkte Miriam, dass Freunde und Familie richtig toll sein können. Später, als sie älter war, lernte sie auch die negative Seite kennen wie selbst die eigenen Menschen einem fremd werden können. Aber damals sah sie nur das Gute: Haufenweise Geschenke zu Geburtstagen, zu Weihnachten, zu Namenstagen, selbst am Geburtstag der Urgroßmutter gabs für Ella neue Haarbänder. Sie fragte fasziniert:
– Wieso kriegst du heute Geschenke? Du hast doch gar nicht Geburtstag!
– Na und? Muss man auf einen Anlass warten, um die zu beschenken, die man liebt? Das war Ellas Logik.
Manchmal lachten sie Tränen über Ellas Sprüche.
Miriams Mutter fand diese Freundschaft allerdings gar nicht gut. Sie mochte Ella nicht und hätte sie auch nie mit zu den Müllers geschickt, wenn sie das Haus gesehen hätte. Glücklicherweise arbeitete Ursula viel und Miriam schaffte es meistens, kurz nach der Schule zu Hause zu essen und dann zu Ella zu flitzen, wo es duftende Streuselkuchen oder herrliches Pfirsichkompott gab Gespräche und Wärme inklusive. Miriam lebte richtig auf bei Müllers, dort wurde sie gebraucht und geliebt.
Als dann Papas Tod auf die Familie zukam, waren es auch Ellas Verwandte, die am selben Abend noch zwei der älteren Brüder schickten, um mit Behördengängen, Geld und Unterstützung zu helfen. Ursula wollte fast gar nicht rauskommen und tat letztlich alles, was die Männer ihr sagten. Die Jungs regelten alles, brachten die Familie überall hin und passten auf Miriam auf. Sie hatte das nie vergessen.
Als sie Ella später fragte, sagte diese nur:
– Was sonst? Du bist doch Familie für uns. Männer fehlen bei euch, irgendwer muss ja helfen.
Ein halbes Jahr später wurde Ella dann tatsächlich verheiratet da war Miriam so schockiert, dass sie beinahe sprachlos war:
– Was, du heiratest jetzt? Aber du wolltest doch Ärztin werden und studieren! Willst du das nicht mehr?
– Doch! lachte Ella, während sie ihren Schleier aus der Verpackung zog. Aber mein Papa hat mit meinem Mann schon alles geklärt.
– Du liebst den doch gar nicht! Du hast ihn doch erst zwei Mal gesehen!
– Das ist hier so üblich. Unsere Eltern suchen aus und wir vertrauen ihnen.
Miriam schüttelte ungläubig den Kopf, als Ella mit leuchtenden Augen erklärte, sie wüssten schon, was für sie das Beste sei.
Auf Ellas Hochzeit konnte Miriam kaum die Tränen zurückhalten und als sie dann erfuhr, dass Ella nach München zieht, weil ihre Schwiegereltern dort schon eine eigene Wohnung für sie gekauft hatten, brach sie hinterher so richtig zusammen:
– Wie soll ich nur ohne dich klarkommen?
– Notfalls, Miriam, kommst du einfach zu mir. Du bist immer willkommen.
Zu diesem Zeitpunkt lebte Ursula bereits mit Basti zusammen, dessen ständiger Blick Miriam nie geheuer war, geschweige denn das Verhalten der Mutter, die seit der Geburt von Max ständig auf 180 war. Manchmal kam Miriam gar nicht gerne nach Hause; sie sperrte die Zimmertür ab und wurde prompt von Ursula beschimpft, denn die Mutter musste jederzeit Max rüberbringen können egal, ob Miriam morgens früh zur Uni muss. Eigentlich liebte sie Max und übernahm viel, aber die durchwachten Nächte forderten ihren Tribut. Schon zweimal war sie vor Müdigkeit in der Berufsschule ohnmächtig geworden und Gerüchte machten die Runde.
