Das Ultimatum des Ehemanns

Ultimatum des Ehemanns

Also, so ist es, sagte Walter, ohne den Blick von seinem Teller Kartoffelsuppe zu heben. Matthias fährt am Sonntag nach Bayern auf Montage. Birgit liegt im Krankenhaus, Ärzte sagen, mindestens drei Monate und danach Reha. Die Kinder bleiben bei uns.

Klara blickte vom Herd hoch. Draußen dunkelte es bereits, das Licht der Straßenlaternen zog gelbe Streifen über den verschneiten Vorgarten. Sie hatte gerade Wasser für Tee aufgesetzt und dachte daran, morgen die Nachbarin Frau Müller wegen der Frühlingsaussaat anzurufen. An Kinder hatte sie in dem Moment keinen einzigen Gedanken nicht an solche.

Wie bitte? sagte sie und stellte die Tasse auf den Küchentisch. Welche Kinder? Moritz und Helene?

Welche sonst, antwortete Walter und schöpfte sich eine weitere Löffel voll. Andere Enkel habe ich nicht.

Aber Walter, ich…

Was, ich? Nun blickte er sie direkt an, ruhig, bestimmt so wie er im Bauleiterbüro den Handwerkern zu verstehen gab, dass er am Budget nichts weiter dreht. Du arbeitest nicht. Du bist zuhause. Die Kinder sind klein. Sieben und fünf Jahre. Moritz kommt im Frühjahr in die Schule, da muss man sich kümmern. Mehr gibts darüber nicht zu reden.

Klara setzte sich auf den Stuhl gegenüber. Etwas in ihr zog sich zusammen; nicht aus Furcht, sondern wegen eines seltsamen Wiedererkennens. Als hätte sie diesen Ton schon unzählige Male vernommen nur hatte es da um andere Dinge gegangen.

Ich weiß, die Lage ist schwierig, begann sie beherrscht. Birgit ist krank, das ist schlimm. Matthias kämpft auch. Aber ich bin nicht ihre Oma, Walter. Ich bin deine Frau. Und niemand hat mich gefragt.

Ich frage dich jetzt.

Du fragst nicht. Du teilst mit.

Walter legte den Löffel beiseite, betrachtete sie lange, fast drückend.

Klara, sagte er, mit einer Stimme, in der ein altbekannter Unterton mitschwang der Ton eines Menschen, der keine Geduld mehr aufbringt für das, was er für selbstverständlich hält. Das ist meine Familie. Meine Enkelkinder. Wenn du deiner eigenen Familie nicht helfen kannst, weiß ich nicht, warum du hier wohnst. Entweder du nimmst sie oder pack deine Sachen. So einfach ist das.

Klara sagte nichts. Sie erhob sich, nahm ihre Teetasse, verließ die Küche. Den Tee trank sie nicht, stellte ihn ins Regal im Flur und stand lange Zeit am Fenster, wo sich im Licht der Laterne der Schnee im kleinen Garten sammelte. Dann ging sie langsam die Holztreppe hoch ins Schlafzimmer, legte sich auf das Bett, über die Tagesdecke, blickte an die mit Raufaser tapezierte Decke.

Walter kam nicht. Sie hörte unten den Fernseher, das Zuschlagen des Kühlschranks, das Quietschen der Bodendielen, wenn er ins Arbeitszimmer ging. Das Haus war ein gutes Haus; aus Kiefernholz, gemütlich warm, mit breiten Fensterbänken und einem Apfelbaum vor dem Schlafzimmerfenster. Zehn Jahre hatte sie hier gelebt. Zehn Jahre lang Suppe gekocht, Erdbeeren gepflanzt, Gäste empfangen, Walter zugehört, wenn er von seinen Baustellen erzählte. Sie hatte gedacht, das sei ihr Leben.

Sie lag da, weinte nicht. Sie dachte einfach.

