Verwandschaft
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Ach komm jetzt, hör auf zu heulen!
Ich kann einfach nicht, schluchzte Annika und vergrub sich in ein altes Mulltuch. Das Babygebrüll wurde fast zur Operetten-Arie.
Tröste dich, ich hab doch gesagt, es wird alles gut! Was hat sie denn eigentlich gesagt? Meike durchwühlte die Hausapotheke und grummelte leise, während sie verzweifelt nach Baldrian suchte.
Sie findet, ich soll Fabian verlassen, keuchte Annika und nahm ihrer Schwiegermama das Wasserglas aus der Hand. Vom Bademantel tropfte Wasser, die Zähne klapperten am Glasrand. Sie meint, ich soll Lea nehmen und mit ihr zusammenziehen. Fabian wird mich sowieso verlassen, dann stehe ich auf der Straße. Sie nimmt mich nie auf.
Meike schnaubte: Wegen so einem Quatsch sitzt du hier und heulst? Annika, ich hätte dich für klüger gehalten!
Hab ich von mir selber auch gedacht. Es ist ja gar nicht das! Es ist einfach wie kann sie nur? Meine eigene Mutter! Wie kann man so grausam sein? Ich hab sie seit Jahren nicht gesehen, und dann das!
Ach, komm. Der Grund ist doch egal. Die wichtigere Frage ist eine andere.
Welche denn?
Wofür das alles So, jetzt beruhig dich! Das bringt doch nichts, sich aufzureiben. Gemeinsam kriegen wir das hin!
Aber wie?
Meine Güte, Annika. Sei doch nicht so grundnervös! Meike hockte sich neben das Sofa, tätschelte ihrer Schwiegertochter die Wange. Du bist nicht allein! Fabian ist da, ich bin da, sogar Opa ist da! Wir lassen dich nicht im Regen stehen!
Sie hat gesagt, ich bin euch fremd. Keine Familie, kein Blut
Meike lächelte schief: Ach Gott, als ob das alles wäre! Sag mal, nach all den Jahren hast du doch wohl begriffen, dass Familie nach anderen Regeln funktioniert?!
Annika schniefte und schloss die Augen. Wem sollte sie glauben?
Meike horchte in die Stille, dann stand sie auf. Lea ist wach geworden. Bleib sitzen, ich bring sie dir. Trink noch ein bisschen Wasser und beruhig dich, Kind. Sie spürt das sonst. Dann wird sie auch anfangen zu plärren. Willst du etwa, dass deine Tochter so flennt wie du?
Nein!
Na also! So schlimm ist es doch noch gar nicht.
Natürlich war es schlimmer, als Meike zugab. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wie sie das alles kitten sollte. Ihr Sohn auf Montage irgendwo im tiefsten Bayern, und wirklich ansprechbar war eigentlich nur Opa Karl. Richtige Freunde hatte Meike im neuen Ort noch keine gefunden, und ihren Arbeitskolleginnen wollte sie nichts erzählen. Die würden es natürlich sofort im Dorf zu den neuesten Nachrichten machen und dann läuft die halbe Nachbarschaft mit erhobenen Augenbrauen vorbei.
Wie die Kolleginnen tratschen konnten, wusste Meike nur zu gut. In der Gemeindeverwaltung war nun wirklich selten Land unter; da schob man halt lieber Akten von links nach rechts und trank Berge von Tee den halben Tag lang wurde über alles und jeden geschnackt.
Meike hielt sich meist aus diesen Schwätzchen raus und hatte deshalb prompt den Spitznamen die Eiskönigin verpasst bekommen. Ihr doch egal! Hauptsache, ihre Familie blieb verschont. Einer hatte trotzdem schon ausgeplaudert, dass Annika aus dem Kinderheim kam. Seitdem hatten sich die Fragen gehäuft wie sie es überhaupt hätte wagen können, so eine ins Haus zu holen.
So eine? Meike zuckte mit den Schultern. Sie war doch ein ganz normales Mädchen!
Gut, ein bisschen Recht hatten die Tratschtanten am Anfang war Meike tatsächlich skeptisch. Als ihr Sohn ankam und mit recht dramatischem Ton erklärte, er wolle Annika heiraten, hatte sie gedacht, sie hört nicht richtig.
Bist du dir sicher, Junge? Fabian, du kennst sie doch kaum! Wie lange seid ihr denn überhaupt zusammen? Ein Monat?
Vier Monate! Ich hab mich nur nicht getraut, es dir früher zu sagen.
Und warum?, Meike verschluckte sich fast am Tee vor Überraschung.