Nicht einmal mit dem Abschluss in der Tasche, fing Miriam im Krankenhaus an zu arbeiten, endlich hatte sie Nachtschichten und war manchmal tagelang nicht zu Hause.
Als Ella mit ihrem Mann nach München abreiste, geriet Miriam zu Hause in den größten Krach ihres Lebens. Das Fass war übergeschwappt und sie wusste, sie konnte nicht mehr länger hoffen, dass die Mutter ihr je wieder zuhören würde.
Ursula wollte niemanden hören, auch nicht die Nachbarin, die Max die Wange tätschelte und meinte:
– So hübsche Kinder hast du, Ursula! Sowohl Max als auch Miriam! Wie eine Prinzessin! Der Papa wär stolz, so ein hübsches Mädchen. Sie hat bestimmt einen Freund, oder? Man sieht sie nur zur Uni und wieder weg aber ein schönes Leben sollte sie langsam selbst aufbauen…
Was auch immer Ursula damals an diesen Worten so getroffen hat, keiner weiß es. Jedenfalls warf sie Miriam noch am selben Abend raus.
Jetzt stand Miriam da und stopfte ihre Sachen in eine Tasche. Wohin? Wo, verdammt noch mal, war jetzt ihr Platz? Es gab keine Antwort. Sie hätte Ella anrufen können aber die war schwanger und mit dem Studium beschäftigt. Und sie wollte Ella nicht beunruhigen.
Miriam schaute noch ein letztes Mal in ihr Zimmer, nahm das Foto vom Vater vom Schreibtisch, steckte es in die Tasche und wischte sich die Tränen weg. Es wird wohl besser sein so, dachte sie. Sie war hier ohnehin längst eine Fremde. Soll die Mutter ihr Leben halt einrichten wie sie will.
In der Küche lief der Fernseher laut, Ursula klapperte wütend mit Töpfen. Miriam wollte schon den Flur zur Küche nehmen, hielt aber inne. Was hätte sie der Mutter noch sagen können? Es war alles gesagt. Und kann man wirklich verzeihen, was Ursula eben zu ihr gesagt hatte? Nein, wirklich nicht. Es reichte. Früher waren sie eine glückliche Familie, da hatte ihre Mutter sie geliebt. Jetzt war Miriam hier eine Fremde.
Draußen im Hof war es schon dunkel. Miriam fröstelte und zog ihren breiten Wollschal, den ihr Ella zum letzten Silvester geschenkt hatte, enger um den Hals. Der Herbst war in diesem Jahr spät, aber jetzt schien er die Stadt in Lichtgeschwindigkeit übernommen zu haben. Auf dem Heimweg von der Arbeit hatte Miriam öfter gelächelt: Der eine lief noch in kurzer Hose herum, der andere mit Daunenjacke und Mütze. Sie selbst war eine richtige Frostbeule und freute sich, sich gleich nicht umdrehen zu müssen, um warme Sachen zu holen sie wollte ihre Mutter tatsächlich nicht mehr sehen. Der Schmerz nagte wie ein kleines, gemeines Tier an ihr, aber sie schob ihn weg. Jetzt war nicht der Moment dafür. Erst musste sie weiter überlegen
An der Bushaltestelle war kaum noch jemand. Nur zwei Passanten und ein großer Mischlingshund begegneten Miriam. Sie stellte ihre Tasche auf die Bank und steckte die Hände tief in die Manteltaschen.
Als neben ihr ein Auto hielt, zuckte sie zusammen und machte instinktiv einen Schritt zurück. Wer weiß?
– Miriam?
– Ach, Jonas!
Fast hätte sie vor Erleichterung geweint. Jonas war Ellas großer Bruder, der, der ihnen früher bei Mathe Nachhilfe gegeben hatte und der ihnen damals beim Tod des Vaters so geholfen hatte.
– Was machst du hier um die Uhrzeit? Musst du arbeiten?
– Nein Also ins Krankenhaus! Ja, da muss ich wohl hin
– Na klar, das klingt aber glaubwürdig, Miriam. Was ist los? Warum hast du deine Sachen dabei?
