Das Recht auf ein glückliches Leben
Wage es ja nie wieder, mich darum zu bitten, auf dieses Kind aufzupassen! schrie Hildegard wütend ins Telefon. Das ist kein Mädchen, das ist ein wahrer Satansbraten! Sie legte eine kurze Pause ein, als sie die erschöpfte Stimme ihrer Tochter hörte. Was sagst du? Sie sei artig und lieb? Du siehst die Wahrheit doch gar nicht! Sie tut nur so freundlich, weil sie Angst hat, im Heim zu landen! Und du glaubst ihr wirklich!
Im angrenzenden Zimmer stand die kleine Anneliese. Sie war gerade einmal sieben Jahre alt, doch sie verstand es bereits, die Stimmungen der Erwachsenen um sie herum genau zu deuten. Jedes harte Wort, das an ihr Ohr drang, ließ in ihr eine schneidende Unruhe aufkommen. Die nächsten Minuten des stillen Wartens wurden für sie zur Qual. Immer wieder kreiste der Gedanke: Was, wenn Mama dieser bösen Frau Glauben schenkt und sie wegschickt? Noch schlimmer was, wenn sie dorthin zurückkehrt, wo sie früher war, zu der, die sie einst Mutter nannte?
Anneliese war ungewöhnlich wachsam und reif für ihr Alter, wohl weil die Umstände ihres Aufwachsens so schwierig waren. Sie wusste genau, was es bedeutete, eine leibliche und eine wahre Mutter zu haben. Ihre leibliche Mutter war ein Mensch gewesen, der keine Verantwortung übernahm. Arbeiten wollte sie nicht, überall standen leere Bierflaschen herum, und ordentliches Essen gab es fast nie. Ständig waren fremde Männer im winzigen Wohnzimmer, meist betrunken und laut.
Annelieses Kindheit bestand aus einem endlosen Reigen aus lauten Streitereien, Gebrüll und dem regelmäßigen Erscheinen der Polizei. Diese Erinnerungen hinterließen in ihr eine tiefe Vorsicht. Nun stand sie also im abgedunkelten Zimmer, angespannt lauschend, und kämpfte verzweifelt gegen die Tränen. Sie wollte so sehr hoffen, dass Mama ihr glauben und nicht Hildegard folgen würde.
Nie wieder wollte Anneliese in dieses schreckliche Leben zurück! Dieser Gedanke war unerträglich…
Schon früh hatte sie herausgefunden, dass der schmale Raum unter ihrem Bett der sicherste Zufluchtsort war. Bei jedem neuen Streit kroch sie geräuschlos darunter, mit ihrer abgewetzten Decke und einem kleinen Kissen. Im Halbdunkel, zwischen Staubmäusen und Spinnweben, fühlte sich Anneliese geborgen. Dort war ihr geheimer Ort, eine kleine Insel der Ruhe im Sturm.
Als eines Tages wieder laut die Wohnungstür knallte und Fridas krächzende Stimme durch die Wohnung hallte, glitt Anneliese blitzschnell unter das Bett. Sie hielt den Atem an, rollte sich ein und lauschte.
Wo steckst du, du ungehorsames Mädchen? rief Frida, als sie die Tür hinter sich zuzog. Offensichtlich war sie wütend und hatte sich vorgenommen, Anneliese streng zu bestrafen. Was hast du diesmal den Nachbarn erzählt? Willst du etwas essen? Keine warmen Schuhe? Meinst du, du hast das verdient?
Anneliese wagte kaum zu atmen. Hauptsache, Frida fand sie nicht. Sonst würde alles noch schlimmer werden! Zum Glück war sie klein und schmal so passte sie mühelos unter das Bett, und Frida ahnte nicht einmal, wohin sich das Kind verkroch.
Frida stapfte durch das Zimmer, blieb zwei Schritte vom Bett entfernt stehen, schnaufte und lief dann weiter in die Küche, während sie mürrisch vor sich hinmurmelte.
Anneliese atmete vorsichtig aus. Was hatte sie wohl diesmal angestellt? Wahrscheinlich war es, weil sie barfuß im Garten gespielt hatte. Ja, die Füße waren kalt gewesen, aber sie hatte nun einmal keine anderen Schuhe! Wie die Nachbarskinder sie manchmal schief ansahen, wusste sie nur zu gut.
Gestern hatte die freundliche Nachbarin, Tante Grete, auch bemerkt, dass Anneliese nur Gummischuhe trug. Sie brachte ihr warme Stiefel von ihrer Enkelin, die die ohnehin nicht mehr brauchte, und schenkte sie Anneliese mit einem Lächeln.