Genau deshalb! Fabian griff sich ein Küchentuch, wischte eine Tee-Pfütze vom Tisch. Sorry, Mama, ich vergess immer, dass ich zum Lappen greifen soll! Ich mach das sauber, versprochen!
Ach, lass nur. Aber sag schon: Wovor hattest du Schiss?
Dass du genau so reagierst. Sie ist wirklich toll, Mama. Ich weiß, du wirst sie auch mögen. Du kennst sie einfach noch nicht.
Tja, was sollte Meike da sagen? Auf dem Foto wirkte Annika mit dem dunklen Pony und den kohlrabenschwarzen Lidern erstmal wie eine Gothic-Variante von Schneewittchen. Dazu dieser grimmige Gesichtsausdruck oder lag das nur am schlechten Foto? Nun, Fabian war jedenfalls so glücklich wie seit Jahren nicht mehr. Seit Papa Gerd gestorben war, war so ein Lächeln an seinem Gesicht eine Rarität geworden.
Damals hatte Fabian erst langsam zu seinem Vater gefunden. Der hatte vorher kaum Zeit für ihn gehabt, und dann war er plötzlich weg. Jahrelang war vieles schwierig gewesen, ziemlich viel Nerven waren dabei draufgegangen. Meike erinnerte sich nur ungern, wie oft Schwiegermama Irmgard mit den Augen rollte, wenn sie zur Sprache kam.
Sie war voller Illusionen in die Ehe gestapft wie halt ein behütetes Töchterlein aus Köln nun mal loszieht mit 17. Ein Jahr Händchenhalten und abends Spazierengehen. Irgendwann machte sie kurzen Prozess und überraschte ihre Eltern mit dem Wunsch, zu heiraten.
Meikes Mutter war damals ohnehin schon krank, der Vater wusste noch von nichts. Beide starben kurz darauf einer nach dem anderen. In dieser Zeit wurde Meike nicht nur Ehefrau, sondern auch Mutter.
Fabian war ein schwächliches Kind. Das war kein Wunder; Meike hatte sich selbst aufgerieben zwischen Pflege und Haushalt, und wollte keine Fremden ins Haus lassen. Zum Glück half Gerd, zunehmend gegen den Willen seiner Mutter.
Das ist nicht dein Bier, Gerd! Die sind doch nicht unsere Leute. Die haben immerhin eine Tochter, sollen die mal machen, fauchte Irmgard.
Mama, Meike ist aus Fleisch und Blut, keine Maschine.
Mein Kind bist du, nicht Meike! Und ich muss mich erst um dich kümmern!
Meike bekam das alles mit zum Teil aus erster Hand, zum Teil erzählte Gerd es ihr später.
Worte sind gemein. Sie tropfen wie heißes Fett aufs Herz, brennen sich ein, hinterlassen unschöne, zähe Narben. Und wenn es kein Gegenmittel gibt ein Kinderlachen, eine Umarmung am Morgen dann bleiben sie einfach, über Jahre, achten starr und hässlich im Innenleben.
Eigentlich war Meike anfangs überzeugt, die Schwiegermutter würde sich schon noch beruhigen. Aber Irmgard war clever, privilegiert, und von einer sehr eigenen Sorte Selbstbewusstsein beseelt. Sie war fest davon überzeugt, die Welt müsse sich nach ihrer Pfeife drehen.
Ich lass euch keine Ruhe. Mein Sohn verdient Besseres.
Was passt denn nicht an mir?
Na, was bist du schon? Kein Studium, keine Arbeit. Hockst rum wie ein Maulwurf. Er braucht was anderes.
Was denn?
Eine, die Karriere macht, clever ist, mit den richtigen Leuten kann.
Mit welchen Leuten?
Na, eben clever!
Wir haben ein Kind.
Und? Kinder wie Ehefrauen gibts viele, Liebelein. Eine Mutter hat er nur einmal. Unterhalt bekommst du schon, aber mehr auch nicht. Rechne nicht damit.
Wir wollen uns gar nicht trennen.
Abwarten. Die Zeit zeigts. Also bleib mal auf dem Teppich, sonst wirds teuer.
Lange dachte Meike, irgendwann hätte sie was falsch gemacht. Aber sie und Gerd ließen sich schließlich wirklich scheiden, da war Fabian gerade mal drei.
Eine fast schon klischeehafte Geschichte: Irmgards Geburtstag, Gerds alte Schulfreundin, die irgendwann heulend in der dunklen Küche stand, von Irmgard genau im richtigen Moment hingeschickt. Da stand Gerd und tröstete. Weiter war eigentlich gar nichts passiert, aber Meikes Fantasie schlug Purzelbäume der Mangel an Lebenserfahrung tat sein Übriges.