Jonas sah sie so fürsorglich an, dass Miriam, ohne zu wissen wie, einfach alles erzählte. Von der Mutter, von Basti, davon, dass sie quasi auf der Straße stand, nicht wusste wohin.
– Alles klar, steig ein! Jonas, nie ein Mann vieler Worte, setzte sich ans Steuer und Miriam stieg nach kurzem Überlegen zu. Sie dachte, er fahre sie ins Krankenhaus.
Sie schwiegen die ganze Fahrt durch das abendliche Kassel. Im Auto war es warm, Miriam fiel in eine merkwürdige Ruhe. Sie wusste, das würde nicht von Dauer sein und genoss gerade deshalb das kleine Gefühl von Geborgenheit.
Irgendwann merkte sie, dass sie gar nicht in Richtung Krankenhaus fuhren.
– Jonas, wohin fahren wir? Ich muss doch ins Krankenhaus!
– Willst du da etwa übernachten?
– Ja schon was sonst?
– Und morgen? Also heute schläfst du da auf irgendeinem Sofa was machst du dann?
– Keine Ahnung
– Na eben. Ich weiß, was besser ist. Daher fahren wir nicht ins Krankenhaus, sondern woanders hin.
– Wohin denn?
– Warts ab!
Das große Wohnhaus in einem ruhigen Viertel war von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben. Der Pförtner winkte Jonas durch; drinnen parkte er sein Auto und zeigte Miriam zum Aufgang.
– Komm, da müssen wir hin.
Miriam folgte ihm ratlos. Sie fuhren mit dem Aufzug in den dritten Stock, Jonas klingelte an einer Wohnungstür. Es dauerte eine Zeit, bis geöffnet wurde. Miriam wechselte nervös von einem Fuß auf den anderen. Schließlich öffnete eine stattliche ältere Dame.
– Ach, Jonas, mein Junge! Warum ohne Anruf?
Die Frau war im ersten Moment riesig, dabei war wohl eher das luftige Kleid, der hohe Kragen und ihre Ausstrahlung daran schuld.
– Und das ist warte, dich kenn ich! Du bist Ellas Freundin, oder? Ich erinnere mich an dich von der Hochzeit! Komm rein, Kind! Was stehst du draußen? Du gehörst doch zur Familie, oder? Macht mich nicht traurig!
Miriam betrat zögernd die Wohnung, in der es angenehm warm war. Der Flur glänzte vor Marmor, eine Kristalllampe warf ein funkelndes Licht. Während sie noch staunte, flüsterte Jonas der Dame etwas zu, sie nickte und Jonas verabschiedete sich, verschwand schnell durch die Tür.
– Wohin gehst du? wollte Miriam rufen, aber da war die Tür schon zu. Sie war allein mit Ellas Oma.
– Was stehst du so verlegen rum? Jacke aus, komm rein! Wir trinken einen Kaffee, du erzählst mir, was dich so aufwühlt, dass so ein hübsches Mädchen nachts alleine vor der Tür steht. Gibts zu Hause keinen Platz mehr, kein Herz mehr?
– Ehrlich ich glaube nicht Miriam merkte, wie die Kräfte nachließen, versank auf einen Hocker im Flur und fing so bitterlich zu weinen an, dass die alte Frau sie wortlos ein paar Takte lang einfach hielt und streichelte.
– Ach mein Mädchen! So geht das doch nicht! Die Welt ist doch nicht so kalt, wie du jetzt denkst, glaub mir! Ich helfe dir, bis du wieder lachen kannst, hörst du? Ich kenne das Leben, ich habe alles gesehen und ich will dich beschützen.
Sie wog Miriam wie ein Kind und die warmen Hände über ihrem Kopf waren beruhigend wie nichts sonst.
– Los, komm in die Küche. Ich mache dir jetzt den besten Kaffee, den du je getrunken hast! Der lässt dich alles für einen Moment vergessen. Nicht für immer aber so lange, dass man wieder atmen kann. Manchmal reicht das schon.
