Liesl

Lieschen

Lieschen, schau mal, was für schöne Schleifen mir meine Mama gekauft hat! Mariechen drehte sich stolz vor ihrer Freundin. Zartrosa Schleifen saßen wie Blumen am Ende ihrer langen Zöpfe. Maries Zöpfe waren der ganze Stolz aller Mädchen im Hof. Lang, am Ende leicht gelockt und so dick wie ein Handgelenk. Nadja, Maries Mutter, pflegte Maries Haare schon von klein auf mit Eifer.

Für ein Mädchen sind die Haare ein Schatz. Sieh nur, was für Gold das ist!, sie legte eine Strähne um ihr Handgelenk und zeigte sie Marie. Wer kann an so einer Pracht vorbeigehen?

Und Marie ertrug es. Das Waschen, das zu einem richtigen Ritual wurde, und das mühevolle Entwirren danach. Brav saß sie auf dem Stuhl und sagte nichts, auch wenn Mama mal zu fest zog. Schönheit kostet eben. Aber wie Lischens Augen leuchteten, wenn Marie zufällig einen Zopf über die Schulter warf und die Locke am Ende um ihren Finger drehte das wars wert.

Lieschen war wirklich neidisch. Ihrer Meinung nach gab es kein hübscheres Mädchen als Marie. Sie selbst mit ihren Locken? Die Natur hatte es mit Lieschen nicht gerade gut gemeint: Ihr Haar stand in alle Richtungen, ließ sich nicht bändigen und war kaum zu kämmen. Egal wie sehr ihre Mutter Gerda versuchte, Ordnung in das Wirrwarr zu bringen, es funktionierte nicht.

Lieschen, jede Frau platzt fast vor Neid, wenn sie deinen Kopf sieht. Die gehen zum Friseur für eine Dauerwelle, und du bringst sie einfach so mit!

Lieschen verzog das Gesicht.

Mama! Ich will aber Zöpfe haben wie Marie!

Das kriege ich mit deinen Haaren nicht hin. An lange Zöpfe brauchst du gar nicht zu denken, das käme einem Wunder gleich. Ich kann dir kleine, feine Zöpfchen machen. Aber warum sollte ich so eine herrliche Mähne verstecken, mein Herzchen? Gerda band Schleifen an Lieschens Haarspitzen und küsste sie. Willst du, dass ich dir ein Geheimnis verrate?

Ja, Mama!

Bis jetzt ist noch keine Frau geboren worden, der alles an sich gefallen hat. Wer glattes Haar hat, will Locken und umgekehrt. Der eine mag die Nase nicht, die andere die Beine oder was auch immer. Immer sieht uns etwas bei den anderen besser aus. Wir wollen perfekt sein, das ist nicht schlimm. Aber überleg mal: Wenn wir alle gleich wären, wäre das nicht öde?

Ja, das wäre langweilig.

Eben. Jede ist auf ihre eigene Weise schön. Man kann sich über sein besonderes Merkmal freuen, oder sich ewig grämen, weil man anders sein möchte. Gefallen dir Maries Zöpfe, ist das doch schön und deine wilde Mähne ist auch ein Traum. Ganz sicher beneidet Marie dich heimlich auch ein wenig.

Meinst du?

Ich weiß es! Sie sagt es dir nur nie.

Warum?

Ein bisschen Mädchenschlauheit. Du bist noch klein, aber Marie weiß schon, was sie will. Wenn sie zugibt, dass bei dir etwas toller ist, schaust du sie nicht mehr mit diesen großen Augen wie auf einen Lebkuchen an. Genau! Geh schon, deine Freundin wartet.

Die Freundschaft zwischen Marie und Lieschen war eigenartig und tief. Sie kannten sich praktisch seit Windeln, waren im gleichen Kindergarten, dann Schule, lebten Tages für Tag miteinander. Ein gemeinsames Leben fast, und doch schwang immer ein seltsamer Wettstreit mit. Sie stritten nie, aber beide spürten, dass es ein gewisses Kräftemessen gab. Ließchens ruhiges Gemüt als Einzelkind half dem Verhältnis, während Marie, mit einer großen Schwester, an kleine Machtspielchen gewöhnt war und diese auch mit Lieschen ausspielte. Sie nannte das, wie ihre Schwester Silvia: Jemanden auf seinen Platz verweisen. Was dieser Platz war, wusste Marie selbst nicht so recht, aber sie mochte den Ausdruck.

