Überflüssig

Leonie, warum bist du nicht in der Schule? Johanna stellte die schweren Einkaufstaschen neben der Wohnungstür ab und lehnte sich mit einem tiefen Atemzug an die Wand.

Was für ein Tag! Kaum ist auf der Arbeit die Hölle los und der Chef brüllt schon wieder herum, da hat anscheinend auch noch ihre jüngste Tochter ein neues Problem am Hals. Warum trifft mich das ständig?!

Mama, mein Bauch tut weh. Leonie stand gekrümmt in der Tür zum Kinderzimmer und ließ die Arme hängen.

Johanna verzog das Gesicht. Diese Haltung, die Leonie sich in letzter Zeit immer wieder aneignete, nervte sie. Ist es wirklich so schwer, gerade zu stehen?! Bei Kathi und Matthias, den beiden Älteren, geht das doch auch problemlos. Gut, Kathi turnt ja und da wird auf die Haltung geachtet. Und Matthias, mit seinen Schwimm und Karatekursen der kennt keine Probleme mit dem Rücken. Aber Leonie ist irgendwie immer so matschig, lasch, ungreifbar. Und ständig tut ihr was weh: mal der Kopf, mal der Bauch, mal alles zusammen. Eigentlich meldet sie sich seit Johannas heftigem Schimpfen nicht mehr selbst von der Schule ab. Wieso sie heute zu früh zurück ist? Keine Ahnung und ehrlich gesagt, will Johanna jetzt gar nicht nachfragen. Heute hat doch Sebastian Geburtstag sie muss dringend mit dem Kochen anfangen. Am Abend wird die ganze Verwandtschaft da sein, und alles soll rechtzeitig auf dem Tisch stehen.

Johanna schlüpfte in ihre Hausschuhe, ging in die Küche und vergaß Leonie für den Moment. Leonie stand noch einen Augenblick im Flur und verschwand dann wieder in ihr Zimmer. Sie kletterte mit angezogenen Beinen aufs Bett, drückte ihren abgenutzten alten Plüschbär, Fritzchen, an sich und wurde ganz still.

Sie verstand längst, dass die Mutter gerade keine Zeit für sie hatte, und wollte sie nicht stören. Wozu auch? Die Tablette hatte sie gleich nach der Schule eingeworfen, und der Schmerz war nicht mehr zerreißend, sondern eher so wie ein kleines, böses Tier, das an ihrem Innern nagte und gelegentlich kratzte und biss aber nur so viel, dass sie wusste, wer hier das Sagen hat.

Fritzchen, dem Leonie einen Knopf statt des verlorenen Auges angenäht hatte, tat seine Arbeit wie immer. Leonie wusste nicht wie, aber der Schmerz ließ nach, und sie küsste ihren abgeliebten alten Bären kurz auf die Nase. Dann setzte sie sich an den Schreibtisch, den sie mit ihrer Schwester teilte. Sie musste sich beeilen Kathi kam bald vom Training, dann musste sie Platz machen. Und zwar ordentlich, sonst würde ihre Schwester einen Aufstand veranstalten, bei dem die Mutter irgendwann genervt ausrufen würde:

Wollt ihr mich ins Grab bringen? Reißt euch mal zusammen und klärt das unter euch!

Natürlich löste das nie jemand. Kathi kneifte einfach schmerzhaft, wenn keiner hinsah, und zischte dann wie eine gereizte Gans auf dem Teich bei Oma:

Jetzt reichts aber!

Für Leonie bedeutete das, dass sie sich in eine Ecke verkroch und wartete. Und am Abend, wenn die Mutter das Licht im Kinderzimmer löschte, durfte sie bloß nicht aufschreien, wenn ihre Schwester wieder eine Erziehungsmaßnahme einleitete, nach der sie tagelang auf der Bank in der Turnhalle saß statt beim Schulsport mitzumachen und hitzig errötete, wenn die Klassenkamerad:innen lachten:

Möller, schon wieder die Tage? Das ist ja auffällig oft, lass dich mal checken!

Sport mochten fast alle in Leonies Klasse außer man war mal krankgeschrieben, oder… Das sprachen sie selten offen aus, aber unter den Neunten, die durch BioZusatzkurse zu echten Expert:innen geworden waren, blieb kein Geheimnis mehr.

