Eine Kollegin wollte mir ihre Berichte aufhalsen. Ich habe ihre Bitte an unseren Chef weitergeleitet: „Bitte helfen Sie Maria, sie kommt mit ihrer Arbeit nicht zurecht.“

Heute möchte ich im Tagebuch eine berufliche Episode festhalten, die mich viel über Grenzen und Kollegialität gelehrt hat.

Vor etwa anderthalb Jahren kam Maria Schmidt in unser Team in München. Sympathisch, ordentlich, pflichtbewusst Mutter von zwei Kindern. Anfangs waren ihre Bitten ganz harmlos: Oh, ich habe mich beim Arzttermin verspätet, könntest du kurz meinen Anruf übernehmen? oder Ich muss mein Kind früher aus dem Kindergarten holen, bitte lade schnell meinen Bericht ins System es sind nur zwei Klicks. Im Büro sind wir gewohnt, einander zu unterstützen, und ich fand es selbstverständlich, ihr zu helfen.

Doch zwischen gegenseitiger Hilfe und dauerhaftem Übertragen von Aufgaben gibt es einen schmalen Grat. Nach einigen Monaten bemerkte ich, dass aus zwei Klicks zunehmend richtige Arbeitsblöcke wurden. Maria schrieb mir regelmäßig gegen 17 Uhr: Du bist doch sowieso bis sechs Uhr da, mein Kleiner ist krank. Psychologisch betrachtet ist das eine klassische Manipulation Schuldgefühl und gesellschaftliche Erwartungen werden ausgenutzt. In Deutschland genießen Mütter besonderen Schutz und Respekt, und darauf baute sie, bis ich spürte, dass meine Reserven aufgebraucht waren.

Maria zeichnete das Bild einer ständig gehetzten Frau, die Heldin des Alltags kämpfend zwischen Beruf und Familie. Dabei war unser Gehalt identisch, nur meine Feierabende gehörten mir allein, während ein Teil ihrer Arbeit auf meinem Schreibtisch landete. Als ich zum ersten Mal freundlich ablehnte, mit dem Hinweis auf eigene Aufgaben, reagierte sie mit passiver Aggressivität: Du hast ja keine Kinder, du kannst gar nicht nachvollziehen, wie es ist, wenn man zerreißt wird. Eine typische Falle der Manipulierende entzieht dir das Recht, müde zu sein, indem er deine Gründe für weniger gewichtig erklärt.

Der Höhepunkt kam zum Quartalsende, als wir die Verkaufsübersichten fertigstellen mussten detailreiche Arbeit, die Konzentration erfordert. Um 16:45 erhielt ich eine Mail von Maria mit unausgearbeiteten Zahlen und dem Satz: Die Feier im Kindergarten wurde verschoben, ich muss kurz weg. Kannst du fertig machen? Du bist doch unser Profi, das dauert bei dir nur 15 Minuten, ich weiß nicht, wo ich mein Kind lassen soll. Morgen lade ich dich zum Kaffee ein. In diesem Moment wurde mir klar: Wenn ich jetzt zustimme, ist meine Freizeit für Monate in Gefahr. Ein direkter Nein hätte zu einem Drama geführt, also musste ich die Sache in den beruflichen Kontext verlagern.

Ich antwortete ihr nicht verärgert. Stattdessen leitete ich Marias Mail an unseren Bereichsleiter, Herrn Dr. Dieter Müller, weiter sachlich und höflich: Sehr geehrter Herr Dr. Müller, ich leite Ihnen Marias Anfrage weiter. Aufgrund familiärer Verpflichtungen muss sie ihre Aufgaben oft auf Teammitglieder übertragen offenbar kommt sie in der regulären Arbeitszeit nicht zurecht. Vielleicht wäre es sinnvoll, den Umfang ihrer Aufgaben zu prüfen oder auf Teilzeit umzustellen, damit die Berichte unser Team nicht zusätzlich belasten. Heute schaffe ich es aus Kapazitätsgründen leider nicht, ihre Aufgaben zu übernehmen, ohne die Qualität meiner Ergebnisse zu beeinträchtigen.

Beim Klick auf Senden hatte ich ein mulmiges Gefühl: Bin ich jetzt ein Petzer? Wird mich das Team ablehnen? Doch die ständige Arbeit für jemand anderen hatte mich echt erschöpft.

Die Reaktion erfolgte prompt. Herr Dr. Müller wusste vorher nicht, dass ich einen Teil von Marias Aufgaben quasi nebenbei erledigte für ihn lief alles scheinbar reibungslos. Am nächsten Morgen wurde Maria zum Gespräch gebeten. Die Details kenne ich nicht, aber sie kam danach still und rot zurück. Seither bekam ich keine weiteren Kannst du mal bitte…-Anfragen.

Manche mögen sagen: Man sollte mehr Verständnis zeigen Kinder sind das Wichtigste. Natürlich, aber echte Hilfsbereitschaft darf keine Ausnutzung sein. Wer wirklich Schwierigkeiten hat, spricht mit dem Chef über Homeoffice, flexiblere Zeiten oder Urlaub und belastet nicht klammheimlich die Kollegen.

Mein Vorgehen war keine Rache, sondern eine klare Grenzziehung. Im deutschen Arbeitsleben gilt: Wer stillschweigend fremde Aufgaben übernimmt, signalisiert Zustimmung. Seitdem bleibt Marias Strom an Bitten aus. Unsere Zusammenarbeit ist jetzt distanziert und höflich, das Team läuft wieder rund. Ich habe festgestellt, dass Maria sehr wohl alles selbst erledigen kann vorausgesetzt, sie will ihre Pflichten nicht weiterreichen.

Die Lektion, die ich daraus ziehe: Es ist wichtig, freundlich, aber bestimmt seine eigenen Grenzen zu wahren. Nur dann bleibt Respekt im Team erhalten und eine gesunde Arbeitsatmosphäre bestehen.

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Homy
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