Ihre Kindheit war unbeschwert. Die Eltern taten alles für die Mädchen. Nadja arbeitete in einem Kaufhaus, so waren die beiden immer schick gekleidet. Gerda bedankte sich dafür oft bei Nadja. Das Einzige, was den Mädchen nicht gefiel: Meistens trugen sie dasselbe Outfit. Sie beschwerten sich selten, doch als sie mit fünfzehn gemeinsam im gleichen Kleid zum Geburtstag einer Freundin gingen und ausgelacht wurden, war Schluss. Jetzt übernahm Gerda die Verantwortung. Sie arbeitete im Theater und besorgte von nun an Stoff, den eine befreundete Schneiderin verarbeitete Problem gelöst.

Lieschen, weißt du schon, was du nach der Schule machen willst?, fragte Marie, obwohl sie die Antwort ahnte: Lieschen hatte, solange sie denken konnte, jedes verletzte Tier gesund gepflegt. Katzen, Hunde, Tauben ständig brachte Lieschen neues Getier mit nach Hause. Gerda förderte diesen Hang zur Medizin.

Ich will Medizin studieren.

Oh je, da muss man aber viel lernen. Marie klappte ihr Biologiebuch zu und zeigte mit hochgezogenen Augenbrauen drauf. All das muss man können!

Nicht nur das. Mama hat mir schon Prüfungsfragen gebracht; ich muss früh anfangen.

Aber wir sind doch erst in der 9. Klasse!, staunte Marie.

Eben drum, bleibt eh kaum Zeit.

Ich will wie Mama Handelsfachwirtin werden und nie wissen, was Mangel bedeutet.

Marie wusste noch nicht, dass sich bald die Regale in den Läden der Stadt füllen würden doch der Beruf blieb gefragt. Einige Jahre später würde Marie mit dem Erlös aus Omas Wohnung ihr eigenes Geschäft eröffnen, dann noch eines und noch eines. Sie würde viel verlieren, doch wieder aufstehen, so hartnäckig wie sie immer war. Aber das lag noch vor ihnen jetzt saßen sie im Schrebergarten von Lieschens Eltern und büffelten gemeinsam für Prüfungen.

Lieschen!

Ja?

Hast du gesehen, wie Sascha mich gestern angeschaut hat? Marie ließ sich in den Sessel fallen, ihre Zöpfe schlängelten bis zum Boden. Ich glaub, er mag mich.

Lieschen schwieg. Wie sollte sie Marie sagen, dass Sascha gar nicht sie angeschaut hatte? Für Marie war immer klar: Sie war der Mittelpunkt der Welt. Wer sich für jemand anderen als sie begeistern konnte, musste ja verrückt sein! Ihrer Meinung nach wirkte Lieschen neben ihr wie ein Clown wildes Haar, riesige Schuhe in Größe 40, eine eher kräftige Figur. Selbst wenn Lieschen noch mädchenhaft schmal war das würde sich bald ändern und sie würde aussehen wie eine von vielen. Sie, Marie, war das Ideal. Vom Vater der Größe und blauen Augen geerbt, von der Mutter das Profil einer griechischen Göttin und herrliches Haar. Als sie einmal Die Geburt der Venus betrachteten, hauchte Lieschen bewundernd:

Das bist du, Marie! Sieh nur!

Mehr konnte niemand Maries Selbstbewusstsein streicheln. Vor dem Spiegel erkannte sie die Wahrheit dieser Worte.

Lieschen stand auf, schloss das Lehrbuch und legte es auf den Tisch. Magst du Kompott?

Gerne! Wart mal, Lieschen. Soll ich Sascha sagen, dass ich ihn mag?

Lieschen seufzte. Sie wollte das Thema vermeiden, aber es musste wohl sein.

Also… Marie, das ist kompliziert…

Was? Hat er dich gebeten, mit mir zu reden?, Marie klatschte in die Hände.

Nein. Marie, wir saßen gestern nebeneinander.

Und?

Sascha hat nicht dich angeschaut.

