– Pack deine Sachen, ich habe meine erste große Liebe wiedergetroffen, – erklärte mein Mann. Doch eine Stunde später stand er selbst mit gepackter Tasche vor der Tür

Pack deine Sachen, ich habe meine erste große Liebe wiedergetroffen, sagte Klaus. Doch eine Stunde später stand er selbst mit einer Tasche in der Hand im Flur.

Am Sonntagabend kam Klaus von seinem Klassentreffen zurück. Sabine spülte gerade das letzte Geschirr ab.

Klaus war merkwürdig. Aufgedreht. Gerötet im Gesicht. Als hätte man ihm eine Beförderung angeboten oder er hätte im Lotto gewonnen. Sabine warf ihm einen Seitenblick zu, während sie sich die Hände am Geschirrtuch abwischte, und dachte: Na, das war wohl ein gelungener Abend.

Klaus sagte nichts. Zog sich aus und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen saß er in der Küche mit dem Ausdruck eines Menschen, der gerade eine lebenswichtige Entscheidung getroffen hat. Die Hände gefaltet auf dem Tisch, der Blick ernst, wie in einem Kammerspiel. Sabine stellte ihm den Kaffee hin und machte sich am Kühlschrank zu schaffen, die Frikadellen mussten noch irgendwie verarbeitet werden. Da platzte es aus ihm heraus.

Sabi. Wir müssen reden.

Na herrlich, dachte Sabine. Der Satz, mit dem immer alles Schlimme anfängt, was einem im Leben passieren kann.

Ich habe gestern Eva getroffen. Meine erste Liebe. Erinnerst du dich?

Natürlich erinnerte Sabine sich. Eva fiel etwa alle fünf Jahre in Gesprächen, meistens, wenn Klaus einen über den Durst getrunken hatte und ein wenig rührselig wurde. Wir waren damals so jung. Alles alte Geschichten.

Wir haben uns lange unterhalten. Und, tja, Sabi, pack deine Sachen.

Sabine fuhr herum. Die Frikadellen standen vergessen im Kühlschrank.

Wie bitte?

Wir haben entschieden, zusammen zu sein. Eva und ich. Verstehst du?

Sabine starrte Klaus eine ganze Weile an.

Die Wohnung gehört ja eh mir, schob Klaus noch nach, in einem Tonfall, den man sonst für ein beiläufiges übrigens benutzt. Du solltest dir was anderes suchen.

Sabine stellte die Frikadellen zurück in den Kühlschrank. Vorsichtig. So langsam, dass der Magnet mit dem Foto vom letzten Urlaub in Italien nicht herunterfiel.

Du hast also alles entschieden?, fragte sie.

Ja.

Sabine nickte. Sie ging ins Schlafzimmer.

Sie setzte sich auf die Bettkante und starrte an die Wand. Dort hing ein Katzenkalender, den sie letzten Januar auf dem Großmarkt gekauft hatten mehr aus Pflichtgefühl, weil sie irgendwas brauchten und dieser nur zwei Euro gekostet hatte. Januar war längst vorbei, Februar auch, aber die Kätzchen hingen immer noch. Ein rotes Kätzchen mit Schleife sah sie mit verständnisvollem Blick an.

So ist das also, dachte Sabine.

Zwanzig Jahre hatte sie mit einem Mann gelebt, der jetzt in der Küche saß und darauf wartete, dass sie ihren Koffer packte. Zwanzig Jahre sind viel.

Das war die erste gemeinsame Wohnung in Neukölln, in der das Wasser aus dem Hahn tropfte und nachts Nachbar Dieter lautstark mit sich selbst stritt.

Es war die Zeit, in der Klaus drei Monate schweigsam herumgelaufen ist, als sein Geschäft in Insolvenz ging, und Sabine tat, als merke sie nicht, wie er abends heimlich auf dem Balkon trank.

Es war die Nacht im Krankenhaus, als sie ihn um drei Uhr wegen einer Blinddarmentzündung eingeliefert hatte und der Chirurg sagte: Noch eine Stunde später, das hätte böse ausgehen können. Es war das Abschlusszeugnis ihrer Klasse Sabine, Lehrerin für Deutsch, Klaus kam mit Blumen herein, stand ein wenig verlegen, aber stolz am Türrahmen. Das alles war. Das alles zählte anscheinend jetzt nicht mehr.

Sabine stand auf, ging langsam zum Schrank.

Im hohen Fach, ganz hinten, lagen die Unterlagen.

Klaus saß immer noch am Küchentisch, glotzte aufs Handy, vermutlich schrieb er Eva, denn manchmal lächelte er verlegen, aber auch feierlich, als würde er auf Applaus warten.

Sabine setzte sich dazu. Legte die Unterlagen auf den Tisch.

Bist du schon beim Papiere sortieren?, fragte Klaus schief grinsend.

Nein. Ich will dir etwas zeigen.

Sie öffnete die Mappe.

Sabi, kannst du das nicht jetzt lassen?

Schweig einen Moment.

Sabine suchte das richtige Dokument. Legte es vor ihn.

