Er beugte sich zu dem Schäferhund. Mit einem zutiefst traurigen Blick sah die Hündin den Mann an und wandte sich dann ab. Hoffnungen hatte sie schon lange keine mehr – sie kannte die Menschen einfach zu gut…

Er beugte sich zu der Schäferhündin hinunter. Sie sah den Mann mit einem Blick an, der jede Hoffnung verloren hatte, und wandte sich ab. Auf Menschen setzte sie schon längst keinen Pfifferling mehr. Sie kannte ihre Spezies eben zu gut…

Auf der Straße nannte man sie schlicht die Hundebande. Aber Herr Wagner, der in einem der Altbauhäuser dieses Frankfurter Stadtviertels wohnte, bestand stets darauf: Das ist keine Bande das sind fünf Hunde, die sich zusammenschließen, um zu überleben.

Anführerin war die alte Schäferhündin vermutlich einst ein Familienhund. Wohl von ihren vorherigen Leuten beim Umzug einfach am Stadtrand ausgesetzt, keine Abschiedsträne, keine zweite Chance. Sie war es jedenfalls, die das Rudel zusammenhielt, Ordnung ins Chaos brachte, den vier anderen Sicherheit gab, das kleine Straßenfamilienleben nicht auseinanderfliegen ließ.

Herr Wagner kam jeden Tag vorbei und spendierte Futter. Morgens auf dem Weg ins Büro in Sachsenhausen (Wer zu spät kommt, muss unterm Chef leiden!, sprach er oft zu seinen Hunden), abends, wenn er zurückkam. Und jedes Mal, wenn seine Schritte zu hören waren, schleuderten fünf Schwänze wild durch die Luft mal Ringelschwanz, mal schwer zu Boden hängend, alles dabei. Die Begeisterung in den Hundeaugen hätte einen Eisbären zum Schmelzen gebracht. Es wurde gehüpft, kalte Nasen stupsten an seine Hände, Zungen leckten und in diesen Blicken lag alles: Dankbarkeit, Vertrauen, Hoffnung.

Doch worauf hofft ein Hund, den man einmal zum Sterben in die Frankfurter Kälte gesetzt hat? Und trotzdem glaubten sie daran. Sie liebten. Deshalb kam Herr Wagner nie mit leeren Händen sie warteten. Und sie warteten immer, bis er kam.

Nur an diesem Morgen standen bloß vier der Fünf vor seinen Füßen. Sie winselten, blickten nervös zur anderen Seite der Max-Planck-Straße. Herr Wagner merkte sofort: Da stimmt was nicht.

Er seufzte. Dann rief er bei der Arbeit an Muss später kommen, Hundealarm!

Am Rand der Wohnsiedlung, unweit eines alten Plattenbaus, lag die Schäferhündin unter einem Haselstrauch. Ein Auto hatte sie erwischt. Die Ecke war unübersichtlich, die Fahrer sputeten gern flott durch, als wäre das schon der Münchner Flughafen. Diesmal war die Hündin zur falschen Zeit am falschen Ort.

Die verbliebenen vier jaulerten leise und blickten treu in Herrn Wagners Augen er war schließlich ihr einziger Mensch.

Er kniete sich zur Hündin. Tränen liefen über ihr zotteliges Gesicht. Noch einmal dieser endgültige Blick, noch einmal das Abwenden. Hoffnung hatte sie längst abgelegt die Menschen schon viel zu gut kennengelernt. Nur eines beschäftigte sie noch: Was wird aus den anderen vier?

Na, wie siehts aus? Tuts weh?, fragte Herr Wagner leise, sein Handy griffbereit.

Urlaub eingereicht, den alten Mercedes Kombi vorgefahren, und mit geballtem Vorstadtheldentum die Schäferhündin vorsichtig auf den Rücksitz gelegt. Ihre vier Freundinnen zogen Kreise, stupsten mit den Pfoten, als wollten sie etwas sagen wie Wir danken!