Hier, mein Kind, zieh sie an, sonst holst du dir noch den Tod, sagte sie und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: Was hast du nur getan, dass das Schicksal dir eine solche Mutter zugemutet hat?
Grete hatte ihr auch frische Kartoffelpuffer gebracht duftend und noch warm, etwas, das Anneliese zu Hause nie bekam. Der Kühlschrank war fast immer leer, selten gab es überhaupt etwas.
Obwohl Anneliese erst sechs war, verstand sie, wie alles in diesem Haushalt ablief. Als Grete schließlich doch einmal das Jugendamt informierte, wusste das Mädchen gleich, dass das alles nur Schwierigkeiten bringen würde. Es wurde nie besser, sondern immer nur schlimmer.
Frida konnte es nicht ausstehen, wenn andere ihr ins Leben reinredeten. Für sie war das eine persönliche Beleidigung. Zumal der zuständige Sozialarbeiter ein alter Schulfreund war egal wie häufig die Beschwerden, immer war am Ende alles in Ordnung. Die Behörden ließen Frida laufen, als sei sie eine normale Mutter.
Doch dann geschah an einem Tag etwas völlig Unerwartetes. Ein respekteirerregender Mann im feinen Anzug kam in die Wohnung. Sein Blick ruhte zuerst auf Anneliese. Sie erstarrte, aber er sprach sie nicht grob an, sondern nickte nur und bat sie freundlich, nach draußen zu gehen zusammen mit einer unbekannten Frau, die im Hausflur wartete.
Anneliese wusste nicht, was der Mann mit Frida besprach. Sie stand an der Tür, lauschte angespannt und hörte nur Fetzen von Gesprächen, gefolgt von wüsten Schreien. Frida schleuderte Flaschen an die Wand, schrie, griff den Gast an und brüllte vor Wut. Jeder Schrei ließ Anneliese zusammenzucken. Sie verstand nicht, was vor sich ging, aber spürte: Ihr Leben würde sich heute verändern.
Die unbekannte Frau trat näher, umarmte Anneliese sanft, strich ihr über das Haar und sagte leise:
Hab keine Angst. Du bist jetzt sicher. Frida kann dir nichts mehr tun, hörst du? Wir nehmen dich mit, du bekommst ein neues, glückliches Leben.
Sie sprach mit ruhiger Gewissheit, und Anneliese blickte ungläubig auf. Konnte das wirklich wahr sein?
Dich erwartet ein schönes Zimmer mit rosa Wänden, fuhr die Frau fort. Ein Bett mit Baldachin, Spielzeug, ein Schrank voller neuer Kleider. Du gehst auf eine gute Schule, wirst Freundinnen finden. Es wird alles anders sein, das verspreche ich dir.
Anneliese sagte nichts. War das wirklich möglich? Sie warf einen scheuen Blick zur Tür, hinter der Fridas Schreie widerhallten, dann sah sie wieder zu der Frau. In ihrem Lächeln war etwas, das Anneliese für einen kurzen Moment Hoffnung schöpfen ließ Hoffnung statt Angst.
Aber sie war skeptisch. Warum kamen diese Leute gerade zu ihr? Versprachen all das Schöne? War das wirklich besser, oder vielleicht sogar noch schlimmer?
Warum macht ihr das für mich? fragte sie, bemüht, die Nervosität nicht zu zeigen.
Die Frau zögerte einen Augenblick, suchte nach den richtigen Worten. Ihr Lächeln war nun fast schüchtern.
Siehst du, sagte sie vorsichtig, der Mann, der gerade mit deiner Mutter spricht, das ist dein Vater.
Anneliese hielt den Atem an. Das Wort Vater fühlte sich fremd an, beinahe märchenhaft. In ihrem Leben hatte dieser Begriff keinen Platz gehabt. Sie hatte nie über ihn nachgedacht.
Vater? wiederholte sie leise, als würde sie das Wort kosten. Ich habe keinen Vater
Doch, erwiderte die Frau ruhig. Er wusste nur nicht, dass es dich gibt. Zum Glück hat jemand ihm die Wahrheit gesagt, und deshalb sind wir jetzt hier.
Das Leben von Anneliese veränderte sich von da an tatsächlich grundlegend: Sie bekam eine liebevolle Familie. Aber eine Person verdarb alles Hildegard…
Dieses Mädchen hat kein Recht auf Liebe! schrie Hildegard, jedes Wort brannte in den Ohren. Was aus ihr werden soll mit so einer Mutter? Gene kann man nicht austricksen! Bring endlich ein richtiges Enkelkind zur Welt, statt dich um andere Kinder zu kümmern und deinen wahren Pflichten auszuweichen. Gib das Mädchen zurück, sonst geht deine Familie zugrunde, du wirst schon sehen!
