Du, ich muss dir echt erzählen, was gestern bei uns zu Hause los war. Stell dir vor, ich sitze ganz entspannt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch, noch ziemlich früh am Sonntagmorgen, als auf einmal meine Tochter mittlerweile heißt sie übrigens Klara, ich wollte ja unbedingt einen typisch deutschen Namen mit ernster Miene vor mir auftaucht. So, jetzt pass auf:
Mama, du MUSST dringend einen neuen Mann finden! Und zwar so schnell wie möglich!
Ich hab mich echt fast verschluckt, der Kaffee wär mir beinahe über das schöne geblümte Tischdeckchen gelaufen. Ich stell also die Tasse ab, atme tief durch und schau Klara erstmal ganz ruhig an: Wie kommst du denn DA rauf? Kannst du mir das erklären?
Sie tritt von einem Fuß auf den anderen, guckt verlegen auf den Teppich und fingert am Muster rum. Ihr war es natürlich sichtlich unangenehm, aber sie war dabei total entschlossen.
Also Mama Heute hab ich Papa erzählt, dass du einen neuen Freund hast. Ein tiefer Seufzer von ihr. Du kannst dir nicht vorstellen, wie der mich immer ausfragt! Jedes Mal, wenn ich da bin, muss ich berichten, ob du schon jemanden gefunden hast. Immer sag ich nein und dann fängt er wieder einen Monolog an, wie blöd du warst, dich von ihm zu trennen und dass du das noch bereuen wirst, weil er ja so ein Traummann ist Dass es keinen besseren für dich gibt!
Sie schaut mir genau in die Augen und du siehst darin einen wilden Mix aus Ärger, Überforderung, ja fast schon Wut auf ihn.
Und er wiederholt dauernd, du würdest schon noch zurückkommen, weil du NIEMANDEN findest, der so gut ist wie er. Da hab ich einfach mal behauptet, dass du eben DOCH jemanden kennengelernt hast.
Meine Hände fahren durch die Haare, in meinem Kopf klingen sofort die altbekannten Redensarten von meinem Ex, diesem Hermann typisch männliches Ego eben. Immer dieses Gerede über seine eigenen großartigen Leistungen, immer alles auf sich beziehen. Ich sag also ein bisschen ironisch: Kann mir vorstellen, welche Sprüche er diesmal abgelassen hat Der gute, unersetzliche Hermann.
Klara lässt sich auf das Sofa fallen, zieht die Beine an sich rauf und fingert abwesend am Kissen rum. Sie schaut ins Leere und meint: Ich glaube ja, ehrlich gesagt, Papa will eigentlich nur, dass ich ihm den neuesten Klatsch erzähle. Es geht gar nicht um mich.
Sie seufzt nochmal tief und sagt: Ich muss jedes Mal mindestens anderthalb Stunden anhören, was für ein toller Hecht Papa ist. Und ansonsten fragt er eigentlich gar nicht nach mir wies mir in der Schule geht, oder ob ich was brauche Das interessiert ihn alles nicht.
Sie hat das so nüchtern gesagt, als würde sie Schulranzen packen oder Zähne putzen. Es ist bei ihr schon Normalität geworden, so oft ist das schon passiert.
Neulich zum Beispiel wollte sie ihm von ihrer Mathe-Olympiade erzählen. Er hört eine Sekunde zu und kommt dann auf seine eigenen Heldentaten in jungen Jahren. Immer das gleiche Muster: Sobald jemand anders von sich erzählt, muss er noch einen draufsetzen und die Show wieder zu sich ziehen. Ehrlich gesagt, ich begreife bis heute nicht, wie ich fünfzehn Jahre neben so einem Menschen ausgehalten hab. Vielleicht wars wirklich nur wegen Klara. Aber ganz ehrlich: Seit der Trennung ist es zu Hause so viel ruhiger! Endlich mal nicht dieses ewige Monologisieren.
Ich frag sie also, ein bisschen schroffer als ich wollte: Und warum, bitte, muss ich jetzt URPLÖTZLICH so dringend einen Freund suchen?
Klara drückt das Kissen fest an sich: Als ich Papa das heute erzählt hab, ist er komplett ausgetickt! Erst so blass, dann rot wie eine Tomate, dann hat er regelrecht rumgebrüllt so laut, dass Frau Meier von nebenan rüberkam! Ich hab echt kurz Schiss gekriegt.