In der Tierklinik in Offenbach untersuchte der Tierarzt die alte Dame, seufzte:
Einschläfern wäre wohl am besten. Unzählige Brüche. Überlebenschancen gering, Behandlung sauteuer

Aber es gibt eine Chance?, fiel Herr Wagner ihm ins Wort.

Chancen gibts immer, räumte der Arzt ein, Aber sie wird leiden. Macht das Sinn?

Für mich ja. Und für sie auch. Und wissen Sie sie hat da draußen vier, die auf sie warten. Was soll ich denen sagen, wenn ich ohne sie nach Hause komme?

Der Arzt musterte ihn. Dann nickte er nur:

Na schön, dann legen wir los.

Eine Woche später holte Herr Wagner die Schäferhündin wieder ab. Die vier anderen hatten in dieser Zeit quasi campiert vor seiner Haustür und jeden Besucher skeptisch beäugt. Als der Mann mit dem trauten Paket in den Armbeugen erschien, explodierte die Freude sogar die Patientin hob die Schnauze und schleckte ihren Freundinnen einmal übers Ohr.

Herr Wagner trug sie hinein, stellte sie in den Flur und hielt dann eine Grundsatzrede an den Rest des Rudels. Dass so ein Zuhause keine Einbahnstraße sei. Dass das Leben nun nicht mehr ganz wie auf der Straße laufe, und das manche Sofa-Sitten zu beachten seien.

Schweigend hockten die Vier auf dem Läufer, als hätten sie Abitur gemacht. Herr Wagner unterbrach seine Rede, sah sie an und grinste:

Na, was lungert ihr da rum? Kommt rein, ihr Streuner!

Und öffnete die Tür.

Die Hündin wurde erstaunlich schnell wieder rüstig. Immer wieder versuchte sie, sich die Treppen hinunter zu ihren Gefährtinnen zu schleppen, und Herr Wagner musste aufpassen, dass sies mit der Rehabilitation nicht übertrieb. Als die Brüche verheilt waren, bekam sie einen ganz besonderen Halsband: vergoldet, mit einem kleinen Glöckchen dran.

Seitdem geht Herr Wagner morgens früher zur Arbeit. Fünf Hunde an der Leine auf dem Weg durch die leere Straße vier kleine Kringelschwänze, eine große Schäferhündin im goldenen Glöckchen-Halsband.

Und man müsste mal sehen, wie sie jetzt nach links und rechts schauen. Sie haben jetzt ein Zuhause. Und sie ihren stolzen Halsband. So stolz, dass selbst der Postbote beeindruckt pfeift.

Sie verstehen das nicht? Klar. Sie hatten wohl nie so ein Halsband mit Glöckchen. Jeder Hund weiß: So läuft einer, der den Respekt genießt.

So gehen sie nun der Mann, der nicht weggesehen hat, und die fünf Hunde, die nie aufgehört haben, zu hoffen und zu lieben trotz allem menschlichen Schabernack.

Worüber sie sich freuen? Gute Frage. Vielleicht über den Tag, vielleicht einfach nur über einander. Vielleicht auch über die Tatsache, dass es auf dieser Welt immer noch ein bisschen Liebe gibt.

Wenn man in ihre Augen blickt, versteht man jedenfalls: Solange solche Augen leuchten, ist noch längst nicht alles verloren.

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Homy
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Er beugte sich zu dem Schäferhund. Mit einem zutiefst traurigen Blick sah die Hündin den Mann an und wandte sich dann ab. Hoffnungen hatte sie schon lange keine mehr – sie kannte die Menschen einfach zu gut…
„Sie stand jeden Morgen um 6 Uhr auf und machte Sellerie-Smoothies“ – Ich bin 53, habe drei Monate mit einer 35-Jährigen zusammengelebt, und das habe ich über den Altersunterschied von 18 Jahren verstanden… Und das hat mein Leben für immer verändert.