Es war der Ehevertrag. Fünfzehn Jahre zuvor hatte sie ihn alleine beim Notar unterschrieben, auf Anraten des Anwalts, als Klaus mit seinem ersten Baustoffhandel begann. Sabi, das ist bloß eine Formalie. Wir sind doch Familie. Klaus steckte das Papier lustlos in die Schublade, aus der Sabine es längst in den Schrank geräumt hatte.

Strategin war sie nie gewesen. Sorgfältig halt.

Übrigens, besagtes Geschäft Großhandel, große Pläne für die Zukunft hielt genau vierzehn Monate und brach so zusammen, wie alles zusammenbricht, was von Anfang an wackelig gebaut war.

Die Schulden waren beträchtlich. Zum einzigen und letzten Mal schlug Sabine damals vor, die Wohnung zu verkaufen. Klaus lehnte ab: Ich regel das. Brauchte dafür sechs Jahre statt drei Monate. Sabine arbeitete in der Zeit für anderthalb Stellen und beklagte sich nie.

Klaus nahm das Blatt, las.

Sabine goss sich kalten Kaffee ein. Trank in kleinen Schlucken.

Moment mal, sagte Klaus, seine Stimme leiser, vorsichtiger. Hier steht…

Ja, sagte Sabine.

…dass die Wohnung bei Scheidung dir gehört.

Ja.

Aber wie…

Klaus starrte ins Papier. Dann ließ er es sinken.

Sabine ließ ihm Zeit. Fünfzehn Jahre hatte er gehabt, sich dafür zu interessieren. Jetzt hatte er sie zum ersten Mal gelesen.

Und die Kredite?

Sind deine. Punkt vier.

Stille. Auf dem Handy blinkte eine Nachricht Eva fragte vermutlich nach dem Stand der Dinge. Klaus antwortete nicht.

Sabi, sagte er nach einer Pause.

Ja?

Hast du das mit Absicht alles aufgehoben?

Sabine überlegte kurz.

Nein. Ich werfe einfach nichts weg.

Das war wahr. Sie sammelte alles Quittungen, Garantiescheine, Bedienungsanleitungen von längst ausrangierten Waschmaschinen, Atteste aus Zeiten, als es noch D-Mark gab. Sorgfältig eben.

Klaus blickte nochmal ins Papier, dann zum Fenster.

Sabine stand auf, nahm die Mappe, spülte ihre Tasse ab und drehte sich um.

Klaus. Ja einer von uns sollte sich wirklich was anderes suchen, sagte sie. Du hast recht.

Und ging ins Schlafzimmer.

Klaus blieb noch zwanzig Minuten in der Küche sitzen.

Vielleicht dreißig. Sabine war es egal. Sie tat das, was man in solchen Momenten eben tut: nichts Spektakuläres. Sie stapelte die Bücher neben dem Bett auf, stellte den Blumentopf mit der Geranie vom Fensterbrett ins Regal, wischte Staub. Wenn die Hände beschäftigt sind, wird es im Kopf ruhiger.

Klaus erschien an der Tür.

Sabi.

Sie sah ihn an. Er stand da mit dem Vertrag hielt ihn wie ein Rettungsring.

Sabi, warte. Lass uns doch vernünftig reden.

Gut, sagte sie ruhig, ohne Regung, reden wir.

Der Vertrag… das ist so lang her. Das war eine andere Zeit. Wir waren…

Waren was?

Klaus verstummte. Er fand das Ende nicht. Wir hatten nicht geplant, uns zu trennen? Wir hätten nie gedacht, dass das mal zählt? Dass wir überhaupt nie nachgedacht haben?

Der Notar hat es beurkundet, sagte Sabine. Alles nach Gesetz. Ich habs mal nachgeprüft.

Wann geprüft?

Vor fünf Jahren. Einfach so.

Klaus sah sie an, als hätte er gerade verstanden, wie gewaltig er die Lage unterschätzt hatte.

Hast du wirklich… das geplant?

Sabine dachte nach.

Nein. Ich bin nur gründlich, wiederholte sie.

Das stimmte. Fünf Jahre zuvor hatte sie bei einer anderen Gelegenheit den Notar angerufen für eine Sache wegen ihres Mütterleins und dabei einfach nachgefragt. Gilt, machen Sie sich keine Sorgen, hatte der Notar gemeint. Sabine hatte genickt und das Thema vergessen. Bis heute.

Klaus ging zurück in die Küche. Sie hörte ihn dort herumgeistern, dann wurde es still, dann wieder Schranktüren, Getrappel.

Sie trat an die Tür und spähte hinein.

Klaus stand mitten in der Küche, in die Ecke starrend.

Was machst du?, fragte Sabine.

Ich überlege.

Worüber?

Keine Antwort.

Sabine ging zur Spüle, setzte den Wasserkocher auf.

Klaus, sagte sie, darf ich dich was fragen? Weißt du eigentlich, wohin du gehst?

Er sah sie an. Schwieg.

Alles klar, sagte Sabine.