Leonie versteckte sorgfältig die blauen Flecken, die sie von den Spaziergängen mit Kathi hatte, und steckte die Nase ins Buch sie wusste genau, das Einzige, womit sie den Eltern Freude machen konnte, waren Noten. Gute Noten. Und das Lernen gefiel ihr eigentlich immer. Nur machte ihr Körper manchmal nicht mit. Darüber sprach sie allerdings kaum nur, wenn jemand direkt fragte, oder sie wirklich Unterricht versäumte. Sie hatte längst begriffen: Jammern bringt nichts. Niemand tut eh etwas. Die Mutter hielt ihre Beschwerden für Fantasie, der Vater ignorierte sie sowieso. Meistens hörte sie auf ihre Klagen:

In deinem Alter, was soll denn da wehtun? Warum jammern die anderen nicht Kathi und Matthias haben doch auch nichts!

Die kleine Leonie weinte damals noch. Jetzt nicht mehr. Wortlos holte sie sich die Tabletten aus der Hausapotheke, die ihr Oma Helga nach einem Arztbesuch gezeigt hatte, und lebte weiter. Mit elf wusste Leonie schon genau, was sie bei Kopfschmerzen nahm, was bei Bauchweh. Mit fünfzehn war sie Expertin in den eigenen Problemen sie fragte die Mutter gar nicht mehr um Rat.

Eigentlich sollte Leonie jetzt mit den Hausaufgaben anfangen, aber der Kopf war schwer. Gedankenverloren strich sie über die Hefte, legte ihre Lieblingslektion Biologie zur Seite und öffnete das Heft für Geometrie.

Sie versuchte die neue Theorie zu pauken, als plötzlich die Zimmertür aufriss und Kathi hereinstürmte:

Bist du noch an meinem Tisch? Sofort weg da, ich muss für die Prüfungen lernen!

Leonie sammelte ihre Hefte zusammen, bevor Kathi alles auf den Boden fegte das war nämlich ihre Art von Ordnung. Bücher, Stifte, alles flog dann.

Bin ja schon weg!

Na endlich! Mach dich am besten unsichtbar ich brauch heute keinen Stress, Stas kommt gleich!

Leonie murmelte: Dann gehe ich Mama helfen.

Tja, null Interesse, geh doch wohin du willst Hauptsache nicht hier! Kathi angelte in ihrer schicken roten Kosmetiktasche. Johanna hatte für Kathis Schminke nie gespart: Wenn schon, dann nur teure Marken.

Leonie konnte davon nur träumen.

Was gibts bei dir denn zu schminken? Johanna drehte das Gesicht ihrer kleineren Tochter im Licht, verzog das Gesicht sofort sah man, wie die Pickel sprießen. Kathi hatte nie solche Hautprobleme. Und meine! So klar, da braucht’s keine Pflege. Und du? Von wem hast du das bloß? Selbst dein Vater sieht besser aus! Geh dich öfter waschen Kosmetik ist für dich tabu, und an Jungs brauchst du gar nicht erst zu denken.

Von Jungs wollte Leonie nichts wissen. Sie hatte Angst, überhaupt daran zu denken. Wer sollte sie schon mögen, so hübsch wie sie war?! Egal, was Oma immer sagte das ginge vorüber, alle würden mal erwachsen Leonie glaubte es nicht. Ein Blick auf die Mutter oder Kathi reichte: Sie war das hässliche Entlein. Schlaksig, voller Pickel, mit Brille und ohne jede Aussicht, je ein Kompliment zu hören: Frau Möller, Ihre Tochter wird so hübsch! Das galt immer nur Kathi.

Leonie sah, wie alle Kathi anhimmelten Verwandte, Nachbarn, alle fanden sie zauberhaft, schlank, wie eine Puppe. Und Kathi zeigte sich immer brav, senkte demütig den Blick bei Komplimenten gutes Benehmen hatte sie früh gelernt. Nur Leonie kannte die andere Kathi.

Als sie miterlebte, wie Kathi fluchend die Hefte in die Ecke warf, war sie nicht mal wütend. Sie tat ihr leid… Natürlich hätte sie das niemals offen gesagt, sie wusste, wie das ausgehen würde. Also sammelte sie still ihre ramponierten Schulbücher ein, und ihre Großmutter fiel ihr ein:

Es ist Sünde, über die Schwachen zu lachen. Und böse auf sie sein auch Sünde. Wer ein armes Herz hat, ist arm dran vor allem selbst. Denn wo im Innern nie etwas Gutes erwacht, wo kein Mitgefühl aufkommt, bleibt es leer. Eine verkohlte Wiese. Und glaubt bloß nicht, alles bleibt immer, wie es ist irgendwann zerreißt dich das.