Sie erzählt mir, wie ihr Vater dann unbedingt den Namen und alle Details wissen wollte. Sie hat natürlich dicht gehalten und behauptet, ich hätte ihr streng verboten, irgendwas weiterzuerzählen. Ich wette, der ruft dich bald an und macht dir die Hölle heiß, sagt sie noch kopfschüttelnd.
Oh Mann, was für ein Tag, denk ich mir. Ich setz mich zu ihr auf die Couch, zieh sie fest an mich und seufze: Und warum hast du dir das ausgedacht, Schatz? Jetzt geht der Stress wieder von vorne los!
Klara zieht sich aus der Umarmung und guckt mich ganz ernst an: Weil du wunderbar bist, Mama! Du meinst ehrlich, du merkst nicht, wie Männer dich anschauen? Du bist hübsch, klug, und hast viele Freundinnen, die dich gernhaben. Papa lästert immer nur, und das kann ich nicht mehr hören.
Ich streichel ihr durchs Haar so zart, einfach weil ich spüre, wie sehr sie es ernst meint. Weißt du, ich dachte ehrlich gesagt, du würdest dich erstmal schwer damit tun, wenn ich einen neuen Partner finde. Ist ja erst ein halbes Jahr her mit der Scheidung…
Klara lacht auf und sagt total selbstbewusst: Ach Mama, Unsinn! Hauptsache, DU bist glücklich.
In dem Moment schaue ich sie an und spüre, wie all meine Sorgen und Unsicherheiten langsam verschwinden. Vielleicht mach ich mir wirklich viel zu viele Gedanken darüber, was war und was werden könnte.
Ich drück sie noch einmal und sage leise: Du bist einfach klasse, Klara. Danke, dass du dich so um mich kümmerst. Sie schmiegt sich an mich und ich spüre einfach, dass unser kleines Team jetzt noch enger zusammengerückt ist.
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Naja, und am nächsten Tag sitz ich dann im Büro, der Kopf brummt schon den ganzen Morgen. Ich habs mit Tabletten probiert, sogar ne Kollegin gebeten, ob sie kurz in die Apotheke um die Ecke gehen kann. Aber ehrlich: Die Kopfschmerzen haben sich hartnäckig gehalten. Ich starr die Zahlen im Excel an und merk, wie die Zeilen schon langsam schwimmen.
Da klopfts. Paul vom Empfang (so typischer Typ mit Schnurrbart) steckt den Kopf rein: Frau Zimmermann, Ihr Ex-Mann ist da. Möchten Sie runterkommen oder sollen wir ihn verabschieden?
Och nö, denke ich, nicht ausgerechnet heute. Aber ich bleib höflich: Ich komm gleich, danke. Innerlich fluche ich leise vor mich hin, denn Hermann mal wieder ohne Vorwarnung das kann ja was werden. Ich lauf also Richtung Eingangshalle, und schon von Weitem seh ich ihn nervös hin und her tigernd, wild am gestikulieren. Er diskutiert mit den Sicherheitsleuten, ist ganz aufgekratzt.
Ich geh direkt auf ihn zu und sag (ohne großes Begrüßungs-BlaBla): Was willst du hier? Muss das sein? Hast du Langeweile oder willst du gleich die Polizei kennenlernen?
Er dreht sich zu mir um, das Gesicht völlig rot, die Augen blitzen kein schöner Anblick. Er fuchtelt mit dem Finger in meine Richtung und schreit fast: Du! Klara hat mir alles erzählt! Nach sechs Monaten hast du schon nen neuen Kerl?!
Ich bleib ruhig und entgegne: Sag mal, erwartest du, dass ich dir ewig treu bleibe? Was verlangst du eigentlich? Vor allem wo DU dir mit der Treue ja auch immer schwergetan hast
Hermann verstummt kurz und ringt nach Worten. Die Kollegen schauen schon rüber, Security steht bereit, falls er wirklich ausflippt. Da brüllt er nochmal los: Ich lass nicht zu, dass meine Tochter mit irgendeinem Fremden zusammenlebt, hast du verstanden? Ich werd dir Klara wegnehmen!
Innerlich lache ich fast, halte aber äußerlich die Contenance. Bist du fertig mit deinem Auftritt? Soll ich dich fürs nächste Zirkuscasting anmelden, oder gehts noch krasser?