Miriam trank auf der großen Küche einen winzig kleinen, bitteren Kaffee, der selbst ihre Tränen übertraf. Aber irgendwie tat der heiße, herbe Geschmack gut, und sie hörte der alten Frau zu.
– Nenn mich Hannelore, wie sie mich früher nannten, als ich noch wie du war, ein junges Ding, voller Hoffnungen. Ich habe weit weg gelebt, auf dem Land, bei meinen Eltern, hab meine Geschwister aufgezogen. Unser Haus, unser Platz das war die Heimat. Schon so lang nicht mehr da gewesen Ich vermisse es, aber das ist nicht das Schlimmste.
– Was ist denn das Schlimmste? rutschte Miriam heraus.
– Das Schlimmste? Hannelore setzte sich, breitete die Knie aus, das Kleid spannte, sie wirkte wie ein Fels. Das Schlimmste ist, dass ich meine Eltern und die große Schwester nicht beerdigen konnte. Keine Gräber, an die ich gehen kann.
– Warum nicht?
– Weißt du, was eine Vertreibung ist? Nein? Hoffentlich erfährst du es nie! Ich musste mir anhören, dass ich hier keinen Platz mehr hätte, dass ich nicht bleiben dürfe, nicht mal die eigene Sprache sprechen Mein Vater hatte noch vorher einen kleinen Vorratsraum mit Geheimtür in den Hinterhof gebaut. Als sie ins Haus kamen, versteckte er uns und verschloss die Tür von außen. Sechs Männer brachten den alten Eichenschrank nicht von der Stelle, aber mein Vater, aus Liebe, stemmte ihn alleine gegen die Tür. So rettete er uns. Merk dir das, Miriam: Elternliebe versetzt Berge. Denk mal dran, wenn du eigene Kinder hast. Die Mutter hat dich nicht aus Egoismus rausgeworfen, glaubs mir. Angst, Verzweiflung, Not das verändert die Seele. Da bleibt am Ende nur eine Hülle. Sie sucht das eigene Stückchen Frieden, das ihr geblieben ist.
– Und dann? Was war mit euch?
– Ich hab meine Geschwister großgezogen. Die ersten Monate half uns nur entfernte Verwandtschaft. Später warens Freunde, fremde Leute. Geblieben ist: Ohne andere wären wir alle nicht durchgekommen. Die Kraft, die ich hatte, kam von denen, für die ich sorgen musste und von denen, die mich trugen. Verstehst du?
– Ich glaube ja.
– Jetzt trage ich dich. Du bleibst, bis ich dich an einen vernünftigen Mann weiterreichen kann. Verstanden? Aber bitte jetzt keine Tränen mehr. Weißt du, wie ich dich aufpeppeln werde? Dir alles beibringen wie ich Ella alles beigebracht habe! Ich will Stolz auf dich sein!
Hannelore lachte rau, als Miriam nervös schluckte.
– Richtig so, dass du Respekt hast. Da kommt was auf dich zu!
Und Hannelore hielt ihr Wort. Nach zwei Jahren kochte Miriam so gut, dass sie sogar Ella übertrumpfte, die als Besucherin Heimweh bekam.
– Deins schmeckt noch besser! Was hast du da reingetan?
– Nur das, was Oma Hannelore mir beigebracht hat.
– Übertreib nicht! Sonst werde ich eingebildet! Hannelore lachte und kontrollierte den Herd.
– Aber es stimmt doch!
Miriams Tonfall klang immer mehr nach Hannelore, Ella konnte sich vor Lachen kaum halten.
– Du hast sie richtig gut hingekriegt, Oma! Sie ist schon ganz wie du!
– Noch nicht ganz, meinte Hannelore mit plötzlichem Ernst und sah Miriam an.
Ella wurde sofort still:
– Was ist los?
– Erzähl du lieber. Ich geh mich ausruhen bin geschafft heute. Hannelore goss Kaffee ein und verschwand.