Das sagte Oma Helga immer, die Einzige, die Leonie nie für überflüssig hielt.

Selbst Matthias, zu dem sie ein angenehmes, aber distanziertes Verhältnis hatte, ignorierte sie meist Kathi begegnete er aber erst freundlich, als bei ihr plötzlich hübsche Freundinnen auftauchten.

Überflüssig Das Wort hörte Leonie mit fünf zum ersten Mal. Die Eltern stritten heftig nachts, sie wachte auf, drückte Fritzchen fest an sich.

Hab ich dir nicht gesagt, dass wir kein drittes Kind brauchen? Du hast es entschieden, als es schon zu spät war obwohl meine Mutter Lösungen angeboten hat.

Deine Mutter! Die denkt immer nur an sich! Wenn mir was passiert wäre, was dann? Meine Mutter hätte meine Kinder kaum allein durchbekommen deiner traue ich nicht mal eine Katze zu. Drei Tage und das Tier wäre tot, geschweige denn ein Kind!

Sag nichts gegen meine Mutter! Sie hat mich schließlich großgezogen! Sie wollte nur nicht noch ein Extraschnäppchen in der Familie! Zwei Kinder hätten gereicht!

Stimmt. Aber wer wars denn, der unbedingt noch mal zelten musste?! Und jetzt haben wir halt ein zu viel. Was sollen wir bitteschön mit ihr machen?

Nichts… Der Vater ging schwer durchs Zimmer, und Leonie zog die Decke über die Nase. Sie wohnte damals bei der Oma in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Leonies Bett stand im Elternschlafzimmer für ein Kinderzimmer war kein Platz.

Das ist alles Unsinn, sagte er schließlich leise.

Was? Das Kind?

Nein, sich zu streiten. Das ist alles Unsinn.

Die Eltern flüsterten noch lange, bevor das Licht erlosch, das Johanna mit ihrem Seidentuch abgedeckt hatte. Leonie dachte nach.

War sie wirklich so unnötig, sollte sie dann nicht einfach gehen? Dann würden alle zufriedener sein, vielleicht sogar Oma Irmgard, die Leonie fürchtete und aufrichtig nicht mochte.

Wohin war ihr klar: zu Oma Helga.

Sie wohnte weit draußen, aber Leonie wusste, man fährt mit dem Zug dorthin sie musste nur zum Bahnhof kommen.

Am nächsten Sonntag, Kindergarten war aus, stand sie früh auf, schlich in den Flur, wo eine kleine Tasche bereitlag mit Lieblingsbuch und neuen Kniestrümpfen mit Bommel. Fritzchen schaute skeptisch von der Kommode zu, wie Leonie Gummistiefel und einen Regenmantel überzog.

Schau nicht so! Draußen ist es nass, bei Oma im Dorf noch schlimmer. Herbst eben. Ich mache alles richtig, Hauptsache: Keiner merkts.

Fast bis zur Straßenbahnhaltestelle kam sie, als Nachbarin Frau Schulze sie abfing.

Wohin so früh, Leonie? Wo ist denn Mama?

Zuhause.

Und Papa?

Auch nicht. Ich gehe alleine.

Aha! Und wohin?

Zu Oma!

Ganz alleine? Warum?

Weil ich überflüssig bin. Aber bei Oma nicht. Tschüss.

Leonie verabschiedete sich, wie sie es gelernt hatte, und lief los. Frau Schulze, schockiert von Leonies ehrlichen Worten, lief ihr dann doch hinterher:

Leonie! Wie willst du denn mit dem Zug fahren?

Na, Karte kaufen.

Dafür brauchst du einen Ausweis. Papas oder Mamas Ausweis und deine Geburtsurkunde. Sonst gibts kein Ticket.

Wie beim Bus?

So ungefähr. Aber beim Bus brauchst du keine Papiere. Beim Zug schon. Hast du die?

Leonie schüttelte den Kopf.