Meike brach alle Zelte ab und zog mit Fabian in die staubige Kölner Familienwohnung zurück. Erstmal Putzen, den kleinen Wirbelwind in den Kindergarten bringen, und dann: Treppenhaus schrubben in einem Sechziger-Jahre-Block ums Eck. Naja, was macht man nicht alles.
Erst als Opa Karl endlich nachkam, Licht am Horizont. Er verkaufte in ein paar hektischen Wochen seinen Hof und stand schließlich mit Koffern vor der Tür.
Du gehst wieder in die Schule, befahl er.
Und wovon essen wir, Opa?
Meine Rente, mein Minijob. Und ein bisschen was Gespartes. Das reicht erstmal.
Wer stellt dich denn überhaupt noch ein?
Für Mülltonnen brauchts keine jungen Hüpfer. Zusammen schaffen wir das! Aber sag mal, was möchtest du werden?
Buchhaltung war immer mein Ding. Ich mach nen Kurs!
Karl nickte zufrieden. Kurse sind okay. Aber schau, dass du irgendwann noch einen Abschluss nachlegst!
Den kriegte Meike dann auch. Später zwar, Abendstudium, aber mit Brief und Siegel legte sie Opa stolz den Abschluss vor.
Mach dich nicht wichtiger als du bist, brummte Karl, dabei lächelte er wie ein Honigkuchenpferd. Ein Mensch ist nie etwas Wertloses. Und Opa hat dich lieb, und Opa bleibt, jawoll!
Fabian startete in die sechste Klasse, da kündigte Opa an, zurück auf seinen kleinen Resthof zu ziehen.
Es reicht. Ich muss mal wieder nach dem Rechten schauen. Ihr kommt hier klar. Aber Meike, überleg dir dreimal, falls es mal wieder in Richtung Hochzeit geht. Fabian ist in einem Alter, da kann das nach hinten losgehen.
Keine Sorge. Ich bleib, wie ich bin!
Aber Opa grinste nur: Man weiß nie, Kind. Das Leben hat seine eigenen Pläne. Denk dran!
Gerd kümmerte sich wenig um Fabian. Ein paar Grüße zum Geburtstag, pünktlich die Unterhaltszahlungen sehr zum Lästern von Irmgard.
Er hat Familie, zwei Kinder.
Drei!, entgegnete Meike trocken.
Ach Meike, du warst einfach nie die Hellste
Nein, das war ich wirklich nicht. So, ist das jetzt alles? Auf Wiederhören!
Solche Schlagabtäusche lernte Meike erst mit der Zeit. Wirklich verstanden, warum Leute sich so gerne zoffen, hat sie nie.
Opa Karl lachte: Du bist halt zu nett, Meikchen. Manche gehen halt lieber mit dem Stock durchs Leben anstelle von frischem Brot. Aber lass dich nicht verbiegen!
Und Meike lernte. Mal aus Fehlern, mal durch die Güte anderer.
Eines Tages jedoch stand eine kleine, runde Frau mit zwei Mädchen, die unverkennbar Gerds Töchter waren, vor Meikes Tür.
Hallo, ich bin Sabine, Gerds Frau. Können wir mal reden?
Das Gespräch dauerte lang, war anstrengend, aber danach hatte Fabian nicht nur einen Papa zurück, sondern auch zwei Schwestern.
Wir haben eigentlich nichts zu teilen, Meike, meinte Sabine. Anfangs hab ich die Schwiegermama zu viel gehört du bist schlecht, Fabian auch seltsam. Aber irgendwann hab ich gemerkt, die redet in jedem Haushalt so. Und Fabian braucht seinen Vater.
Was sollte Meike da sagen? Sie sprach mit Fabian und ließ alles auf sich zukommen.
Ein Jahr später starb Irmgard. Sabine hatte sie gepflegt, aber als sie endlich weg war, atmete alle erleichtert auf.
Weißt du, Meike, so gestorben zu werden, dass alle bloß erleichtert sind das ist kein Lebensziel!
Ach was, du lebst schon ganz anders, Sabine. Bei dir werde ich eines Tages garantiert heulen!
Labertasche, lachte Sabine.
Als Fabians Blick zu leuchten begann, als er von Annika erzählte, wusste Meike: Nun wurde es ernst. Ob sie alles richtig gemacht hatte mit ihrem Sohn, würde sich daran zeigen, wie sie selbst der neuen Schwiegertochter begegnete.
Es wurde einfacher, als sie Annika besser kennenlernte. Ein dünnes Persönchen, mehr Spatz als Frau, das sich fast hinter Fabians Rücken unsichtbar machte.