Marie lachte. Wen denn? Doch wohl nicht dich? Doch als Lieschen schwieg, wurde Marie ernst. Etwa dich?

Ja. Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Schon vor zwei Wochen hat Sascha mir gesagt, dass er mich mag und gefragt, ob wir zusammen sein wollen.

Na so was…, Marie stand langsam auf und ging zum Fenster.

Was sie jetzt fühlte, hätte sie kaum beschreiben können. Dass Sascha sie verlassen hatte, traf sie nicht mal so sehr, aber dass er Lieschen gewählt hatte das war unerhört! Das durfte nicht sein!

Und, was hast du ihm geantwortet?, Maries Stimme war ganz ruhig, als hätte sie bei Schwester Silvia einen Kurs über Selbstbeherrschung besucht.

Ich hab gesagt, dass ich keine Zeit habe Bewerbung, Prüfungen und so. Lieschen schummelte damit ein wenig: Sascha wusste natürlich, dass sie ihn mochte aber Marie sollte das nicht wissen.

Marie starrte sie an Lügen konnte Lieschen nie. Marie wurde klar, sie würde alles tun, dass Sascha doch noch Hand in Hand mit ihr durchs Dorf spazierte. Es musste so sein! Er konnte doch Lieschen nicht ihr vorziehen.

Ausgerechnet an diesem Tag schien ihr Plan zu platzen: Am Abend kam Lieschens Vater und holte sie ab.

Mama ist im Krankenhaus, wir müssen nach München zurück.

Gerda hatte sich nie über ihre Gesundheit beklagt und selbst diesmal das Unwohlsein nicht ernst genommen. Nur der glückliche Zufall, dass sie bei einer Probe auf der Theaterbühne zusammenbrach, rettete ihr das Leben Verdacht auf Herzinfarkt.

Alles gut, mein Schatz! Es ist alles in Ordnung!, sagte Gerda, als Lieschen nach fast 24 Stunden im Flur sie endlich besuchen durfte.

Mama, du hast mir einen Riesenschrecken eingejagt!

Da brauchst du keine Angst zu haben! Ich laufe dir sicher nicht davon. Gerda scherzte, aber Lieschen sah ihr an, wie schwer jedes Wort fiel.

Die nächsten zwei Wochen pendelte Lieschen zwischen zu Hause und Krankenhaus. An Lernen war erst gar nicht zu denken, bis Gerda ihr einen Rüffel gab.

Das geht alles vorbei, aber die Zeit holst du nicht mehr nach. Wenn du schon da bist, dann lies wenigstens!

So vertiefte sich Lieschen wieder ins Lernen. Sie telefonierte nicht mit Marie und traf Sascha in der Zeit nur selten. Er brachte sie ins Krankenhaus und erwähnte kein einziges Mal Maries Anrufe oder ihre Versuche, sich interessant zu machen. Sascha versuchte zu erklären, dass sein Herz einzig an Lieschen hing, aber Marie konnte das wohl nicht akzeptieren.

Als Gerda aus dem Krankenhaus kam, hatte Lieschen gerade die letzte Prüfung abgelegt.

Ihr fahrt in den Schwarzwald, Mädels! Mama geht zur Kur, und du wohnst direkt nebenan. Mein Freund hat das organisiert, seine Schwester schaut nach dir. Frische Luft für euch beide!, Lieschens Vater Klemens war stolz. Ich komme vorbei, sobald ich Urlaub nehmen kann.

Das kleine Häuschen in Baden-Baden gefiel Lieschen auf Anhieb. Die Vermieterin, Frau Neumann, zeigte alles und öffnete zuletzt die Tür zu einem hellen Zimmer.

Hier schläfst du. Gefällt es dir?

Lieschen gefiel alles: Die Luft, der Garten voller Blumen, das saubere Wasser, das man hier angeblich sogar aus der Pfütze trinken konnte.

Tagsüber spazierte Lieschen mit der Mutter im Park, abends trank sie mit Frau Neumann Tee und hörte Geschichten aus deren Familie. Das ging eine Woche so, dann kam der Neffe zu Besuch ein Medizinstudent aus Köln. Arthur war nur ein Jahr älter. Sie verstanden sich auf Anhieb, besonders als Arthur erzählte, dass er das erste Jahr im Studium gut überstanden hatte. Lieschen bombardierte ihn mit Fragen, Arthur war gerne bereit zu plaudern.