Nein…

Dann holen wir die. Lass uns zu dir gehen und du nimmst alles Wichtige.

Leonie nahm Frau Schulzes Hand und versprach Fritzchen auf der Kommode:

Gleich bin ich wieder da, dann gehts wirklich los. Versprochen!

Die Eltern merkten erst, was los war, als Frau Schulze Leonie an der Hand zur Wohnung brachte. Johanna war gerade beim Pfannkuchenbacken, schaltete genervt den Herd aus.

Wer stört denn so früh?!

Als sie Frau Schulze mit Leonie auf der Schwelle sah, rief sie nach ihrem Mann:

Sebastian! Komm sofort her!

Das Gespräch war kurz und wenig erfreulich. Unter Papas Blick verkroch sich Leonie und verschwand schweigend ins Kinderzimmer, wo die verschlafene Kathi sie empfing.

Was hast du schon wieder angerichtet?

Den Rest des Sonntags verbrachte Leonie in der Ecke, dorthin gestellt vom Vater mit strengem Ausgehverbot. Kathi lachte sie aus, zeigte ihr die Zunge, brachte nach einer Weile aber immerhin Fritzchen rüber.

Hier, los, heul nicht! Papa ist bald wieder cool. Du weißt doch, er meint es nicht böse. Denk mal vorher nach!

Diesen Satz hörte Leonie ständig und war deshalb immer wütend auf ihren eigenen Kopf, der einfach nicht so funktionieren wollte wie verlangt.

Oma antwortete darauf meist lachend:

Leonie, nicht jeder lebt mit dem Kopf. Manche leben mit dem Herzen. Das ist vielleicht nicht immer das Beste, aber wenn Gott es einem so gibt was soll man machen?

Ist das denn nicht gut? wunderte sich Leonie.

Ein Herz kann sanft, sondern auch neidisch oder böse sein. Dafür ist der Kopf da damit man das Herz im Zaum hält.

Und wie ist meines?

Deines? Sehr golden, mein Schatz. Und das macht mir Angst.

Wieso?

Ich will nicht, dass dir wehgetan wird.

Diese Worte merkte sich Leonie tief. Wenn sie mal unglücklich war, dachte sie daran und es wurde ein wenig leichter. So schlimm kann sie nicht sein, wenn Oma sie für einen guten Menschen hält.

Seit dem missglückten Fluchtversuch machte Leonie nichts mehr in dieser Richtung. Kathi und Matthias erklärten ihr deutlich, dass Kinder Eigentum der Eltern seien bis man volljährig ist, bleibt alles, wie es ist. Und Leonie wartete auf ihren achtzehnten Geburtstag, bereitete sich vor, plante. Sie hatte sich für eine Ausbildung entschieden Tierärztin.

Tierärztin? Leonie, das ist doch Unsinn!

Warum denn, Mama?

Das ist doch keine richtige Zukunft! Schau Kathi an: Die wird Wirtschaftswissenschaftlerin. Sicheres Geld, Perspektive! Und du?

Bitte, Mama. Lass mich machen.

Ach, mach doch wie du willst. Strafe ist das, kein Kind! Kein Wunder, dass mit dir nie was klappt!

Leonie hörte sich das an, innerlich triumphierend: Ihr Plan begann zu greifen. Vorbereitung machte sie alleine Nachhilfe wollten die Eltern nicht finanzieren.

Wenn du so stur bist wie Kathi und Matthias, ja, dann bitte mach alles allein. War ja deine Wahl.

Der Gong an der Tür riss Leonie aus den Gedanken. Besuch… Tja, sie musste ins Wohnzimmer, sich wenigstens kurz blicken lassen.

Leonie! Himmel, bist du dünn! Kriegst du denn nichts zu essen? Und die Augenringe! Johanna, das Mädchen gehört zum Arzt! Mir gefällt das nicht!

Irmgard, Leonies Oma, elegant wie immer, zog die Handschuhe aus und rügte ihre Schwiegertochter:

Und Katharina? Ist sie nicht da? Ich wollte sie sehen! Hab sie dreimal angerufen, nie antwortet sie! Tja, Matthias lebt sein eigenes Leben in München. Aber von wem soll ich denn sonst Hilfe erwarten?

Oma, ich könnte am Dienstag zu dir kommen und helfen mischte Leonie sich ein, ehe die Mutter noch verzweifelter wurde.