Komm rein, Annika. Ich beiße nicht!
Ich hab keine Angst!
Annika klang gar nicht so mutig, wie sie tat. Die Hände zitterten, der Schal weigerte sich hartnäckig, entwirrt zu werden.
Selbst gestrickt?
Selbst. Frau Behrendt aus dem Heim hats mir beigebracht. Wer wollte, durfte Stricken lernen. Ich mochte sie sehr.
Warst du im Heim?
Das Spätzchen Annika plusterte sich wütend auf, aber Meike winkte lässig ab: Ach, jeder hat eben seine eigene Geschichte. Nicht böse sein, ich frag einfach, weil ich dich besser kennenlernen möchte. Als Tochter halt. Opa müssts ja absegnen.
Groß viel erfuhr Meike zunächst nicht. Annika blieb misstrauisch, sprach nur das Nötigste, pickte verschämt am Brot herum. So höflich, so schüchtern konnte ein Heimkind dermaßen wohl erzogen sein?
Monate vergingen. Immer mehr wuchs Annika zur Familie Opa Karl war sowieso restlos begeistert und verbot Meike, bei Kleinigkeiten zu pingelig zu sein.
Als Meike sich später das Bein brach sie rutschte im Bus auf einer der fiesen Metallstufen aus und ins Krankenhaus kam, da brachte Annika tagelang Suppe und Obst, half, strahlte. In diesen Tagen wurde Meike erst wirklich klar, wie schwer das Mädchen es hatte.
Meine Mutter kam ins Gefängnis, als ich eineinhalb war.
Weshalb?
Diebstahl, irgendwas anderes. Sechs Jahre. Meinen Vater kenn ich gar nicht. Oma wollte mich nicht, war ihr zu viel.
Alt? Oder krank?
Weder noch. Sie kam mit meiner Mutter nicht klar und wollte einfach ihre Ruhe. Tja.
Hat deine Mutter sich denn später gemeldet?
Ja, sie hat geschrieben. Ich konnte nicht lesen, aber andere habens mir vorgelesen. Sie schrieb immer, sie holt mich, sobald sie kann. Ich hab stundenlang am Fenster gesessen und gewartet
Ist sie gekommen?
Nein. Ich wurde sieben, acht, sechzehn… Sie tauchte nie auf. Nur Briefe, dass sie Sehnsucht hat und mich will.
Warum hat sie dich nicht geholt?
Sie hatte eine neue Familie, sagte Annika leise und schnitt am Apfel herum. Ich hab auch eine Halbschwester.
Meike musste schlucken.
Annika war nicht verbittert, bloß traurig.
Später kam ihre Mutter, Hildegard, wirklich vorbei, ein Jahr nach der Hochzeit mit Fabian. Die Verwandtheitsforschung brachte sie persönlich vorbei, trank Prosecco auf Familie.
Na, Annika, da bist du jetzt schon verheiratet und gleich Mutter! Da wird sies schon verstehen, wie es ist, wenn das Leben eine durchwirbelt. Aber Dankbarkeit? Da kann man lange warten! Kinder wissen nie, wie schwer das war!
Annika laufen die Tränen übers Gesicht, als ihre Mutter wieder geht. Meike verstand nix mehr, nur dass Annika eine Ewigkeit im Zimmer sitzt, bis sie schließlich kraftlos an den Tisch kommt.
Vor Leas Geburt schlug Meike vor: Lass uns raus aufs Land ziehen, zu Opa. Dort ist ein Haus, du kannst arbeiten, Lea kann in die gute Schule. Opa braucht sowieso Hilfe!
So kam es. Opa räumte ihnen das Haus, zog selber in die neu gebaute Anliegerwohnung.
Als Hildegard erneut auftauchte, eskalierte es. Annika stritt mit Fabian, Fabian mit seiner Schwiegermutter, Meike hätte Hildegard am liebsten samt Koffer aufs Dorf hinaus eskortiert, als die versuchte, zwei Monate alten Lea ein Stück Speck in den Mund zu stecken.
Hilde! Bist du verrückt?!
Wieso? Hab ich bei meinen Kindern auch gemacht. War gesund!
Meike riss Lea an sich, brachte sie zurück, und setzte sich dann fest an den Küchentisch.
So läuft das nicht. Erst fragen, dann füttern, klar?
Du fragst doch auch nie! Annika lebt hier faule Haut! Erst sorgen andere für sie, dann soll sie alles bestimmen?,
Hildegard, was willst du hier eigentlich?
Ich will Unterhalt. Ich hab sie geboren, jetzt soll sie sich mal kümmern. Mein Mann ist krank, ich hab genug an der Backe.