Frau Neumann nickte zufrieden, als sie die jungen Leute zum Spaziergang gehen sah. Sie mochte Lieschen sehr. Arthurs Mutter war früh gestorben, und der Bruder hatte ihn zu Frau Neumann gegeben. Ledig und kinderlos, war sie überglücklich gewesen, als das Kind bei ihr einzog. Arthur war ihr Sohn, und sie wünschte sich für ihn die beste Schwiegertochter. Schnell war ihr klar: Arthur mochte Lieschen. Aber Lieschen schien in Arthur nur einen guten Freund zu sehen.

Eines Abends fragte Frau Neumann vorsichtig: Lieschen, gibt es jemand Besonderen? Bist du verliebt?

Lieschen gestand, tiefrot, von Sascha.

Ach, schade! Was wärst du für eine Schwiegertochter gewesen! Aber ich freue mich für dich, meine Liebe! Alles Glück!

Abends sagte sie Arthur Gute Nacht, küsste ihn auf die Stirn und flüsterte: Dein Wunschmädchen hat leider das Herz schon verloren. Schade, oder?

Arthur seufzte, dann grinste er: Schade, Tante. Aber wer weiß noch ist nichts entschieden!

Zurück zu Hause stürzte sich Lieschen ins Studium. Dann bekam Sascha den Einberufungsbefehl zur Bundeswehr für sie ein Schock.

Wie? So schnell schon?!

Ist halt so, Lieschen. Mach dir keine Sorgen! Ich diene, dann komme ich zurück, und dann heiraten wir. Wartest du auf mich?

Lieschen schmiegte sich nur an ihn.

Bei der Abschiedsparty saß Marie am lautesten singend am Tisch. Sie warf immer wieder vielsagende Blicke zu Lieschen, die bleich neben Sascha saß.

Ach, diese Liebe! Wegen ein paar Tagen schon so ein Drama wie haltet ihr das aus?

Lieschen schwieg dazu. Sie wusste selbst nicht, wie sie es ohne Sascha aushalten sollte.

Lieschen schrieb Sascha lange Briefe, erzählte von allen Neuigkeiten: Wie sie das erste Mal im Präpariersaal versagte, wie sie in der Prüfung alles durcheinanderbrachte und doch irgendwie die Note 3 bekam, und wie sie ihn schrecklich vermisste.

Dann kam lange kein Brief. Über einen Monat. Schließlich kam ein sehr kurzer, sehr böser Brief von Sascha. Sie musste ihn dreimal lesen, bis sie es fassen konnte:

Mama! Was soll das? Ich versteh gar nichts!

Der Brief war nüchtern: Sascha schrieb, dass er Schluss mache, und Lieschen solle ihr Leben leben, wie sie wolle.

Wir müssen hinfahren, Kind! Da stimmt was nicht. Wenn ihr euch seht, redet ihr!, drängte Gerda und rief gleich am Bahnhof an.

Die Reise half gar nichts. Sascha weigerte sich, Lieschen überhaupt zu sehen.

Gibt nichts zu reden!, war alles, was er über den Kommandanten ausrichten ließ.

Verständnislos fuhr Lieschen wieder heim. Aber aufklären musste sie nichts mehr. Sascha kehrte nach der Bundeswehr nicht zurück. Er meldete sich für einen Job im Norden Deutschlands und verschwand, ohne sich von den Eltern zu verabschieden. Als seine Mutter Lieschen auf der Straße traf, schüttelte sie nur den Kopf.

Ich dachte, du bist ein anständiges Mädchen. Wie konntest du nur?! Mehr sagte sie nie, egal, wie sehr Lieschen sie darum bat.

Lieschen weinte sich in die Kissen, unbegreiflich, wie diese Vorwürfe auf sie kamen.

Kind, hör zu! Gerda hob Lieschens Kopf mit Gewalt an. Das ist falsch, verstehst du?

Was ist denn falsch, Mama?

Alles daran! Wenn er dich einfach so verlässt, warst du ihm wohl gar nicht so wichtig. Ohne ein Wort der Erklärung so Schluss machen, das ist unvorstellbar. Mach dir das klar!

