Mein Sohn hat erst mit 33 Jahren geheiratet. Heute kräht da kein Hahn mehr danach, aber früher galt das schon als spät dran. Geheiratet hat er übrigens, weil seine Freundin schwanger geworden ist. Wir waren aus dem Häuschen vor Freude unser erstes Enkelkind war unterwegs und dann wurde es auch noch ein Mädchen. Was für ein Glück! Ja wirklich, wir waren glücklich.
Meine Schwiegertochter also, schlecht ist sie nun wirklich nicht. Sie führt den Haushalt ordentlich, die Wohnung blitzsauber, ist jung, sieht nett aus und kann sogar stricken! Ich war total erstaunt, denn ehrlich gesagt, ich habe mit Stricknadeln so viel am Hut wie ein Fisch mit dem Fahrrad. Also: Eine rundum solide junge Frau mit klaren Vorstellungen vom Leben mein Sohn lacht viel, sie scheinen sich zu verstehen, was will ich mehr?
Als die Enkelin drei Jahre alt wurde, kam schon die nächste Nachricht: Bald kommt wieder Nachwuchs. Tatsächlich diesmal wurde es ein Junge. Kaum war der Kleine da, gings auch schon mit dem Umbau im Häuschen los, das uns die Oma vermacht hat. Wir sind beinahe in einen Freudentaumel verfallen. Doch keine drei Jahre später, kommt schon wieder die Ankündigung vom nächsten Familienzuwachs. Und als wären Kinder wie Adventskalender-Schoki, hieß es nach weiteren zwei Jahren: Übrigens, ich bin wieder schwanger.
Mein Sohn verdient sein Geld als ganz normaler Kraftfahrer er kann gefühlt alles reparieren und macht auch sämtliche Bauarbeiten selbst. Aber mal ehrlich: Wer braucht denn dann ein drittes Kind? Er ist fast nie daheim, immer am Maloche oder auf dem nächsten Nebenjob.
Kurz vor Silvester drückte mir meine Schwiegertochter dann einen Einkaufszettel in die Hand: Das brauchen die Kinder. Ich dachte erst, da stehen Schokolade und Spielsachen drauf Pustekuchen! Nur die Basics: Massageöl, Socken, Strumpfhosen, Krimskrams, den garantiert keine Werbekampagne anpreist.
Also fragte ich meinen Sohn, wo sie denn gedenken, das vierte Kind zur Welt zu bringen vielleicht im neuen Anbau? Aber er lenkte sofort vom Thema ab.
Ich bin ziemlich stolz: Aus meinem Sohn ist ein vernünftiger, fleißiger Kerl geworden, der seinen Mann steht und jede Arbeit annimmt. Seine Frau ist jetzt fast 35, hat aber noch nie irgendwo gearbeitet, ein Arbeitszeugnis könnte sie höchstens stricken. Wer weiß mit 40 vielleicht Kind Nummer fünf und mich wundert nix mehr. Aber ich lebe nun auch nicht ewig und irgendwann werden die Knochen einfach müde. Die Mutter meiner Schwiegertochter lebt längst nicht mehr, also bleibe meistens nur ich als Helferin übrig. Wenigstens haben sie es endlich geschafft, das Haus fertig zu bauen. Doch mit vier Kindern kommt man sich im schönsten Eigenheim auch mal wie in einer Sardinenbüchse vor.
Neulich fragte ich sie: Was macht ihr eigentlich, wenn mal keine Unterstützung mehr kommt? Und wo willst du mit 40 noch einen Job finden, wenn du nie irgendwo gearbeitet hast? Ihre Antwort: Ach, das wird schon irgendwie. Wunderbar auf dieses irgendwie kann man sich in Deutschland ja bekanntlich bestens verlassen. Aber was, wenn klopf auf Holz meinem Sohn mal was passiert? Was mache ich dann bloß mit dem ganzen Rudel?
Ganz nebenbei habe ich auch noch einen zweiten Sohn. Der ist nicht immer entzückt, weil ich so selten Zeit für sein Kind habe aber was soll ich machen? Meine Tage sind voll damit, dem ersten Familienclan zu helfen. Ein Generationenroman, nur leider ohne doppeltes Gehalt und ohne Berlin-Mitte-Charme.