Und du meinst, Annika soll nun brav für euch blechen?
Na klar! Das deutsche Recht gibt das her!
Und was bist du ihr eigentlich schuldig? rief Meike fast zu laut.
Hildegard grinste schief.
Meike stapfte kopfschüttelnd in die Küche und spülte. Sie wusste: Diese Frau würde nicht eher Ruhe geben, bevor Annika nicht an allem verzweifelt wäre.
Am nächsten Tag hörte Meike zufällig durchs Fenster, wie Hildegard im Flur mit Annika tuschelte. Wenig später war Hildegard weg hinterließ allerdings einen Tränensturm und komplettes Chaos.
Meike zog sich zurück und rief Opa an.
Opa! Was sagen die Finanzen?
Es dauerte keine Woche, da unternahm Meike eine Reise.
Zwei Tage später setzte sie sich vor Annika, reichte ihr eine Tasse Kaffee.
Ich hab dich ausgelöst.
Was?
Deine Mutter kommt nicht mehr. Du bist jetzt frei.
Annikas Augen wurden riesig wie Blaubeeren.
Echt jetzt?
Meike lächelte und drückte Annika erstmals so fest wie einen eigenen Menschen.
Ja, Manuela. Sie kommt nicht mehr wieder. Wir regeln jetzt alles mit nem Anwalt und übrigens, sie hat dir nie Unterhalt gezahlt, all die Jahre im Heim. Das heißt, sogar rechtlich bist du fein raus.
Annika schluchzte.
Aber warum hast du ihr dann überhaupt Geld gegeben?
Weil keiner in meinem Haushalt meine Kinder schikanieren darf. Basta! Frieden ist hier, und das bleibt so.
Und Annika verstand plötzlich: Meike redete immer von meinen Kindern, nicht meinem Sohn. Da wurde ihr das Herz leicht.
Ich bin doch auch dein Kind oder nicht?
Meike lachte: So dumm kann man gar nicht sein, dass man das nicht merkt. Du gehörst genauso dazu wie Fabian!
Annika wischte sich Tränen weg und presste aus sich heraus, was sie immer mal sagen wollte:
Danke, Mama
Und Meike heulte ein bisschen mit, aber diesmal lachte sie dabei und sagte: Na, endlich!Lea gurgelte in Meikes Arm, rieb ihr feuchtes Fäustchen an der Großmutter-Wange, und unten auf der Holztreppe stampfte Opa Karl in Hausschuhen herauf, um nach dem Rechten zu sehen. Als er Annika und Meike so eng aneinandergedrückt am Tisch sah, füllten sich seine alten Augen hinter den Drahtgläsern leise mit Glanz.
Was ist denn hier los? fragte er, Nase hoch und wissend blinzelnd.
Meike hielt Annika fest und sagte lachend: Opa, wir habens jetzt begriffen. Familie sucht sich niemand aus, aber zusammenhalten das schon.
Karl zwinkerte, kam näher, legte der Enkelin eine schwere, warme Hand auf die Schulter. Ja, mein Kind. Manchmal muss man eben den eigenen Stall bauen, den eigenen Herd entfachen. Blut ist dünner als Wasser, sagt man. Aber Herz das wiegt alles auf.
Annika drückte sich an ihn und lächelte zärtlich zu Meike, zu Lea, zu diesem alten Mann, der einmal fast alles aufgegeben hatte, nur damit eine müde Mutter mit jungem Sohn nicht unterging. Hier, zusammen an diesem alten Eichentisch, war nach all dem Chaos endlich Ruhe.
Im Flur klapperte die Post, der Regen peitschte gegen die Fenster. Drinnen saßen drei Generationen, Schulter an Schulter, während draußen die Welt schäumte und es war ihnen egal. Denn irgendjemand lachte. Irgendjemand kochte Tee. Und jemand erklärte gerade der kleinen Lea, dass sie eine sehr große Familie hatte, mit Omas und Opas und Tanten, die vielleicht nie einen Brief schrieben, aber immer Platz am Tisch bekommen würden.
Als es Zeit wurde, das Abendessen vorzubereiten, sagte Annika zum ersten Mal mit funkelnden Augen: Soll ich heute die Suppe machen? Für uns alle?
Meike grinste und nickte, Opa Karl schob zufrieden die Brille auf die Stirn. Draußen wurde es langsam dunkel, drinnen brannte Licht. Und als Annika die Tür zur Küche öffnete, wusste sie der Stammbaum spielte keine Rolle mehr. Familie war, wer blieb, auch wenn das Leben tobte.
Und das, dachte sie, war mehr, als jede Abstammung bieten konnte.