Genau in dem Moment betritt unser Geschäftsführer, Herr Beck, die Szene. Gutaussehend, schlank, typisch Anzugträger, aber total sympathisch du weißt schon, der, der immer so ein bisschen wie Florian David Fitz aussieht. Er fragt ruhig: Was ist denn hier los? Hermann blafft ihn an, er solle sich raushalten, aber Herr Beck bleibt seelenruhig.
Das ist kein privates Gespräch mehr, wenn man auf dem Firmenflur Theater macht, sagt er trocken. Dann, keine Sekunde zögernd, legt er mir die Hand auf die Hüfte ziemlich klar signalisiert er dem ganzen Büro, wie sehr er auf meiner Seite ist und erklärt ruhig, aber bestimmt: Ich bin der Mann, der Anna glücklich macht. Und wenn Sie nochmal so einen Auftritt hinlegen, Herr Müller, dann können wir uns gern über Konsequenzen unterhalten notfalls auch mit der Polizei.
Du hättest Hermanns Gesicht sehen sollen. Von rot auf kreidebleich, der weiß gar nicht mehr, wohin mit sich. Nach ein paar Sekunden murmelt er irgendwas Unverständliches und verschwindet peinlich für ihn, aber für mich eine unglaubliche Erleichterung.
Als er schließlich durch die Tür raus ist, sagte ich noch ganz entspannt und ein bisschen süffisant: Ach, die paar Unterhalte die kann er sich sparen, ist eh besser, wenn Klara nicht mehr zu ihm muss.
Tja, und dann merk ich erst einmal, dass Herr Beck seine Hand immer noch ganz leicht auf meiner Taille hat. Ich werde gleich leicht rot und drehe mich dankbar zu ihm um: Danke, Herr Beck das war ja, ehrlich, das tat gut!
Er lächelt so, wie nur Männer lächeln können, die wissen, dass sie alles im Griff haben: Vielleicht reden wir beim Mittagessen weiter? fragt er ehrlich interessiert.
Und weißt du was? Ich sage einfach Ja. Und das fühlt sich irgendwie genau richtig an.
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Wir sitzen dann ein paar Tage später zusammen beim Italiener um die Ecke, ganz entspannt bei Pasta und Kaffee. Die Atmosphäre ist locker, Kerzenlicht, ein bisschen Musik, der perfekte Rahmen, um über alles zu reden.
Beck, also Alexander Beck, erzählt ganz offen, dass er schon länger Gefühle für mich hatte, sich aber einfach nicht getraut hat wegen der Situation nach der Trennung. Ich wollte dich zu nichts drängen, Anna, sagt er. Aber als ich gesehen habe, wie dieser Hermann dich da angeht ich konnte einfach nicht wegschauen.
Ich höre zu, spüre, dass er es ernst meint. Da ist kein Druck, nur Wertschätzung, ein gutes Miteinander. Und allmählich merke ich, wie die Sorgen um die Zukunft von uns abfallen.
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Drei Monate später kein Witz jetzt! stehen wir tatsächlich vor dem Standesamt in München, Klara strahlt, das Kleid sitzt, ich hab ein Kribbeln im Bauch wie damals vor dem Abi. Alex schenkt mir genau die Hochzeit, die ich immer wollte, mit allem, was dazugehört. Klara hilft mir beim Kleid, überprüft jede Frisur, hält meine Hand, als ich nervös warte.
Bei der Feier kommt sie dann zu uns, aber sagt ganz ehrlich: Alex, du bist echt nett aber Papa ist halt Papa. Ich kann dich noch nicht Papa nennen. Er lächelt freundlich, kein bisschen enttäuscht: Das ist doch völlig in Ordnung, Klara. Ich hoffe, wir kommen trotzdem klar.
Hermann hatte übrigens auch eine Einladung bekommen die haben wir mehr zum Spaß als aus Pflichtgefühl verschickt. Natürlich kam er nicht. Stattdessen rief er danach ein paar alte Freunde an und schimpfte rum, wie wenig ich Rücksicht genommen hätte, dass das alles viel zu schnell geht, und überhaupt. Die Reaktionen waren eher zurückhaltend Naja, Anna hat halt jetzt ihr Leben. Ist doch ihr gutes Recht.
Und weißt du was? Klara, Alex und ich wir führen jetzt unser eigenes kleines Glück weiter. Es gibt Pasta-Abende, Spaziergänge an der Isar, hitzige Diskussionen, welcher Film heute Abend laufen soll, und in all dem einfach ganz, ganz viel Frieden. Endlich.