Ella sah Miriam forschend an. Nach einigem Zögern nickte Miriam:
– Mama ist krank.
– So schlimm?
– Ja, sehr. Sie war in meinem Krankenhaus ich weiß, wie schlimm es ist.
– Du hast sie gar nicht besucht?
– Nein, ich schaffe es nicht Ich erinnere mich nur daran, wie sie mich rausgeworfen hat Wenn Jonas damals nicht gewesen wäre oder Hannelore Wer weiß, was aus mir geworden wäre? Und meine Mutter hat mich einfach so für diesen Mann aufgegeben! Der sie übrigens gleich verlassen hat, als er von der Krankheit erfuhr und auch Max sitzen ließ.
Ella klappte der Mund auf:
– Und wo ist Max jetzt?
– Im Heim. Ich hab zwar Arbeit, aber keine Wohnung, deshalb krieg ich das Sorgerecht nicht. Selbst mit meinem Nebenjob reicht das Geld nicht aus, um eine eigene Wohnung zu mieten.
– Aber zurück in die Wohnung deiner Mutter könntest du nicht?
– Sie hat mich abgemeldet, ich hab keine Meldebescheinigung mehr. Keiner gibt Max frei, solange die Papiere fehlen Ich weiß nicht mehr weiter, Ella Miriam vergrub das Gesicht in den Händen. Ich schlaf nachts kaum noch, ich kann an nichts anderes denken.
– Wenn dir Max so wichtig ist, warum sitzt du dann hier? fuhr Ella energisch auf und zog Miriam hoch. Los, ab ins Krankenhaus!
– Wozu?
– Ist deine Mutter noch dort?
– Nein, sie ist schon entlassen.
– Dann fahren wir zu ihr.
– Ich will mich aber nicht versöhnen!
– Musst du auch nicht. Sie soll sich mit dir versöhnen. Und jetzt Schluss mit Selbstmitleid, jetzt kümmerst du dich um Max, so wie sich niemand um dich gekümmert hat, okay?
Mit der Mutter hat Miriam sich dann wirklich versöhnt. Es geschah keine zwei Tage, bevor Ursula, verzehrt von Krankheit, innerlich und äußerlich kaum mehr wiederzuerkennen, starb und Miriam um Entschuldigung bat, nachdem Miriam zwei Monate lang für sie da gewesen war, alle Papiere beschafft, allen Stolz geschluckt hatte. Sie dachte nur noch daran, ihren Bruder so schnell wie möglich nach Hause zu holen. Beim Blick in die Augen der leidenden Mutter wurde ihr nichts von jenem Tag bewusst, der alles verändert hatte sondern sie erinnerte sich an einen Morgen früh in ihrer Kindheit: Ihre schöne, junge Mutter im rot-weiß gepunkteten Sommerkleid, wie sie Miriam goldgelbe Kirschen reichte, süß wie ein Kuss. Nichts blieb als dieses alte Glücksgefühl. Automatisch formten sich die Worte, die ihrer Mutter den Frieden brachten:
– Ich verzeihe dir, Mama
Und was Hannelore ihr einst gesagt hatte, bekam endlich eine Bedeutung:
– Man muss den Kummer loslassen, sonst frisst er dich von innen auf wie ein wildgewordener Hund. Dann siehst du nie wieder das Schöne im Leben. Das Verzeihen befreit dich selbst, nicht nur den anderen. Das ist schwer, ich weiß, aber du brauchst das dringender als der, dem du vergeben musst.
Eine Woche später lief Max, Miriams kleiner Bruder, mit beiden Händen fest an ihrer geklammert, durch die Tür, schaute sie an und fragte:
– Bleib ich jetzt für immer hier?
– Ja, mein Kleiner. Jetzt sind wir zu Hause. Das hier, das ist unser Platz, verstehst du?
Und Max nickte so ernst, dass Miriam wusste: Jetzt ist endlich alles richtig, alles, wie es sein soll.