Ich kann nicht, Mama. Was soll ich tun? Wie weitermachen?

Das weiß ich auch nicht gleich. Aber du wirst weiterleben! Glaube mir, irgendwann tut es nicht mehr weh.

Mit Marie hatte Lieschen nur noch sporadisch Kontakt aus alter Gewohnheit, wie Gerda meinte. Ein paar Worte beim Bäcker, kurz schnacken, dann wieder auseinander. Marie kümmerte sich erfolgreich um ihr Liebesleben. Noch vor Ende des Studiums war Lieschen Trauzeugin bei Maries Hochzeit. Die feuchtfröhliche Braut zog ihre Freundin in den Arm:

Auch für dich kommt das Glück, Lieschen! Du wirst schon sehen!

Wohin sie sehen sollte, blieb Lieschen unklar und eigentlich hatte sie keine Lust auf Veränderungen. Bis heute verstand sie nicht, was mit Sascha gewesen war, und schob alles darauf, dass er sie durchschaut hatte. Die neugierigen Blicke in der Facharztausbildung schob sie auf ihre Seltenheit in dem Beruf. Selten gab es in der Herzchirurgie so eine wie sie, und beim Blick in den Spiegel erwog sie jedes Mal eine Kurzhaarfrisur. Die Karriere war hart, bis sie ein Professor aus Berlin bemerkte, der als Gastoperateur kam.

Kindchen, Sie haben goldene Hände! Hände wie ein Fels. Männliche Hände!

Lieschen strahlte. Das war das höchste Lob.

Sie müssen zu uns kommen! Sofort!

Lieschen zögerte keine Sekunde.

Lieschen! Was für eine Chance! Das ist einmalig! Du muss nach Berlin!, jubelte Gerda, die zwischen Aufregung und Stolz hin und herlief. Mein Kind arbeitet bald in der besten Klinik des Landes!

Aber Lieschen wusste: Jetzt war es mit dem ruhigen Leben vorbei. Wenn es im kleinen Krankenhaus schon schwer war, wie würde es erst in Berlin? Sie sollte Recht behalten. Als Arthur, inzwischen Hausarzt, sie besuchte, war er entsetzt:

Lieschen! So geht das nicht! Du bist ganz blass! Wann hast du das letzte Mal richtig geschlafen?

Weiß nicht mehr! Lieschen lachte ab, Arthur, du bist doch Arzt, stell keine blöden Fragen!

Arthur schimpfte, fuhr auf den Markt und füllte den Kühlschrank. Dann kochte er ein grandioses Risotto, und Lieschen seufzte satt:

Du darfst nicht mehr kommen, du mästest mich nur!

Wohin willst du denn ohne mich?, grinste Arthur und holte Lischens Lieblingskuchen aus dem Kühlschrank.

Arthur hörte sich alles an, machte sich still Notizen. Nach jedem Besuch fand Lieschen irgendwas erleichtert vor: Dokumente fertig, Wasserhahn repariert, das Auto fuhr plötzlich wie geschmiert. Seine leise Fürsorge wurde ihr unverzichtbar.

Mama, es ist mir unangenehm. Er macht so viel für mich, ist immer da. Aber ich…

Was aber, Kind? Gerda roch in Lieschens Locken, wie früher.

Ich weiß gar nichts, Mama.

Vergleichst du ihn mit Sascha?

Ja. Es ist so anders.

Weißt du, Liebe ist nicht immer Leidenschaft und Feuer manchmal kommt sie leise, ganz allmählich. Manchmal muss man nicht zurück-, sondern vorausgucken. Sag mir ehrlich, liebst du Arthur?

Ich weiß nicht… Lieschen schaute ihre Mutter grübelnd an. Was ist Liebe, Mama?

Wer weiß das schon! Hätten die Leute die Antwort raus, wären alle glücklich. Jeder empfindet sie anders. Für die einen ist es ein ständiger Sturm, für andere ein sicherer Hafen. Was wünschst du dir?

Lieschen dachte lange nach.

Ruhe, glaube ich.

Dann schau mal hin, wer dazu passt.