Um drei Uhr in der Nacht stand sie auf, zog einen alten, grauen Trolley unter dem Bett hervor und begann, ihre Sachen zu packen.

Sie tat es langsam, ohne Eile, ohne Lärm. Sie nahm sich nur, was wirklich ihr gehörte: Papiere, ein paar Lieblingsbücher, einen Strickpullover mit Rentieren, den sie sich selbst noch in den Jahren vor Walter gekauft hatte, Handcreme, ein Foto ihrer Mutter. Zahnbürste, zwei Garnituren Wäsche, das alte MacBook. Sie bemühte sich, keinen Lärm zu machen, obwohl Walter drüben im Arbeitszimmer schlief und ohnehin nichts gehört hätte.

Als die Tasche fertig war, setzte sie sich auf die Bettkante und sah in das Zimmer. Die gestreiften Vorhänge hatte sie ausgesucht, die Leselampe in der Ecke auch. Doch sie ließ alles zurück. Das waren nur Dinge es blieben eben Dinge.

Morgens, als draußen das erste graue Licht kam, bestellte sie ein Taxi per App, schlich die Treppe hinab, zog Stiefel und den alten, grünen Mantel an. Die Kälte stach, minus zehn Grad vielleicht. Klara stand am Gartentor, wartete auf den Wagen und dachte: Ich muss Luise anrufen. Nicht jetzt jetzt ist sechs Uhr früh aber später.

Das Taxi kam nach acht Minuten. Der Fahrer, ein stiller junger Mann mit Wollmütze, lud kommentarlos den Koffer ein. Klara setzte sich hinten, nannte die Adresse in der Schillerstraße und schloss die Augen.

Sie fuhr nach Frankfurt.

Luise öffnete die Tür im Bademantel, zerzaust, mit Kissenabdruck auf der Wange. Sie betrachtete Klara, den Trolley, dann nochmal Klara. Ohne ein Wort trat sie beiseite, ließ sie herein.

Tee? fragte sie später in der Küche.

Gern, antwortete Klara und ließ sich auf den Küchenhocker nieder.

Luise stellte den Kessel auf, holte Tassen, Keksdose. Die Wohnung war nicht groß, zwei Zimmer, voller Leben, Kram auf den Fensterbänken, Töpfe mit Geranien, Katze Frieda, die sofort begann, am Trolley zu schnüffeln. Etwas in Klara löste sich ein klein wenig zum ersten Mal seit Stunden.

Magst du erzählen? fragte Luise, setzte sich gegenüber.

Klara erzählte.

Luise hörte schweigend zu, nickte nur manchmal. Als Klara endete, rührte sie lange ihren Tee.

Er hat dich einfach hinausgeworfen, sagte Luise schließlich. Entweder du nimmst die Kinder, oder du gehst.

Wortwörtlich.

Und du bist gegangen.

Ich bin gegangen.

Luise sah sie an, ein Ausdruck zwischen Respekt, Überraschung und Angst.

Klara, hast du keine Angst?

Doch, gab Klara schlicht zu. Aber heut Nacht dachte ich: Bleib ich jetzt, dann was? Spiel ich Kindermädchen, weil ich sonst nichts hab? Leb ich im fremden Haus aus Angst? Das will ich nicht.

Du hast doch noch deine Wohnung.

Noch ja. Eine kleine, Zwei-Zimmer in Sachsenhausen. Die ist vermietet, nette Leute, zahlen regelmäßig. Aber sie gehört mir, Luise. Sie ist meine.

Luise goss ihr nach.

Bleib, solange du willst, sagte sie. Mein Mann wird nichts dagegen haben. Das Sofa im Wohnzimmer ist frei. Und Frieda freut sich über Gesellschaft.

Klara lachte leise das erste Mal an diesem Tag, etwas zittrig, aber ehrlich.