Das brauche ich nicht ich will, dass Katharina das macht!

Aber ich komme nicht, sagte Kathi und wirbelte im schicken Kleid ins Zimmer. Ich habe Prüfungen und außerdem ein Privatleben, Leute! Seid nicht so egoistisch!

Na gut…

Irmgard’ Unmut wich einem Lächeln, als Kathi die Tür aufriss und Stas vorstellte: Das ist mein Verlobter, Stanislaus.

Leonie verschwand still in die Küche. Sie half der Mutter, hörte die Gespräche im Esszimmer und wurde stiller und stiller.

Kathi, was für ein Glückskind! Intelligent, schön, alles perfekt! Leonie, du… na ja…

Wer kommt schon auf die Idee, Tiermedizin zu studieren! Warum nicht wenigstens Humanmedizin? Menschen helfen das ist ein Beruf!

Leonie, an solche Sätze längst gewöhnt, sagte nichts. Wozu? Niemand wollte hören, was sie wirklich dachte.

Kathi verzog theatralisch die Augen und wechselte das Thema, als Leonie ihr das Fischgericht reichte:

Ihr hättet unsere Ringe sehen sollen! Stasi, nicht wahr? Ein Traum!

Leonie nickte nur dankbar und stellte fest, dass alles fertig war. Sie verschwand wieder in die Küche, niemand bemerkte es. Essen wollte sie nicht der Schmerz kam zurück, also schluckte sie noch eine Tablette und zog sich zurück. Im Halbschlaf hörte sie nicht, wie die Gäste gingen und wie Katharina leise ins Zimmer zurückkam.

Leonie schlief.

Am nächsten Morgen erfuhr sie: Ab jetzt hatte sie das Zimmer allein Kathi zog zu ihrem Verlobten. Das gefiel Leonie.

Ich lass deine Sachen in Ruhe, sagte sie beim Kofferpacken.

Mach das lieber, Kathi kramte in der Kosmetiktasche und legte ihr unbenutzte Lippenstifte, Wimperntusche und Cremes hin. Wird Zeit, dass du lernst, damit umzugehen. Du bist alt genug!

Leonie wollte protestieren, schwieg aber und sagte leise:

Danke…

Die folgenden Jahre lebte sie, wie sie es sich vorgenommen hatte nur Lernen, sonst nichts.

Kathi bekam zwei Kinder, war voll in die Rolle als Mutter vertieft, was das gesamte elterliche Interesse auf sie lenkte das war Leonie sogar recht. Sie musste sich jetzt um ihr eigenes Leben kümmern.

Als sie schließlich ihren Abschluss in der Tasche hatte und verkündete: Das wars, ich ziehe aufs Land, nahmen die Eltern es fast gelassen.

Dorfleben? Leonie, du bist wirklich nicht normal. Gut, dann geh. Aber wundere dich nicht, wenn du später wiederkommst, dass wir dich anders sehen als früher.

Das war Leonie nun egal. Sie packte, verabschiedete sich von ihren Nichten und fuhr zu Oma Helga.

Dort wartete man auf sie. Dort war sie nicht mehr überflüssig.

Helga empfing die Enkelin mit offenen Armen, stöhnte aber erst einmal:

Leonie! Bist du sicher? Du bist doch ein Stadtkind.

Oma, du schickst mich aber nicht weg?

Natürlich nicht!

Dann lass mich selbst entscheiden, wo ich hingehöre, ja? Ich fühl mich hier… so ruhig… so echt. Das heißt doch, dass mein Platz hier ist.

Leonie fand sich schnell ein: Das Umland war groß, Arbeit gab es genug, sie wurde bald als Tierärztin sehr gefragt. Sie hatte ein Händchen für Tiere und fand immer einen Draht zu den Menschen.

Helga, deine Enkelin ist was Besonderes. Schon versprochen?

Die Frage amüsierte Leonie, bis sie Viktor begegnete. Fast zehn Jahre älter als sie, mit großem Hof und einem kleinen Sohn aus erster Ehe. Seine Frau war kurz nach der Geburt verstorben, mit Hilfe einer alten Tante zog er den Jungen auf. Die Mutter war schon tot, sonst war keine Hilfe da.