Damit war im Grunde alles gesagt. Klaus hatte sich das bestimmt anders ausgemalt. Er sagt gewichtige Worte, Sabine weint und flieht zu einer Freundin. Klaus bleibt in der Wohnung. Eva zieht ein. Alles logisch, alles einfach.

Dass Sabine diesen alten, längst vergessenen Vertrag haben könnte, das passte in dieses Drehbuch nicht.

Das Wasser kochte. Sabine goss Tee auf.

Ich gehe nicht weg, erklärte sie. Diese Wohnung ist meine. Und ich bleibe.

Klaus schwieg.

Und ich?

Zu Eva, erinnerte sie. Das war doch euer Plan. Ihr wollt doch zusammen sein.

Von Eva dachte Sabine in diesem Moment gar nichts Schlechtes. Eigentlich dachte sie überhaupt nichts über sie. Eva war eine Figur aus einer anderen Geschichte, aus jener, die Klaus sich gestern Abend bei Riesling und Nostalgie ausgedacht hatte. Sabine war darin nur das Hindernis.

So ist das manchmal.

Sie , setzte Klaus an und verstummte wieder.

Ja?

Sie weiß es nicht genau. Wir haben das nie konkret besprochen. Sie ist nicht ganz bereit.

Sabine stellte die Tasse ab.

Klaus.

Ja?

Willst du mir ernsthaft sagen, ich soll meine Sachen packen, wenn du noch nicht mal weißt, wohin du gehst?

Klaus schwieg. Sein Gesicht verriet alles.

Manche Männer fällen nur gern gewichtige Entscheidungen. Die Details übersehen sie dabei.

Sabine ging zum Schrank, holte die braune Reisetasche, stellte sie auf den Tisch.

Hier, sagte sie. Nimm, was du brauchst.

Sabi…

Klaus. Deine Entscheidung. Ich habs registriert. Jetzt setz es um.

Er blickte auf die Tasche. Und da ging in Klaus etwas kaputt.

Er ging und packte.

Sabine blieb in der Küche, hörte, wie im Schlafzimmer der Schrank auf und zu ging. Wie Schubladen quietschten, irgendwas Metallisches klirrte wahrscheinlich der Rasierer.

Zwanzig Jahre. Und alles, was blieb, passte in eine Reisetasche.

Nach einer Stunde stand Klaus in der Diele. Die Tasche in der Hand. Im Gesicht der Ausdruck eines Menschen, der die Lage sichtlich falsch eingeschätzt hat.

Sabi, murmelte er. Ich melde mich.

Gut, sagte Sabine.

Wegen der Scheidung und den Unterlagen…

Ruf an, dann regeln wir das.

Er blieb noch einen Moment stehen. Wartete wohl auf Tränen. Auf Bitten. Auf einen Streit, irgendetwas, das die Welt wieder in Ordnung bringen würde. Aber nichts kam.

Klaus öffnete die Tür und trat hinaus.

Drei Wochen später hörte Sabine von Frau Brehm, einer ehemaligen Kollegin, die alles und jeden kannte, dass zwischen Klaus und Eva nicht das wurde, was geplant war.

Eva lebte wohl bei ihrer Schwester Einzimmerwohnung am Stadtrand von Hamburg, Schwester, deren Mann, zwei Kinder nicht gerade romantisch. Klaus zog dort natürlich nie ein. Er mietete ein Zimmer bei einer älteren Dame in Spandau, die das Rauchen verbot und wollte immer wissen, wenn Besuch kam.

Eva, als sie von Klaus Zimmer und den getilgten Wohnträumen erfuhr, kühlte rasch ab. Die Idee von einem Mann, der alles stehen und liegen lässt für die große Liebe, ist eben anziehender als der Mann mit nur einer Reisetasche und alten Schuldverschreibungen. Erste Lieben sehen aus der Distanz immer besser aus.

Sabine hörte sich alles an, nickte, schenkte Frau Brehm Tee ein.

Und, wie geht es dir?, fragte diese, mit genau dem Ausdruck, der sagt: Ich bin für jedes Mitleid bereit.

Ganz gut, sagte Sabine.

Es stimmte. In diesen drei Wochen hatte sie sich endlich für einen Massagekurs angemeldet schon lange ein Wunsch. Sie hatte ihre Freundin Petra angerufen, die sie drei Jahre nicht gesehen hatte: Sie trafen sich im Café, quatschten vier Stunden am Stück. Sie kaufte eine Dauerkarte fürs Schwimmbad. Kleinigkeiten. Aber daraus besteht eben das Leben.

Manchmal, abends, wenn die Wohnung still war, dachte Sabine an Klaus. Ohne Groll. Einfach so. Irgendwann fiel ihr auf: Gut, dass er die Tür selber geöffnet hat. Sie hätte sie wahrscheinlich nie von allein geöffnet.

An der Wand hing immer noch der Katzenkalender. Januar, Februar, das rote Kätzchen mit der Schleife alles am Platz. Sabine sah hin und überlegte, ob sie endlich umblättern sollte.

Dann dachte sie: Das kann warten.

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Homy
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Unschön