Am nächsten Morgen rief sie die Mieter ihrer Wohnung an eine sympathische Familie, Herr und Frau Grimm, zwei Schulkinder, sie wohnten schon drei Jahre dort. Klara fragte vorsichtig, ob sie ihre Wohnung selbst bräuchte, gab ihnen zwei Monate Zeit. Frau Grimm war enttäuscht, verstand es aber; sie wollten ohnehin bald etwas Eigenes.

Dann holte Klara ihren Laptop, blätterte durch alte Unterlagen. Zeugnisse, digitalisierte Arbeitsbescheide, Empfehlungsschreiben. Sie war Buchhalterin eigentlich Hauptbuchhalterin. Zwei Jahrzehnte bei einer Firma, die Arbeitskleidung produzierte; erst nach dem Umzug zu Walter hatte sie gekündigt, weil ihm das tägliche Pendeln nach Frankfurt missfiel. Ich hab doch genug für uns beide, sagte er kümmer dich um Haus und dich. Sie gab nach damals klang es vernünftig.

Jetzt schaute sie auf ihren Lebenslauf: acht Jahre ohne Arbeit. Mit achtundfünfzig. Himmel.

Denk nicht an alles auf einmal, steckte Luise den Kopf zur Tür herein. Mach es Schritt für Schritt. Ruf doch Frau Bauer an die ist doch noch aktiv bei den Buchhalterinnen?

Frau Bauer war eine alte Bekannte, sie hatten vor fünfzehn Jahren zusammen einen Fortbildungskurs besucht. Klara zögerte, suchte nervös die Nummer, wählte.

Frau Bauer freute sich aufrichtig. Sie plauderten über ihr Leben, dann schilderte Klara vorsichtig ihre Situation. Frau Bauer fragte nicht weiter, schlug direkt vor: Ich kenn da eine Firma, die sucht dringend eine Buchhalterin. Sanitärbedarf, aber ganz seriös. Willst du die Kontaktdaten?

Klara wollte.

Noch in derselben Woche führte sie zwei Bewerbungsgespräche. Das erste schnell klar, dort wollte man eigentlich eine jüngere Frau zur Dekoration, die Personalreferentin durchbohrte sie mit einem durchsichtigen Blick. Klara atmete draußen eisige Luft, dachte: Beim nächsten Mal läufts besser.

Zum zweiten Termin fuhr sie mit dem Bus, weil die U-Bahn einen Umweg machte. Sie hatte lange keinen Frankfurter Linienbus betreten wusste nicht, wie man mit Karte bezahlt, stand verlegen herum, bis die Kontrolleurin ihr half. Am Fenster betrachtete sie die Straßen, die ihr vor Jahren so vertraut gewesen waren. Die Stadt war laut und hektisch wie immer doch etwas fühlte sich vertraut an. Nicht Wehmut eher ein Wiedererkennen. Wie ein Treffen mit einer alten Bekannten, die man nie ganz vergessen hat.

Die Firma hieß trocken Baubedarf Schmidt, belieferte Handwerksbetriebe mit Sanitärteilen im Großhandel. Das Büro lag in einem unauffälligen Geschäftsgebäude, Baujahr 1978, umgebaut zum Zweckbau. Es roch nach Filterkaffee und Kunststoff. Der Chef, Herr Hoffrichter, Mann mit Schnauzer, etwa fünfundfünfzig, war kurz angebunden. Die Unterlagen nahm er, fragte konkrete Sachen zu DATEV und Umsatzsteuer, erwähnte die berufliche Pause.

Die Pause war lang, sagte Klara offen. Acht Jahre. Aber ich hab zuhause die Buchhaltung gemacht, Steuerrecht verfolgt, bin nicht ganz raus. Ich will unbedingt zurück keine Floskel.

Herr Hoffrichter betrachtete sie über den Brillenrand, nickte.

Gut. Probearbeit drei Monate Standard.

Klara trat vor das Gebäude, schloss kurz die Augen und blieb zehn Sekunden so stehen, nahm die Winterluft in sich auf. Dann schrieb sie Luise: Ich hab den Job!