Willst du etwa heiraten? Leonie, hast du das gut überlegt? Johanna blickte fassungslos zu ihrem Mann. Ein Witwer mit Kind! Da brauchst du mehr als nur Verstand. Musste das sein? Warum kannst du nicht einfach wie deine Geschwister sein? Bei denen läuft es doch…

In der Küche roch es nach Baldriantee, aber Leonie wusste, das war alles Nebensache. Kathi, inzwischen wieder öfter am Telefon, war längst nicht mehr so glücklich mit ihrem Mann, und Matthias war auch orientierungslos. Wozu noch reden? Leonie lebte, wie ihr Herz es wollte. Das Herz war nicht mehr in der Stadt.

Der klapprige Bus torkelte zur Haltestelle vorm Haus.

Frau Doktor Möller, auf Wiedersehen!

Danke, Herr Valentin! Direkt bis zum Tor, das ist Service!

Gute Leute fährt man gerne bis vors Haus. Sag, stimmts, dass du Viktor heiraten willst?

Ja, stimmt!

Gute Wahl! Ihr werdet eine richtige Familie.

Was heißt denn richtige Familie, Herr Valentin? Leonie blieb auf der untersten Stufe stehen.

Das ist, wo man sich gegenseitig respektiert. Wo jeder weiß, er wird gebraucht und gehört. Wo man zusammenhält.

Also da, wo man sich liebt?

Auch. Aber früher sagte man dazu: Man schätzt einander. Das ist mehr als Mitleid. Das heißt, keiner bleibt mit seiner Sorge allein.

Klingt schwierig und doch so einfach, flüsterte Leonie und verbeugte sich. Danke!

Wofür?

Für die Weisheit. In der Schule lernt man viel, aber das Wichtigste sagen sie uns nicht. Und Sie jetzt so in ein paar Sätzen… Danke!

Gern geschehen. Zur Hochzeit, da komm ich aber!

Auf jeden Fall! Bringen Sie Ihre Frau mit!

Die kanns noch besser erklären. Da ist Weisheit!

Bestimmt bis bald! Leonie winkte der Großmutter, sprang vom Trittbrett. Mit ihr habe ich viel zu besprechen…

Zwei Jahre später wanderte Johanna durch das große, helle Familienhaus ihrer Tochter, sah in das Zimmer von Helga, die sie nach dem Schlaganfall zu sich geholt hatte. Sie warf einen Blick in die Wiege, wo das Baby lag und verzog das Gesicht:

Leonie! Dein alter Bär sieht schlimm aus! Warum liegt der bei dem Kleinen?

Leonie richtete Fritzchen liebevoll in der Wiege auf und lächelte stolz:

Der alte ist Gold wert, Mama. Du glaubst nicht, sie schläft mit ihm sofort friedlich ein, immer. Es reicht, wenn er neben ihr liegt.

Seltsam. Aber es wundert mich nicht. Du warst schon immer seltsam. Und als Mutter…

Mama…

Ja?

Ich war so, wie du sagtest: anders, eckig, unsicher. Überflüssig…

Leonie warf ihrer Mutter einen bedeutungsvollen Blick zu. Johanna errötete plötzlich und sah weg.

Jetzt bin ich ganz anders. Verstehst du das? Leonie richtete sich über der Wiege auf.

Johanna nickte langsam, den Blick auf Leonie und das Baby.

Da stürmte der kleine fünfjährige Junge in die Küche, warf einen heißen Quarkbällchen von Hand zu Hand und schmiegte sich an Leonies Knie:

Mama, darf ich noch ein Bonbon?

Hol dir die Schale in der Küche, gib den anderen auch was. Und frag Tante Kathi, ob die Kinder vor dem Essen Süßes bekommen dürfen. Verstanden?

Johanna sah dem Kleinen kopfschüttelnd nach, Leonie lächelte zufrieden zurück.

Ja, Valentin hatte Recht gehabt. Die eigenen Leute muss man eben annehmen, wie sie sind. Sie zu ändern ist nicht der Sinn aber manchmal verändern sie sich ganz von selbst. Vielleicht nur ein wenig, vielleicht langsam. Aber mit Liebe ist selbst ein kleiner Wandel mehr wert als die ganze Welt.

Mama, nimmst du meine Kleine? Ich muss jetzt nach dem Gänsebraten sehen.

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Homy
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Überflüssig
WIE EIN KOFFER MIT ABGERISSENEM GRIFF…