Sie dachte und dachte, über ein Jahr lang, bis sie merkte, wie sie Arthur immer sehnsüchtiger bei jedem Besuch betrachtete.

Warum starrst du mich so an?

Ich will dich mir einprägen. Wenn du weg bist, will ich dich vor Augen haben.

Soll ich dir ein Foto dalassen?, lachte Arthur, während sie sein Essen genoss. Beim Nachschlagheben hörte er plötzlich:

Schenk mir lieber dich. Das kam so überraschend heraus, dass auch Lieschen staunte. Arthur hielt inne, wagte kaum, sie anzusehen.

Lieschen stellte ihm die Schüssel aus der Hand, blickte ihm in die Augen und fragte:

Passt dir das?

Er konnte nur noch nicken.

Anderthalb Jahre später bekamen sie einen Sohn, dann eine Tochter. Die Eltern zogen nach Berlin, damit sie näher bei Lieschen und den Enkeln waren; Lieschen selbst kehrte ruhig wieder ans OP-Tisch zurück. Bald war sie als Herzchirurgin unter Kindern die angesehendste in Deutschlands Kliniken.

Frau Dr. Neumann, ich hab mich nicht getäuscht!, lobte sie der Professor. Wenn ich zum Häuschen auswandere, stehen Sie an meinem Platz am Tisch!

Warten Sie mal es gibt noch viel zu tun!

Wir schaffen nicht alles, aber jede Rettung zählt! Kommen Sie, heute haben wir einen spannenden Fall!

Im Flur stand plötzlich eine Frau Lieschen kannte sie flüchtig aus der Vergangenheit.

Du? Lieschen…

Marie stockte ein paar Schritte entfernt, traute sich kaum näher.

Marie!, ging Lieschen lächelnd auf sie zu. Wie kommst du hierher?

Mein Sohn… Boris Plato.

Ach so! Ich werde operieren.

Lieschen…

Mach dir keine Sorgen. Es ist schwer, aber wir haben schon komplizierteres geschafft.

Versprich mir, dass alles gut wird?

Marie, so etwas verspricht man nicht das wäre ein schlechtes Omen. Aber ich gebe mein Bestes. Und wenns sein muss, sogar mehr. Warte hier, es kann dauern. Aber ich komme zu dir, wenn ich fertig bin.

Die OP verlief gut. Die müde Lieschen lehnte an der Wand, während Marie, auf dem unbequemen Stuhl eingeschlafen, erwachte.

Marie!

Was…? Marie fuhr hoch, sah verwirrt umher.

Alles gut! Keine Angst mehr, Boris geht es gut. Jetzt muss er sich erholen.

Er ist stark…, flüsterte Marie und brach in Tränen aus.

Du bist wie immer. Erst, wenn es vorbei ist, heulst du los. Steh auf! Komm, wir trinken Kaffee, essen was. Ich muss noch bleiben, bin ganz am Ende.

Kann ich nicht bei Boris bleiben?

Noch nicht. Er wird wach und dann darfst du kurz zu ihm. Aber bitte ohne Tränen und Aufregung!

Sie gingen in die Cafeteria. Marie beobachtete, wie Lieschen ungeniert aß.

Du warst schon als Kind immer verfressen!

Na warte ab! Fast ein Tag ohne einen Bissen. Zwei schwere Kinderfälle, drei Operationen. Da darf ich!

Guten Appetit. Du hast dich verändert.

Sehr?

Sehr. Ich hätte dich fast nicht erkannt. Und sonst?

Alles gut! Meine Familie lernst du später kennen. Und du? Marie bohrte eine Serviette durch die Hände.

Bist du verheiratet?

Ja. Ich habe einen wundervollen Mann: Arthur kennst du noch?

Nein, aber Sascha…

Marie, Sascha ist Vergangenheit. Auch ich erinnere mich, aber eher wie an einen hellen Fleck meiner Jugend.

Lieschen… vergib mir.

Wofür?

Es ist meine Schuld, dass du damals mit Sascha auseinandergegangen bist.

Interessant. Und warum?, fragte Lieschen ruhig, obwohl sie es in sich zuckte.