Die Antwort: Reihenweise Ausrufezeichen, Herzen.

Walter rief am dritten Tag nach ihrer Abreise an. Seine Stimme klang trocken und irritiert, als begreife er selbst nicht ganz, was geschieht.

Wo bist du?

In Frankfurt.

Wie lange willst du diesen Blödsinn machen?

Kein Blödsinn, Walter. Ich lebe bei Luise.

Komm zurück. Die Kinder kommen Sonntag. Die Zimmer müssen fertig.

Ich richte keine Zimmer ein.

Stille. Dann:

Es ist doch nicht normal, den Ehemann zu verlassen nur wegen der Kinder?

Nicht wegen der Kinder, Walter. Sondern wegen der Art, wie du mit mir redest.

Wie ich rede, wiederholte er verärgert. Als hätte ich etwas Schlimmes gesagt. Du bist meine Frau, das ist meine Familie ich hab dich um Hilfe gebeten.

Du hast nicht gebeten, sagte sie ruhig. Du hast befohlen. Entweder machst du oder geh. Erinnerst du dich?

Er schwieg.

Ich erinner mich, fügte Klara hinzu. Auf Wiedersehen, Walter.

Sie legte auf, stellte das Handy auf den Tisch. Ihre Hände zitterten aber niemand sah es, Luise war im Büro. Katze Frieda sprang auf ihren Schoß, schnurrte. Klara streichelte sie, wusste: Es war wohl das Beste.

Die Mieter räumten die Wohnung zum Monatsanfang. Klara holte die Schlüssel, stand lange im Flur, sog die Atmosphäre auf. Die Zwei-Zimmer-Wohnung mit breiter Fensterbank und gusseiserner Heizung, die immer zu heiß war. Die Tapete alt, beige, im Sonnenlicht dunkler. Am Spiegel hing ein Sträußchen Lavendel als Gruß von Frau Grimm.

Klara öffnete das Fenster in der Kochecke, atmete. Es roch nach altem Holz, Lavendel, Staub. Sie legte den Schlüssel auf die Fensterbank, dachte: Hier ist mein Leben. Es war immer hier ich war nur eine Weile fort.

Den Renovierungsarbeiten widmete sie sich allein, unterstützte eine Handwerkermannschaft, die sie über Kleinanzeigen gefunden hatte. Neue Tapeten, fast weiße mit zartem Muster; die Küchenschränke in mattgrün gestrichen. Ein kleines blaues Sofa gekauft; auf die Fensterbank einen Geranientopf gestellt Ableger von Luise. Eine ordentliche Leselampe.

Als alles stand, lud sie Luise ein zur Einweihung. Sie saßen, aßen Apfelkuchen, tranken Tee, redeten über alles Mögliche. Luise blickte sich um, schüttelte den Kopf.

Sehr schön ist es geworden. Richtige Wohlfühlwohnung.

Meine Wohnung, sagte Klara, und in den Worten lag so viel, dass Luise nichts ergänzte.

Die Arbeit im Büro war anfangs eine Umstellung. Nicht die Zahlen damit wurde sie rasch wieder warm; Software hatte sich verändert, die Regeln waren die gleichen. Schwieriger war es, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein, morgens um neun, abends um sechs zu gehen, Kollegin unter Kolleginnen zu sein nicht bloß die Frau von jemandem.

Beim Baubedarf Schmidt arbeiteten knapp zwanzig Leute. Die drei Damen der Buchhaltung begegneten ihr freundlich-distanziert, die junge Sekretärin Olli erklärte ihr Unternehmens-E-Mails. Herr Hoffrichter ließ sie in Ruhe, delegierte Aufgaben.

Im Team gab es ältere Kollegen. Herr Bergmann, Einkaufsleiter, fiel ihr erst spät auf groß, sachlich, unauffällig. Als Klara erstmals zu ihm ins Büro kam, um Lieferscheine zu besprechen, begegnete er ihr aufmerksam, stellte zwei präzise Nachfragen, unterschrieb fast wortlos.