Anneliese kauerte sich an die Wand. Ihr Herz pochte wild in der Brust, ein Kloß saß ihr im Hals. Dorthin zurück? In das kalte Haus, ohne liebevolle Worte, ohne warmes Essen, ohne das Gefühl von Geborgenheit? Der Gedanke ließ sie frösteln. Nein, das nie mehr!
Sie ballte die Fäuste, zwang sich zur Ruhe. Sie musste ihre Mutter überzeugen: Sie konnte brav sein, still, artig alles, um niemals dorthin zurückzumüssen. Nur um hierbleiben zu dürfen, wo sie endlich aufatmen konnte.
Sie hätte gern ihre Mutter angerufen, doch durfte es nicht Hildegard, die sie im Kopf niemals Großmutter nennen wollte, hatte das Handy weggenommen. Ein Kind braucht so was nicht, hatte sie barsch gesagt und Anneliese ins Zimmer geschickt.
Das Mädchen überlegte fieberhaft: Wie könnte sie mit Mama sprechen? Die war jetzt bei der Arbeit, würde erst abends kommen. Bis dahin konnte Hildegard alles verdrehen! Anneliese stellte sich vor, wie Mama den scharfen Ton hörte, nachdachte, begann zu zweifeln Ein furchtbarer Gedanke.
Warum Hildegard sie so wenig mochte, verstand sie nicht. Sie gab sich doch große Mühe: war höflich, nicht aufdringlich, still. Aber offenbar genügte das nie Mama erklärte nie den Grund, sondern seufzte nur, streichelte zärtlich ihr Haar und sagte: Hildegard ist schwierig. Sie kann man nicht recht machen. Versuch, dich nicht zu ärgern.
Wieder schnitt Hildegards Stimme durch die Tür, und Anneliese spürte neues Entsetzen. Doch dann packte sie der Mut: Sie musste etwas tun!
Plötzlich war der Entschluss gefasst: Sie würde zur Arbeit ihrer Mutter gehen. Nur so könnte sie alles selbst erklären dass sie nicht zurückwill, sondern hierbleiben und brav sein möchte. Sie musste schneller als Hildegard bei Mama sein.
Der Weg war ihr nicht ganz fremd, öfter mal war sie schon mitgegangen. Notfalls konnte sie jemanden fragen. Die Hoffnung, alles selbst wenden zu können, verlieh ihr Kraft.
Rasch zog sie die neue, bunte Jacke an, die Mama kürzlich gekauft hatte, lauschte nochmal an der Tür sie hörte Hildegards Stimme, aber verstand kaum etwas , dann schlich sie leise in den Flur und schloss geräuschlos die Tür hinter sich.
Der Weg lag weit vor ihr. Anneliese atmete tief durch, zog die Kapuze über den Kopf und machte sich auf. Sie würde es schaffen, Mama zu überzeugen
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Jutta stürmte atemlos in die Wohnung, die Tür krachte gegen die Wand. Sie war bleich, die Augen vor Sorge weit geöffnet. Beim Schuheausziehen rief sie schon:
Wo ist sie?!
Hildegard saß im Wohnzimmer, blätterte in einer Illustrierten. Sie schaute nur kurz uninteressiert auf und brummte:
Woher soll ich das wissen? Bin ich ihre Aufseherin?
Ihr Ton war abweisend, als hätte sie Wichtigeres zu tun. In Wahrheit war es ihr egal, wohin das Mädchen verschwunden war. Nie hatte sie ihre Ablehnung gegenüber der Tochter und deren Fürsorge für das fremde Kind versteckt.
Sie ist gegangen, als ich mit dir telefoniert habe, fügte sie mürrisch hinzu.
Jutta trat ein paar Schritte näher, die Hände zu Fäusten geballt. Ihre Stimme bebte vor Zorn:
Telefoniert? Nenn es doch beim Namen du hast durch die ganze Wohnung gebrüllt! Anneliese hat garantiert jedes Wort gehört und fürchterliche Angst bekommen! Du musstest nur ein einziges Mal auf sie achten, und das kam dabei heraus?
Jetzt legte Hildegard die Zeitschrift weg, setzte sich gerade in ihren Sessel und blickte ihre Tochter streng an.
Ich bin keine Babysitterin! fuhr sie sie an. Du hast völlig den Kopf verloren wegen dieser Göre! Du kreist nur noch um Anneliese: Anneliese dies, Anneliese das Und um deine eigenen Kinder kümmerst du dich nicht? Die Zeit läuft! Ich will auch mal Enkelkinder auf den Arm nehmen!