Ich hab deine Briefe von Sascha gelesen. Und furchtbar, unerträglich dich beneidet. Konnte es nicht fassen, dass er dich wählte und nicht…

Und nicht dich? Lieschen lächelte leicht. Ich verstand das selber nie. Ich dachte immer, du bist für alle das Maß aller Dinge.

Ich hab Sascha geschrieben… geschrieben, dass du einen neuen Freund hast und heiraten willst.

Marie verstummte. Lieschen rührte langsam ihren Kaffee.

Vergib mir, Lieschen! Du bist so ein lieber Mensch, und ich… Du hast meinen Sohn gerettet, und ich…

Beruhige dich mal, Marie! Lieschen brachte ihr ein Glas Wasser. Trink! Eine Heulsuse bist du immer geblieben. Wenn die Welt sich nicht nur um dich dreht, ist alles verloren. Marie, hast du nie daran gedacht, dass ich dir sogar danken könnte?

Wofür?, Marie staunte.

Weil du mir einen Dienst erwiesen hast. Überlege mal: Er glaubte dir so bereitwillig und wandte sich sofort ab. Ich bin damals hingefahren wusstest du das?

Nein.

Er hat mich nicht mal empfangen. Was ist das denn für eine Liebe? Kinderei. Hättest du dich nicht eingemischt, wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre? Dann hätte ich jetzt nicht Arthur, keine Kinder. Ich habe einen Sohn und eine Tochter, Marie. Und für nichts hörst du? für nichts bereue ich. Ohne den Bruch mit Sascha hätte ich nie erkannt, was Liebe ist.

Und was ist Liebe? Marie lächelte fragend.

Wenn du atmest, und weißt dein Atmen ist auch für den Menschen wichtig, der dich liebt. Und umgekehrt. Ihr atmet gemeinsam, fehlt einem das kann der andere nicht atmen.

Hast du dir das selbst ausgedacht?

Nein, mein Mann. Er ist ein Romantiker. Ich kann es oft nicht ausdrücken, er schafft es für sich und für mich.

Das ist ein guter Mann.

Sehr!, Lieschen blickte zur Uhr und stand auf. Komm.

Wohin?

Zu Boris. Es ist Zeit. Erinnerst du dich, was ich vorhin sagte?

Marie nickte, stand rasch auf und lief fast zum Ausgang.

Ganz ruhig!, Lieschen drückte den Knopf am Aufzug, sah Marie eindringlich an.

Vor der Intensivstation richtete Lieschen den Kittel an Maries Schultern, schaute ihr in die Augen und gab ihr einen sanften Schubs: Los, geh!Marie trat zögerlich ein, blass, mit geröteten Augen. Lieschen beobachtete durch die Scheibe, wie sie sich über Boris beugte, ihm leise etwas zuflüsterte und sanft seine Hand nahm. Für einen Moment füllte sich der Raum mit Stille und Licht und Lieschen meinte, in Maries Schultern etwas von früher zu erkennen: das stolze, verletzliche Mädchen mit den perfekten Zöpfen und dem großen Herzen.

Lieschen lächelte still, als sie sich abwandte. Im Flur wartete Arthur schon, hielt ihre Hand und drückte sie zärtlich. Gemeinsam traten sie hinaus in den lauen Abend, in dem das Fenster zur Intensivstation einen Schimmer spendete, so ruhig und sicher wie das Zuhause einer Kindheit.

Manchmal glaubte Lieschen noch, das Leben bestehe aus Glanz und Glorie auf der Bühne und dann verstand sie, dass Schönheit manchmal erst im Alltag aufleuchtet: Wenn Hände festhalten, wenn Tränen getrocknet werden, wenn Verzeihen wortlos geschieht.

Draußen während irgendwo ein kleiner Junge langsam in ein neues Leben erwachte und zwei Frauen, nach Jahren, den Mut fanden, ehrlich zu sein atmete Lieschen tief ein. Einmal, zweimal, gemeinsam mit Arthur.

Sie wusste: Manche Freundschaften wachsen weiter, auch wenn sie sich verändert haben. Und manche Narben, so dachte sie, sind wie Locken sie machen niemanden weniger schön. Im Gegenteil: Sie machen uns einzigartig.

Und während sie Arm in Arm nach Hause gingen, fühlte Lieschen, dass sie angekommen war ganz bei sich, ganz im Leben.

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Homy
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