Danke, sagte Klara.

Gern, erwiderte er und wandte sich wieder zum Papierstapel.

Es war März. Im April begegneten sie sich zufällig in der Kantine; am Zweiertisch war noch Platz. Herr Bergmann nickte fragend, Klara stimmte zu. Sie aßen schweigend, erst am Ende fragte er, wie lange sie dort arbeite.

Seit Januar.

Gefällts Ihnen?

Allmählich ja.

Er lächelte knapp, nahm sein Tablett, verschwand. Nichts Besonderes nur ein Mittagessen.

Walter rief noch mehrmals an. Die Gespräche änderten sich.

Na gut, sagte er schließlich, ich sehe ein, dass ich überzogen habe. Die Kinder bleiben an den Wochenenden, das reicht doch. Nur samstags.

Walter, ich arbeite in Frankfurt. Ich kann nicht am Wochenende auf Kinder aufpassen.

Dann stelle ich halbtags eine Hilfe ein. Die ist dann da. Du bist nur in der Nähe.

In der Nähe, wiederholte Klara. Hörst du dich eigentlich?

Was willst du denn, Klara? Nun eher ratlos. Sag doch, was du brauchst.

Dass du mich fragst. Nicht einfach einteilst. Aber das ist nicht mehr wichtig. Ich habe meine Arbeit wieder, meine Wohnung, eigenes Leben.

Wegen eines einzigen Gesprächs?

Klara schwieg.

Nicht wegen eines Gesprächs. Aber das war der Schlussstrich.

Im Mai brauchte sie die Mieteinnahmen nicht mehr als einziges Einkommen. Das Gehalt im Baubedarf war nicht hoch, reichte aber völlig. Monat für Monat legte sie ein wenig zurück ein eigenes Polster, von dem niemand wusste, über das niemand verfügte.

Luise kam alle zwei Wochen vorbei, dann gingen sie auf den Markt, kochten gemeinsam, schauten Filme. Einmal besuchten sie gemeinsam ein Theater Kleist und Klara merkte, dass sie seit Jahren nicht mehr dort war. Walter hatte das nie gemocht.

Du strahlst, sagte Luise auf dem Rückweg. Fällt dir das auf?

Nicht wirklich, entgegnete Klara, musste aber dabei schmunzeln.

Im Ernst! Du bist anders. Nicht unbedingt ausgelassener aber irgendwie… echter.

Klara dachte über das Wort nach. Echte. Wahrscheinlich stimmte das wenn man aufhört, sich fremden Erwartungen anzupassen, spürt man wieder, was da ist: so etwas wie sich selbst.

Mit Herrn Bergmann kam sie Ende Juni ins Gespräch. Sekretärin Olli organisierte ein Büro-Sommerfest, brachte Kuchen, alle sammelten sich. Herr Bergmann stand etwas abseits mit Kaffee, sie gesellte sich dazu.

Mögen Sie solche Feste? fragte sie beiläufig.

Ehrlich gesagt? Nein. Aber der Kuchen ist lecker.

Sie lachte. Er schaute amüsiert.

Ich bin Martin, sagte er. Bislang kannten wir uns kaum.

Klara.

Sie sprachen bis zum Feierabend, erst über Kuchen, dann über Bücher. Er liebt historische Romane, sie lieber leise Geschichten über Menschen. Sie erzählte, dass sie erst kürzlich nach Frankfurt zurückgekehrt war, er fragte nicht weiter.

Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Seit vier Jahren, sagte er. Kam nach dem Tod meiner Frau. Musste den Kopf beschäftigen.

Das sagte er sachlich; Klara schätzte das.

Es tut mir leid, sagte sie leise.

Ist schon in Ordnung. Zeit heilt langsam.