Jutta versuchte, die Fassung zu bewahren. Es war beinahe unerträglich, der eigenen gefühlskalten Mutter Paroli zu bieten.
Es geht nicht um deine Enkel, Mama, knurrte sie. Es geht um ein Kind, das vielleicht orientierungslos durch die Stadt läuft! Begreifst du, wie gefährlich das ist?
Doch Hildegard winkte nur ab und griff wieder zur Zeitschrift:
Du bist selbst schuld. Hättest du sie gar nicht erst mitgebracht.
Wenn ich je selbst Kinder habe, dann weiß ich jetzt, wem ich sie garantiert nie anvertrauen würde! schrie Jutta sie an. Was hast du gegen dieses liebe ruhige Mädchen? Sie macht keine Probleme, ich habe nie ein freundlicheres Kind gesehen!
Hildegard zog nur die Schultern hoch, verschränkte die Arme und wandte sich trotzig zum Fenster. Für sie gab es nichts zu diskutieren, ihre Meinung stand fest.
In diesem Moment riss die Tür auf und Karl stürmte herein. Ein blitzender, zorniger Blick auf Hildegard, dann wandte er sich sofort an seine Frau.
Noch nicht da? fragte er, bemüht gefasst, doch seine Stimme zitterte. Rufen wir die Polizei? Ein siebenjähriges Kind in einer fremden Großstadt da kann alles Mögliche passieren!
Jutta nickte schweigend. Sie nahm das Handy, wählte mit zitternden Fingern die Notrufnummer und erklärte kurz die Lage. Die Dame am anderen Ende hörte aufmerksam zu, versprach sofortige Hilfe und bat, zuhause zu bleiben.
Bereits zwanzig Minuten später parkten zwei Polizeiwagen vor dem Haus. Die Beamten stellten gezielte Fragen. Niemand wich aus mit sie wird schon wieder auftauchen, wie es manchmal sonst vorkam; stattdessen arbeiteten sie ruhig und strukturiert.
Zuerst befragten sie Nachbarn auf dem Flur, zeigten ein Foto von Anneliese herum. Eine ältere Dame meinte, das Kind in einer roten Jacke frühmorgens eilig zur Bushaltestelle laufen gesehen zu haben.
Danach gingen die Polizisten zur Haltestelle, sprachen mit dem Busfahrer der Linie Richtung Innenstadt. Er erinnerte sich an ein kleines Mädchen, das eingestiegen und etwa fünfzehn Minuten später wieder ausgestiegen war.
Noch suchten die Polizisten nahegelegene Geschäfte auf. Mehrere Kassiererinnen schauten nach ja, das Mädchen war dort gewesen, lief an Schaufenstern vorbei, als suche sie jemanden. Eine Verkäuferin hatte sie gefragt, ob sie sich verlaufen hätte, doch das Kind hatte nur schweigend den Kopf geschüttelt und war weitergegangen.
Die Polizei leitete eine Suche ein, gab eine Beschreibung an Streifenwagen weiter und durchkämmte Parks, Einkaufszentren und Spielplätze, in der Hoffnung, Anneliese unversehrt zu finden.
Jutta hielt das Handy wie einen Rettungsanker fest. Plötzlich klingelte es ihre Arbeit rief an. Trotz der Angst vor dem Gespräch konnte sie nicht ablehnen, der Chef wusste Bescheid und hatte Hilfe versprochen.
Hallo, sagte sie, die Stimme bemüht ruhig, doch sie zitterte. Der Kloß im Hals, Tränen hinter den Lidern.
Jutta, vor fünf Minuten kam ein Mädchen hier ins Büro. Sie stellte sich als Anneliese vor und sagte, sie suche ihre Mutter. Sie sitzt in der Empfangshalle, trinkt Tee mit unserer Chefin. Rote Jacke, blaue Jeans, blond. Deine?
Jutta stockte. Kaum wagte sie zu hoffen: Hat sie es wirklich geschafft? Alleine?
Was? Sie ist da? hauchte sie, Erleichterung durchströmte sie kraftvoll.
Der bereitstehende Polizist wurde aufmerksam, trat zu ihr und fragte:
Haben Sie Neuigkeiten?
Jutta blickte ihn mit glänzenden Augen an, die Stimme fest und klar:
Ich fahre sofort hin! Anneliese ist dort, im Büro, bei meiner Chefin sie ist sicher!
Bist du sicher? fragte Karl.
Ja, nickte sie. Es stimmt alles. Die Jacke, die Haare alles stimmt überein!