Im August schlug er einen Theaterbesuch vor, nicht als Gesellschaft, sondern offen: Er habe Karten, würde sich freuen, sie zu begleiten, wenn sie mag.

Sie mochte.

Sie saßen in der dritten Reihe, sahen Schiller. Klara war nie ein Fan gewesen, immer zu melancholisch, zu wenig Handlung aber der Abend war seltsam besonders. Oder, weil Martin dabei war, der nie Zwischenrufe machte wie einst Walter. Im Foyer tranken sie Saft, redeten über die Inszenierung. Klara fühlte sich einfach wohl. Ohne Bedingungen.

Er begleitete sie bis zur U-Bahn. Zum Abschied zog er aus der Manteltasche einen kleinen Strauß weißer Chrysanthemen, mit Faden gebunden.

Einfach so, sagte er verlegen.

Einfach so, wiederholte sie und nahm die Blumen.

Dann kam der Herbst. Das Arbeitsleben hatte seinen Rhythmus, Klara wurde im Team aufgenommen, in der Buchhaltung wurde sie zum Tee eingeladen, teilte die Alltagssorgen. Herr Hoffrichter lobte sie sogar im Herbstmeeting. Klara war den ganzen Abend still stolz.

Mit Martin traf sie sich fast wöchentlich; ein Spaziergang im Park, ein Café, Gespräche über Bücher und Erinnerungen. Er erzählte von seinem Sohn in Hamburg, der sonntags anrief. Sie von ihrer Mutter, von Luise, von ihrem liebsten Morgenmoment, wenn der Tag noch frisch ist.

Von Walter erzählte sie ihm nicht noch nicht. Doch eines Abends fragte Martin sanft, nur wenn sie will, aber manchmal habe sie einen Blick, als steige sie eben aus einem engen Raum an die frische Luft.

Klara lachte, dann erzählte sie es doch. Kurz, unspektakulär.

Martin hörte nur zu.

Und war das nicht unheimlich? fragte er.

Sehr. Aber in jener Nacht beim Packen wusste ich: Wenn ich bleibe, wird die Angst größer, nicht kleiner.

Er nickte, schwieg einen Moment.

Ich finde Sie sehr mutig.

Ich glaube nicht. Ich war einfach sehr müde.

Im November tauchte Walter auf. Er rief am Vortag an, wolle sprechen; Klara willigte ein nicht aus Hoffnung, sondern um abzuschließen.

Er stand an der Tür, als erwartete er, dass sie weit aufschwingt. Er war gealtert in diesem Jahr, irgendwie kleiner geworden. Klara ließ ihn herein, setzte Tee auf.

Er saß und blickte sich um: Die Wohnung schien ihm winzig im Vergleich zu seinem Haus, doch sie sah, wie er die Blumen auf der Fensterbank und den Bücherstapel musterte.

Gemütlich, sagte er, eine Note darin, die sie nicht gleich deuten konnte.

Setz dich.

Sie tranken schweigend. Dann sagte Walter:

Ich war im Unrecht damals.

Klara schwieg.

Die Kinder sind jetzt in der Ganztagsschule, Helene im Hort, eine Nanny kommt morgens, Matthias arbeitet weniger, Birgit gehts besser. Alles geregelt.

Freut mich.

Ich meine… es wäre nicht nötig gewesen, dass du alles allein trägst…

Walter, sagte sie sanft. Das ist gut für die Kinder, das zählt. Aber du bist nicht deswegen hier.

Er schaute auf.

Das Haus ist leer ohne dich, sagte er mit einer Zerbrechlichkeit, die sie nicht kannte. Ich hab mich an dich gewöhnt. Komm doch zurück. Du siehst ja, ich habe begriffen.

Klara betrachtete ihn lange, so lange, wie man etwas Vertrautes ansieht, das längst nicht mehr zu einem gehört.