Der Polizist notierte knapp:
Gut, wir begleiten Sie. Wir müssen die Suche offziell beenden und das Mädchen kurz befragen wie sie ins Büro gelangt ist, ist für die Sicherheit wichtig.
Jutta hatte nichts dagegen. Hauptsache, sie kann Anneliese endlich wieder in die Arme schließen.
Sie schnappte ihren Mantel und drehte sich noch einmal zu ihrer Mutter um. Hildegard stand im Hintergrund, betrachtete alles mit gewohnter Kälte keine Freude, kein Bedauern, nur kühle Distanz.
Wir fahren, sagte Jutta zu Karl und dem Polizisten. Je schneller, desto besser
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Als Jutta das Büro ihrer Chefin betrat, bemerkte Anneliese sie sofort. Sie sprang so jäh vom Stuhl auf, dass ihr Teeglas beinahe umkippte. Wortlos rannte sie auf ihre Mutter zu und warf ihre Arme um sie, als hätte sie Angst, Jutta könnte verschwinden, wenn sie nicht schnell genug bei ihr wäre.
Anneliese drückte sich so fest an Jutta, wie sie nur konnte, das Gesicht in deren Mantel vergraben, die Schultern bebend. Sie flüsterte unverständliche Worte zwischen Schluchzern, während Jutta sich zu ihr beugte, sie streichelte und beruhigend flüsterte:
Alles gut, Liebling, ich bin da. Du bist in Sicherheit.
Langsam beruhigte sich Anneliese, löste aber ihre Umarmung nicht. Ihr verweintes Gesicht blickte zu Jutta auf, die Augen noch voller Angst.
Mama, bitte schick mich nicht zu Frida zurück! flehte sie mit zitternder Stimme. Ich bin brav, wirklich! Ich lerne fleißig, helfe dir, ich will nichts, bitte, schick mich nicht zurück!
Ihre Stimme brach fast, aber sie redete weiter, als wolle sie mit Worten verhindern, wieder fortgeschickt zu werden.
Jutta drückte die Lippen zusammen, um nicht selbst in Tränen auszubrechen, strich Anneliese zart über die Haare und nickte:
Pssst, ganz ruhig. Niemand bringt dich weg. Du bleibst bei uns, ich verspreche es dir.
Die Chefin war inzwischen aufgestanden und trat zum Fenster, damit Mutter und Tochter etwas Ruhe hatten. Jetzt zählte nur, dass Anneliese wusste: Die Gefahr war vorbei.
Mit der Zeit beruhigte sich das Kind endgültig. Jutta setzte sie wieder auf den Stuhl, goss Tee nach und schob ihr Kekse hin, die die Chefin bereitgestellt hatte. Langsam wurden Annelieses Atemzüge gleichmäßiger, die Tränen versiegten. Noch hielt sie Juttas Hand, als wolle sie sich vergewissern, dass ihre Mutter nicht wieder verschwand.
Als die Anspannung schwächer wurde, fiel die Erschöpfung auf sie herab. Anneliese lehnte sich an Juttas Schulter, die Augenlider wurden schwer. Sie bemühte sich, wach zu bleiben und zu hören, was Mama erzählte, doch schon bald senkte sich ihr Kopf, der Atem wurde ruhig und sie schlief ein.
Jutta rückte ihre Haare zurecht, deckte sie mit der Decke der Chefin zu und dankte ihr leise. Die erwiderte nur ein wissendes Nicken, Worte waren jetzt überflüssig.
Wenig später kam auch Karl, der die Formalitäten mit der Polizei klärte. Als er Anneliese schlafen sah, blieb er still stehen, ging dann zu ihr, strich sacht über ihre Wange, als müsse er sich vergewissern, dass sie wirklich zurück war.
Fahren wir nach Hause? fragte er leise.
Jutta nickte, Karl hob Anneliese vorsichtig auf den Arm. Sie erwachte nicht einmal die Erschöpfung hatte sie fest im Griff. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, zog die Beine an und wirkte so klein und verletzlich, dass beiden Eltern das Herz schwer wurde.
Die Heimfahrt verlief still. Karl trug Anneliese, Jutta wich ihr keinen Moment von der Seite, berührte immer wieder ihre Hand.
Zuhause legten sie Anneliese in ihr Bettchen. Sie schlief weiter rührte sich kaum, als sie zugedeckt wurde.
Hildegard erschien nie wieder in ihrer neuen Wohnung. Weder an diesem Abend noch später. Ihre harten Worte, ihr Missmut, ihr Drängen das blieb fortan Vergangenheit. Nun herrschte Frieden, Geborgenheit und Sicherheit in ihrem Zuhause. Und das war das Wichtigste…