Ich hör dich, Walter. Aber du hast das gelernt, weil für dich andere Leute die Probleme gelöst haben. Nicht, weil du angefangen hast, in mir einen Menschen mit einer Stimme zu sehen. Das sind verschiedene Dinge.

Klara

Bitte lass mich ausreden, sagte sie ruhig und wundert sich selbst über die Ruhe. Ich war zehn Jahre deine Frau, habe dein Haus, Gäste, Erfolge geteilt. Ich habe dich geliebt, vielleicht auf meine Weise. Aber ich war immer ein bisschen am Rand. Nicht bewusst, vielleicht. Es hat sich so ergeben. Als du Pack deine Sachen sagtest das war für mich nicht überraschend. Es war folgerichtig.

Folgerichtig, wiederholte er.

Ja. Ich bin nicht aus Wut gegangen. Sondern weil es so für beide besser ist. Jetzt habe ich mein Leben. Arbeit, Kollegen, Wohnung. Und jemanden, dem nicht nur wichtig ist, was ich tue, sondern was ich denke.

Walter schwieg lange. Dann stand er auf.

Du kommst nicht zurück?

Nein, sagte sie.

Er nickte, nahm die Jacke, blieb an der Tür.

Du hast dich verändert.

Nein, sagte Klara. Ich bin nur sichtbarer geworden. Für mich selbst.

Er ging. Klara schloss die Tür, blieb im Flur stehen, lauschte auf ihr Inneres. Kein Bedauern, kein Triumph. Nur Stille und Richtigkeit.

Früh kam der Winter, schon Ende November lag Schnee, der Park am Büro war still und weiß. An einem Samstag ging sie mit Martin durch das knirschende Weiß, hörte ihm zu, wie er von einem Historienroman erzählte. Sie merkte: Es ist schön, einfach neben jemandem zu gehen, der einen nicht in eine Richtung zieht.

Später saßen sie in einem kleinen Café mit Holzstühlen und Zimtduft, tranken Kaffee. Martin sah sie mit eben jener zugewandten Ruhe an, an die sie sich gewöhnt hatte.

Er war also gestern hier? fragte er behutsam.

Ja. Er wollte, dass ich zurückkomme.

Und?

Nein.

Martin nickte, schwieg, sagte dann:

Ich denke viel an Sie. An die Nacht, als Sie einfach Ihre Sachen gepackt haben. Die meisten bleiben. Aus Gewohnheit, Furcht oder weil man sie Pflicht nennt, obwohl es keine ist.

Das war keine Stärke, Martin, sagte sie zum ersten Mal und nannte ihn nur beim Vornamen; es kam einfach so, leicht. Da war kein Heldentum. Nur irgendwann merkt man, wie müde man geworden ist davon, brauchbar, praktisch, verfügbar zu sein. Und dass der einzige Weg, ja zu sich zu sagen, erstmal ein Nein zu anderen ist, die einen zur Sache machen.

Er sah sie ruhig an.

Sehr schön ausgedrückt, sagte er leise.

Es ist nur wahr, antwortete Klara. Und selbst spät ist immer noch besser als nie.

Draußen rieselte der Schnee, groß und langsam. Menschen gingen vorbei mit und ohne Schirm, jemand trug einen Tannenbaum, irgendwo blinkten schon Lichterketten. Klara umschloss ihre Tasse mit beiden Händen, sah die Lichter durch das beschlagene Glas.

Erzähl noch mal von dem Roman, bat sie. Worum gehts da?

Und Martin erzählte ausführlich und lebendig, verwechselte ständig die Namen, lachte über sich selbst. Klara hörte zu, stellte ab und zu eine Frage. Die Zeit verstrich, der Schnee fiel weiter, der Kaffee wärmte ihre Hände. Und irgendwo in diesem einfachen, stillen Abend lag all das Leben, das sie sich in einer einzigen, seltsamen Winternacht zurückgeholt hatte.

Kein fremdes Leben. Ihr eigenes.

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Homy
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